Gustav Schwab - Äneas - Dritter Teil

admin am Mrz 29th 2008

Meer verfolgt, den Krieg entzündet, den Palast in Trauer versenkt, das Brautfest
durch Jammer gestört. Weitere Versuche verbiet ich dir!« Juno antwortete dem
zürnenden Gemahl mit gesenktem Antlitz: »Wider Willen habe ich, weil dein Befehl
mir heilig war, die Erde und den Turnus verlassen. Hätte ich dir nicht gehorchen
wollen, so würdest du mich jetzt nicht hier in den Wolken das Unrecht erdulden
sehen, sondern ich stände, mit Flammen umgürtet, vorn im Trojanertreffen. Daß
ich der Nymphe Juturna geraten, in der Not ihrem Bruder beizustehen, ist wahr;
aber daß sie ohne mein Zutun dem Bruder das Schwert gereicht, das schwöre ich
dir beim Styx! Auch will ich mich des Kampfes gar nicht mehr annehmen und bitte
dich nur um eines: Wenn Turnus erlegen ist und Äneas die Königstochter heimführt,
zwinge die Latiner nicht, ihren alten Volksnamen aufzugeben und sich Trojaner
zu nennen, zwinge sie nicht, ihre Sprache zu vertauschen, nicht, fremde Gewande,
Sitten und Gebräuche anzunehmen; laß sie das Volk bleiben, das sie gewesen sind,
laß auch den Römerstamm aus italischer Wurzel emporwachsen! Troja aber sei und
bleibe gefallen mitsamt seinem Namen!«

Lächelnd erwiderte der Göttervater seiner Gemahlin: »Kind des Saturnus, geliebte
Schwester, was für Zorneswellen wälzest du noch in deinem Innern? Bezähme doch
deinen vergeblichen Groll! Was du begehrest, soll dir ja gewährt sein. Latium
soll Sprache, Sitten und Namen beibehalten. Der Trojaner soll sich mit dem Volke
verschmelzen und nur so sich ansiedeln; er soll die Opfergebräuche des Landes
annehmen, er soll ganz zum Latiner werden. Die Römer, das neue Geschlecht, das
aus dem vermählten Blute der Italer und Teukrer entstehen wird, sollen das Volk
sein, das dir, o Juno, die meiste Ehre erweisen wird!« Die Göttin nickte dem
Gemahl freudig zu und änderte, zufriedengestellt, ihre Gesinnung.

Nun dachte Jupiter darauf, die Schwester des Turnus aus dem Kampfe zu entfernen.
Drei Zwillingskinder, Töchter der Rache, mit Schlangengürteln und Windesflügeln,
Diren genannt, stehen immer vor Jupiters Throne bereit und werden von ihm zu
den Sterblichen hinabgesandt, wenn er Seuchen, Krieg und andere Todesnot unter
ihnen erregen will. Eine von diesen schickte Jupiter vom Äther herab und befahl
ihr, der Nymphe als ein unheilbringendes Zeichen zu begegnen. Die Dire flog
zur Erde hinab wie ein Pfeil, und sobald sie die beiden feindlichen Heere erblickte,
zog sie sich schnell in die Gestalt eines kleinen Käuzchens zusammen, wie es
als Unglücksvogel auf Scheiterhaufen oder verlassenen Häusergiebeln zu sitzen
pflegt. In dieser Gestalt umflatterte sie das Angesicht des Turnus, kreiste
hernieder zu seinem Schild und schlug auch diesen mit den Fittichen. Dem kämpfenden
Helden sträubte sich das Haupthaar, und seine Glieder erstarrten bei diesem
unheilvollen Anblicke. Juturna aber raufte sich das Haar aus und schlug sich
an die Brust; denn sie erkannte die Übermacht Jupiters und fluchte ihrer eigenen
Unsterblichkeit. Sie bedeckte sich den Leib mit dem grünen Flutengewande und
tauchte verzweifelt in den nahen Tiberstrom unter.

Äneas drang jetzt heran, schüttelte seinen baumlangen Speer voll Wut und rief
dem Gegner zu: »Was zögerst du noch, Turnus, was sträubst du dich noch länger?
Nicht zum Wettkampfe haben wir uns vereinigt, sondern zum Waffenkampf! Sammle
jetzt, was du von Kunst und Mut besitzest!« Turnus schüttelte das Haupt und
entgegnete: »Nicht deine hitzigen Worte schrecken mich, du Trotziger; mich schreckt
das Götterzeichen und die Feindschaft Jupiters!« Mehr sprach er nicht, sondern
faßte einen gewaltigen Stein ins Auge, der neben ihm im Felde lag und einen
Markstein vorstellte. Zwölf Männer, wie sie jetzt sind, würden ihn kaum auf
den Nacken heben können. Diesen faßte der Rutulerheld mit der Hand, richtete
sich empor und wollte ihn im Laufe gegen den Feind schleudern. Aber er kannte
sich selbst nicht mehr, denn er fühlte seine Arme kraftlos, seine Knie schlottern,
sein Blut zu Eis erstarren. Der Felsenstein, durch die leere Luft gewirbelt,
erreichte sein Ziel gar nicht; er sank entkräftet auf den Boden, wie man oft
im Traume einen Anlauf nimmt und doch nicht gehen und nicht sprechen kann. Turnus
wandte sich unwillkürlich zur Flucht um und säumte, die Rutuler und die Mauern
der Stadt vor sich erblickend, in verzagender Angst und den Speerwurf des Feindes
erwartend. Vergebens sah er sich nach seinem Wagen, vergebens nach der leitenden
Schwester um.

Auch zauderte der Trojaner nicht und schleuderte aus Leibeskräften die Todeslanze,
die wie ein Felsstück vom Geschütze abgesendet oder wie ein Blitzstrahl dahergesaust
kam. Durch Schildrand und Panzer fuhr sie den Feind in die Hüfte, und getroffen
vom Stoße, sank der gewaltige Turnus zusammenbrechend ins Knie.

Die Rutuler ächzten laut auf, daß die hohe Waldung umher widerhallte. Turnus
lag gedemütigt auf dem Boden, streckte flehend seine Rechte zu dem Sieger empor
und sprach: »Ich hab es so verdient; ich verlange keine Schonung für mich; brauche
dein Glück! Aber wenn der Jammer meines Vaters dich zu rühren vermag - er ist
mir, was dir Anchises war -, so erbarme dich des greisen Daunus. Gib mich -
oder willst du dieses nicht, so gib meinen entseelten Leib den Meinigen zurück!
Ich gebe mich ja besiegt; Lavinia sei dein; setze deinem Haß ein Ziel!«

Äneas stand ausholend zum Streich, seine Blicke rollten über den Liegenden

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