Gustav Schwab - Äneas
admin am Mrz 29th 2008
oder mich von meiner Liebe befreien muß. Eine Äthiopierin, die in den Hesperidengärten
des Tempels dieser Göttinnen pflegt, ist hier und verspricht mir durch ihren
Zaubergesang entweder das Herz des Geliebten zu gewinnen oder mein eigenes der
Liebe los und ledig zu machen. Sie hat aber dazu gewisse Gebräuche vorgeschrieben.
Nun nehme ich selbst in einer Sache, die mich so nahe betrifft, nicht gerne
meine Zuflucht zu magischen Künsten; deswegen beschwöre ich dich, liebste Schwester,
errichte mir, wie die Zauberin vorgeschrieben, im innern Schloßhofe heimlich
einen Scheiterhaufen, lege darauf die Waffen des ungetreuen Mannes, die er in
seinem Gemache zurückgelassen hat, seine Gewande, die Betten seines Lagers.
Alle Überbleibsel des Schändlichen möchte ich vertilgen, und überdem ordnet
es die Priesterin so an.«
Dido sprach und verstummte, indem Totenblässe sich über ihr Antlitz verbreitete.
Ihre Schwester Anna mutmaßte indessen nicht, daß sich hinter diesem seltsamen
und neuen Opfergebrauch ein Gedanke des Selbstmords verstecke; sie ahnte nicht,
von welcher Raserei das Gemüt ihrer Schwester ergriffen sei; auch befürchtete
sie nichts Schlimmeres als beim Tode des ersten Gemahls ihrer Schwester, des
Tyriers Sychäus, und ging, sich ihres Auftrags zu entledigen.
Sobald aber der Holzstoß sich in die Luft erhob, aus Kien und Eichenholz aufgeschichtet,
erschien die Königin selbst, bekränzte ihn mit Zypressenzweigen und zog Blumenketten
rings um ihn her. Dann legte sie Schwert, Gewande und Bildnis des Äneas darauf;
und ringsum standen Altäre aufgerichtet. Die fremde Seherin mit fliegendem Haare
rief alle Götter der Unterwelt an und goß einen eigenen Höllentrank auf den
brennenden Scheiterhaufen aus; Kräuter, die mit Sicheln im Mondenschein abgemäht
worden waren, wurden daraufgeworfen und noch allerlei Beschwörungen vorgenommen.
Dann kehrte die trauernde Königin zur letzten Nachtruhe auf Erden in ihren Palast
zurück.
Äneas lag indessen, nachdem die Abfahrt beschlossen war, auf dem Hinterverdecke
des Schiffes, dem Schlummer hingegeben. Da erschien ihm noch einmal der Gott
Merkur im Traume und schien ihn zu ermahnen: »Sohn der Göttin, wie kannst du
in so gefährlicher Lage schlummern? Siehest du nicht, wie viele Gefahren dich
umringen? Hörst du die günstigen Westwinde nicht sausen? Betrug, gräßliche Frevel
der Rachgier wälzt die verlassene Königin in ihrem Herzen! Wirst du nicht fliehen,
solange du noch kannst?« Erschrocken sprang der Held vom Lager auf und trieb
die Genossen zur schleunigen Flucht an.
Die Morgenröte war inzwischen angebrochen, die Königin hatte den Söller bestiegen,
sah den Strand leer und die Flotte mit schwellenden Segeln auf der hohen See.
Schmerzvoll schlug sie mit der Hand an ihre Brust, raufte sich die blonden Locken
aus, und nach langem Wehklagen rief sie ihre Amme Barce und befahl, ihre treue
Schwester Anna herbeizurufen. Sobald sie sich allein sah, stürmte sie in den
innern Hof der Burg und bestieg, vom Taumel des Wahnsinns getrieben, das hohe
Gerüst, auf welchem das Schwert ihres treulosen Geliebten lag; dieses zog sie
aus der Scheide, warf sich auf das Bett und die Kleider des Helden, die zuoberst
ausgebreitet lagen, und sprach von dem hohen Holzstoße herab in die einsamen
Lüfte die Abschiedsworte: »Ihr süßen Überbleibsel glücklicherer Tage, nehmet
dies Leben von mir, erlöset mich von aller Betrübnis! Dido hat ausgelebt, hat
den vorgeschriebenen Lauf des Schicksals geendigt. Nicht als ein kleiner Schatten
wird sie zur Unterwelt hinabsteigen! Ich habe eine herrliche Stadt gegründet,
habe Mauern erblickt, von mir aufgebaute, habe meinen Gemahl Sychäus gerächt,
meinen feindseligen Bruder bestraft! In allem wäre ich glücklich gewesen, wäre
der Trojaner mit seiner Flotte nicht an Libyens Küste gelandet!« - Sie konnte
vor Schmerz nicht weitersprechen, drückte ihr Gesicht in den Pfühl und stieß
sich das Schwert in die Brust.
Auf ihr Stöhnen eilten ihre Dienerinnen aus dem Palast und sahen sie zusammengesunken,
den Stahl von Blut gerötet, die Hände bespritzt. Lautes Jammergeschrei tönte
durch die Gemächer und tobte durch die erschütterte Stadt. Mitten im Laufe -
denn sie war auf den Ruf der Alten mit dem letzen Opfergeräte herbeigeeilt -
vernahm Anna die entsetzliche Tat. Sie schlug sich die Brust mit den Fäusten,
zerfleischte mit den Nägeln ihr Antlitz und stürzte durch das Gedränge des sich
sammelnden Volkes in den Hof der Königsburg hinab. »Schwester, Schwester!« rief
sie der Sterbenden schon von weitem zu, »was hast du getan, wie hast du mich
betrogen? Warum hast du mich nicht zur Gefährtin deines Todes erkoren? Du hast
mich doch getötet; das Volk, deine Väter, die ganze Stadt hast du gemordet!«
Unter solchen Wehklagen erstieg sie die Stufen des Holzstoßes und umarmte die
kaum noch Atem holende Schwester, die mit Mühe den Blick erhob und deren schwarze
Wunde aufs neue zu bluten anfing. Dreimal strebte sie vergebens, sich aufzurichten,
und hauchte zusammengesunken den Geist in den Armen der Schwester aus.
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