Gustav Schwab - Äneas
admin am Mrz 29th 2008
sie an mancherlei Küstenländern vorüber, immer dem Süden zu, vorbei am Meerbusen
von Tarent, an der Stadt Kroton mit ihrem Junotempel, an dem klippenvollen Skylation.
Schon tauchte aus der fernen Flut Sizilien auf mit seinem Ätna, schon von weitem
hörten sie jetzt ein gewaltiges Tosen des Meeres, Brandung um die Felsen, am
Gestade gebrochenen Laut: aus tiefem Abgrunde sprudelte die Flut empor, und
Sand unter Wasserschaum stäubte in die Luft. »Das ist die Charybdis«, rief der
länderkundige Anchises, »das gräßliche Felsenriff. Werft euch an die Ruder,
Gefährten, reißet uns aus der Todesgefahr!« Eifrig lenkten alle mit den Schiffen
zur Linken um, Palinurus mit dem krachenden Schiffschnabel voran. Bald flogen
die Schiffe aus den Wölbungen des Strudels zu den Wolken empor, und wenn die
Wogen verrollten, versanken sie wie in die Unterwelt; und dies geschah zu dreien
Malen. Als sie der Gefahr glücklich entronnen waren, gerieten sie, aller Bahn
unkundig, an den Strand der Zyklopen, wo ein geräumiger Hafen sie aufnahm. In
ihrer Nähe hörten sie hier den feuerspeienden Berg Ätna donnern, der bald schwarzes
Gewölk, Pechqualm und glühende Asche in die Luft emporwirbelt, bald das Eingeweide
des Berges, Steine und geschmolzene Felsen, hinaufschleudert und vom untersten
Grunde aus brausend siedet. Der Leib des Giganten Enceladus - andre erzählen,
der des Riesen Typhon -, vom Blitze Jupiters versengt, soll hier in den Gründen
der Erde liegen, und der mächtige Ätna, über denselben geworfen, sende, sagt
man, den Flammenhauch des Riesen aus seinem Schlund empor; sooft jener, unter
der drückenden Last ermattet, seine Seite wechselt, bebt die ganze Insel von
dumpfer Erschütterung, und ein Rauch hüllt den Himmel in seinen Schleier.
Äneas und seine Genossen waren bei Nacht an die Insel verschlagen worden, und
der Berg war ihnen noch dazu von Wäldern verdeckt. Auch umzog den verfinsterten
Himmel ein dickes Gewölk, und hinter seinen Schichten verbargen sich der Mond
und die Sterne. So hörten sie die ganze Nacht hindurch nur das fürchterliche
Tosen, ohne die Ursache desselben erraten zu können. Als der Morgenstern am
Himmel stand und Aurora die Schatten vertrieb, sahen die Flüchtlinge, die sich
am Strande gelagert, einen fremden seltsamen Mann, ganz in Lumpen gehüllt, ein
rechtes Jammerbild des Elendes, plötzlich aus den Wäldern hervortreten und die
Hände flehend nach ihnen zu dem Ufer ausstrecken. Abscheulicher Schmutz entstellte
ihn; die Fetzen seines Gewandes waren mit Dornen zusammengeheftet; sein langes
verwirrtes Barthaar flog im Winde. Übrigens erkannte man auch in diesem jämmerlichen
Aufzuge noch den Griechen, der einst vor Troja gekämpft hatte. Als dieser in
der Ferne trojanische Rüstungen sah, stutzte er einen Augenblick und hemmte
schüchtern seine Schritte. Bald aber rannte er entschlossen wieder vorwärts
zum Ufer und flehte weinend zu den Ankömmlingen hinüber: »Bei den Gestirnen,
bei den Göttern, beim Himmelslichte beschwöre ich euch, Trojaner nehmet mich
fort mit euch, wohin es auch gehen mag! Ich weiß wohl, ich bin einer vom Danaerheer,
ich habe eure Stadt befehdet, habe sie zerstören helfen. Nun, seid ihr unversöhnlich,
so reißet mich in Stücke und versenkt mich im tiefsten Wasser, wird mir so doch
der Trost zuteil, von Menschenhänden zu sterben!« So sprach der Unglückliche,
umfaßte die Knie des Helden Äneas und schmiegte sich fest an ihn an. Da ermahnten
ihn alle, sein Geschlecht, seinen Namen, sein Schicksal zu melden, und der ehrwürdige
Greis Anchises reichte ihm selbst die Hand und nötigte ihn, vom Boden aufzustehen.
Allmählich erholte sich der Arme von der Furcht. »Ich stamme«, begann er, »aus
Ithaka und war ein Genosse des erfahrungsreichen Helden Odysseus. Achämenides
ist mein Name. Weil man Vater Adamastus arm war, entschloß ich mich, mit gegen
Troja zu ziehen. Es war mein Unheil; den Gefahren des Krieges glücklich entronnen,
wurde ich hier in der scheußlichen Höhle des Zyklopen, als Odysseus und meine
andern Begleiter, so viele der Menschenfresser noch nicht geopfert hatte, die
Höhle mit List verließen, krank und elend in einem Winkel der Kluft liegend
vergessen. Ich hatte es mit angesehen, wie das Ungetüm von meinen armen Freunden
ein Paar ums andere verschlang, hatte mit Hand angelegt, als der einäugige Riese
von Odysseus im Rausche geblendet ward. Ich selbst bin nur durch ein Wunder
aus seiner Höhle entkommen; aber umringt vom ungeschlachten Volke der Zyklopen,
brachte ich seit vielen Tagen mein Leben in Hunger und Todesangst hin. Auch
ihr, unglückliche Fremde, wenn ihr nicht die Beute dieses abscheulichen Riesenvolkes
werden wollet - denn gleich Polyphem irren über hundert in diesem unwirtlichen
Gebirg umher -, auch ihr besteiget eilig die Schiffe wieder, und löset die Seile
vom Strand! Drei Monate sind es, daß ich zwischen Höhlen und Wildlagern mein
Leben fortschleppe, mich von der ärmlichen Kost der Waldbeeren und Wurzeln ernährend,
stets auf der Lauer vor dem Riesengeschlechte, vor dessen tosenden Tritten und
brüllenden Stimmen ich erbebe. Da sah ich diese Flotte dem Ufer nahen; ihr mich
zu ergeben, brach ich auf, wessen sie auch sein mochte.«
Kaum hatte er dieses gesprochen, als die Trojaner auch schon auf der Höhe des
Berges den Zyklopen Polyphem gewahr wurden, den unförmlichen Riesen mit dem
geblendeten Auge, einen behauenen Fichtenstamm als Stock in der Hand, inmitten
seiner Schafherde, seines einzigen Trostes im Unglück, einherschlendernd. Am
Meere angekommen, ging er mitten in die Fluten hinein, die ihm doch noch nicht
Gerne gelesen werden auch:
Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt