Gustav Schwab - Achill neu bewaffnet

admin am Mrz 29th 2008

Viertes Buch

Achill neu bewaffnet

Beide Heere ruhten jetzt vom hartnäckigen Kampfe. Die Trojaner lösten ihre
Rosse von den Streitwagen, aber noch ehe sie des Mahles gedachten, eilten sie
zur Versammlung. Da standen alle aufrecht im Kreis umher, keiner wagte sich
zu setzen, denn noch bebten sie vor Achill und fürchteten sein Wiedererscheinen.
Endlich sprach der Sohn des Panthoos, der verständige Polydamas, der allein
vorwärts wie rückwärts zu schauen verstand, und riet, nicht auf die Frühe zu
warten, sondern sogleich in die Stadt heimzukehren. »Findet Achill der Gewappnete«,
sprach er, »uns morgen noch hier, dann werden diejenigen froh sein, die ihm
in die Stadt entrinnen; viele aber werden den Hunden und Geiern zum Fraße dienen.
Möge mein Ohr nie von solchem hören! Drum ist mein Rat, die Nacht auf dem Markte
der Stadt mit aller Kriegsmacht zu halten, wo hohe Mauern und feste Tore uns
ringsum beschützen. In aller Frühe sodann stehen wir wieder auf der Mauer; und
wehe ihm, wenn er alsdann, von den Schiffen angestürmt, mit uns um jene zu kämpfen
begehrt.«

Nun stand auch Hektor auf und begann mit finsterem Blick: »Mir gefällt keineswegs,
was du da gesprochen hast, Polydamas. In dem Augenblicke, wo mir Zeus den Sieg
verliehen, daß ich die Achiver bis ans Meer zurückgedrängt habe, muß dein Rat
dem Volke töricht erscheinen, und kein einziger Trojaner wird dir gehorchen.
Vielmehr befehle ich Haufen um Haufen, die Nachtkost unter das Heer zu verteilen
und die Wachen nicht zu vergessen. Härmt sich einer um sein Gut und Vermögen,
der lasse es beim gemeinsamen Gastmahl aufgehen, besser daß die Unsrigen sich
dran erlustigen, als daß die Griechen es tun. Am Morgen wiederholen wir sodann
den Sturm auf die Schiffe; wenn wirklich Achill wiederauferstanden ist, so hat
er sich das schlimmere Los erkoren; denn nicht werde ich diesen gräßlichen Kampf
verlassen, ehe mich oder ihn die Siegesehre krönt!« Die Trojaner überhörten
die heilsamen Worte des Polydamas, rauschten dem Unheilsworte Hektors Beifall
zu und warfen sich hungrig auf ihr Mahl.

Die Griechen aber jammerten die ganze Nacht über der Leiche des Patroklos,
und vor allen erhub Achill die Klage, während seine mörderischen Hände auf dem
Busen des Freundes ruhten. »O eitles Wort«, sprach er, »das mir damals entfallen
ist, als ich, den alten Helden Menötios im Palaste tröstend, ihm versprach,
seinen Sohn nach Trojas Zerstörung, reich an Ruhm und Beute, nach Opus in seine
Heimat ihm zurückzubringen! Nun ward uns beiden bestimmt, dieselbe fremde Erde
mit unserm Blute rot zu färben, denn auch mich werden mein grauer Vater Peleus
und meine Mutter Thetis nimmermehr im Palast empfangen, sondern hier vor Troja
wird mich das Erdreich bedecken. Aber weil ich doch nach dir in den Boden sinken
soll, Patroklos, so will ich dir nicht eher dein Leichenfest feiern, als bis
ich dir die Waffen und das Haupt deines Mörders, Hektors, gebracht habe; auch
will ich dir zwölf der edelsten Söhne Trojas an deinem Scheiterhaufen opfern.
Bis dies geschieht, ruhe du hier bei meinen Schiffen, geliebter Freund!« Hierauf
befahl Achill seinen Freunden, einen großen Dreifuß voll Wasser an das Feuer
zu stellen und den Leichnam des gefallenen Helden zu waschen und zu salben.
Alsdann wurde er auf schöne Betten gelegt und köstliche Leinwand vom Haupte
bis zu den Füßen über ihn gebreitet, auch ein schimmernder Teppich über den
Toten geworfen.

