Marie von Ebner-Eschenbach – Unsühnbar

admin am Jan 26th 2012


Marie von Ebner-Eschenbach - Unsühnbar als PDF downloaden


Marie von Ebner-Eschenbach

Unsühnbar

1

Die Vorstellung des »Fidelio« war zu Ende; das Publikum strömte aus dem Opernhause und

zerstreute sich rasch nach allen Richtungen. Seit vierundzwanzig Stunden fiel Schnee, emsig,

unablässig, in großen Flocken; er lag schwer auf den Dächern, verschleierte die Lichter in den

Lampen, machte die Mühe der Wege ausschaufelnden Arbeiter fast vergeblich. Geräuschlos rollten

die Equipagen vor; in Pelze gehüllte Männer und Frauen stiegen in weich gepolsterte Wagen. Ein

paar Ladendiener hoben ihre sommerlich gekleideten Schönen in einen Komfortable mit

zerbrochenen Fenstern. Wie der Wind sauste ein Fiaker nach dem anderen davon. Den Hut auf dem

Ohr, den Schnurrbart gewichst, saßen die Eigentümer des »feschen Zeugels« etwas vorgebeugt auf

ihrem Bock, in jeder Hand einen Zügel; und die Pferde griffen aus und gaben her an

Lebenskraft, was sie geben konnten, um grüne Majoratsherrchen, hochgeborene Reiteroffiziere

und Sportsleute so geschwind als möglich zum Spiel in den Jockeiklub zu bringen. An den Rand

der Straße gedrängt, rumpelten dichtbesetzte Gesellschaftswagen, von abgejagten Mähren

geschleppt, von schlaftrunkenen Kutschern regiert, den Vororten zu. Solide Bürgersfamilien

gingen wohlverwahrt, mit geschärftem Appetit – man wird so hungrig im Theater – nach Hause, wo

ein kräftiges Abendessen sie erwartete, oder begaben sich in eine Restauration.

Gemächlich, trotz des bösen Wetters, schlenderten einige Infanterieoffiziere dem nächsten

Kaffeehause zu. Ein kleines Fähnlein, aber tatendurstig und eroberungssicher. Sie sprachen von

den eleganten Damen in den Logen und von den Tänzerinnen und den Pferden anderer. Ein

»Einjahrig-Freiwilliger«, der Sohn eines geadelten Bankiers, der sich ihnen angeschlossen

hatte, sagte mit Vorliebe: »Wir Kavaliere« und »wir vom Turf«. Daß sein Sessel im väterlichen

Kontor das einzige Rößlein war, auf dessen Rücken er es je zu einem Gefühl der Sicherheit

gebracht, verschwieg er.

Die Herren wurden von einer jungen Lehrerin überholt, die eiligen Schrittes die Wanderung nach

ihrer Wohnung angetreten hatte. Ihr Mantel war fadenscheinig, aber sie fror nicht; ihr Weg war

weit und einsam, doch ihr bangte nicht. Sie schwelgte im Nachgenuß der Wonne, die ihrem

kunstverständigen Sinn eben geboten worden. Es gab doch auch in ihrem schweren, harten Dasein

Stunden der herrlichsten Erhebung. Die Kraft, die sie aus ihnen geschöpft, sollte lange

vorhalten. Wer das Manna für die Seele auf Kosten des täglichen Brotes erwerben muß, kann sich

dieser holden Labung nicht oft erfreuen.

In der Opernstraße war eine Arbeiterabteilung mit dem Aufrichten einer Schneepyramide

beschäftigt, als ein Brougham, mit Rassepferden bespannt, im feierlichen Trabe vorbeikam. Die

Flammen eines Gaskandelabers erleuchteten einen Augenblick das Innere des Wagens. Zwei Damen

saßen darin, die eine alt und von kränklichem Aussehen, in dunklem Capuchon und Überwurfe, die

andere sehr jung, sehr schön, barhäuptig, mit klassischem Profil, ihre Gefährtin um Kopfeshöhe

überragend.

»Ho!« rief der dicke Pferdelenker in lässig warnendem Tone den Straßenkehrern zu, und alle

zogen sich zurück – nur einer nicht. Der sprang vor, sah mit spöttischer Vertraulichkeit zu

dem Kutscher hinauf und zwang ihn auszuweichen, was dieser tat, ohne den Kopf zu wenden,

während der Diener neben ihm murmelte: »Wieder zurück aus Amerika und – Gassenkehrer? Gibt’s

denn dort keine solche Anstellung?«

»Gibt’s gewiß«, lautete die Antwort, »damit is ihm aber nit gedient. Will uns hier aufpassen

und Skandal machen, der Lump.« – Diese Bezeichnung galt einem schlank- und hochgewachsenen

Burschen mit blassem Gesicht, eingefallenen Wangen und großen dunkelbraunen Augen. Er trug

zerlumpte Kleider; ein kleiner, durchlöcherter Hut, den er ins Genick zurückgeschoben hatte,

ließ die Stirn und die trotz der Verkommenheit, die sie ausdrückten, noch hübschen Züge frei.

