Gustav Schwab - Achill neu bewaffnet

admin am Mrz 29th 2008

zum Himmel auf und tönte dumpf von den Schiffen wider.

Endlich macht der greise Nestor, seines eigenen Sohnes gedenkend, den Klagen
ein Ende, indem er sie daran erinnerte, den Leichnam des Helden zu waschen,
aufs Lager zu legen und ihm darin die letzte Ehre der Toten zu erweisen. Dies
geschah; der Leib des Peliden wurde mit warmem Wasser abgewaschen und mit schönen
Gewändern umhüllt, die ihm seine Mutter Thetis mit auf den Zug gegeben hatte.
Als er nun so im Zelte niedergelassen dalag, warf Athene vom Olymp herab einen
mitleidigen Blick auf ihren Liebling und träufelte ihm aufs Haupt einige Tropfen
Ambrosia, von dem Götterbalsam, von dem es heißt, daß er die Toten vor Entstellung
und Verwesung bewahre. Dadurch machte sie ihn frisch und einem Lebendigen ähnlich.
Auf die Stirne legte sie ihm den schrecklichen Ausdruck, von dem sein Antlitz
beseelt war, als er über den Tod seines geliebten Patroklos zürnte, und dem
ganzen Leibe verlieh sie ein schönes und lebensvolles Ansehen. Alle Argiver,
welche ihn zu sehen kamen, ergriff Staunen, wie der Held in riesiger Größe,
schön und herrlich auf dem Lager ruhte, als läge er da in friedlichem Schlummer
und würde nun bald wieder erwachen.

Die laute Wehklage der Griechen um ihren größten Helden drang auch in die tiefe
See zu seiner Mutter Thetis und den übrigen Töchtern des Nereus, die dort wohnten.
Ungeheurer Schmerz durchdrang ihre Gemüter, und sie stöhnten so jammervoll,
daß der Hellespont widerhallte. Voll Begierde eilten sie nächtlicherweile in
Scharen durch die sich vor ihnen teilende Meerflut herauf an den Strand, wo
die Schiffe der Griechen standen. Alle Ungeheuer des Meeres stöhnten mit ihnen;
sie aber nahten wehklagend dem Leichnam, und Thetis umschlang ihr Kind mit den
Armen, küßte ihn auf den Mund und weinte, daß der Boden naß wurde von ihren
Tränen. Die Danaer aber wichen mit ehrfurchtsvollem Grausen zurück vor den meerentstiegenen
Göttinnen und nahten sich dem Leichname erst wieder, als jene sich entfernt
hatten und der Morgen anbrach. Da trugen sie unzählige Bäume vom Berge Ida herab,
türmten sie hoch auf, legten auf den Scheiterhaufen die Rüstungen vieler Erschlagenen,
geschlachtetes Opfervieh, Gold und edle Metalle; die Helden der Griechen schnitten
ihr Haar ab, und auch Brisëis, die geliebte Sklavin des Toten, brachte die Locken
als letztes Geschenk ihrem Gebieter dar. Dann gossen sie viele Krüge Öles über
das aufgeschichtete Holz als Trankopfer, stellten Schalen mit Honig und lieblichem
Weine, welcher wie Nektar duftete, auch mit edlen Gewürzen gefüllt, in das Gerüste;
zuoberst auf den Holzstoß wurde der Leichnam gelegt. Darauf machten sie in voller
Waffenrüstung zu Roß und zu Fuß die Runde um den düstern Scheiterhaufen. Nun
wurde dieser angezündet, und die verzehrenden Flammen schlugen unter dem Wehklagen
der Krieger empor. Äolos aber sandte auf Zeus’ Befehl seine schnellsten Winde,
die mit Sturmhauch in die aufgeschichteten knisternden Bäume fuhren, daß die
Glut in wenigen Stunden den Holzstoß mitsamt dem Leichnam in Asche verwandelte.
Die letzten Flammen löschten sie mit Weine. Da lagen die Gebeine des Helden
wie die Knochen eines Giganten, getrennt von allem, was zugleich mit ihnen verbrannt
worden war. Seine Genossen sammelten dieselben seufzend und legten sie in einen
geräumigen, aus Silber und Gold gehämmerten Kasten, der auf der erhabensten
Stelle des Gestades neben seines Freundes Patroklos Gebein in die Erde gesenkt
und mit einem hohen Grabhügel überdeckt wurde.

Auch die unsterblichen Rosse des Helden ahneten seinen Fall; sie rissen die
Stränge los, mit welchen sie angebunden waren, und wollten nicht länger die
Mühseligkeiten der Menschen teilen. Nur mit Mühe wurden sie von den Freunden
des Gefallenen eingeholt und ihr Kummer beschwichtigt.
Leichenspiele zu Ehren Achills

Auch zu Troja wurde in diesen Tagen eine Totenfeier begangen: der Lykier Glaukos,
der treue Bundesgenosse der Trojaner, der im letzten Kampfe gegen die Griechen
gefallen war und dessen Leichnam seine Freunde aus den Händen der Feinde gerettet
hatten, wurde verbrannt und bestattet.

Am folgenden Tage erhub sich Diomedes, der Sohn des Tydeus, in der Versammlung
der griechischen Helden mit dem Rate, jetzt im Augenblicke, ehe die Feinde Mut
aus Achills Tode schöpften, mit Wagen, Roß und Mann gegen die Stadt anzurücken
und dieselbe zu erstürmen. Aber gegen ihn stand Ajax, der Sohn Telamons, auf:
»Wäre es auch recht«, sprach er, »die erhabene Meeresgöttin, die um den Tod
ihres Sohnes trauert, zu kränken und nicht vor allen Dingen herrliche Spiele
um das Grabmal ihres Sohnes zu feiern? Sie selbst, als sie gestern an mir vorüber
ins Meer zurückrauschte, gab mir einen Wink, den Sohn nicht ungeehrt zu lassen;
sie werde persönlich bei seiner Leichenfeier erscheinen. Was die Trojaner betrifft,
so werden sie sich schwerlich mehr ermutigen, obgleich der Pelide dahin ist,
solange nur du und ich und der Atride Agamemnon noch am Leben sind!« »Ich will
mich in deine Meinung fügen«, erwiderte der Tydide, »wenn Thetis wirklich selbst
heute erscheint. Ihr Wunsch soll auch dem dringendsten Kampfe vorangehen.«

Kaum hatte Diomedes diese Worte gesprochen, als die Meereswellen ans Strande
sich teilten und die Gemahlin des Peleus, dem leichten Hauche des Morgens vergleichbar,
aus den Fluten herauftauchte und in der Danaer Mitte hineintrat. Mit ihr kamen

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