Gustav Schwab – Odysseus
admin am Okt 13th 2011
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Zweites Buch
Odysseus – Erster Teil
Telemach und die Freier
Die Heimkehr der Griechen von Troja war vollbracht, und so viele der Helden
den Schlachten während des Krieges oder dem Sturm auf der Heimfahrt entronnen
waren, befanden sich jetzt zu Hause, glücklich oder unglücklich. Nur Odysseus,
der Sohn des Laërtes, Ithakas Fürst, war noch auf der Irrfahrt und von einem
seltsamen Schicksale betroffen. Nach mancherlei Abenteuern saß er in der Ferne
auf einer rauhen, mit Wäldern bedeckten, einsamen Insel, mit Namen Ogygia, wo
ihn eine hohe Nymphe, die Göttin Kalypso, die Tochter des Atlas, in ihrer Grotte
gefangenhielt, weil sie ihn zum Gemahl begehrte. Er aber blieb der zurückgelassenen
Gattin, der edlen Penelope, treu; und endlich jammerte sein auch die Götter
im Olymp; nur Poseidon, der Gott des Meeres, der alte Feind der Griechen, zürnte
auch diesem Helden unversöhnlich, und wenn er ihn nicht zu vertilgen wagte,
so legte er seiner Heimfahrt doch allenthalben Hindernisse in den Weg und trieb
ihn in der Irre umher. Und so war er es auch, der ihn an jene unwirtliche Insel
geworfen hatte.
Nun aber wurde doch im Rate der Himmlischen beschlossen, daß Odysseus aus den
Banden der Inselfürstin Kalypso befreit werden sollte. Auf die Fürbitte Athenes
wurde Hermes, der Götterbote, nach dem ogygischen Eilande geschickt, um der
schönen Nymphe den unwiderruflichen Ratschluß des Zeus zu verkündigen, daß dem
Dulder die Wiederkehr in seine Heimat bestimmt sei. Athene selbst band sich
die ambrosischen goldenen Sohlen unter die Füße, womit sie über Wasser und Land
dahinschwebt, nahm ihre mächtige Lanze mit der gediegenen scharfen Spitze von
Erz, mit welcher sie so manche Helden in der Schlacht bezwungen hatte, zur Hand,
schwang sich stürmend von dem felsigen Gipfel des Olympos herab, und bald stand
sie auf der Insel Ithaka, die an der Westküste Griechenlands liegt, am Palaste
des fernen Odysseus, vor der Schwelle des Hofes, da, wo der Weg zum hohen Tore
des Königshauses führte. Ihre Göttergestalt war verwandelt, und die Lanze in
der Hand, glich sie dem tapfern Mentes, dem Könige der Taphier.
Im Hause des Odysseus sah es traurig aus. Die schöne Penelope, die Tochter
des Ikarios, blieb mit ihrem jungen Sohne Telemach nicht lange Meister in dem
verlassenen Palaste. Als Odysseus, nachdem längst Nachricht von Trojas Fall
und von der Rückkehr der andern Helden gekommen war, allein nicht heimkehrte,
verbreitete sich allmählich mit immer größerer Sicherheit die Sage von seinem
Tode, und es fanden sich aus der Insel Ithaka selbst, auf welcher noch andere
mächtige und reiche Leute außer dem Fürsten Odysseus wohnten, nicht weniger
als zwölf, von Zakynth zwanzig, ja von Dulichion zweiundfünfzig Freier mit einem
Herold, einem Sänger, zween geübten Köchen und großem Sklavengefolge bei Penelope
ein, die unter dem Vorwand, um die Hand der jungen Witwe zu werben, alle im
Hause und vom Gute des abwesenden Fürsten zehrten und den frechesten Übermut
trieben; und dieses Unwesen hatte nun schon über drei Jahre gewährt.
Als Athene in der Gestalt des Mentes ankam, fand sie die üppigen Freier eben
an der Pforte des Hauses beim Brettspiel; sie saßen auf den Häuten von Rindern,
die sie selbst dem Odysseus aus den Ställen genommen und geschlachtet hatten.
Herolde und aufwartende Diener eilten hin und her; die einen mischten in gewaltigen
Krügen den Wein unter das Wasser, andere säuberten die umhergestellten Tische
mit Schwämmen und zerlegten das reichlich aufgetragene Fleisch. Der Sohn des
Hauses, Telemach selbst, saß mit einem Herzen voll Betrübnis unter den Freiern
und gedachte an seinen herrlichen Vater, ob er nicht endlich käme, die Scharen
der Frechen zu zerstreuen und sich wieder in den Besitz seiner Habe zu setzen.
Wie er die Göttin in der Gestalt des fremden Königs erblickte, eilte er ihr
an der Pforte entgegen, faßte die Rechte des vermeintlichen Gastfreundes und
hieß ihn willkommen. Als die beide in den gewölbten Saal des Palastes eingetreten
waren und Athene ihre Lanze in den Speerkasten, der sich an der Hauptsäule befand,
zu den Lanzen des Odysseus gelehnt hatte, führte Telemach seinen Gast zu Tische
an einen Thronsessel mit schön gewirktem Polster, hieß ihn sitzen und schob
ihm einen Schemel unter die Füße; er selbst stellte seinen Sessel neben den
seinen; eine Dienerin brachte in goldener Kanne Waschwasser für die Hände des
Fremdlings; die ehrbare Schaffnerin trug Brot und Fleisch herbei, ein Diener
zerlegte die Speisen, und um die goldenen gefüllten Becher wandelte, Wein einschenkend,
der Herold. Bald darauf traten auch, einer um den andern, die Freier ein und
setzten sich alle auf stattliche Lehnsessel; die Herolde besprengten ihnen die
Hände, die Mägde reichten ihnen Brot in Körben, die Diener füllten ihnen den
Becher bis zum Rand, und sie machten sich, als kämen sie nicht eben vom Schmause,
über das leckere Mahl her. Dann gelüstete sie nach Reigentanz und Gesang, der
Herold reichte dem Sänger Phemios die zierliche Harfe, und dieser, von den trotzigen
Freiern gezwungen, schlug die Saiten an und begann den herzerfreuenden Gesang.
Während nun diese dem Liede horchten, neigte Telemach sein Haupt nahe an das
seines Gastes und flüsterte der verwandelten Göttin ins Ohr: »Wirst du mir,
lieber Gastfreund, was ich dir sage, nicht verargen? Siehst du, wie diese Menschen
hier fremdes Gut ohne Ersatz verprassen? das Gut meines Vaters, dessen Gebein
vielleicht am Meeresstrand im Regen modert oder auf den Wellen umhergetrieben
wird? Er kommt wohl nicht wieder heim, sie zu strafen! – Aber du sage mir, edler
Fremdling, wer bist du, wo hausest du, wo sind deine Eltern? Bist du vielleicht
schon vom Vater her unser Gastfreund?« »Ich bin«, erwiderte Athene, »Mentes,
der Sohn des Anchialos, und beherrsche die Insel Taphos; ich kam zu Schiffe
hierher, um in Temesa Erz gegen Eisen einzutauschen. Frage deinen Großvater
Laërtes, den Greis, der, wie man sagt, ferne von der Stadt, in Kummer auf dem
Lande sich abhärmt: er wird dir sagen, daß unsere Häuser seit der Altväter Zeiten
in Gastfreundschaft miteinander leben. Ich kam, weil ich glaubte, dein Vater
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