Gustav Schwab - Äneas

admin am Mrz 29th 2008

Glaube mir, durch Gunst unserer Schutzgöttin Juno ist es geschehen, daß die
trojanischen Schiffe hier gelandet sind. Schwester, wie mächtig würde unsere
Stadt, wie mächtig das Reich durch eine solche Vermählung werden! Wie wird sich
der Ruhm der Pöner steigern, von den Waffen der Trojaner begleitet! Sei klug,
liebe Schwester, opfere den Göttern, stelle Gastgebote an, umstricke die Helden
mit Zögerungen aller Art, solange ihre Flotte noch zerschellt ist und die Winde
den Schiffen zuwider sind.« Anna entflammte mit diesen Worten Didos glühende
Seele noch mehr und schläferte alle Scheu in ihrem Herzen ein. Sie gingen zusammen
in die Tempel und opferten den Göttern. Dann führte Dido den geliebten Helden
durch ihre Stadt, zeigte ihm den sidonischen Königsglanz und feierte ihrem Gaste
zu Ehren ein neues Mahl; wieder herzte sie den Askanius, das Ebenbild seines
Vaters, wieder konnte sie nicht satt werden, den Helden von Trojas Leiden erzählen
zu hören.

Dies alles war der Göttermutter Juno vom Olymp herab nicht entgangen. Der rechte
Zeitpunkt, den Helden für immer um das verheißene Italien zu betrügen und das
Volk der Trojaner in fremden Stämmen sich verlieren zu lassen, schien ihr gekommen.
Sie suchte ihre Tochter Venus auf und begann heftig, doch freundlich zu ihr:
»Wahrhaftig, du und dein Knabe, ihr habt einen schönen Sieg davongetragen! Doch
wozu noch längeren Hader? Laß uns ein Ehebündnis und damit ewigen Frieden schließen!
Du hast, was du mit ganzer Seele suchtest: Dido glüht von Liebe zu Äneas. Wohlan!
laß uns die Völker verschmelzen, sie mag dem trojanischen Gatten dienen, und
die Tyrier sollen seine Hochzeitsgabe sein.«

Venus merkte die heimliche Absicht der Heuchlerin wohl; sie erwiderte aber
ganz willfährig: »Wie könnte ich so töricht sein, dir dieses zu verweigern,
Mutter? Wie könnte ich es wagen wollen, in endlosem Kampfe mich mit dir zu messen?
Ich fürchte nur, Jupiter möchte den Verein beider Völker nicht gestatten. Doch
du bist ja seine Gemahlin, dir ziemt es, sein Herz durch Bitten geneigt zu machen.
Was du zuwege bringst, ist mir recht.« »Laß das meine Sorge sein«, erwiderte
Juno vergnügt; »vor allen Dingen muß der Bund geschlossen werden. Laß mich nur
die Geschicke lenken, Geschehenem wird Jupiter seine Billigung nicht versagen.«
Zustimmend und freundlich nickte Cythere, aber im Herzen spottete sie des Betrugs.

Am nächsten Morgen veranstaltete die Königin eine große Jagd, ihren fremden
Gästen zu Ehren. Auserlesene Jünglinge mit Schlingen, Netzen, breiten Jagdspießen,
von Reitern und Spürhunden begleitet, verließen die Tore. Vor dem Palaste stand
der Zelter der Königin, mit Gold geschmückt und mit Purpurdecken behangen, und
kaute mutig an seinem beschäumten Gebiß; an der Pforte harrten die Pönerfürsten.
Endlich trat Dido heraus, umdrängt von großem Jagdgefolge; sie trug ein buntgesticktes
sidonisches Jägerkleid, darüber einen mit goldener Schnalle aufgeschürzten Purpurrock;
ein goldenes Diadem umschlang ihre Stirne, und von der Schulter hing ihr der
goldene Köcher. Vier Trojaner waren in ihrem Zuge, darunter auch der muntere
Julus. Endlich schloß sich der schönste von allen, Äneas, mit seinen vertrautesten
Helden ebenfalls der Begleitung an.

Als die Gesellschaft das Gebirg erreicht hatte, zerstreute sie sich bald auf
der unwegsamen Wildbahn; von den Felsenkuppen sah man bald Gemsen über die Hügel
her stürzen; auf der andere Seite verließen Hirsche in stäubender Flucht ihre
Berge, drängten sich in bange Haufen zusammen und durchrannten die offenen Felder.
Mitten im Tale tummelte der Knabe Julus sein mutiges Pferd und flog damit bald
an diesen, bald an jenen Jägern vorüber; das schüchterne Wild war ihm viel zu
gering, immer hoffte er, es werde ein schäumender Eber angelaufen kommen oder
ein Löwe mit gelber Mähne hinter dem Hügel hervorschreiten.

Die Jäger waren so ganz in ihre Lust vertieft, daß sie nicht merkten, wie der
Himmel sich zu verdunkeln begann, und das drohende Ungewitter, das sich in den
Wolken zusammenzog, erst entdeckten, als der Wind durch die Bäume sauste und
plötzlich Regen und Hagel herniederströmte. Tyrier und Trojaner suchten, zerstreut
und verirrt, durch Felder und Wälder sich verschiedenen Schutz vor dem Unwetter.
Während nun angeschwollene Waldströme von den Bergen stürzten und ein Zufluchtsort
vom andern vereinzelt und abgeschnitten wurde, fanden sich durch Junos Veranstaltung
die Königin Dido und der Trojanerheld Äneas zugleich in der nämlichen Grotte
zusammen, um vor dem immer tobenderen Ungewitter Schutz zu finden. Mit dem Aufruhre
der Natur, beim Leuchten der Blitze und dem Krachen des Donners entfesselte
sich auch die bisher zurückgehaltene Neigung der Königin; sie vergaß aller weiblichen
Scheu und gestand dem Helden ihre glühende Liebe. Da schwanden dem betörten
Äneas die göttlichen Verheißungen, er erwiderte ihre Zärtlichkeiten und versiegelte
mit einem leichtsinnigen Schwur die Ausbrüche ihrer Leidenschaft.

Äneas verläßt auf Jupiters Befehl Karthago

Das Ungewitter war vorüber, die Jagdgesellschaft hatte sich wieder zusammengefunden,
und Äneas kehrte an Didos Seite nach der Stadt und in den Palast zurück. Ein
Freudenfest folgte auf das andere, keiner Abfahrt ward gedacht, und der Winter
kam heran.

Jetzt machte sich Fama, die Göttin des Gerüchtes, auf und durchflog die Städte

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