Gustav Schwab - Äneas
admin am Mrz 29th 2008
Der Liebesgott gehorchte dem Gebot seiner Mutter, er entledigte sich in aller
Eile seiner Flügel und wandelte in kurzem, vergnügt über die Rolle, die er zu
spielen hatte, dem kleinen Julus oder Askanius täuschend ähnlich, an der Hand
des Achates, der keinen Betrug ahnte, der Königsstadt entgegen. Den wahren Askanius
hatte Venus im Schlummer in ihr eigenes Gebiet, in den Hain Idaliums, entführt
und ihn dort in duftenden Majoran unter kühle Schatten gelegt.
Als Achates mit dem kleinen Gott an der Hand in Karthagos Burg eintraf, hatte
sich die Königin schon auf einem goldenen, mit köstlichen Teppichen gepolsterten
Throngestelle in der Mitte des Saales niedergelassen; Äneas und die trojanischen
Helden kamen von allen Seiten herbei und lagerten sich die Tische entlang auf
purpurne Polster; Diener boten Reinigungswasser und Handtücher herum und langten
das Brot aus den Körben hervor; fünfzig Mägde standen in langen Reihen in der
Küche, vor den dampfenden Speisen an flammenden Herden; andere hundert Mägde
und ebenso viele schmucke Diener türmten die Gerichte auf den Tischen umher
und stellten die goldenen Becher vor die Gäste. Auch die Tyrier kamen jetzt
scharenweise herbei und lagerten sich auf das Gebot ihrer Königin an den Tafeln.
Die Geschenke des Äneas wurden herumgegeben und bewundert. Dann richteten sich
aller Blicke auf den kleinen vermeintlichen Julus, der mit heuchlerischen Umarmungen
sich an den Hals seines Vaters warf, seinen Mund mit Küssen bedeckte und wunderkluge
Worte dazu sprach. Die arme Dido besonders, die schon von dem Gott ihrem Verderben
geweiht war, konnte ihr Gemüt gar nicht sättigen und blickte bald den Knaben,
bald die Geschenke mit immer funkelnderen Augen an. Der kleine Liebesgott riß
sich endlich von dem erheuchelten Vater los und eilte auf die Königin zu. Diese
nahm ihn arglos auf die Arme, blickte ihn liebreich an und herzte ihn zärtlich,
ohne zu ahnen, welch ein mächtiger Gott sich ihr anschmiege. Amor aber, den
listigen Befehlen seiner Mutter gehorsam, vermischte allmählich das Bild des
verblichenen Gemahls in ihrem Geist und reizte die erstorbenen Gefühle ihrer
Brust zu neuer lebendiger Neigung.
Der Schmaus ging zu Ende, die Gerichte wurden von den Tafeln genommen, gewaltige
Weinkrüge aufgestellt und die Becher aufs neue gefüllt. Lautes Rauschen wälzte
sich durch die Säle des Palastes; die Nacht war herbeigekommen, und flammende
Kronleuchter hingen von dem goldenen Deckengetäfel herunter. Jetzt ließ sich
Dido die herrlichste Schale, schwer von Gold und Edelsteinen, reichen und füllte
sie bis zum Rande mit Wein; sie war längst der Mundbecher aller tyrischen Könige.
Diese hielt die Königin, von ihrem Throne sich erhebend, hoch in der Rechten,
und in diesem Augenblick verstummte der Lärm in den Sälen des Palastes. »Jupiter«,
sprach sie mit feierlicher Stimme, »Mächtiger Beschirmer des Gastrechtes, laß
diesen Tag den Tyriern und unsern trojanischen Freunden günstig sein, und unsere
späten Enkel mögen desselben noch mit Lust gedenken! Auch du, Freudengeber Bacchus,
auch du, huldreiche Juno, sei mit uns!« So sprechend, goß sie das Trankopfer
auf den Tisch aus, nippte dann von der goldenen Schale selbst und bot sie dem
tyrischen Häuptlinge, der ihr zunächst saß. Nun machte der Pokal bei Tyriern
und Trojanern die Runde, und derweil sang ein lockiger Sänger zur goldenen Zither
sinnvolle Lieder vom Ursprunge der Welt, der Menschen und der Tiere. Als der
Gesang zu Ende war, hing Dido an dem Munde des erzählenden Äneas, vernahm seine
Schicksale mit pochendem Herzen und schlürfte in langen Zügen das Gift der süßen
Liebe ein.
Didos Liebe betört den Äneas
Die Mienen, die Worte des Helden gruben sich der Königin tief ins Herz. Als
die Gäste den Palast längst verlassen hatten und sie wenige schlaflose Stunden
auf ihrem Lager zugebracht, suchte sie das Gemach ihrer geliebten Schwester
und vertrautesten Freundin Anna auf und begann dieser ihr ganzes Herz aufzuschließen.
»Schwester Anna«, sprach sie, »mich ängstigen wunderbare Träume. Welch ein seltener
Gast hat unsere Wohnungen betreten! Welche Waffen, welcher Mut, welche Blicke!
Man sieht ihm wohl an, daß er von den Göttern abstammt! Und welches Geschick
hat er erfahren, welche Kriege durchgekämpft, welche Fahrten bestanden! Wahrhaftig,
Schwester, wenn ich nicht unwiderruflich beschlossen hätte, mich durch das Band
der Ehe keinem Mann mehr zu gesellen, seit der Tod mich um meine Erstlingsliebe
betrogen hat: dieser einzigen Schwäche könnte ich vielleicht unterliegen. Aber
eher soll mich die Erde verschlingen, eher der Blitz mich treffen, ehe ich meinem
ermordeten Gemahl die Treue breche; er hat meine Liebe mit sich fortgenommen,
er behalte sie auch im Grabe!« Tränen erstickten ihre Stimme, und sie vermochte
nicht weiterzusprechen.
Ihre Schwester blickt sie mitleidig an und erwiderte: »Dido, ich liebe dich
mehr als mein Leben; willst du deine holde Jugend denn ganz im Witwengram verjammern?
Meinst du, der Staub deines Gatten kümmre sich um deine Entsagung? Kommt es
dir denn gar nicht in den Sinn, in welchem Gebiete du hausest, daß du auf der
einen Seite von kriegerischen Gätulen, von unbändigen Numidierstämmen, von ungastlichen
Sandbänken, auf der andern Seite von wasserlosen Wüsten eingeschlossen bist?
Und welche Kriege drohen dir von Tyrus her, von deinem unversöhnlichen Bruder?
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