Gustav Schwab – Achill neu bewaffnet

admin am Okt 13th 2011


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bedient, eben von der Mahlzeit ruhend, und die Tafel stand noch vor ihm. Unbemerkt
trat der erhabene Greis ein, eilte auf den Peliden zu, umschlang seine Knie,
küßte ihm die Hände, die entsetzlichen, die ihm so viele Söhne gemordet hatten,
und sah ihm ins Antlitz. Staunend betrachteten ihn Achill und seine Freunde,
da fing der Greis an zu flehen: »Göttergleicher Achill, gedenke deines Vaters,
der alt ist wie ich, vielleicht auch bedrängt von feindlichen Nachbarn, in Angst
und ohne Hilfe wie ich. Doch bleibt ihm von Tag zu Tag die Hoffnung, seinen
geliebten Sohn von Troja heimkehren zu sehen. Ich aber, der ich fünfzig Söhne
hatte, als die Argiver herangezogen kamen, und davon neunzehn von einer Gattin,
bin der meisten in diesem Kriege beraubt worden, und zuletzt durch dich des
einzigen, der die Stadt und uns alle zu beschirmen vermochte. Darum komme ich
nun zu den Schiffen, ihn, meinen Hektor, von dir zu erkaufen, und bringe unermeßliches
Lösegeld. Scheue die Götter, Pelide, erbarme dich mein, gedenke deines eigenen
Vaters! Ich bin des Mitleids noch werter: dulde ich doch, was noch kein Sterblicher
geduldet hat, und drücke die Hand an die Lippe, die meine Kinder mir getötet.«
So sprach er und erweckte dem Helden sehnsüchtigen Gram um seinen Vater, daß
er den Alten sanft bei der Hand anfaßte und zurückdrängte. Da gedachte der Greis
seines Sohnes Hektor, wand sich zu den Füßen des Peliden und fing laut an zu
weinen; Achill aber weinte bald über seinen Vater, bald über seinen Freund,
und das ganze Zelt erscholl von Jammertönen. Endlich sprang der edle Held vom
Sessel empor, hub den Greis voll Mitleid mit seinem grauen Haupt und Bart, an
der Hand auf und sprach: »Armer, fürwahr, viel Weh hast du erduldet, und jetzt,
welch ein Mut so allein zu den Schiffen der Danaer zu wandeln und einem Manne
vor die Augen zu treten, der dir so viele und so tapfere Söhne erschlagen hat!
Du mußt ja ein eisernes Herz im Busen tragen! Aber wohlan, setz dich auf den
Sessel, laß uns den Kummer ein wenig beruhigen, sosehr er uns von Herzen geht;
wir schaffen ja doch nichts mit unserer Schwermut. Das ist nun einmal das Schicksal,
das die Götter den elenden Sterblichen bestimmt haben, Gram zu erdulden, während
sie selbst ohne Sorge sind. Denn zwei Fässer stehen an der Schwelle von Zeus’
Behausung, das eine voll Gaben des Unglücks, das andere voll Gaben des Heils.
Wem der Gott vermischt austeilt, den trifft abwechselnd bald ein böses, bald
ein gutes Los; wem er nur Weh austeilt, den stößt er in Schande, der wird von
herzzerfressender Not über die Erde hin verfolgt. So schenkten die Götter dem
Peleus zwar herrliche Gaben: Habe, Macht, ja selbst eine Unsterbliche zur Gattin;
doch hat ihm ein Himmlischer auch Böses gegeben, denn ihm ward ein einziger
Sohn, der frühe hinwelken wird, der des Alternden so gar nicht pflegen kann;
denn hier in weiter Ferne sitze ich vor Troja und betrübe dich und die Deinigen.
Auch dich, o Greis, priesen die Völker vormals glückselig, jetzt aber haben
die Olympischen dir dieses Leid gesandt, und seitdem tobt nur Schlacht und Mord
um deine Mauern. So duld es denn und jammere nicht unablässig, du kannst deinen
edlen Sohn doch nicht wieder aufwecken!«

Da antwortete Priamos: »Heiß mich nicht sitzen, Liebling des Zeus, solange
Hektor noch unbeerdigt in deinem Zelte liegt. Erlaß ihn mir eilig, denn mich
verlangt, ihn zu schauen. Freue dich der reichlichen Lösung, schone meiner und
kehre heim in dein Vaterland!«

Achill runzelte die Stirn bei diesen Worten und sprach: »Reize mich nicht mehr,
o Greis! Ich selbst ja beabsichtige, dir Hektor zu erlassen, denn meine Mutter
brachte mir Zeus’ Botschaft; auch erkenne ich wohl im Geiste, daß dich selbst,
o Priamos, zu unsern Schiffen ein Gott geführt hat. Denn wie sollte dies ein
Sterblicher, und wäre es der kühnste Jüngling, wagen, wie unsern Wächtern entschlüpfen,
wie die Riegel der Tore zurückschieben? Darum errege mir mein trauriges Herz
nicht noch mehr, ich möchte sonst Zeus’ Befehl vergessen und deiner nicht schonen,
o Greis, so demütig du flehst!«

Zagend gehorchte Priamos. Achill aber sprang wie ein Löwe aus der Pforte und
ihm nach seine Genossen. Vor dem Zelte spannten sie die Tiere aus dem Joch und
führten den Herold herein. Dann huben sie die Lösegeschenke vom Wagen und ließen
nur zwei Mäntel und einen Leibrock zurück, um damit die Leiche Hektors anständig
zu verhüllen. Dann ließ Achill, fern und ungesehen vom Vater, den Leichnam waschen,
salben und bekleiden. Achill selbst legte ihn auf ein unterbreitetes Lager;
rief, während die Freunde den Toten auf den mit Maultieren bespannten Wagen
hoben, den Namen seines Freundes an und sprach: »Zürn’ und eifre mir nicht,
Patroklos, wenn du etwa in der Nacht der Unterwelt vernimmst, daß ich Hektors
Leiche seinem Vater zurückgebe! Er hat kein unwürdiges Lösegeld gebracht, und
auch dir soll dein Anteil davon werden!«

Nun kehrte er zurück ins Zelt, setzte sich dem Könige wieder gegenüber und
sprach: »Sieh, dein Sohn ist jetzt gelöst, o Greis, wie du es gewünscht hast;
er liegt in ehrbare Gewande eingehüllt. Sobald der Morgen sich rötet, magst
du ihn schauen und davonführen. Jetzt aber laß uns der Nachtkost gedenken; du
hast noch Zeit genug, deinen lieben Sohn zu beweinen, wenn du ihn zur Stadt
gebracht hast, denn wohl verdient er viele Tränen.« So sprach der Held, erhub


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