Mit frechem Behagen pflanzte er sich im Lampenscheine auf, und die junge Dame, die den Kopf

ans Wagenfenster neigte, unverschämt anstarrend, präsentierte er vor ihr den Besen wie ein

Gewehr.

Die Equipage fuhr davon, die Arbeiter lachten: »Schaut’s den Wolfi an!« und Wolfi, den

Zornigen spielend, rief: »Dumme Bagage, was lacht’s? – Was hab ich getan?… Militärische Ehren

erwiesen. Wem? – der Gräfin Maria Wolfsberg, meiner – meiner lieben Verwandten.«

Die so Bezeichnete hatte bei der Gebärde des Taglöhners keine Miene verzogen, doch verfärbte

sie sich ein wenig und sagte mit beklommener Stimme zu ihrer Begleiterin: »Tante Dolph, hast

du den Menschen gesehen? Im zerrissenen Sommerrock, mit geplatzten Schuhen bei dieser Kälte …«

»Oh, meine Liebe, der hat seinen Schnaps im Leibe, dem ist wärmer als mir«, erwiderte die

Tante fröstelnd.

»Hast du auch gesehen, was er getan hat?«

»Ja, ja – ein Spaßvogel.«

»Das ist kein Spaßvogel – das ist ein Feind, der uns haßt.«

Der Gräfin unterbrach sie: »Hör auf. Du bist nervös. Dazu hat man in deinem Alter noch kein

Recht. Ein Betrunkener erlaubt sich einen Scherz – was weiter? Man sieht es, wenn es einen

unterhält, sieht es nicht, wenn es einen verdrießt – darüber nachdenken ist krankhaft.«

Maria schwieg. Sie ließ sich nicht gern in einen Streit mit ihrer Tante ein, weil sie

regelmäßig den kürzeren zog. Die Tante war klug und schlagfertig; ihr Bruder, Graf Wolfsberg,

nannte sie sogar weise und verehrte in der um viele Jahre älteren Schwester seine Vertraute,

Ratgeberin und Freundin. Sie hingegen liebte auf Erden nichts als ihn. Kränklich von Jugend

auf und sehr unabhängigen Sinnes, hatte sie niemals einen Beruf zur Ehe in sich verspürt und

die zahlreichen Bewerber um ihre unscheinbare Persönlichkeit und um ihr glänzendes Vermögen

einen nach dem anderen ohne Seelenkampf abgewiesen. Gräfin Adolphine oder Dolph, wie sie in

der Familie genannt wurde, lebte seit langem auf ihrem Gute der Pflege ihrer Rheumatismen und

ihres Vermögens, das sie, bedeutend vermehrt, ihrem Bruder zu hinterlassen gedachte. Als

dieser Witwer wurde, brachte sie ihm, seiner Bitte nachgebend, ein großes Opfer. Sie

verzichtete auf ihre Selbständigkeit im eigenen Haushalte und machte sich zur Leiterin des

seinen. Da die Zeit kam, Maria in die Welt zu führen, tat sie noch mehr: sie entsagte der ihr

notwendigen Bequemlichkeit und Ruhe und durchwachte manche Nacht auf dem Balle, den

schmerzenden Kopf mit Diamanten bedeckt und so unvorteilhaft aussehend im großen Staat, daß

nicht einmal ihre Kammerfrau es wagte, sie zu bewundern. Dabei langweilte sie sich grausam,

langweilte sich sogar, wenn sie die anderen durch ihren scharfen und sprudelnden Witz

vortrefflich unterhielt. »Glücklicher Bertrand de Born«, sagte sie, »dem doch die Hälfte

seines Geistes nötig war. Ich wäre froh, wenn ich nur für ein Zehntel des meinen Abnehmer

fände!«

Zu Hause angelangt, zog sich die Gräfin in ihre Gemächer zurück, während Maria in den Salon

ihrer Wohnung trat. Jeden Abend erwartete sie hier einen verehrten Gast – ihren Vater. Es

geschah fast nie umsonst. So wenig Zeit das hohe Staatsamt, das er bekleidete, und die

Genußsucht, der nachzugeben er selbstverständlich fand, ihm übrigließen: die Stunde, mit der

Maria ihren Tag beschloß, wußte er für sie freizuhalten.

Sie ließ sich jetzt den Theatermantel von ihrer Kammerzofe abnehmen und begann sogleich den

Tee zu bereiten, zu dem alle Anstalten auf einem Tischchen neben dem Etablissement getroffen

waren.

