Gustav Schwab - Äneas
admin am Mrz 29th 2008
gedachten, lag Äneas müde von Sorgen und doch schlaflos auf seinem Bette, und
sein Geist brütete in der stillen Finsternis. Jetzt stellte sich ein plötzliches
Gesicht seinen Augen dar. Der Vollmond brach eben aus den Wolken und erhellte
mit seinen Strahlen die Räume seines Schlafgemachs. Da schienen in voller Beleuchtung
hart vor dem Liegenden die heiligen Hausgötter der Trojaner, die er aus dem
wütenden Feuer seiner Vaterstadt gerettet hatte, zu stehen. Ihr Mund tat sich
auf, ihre nie vernommene Stimme sprach zu ihm, und was sie redeten, waren Worte
des Trostes: »Apollo selbst«, so lautete ihre Rede, »schickt uns in deine Behausung.
Du sollst uns vertrauen: wir, die wir aus dem Brande Trojas dir folgten und
auf deiner Flotte mit dir durch die stürmische Meeresflut gefahren sind, wir
werden deinem Geschlecht einen Wohnsitz finden, den Ruhm deiner Enkel verherrlichen
und ihrer Stadt die Herrschaft der Welt verleihen. Du selbst bist dazu erkoren,
deinen großen Nachkommen diesen Sitz vorzubereiten, und darfst deswegen die
langen Beschwerden der Flucht nicht scheuen. Freilich, den Ort, wo du dich jetzt
angesiedelt, mußt du verlassen, nicht dieses Ufer hat der delische Apollo gemeint,
nicht auf Kreta solltest du dich anbauen; nein, weit von hier liegt das Land,
auf welches dich der Götterspruch hinweist, die Griechen nennen es Hesperien:
es ist ein uraltes Land, mächtig durch die Waffen seiner Bewohner, reich durch
den Segen seines Bodens. Seine ersten Bewohner hießen Önotrier, von den jüngern
soll es jetzt Italien genannt werden und das Volk Italervolk, nach dem Namen
eines einheimischen Königes Italus. Dies ist der Sitz, der euch von euren Ahnen
her gehört, dorther stammen eure Väter Dardanus und Jasius, die ältesten Begründer
eures Geschlechts. Wohlan, mach dich auf, melde deinem betagten Vater fröhlich
dieses unzweifelhafte Wort: Italien soll er aufsuchen; die Gefilde Kretas verweigert
euch Jupiter.«
Ein kalter Angstschweiß hatte den Helden überlaufen, solange die Götter vor
ihm standen und sprachen; doch als sie verschwunden waren, fühlte er sich von
ihren Worten wunderbar getröstet, raffte sich vom Lager auf, streckte die flachen
Hände betend, wie die Alten pflegten, gen Himmel empor und brachte auf seinem
Hausherde den heimischen Göttern ein Trankopfer dar. Nachdem dieses fröhlich
vollbracht war, eilte Äneas zu seinem alten Vater und meldete ihm ausführlich
das Nachtgesicht. Diesem gingen die Augen des Geistes auf. er erkannte den doppelten
Ursprung der Trojaner, den einen von Dardanus, den andern von Teucer und sah
nun wohl ein, daß er in der Verwechslung der beiden alten Stammländer sich getäuscht
habe. »Lieber Sohn«, sprach er, »jetzt erst erinnere ich mich, daß die Seherin
Kassandra allein es war, welche mir das Geschick der Zukunft richtig geweissagt
hat. Sie verkündigte unserem Geschlecht ein Land, welches sie bald Hesperien,
bald Italien benannte. Das geschah aber, als Troja noch lange stand, und wer
dachte damals im Ernste daran, daß jemals teukrische Männer ihre Heimat verlassen
und nach den fernen Küsten Hesperiens auswandern würden, ja wer achtete damals
überhaupt nur auf die Reden Kassandras, die für eine Närrin und keine Seherin
galt? Jetzt aber laßt uns dem Wort Apollos nachgeben und auf seine Warnung dem
besseren Winke folgen.«
So sprach Anchises. Inzwischen hatte sich das Volk zur beschlossenen Abfahrt
nach Delos versammelt; als es nun die neue Weisung der Götter vernommen, brach
es in einen lauten Jubel aus. Alles rüstete sich; nur wenige Kranke und Genesende
blieben in der neugegründeten Pflanzstadt zurück. Durch sie wurde die neue Ansiedelung
der Trojaner erhalten; glücklichere Zeiten kamen, die Einwohner vermehrten sich,
und in späten Tagen blühte auf der Insel Kreta noch Pergamus, die Troerstadt.
Die andere aber richteten die Segel, und bald steuerte die Flotte wieder durch
die hohe See.
Sturm und Irrfahrten. Die Harpyien
Als kein Land mehr sichtbar und ringsherum nur Himmel und Gewässer war, sammelte
sich über den Häuptern der Schiffenden ein graues Gewölk, das Nacht und Sturm
herbeiführte, und die Woge fing in schwarzer Finsternis zu schauern an. Sofort
brachten Orkane das Meer in Aufruhr; Berge von Fluten stiegen auf; die Flotte
ward auseinandergeworfen, und die Schiffe trieben zerstreut über den strudelnden
Abgrund hin. Die schwarzen Wetterwolken raubten das Tageslicht und hüllten alles
in eine dichte Regennacht, welche nur Blitz auf Blitz aus den zerrissenen Wolken
erhellte. Dieses fürchterliche Ungewitter dauerte drei Tage und drei sternlose
Nächte, und während dieser Zeit wußte selbst der erfahrene Steuermann der Flotte,
Palinurus, nicht mehr, wo sich in dem blinden Dunkel die Schiffenden befanden
und welcher Himmelsgegend die umhergeworfenen Fahrzeuge zugetrieben wurden.
Endlich am vierten Tage legte sich der Sturm allmählich, ein fernes Gebirg zeigte
sich am Horizont. Dieser Anblick gab den Verzweifelnden den geschwundenen Mut
wieder. Als sie dem Lande näher gekommen waren, zogen sie die Segel ein, warfen
sich über die Ruder und wühlten mit aller Anstrengung in dem noch immer empörten
Meeresschaum.
Das Land, welches die Verirrten aufnahm, gehörte einer der beiden Strophadeninseln
an, die sich im großen Ionischen Meere befinden, der Pelopsinsel gegenüber.
Gerne gelesen werden auch:
Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt