Gustav Schwab – Achill neu bewaffnet

admin am Okt 13th 2011


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Troja auf der Stelle erobern. Auf dies Zugeständnis gingen die Götter sogleich
zweierlei Wege: Hera die Göttermutter, Pallas Athene, Poseidon, Hermes und Hephaistos
eilten zu den Schiffen der Griechen; Ares ging unter die Trojaner und mit ihm
Phöbos und Artemis, beider Mutter Leto, der Flußgott Skamander, bei den Göttern
Xanthos genannt, und Aphrodite.

Solange die Götter sich noch nicht unter die heranrückenden Heere gemischt
hatten, trugen die Griechen das Haupt hoch, weil der schreckliche Achill wieder
in ihrer Mitte war. Den Trojanern zitterten die Glieder vor Angst, als sie von
ferne den Peliden in seinen blinkenden Waffen erblickten, dem furchtbaren Kriegsgott
ähnlich. Plötzlich aber erschienen die Götter in beiden Heeren und drohten den
Kampf wieder unentschieden zu machen. Da stand Athene bald außerhalb der Mauer
am Graben, bald am Meeresstrand und ließ ihren mächtigen Ausruf hören. Auf der
andern Seite ermahnte Ares bald von der obersten Höhe der Stadt die Trojaner
brüllend wie ein Sturm, bald durchflog er die Reihen am Simoisfluß. Durch beide
Scharen tobte Eris, die Göttin der Zwietracht; dazu donnerte gräßlich vom Olymp
herab Zeus, der Beherrscher der Schlachten; Poseidon erschütterte die Erde von
unten, daß die Häupter aller Berge und die Wurzeln des Ida wankten und Pluto
selbst, der Fürst der Nacht, erschrak und bebend von Throne sprang, weil er
fürchtete, ein Erdriß möchte sein geheimnisvolles Reich Sterblichen und Göttern
offenbaren. Nun stellten sich die Götter einander unmittelbar im Kampfe entgegen:
dem Meergotte Poseidon begegnete Phöbos Apollo mit seinen Pfeilen, dem Kriegsgotte
Pallas Athene, der Göttermutter Artemis mit dem Bogen, Hermes der Leto, dem
Hephaistos Skamander.

Während so Götter auf Götter zurückten, suchte Achill im Gewühle nur den Hektor
auf, Apollo aber, in den Sohn des Priamos Lykaon verkleidet, schickte ihm den
Helden Äneas entgegen, daß dieser von Mut beseelt, im schimmernden Erzpanzer,
schnell in die vordersten Reihen vordrang. Doch blieb der Held im Getümmel der
Heranziehenden nicht unbemerkt von Hera; schnell sammelte sie die ihr befreundeten
Götter um sich und sprach: »Überleget ihr beide, du, Poseidon, und Athene, du,
wohin unsere Sache sich jetzt wende. Dort kommt, von Phöbos gereizt, Äneas gegen
den Peliden angestürmt: diesen müssen wir entweder verdrängen, oder es muß einer
von uns die Kraft des Achill erhöhen, daß er spüre, die mächtigsten der Götter
seien mit ihm. Heute nur soll ihm nichts vom Trojanervolke geschehen, nur deswegen
sind wir alle ja vom Olymp herabgekommen. Künftig mag er erdulden, was die Parze
ihm bei seiner Geburt gesponnen hat.« »Sei besonnen, Hera«, erwiderte Poseidon,
»ungerne möcht ich, daß wir, ich und ihr anderen, vereinigt gegen die Götter
anrennten; es wäre nicht ziemlich, denn wir sind die weit Überlegenen: laßt
uns vielmehr abseits vom Wege dort auf die Warte uns niedersetzen. Wenn aber
Ares oder Apollo zuerst den Kampf anheben, wenn sie den Achill hindern und sich
ihn nicht frei im Streite bewegen lassen, alsdann haben auch wir ein Recht,
am Gefechte teilzunehmen, und gewiß kehren unsere Gegner, von unserer Kraft
gebändigt, eilig in den Olymp zur Schar der andern Götter zurück!« Der Meergott
wartete nicht auf die Antwort, sondern schüttelte seine finstern Locken und
ging voran auf den Wall des Herakles, den vorzeiten Pallas und die Trojaner
diesem zum Schutze gegen die Meerungeheuer aufgetürmt hatten. Dorthin eilte
Poseidon, die andern Götter folgten ihm, und hier saßen sie nun, die Schultern
in undurchdringlichen Nebel gehüllt. Gegenüber auf dem Hügel Kallikolone setzten
sich Mars und Apollo; und so lagerten die Unsterblichen säumend und sinnend,
getrennt, aber kampfbereit und nicht ferne voneinander.

Unterdessen füllte sich ringsum das Gefilde und strahlte vom Erz der Streiter
und der Wagen, und der Boden dröhnte vom Fußtritte der Herankommenden. Doch
bald erschienen zwei Männer, einer aus jedem Heere, kampfbegierig hervorgerannt:
Äneas, der Sohn des Anchises, und Achill der Pelide. Zuerst schritt Äneas heraus;
vom schweren Helme nickte sein Federbusch, den riesigen Stierschild hielt er
vor die Brust und schwenkte seinen Wurfspieß drohend. Als der Pelide dies sah,
drang auch er wie ein grimmiger Löwe mit Ungestüm vor. Wie sie ganz nahe aneinander
waren, rief er: »Was wagst du dich so weit aus der Menge hervor, Äneas? Hoffst
du etwa, das Volk der Trojaner zu beherrschen, wenn du mich erregst? Törichter,
diese Ehre wird dir Priamos nie einräumen, hat er doch Söhne die Fülle, und
er selbst der Alte, gedenkt noch nicht vom Throne zu steigen. Oder versprachen
dir vielleicht die Trojaner ein köstliches Landgut, wenn du mich erschlügest?
Habe ich dich doch, wie ich meine, im Beginne dieses Kampfes schon einmal mit
meiner Lanze verfolgt! Denkst du nicht mehr daran, wie ich dich, den Vereinzelten,
dort von den Rinderherden weg die Höhen des Ida hinabjagte? Da schautest du
dich im Fliehen nicht einmal um, und bis nach der Stadt Lyrnessos trugen dich
deine Füße. Ich aber warf diese mit Pallas und Zeus in Trümmer; und nur die
Barmherzigkeit des letzteren rettete dich, während ich Weiber und Beute genug
davonführte. Doch heute werden dich die Götter nicht zum zweiten Male retten;
ich rate dir, begib du dich schleunig wieder unter die Menge zurück und hüte
dich, mir zu begegnen, daß dir kein Leid geschehe!« Dagegen rief Äneas: »Hoffe


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