Gustav Schwab - Äneas
admin am Mrz 29th 2008
seine Genossen in die Mauern aufgenommen und wallfahrteten vor allem andern
in den altertümlichen Tempel des Schutzgottes der Insel. Äneas warf sich in
tiefer Ehrfurcht vor dem Haus Apollos nieder und betete mit aufgehobenen Händen:
»Gib uns, du großer Beschützer des trojanischen Volkes, ein eigenes Haus, gönn
uns eine bleibende Statt; laß das Geschlecht deiner Schützlinge nicht aussterben,
hilf ihnen, ein zweites Troja zu gründen! Sprich, wer soll unser Führer sein?
Wohin schickst du uns? Gib uns ein Zeichen, großer Gott, offenbare dich unsern
Seelen!«
Kaum hatte der Held solches gesprochen, als die Schwelle des Gottes, der Lorbeerhain,
der den Tempel umgab, und das ganze Gebirge ringsumher sichtlich und fühlbar
erbebte, und aus den offenen Hallen des Tempels ertönte vom Dreifuße das Orakel
heraus: »Ausdauerndes Volk der Dardaner, ihr kehret in den Schoß eines Landes
zurück, das schon den Stamm eurer Ahnherren getragen hat. Eure alte Mutter suchet
ihr auf: von dort wird das Haus des Äneas in seinen spätesten Enkeln alle Länder
der Erde beherrschen.«
Bei der Stimme des Gottes hatten sich alle demütig zur Erde niedergeworfen.
Als sie den günstigen Ausspruch vernommen hatten, sprangen sie freudig wieder
auf; ein jubelndes Getümmel entstand, und sie befragten sich untereinander,
von welchem Lande wohl Apollo spreche und wo den Irrenden eine neue Heimat winke.
Als sie so untereinander beratschlagten, erhob der ehrwürdige Held Anchises,
der Vater des Äneas, der in die Kunde der Vorwelt eingeweiht war, seine Stimme:
»Laßt mich euch, ihr Häupter des Volkes«, sprach er, »eure Hoffnungen deuten.
Mitten im inselreichsten Meere liegt eine Insel, aus welcher Jupiter der Göttervater
selbst abstammt. Sie heißt Kreta und ist auch die Wiege unseres Volksstammes.
Und wie Trojas Hauptgebirg heißt auch die waldige Bergkette, die sich durch
dieses Inselland zieht, das Idagebirg. Zu seinen Füßen dehnen sich die fruchtbarsten
Fluren, und mit hundert Städten ist das Land geschmückt. Dorther soll unser
Stammvater Teucer ins troische Land gekommen sein, dorther all unser Götterdienst
stammen, und gewiß, dorthin führt uns auch jetzt Apollos Befehl: lasset uns
ihm folgen! Die Reise dorthin ist nicht allzuweit; schickt uns Jupiter Fahrwind,
so befindet sich unsere Flotte am dritten Morgen im Angesichte der Insel Kreta.«
Den Flüchtlingen wird Italien versprochen
Über diese Deutung waren die Auswanderer hocherfreut. Ehe sie wieder zu Schiffe
gingen, schlachteten sie dem Meeresgotte Neptunus und dem Apollo, der sie mit
seinem Orakel getröstet hatte, jedem einen Stier und den mächtigsten Winden
Lämmer, dem wilden Sturm ein schwarzes, dem sanften Zephyr ein weißes. Dann
verließen sie den Hafen von Delos, und ihre Schiffe durchflogen mit dem günstigsten
Fahrwinde die Wellen; es war das Inselmeer der Zykladen, das Gewässer schien
ganz vor Eilanden zu wimmeln, die da und dort mit ihren schneeweißen Marmorfelsen
aus den Fluten stiegen. Der heiterste Himmel begünstigte die Fahrt; in die Wette
steuerten die Fahrzeuge dahin, und von allen Seiten ertönte fröhliches Geschrei
der Schiffenden. »Auf, ihr Freunde, Kreta gesucht, das teure Heimatland unserer
Väter aufgefunden!«
Am dritten Morgen hatte die Flotte wirklich, wie es von Anchises vorausgesagt
worden war, den lachenden Strand der Insel Kreta erreicht; und als die Flüchtlinge
ausgeschifft waren und sich von den Einwohnern wohl aufgenommen sahen, fing
Äneas abermals mit großer Begierde die ersehnten Mauern einer Pflanzstadt zu
gründen an. Die Flotte war ans Ufer gezogen, und unter den fleißigen Händen
der Pflanzer stiegen bald Mauern und Häuser empor, und sie fingen an, sich wohnlich
einzurichten. Nach Pergamus, der Burg von Troja, gab Äneas der neuen Stadt den
Namen Pergamus; und auch sie erhielt ihre gesonderte Burg auf einem Hügel. Schon
beschäftigte sich die Pflanzung mit den ersten bürgerlichen Einrichtungen; unter
dem jungen Volke der Auswanderer wurden Ehen geschlossen, Äcker wurden verteilt,
und die Häupter des Volkes traten zusammen und berieten sich über die Gesetze
des erneuten Volkes; da bedrohte ein neues Unglück die armen Flüchtlinge mit
gänzlichem Verderben. Ein glutheißer Sommer brannte ringsum die Felder aus,
ohne Nahrung erkrankte die Saat, Gras und Kräuter verdorrten, auf den Bäumen
verwelkten die Blüten ohne Früchte; ein schreckliches Sterben riß unter den
Menschen selbst ein, und was der Tod verschonte, das schleppte sieche Leiber
umher. Auf einer Versammlung, in welcher der zusammenschmelzende Haufen über
seine trostlose Lage beratschlagte, stand Anchises mit bekümmertem Herzen auf
und riet seinen Unglückgefährten, die Schiffe wieder zu besteigen, rückwärts
nach dem Zykladenmeere zu steuern und wieder auf der Insel Delos das Orakel
dieses Gottes um gnädigen Aufschluß anzuflehen, wohin sie die Schiffahrt ferner
zu richten hätten und welches Ziel ihrer Not bestimmt sei. Diesem Rate trat
das gesamte Volk bei, und sie beschlossen, alles bewegliche Eigentum auf die
Schiffe zurückzubringen, sobald dieses geschehen sei, die Anker zu lichten und
die fast vollendete Stadt zu verlassen.
Als alle Vorbereitungen getroffen waren und unter fortdauerndem Elende die
letzte Nacht herankam, welche sie unter Kretas unglücklichem Himmel zuzubringen
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