Gustav Schwab - Äneas
admin am Mrz 29th 2008
Viertes Buch
Äneas - Erster Teil
Äneas verläßt die trojanische Küste
Seinen Vater Anchises auf den Schultern, seinen Sohn Askanius an der Hand,
geschützt von seiner Mutter Venus, war der trojanische Held Äneas dem Brande
seiner eroberten Vaterstadt entronnen und am Fuße des Idagebirges, wo dieses
in das Meer ausläuft, in der kleinen Hafenstadt Antandrus angekommen. Hier sammelten
sich um ihn befreundete Flüchtlinge in großer Anzahl, Männer, Frauen und Kinder,
lauter unglückliche, des Vaterlands verlustige Menschen, und alle bereit, unter
seiner Anführung eine neue Heimat aufzusuchen. Noch ungewiß, wohin sie das Geschick
führen, wo es ihnen Ruhe vergönnen würde, fingen sie mit Hilfe der geretteten
und zusammengeschossenen Habe sich eine Flotte zu zimmern an, die mit dem ersten
Beginne des Frühlings fertig war, unter Segel zu gehen. Der älteste Trojaner,
der sich in ihrer Mitte befand, der greise Held Anchises selbst, gab das Zeichen
zum Aufbruch und sagte zuerst dem unterjochten Geburtsland ein ewiges Lebewohl.
Weinen und Wehklagen ertönte von den Schiffen, als sie sich von der Heimatküste
losrissen, und bald war diese aus den Blicken der Flüchtlinge verschwunden.
Nach einer ununterbrochenen Fahrt von mehreren Tagen landete die Flotte an
dem Gestade Thrakiens, das vorzeiten der wilde Verächter des Bacchus, der König
Lykurgus, beherrscht hatte, dessen jetzige Bewohner aber, solange der Staat
der Trojaner noch bestand, durch gleichen Götterdienst und Gastfreundschaft
mit diesen aufs genaueste verbunden waren. Doch hatte dies Verhältnis eine grausame
Störung erlitten; denn als das Glück von Troja zu wanken begann und Ajax der
Telamonier vom Schiffslager der Griechen aus einen Streifzug zur See gegen die
mit Priamus verbündeten Thrakier unternommen hatte, lieferte Polymnestor, der
treulose König des Landes, den jungen Sohn des trojanischen Königs, Polydorus,
den Griechen aus und erkaufte sich mit dieser Gabe den Frieden. Der Jüngling
aber wurde von den Belagerern unter den Mauern Trojas und vor den Augen des
Vaters gesteinigt.
Doch Äneas wußte nicht, an welchem Ufer er mit seinen Schiffen vor Anker gegangen
war. Voll Freude, eine wirtliche Küste erreicht zu haben, betrat er mit seinen
Freunden das Land, und ohne von den Eingeborenen gehindert zu werden, schritten
sie zu einer Niederlassung und legten den Grund zu einer neuen Stadt, in deren
ruhigem Besitze sie sich von den Schlägen des Schicksals zu erholen gedachten
und welcher Äneas, als das Haupt der Auswanderer, seinem eigenen Namen nach
den Namen Änus beilegte. Der Bau war schon im Werden, und der fromme Held wollte
für sein Werk den Schutz der Unsterblichen erflehen; er brachte Jupiter dem
Göttervater und seiner eigenen Mutter Venus einen untadligen Stier am Gestade
zum Opfer. In der Nähe befand sich ein heiterer Hügel, auf welchem Kornellen
und Myrten in üppigem Wuchse wucherten. Nach diesem Wäldchen hatte sich Äneas
begeben, um die frisch errichteten Rasenaltäre mit Laub und Zweigen zu bedecken.
Da erfuhr er ein Grausen erregendes Wunder. Sobald er einen Strauch aus den
Wurzeln reißen wollte, quollen aus diesen schwarze Blutstropfen und flossen
auf den grünen Waldboden, daß dem Helden selbst in den Adern das Blut erstarrte.
Angstvoll warf sich Äneas auf die Erde und flehte zu den Nymphen des Waldes
und zu Bacchus, dem Schutzgotte der thrakischen Fluren, die Schrecken abzuwenden,
mit welchen dieses Wunderzeichen ihm drohte. Dann ergriff er mit erneuter Kraft
ein drittes Bäumchen, und mit dem Knie auf den Boden gestemmt, versuchte er,
es zu entwurzeln. Da ließ sich ein klägliches Stöhnen aus dem Boden vernehmen,
und endlich kam ihm eine Stimme zu Ohren, welche in verlorenen Tönen sprach:
»Was quälest du mich, unglücklicher Äneas? Meine Seele wohnt in diesem Boden,
in den Wurzeln und Ästen dieses Waldes, in welchem ich als Kind einst ahnungslos
spielte. Ich bin dein Stammesgenosse, dein Verwandter, Äneas, bin Polydorus,
der Sohn des Priamus, der einst von seinem Pflegevater an die Griechen verraten
und vor deinen Augen unter Trojas Mauern zerschmettert ward. Mein Gebein ist
von mitleidigen Thrakiern gesammelt und hier im Vaterlande bestattet worden.
Verletze meine Freistätte nicht, du selbst aber fliehe dieses Ufer, das dir
und allen Trojanern mit Unheil droht; denn noch herrscht das Geschlecht des
Verräters in diesem Lande.«
Als Äneas sich vom ersten Schrecken erholt hatte, kehrte er zu den Seinigen
zurück und meldete das Gesicht zuerst seinem Vater und dann den andern Häuptlingen
des ausgezogenen Volkes. Alle vereinigten sich, mit ihm die verruchte Stätte
des entweihten Gastrechts zu verlassen. Die begonnenen Arbeiten wurden eingestellt,
und nachdem sie dem unglücklichen Polydorus ein Totenfest gefeiert, schoben
die Trojaner ihre Schiffe wieder vom Strande, bestiegen sie und verließen mit
ihnen den Hafen. Günstiger Wind führte sie bald weit in die offene See hinaus,
und nach glücklicher Fahrt erschien ihnen mitten im Meer, unter vielen andern
Inseln, ein wunderliebliches kleines Eiland, das sich lachend aus den Fluten
emporhob. Sein Name war Delos, es war einst eine schwimmende Insel gewesen;
Apollo war hier geboren und hatte sich ihrer, als sie wie unentschlossen um
andere Inseln und Küstenländer herumirrte, mitleidig angenommen und sie in der
Mitte der Zykladeninseln in dem Meeresgrunde befestigt, daß sie hinfort den
Stürmen trotzen und glückliche Bewohner nähren konnte. Die Menschen, die sich
dort ansiedelten, hatten dankbar ihre Stadt dem Apollo geweiht und waren gastliche,
gute Leute. Dorthin steuerte Äneas mit seiner Flotte, und ein sicherer Hafen
nahm die müden Seefahrer auf. Sie landeten und betraten die Stadt, die dem Fernhintreffer
Phöbus Apollo gewidmet war, mit tiefer Ehrfurcht. Ihr König Anius, der zugleich
Priester des Phöbus war, wandelte, mit der heiligen Binde um die Schläfe und
dem Lorbeer in der Hand, den Ankömmlingen entgegen und erkannte in dem greisen
Anchises einen alten Gastfreund. Unter Gruß und Handschlag wurden Äneas und
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