Gustav Schwab - Äneas
admin am Mrz 29th 2008
einmal bis an die Hüfte gingen. Hier bückte er sich und wusch aus dem ausgestochenen
Auge das immer noch fließende Blut, stöhnend und zähneknirschend. Bei diesem
gräßlichen Anblicke beschleunigten die Trojaner ihre Flucht, nahmen den bejammernswürdigen
Flüchtling, obgleich er ihr Stammfeind war und ihre Stadt hatte zerstören helfen,
mit sich zu Schiffe und hieben stillschweigend die Seile ab. Jetzt vernahm der
Riese den Ruderschlag und wandte seine Schritte, noch immer in der Flut, dem
Schalle des Geräusches zu. Mit Mühe entging das letzte Schiff seinen huschenden
Händen; und als er vergebens in die Luft griff, erhob er ein so ungeheures Gebrüll,
daß die Klüfte des Ätna wie von einem langen Donner widerhallten und das ganze
Zyklopengeschlecht, in den hohen Bergen aufgestört, zum Gestade herabgerannt
kam. Wie luftige Eichen oder Zypressen ragten ihre Häupter gen Himmel, und sie
schickten der absegelnden Flotte drohende Blicke nach.
Um der Skylla und Charybdis zu entgehen, segelte diese rückwärts, längs dem
Gestade der Insel hin, von Achämenides beraten, der diesen Weg früher mit Odysseus
zurückgelegt hatte. Auf dieser Fahrt traf den Äneas ein großer Schmerz. Sein
greiser Vater Anchises, von den Anstrengungen, Gefahren und Schrecken der Reise
ermattet, sollte Italien, das Gelobte Land seiner Sehnsucht, nicht mehr erreichen.
Er wurde zusehends schwächer, seine Sinne schwanden, seine Zunge erlahmte, und
ohne nur ein Lebewohl sagen zu können, gab er in den Armen seines Sohnes den
Geist auf, als sie eben in den Hafen der sizilianischen Stadt Drepanum eingelaufen
waren.
Die trojanischen Flüchtlinge veranstalteten dem ehrwürdigen Vater ihres Führers
ein feierliches Leichenbegängnis. Doch hing Äneas nicht lange der Trauer nach.
Die Verheißung der Götter trieb ihn, das Volk, welches sich ihn zum Beschützer
erkoren hatte, dem Lande der Ahnen entgegenzuführen und das versprochene Reich
dort zu gründen.
Äneas nach Karthago verschlagen
Kaum hatte die Flotte Sizilien aus dem Gesichte und segelte fröhlich auf der
hohen See dahin, als Juno, die alte Feindin der Trojaner, die vom Olymp auf
den Schiffszug herniederblickte, bei sich selber sprach: ›Wie, sollte mein Beginnen
auf halbem Wege stehenbleiben? sollte Troja nicht ganz zerstört, sein Volk und
Königsgeschlecht nicht mit der Wurzel vertilgt sein? Soll dieser Eidam des Priamus,
soll sein Enkel wirklich Besitz von Italien nehmen? Konnte nicht Pallas die
heimkehrende Flotte der Griechen auseinanderschlagen und mit Orkanen das Meer
durchwühlen, nur um die Schuld Ajax des Lokrers zu rächen: und ich, die Königin
der Götter, Jupiters Gemahlin und Schwester, soll dieses eine Volk jahrelang
vergebens bekämpfen?‹ Solche Gedanken bewegte sie in ihrem zornigen Herzen und
eilte in das Gebiet der Stürme, nach der Grotte des Äolus, des Königs der Winde.
Auf ihren Befehl und ihre Bitten, mit reizenden Versprechungen gemischt, ließ
dieser sämtliche Winde aus ihrem Verschlusse los; sie stürzten wie Heere zur
Feldschlacht heraus, wirbelten durch die Länder, legten sich, Ost und Süd, West
und Nord, zugleich auf das Meer und reizten die Wogen gegeneinander auf, in
deren Mitte die Flotte des Trojaners schwamm. Ein Jammergeschrei erhob sich
unter den Männern, die Taue rasselten, während Blitz auf Blitz zuckte und die
Donner durch den Himmel rollten. Äneas pries in diesem Augenblicke alle diejenigen
glücklich, die unter Trojas Mauern zu seiner Verteidigung gefallen waren, er
beneidete seine Freunde Sarpedon und Hektor um den Tod durch die Hand des Tydiden
und des großen Achill. Aber seine Seufzer verwehte der Nordorkan, der die Segel
der Schiffe nach vorn riß und diese selbst auf fürchterlichen Wasserbergen bis
in die Wolken schleuderte. Die Ruder zerkrachten, die Meerflut brach ein, und
die Schiffe legten sich wie sterbend auf die Seite. Drei von den Fahrzeugen
schleuderte der Südwind auf verborgene Klippen, drei stieß der Ostwind von der
hohen See auf seichte Sandbänke; auf eins, das lykische Bundesgenossen mit ihrem
Führer Orontes trug, wälzte sich eine ungeheure Welle nieder und warf den Steuermann
kopfüber ins Meer; dann drehte der Wirbel das Schiff dreimal in der Runde herum,
und der Abgrund verschlang es. Auch das mächtige Schiff des Ilioneus und Achates,
das Schiff des Abas und Aletes überwältigte der Sturm, und das Meerwasser drang
durch die lockern Fugen der Planken ein.
Jetzt endlich nahm der Meeresgott Neptunus von dem brausenden Aufruhr Kunde
und wunderte sich über die losgelassenen Orkane. Er erhob aus den wilden Wogen
sein ruhiges Haupt und schaute sich ringsum. Da erblickte er das Geschwader
des Äneas allenthalben im Meere zerstreut und die Schiffe seiner Lieblinge,
der Trojaner, von den Wogen bedeckt und in Regengüsse gehüllt. Auf der Stelle
erkannte er den Groll und die Ränke seiner Schwester Juno, rief den Ost und
West gebieterisch zu sich her und sprach zu ihnen: »Was für ein Trotz hat euer
freches Geschlecht ergriffen, so ohne meinen Befehl Himmel und Meer untereinanderzumischen
und die Wogen bis an die Sterne zu türmen? Ich will euch…! Doch für diesmal
sei eure einzige Strafe, die Meeresflut auf der Stelle zu verlassen; geht und
sagt eurem Herrn, nicht ihm sei der Dreizack und die Herrschaft über die See
verliehen worden, sondern mir; ihm gehören Felsen und Grotten, wo euer Gemach
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