Gustav Schwab - Äneas - Dritter Teil
admin am Mrz 29th 2008
Sechstes Buch
Äneas - Dritter Teil
Waffenstillstand
Die Morgenröte stand über dem Schlachtfelde, das die Trojaner als Sieger innehatten.
Äneas richtete auf einem Hügel ein Siegeszeichen auf. Der Stamm einer riesigen
Eiche, von dem alle Äste abgehauen waren, wurde mit der funkelnden Waffenrüstung
des Feldherrn Mezentius bekleidet: rechts wurde der blutige bebuschte Helm,
die zerbrochenen Speere des Fürsten, sein Panzer, der zwölfmal von Geschossen
getroffen und durchbohrt war, aufgehängt; links der eherne Schild und an seinem
Gurte das Schwert in der Scheide von Elfenbein. Der gesamte Haufe der trojanischen
Führer drängte sich um das Denkmal, und Äneas weihte die Beute unter feierlichem
Flehen dem Schlachtengott.
Alsdann wandten sie ihre Schritte nach dem Lager, wo der greise Arkadier Acötes,
der als Waffenträger und Gefährte seinem geliebten Zögling gefolgt war, den
entseelten Leib des Pallas hütete, den eine Schar von Dienern und teilnehmenden
Trojanern und Trojanerinnen mit aufgelöstem Haar umstand und der in einer bedeckten
Halle der Lagerburg untergebracht war. Als Äneas durch die Pforte trat, erhob
sich lautes Stöhnen; alle Anwesenden schlugen an die Brust, und die Burg dröhnte
von Jammer. Wie nun Äneas das Haupt des Pallas mit dem blassen Angesichte auf
dem Polster erblickte und in der jugendlichen Brust die offene Speerwunde, da
rief er, indem ihm die Tränen aus den Augen hervorquollen: »Unglückseliger Knabe,
hat dir das trügerische Glück, das dich so schmeichlerisch begleitete, nicht
vergönnt, das Reich, das du deinen Freunden gründen halfest, zu schauen, um
als Sieger in die Heimat zurückzukehren! Nicht solches habe ich deinem Vater
Euander versprochen, als er mich beim Scheiden umarmte und sprach: ›Hüte dich,
du gehst in den Kampf mit einem streitbaren und harten Volk!‹ Weh uns, vielleicht
bringt jetzt, da wir deinen Leichnam bestatten, dein Vater den Göttern Gelübde
für dich dar!« So sprach er weinend und befahl, die Leiche auf ein Geflecht
von Eichenzweigen zu legen und ins Lager zu tragen. Dort ward der Jüngling auf
einem hohen Grashügel mitsamt der Tragbahre niedergelassen und lag da nun wie
ein gepflücktes Veilchen oder eine welkende Hyazinthenblüte, von welcher Schönheit
und Farbenschimmer noch nicht ganz gewichen sind. Äneas selbst brachte zwei
purpurne, mit Gold durchwobene Feiergewande, von Didos eigener Hand gewirkt,
herbei: in das eine hüllte er den Leib des Jünglings, das andere schlang er
um sein Lockenhaupt. In diesem Schmucke sollte der Tote seinem Vater nach Pallanteum
zurückgeschickt werden. Dem Zuge schlossen sich erbeutete Gefangene, Pferde
mit Waffen beladen, Acötes, der alte Diener des Jünglings, der sich das Haar
zerraufte und die Brust mit Fäusten schlug, und zuletzt Athon, das Streitroß
des Königssohnes, an, das mit gesenktem Kopf einherschritt und Tränen vergoß
wie ein Mensch. Dann kamen die Fürsten der Etrusker und Arkadier und ein Trauergefolge
von Trojanern, alle mit gesenkten Waffen. Äneas sah dem Zuge der Begleitenden
nach, bis er aus seinen Augen verschwand, rief dem Toten ein letztes Lebewohl
zu und kehrte wieder in das Lager zurück.
Indessen waren aus der Stadt des Latinus Gesandte mit Ölzweigen in der Hand
angekommen und flehten um die Erlaubnis, die Leiber der Ihrigen bestatten zu
dürfen. Diesen erwiderte Äneas voll Huld, indem er ihnen ihre Bitte sogleich
gewährte: »Welche Verblendung, ihr Latiner, hat euch unsere Freundschaft verschmähen
lassen und in diesen großen Krieg verwickelt? Ihr begehret Frieden für eure
Toten? Wie gerne gewährte ich ihn auch den Lebenden! Auch wäre ich gewiß eurem
Lande niemals genaht, wenn dieser Wohnplatz mir nicht durch das Schicksal angewiesen
worden wäre. Dazu führe ich keineswegs Krieg mit eurem Volke. Nicht dieses,
nur euer König hat unsern Bund verschmäht und sich lieber den Waffen des Turnus
anvertraut. Will Turnus den Krieg mit der Faust enden, will er die Trojaner
durchaus nicht in dem Lande dulden, nun, so werfe er sich in seine Rüstung und
kämpfe mit mir, Mann für Mann. Behalte dann recht, wem ein Gott und seine Faust
das Leben verleiht. Jetzt aber gehet und legt eure armen Mitbürger auf den Scheiterhaufen.«
Als die Gesandten so milde Worte aus dem Munde des Trojanerfürsten hörten,
sahen sie, schweigend vor Staunen, einander an. Endlich sprach der greise Drances,
von jeher ein Feind des Turnus: »Held von Troja, was soll ich mehr an dir bewundern,
deine kriegerische Tugend oder deine Gerechtigkeit? Wir gehen, voll Dank unserer
Vaterstadt deine Willensmeinung zu verkünden und, wenn es möglich ist, den König
Latinus mit dir zu versöhnen.« Alle Gesandten bestätigten diese Rede mit ihrem
Beifallrufe. Es wurde ein Waffenstillstand auf zwölf Tage geschlossen, und nun
schweiften im Schutze desselben Latiner und Trojaner durcheinander ungefährdet
auf den waldigen Berghöhen umher; die Esche, die Fichte sank unter dem Streiche
der Axt; die Eiche, die Zeder, die Buche wurde mit Keulen gespalten, und seufzende
Wagen, schwer mit Holz beladen, fuhren der Stadt der Latiner zu.
Inzwischen war das Gerücht von dem Tode des Pallas zur Stadt des Euander gedrungen,
die bisher nur von den Siegen ihres Königssohnes vernommen und geträumt hatte.
Unaussprechliche Niedergeschlagenheit bemächtigte sich des Königs und aller
Bürger. Leichenfackeln in der Hand, stürzten die Arkadier zu den Toren hinaus,
und vom langen Zuge der Flammen leuchtete der Weg. Auf der andern Seite kam
ihnen die wehklagende Schar der Phrygier mit dem Leichnam entgegen.
Als die Frauen der Arkadier den Zug auf die Häuser der Stadt zukommen sahen,
erfüllten sie die Straßen mit lautem Heulen. Jetzt vermochte auch den König
Euander keine Gewalt mehr zurückzuhalten; er ging der Schar entgegen, und als
die Tragbahre niedergestellt ward, warf er sich über die Leiche seines Sohnes
und ließ seinem Schmerz in lautem Schluchzen und abgebrochenen Worten des Jammers
den Lauf.
Volksversammlung der Latiner
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