Maria widmete ihrer Beschäftigung die größte Sorgfalt. Mit dem Vorsetzen einer Tasse Tees

hatte sie alle kindlichen Pflichten, die ihr Vater ihr auferlegte, erfüllt. Es wäre ihr heißer

Wunsch gewesen, etwas für ihn tun, ihm etwas sein zu können; aber sie fühlte wohl, daß die

Ahnung eines solchen Ehrgeizes im Herzen seiner Tochter ihn lachen gemacht hätte. Er wollte

sie heiter und glücklich sehen, und wenn sie seine Fragen: »Hast du dich unterhalten? – Freut

dich dies? – Freut dich jenes?« mit Ja beantwortet hatte, dann wich der strenge Ernst, der

gewöhnlich auf seinem Antlitz lag. Dank seiner Großmut hatte sie ihre Wohnung in ein kleines

Museum verwandeln können; fiel es ihr aber ein, bei der Betrachtung eines Bildes, einer Bronze

etwas von ihren neuerworbenen Kenntnissen in der Kunstgeschichte durchblicken zu lassen, dann

wurde seine Miene so spöttisch, daß Maria verwirrt schwieg und sich beschämend albern vorkam.

Und der kostbare Blüthner, mit dem er sie jüngst überrascht und der dort in der Ecke stand,

eingehüllt in weiche, indische Gewebe, noch hatte sie seinem Spender nichts anderes darauf

vorspielen dürfen als Operettenarien und Tanzmusik. Sie war nicht leicht abzuschrecken

gewesen, hatte immer einen Übergang gefunden aus dem Trivialen ins Schöne, aus dem

Zerstreuenden ins Erhebende – aber nach den ersten Takten schon wurde das gefürchtete »Gute

Nacht, Maria« gesprochen, und der Graf war aus dem Zimmer verschwunden. In solchen Fällen

pflegte sie sich nicht zu unterbrechen; es hätte ihn, der sich in seinem Hause gegen

Rücksichtnahme wehrte wie ein anderer gegen Rücksichtslosigkeit, sehr verdrossen. Nun blieb

Maria in seiner Gegenwart bei dem Vortrage von Arietten und Walzern. Die Musik, die ihrem

Geschmack entsprach, übte sie aus vor dem Bilde ihrer Mutter, das lebensgroß an der Wand über

dem Piano hing. Du hättest deine Freude an mir gehabt, sprach sie in Gedanken zu ihr. Du

hättest gewußt, daß ich nur zu wollen brauche, um eine Künstlerin zu werden. Aber ich werde

nicht wollen, ich darf nicht. Unsereins darf so etwas nicht. Hättest du das auch gefunden,

Mutter?

Ihr Blick haftete voll inniger Begeisterung auf dem edlen Angesicht, dem das ihre so ähnlich

sah. Es war dasselbe reine Oval, dieselbe von kleinen Locken der reichen, aschblonden Haare

beschatteten Stirn. Sie bildete zwei kaum sichtbare Hügel über den feinen Brauen, den etwas

tiefliegenden blaugrauen Augen. Es war derselbe Schnitt der schlanken Nase, der leicht

geschwellten Lippen und dieselbe wahrhaft königliche Gestalt. Aber ein anderer Geist

offenbarte sich in jedem der beiden schönen Wesen. Marias ganze Erscheinung bekundete

Entschlossenheit, Seelenstärke, Klarheit. Die Verstorbene hingegen hatte einen Ausdruck von

eigentümlicher Schwermut und hilfloser Schüchternheit. Das Bild, aus dem sie unvergänglich

jung und lieblich herabsah, war in ihrem achtzehnten Jahre, dem ersten Jahre ihrer Ehe, gemalt

worden. Es stellte sie dar in einem weißen Spitzenkleide, mit bloßem Halse, mit nachlässig

herabhängenden Armen, eine weiße, kaum aufgeblühte Rose in der Hand. Den Kopf leicht

vorgeneigt, schien sie traumverloren zu lauschen. Maria besann sich noch, sie so gesehen zu

haben im Konzert, in der Oper, und auch wenn der Vater oder sie zu ihr sprachen.

Aber diese freudigen Erinnerungen an die Mutter lagen fern, und die, die sich an eine spätere

Zeit knüpften, waren unsäglich traurig. Die Gräfin, von einer Gemütskrankheit ergriffen, war

langsam hingesiecht. Immer teilnahmsloser, immer schattenhafter wandelte sie stundenlang im

Sommer durch den Garten, im Winter durch die Zimmer und durch die Gänge, blieb manchmal

horchend an einer Tür stehen, machte eine Gebärde des Entsetzens und trat ihre Wanderungen

stumm und rastlos wieder an.

Die ersten Symptome des Leidens sollten durch einen heftigen Schrecken hervorgerufen worden

sein, dessen Veranlassung niemand in Marias Umgebung kennen wollte. Sie zweifelte nicht, daß

ein Geheimnis da verborgen liege, und ließ nicht nach in ihrem leidenschaftlichen Eifer, es zu

entdecken. Ganz besonders wurde ihre ehemalige Kinderfrau, die mit unbegrenzter und

sklavischer Liebe an ihr hing, mit Fragen von ihr bestürmt.

»Sag es mir, Lisette, geh, sag es mir«, hatte sie einst gefleht und, so geizig sie mit ihren

Zärtlichkeiten war, ihren Arm um den Hals der Getreuen geschlungen. »Wenn du mich liebhast,

sagst du’s gleich, in dieser Minute … Wenn du es nicht sagst, dann weiß ich, daß dir nichts an

mir liegt.«

Lisette sank in sich zusammen. Ratlos und verzweifelt starrten ihre grauen Augen ins Leere,

ihre Wangen wurden fahl, und ihre Lippen bebten. »Wär ich doch tot«, jammerte sie, »daß mich

das Kind nicht mehr fragen könnt.«

– Tot? – Maria trat weg von ihr und senkte den Kopf.

Lisette hatte sich den Tod gewünscht. Sie, die nicht von ihm reden hören konnte, die in jedem,

der ihn nur nannte, ihren Feind sah, die das Leben als das höchste aller Güter schätzte, noch

soviel von ihm erwartete, die tanzen wollte auf der Hochzeit Marias und Kinder des Kindes

heranziehen, alle – und wenn ihrer zwölfe wären!… Lisette hatte sich den Tod gewünscht!

Das junge Mädchen war tief ergriffen und mußte Tränen niederkämpfen, um laut und vernehmlich

sagen zu können: »Ich werde dich nie wieder fragen.«

Maria hatte Wort gehalten. – Seitdem waren sechs Jahre vergangen.

2

Der Vorhang des Nebenzimmers war mit leiser Hand zurückgeschoben worden, Lisette erschien am

Eingang und ihre sanfte, unterwürfige Stimme sprach: »Maria, Kind, darf ich herein?«

»Du bist noch auf?« lautete die vorwurfsvolle Erwiderung, und Lisette entschuldigte sich:

»Hatte schon Nacht gemacht, schon längst. Aber du weißt, daß ich nicht einschlafen kann, bevor

ich deinen Wagen ins Haus rollen höre.«

»Wie lächerlich«, versetzte Maria, wandte sich ab und nahm Platz in einem Fauteuil.

Lisette stützte, nähertretend, den Arm auf dessen Lehne: »Kann früher nicht einschlafen. Und

dann muß die Klara kommen und mir berichten – weh ihr, wenn sie das einmal versäumen würde! –,

sie ist da und lustig und guter Dinge. Heut jedoch hör ich: Sie hat traurig ausgesehen …«

»Spionage!« fiel ihr Maria ins Wort.

»Nenn’s wie du willst, das ist mir gleich; nur glaube nicht, daß du daran etwas ändern kannst.

– Also traurig ist das Kind? Ja, ja, ich seh’s.« Ihr Ton wurde tief schmerzlich, in ihrem

kleinen, spitznasigen Gesichte malte sich eine peinvolle Bangigkeit. »Was ist denn geschehen?«

»Ach, Lisette, ich bitte dich, mach keine Geschichten. Was soll mir geschehen sein? – Ich bin

verstimmt, ja, aber aus einem Grunde, der dir keine Sorgen machen wird.«

»Wollen erst sehen. – Sprich, mein Vogerl, sprich, damit ich beruhigt zu Bett gehen kann.«

Maria erhob den Kopf und sah der Dienerin, die sich zu ihr herabneigte, fest und streng in die

Augen: »Die Menschen, die eine eiskalte Nacht wie diese im Freien zubringen und hungernd und

frierend die Straßen fegen werden – die tun mir leid.«

Lisette bäumte sich lachend zurück. »Nein, das Kind! – Nein, das ist zu arg. Die Leute, die

Gott danken für den Schnee, den er vom Himmel fallen läßt, damit sie Arbeit kriegen, die sich

nichts anderes wünschen als Arbeit, von klein auf nichts anderes gewohnt sind als Arbeit, die

bedauerst du!« Sie wurde in dem Lobgesang, den sie nun auf Marias »goldenes Engelsherz« zu

erheben begann, unterbrochen.

Im Hofe, nach dem die Fenster der Komtessenwohnung gingen, war es laut geworden.

Pferdegetrappel ließ sich hören, die Portiersglocke gab das Herrenzeichen.

