Gustav Schwab - Achill neu bewaffnet
admin am Mrz 29th 2008
umher. Am frühen Morgen spannte er seine Rosse ins Joch, befestigte den Leichnam
Hektors am Wagensitz und schleifte ihn dreimal um das Denkmal des Patroklos;
aber Apollo deckte diesen mit dem goldenen Schirm seiner Ägide und sicherte
den Leib vor allen Entstellungen. Achill verließ den Leichnam, in den Staub
auf das Antlitz gestreckt. Das erbarmte die seligen Götter im Olymp, mit Ausnahme
Heras, und Zeus beschickte die Mutter des Peliden, Thetis; er befahl ihr, schleunig
zum Heere zu gehen und dem Sohne zu verkündigen, daß den Göttern insgesamt und
Zeus selbst das Herz vor Zorn glühe, weil er Hektors Leib ohne Lösung bei den
Schiffen zurückhalte. Thetis gehorchte, ging in das Zelt des Sohnes, setzte
sich nahe zu ihm, und sanft mit der Hand ihn streichelnd, sprach sie: »Lieber
Sohn, wie lange willst du mit Gram und Seufzern dir das Herz abzehren, des Schlafs
und der Nahrung vergessen? Es wäre gut, wenn du dich der Freude des Lebens wieder
zuwendetest, denn du wirst mir ja doch nicht lange mehr auf Erden einhergehen,
und das grausame Verhängnis lauert schon an deiner Seite. Höre denn die Worte
des Zeus, die ich dir melde: Er und alle Götter zürnen dir, daß du Hektors Leiche
mißhandelst und bei den Schiffen zurückhältst. Wohlan, entlaß ihn, mein Sohn,
gegen reiche Lösung.« Achill schaute auf, sah der Mutter ins Gesicht und sprach:
»So sei es; was Zeus und der Rat der Himmlischen gebieten, muß geschehen. Wer
mir die Lösung bringt, soll den Leichnam empfangen.« Zur selben Zeit schickte
Zeus die schnelle Götterbotin Iris in die Stadt des Priamos mit seinen Aufträgen.
Diese fand, dort angekommen, nichts als Geheul und Wehklage. Im Vorhofe saßen
um den Vater im Kreise die Söhne, sich die Gewande feucht weinend; in der Mitte
der Greis, straff in den Mantel gehüllt, Staub auf Nacken und Haupt gestreut.
In den Wohnungen lagen Töchter und Schwiegertöchter auf den Knien und jammerten
um die gemordeten Helden. Da trat plötzlich die Botin von Zeus vor den König
und begann mit leiser Stimme, daß ihm ein Schauer durch die Glieder fuhr: »Fasse
dich, Sohn des Dardanos, verzage nicht; ich habe dir kein übles Wort zu verkündigen.
Zeus erbarmt sich deiner: er gebietet dir, zu Achill zu gehen und ihm Geschenke
darzubringen, womit du den Leichnam deines Sohnes lösen sollst. Du allein sollst
gehen, von keinem andern Trojaner begleitet als von einem der älteren Herolde,
der dir den Wagen mit den Maultieren lenken und dich mit dem Toten wieder zur
Stadt zurückführen kann. Fürchte weder Tod noch einen andern Schrecken; Zeus
gesellt dir den mächtigen Argoswürger Hermes zum Schutze zu, daß er dich geleite,
zum Peliden führe und auch dort beschirme. Doch ist Achill selbst ja nicht vernunftlos
und kein blinder Frevler; er wird von selbst des Flehenden schonen und alles
Leid von dir abwehren.«
Priamos vertraute den Worten der Göttin, befahl seinen Söhnen, den Wagen mit
dem Maultiergespanne zu rüsten, und stieg dann in die duftige, mit Zedernholz
getäfelte Kammer hinab, in welcher viel Kostbarkeiten aufbewahrt lagen. Dorthin
berief er seine Gemahlin Hekabe und sprach zu ihr: »Armes Weib, wisse, daß mir
Botschaft von Zeus kam: ich soll zu Achill nach den Schiffen wandeln, sein Gemüt
mit Geschenken versöhnen und den Leichnam unseres lieben Sohnes Hektor einlösen.
Wie deucht dir solches in deinem Herzen? Mich selbst, ich berge dir es nicht,
drängt ein heftiger Trieb, nach den Schiffen zu gehen.« So sprach der Greis;
aber seine Gemahlin erwiderte ihm schluchzend: »Wehe mir, Priamos, wohin ist
dir dein einst so gepriesener Verstand entflohen? Welch ein Gedanke: du, der
Greis, allein zu den Schiffen der Danaer zu wandeln und dem Manne vor Augen
zu treten, der dir so viel tapfere Söhne erschlagen hat! Meinst du, der Falsche,
Blutgierige werde Mitleid mit dir haben, wenn er dich erblickt? Viel besser,
wir beweinen ihn fern, zu Hause, ihn, dem das Geschick schon bei der Geburt
bestimmt hat, von den Hunden verzehrt zu werden!« »Halte mich nicht«, antwortete
Priamos entschlossen, »werde mir nicht selbst im Hause zum drohenden Unglücksvogel;
und erwartete mich auch der Tod bei den Schiffen: der Wüterich mag mich ermorden,
wenn ich nur, mein Herz mit Tränen sättigend, den geliebten Sohn in den Armen
halten darf.« Unter diesen Worten schlug er den Deckel von den Kisten und wählte
zwölf köstliche Feiergewande, zwölf Teppiche, ebensoviel Leibröcke und prächtige
Mäntel aus. Dann wog er zehn Talente Goldes dar, erlas weiter vier schimmernde
Becken, zwei Dreifüße; ja selbst einen köstlichen Becher, den ihm die Thrakier
geschenkt hatten, als er zu ihnen auf Gesandtschaft kam, sparte der Greis nicht.
So begierig war er, seinen trautesten Sohn zu lösen! Dann scheuchte er sämtliche
Trojaner, die ihn aufhalten wollten, aus der Halle und bedrohte sie: »Ihr Nichtswürdigen,
habt ihr nicht Gram im Hause genug, daß ihr herkommt, um auch mich zu bekümmern?
Achtet ihr es für etwas Kleines, daß Zeus den Jammer über mich verhängte, meinen
tapfersten Sohn zu verlieren? Doch ihr werdet’s schon erfahren. Möchte nur ich
in den Hades hinuntergehen, eh ich die Trümmerhaufen eurer Stadt schaue!« So
scheuchte er sie mit dem Stabe hinaus; dann rief er scheltend seine Söhne: »Ihr
Schändlichen, Untüchtigen, lägt ihr mir doch alle an Hektors Statt getötet bei
den Schiffen! Alle Guten sind tot, nur die Schandflecke sind übrig, Lügner,
Gaukler, Reigentänzer, die im Fette des Volkes schwelgen! Werdet ihr mir nicht
sogleich den Wagen ausrüsten und alles dieses in den Korb hineinlegen, damit
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