Derweil gelangte Thetis an den unvergänglichen, sternenhellen Palast des Hephaistos,
den der hinkende Künstler sich selbst aus Erz gebaut. Sie fand ihn dort schwitzend
und in voller Arbeit um seine Blasebälge beschäftigt: er bereitete an zwanzig
Dreifüße und befestigte unter dem Boden eines jeden goldene Räder, mit welchen
sie ohne von fremder Hand getrieben zu werden, in den olympischen Sälen vor
die Götter hinrollten und dann wieder zu ihrem Gemache heimkehrten: wahre Wunderwerke
anzuschauen; sie waren bis auf die Henkel fertig, und diese fügte er jetzt eben
an, indem er mit dem Hammer die Nägel am gehörigen Ort einschlug. Seine Gattin,
die holde Charis, eine der Huldgöttinnen, ergriff die Hand der hereintretenden
Göttin, führte sie auf einen silbernen Sessel, rückte ihr einen Schemel unter
die Füße und holte dann den Gemahl herbei. Dieser rief, als er die Meeresgöttin
erblickte, freudig aus: »Wohl mir, ist doch einmal die Edelste der Unsterblichen
bei mir im Hause, die mich, den Neugeborenen, vom Verderben gerettet hat; denn
weil ich lahm auf die Welt kam, warf mich die Mutter aus dem Schoße, und ich
wäre elendiglich verkommen, wenn nicht Eurynome und Thetis mich in ihrem Schoße
aufgefangen hätten und in der Meeresgrotte großgezogen bis ins neunte Jahr.
Dort schmiedete ich allerlei Kunstwerke, Spangen, Ringe, Ohrengehenke, Haarnadeln,
Kettchen aller Art in der gewölbten Grotte; und rings um uns her schäumte brausend
der Strom des Ozeans. Diese meine Retterin besucht jetzt mein Haus! Bewirte
sie, holdselige Gattin; mich aber laß diesen Wust hier aus dem Wege schaffen.«
So sprach der rußige Gott, erhob sich hinkend vom Amboß, und mühsam hin und
her wankend, legte er die Blasebälge vom Feuer weg, verschloß alle die mancherlei
Gerätschaften in einen silbernen Kasten, wusch sich dann mit einem Schwamm Hände,
Angesicht, Hals und Brust und hinkte, in einen Leibrock eingehüllt und von geschäftigen
Mägden gestützt, wieder aus der Kammer; diese Dienerinnen aber waren keine geborenen
Wesen, doch lebenden gleich; voll Jugendreiz, alle von ihm aus Gold geschmiedet,
mit Kraft, Verstand, Stimme und Kunsttrieb begabt. Sie eilten mit hurtigen Füßen
von ihrem Herrn weg, er aber, nachwackelnd, nahm sich einen schmucken Sessel,
setzte sich neben Thetis, faßte ihr Hand und sprach: »Ehrenwerte, geliebte Göttin,
was führt dich zu meiner Wohnung, die du sonst nur wenig besuchest? Sage mir,
was du verlangst: alles wir dir mein Herz gewähren, was ich nur gewähren kann
und was an sich gewährbar ist.«

Da erzählte ihm Thetis ihren ganzen Jammer und bat ihn, seine Knie umfassend,
ihrem früh verwelkenden Sohne Achill, solang er den Griechen zum Schirm noch
lebe, Helm, Schild, Harnisch, Beinschienen und Knöchelbedeckung neu gefertigt
zu verleihen; denn die Rüstung der Unsterblichen, die er früher besessen, habe
der gefallene Genoß ihm vor Troja verloren. »Mutig, edle Göttin!« antwortete
ihr Hephaistos, »dein Herz kümmere sich darum nicht; möchte ich deinen Sohn
doch so gewiß aus der Gewalt des Todes retten können, wenn ihm dereinst sein

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