Lisette verabschiedete sich, und Maria ging ihrem Vater bis an die Schwelle entgegen; sie

begrüßten einander mit einem Händedruck.

»Guten Morgen und guten Abend«, sprach Maria. »Ich wollte nachmittags einen Augenblick zu dir,

aber Walter sagte, du habest Besuch.«

»Dornach war bei mir und blieb so lange, daß ich kaum Zeit gehabt habe, Toilette zu machen zum

Diner.«

»Bei?«

»Bei Fürstin Alma.«

»War’s schön?«

»Kannst dir’s denken. Dreißig Personen, dreißig Grade und dreißig Gänge.«

»Du übertreibst, wie immer, wenn es sich um ein Fest bei Alma handelt. Sie kann tun oder

lassen, was sie will, du tadelst alles. Und ich weiß, wie peinlich ihr das ist und wie großen

Wert sie auf dein Urteil legt.«

Mit diesen Worten stellte Maria eine Tasse Tee vor den Grafen hin, der sich in einen Lehnstuhl

neben dem Tische niedergelassen hatte. Er warf einen seltsamen, fast drohenden Blick auf sie,

senkte ihn aber rasch, als er in den Zügen seiner Tochter der völligsten Unbefangenheit

begegnete.

Wolfsberg galt noch jetzt, da er sich in der zweiten Hälfte der Vierzig befand, für einen den

Frauen gefährlichen Mann. Er war mittelgroß, von schlanker und geschmeidiger Gestalt, ein

berühmter Reiter und Jäger. Einer gewissen kühlen und würdevollen Zurückhaltung in seinem

Wesen verdankte er den Ruf großer Verläßlichkeit, der ihm zahlreiche Freunde erwarb. Seine

Erziehung hatte er, früh verwaist, in Deutschland, bei Verwandten seiner verstorbenen Mutter,

im Sinne des Wortes – genossen. Mit einer außerordentlichen Bildungsfähigkeit begabt, war er

mühelos ein guter Student gewesen, und es blieb auch später sein Ehrgeiz, jeden seiner Erfolge

für einen spielend errungenen gelten zu lassen. »Ich nehme das Leben nicht ernst«, sagte er

oft und machte dazu eine beinahe finstere Miene.

Eines aber gab es in diesem Leben, das er dennoch ernst nahm, und das war seine Tochter und

das Glück, das er ihr bereiten wollte in Gegenwart und Zukunft.

»Maria«, begann er, »es hat sich heute jemand um die Erlaubnis bei mir beworben, unser Haus

besuchen zu dürfen. Du wirst wohl erraten wer?«

Sie lächelte ihn freudig an: »Felix Tessin.«

»Tessin? – du scherzest.«

»Es war nicht meine Absicht«, erwiderte Maria und senkte bestürzt die Augen.

»Wie? Du könntest glauben, daß ich Tessin angehört hätte, wenn er mir mit einer solchen

Zumutung gekommen wäre?«

»Warum nicht?« fragte sie zögernd, und ihr Vater antwortete mit der offenbaren Absicht, sich

nicht in Erörterungen einzulassen: »Du solltest wissen, was ich von ihm halte.«

»Nun, recht viel. – Ein so geistvoller, begabter Mensch, dem du selbst eine schöne Zukunft

voraussagst.«

»Das heißt, ich glaube, daß er so ziemlich alles erreichen dürfte, was er anstrebt. Er ist

ehrgeizig und klug, jagt hohen, aber nicht unerreichbaren Zielen nach und kann um so leichter

ankommen, da er sich wenig Skrupel macht in der Wahl seiner Mittel.«

»Vater!«

»Nun?«

»Das wäre ja schrecklich.«

Er zuckte die Achseln. »Tessin hält sich gewiß, wie heutzutage so mancher, für einen, der

›jenseits von Gut und Böse‹ steht. Ein so ungewöhnlicher Mensch, so bezaubernd in seiner

dunkeln Manfred-Schönheit, so verwöhnt von den Frauen.« Der Graf sprach gelassen und

spöttisch, ohne daß es im geringsten schien, als ob er seine Tochter beobachte, und las doch

in ihren bewegten Zügen, was ihn peinlich überraschte – daß er ein wenig spät kam mit seiner

Warnung. Es galt mehr, als einen flüchtigen Eindruck verwischen, es galt eine Empfindung

entwurzeln, weh tun. Den Ellbogen auf den Tisch und die Hand an Stirne und Wange lehnend, fuhr

er ernsthaft fort: »Wenn Tessin nicht ein Verwandter –« der Freundin deiner Mutter, wollte er

sagen, brachte es aber nicht über die Lippen, »der Fürstin Alma wäre, hätte ich verhütet, daß

er dir vorgestellt werde. Indessen hat sie es mir schwer genug gemacht, ihn, außer bei

offiziellen Empfängen, von denen ich einen Botschaftsrat nicht ausschließen kann, von meinem

