Gustav Schwab - Achill neu bewaffnet

admin am Mrz 29th 2008

dein Mund uns heute mit dem Tod bedrohte; denn siehe, dein eigenes letztes Stündlein
ist gekommen.« Mit diesen Worten drang er auf sie ein, die unbezwingliche Lanze,
das Werk des Zentauren Chiron, seines Erziehers, schwingend. Ihr Wurf traf die
Kriegerin oberhalb der rechten Brust, so tief, daß alsbald das schwarze Blut
aus der Wunde strömte und alle Kraft ihre Glieder verließ. Die Axt fiel ihr
aus der Hand, und ihr Auge hüllte sich in Finsternis. Doch erholte sie sich
noch einmal und sah ihrem Feinde, der eben heranstürmte, sie vom flüchtigen
Rosse zu ziehen, fest ins Antlitz. Sie besann sich einen Augenblick, ob sie
ihr Schwert aus der Scheide ziehen und sich wehren oder vom Rosse steigen und
zu dem Sieger flehend ihm Gold und Erz genug für ihr Leben versprechen sollte.
Aber Achill ließ ihr keine Zeit, sich zu besinnen. Im Zorn über ihren Stolz
durchbohrte er Roß und Reiterin mit einem Stoße. Alsbald glitt diese herab und
sank in den Staub und ins Verderben, am Speer zuckend und mit dem Rücken an
das flüchtige Streitroß angelehnt, das sterbend auf den Knien lag, sie selbst
einer schlanken Tanne gleich, die der Nordwind geknickt hat.

Als die Trojaner den Fall ihrer Heldin gewahr wurden, stürzten sie voll Betäubung
zurück nach den Toren der Stadt, wehklagend über den Tod der Amazone und ihrer
eigenen vielen Stammesverwandten. Der Sohn des Peleus aber rief mit Frohlocken:
»So liege du denn, du armes Geschöpf, den Raubvögeln und Hunden zur Weide! Wer
hat dich auch mit mir kämpfen geheißen? Du hofftest wohl unermeßliche Gaben
aus der Hand des Königs Priamos als Kampfpreis zu empfangen, dafür, daß du so
viele Griechen erschlagen hast? Aber ein anderer Lohn wurde dir zuteil!« So
sprach er und zog ihr und dem Pferde den Speer aus dem Leibe, und noch zuckten
beide. Dann nahm er ihr den Helm vom Haupte ab und betrachtete das Antlitz der
Verschiedenen. Obgleich von Blut und Staub bedeckt, waren doch ihre edeln Züge
auch im Tode noch voll Anmut, und die Griechen, die den Leichnam umringten,
mußten alle über die überirdische Schönheit der Jungfrau staunen, die, ähnlich
der nach heißer Gebirgsjagd schlummernden Artemis, in voller Waffenrüstung dalag.
Achill selbst, als er sie länger betrachtete, fühlte sich von überschleichendem
Schmerze bestrickt und mußte sich gestehen, daß die Fürstin, anstatt von ihm
getötet zu werden, viel eher verdient hätte, als herrliche Gattin mit ihm in
Phthia einzuziehen.

In den tiefsten Schmerz aber versank der Vater der Amazone, der Kriegsgott,
über ihren Tod. Wie ein Blitz mit rollendem Donner stürzte er sich bewaffnet
vom Olymp herunter auf die Erde und schritt über die Gipfel und Schluchten des
Berges Ida hin, daß Gebirg und Tal unter seinem Schritte erbebten. Und sicherlich
hätte er den Griechen das Verderben gebracht, wenn ihn nicht Zeus, der Freund
der Danaer, durch ein furchtbares Gewitter gewarnt hätte, das sich Schlag auf
Schlag über seinem Haupte entlud und in welchem er die Stimme seines allmächtigen
Vaters vernahm, so daß Ares, so sehr er sich nach dem Kampfe sehnte, es doch
nicht sogleich wagte, dem Willen des Donnerers entgegenzuhandeln, und mitten
auf dem Wege nach dem Schlachtfelde stillestand. Er war unschlüssig, ob er zum
Olymp zurückkehren sollte oder, dem Vater trotzend, hingehen und seine Hände
in das Blut des Achill tauchen. Zuletzt gedachte er jedoch der vielen Söhne
Zeus’ selbst, die nach dem Ratschlusse des Vaters sterben mußten und die er
selbst nicht imstande gewesen, vor dem Tode zu schützen. So besann er sich denn
des Besseren; kannte er ja doch seinen allgewaltigen Vater und wußte, daß, wer
sich ihm widersetzt, vom Blitze gebändigt und zu den Titanen in die Unterwelt
hinabgeschleudert wird.

Um den Leichnam Penthesileas drängten sich inzwischen die Danaer und fingen
an, die Tote ihrer Waffen zu berauben. Achill aber stand mit ganz verwandeltem
Gemüte daneben, er, der noch soeben ihren Leib den Hunden und Vögeln zum Fraße
hatte preisgeben wollen. Mit tiefer Wehmut blickte er auf die Jungfrau hernieder,
und es nagte ihm keine geringere Qual am Herzen als einst, da er um seinen liebsten
Freund, den erschlagenen Patroklos, jammerte.

Unter den herbeiströmenden Griechen näherte sich auch der häßliche Thersites
und fiel den Helden mit schmähenden Reden an: »Bist du nicht ein Tor«, rief
er ihm zu, »daß du dich um die Jungfrau abhärmen magst, die uns allen doch so
vielfaches Unheil bereitet hat? Du zeigst dich fürwahr als einen weibischen
Lüstling, daß dich eine Sehnsucht nach der Schönheit dieser Erschlagenen beschleicht!
Hätte dich doch ihre Lanze in der Schlacht getötet, du Unersättlicher, der du
meinst, daß alle Weiber deine Beute werden müßten!« Wütender Zorn bemächtigte
sich des Helden, als er aus dem Munde eines Elenden solche Schmähworte hören
mußte. Er versetzte dem häßlichen Schelter mit der bloßen Faust einen solchen
Streich auf die Wange, daß ihm die Zähne aus dem Munde fielen, ein Blutstrom
hervorschoß und Thersites, sich auf dem Boden krümmend, seine feige Seele aushauchte.
Da war unter den Umstehenden keiner, der ihn bedauert hätte, denn sein einziges
Geschäft war gewesen, andere zu schmähen, indes er selbst im Felde und im Rate
sich immer nur als einen armseligen Wicht bewies. Achill aber sprach voll Unmut:
»Hier magst du denn im Staube liegen und deine Torheit vergessen lernen! Denn

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