Gustav Schwab - Äneas

admin am Mrz 29th 2008

ist; dort mag er in verschlossenem Kerker über euch herrschen, bis man euch
braucht!«

So sprach er, und unter dem Sprechen glättete er die schwellenden Wogen, verscheuchte
die geballten Wolken und erheiterte die Luft, daß die Sonne wieder schien. Seine
Meeresgötter mußten die Schiffe, die zwischen Klippen geraten waren, von den
zackigen Felsen hinwegdrängen; er selbst hob die auf den Sandbänken aufsitzenden
mit seinem Dreizacke wie mit einem Hebel und machte sie wieder flott; dann glitt
er auf seinem Wagen, von Seerossen gezogen, leicht über den Saum der Flut hin,
und das Getöse des Meeres schwieg überall, wohin der Gott mit verhängtem Zügel
die Rosse lenkte und einen Blick über die Wasser warf, wie bei einem Volksaufruhr
der gemeine Pöbel, der voll Trotzes mit fliegenden Fackeln und Steinen umhertobte,
plötzlich schweigt und horchend aufblickt, wenn ein Mann von Tugend und Verdienst
erscheint.

Die müden Seefahrer sahen eine Küste vor sich liegen, rafften ihre Kräfte zusammen
und steuerten dem Lande entgegen. Es war Afrikas Gestade. Bald nahm sie ein
sicherer Port auf. Von der einen Seite winkten sonnige Wälder auf sanften Hügeln,
auf der andern starrte ein Gehölz voll schwarzer Schatten an steiler Höhe, im
Hintergrunde der Bucht öffnete sich eine Felsengrotte mit Quellen und Moosbänken.
Dorthin fuhr mit seinen sieben Schiffen - dies war der ganze Überrest der Flotte
- der Held Äneas. Die Trojaner stiegen aus und lagerten sich in ihren triefenden
Gewanden dem Ufer entlang. Der Held Achates schlug an einem Kiesel Feuer, fing
die Glut in trockenen Blättern auf, nährte sie mit dürrem Reisig und fachte
sie durch Schwingen zur Flamme an. Dann wurde das Bäckergeräte und das vom Wasser
halbverdorbene Getreide aus den Schiffen ausgeladen und das gerettete Korn mit
dem Mühlsteine zermalmt.

Unterdessen erstieg Äneas klimmend einen Felsen mit seinem treuen Waffenträger
Achates und ließ oben die Blicke über die weite Meeresfläche hinschweifen, ob
er nichts von den vom Sturme verschlagenen Schiffen erblicken könnte, vom Antheus,
vom Kapys mit den Fahrzeugen der Phrygier, von der Flagge des Kaïkus; aber kein
Schiff begegnete seinem Blick; nur drei Hirsche sah er unten am Strande, denen
eine ganze Herde folgte, deren Nachzügler bis tief in ein Tal hinein weideten.
Schnell ließ er sich Bogen und Pfeile reichen und streckte den Führer der Herde
nieder, einen Hirsch mit hochästigem Geweih; und er ruhte nicht, bis er sieben
Tiere erlegt hatte, so viel, als die Zahl seiner Schiffe war. Dann kehrte er
zur Bucht zurück; die Beute ward eingeholt und unter die Freunde verteilt. Auch
stattliche Krüge mit Wein ließ Äneas aus den Schiffen herbeiholen, die ein Gastfreund
an der sizilischen Küste ihm geschenkt, und mit dem süßen Tranke flößte er Trost
in ihre kummervollen Herzen. »Freunde«, sprach er, »sind wir doch lange mit
Trübsal vertraut, selbst mit größerer als diese gegenwärtige ist; darum laßt
uns hoffen, daß ein Gott auch ihr ein Ende machen werde. Rufet nur den alten
Mut zurück; in später Zeit werdet ihr euch mit großer Lust an alle diese Leiden
erinnern. Denkt nur daran, daß das Ziel so vieler Not und Gefahr Italien ist,
daß uns dort unser Geschick ruhige Sitze zeigt, daß dort ein zweites Troja emporblühen
wird!«

Der Held sprach freilich diese Hoffnungsworte mit kummervollem Herzen, und
er mußte seinen tiefen Schmerz gewaltsam in die Seele zurückdrängen. Indessen
schlachteten und brieten die Genossen das Wildbret und labten sich an Schmaus
und Wein, über die verlorenen Freunde zwischen Furcht und Hoffnung geteilt sich
unterhaltend.

Venus von Jupiter mit Rom getröstet. Sie erscheint ihrem Sohne

Auf der Zinne des Olymp stand Jupiter der Göttervater und heftete die Blicke,
die über Meer und Land und Völker geflogen waren, endlich auf die afrikanische
Küste, in das libysche Reich der Königin Dido, wo eben Äneas gelandet hatte.
Zu dem Sinnenden trat seine Tochter Venus, in ihren glänzenden Augen schwammen
Tränen, und sie sprach traurig: »Was hat dir mein Äneas getan, allmächtiger
Beherrscher der Menschen und der Götter, daß ihm, nachdem er schon so viel Unheil
erduldet hat, der ganze Erdkreis um Italiens willen verschlossen wird? Hast
du nicht selbst mir verheißen, daß dorthin aus dem erneuerten Blute des trojanischen
Stammvaters im Laufe der Jahre dereinst das Römervolk kommen und die Herrschaft
über Land und Meer erhalten sollte? Nur diese Verheißung söhnte mich mit dem
Falle Trojas aus; was hat deinen Sinn so auf einmal verwandelt?«

Der Vater lächelte die Göttin huldvoll an, herzte sie mit einem Kuß und sprach
mit dem Blicke, mit welchem er die Wolken vom Himmel verscheucht: »Sei getrost,
Töchterchen, das Los deiner Schützlinge bleibt unverrückt. Laviniums Mauern
in Italien werden sich erheben, in mächtigem Kriege wird Äneas dort siegen,
trotzige Völker bändigen, Gesetz und Ordnung gründen. Drei Jahre wird er in
Latium herrschen, sein Sohn Askanius oder Julus wird den Sitz der Herrschaft
von Lavinium nach Alba longa verlegen. Drei Jahrhunderte wird dort das Geschlecht
des Priamus auf dem Throne sitzen, bis eine Priesterin der Vesta aus dem Königshause
dem Kriegsgott Zwillingsknaben gebiert. Von diesen wird Romulus, von einer Wölfin

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