Hause fernzuhalten. Die gute Fürstin wird eine Schwäche für ihn nicht los; sie vergißt nie,

daß sie sein Jugendtraum gewesen ist, seine erste und letzte ideale Liebe.«

»Vor ihrer Verheiratung; ich habe davon gehört.«

»Vorher – nachher. Was hätte er darum gegeben, an der Stelle seines älteren Vetters, des

Fürsten Tessin, zu sein, der die Braut heimführte. – Es dauerte eine Weile, bis er das

zwecklose Schmachten satt bekam und eine praktische Richtung im Leben und in der Liebe

einschlug. Und heute können seine Huldigungen ein junges Mädchen nicht mehr stolz machen. Sie

teilt sich darein mit Persönlichkeiten, mit denen sie gewiß nichts gemein haben möchte.«

»Zum Beispiel?« fragte Maria erstickten Tones, und ihr Vater spöttelte: »Nein wirklich, ich

bekomme Respekt vor den Komtessensoireen. Man klatscht ja dort nicht mehr, kümmert sich nicht

mehr um das Tun und Lassen der jungen Herren. Schade um ihre schönsten dummen Streiche, sie

machen keinen Effekt. Was wissen denn die Komtessen, wenn sie nichts wissen von Mademoiselle

Nicolette, dem Stern der ersten Quadrille?«

Maria war sehr blaß gewesen, jetzt färbten sich ihre Wangen: »Doch – sie wissen viel und

schwatzen noch mehr von ihr und vom Grafen … Ich höre aber nicht zu, wenn jemandem übel

nachgeredet wird … du hast mich das gelehrt.« Sie versuchte einen scherzenden Ton anzunehmen,

es gelang ihr nicht, es war zu schwer. Sie hätte weinen und schluchzen mögen.

Der Graf sah es, und es tat ihm leid, von einer schwächlichen Regung jedoch hielt er sich

frei. Es mußte sein, mit dieser Neigung mußte sie fertigwerden. Auch ohne den entscheidenden

Grund, der ihr unbekannt bleiben mußte, würde Wolfsberg eine Heirat zwischen Maria und dem

leichtfertigen Tessin nie gestattet haben. Und so versetzte er: »Die üble Nachrede trifft auch

manchmal das Richtige.«

Ein schwerer Seufzer stieg aus der Brust Marias. »Du tust ihm vielleicht Unrecht«, wagte sie

einzuwenden.

»Er ist unwahr und gewissenlos – unterbrich mich nicht – ich spreche von jener

Gewissenlosigkeit, die sich von der des Falschspielers oder des Diebes unterscheidet wie das

Ungreifbare vom Greifbaren … Genug.« Er wandte sich ihr plötzlich zu und sah sie an: »Du hast

schlecht geraten. Der mich bat, ihm Gelegenheit zu geben, von dir gekannt zu werden – denn

dich zu kennen, behauptet er –, ist Hermann Dornach.«

Sie biß sich auf die Lippen. »Welche Ehre! Und was hast du ihm geantwortet?«

»Daß ich mit dir reden und ihm dann Bescheid geben will. Er wird bejahend lauten, wenn du

Rücksicht nimmst auf das, was ich wünsche. Du verbindest dich damit zu nichts. Ich verlange

nur: beobachte ihn, prüfe dich. Er wird deine Achtung gewinnen, aber die Sympathie allein gibt

den Ausschlag, und – da stehen wir an der Grenze unseres freien Willens. Der Verstand sagt,

der klare Blick sieht, hier ist ein Mensch, so vortrefflich, daß eine brave Frau mit ihm

glücklich werden muß. Es ist kaum anders möglich, als daß ihre Freundschaft und Hochschätzung

für ihn sich allmählich zur Liebe und Begeisterung steigert. Und dort ist ein anderer, an

dessen Seite sie Enttäuschung auf Enttäuschung zu erwarten hat. Sie wird gewarnt, ahnt wohl

selbst etwas davon – was hilft’s? – Ein dunkler Instinkt bleibt der Herr. Das Echte läßt sie

gleichgültig, und unwiderstehlich fühlt sie sich zum Falschen hingezogen.«

»Unwiderstehlich?« Trotz und Zorn funkelten aus Marias Blicken. »Wenn du das auf mich

anwendest, kennst du mich nicht.«

»Hoho!« sprach er, sehr zufrieden mit dem hervorgebrachten Eindruck. »Da bleibt mir nichts

