Gustav Schwab – Achill neu bewaffnet
admin am Okt 13th 2011
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Nymphen als Dienerinnen, die aus den Umhüllungen ihrer Schleier herrliche Kampfpreise
hervorzogen und vor den Augen der Achajer auf dem Felde ausbreiteten. Thetis
selbst ermunterte die Helden, mit den Kampfspielen den Anfang zu machen. Da
erhub sich der Sohn des Neleus, Nestor, doch nicht um zu kämpfen, denn das hohe
Alter hatte ihm die Glieder steif gemacht, sondern zur lieblichen Rede und pries
die holde Tochter des Nereus. Er erzählte von ihrer Hochzeit mit Peleus, bei
der die Unsterblichen selbst als Gäste schmausten und die Horen göttliche Speisen
in goldenen Körben herbeibrachten und mit ambrosischen Händen sie aufschichteten.
Die Nymphen mischten den Göttertrank in goldene Becher, die Grazien führten
ihren Reigen, und die Pieriden sangen. Der Äther und die Erde, Sterbliche und
Unsterbliche, alles nahm damals an der seligen Freude teil.
So erzählte Nestor und pries dann die ewigen Taten des Peliden, der diesem
Ehebund entsproßt war. Seine Rede goß sanften Trost in die Seele der betrübten
Mutter, und die Argiver, obwohl voll Kampflust, hörten doch mit Wonne zu und
stimmten in sein Lob des Helden jubelnd ein. Thetis übergab dem Nestor als Vermächtnis
zwei der herrlichsten Rosse ihres Sohnes; dann schied sie aus den mitgebrachten
Gaben als Preis für den Sieg im Wettlaufe zwölf stattliche Kühe, jede mit einem
saugenden Milchkalbe; sie waren eine Beute ihres Sohnes, der sie einst kämpfend
von den Berghöhen des Ida hinweggetrieben. Nun erhuben sich unter den griechischen
Helden Teucer, der Sohn des Telamon, und der Lokrer Ajax, des Oïleus schneller
Sohn, und entkleideten sich zum Laufe bis an den Gürtel. Agamemnon steckte das
Ziel des Wettlaufs; wie Habichte stürmten sie dahin, und rechts und links jauchzten
ihnen die zuschauenden Griechen Beifall zu. Schon waren beide dem Ziele nah,
als dem Teucer ein Tamariskengesträuch den Weg versperrte, daß er strauchelte
und fiel. Laut schrien die Danaer, der Lokrer aber stürmte an ihm vorbei, ergriff
das Ziel und führte die Kühe triumphierend weg zu den Schiffen; den Teucer führten
hinkend die Seinigen davon. Ärzte wuschen ihm das Blut vom Fuße und wickelten
ihn sorgfältig in ölgetränkte Binden ein.
Zum Ringkampfe standen jetzt zwei andere Helden auf, Diomedes und der mächtigere
Ajax, der Telamonssohn. Beide rangen vor den neugierigen Blicken ihrer Genossen
mit gleicher Kraft und Erbitterung, endlich aber umstrickte Ajax den Tydiden
mit den nervigen Händen und schien ihn erdrücken zu wollen. Dieser aber, ebenso
gewandt und stark, beugte zur Seite aus, stemmte die Schultermuskeln an, hob
den gewaltigen Gegner in die Höhe, daß seine Arme abglitten, und warf ihn mit
einem Stoße des linken Fußes auf den Boden. Die Zuschauer jauchzten laut auf.
Ajax aber raffte sich empor und begann den Kampf aufs neue, und so wüteten sie,
wie zwei Stiere im Gebirg ihre eisernen Köpfe gegeneinanderstoßen; diesmal faßte
Ajax den Diomedes an den Schultern und warf ihn wie einen Felsen mit unwiderstehlicher
Kraft auf den Boden, daß er dahinrollte und die Helden umher Beifall jubelten.
Doch auch Diomedes raffte sich empor und bereitete sich zum dritten Gange. Da
stellte sich Nestor zwischen beide hinein und sprach: »Macht diesem Ringen doch
ein Ende, Kinder; wir alle wissen auch ohnedem, daß ihr, seit wir den großen
Achill verloren haben, die Tapfersten unter allen Argivern seid!« Ein Ruf der
Zustimmung hallte durch die Luft aus dem zuschauenden Heere, die Ringer wischten
sich den Schweiß von der Stirne, fielen einander in die Arme und küßten sich.
Thetis beschenkte sie mit vier gefangenen Sklavinnen, die sich durch Fleiß und
Herzensgüte auszeichneten und die Achill einst auf Lesbos erbeutet hatte. Die
eine von ihnen verstand das Essen in der Küche zu besorgen, die andere kredenzte
den Wein beim Mahle, die dritte reichte das Wasser am Schlusse desselben, die
letzte trug die Speisen von der Tafel ab; und alle viere wurden nur von der
schöngelockten Brisëis an Reiz übertroffen. In diese vier teilten sich die beiden
Kämpfer und sandten das liebliche Geschenk zu den Schiffen.
Hierauf begann der Faustkampf, zu dem sich Idomeneus erhob, der geübteste Kämpfer
in allen Arten desselben. Darum, und auch weil er einer der älteren Helden war,
traten die andern alle ehrfurchtsvoll vor ihm zurück, und es fand sich keiner,
der den Wettstreit mit ihm versuchen wollte. Thetis gab ihm daher den Wagen
des Patroklos zum Geschenke. Phönix und Nestor aber munterten die jüngeren Männer
zu dieser Gattung des Kampfes auf. Da trat Epeios, der Sohn des Panopeus, und
bald nach ihm Akamas, der Sohn des Theseus, hervor; beide schnürten sich ihre
Hände schnell mit trockenen Riemen und prüften sie, ob sie gelenkig seien: dann
erhoben sie dieselben gegeneinander und, indem sie sich mit lauerndem Blicke
umschauten, näherten sie sich einander ganz leise auf den Zehen, Schritt für
Schritt, bis sie plötzlich, wie vom Winde getriebene Wolken, aus denen es blitzt
und donnert, aufeinander losstürzten; und nun hallten vom Schlage der Riemen
die Wangen, und unter dem Schweiße floß das Blut. Theseus’ Sohn wehrte den rastlos
eindringenden Gegner, listig ausweichend, ab und schlug ihn plötzlich mit der
Faust über den Wimpern bis auf die Knochen, daß das Blut hervordrang; dafür
traf ihn jener an die Schläfe, daß Akamas taumelnd zu Boden sank. Doch er erholte
sich wieder, und der Kampf begann aufs neue, bis die Freunde sich dazwischenwarfen
und den Erbitterten begreiflich machten, daß hier ja nicht Grieche und Trojaner
Tags: Achill, Sagen, Schwab
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