Gustav Schwab - Äneas
admin am Mrz 29th 2008
»Verbannet die Angst aus euren Herzen, Trojaner! Mein Schicksal ist so hart,
mein Reich ist so jung, daß ich genötigt bin, die Grenzen des Landes ringsumher
durch strenge Wachen sicherzustellen. Trojas Stadt aber und ihr unglückliches
Volk, ihre Helden, ihren Waffenruhm, ihre fürchterliche Zerstörung kennen wir
gar wohl. Unsere Stadt ist nicht so abgelegen, daß sie nichts von ihrem Schicksale
wüßte; unsere Herzen sind nicht so unempfindlich, daß es uns nicht rührte. Möget
ihr euch denn Hesperien zum Wohnsitz erwählen oder Siziliens Insel: in beiden
Fällen getröstet euch meiner Hilfe, ich will euch mit allem Nötigen versehen
und in Frieden ziehen lassen; es wäre denn, daß ihr euch lieber hier im Lande
ansiedeln wolltet! Wollet ihr das, so steht euch frei, eine Stadt zu gründen,
und meine Gesetze sollen euch denselben Schutz verleihen wie meinen eigenen
Untertanen. Was euren König betrifft, so sende ich auf der Stelle sichere Männer
an meine Ufer und im Lande umher, um ihn auszuspähen, ob er nicht irgendwo gestrandet
in Wäldern oder in Städten umherirrt.«
Die beiden Helden in der Wolke brannten vor Begierde, den Nebel zu durchbrechen,
als sie solches vernahmen. »Hörst du es, Sohn der Göttin«, flüsterte zuerst
Achates seinem erhabenen Freunde zu, »die Schiffe, die Freunde alle sind gerettet;
nur einer fehlt, den wir selbst ins Meer sinken sahen; sonst entspricht alles
den Verheißungen deiner Mutter.« Kaum war dieses gesprochen, als die Nebelwolke
sich von selbst teilte und in den offenen Äther verschwand. Da stand nun Äneas
im heiteren Lichte, wie ein Gott an Schultern und Haupte glänzend: seine Mutter
hatte ihm schönes wallendes Lockenhaar aufs Haupt, das Purpurlicht der Jugend
auf die Wangen und in das heitere Auge den Strahl der Huld gezaubert. Wie ein
Wunder stand er vor allen da, wandte sich zur Königin und sprach: »Da bin ich,
nach dem ihr verlanget, aus den Wellen Libyens gerettet, ich, ich der Trojaner
Äneas! Edle, großmütige Königin, die du die Trümmer eines unglücklichen Volkes
erbarmungsvoll in deine Stadt aufgenommen hast, keiner von allen Trojanern,
die über die ganze Erde zerstreut sind, kann dir würdigen Dank bezahlen; mögen
dir die Himmlischen vergelten! Selig sind die Eltern, die dich gezeugt haben!
Solange die Erde stehet, wird dein Name bei uns von Ruhme strahlen, welches
Land uns auch rufen mag!« So sprach Äneas und eilte auf seine Freunde zu, die
Rechte, die Linke ihnen um die Wette darreichend. Als sich Dido vom ersten Erstaunen
erholt hatte, sprach sie: »Sohn der Göttin, welches Schicksal verfolgt dich
durch solche Gefahren? Du bist also jener Äneas, welchen einst Anchises, dem
Trojaner, die erhabene Göttin Venus an den Wellen des Simois geboren hat! Wohl
hab ich vieles von den Schicksalen deines Geschlechts und deines Volkes von
meinem Vater Belus vernommen. Als dieser in Zypern kriegte, kam der Argiver
Teucer, Telamons Sohn, zu ihm, der dort nach dem Trojanischen Krieg eine Niederlassung
gegründet hatte; dieser erzählte viel von euren Heldentaten. Er war zwar euer
Feind im Kriege, aber zugleich euer Blutsverwandter, denn auch er rühmte sich,
vom alten Geschlechte der Teukrer abzustammen; seine Mutter Hesione, welche
Telamon als eine Kriegsgefangene von seinem Freunde Herkules zum Geschenk erhalten
hatte, war eine Tochter des trojanischen Königs Laomedon. Nun aber, ihr Männer,
tretet getrost in unsere Häuser ein; auch ich bin eine Verbannte, auch ich fand
nach langen Mühsalen erst in diesem Lande Ruhe. Ich bin wohlvertraut mit dem
Jammer und verstehe mich auf den Beistand Unglücklicher.«
So sprach Dido und führte den Helden unverzüglich in ihren Palast, auch ordnete
sie in allen Tempeln ein prächtiges Opferfest an. Das Innere der Burg wurde
mit königlichem Prunke ausgeschmückt und in den schönsten Sälen des Palastes
ein Festmahl zugerichtet. Kunstvolle Purpurteppiche prangten überall, schweres
Silber belastete die Tische, goldene Pokale mit erhabener Kunstarbeit schimmerten
allenthalben.
Indessen ließ dem edlen Äneas seine Vaterliebe keine Ruhe; er schickte den
treuen Diener Achates schleunig zu der Flotte, dem Knaben Askanius die frohe
Botschaft zu verkündigen und ihn selbst herbeizuführen. Auch allerlei Ehrengeschenke,
die er aus dem Schutthaufen Trojas gerettet, befahl er herbeizubringen: einen
prächtigen Mantel mit goldgewirkten Bildern, den Schleier Helenas, ein Wundergeschenk
ihrer Mutter Leda, den sie aus Sparta mitgebracht, den Zepter der Ilione, der
ältesten Tochter des Priamus, ein Halsgeschmeide von Perlen und eine Krone,
von Gold und Edelsteinen glänzend. Mit diesen Aufträgen eilte Achates nach den
Schiffen.
Dido und Äneas
Aber die himmlische Mutter des Helden war nicht beruhigt über sein Schicksal,
sie fürchtete die doppelzüngigen Tyrer und das betrügliche Königshaus. Auch
daß Juno, die Todfeindin des Äneas, Schutzgöttin des Landes war, machte ihr
schwere Sorge. Sie sann deswegen auf eine ganz neue List. Ihr Sohn, der Liebesgott,
sollte die Gestalt des Knaben Askanius annehmen und an seiner Stelle in Karthagos
Hofburg erscheinen. Würde nun Dido den holden Jungen beim königlichen Schmause
auf den Schoß nehmen und ihn harmlos herzen und küssen, so sollte ihr Amor das
heimliche Feuer und betörende Gift der Liebe einhauchen.
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