übrig, als mich zu entschuldigen. Aber das möchte ich wissen – ob du nie ausgelacht worden

bist, wenn du die Verteidigung Mademoiselle Nicolettes und ihres Gönners übernahmst?« – Er

ersparte ihr die Antwort, die sie mühsam vorzubringen suchte. »Und dann, warum hast du gesagt:

›Welche Ehre!‹ als ich dir die Botschaft Dornachs bestellte?«

»Weil alle Welt es dafür ansehen würde. Es ist ja unglaublich, wie sie es mit ihm treiben. Die

Papas und Mamas machen dem jungen Manne den Hof … Oh, wenn sie ihm die Töchter buchstäblich an

den Kopf werfen könnten – da sähe man Komtessen fliegen!… Und die überbieten noch die

Taktlosigkeit der Eltern, ihm und seinem zweiten Ich, seiner Mutter gegenüber … Ich schäme

mich für die anderen … Das alles ist so empörend und für Dornach so demütigend, weil es so

unpersönlich ist und nur seinem Rang und seinem Reichtum gilt.«

Sie ereiferte sich und sprach mit einer Heftigkeit, die außer Verhältnis zu deren scheinbarem

Grunde stand.

Peinlich berührt, lenkte der Graf das Gespräch ab und brachte es erst später auf den Freier

zurück, der, wie es bei ihm feststand, sein Schwiegersohn werden sollte.

Als er sie verlassen hatte, ging Maria zu Bette und konnte zum ersten Male in ihrem Leben

nicht sogleich einschlafen. Jedes Wort über Tessin, das ihr Vater gesprochen hatte, klang

schmerzhaft in ihrer Seele nach. Die Erinnerung an alles wurde lebendig, das Maria ein tolles

Geschwätz genannt und dem sie ihr Ohr verschlossen hatte. Nun aber wußte sie, die Menschen,

die von ihr der Verleumdung angeklagt worden, die hatten recht, und ihr Vater hatte recht und

sie allein unrecht mit ihrer törichten Glaubensseligkeit, mit ihrer übel angebrachten

Bewunderung Tessins, mit ihrem Stolz auf sein ritterliches Werben … Guter Gott, das war so

unpersönlich wie die dem Grafen Dornach dargebrachten Huldigungen. Ein ehrgeiziger Diplomat,

ein praktischer Mann hatte gewünscht, der Schwiegersohn des Grafen Wolfsberg zu werden, und

die dazu unerläßlichen Schritte mit liebenswürdiger Formgewandtheit unternommen … Das Herz war

bei dem Geschäfte nicht im Spiele – wäre auch nicht zu vergeben gewesen, es befand sich

bereits in anderweitigem Besitz.

Ein Schwall von neuen Empfindungen brach über Maria herein. Sie war die Beute von etwas

Fremdartigem und Unschönem, dem sie sich entreißen wollte, und wollen konnte sie noch, das

sollte ihr Vater sehen – ihr Vater und noch ein anderer …

Ihre Lider wurden schwer und schlossen sich. Ein Augenblick der Betäubung, dann fuhr sie auf …

Ob sie jetzt wußte, was es heißt: hassen?… Nein, nein … sie fühlte nur ein tiefes Bedauern,

wie wenn ihr ein Herrliches und Schönes, an dem ihr das Herz gehangen hatte, verunstaltet

worden wäre. Er, den sie hoch über alle Menschen gestellt, unwahr und gewissenlos!

Sie hörte noch vom Turme der nächsten Kirche zwei Uhr schlagen, dann schlief sie ein und

träumte, Tessin trete als Schneeschaufler verkleidet an ihr Bett, präsentiere mit dem Besen

und engagiere sie zum Kotillon. Sie folgte ihm durch den Ballsaal und schämte sich ihrer

Nachttoilette und ihrer nackten Füße. Auch ihres Tänzers schämte sie sich, der in einem fort

grinste und der wirkliche Schneeschaufler war. Und wie sie ihn jetzt so recht ins Auge faßte,

entdeckte sie etwas Merkwürdiges. Der zerlumpte Mensch erinnerte an ihren Vater, er hatte wie

jener die breite Stirn, die dichten, zusammengewachsenen Brauen. Maria neigte sich zu ihm und

sprach: »Beim ersten Blick ist mir etwas an Ihnen aufgefallen – ich wußte nur nicht gleich,

was es war …« Sie erwachte, lächelnd über diesen Traum und mit unglaublich leichtem Herzen für

ein junges Mädchen, dem eben eine erste Illusion zerstört worden. Es ist aus, dachte sie, ich

hätte nicht geglaubt, daß man so schnell mit einem Gefühl fertigwerden kann, das doch wie

Neigung ausgesehen hat … Nein, nicht nur ausgesehen!… Die anderen wollen belogen sein – warum

aber mich selbst belügen?… Ich habe ihn geliebt, innig und heiß.

