Gustav Schwab - Äneas

admin am Mrz 29th 2008

daß niemand sie schauen und ihre Absichten erforschen könnte. Sie selbst schwebte
hoch durch die Lüfte nach ihrem Lieblingssitze Paphos.

Äneas in Karthago

Die beiden Wanderer gingen rüstig im Nebel dahin, immer dem Fußpfade nach.
Bald hatten sie den Hügel erstiegen, der sich hoch über die Stadt erhob und
auf die gegenüberstehende Burg hinuntersah. Mit Staunen betrachtete Äneas den
stolzen Königsbau, der sich da erhob, wo früher nur armselige Bauernhütten gestanden
hatten, die hohe steinerne Pforte der Stadt, die breiten gepflasterten Straßen,
den Lärm und das Gewühl darin. Noch aber wurde an der Stadt gebaut, die Tyrier
betrieben das Werk mit allem Eifer: die einen waren mit den Stadtmauern beschäftigt,
die andern mit der Vollendung der Burg, zu deren Höhen sie Quadersteine emporwälzten;
viele bezeichneten mit Furchen erst den Platz, auf welchem sich ihr Haus erheben
sollte. Der größere Teil der Einwohnerschaft war auf dem Marktplatze versammelt,
wählte den Senat und die Richter des Volks und beratschlagte über die Gesetze
des neuen Staates. Noch andere gruben bereits an den Häfen, andere legten den
Grund zu einem Theater und hieben dazu mächtige Säulen als Zierden der künftigen
Bühne aus dem Felsen. Das Ganze war anzusehen wie ein Bienenschwarm, der eben
schwärmt.

In ihrem Nebelgewande geborgen, befanden sich Äneas und sein Begleiter bald
in der Mitte des beschäftigten Volkes und gingen unerkannt hindurch. Mitten
in der Stadt grünte ein schöner Hain, voll des kühlsten Schattens, wo nach langen
Stürmen und Meerfahrten die Phönizier oder Pöner zuerst ein Segenszeichen, das
ihnen Juno sandte, ausgegraben hatten: ein Pferdshaupt, wodurch ihnen Kriegsglück
und Nahrung vorbedeutet ward. Hier baute die Königin Dido der Juno einen prächtigen
Tempel; Stufen, Torpfosten und Türflügel, alles war von Erz. In diesem Haine
faßte sich der Held Äneas erst wieder einen getrosten Mut und gab sich in seiner
verzweifelten Lage kühneren Gedanken der Hoffnung hin. Denn während er sich
in dem herrlichen Tempel umschaute und über die prächtigen Kunstwerke, die sich
darin befanden, staunte, stieß er auf eine Reihe von Wandgemälden, in welchen
die Schlachten Trojas dargestellt waren. Priamus, die Atriden, Achill, Rhesus
und Diomed, fliehende Griechen und wieder Trojaner, der Knabe Troilus, von seinen
Pferden geschleift, Trojanerinnen mit fliegendem Haar im Tempel der Pallas,
Hektors geschleppte Leiche, Penthesilea mit ihren Amazonen: alles erkannte der
Held Äneas, ja am Ende endeckte er auch sich selbst, wie er von der Mauer herab
den ungeheuren Stein auf die Feinde schleudert.

Während er dieses alles unter Schmerz und Lust mit Verwunderung sich beschaute,
nahte die Königin Dido selbst, im höchsten Glanze jugendlicher Schönheit, von
einem großen Gefolge tyrischer Jünglinge umgeben, dem Tempel. Unter der Wölbung
des Portales setzte sie sich, von Bewaffneten umringt, auf einen hohen Thron
und teilte dem Volke, das sich um sie versammelte, teils nach billiger Schätzung,
teils durchs Los die Arbeiten in der neuen Stadt aus, sprach Recht, gab Gesetze.
Da sahen Äneas und Achates plötzlich mitten in dem Gewühle ihre verloren geachteten
Freunde und Genossen, den Sergestus, den Kloanthus und viele andere Teukrer,
welche der Sturm von ihnen getrennt und an andere Küsten verschlagen hatte.
Freude und Angst ergriff sie bei diesem Anblick; sie glühten vor Begierde, ihnen
die Rechte zu traulichem Handschlage zu reichen, und doch machte sie das Unbegreifliche
der Sache wieder irre: sie hielten deswegen in ihrem Nebelgewölke an sich und
warteten zu, ob sie nicht im Verlauf der Dinge das Schicksal der Freunde aus
ihrem eigenen Munde erfahren würden. Denn es waren, wie sie sahen, auserwählte
Männer von jedem Schiffe. Auch drängten sie sich bald aus der Menge hervor,
traten in die Vorhalle des Tempels ein, und als ihnen das Wort von der Königin
vergönnt wurde, hob ihr Führer Ilioneus zu sprechen an: »Edle Königin, wir sind
arme Trojaner, die der Sturm von Meer zu Meer geschleudert hat. Wir richteten
den Lauf unserer Flotte nach dem fernen Italien, als ein unvermuteter Orkan
uns unter die Klippen schleuderte, wo viele unserer Schiffe ohne Zweifel zugrunde
gegangen sind. Die Überbleibsel der Flotte haben euer Gestade erreicht. Aber
was sind das für Menschen, unter die wir geraten sind? welches Barbarenvolk
duldet solche Gebräuche? Man verwehrt uns, den Strand zu betreten; man droht
mit Kriege, mit Verbrennung unserer Schiffe. Wenn ihr von Menschlichkeit nichts
wisset, so scheuet doch wenigstens die Götter! Äneas war unser Führer - es gibt
keinen größeren und frömmern Helden! Wenn das Schicksal uns diesen Mann erhalten
hat, so wird euch der Dienst, den ihr uns erweiset, niemals gereuen. Darum gestattet
uns, die lecken Schiffe ans Land zu ziehen, in euren Wäldern Schiffsbalken zu
zimmern und Ruder zu verfertigen. Finden wir unsern König und unsere Freunde
wieder, dann dürfte uns wohl die Fahrt nach dem verheißenen Italien glücken.
Hat aber ihn die libysche Flut verschlungen und ist unsere Hoffnung dahin, nun
dann gib uns wenigstens sicheres Geleite, mächtige Königin, daß wir zu unserem
Gastfreunde am sizilischen Strande, von dem wir herkommen, wieder zurückkehren
können.«

Die Königin senkte vor den Männern den Blick auf die Erde und antwortete kurz:

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