Gustav Schwab - Achill neu bewaffnet

admin am Mrz 29th 2008

Torheit ist es, wenn der Schlechtere sich dem Besseren gleichstellen will! Wie
mich, hast du schon früher den Odysseus gereizt; aber er war zu großmütig, dich
zu bestrafen. Jetzt erfuhrest du, daß der Sohn des Peleus sich nicht ungestraft
schelten läßt. Geh jetzt und schmähe bei den Schatten!«

Nur einer war unter dem ganzen griechischen Heere, dem der Tod des Thersites
die Galle aufregte: Diomedes, des Tydeus Sohn, und zwar deswegen, weil der Erschlagene
aus einem Blute mit ihm entsprungen war, denn sein Großvater Öneus und des Thersites
Vater waren Brüder gewesen. Darum zürnte jetzt Diomedes, und er hätte die Waffen
gegen Achill erhoben, wenn nicht die edelsten Danaer ins Mittel getreten wären,
denn auch der Pelide war bereit, ihm für das Blut seines Vetters mit dem Schwerte
Genugtuung zu geben. So aber ließen sich beide beschwichtigen.

Die Atriden selbst erlaubten nun, voll Mitleid und Bewunderung für die getötete
Jungfrau, daß dem Könige Priamos, der durch eine feierliche Botschaft sich die
Leiche erbeten hatte, um sie in der Gruft des Königes Laomedon zu bestatten,
ihr Leichnam ausgeliefert werde. Priamos aber errichtete ihr vor der Stadt einen
mächtigen Scheiterhaufen und legte den Leib der Jungfrau samt vielen herrlichen
Gaben darauf. Dann entzündete er den Holzstoß, daß er hoch emporloderte, und
als der Leichnam verzehrt war, löschten die umstehenden Trojaner den Brand mit
süß duftendem Weine. Sodann sammelten sie die Gebeine Penthesileas, legten dieselben
in ein Kästchen und trugen sie wehklagend und in feierlichem Aufzug in die Gruft
des Königes Laomedon, die sich an einem hervorragenden Turme der Stadt befand.
Neben ihr wurden ihre zwölf Begleiterinnen, die alle ebenfalls in der Männerschlacht
geblieben waren, beigesetzt, denn auch ihnen hatten die Söhne des Atreus diese
Ehre gegönnt. Auf der andern Seite begruben auch die Griechen ihre Toten und
bejammerten vor allen den Podarkes, der seinem Bruder Protesilaos, welchen Hektor
erschlagen hatte, nun im Schlachtentode gefolgt war. Abgesondert von den andern
wurde ihm ein eigener Grabhügel erhöhet, der ein weithin sichtbares Denkmal
bildete. Zuletzt scharrten sie auch den häßlichen Thersites ein, und nun kehrten
sie wieder zu ihren Schiffen zurück, alle voll Danks im Herzen gegen den gewaltigen
Achill, der auch diesmal der Retter der Griechen war.

Als die Nacht einbrach, lagerten sich im geräumigen Zelte der Atriden die vornehmsten
Helden zum Schmause, und auch die andern Griechen freuten sich, da und dort
hingestreckt, des erquickenden Mahles, bis der Morgen wieder anbrach.
Memnon

Die aufsteigende Sonne leuchtete in Troja über lauter Kümmernis. Auf den Mauern
umher saßen spähend die Trojaner, denn sie fürchteten jeden Augenblick, der
gewaltige Sieger möchte nun auf Leitern über die Stadtmauer setzen und ihren
alten Wohnsitz einäschern. Da erhub sich im Rate der Bangenden ein Greis mit
Namen Thymötes, der sprach: »Freunde! Vergebens sinnt mein Geist auf ein Mittel,
das drohende Verderben von uns abzuwenden. Seit Hektor unter den Händen des
unbezwinglichen Achill erlegen ist, müßte, glaube ich, selbst ein Gott, wenn
er sich unser annehmen wollte, im Kampfe erliegen. Hat er doch auch die Amazone,
vor der alle andern Danaer bebten, bezwungen! Und doch war sie so furchtbar,
daß wir alle in ihr eine Göttin zu sehen glaubten und Freude unser Herz bei
ihrem Anblick durchströmte. Aber ach, leider war sie nicht unsterblich! So fragt
es sich denn nun, ob es nicht besser für uns wäre, wenn wir diese unglückselige
Stadt, die doch zum Untergange bestimmt ist, verließen und anderswo sichere
Wohnungen aufsuchten, zu welchen die verderblichen Griechen nicht dringen könnten!«
So redete Thymötes. Da stand Priamos in der Versammlung auf, ihm zu entgegnen:
»Lieber Freund«, sprach er, »und ihr alle, Trojaner und gute Bundsgenossen!
Laßt uns doch die geliebte Heimat nicht feige aufgeben und uns größerer Gefahr
preisgeben, wenn wir uns in offener Feldschlacht durch die umringenden Feinde
durchschlagen sollten. Vielmehr wollen wir warten, bis Memnon da ist, der Äthiopier,
aus dem Lande der schwarzen Männer, der wohl mit seinem unzähligen Volke schon
unterwegs ist, uns Hilfe zu bringen. Es ist schon viel Zeit verflossen, seit
meine Boten zu ihm gegangen sind. Deswegen haltet nur noch ein kleines aus;
und müßtet ihr selbst im Kampfe alle umkommen, so ist es doch besser, als bei
Fremdlingen, von Schande gebeugt, sein Leben fristen zu müssen!«

Zwischen diese entgegengesetzten Meinungen trat ein bedächtiger Mann unter
den Trojanern, der Held Polydamas, und gab seinen Rat mit folgenden Worten:
»Wenn Memnon wirklich kommt, so habe ich nichts dagegen, König und Herr! Aber
ich befürchte, der Mann wird mitsamt seinen Gefährten den Tod bei uns finden
und den Unsrigen nur noch mehr Unheil bereiten. Doch bin ich auch keineswegs
der Meinung, daß wir das Land unsrer Väter verlassen sollten. Vielmehr wäre,
wenn es auch jetzt spät ist, doch immer noch das beste, wenn wir die Ursache
dieses ganzen Krieges, die Fürstin Helena mit allem dem, was sie uns aus Sparta
zugebracht hat, den Griechen wieder auslieferten, ehe sich die Feinde in unsre
Habe geteilt und die Stadt mit Feuer verzehrt haben.«

Dieser Rede gaben die Trojaner zwar im Herzen stillen Beifall, doch wagten
sie nicht, ihrem Könige laut zu widersprechen. Auf der andern Seite erhub sich

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