Gustav Schwab - Äneas

admin am Mrz 29th 2008

gesäugt, seinem Vater Mars neue Mauern bauen und der Stifter des Römervolks
werden. Die Römer aber mache ich zu Herren der Welt, und ihrer Herrschaft sei
kein Ziel gesetzt. Juno selbst, welche deinen Sohn jetzo quält, wird sich mit
diesen seinen Enkeln versöhnen und sie mit mir begünstigen, und der größte Römer
wird ein Nachkomme des Julus sein und Julius heißen. Sein Ruhm wird zu den Sternen
sich erheben, er selbst, dein Nachkomme, o Tochter, wird in den Himmel unter
die Götter aufgenommen werden. Unter den Menschen aber wird nach beendigten
Kriegen der ewige Friede wohnen; eiserne Riegel werden die Pforten der Zwietracht
schließen, die, mit hundert Ketten gefesselt, vergebens mit den blutigen Zähnen
knirschen wird.«

So sprach Jupiter und sandte sofort seinen Sohn, den Götterboten Merkur, nach
Karthago, um dort den Trojanern gastliche Herberge zu bereiten. Dieses Land
war ein uralter Sitz phönizischer Pflanzer, und Juno beschirmte das Reich mit
besonderer Huld. Ihre Rüstung, ihr Wagen waren dort aufbewahrt, und längst war
es Wunsch und Bestreben der Göttin, hier ein Weltreich zu begründen. Jetzt aber
beherrschte dieses libysche Reich Dido, die Witwe des Phöniziers Sychäus, welche
hier die neue Stadt und Burg Karthago erbaut hatte.

Am andern Morgen machte sich Äneas, nur von seinem Freund Achates begleitet,
zwei Wurfspieße in der Hand, auf, um das neue Land zu erforschen, an dessen
Gestade ihn der Sturm geworfen hatte. Da begegnete ihm mitten im Walde seine
Mutter Venus in Gestalt einer bewaffneten Jägerin, wie Spartas Jungfrauen sich
zu tragen pflegen: ein Bogen hing ihr über den Schultern, das Haar flatterte
frei in den Lüften, das leichte Gewand war bis ans Knie aufgeschürzt. »Sagt
mir doch, ihr Jünglinge«, so redete sie die schreitenden Helden an, »habt ihr
keine meiner Gespielinnen gesehen, in Luchspelz gekleidet, mit übergehängtem
Köcher?« »Nein«, entgegnete ihr Äneas; »aber wer bist du, Jungfrau? In deinem
Antlitz und deiner Stimme ist etwas Übermenschliches, bist du eine Nymphe, bist
du eine Göttin? Doch wer du auch seiest: sag uns, in welchem Lande sind wir?
Der Sturm hat uns an dieses Gestade verschlagen, und wir irren schon lang in
der Welt umher.« Hierauf erwiderte Venus lächelnd: »Wir tyrischen Mädchen pflegen
uns immer so zu tragen, und ich bin darum nicht Apollos Schwester, weil du mich
mit dem Köcher bewaffnet siehst. Du bist unter Tyriern, Fremdling, in einem
Reiche der Phönizier, in der Nähe von Agenors Stadt; demnach ist der Weltteil,
in welchem du dich befindest, Afrika, das Land ist libysch und das Volk wild
und kriegerisch. Eine Königin herrscht über uns, Dido; auch sie stammt aus Tyrus
und war dort die geliebte Gattin des reichen Phöniziers Sychäus. Aber ihr Bruder
Pygmalion, der König von Tyrus, ein unmenschlicher Tyrann, haßte den Schwager,
und geblendet von Goldgier und unbekümmert um die Liebe der Schwester, erschlug
er ihren Gatten heimlich am Altare der Götter. Der blasse Schatten des Gemordeten
erschien seiner Gemahlin im Traume mit einer tiefen Schwertwunde in der Brust
und entschleierte ihr das geheime Verbrechen; er riet ihr zu schleuniger Flucht
aus dem Vaterlande und bezeichnete ihr die unterirdische Stelle, wo der alte
verborgene Reichtum des Königs, Silber und Gold, ihre Fahrt zu unterstützen,
bereit läge. Dido folgte seinem Winke; der Tyrannenhaß sammelte viele Gefährten
um sie. Was von Schiffen bereitlag, wurde mit dem Golde des kargen Pygmalion
angefüllt. So gelangten sie an die Küste Afrikas und an den Ort, wo du jetzt
bald die gewaltigen Mauern der neuen Stadt Karthago und ihre himmelansteigende
Burg erblicken wirst. Hier erkaufte sie anfangs nur ein Stück Landes, welches
Byrsa oder Stierhaut genannt wurde; mit diesem Namen aber verhielt es sich so:
Dido, in Afrika angekommen, verlangte nur so viel Feldes, als sie mit einer
Stierhaut zu umspannen vermochte. Diese Haut aber schnitt sie in so dünne Riemen,
daß dieselbe den ganzen Raum einschloß, den jetzt Byrsa, die Burg Karthagos,
einnimmt. Von dort aus erwarb sie mit ihren Schätzen immer größeres Gebiet,
und ihr königlicher Geist gründete das mächtige Reich, das sie jetzt beherrscht.
Nun wißt ihr, wo ihr seid, ihr Männer. Aber wer seid denn ihr, woher kommt ihr,
und wohin wandert ihr?« Mit diesen Fragen veranlaßte die Göttin eine rührende
Erzählung seines Schicksals aus dem Munde ihres Sohnes, dessen Klage sie jedoch
bald unterbrach: »Wenn meine Eltern mich nicht umsonst die Deutung des Vogelflugs
gelehrt haben«, sagte sie, »so verkündige ich dir die Rettung deiner verschlagenen
Schiffe und die Rückkehr deiner Freunde. Denn ich sah am offenen Himmel in freudigem
Fluge zwölf Schwäne, die kurz zuvor ein Adler, der Vogel Jupiters, auseinandergescheucht
hatte. In langem Zuge suchten sie teils das Land zu gewinnen, teils schwebten
sie schon über dem gewonnenen: so erreichten auch deine Genossen schon zum Teile
den Hafen, zum Teil nähern sie sich ihm mit vollen Segeln. Du aber geh immerhin
auf dem betretenen Pfade fort.« So sprach die Jungfrau und wandte sich um. Ihr
rosiger Nacken erglänzte von überirdischem Licht, ihre ambrosischen Locken verbreiteten
einen himmlischen Wohlgeruch, ihr Kleid wallte blendend zu den Fersen hernieder;
ihre Gestalt erschien übermenschlich; ihr ganzer Weggang verkündigte die Göttin.
Jetzt erkannte Äneas plötzlich seine Mutter und rief die Fliehende vergebens
zurück. Diese aber umhüllte die Wanderer mit einer dichten Umkleidung von Nebel,

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