Gustav Schwab - Äneas

admin am Mrz 29th 2008

Es war ein unwirtliches, durch schauerliche Bewohner verrufenes Land. Die Harpyien,
die gefräßigen Ungeheuer, seitdem sie die Wohnung des Königes Phineus verlassen
hatten und von seinem unglücklichen Tische verscheucht worden waren, hatten
an diesem Gestade den häßlichen Sitz aufgeschlagen. Diese grausenhaften Scheusale
waren, wie bekannt, ein Vogelgezücht mit Jungfrauengesichtern, die aber, beständig
vom Hunger gebleicht, entsetzlich anzuschauen waren. An den Händen hatten sie
Krallen, mit welchen sie alle Speise ergriffen, deren sie sich bemächtigen konnten;
und mit dem ekelhaften Abfluß ihres Leibes besudelten sie jeden Ort, an dem
sie erschienen.

Von diesen Bewohnerinnen des ihnen gänzlich unbekannten Ufers hatten Äneas
und seine Fluchtgenossen keine Ahnung. Sie liefen in den Hafen ein, der vor
ihnen lag, und waren ganz fröhlich, als sie sich wieder auf festem Lande befanden.
Der erste Anblick des Gestades zeigte ihnen auch nichts Unheimliches: Herden
von Rindern und Ziegen gingen lustig auf der Weide, ohne alle Hüter. Der ausgestandene
Hunger hieß die Gelandeten nicht lange zögern, sie fuhren mit dem Schwert unter
das Vieh, brachten Jupiter und den Göttern ein Schlachtopfer dar und setzten
sich selbst zum leckeren Schmaus am Ufer in die Runde. Sie erfreuten sich aber
des Mahles noch nicht lange, als sie von den nahen Hügeln her einen lauten Flügelschlag
wie von vielen Vögeln vernahmen. Als wären sie vom Sturmwinde herbeigeführt,
erschienen plötzlich die Harpyien, fielen über die Speisen her, zerrten daran
herum und besudelten alles mit ihrer abscheulichen Berührung. Allenthalben ertönte
ihre gräßliche Stimme und verbreitete sich ihr scheußlicher Pesthauch. Die Tafelnden
flüchteten sich mit ihrer Opfermahlzeit an eine abgelegene Stelle, unter einen
hohlen Felsen, der rings von schattigen Bäumen eingeschlossen war. Hier zündeten
sie Feuer auf neuen Rasenaltären an und stellten auch ihr Mahl wieder auf. Aber
aus den heimlichsten Winkeln und von ganz anderer Himmelsgegend her kam wieder
derselbe sausende Schwarm, machte sich mit seinen Krallenfüßen an die Beute
und befleckte das Mahl auf alle Weise. Äneas und die Seinigen griffen endlich
zu dem letzten Mittel: sie verbargen ihre Schwerter und Schilde ringsumher im
Gras, und als die häßlichen Vögel sich wieder im Schwarme herniedersenkten und
die krummen Ufer umflatterten, brachen seine Genossen auf das Zeichen eines
ihrer Freunde, der vom Felsen herab seine Beobachtungen anstellte, los und versuchten
es, die Untiere mit ihren Schwertern zu erlegen. Aber keine Gewalt vermochte
das Gefieder zu durchdringen, keine Wunde saß auf ihrem Rücken fest; eilige
Flucht entzog sie den Streichen, sie ließen ihre Beute angefressen zurück und
überall Spuren voll Unflats. Nur eine von den Harpyien, Celäno mit Namen, setzte
sich auf den höchsten Felsen und brach in die prophetischen Fluchworte aus:
»Ist es nicht genug, uns Rinder und Ziegen gemordet zu haben, ihr trojanischen
Fremdlinge? Müßt ihr uns unschuldige Harpyien auch noch aus dem Heimatlande
vertreiben? Nun, so höret die Prophezeiung, die mir Phöbus anvertraut hat und
die ich euch als Rachegöttin verkündige: Ihr fahret nach Italien, ihr werdet
es auch erreichen, sein Hafen wird euch aufnehmen; aber nicht eher umgebet ihr
die euch verheißene Stadt mit Mauern, als bis euch ein gräßlicher Hunger, die
Strafe für das Unrecht, das ihr an uns beginget, zwingen wird, von euren eigenen
Tischen zu nagen und dieselben aufzuzehren.« So sprach sie, schwang die Fittiche
und floh in die Waldung zurück. Den Trojanern erstarrte das Blut in den Adern
vor Schrecken; sie wußten nicht, hatten sie es mit fluchwürdigen Vögeln oder
mit mächtigen Göttinnen zu tun. Endlich hub der Vater Anchises seine Hände flehend
gen Himmel und betete zu den Göttern um Abwendung alles Unheils. Dann riet er
seinem Sohn und den Genossen der Flucht, sich in aller Eile wieder einzuschiffen.

Äneas an der Küste Italiens. Sizilien und der Zyklopenstrand. Tod des Anchises

Nach langen Irrfahrten und mancherlei Abenteuern erschien endlich eine niedrige
Küste mit dämmernden Hügeln aus der Ferne. »Italien!« rief zuerst der Held Achates,
der das Land vor den andern erblickt hatte. »Italien!« riefen einfallend unter
Freudengeschrei die jubelnden Genossen. Der Greis Anchises bekränzte einen geräumigen
Becher und füllte ihn bis zum Rande mit Wein. Auf dem Hinterverdecke stehend,
flehte er die Meeresgötter um günstigen Wind und leichte Fahrt an. Auch wehte
wirklich die erbetene Luft kräftiger, immer näher flogen sie einem sich vor
ihren Augen erschließenden Hafen, und von einem Hügel des Landes winkte ihnen
ein schöner Minerventempel. Vertrauensvoll rollten sie die Segel zusammen und
drängten die Schiffe nach dem Strande. Der Hafen bildete, von der östlichen
Brandung des Meeres ausgehöhlt, einen Bogen, an vorgelagerten Klippen spritzte
die Meerflut schäumend auf, eine Mauer getürmter Felsen senkte rechts und links
ihre Arme ins Meer herab, und der Tempel, in der Mitte der Bucht gelegen, trat
in den Hintergrund. Hier erblickten sie am Gestade als erstes Vorzeichen vier
schneeweiße Rosse, die hier und dort im tiefen Grase weideten. »Rosse bedeuten
Krieg«, rief Anchises aus, »mit Kriege droht uns dieses Land, so gastlich es
aussieht. Laßt uns Minerva, die auf uns herniederblickt, anbeten und eilig mit
unsern Schiffen umkehren!«

Sie taten nach dem Rate des Alten und flogen zurück in das Meer. Nun schifften

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