Gustav Schwab - Äneas

admin am Mrz 29th 2008

Libyens. Diese, ein Wesen von seltsam beweglicher Gestalt, ist die Tochter der
Mutter Erde und die jüngste Schwester der Giganten. Sooft sie aus ihrer Verborgenheit
hervorgeht, ist sie anfangs ganz klein und schüchtern, aber im Fortschreiten
wächst sie an Kräften und Größe, erhebt sich bald in die Lüfte; und während
ihre Füße über den Boden gleiten, verbirgt sich ihr Scheitel in den Wolken.
Ihre Gestalt ist gräßlich, ihr Haupt ganz mit Flaumfedern bedeckt; soviel Federn,
soviel funkelnde Augen darunter; soviel Zungen und Mäuler, die nie schweigen,
soviel immer gespitzte Ohren. Nachts fliegt sie zwischen Erd und Himmel einher,
rauscht durch die Schatten, und nie schließen sich ihre Augenlider zum Schlummer.
Den Tag über aber lauscht sie hingekauert, bald am Giebel der Häuser, bald auf
den Zinnen der Türme, und schreckt Stadt und Land mit ihrem krächzenden Rufe;
und es ist ihr einerlei, ob sie Wahrheit verkündet oder Lug und Betrug meldet.

Dieses häßliche Wesen füllte auch jetzt mit mancherlei Gerüchten die Länder
Afrikas an und erzählte schadenfroh alles durcheinander, was geschah und nicht
geschah: Ein Fremdling sei gekommen, ein Mann aus trojanischem Geschlecht, Äneas
mit Namen, diesen habe sich die reizende Königin Dido zum Gemahl erkoren; sie
vergesse der Sorge für ihre Herrschaft, die Zügel der Regierung entglitten ihren
Händen und das Paar durchschwelge in Pracht und Üppigkeit den Winter. Solche
Sagen ließ die häßliche Göttin durch den Mund des Volkes gehen. Dann richtete
sie ihren Lauf plötzlich nach Numidien zu dem Könige Jarbas, dessen Hand kürzlich
von Dido verschmäht worden war. Diesem entflammte sie das gekränkte Herz durch
ihre Zuflüsterungen zum wildesten Grimme. Er war ein Sohn Jupiters und einer
libyschen Nymphe und hatte seinem Vater hundert prächtige Tempel in Numidien
erbaut, wo stets geschäftige Priester opferten und die Pforten immer mit Blumen
bekränzt waren. Dieser, von dem bitteren Gerüchte in Wut versetzt, warf sich
jetzt vor die Altäre und flehte mit rückwärtsgehobenen Händen zum Himmel empor:
»Allmächtiger Jupiter, dem die maurischen Völker alle dienen, siehest du das
und sendest deinen Blitz nicht? Ein landflüchtiges Weib, das für Geld sich ein
Städtchen gegründet hat, der ich in meinem Gebiete das Ufer zum Pflügen, das
Land zum Beherrschen verliehen habe, ein solches Weib hat trotzig meine Hand
verschmäht, ergibt sich dem glatten Trojaner und läßt den Weichling seines Raubes
genießen? Und wir sind solche Toren und hören nicht auf, in deinen Tempeln dir
Geschenke darzubringen, und glauben an deine Weltregierung!« So betete er und
faßte seines Vaters Altar. Jupiter hörte ihn und richtete seinen Blick vom Olymp
auf Karthago. Dann berief er seinen Sohn Merkur. »Was hat Äneas«, sprach er
zornig, »im feindlichen Lande zu schaffen? Nicht dazu habe ich ihn zweimal den
Waffen der Griechen und so oft den Stürmen entrissen. Rom soll er mir gründen!
Auf der Stelle soll er davonschiffen. Ich will’s! Und das sollst du ihm von
mir verkünden.« Wie ein Vogel durcheilte der Gott mit seinen fliegenden Sohlen
die Luft; bald war er in Karthago und fand hier den Helden Äneas, wie er eben
den Bau neuer Paläste überwachte. Sein Schwert funkelte von Edelsteinen; sein
Mantel, den Dido selbst gefertigt, glühte von Purpur; er glich vom Kopf bis
zur Sohle einem tyrischen Fürsten und nicht mehr einem Trojaner. Da stellte
sich Merkur, allen andern unsichtbar, neben ihn und schalt ihm ins Ohr: »Weibersklave,
hier stehest du, deiner Bestimmung und deines Reiches vergessend, und bauest
einer Fremden die Stadt! Weißt du nichts mehr von deinem Sohn Askanius und von
der Römerherrschaft, die du gründen sollst? Wisse, Jupiter sendet mich vom Olymp,
dich zu strafen, dich fortzutreiben!«

Der Gott war entflogen, ehe sich Äneas von seiner Betäubung erholen konnte;
aber das Göttergebot hallte in seiner Seele nach und gestattete ihm nicht mehr,
an anderes zu denken als an schleunige Flucht. Nachdem er seinen Vorsatz von
allen Seiten geprüft und erwogen, berief er seine vertrauten Genossen zu sich
an einen einsamen Ort und befahl ihnen, in aller Stille die Flotte zu rüsten,
die Genossen am Strande zu versammeln, die Waffen in Bereitschaft zu halten,
aber die Ursache dieses neuen Beginnens aufs vorsichtigste zu verheimlichen.
Er selbst wolle, noch bevor Dido den vom Himmel erzwungenen Treubruch ahne,
die günstigste Stunde ausspähen, um ihr so mild als möglich den Beschluß des
Schicksals beizubringen.

Aber wer kann sich vor einem liebenden Herzen verbergen? Die Königin merkte
den Betrug; war sie doch schon bange, als alles noch sicher war. Jetzt hatte
ihr die tückische Fama gemeldet, daß die Trojaner ihre Flotte rüsteten und die
Abfahrt betrieben. Wie wahnsinnig irrte sie in den Straßen ihrer Stadt umher,
und endlich trat sie vor ihren Geliebten selbst und sprach zu ihm: »Treuloser,
du hofftest dein Verbrechen mir zu verhehlen und dich schweigend aus meinem
Lande zu schleichen; meine Liebe, meine Hand, mein Tod kann dich nicht zurückhalten?
Mitten im Winter betreibst du die Fahrt, Grausamer, und willst dich lieber den
Nordwinden in den Arm werfen als in meinen Armen ruhen? Warum fliehest du mich,
Äneas? Bei diesen Tränen, bei deinem Handschlag, bei unserer begonnenen Ehe
beschwöre ich dich, wenn ich Gutes um dich verdient habe, wenn etwas an Dido
dir süß war, so ändere deine Gesinnung, so erbarme dich meines sinkenden Hauses;

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