Gustav Schwab - Äneas

admin am Mrz 29th 2008

um deinetwillen hassen mich die Völker Libyens, ja die Tyrier selbst, um deinetwillen
habe ich der Zucht entsagt, die mich unsterblich machte. Gastfreund, denn Gatte
bist du nicht mehr, wem lässest du die Sterbende zurück? Soll ich warten, bis
mein Bruder Pygmalion meine Mauern stürmt, bis der Numidier Jarbas mich in die
Gefangenschaft führt?«

So sprach die verzweifelnde Dido. Äneas aber, von Jupiter gewarnt, zeigte keine
Regung in seinem Blicke und preßte den Kummer ins Herz zurück. Endlich erwiderte
er kurz: »Solange ich mich selbst kenne, Königin, solange mein Geist in diesen
Gliedern sich regt, werde ich Didos Wohltaten nicht vergessen. Glaube nicht,
daß ich mich wie ein Dieb davonstehlen wollte; wir sind nicht vermählt, ich
habe nie die Brautfackel angesprochen, nicht zu solchem Bunde bin ich zu dir
gekommen. Erlaubte mir das Geschick, nach freier Wahl mein Leben einzurichten,
so würde ich zuerst die geliebte Heimat Troja und des Priamus Haus wieder aufrichten;
aber nach Italien heißt mich Apollo steuern, dort ist mein Herz und mein Schatz,
dort ist mein Vaterland. Darf ich meinen Sohn um das verheißene Reich betrügen?
Jupiter selbst verbietet es mir; Merkur, sein Bote, ist mir leibhaftig erschienen.
Deswegen quäle dich und mich nicht länger mit Klagen; nicht freiwillig suche
ich Italien auf!«

Seitwärts gewendet, blickte schon lange die Königin den Redenden an, ließ die
Augen rollen, maß ihn schweigend von der Sohle bis zum Scheitel und brach endlich
in die Worte der Entrüstung aus: »Keine Göttin hat dich geboren, nicht Dardanus
ist dein Ahn, aus den Felsen des Kaukasus bist du entsprossen, hyrkanische Tiger
haben dich gesäugt! Hat er bei meinen Tränen auch geseufzt? Hat er nur das Auge
gewendet, die Lebende beweint, bedauert? Als Bettler an den Strand geworfen,
habe ich ihn aufgenommen, die Flotte, die Genossen aus dem Rachen des Todes
ihm zurückgegeben, ihn zu meines Thrones Gemeinschaft erhoben: und nun schützt
er ein Orakel des Apollo, nun gar die Ankunft eines Götterboten vor und einen
Befehl der Himmlischen, als ob diesen der Treubruch am Herzen läge! Nun wohl,
ich streite nicht; ich halte dich nicht; suche dein Italien im Sturm! Wenn es
noch Götter gibt, wird meine Rache dich in den Klippen finden! Mein Schatten
zieht dir nach, und wenn du büßest, werd ich es in der Tiefe des Hades vernehmen!«
Atem und Stimme versagten der Unglücklichen, und sie wurde von den Armen ihrer
Dienerinnen aufgefangen.

Wohl fühlte sich Äneas versucht, den Kummer Didos durch liebreichen Trost zu
lindern, und seine eigene große Liebe zu der Königin bewegte ihm den Geist,
doch vermochte sie nicht, ihn wankend zu machen; er blieb dem Gebote der Götter
treu und ging nach seiner Flotte. Diese war bald segelfertig, und Dido mußte
es von der Zinne ihrer Burg mit ansehen, wie das Ufer von den Abziehenden wimmelte.
»Anna«, sprach sie zur herbeigerufenen Schwester, »siehest du das Getümmel längs
des ganzen Gestades? Hörst du die Segel in den Lüften schwirren, siehst du,
wie die Schiffer die Verdecke bekränzen? Ach, hätte ich das geahnt, ich würde
es auch zu ertragen vermögen! Jetzt aber bitte ich dich, Schwester, tu es mir
Armen zulieb; dich hat ja der Verräter immer geehrt, hat dir seine geheimsten
Gefühle anvertraut: geh zu ihm, Schwester, rede den stolzen Feind mit untertänigen
Worten an. Frag ihn, ob ich denn eine Griechin sei, die zu Aulis Trojas Untergang
mitbeschworen habe; ob ich die Asche seines Vaters Anchises frevelnd in die
Lüfte gestreut, daß er solche Rache an mir zu nehmen beschlossen? Heiß ihn wenigstens
bessere Zeit zur Flucht, günstigere Winde erwarten; ich verlange ja nicht, daß
er auf Italien verzichte; ich will nur eine Frist für meine wahnsinnige Liebe,
will nur Muße, bis ich mein Schicksal begreifen und trauern gelernt habe!«

Also flehete sie, und die geängstigte Schwester ging und trug dem Helden die
Tränen Didos noch einmal vor. Ihn aber vermochte kein Menschenwort ferner zu
erweichen; ein Gott verschloß dem gefühlvollen Manne das sonst jedem Schmerz
offene Ohr. Wie wenn die Nordwinde den uralten Stamm einer Eiche, von beiden
Seiten her ihn fassend, auszuwühlen sich abmühen: die Wipfel rauschen, der Stamm
bebt, fallende Blätter decken den Boden, sie aber haftet fest im Felsenboden,
und so hoch ihr Scheitel in die Luft ragt, so tief streckt sie ihre Wurzeln
hinunter in die Tiefe - geradeso wurde der Held von den beiden Schwestern mit
Bitten bedrängt, und er fühlte auch in seinem edlen Herzen alle die Qualen;
aber er blieb unbeweglich wie die Eiche.

Jetzt erst erkannte Dido den Willen des Schicksals und wünschte sich den Tod,
ja sie mochte den Himmel über sich nicht mehr sehen. Noch mehr bestärkte sie
in ihrem Entschlusse zu sterben, das schreckliche Zeichen, das ihr der Himmel
beim neuesten Opfer vor Augen stellte, wo der aus der Schale gegossene helle
Wein sich in schwarzes Blut verwandelte. Dieses Vorzeichen erzählte sie niemand,
selbst der Schwester nicht. Seitdem dachte sie nur darauf, wie sie alle die
Ihrigen täuschen und sich auf die sicherste Weise den Untergang bereiten könnte.
Deswegen trat sie mit heiterer Miene, Hoffnung in den Augen und das gräßliche
Vorhaben sorgfältig verbergend, vor die Schwester und sprach: »Preise mich glücklich,
liebe Anna! Ich habe ein Mittel gefunden, das mir den Treulosen entweder zurückgeben

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