Und aufschluchzend drückte sie ihr tränenüberströmtes Gesicht in das Kissen.

3

Am nächsten Tage machte Hermann Dornach seinen ersten Besuch, wurde für morgen zu Tische

geladen und brachte einige Abende im Familienkreise zu. Gräfin Dolph fand ihn charmant und

unglaublich gescheit für einen Majoratsherrn. Sie rechnete es ihm hoch an, daß er mit ihr, der

bösen Zunge, die den meisten Scheu einflößte, so rasch vertraut wurde. »Einfach die Folge

seines guten Gewissens«, erklärte sie. »Eine Anklage gegen ihn wäre ein Schuß ins Blaue; der

sieht ruhig zu, wie ich meine Pfeile spitze; er gehört nicht zu den Leuten, denen vor mir

graut.«

Und wirklich schwand in ihrer Gegenwart die leise Befangenheit, die bei einem Manne, den zu

verwöhnen alle Welt wetteiferte, für den Laien so befremdlich und dem Herzenskundigen eine

Bürgschaft echten Seelenadels war.

Man sagte, diese Befangenheit sei die Folge der übertriebenen Strenge, mit welcher er unter

der Leitung seiner Mutter erzogen worden war. Die Gräfin hatte ein Gegengift anwenden wollen

gegen die Kriecherei der Parasiten, des Beamtenheeres, der Dienerschaft und gegen die

grenzenlose Nachsicht eines schwachen und kränklichen Vaters für sein einziges Kind. Aber die

Dosis war zu stark gewesen und hatte nicht nur keine Selbstüberhebung aufkommen lassen,

sondern auch kein rechtes Selbstvertrauen. Die Gräfin sah den begangenen Fehler ein und suchte

ihn noch beizeiten gutzumachen. Sie hatte nach dem Tode des Grafen die Vormundschaft über

Hermann, die sie tatsächlich immer geführt, auch formell angetreten und schenkte nun dem

achtzehnjährigen Jüngling uneingeschränkte Freiheit. Ein kleiner Mißbrauch derselben wäre

leicht verziehen gewesen, kam aber nicht vor. Hermann besuchte landwirtschaftliche Schulen in

Deutschland und England, jagte Löwen in Nubien und Elefanten in Indien, diente einige Jahre in

einem eleganten Kavallerieregimente und widmete sich später der Verwaltung seiner Güter. Er

war dreiunddreißig Jahre alt geworden, ohne in die Lage gekommen zu sein, andere Schulden als

die seiner Freunde bezahlen zu müssen, ohne ein Mädchen verführt, ohne den Ruf einer Frau

gefährdet zu haben. Und doch kochte das Blut in seinen Adern so heiß wie in denen irgendeines

seiner Alters- und Standesgenossen, und doch hatte er in seinen wenigen Liebesverhältnissen

mehr echte und wahrhafte Empfindungen ausgegeben als sie alle zusammengenommen in ihren

zahllosen Zirkus- und Halbweltsabenteuern. Übrigens erschienen ihm von dem Augenblick an, in

dem er Maria kennenlernte, seine ernsthaftesten Schwärmereien und Leidenschaften wie

Kinderspiel.

Es geschah auf einem Balle, den er aus Gehorsam gegen seine Mutter besucht hatte. Er kam ja

überhaupt nur aus Gehorsam zu ihr nach Wien, um dort in die große Welt zu gehen, wo er kein

Vergnügen fand und wo die Bemühungen um seine Gunst ihn anekelten.

Tante Dolph war Zeuge seiner ersten Begegnung mit Maria und dann selbst der Gegenstand seiner

eifrigsten und ehrfurchtsvollsten Aufmerksamkeiten gewesen. Sie erinnerte sich plötzlich ihrer

Jugendfreundschaft mit Gräfin Agathe Dornach und machte ihr einen Besuch, der bald erwidert

wurde. Die alten Damen sagten zueinander: »Liebes Kind«, und jede hatte das Gefühl ihrer

Überlegenheit über die gute Bekannte von einst, mit der sie später auseinandergekommen war

wegen völlig verschiedener Anschauungen und gleich schroffer Unduldsamkeit. Agathe berühmte

sich, eine orthodoxe Katholikin zu sein; Dolph, ganz ungläubig, ließ nicht gelten, daß ein

vernünftiger Mensch fromm sein könne, es wäre denn ein Dienstbote, ein Bauer oder ein Prinz.

Agathe fürchtete für Dolphs ewiges Heil, diese fürchtete Agathens Bekehrungsversuche, die

stets in der Behauptung gipfelten, die Skepsis entstehe aus der Halbbildung, und weiter als

bis zu einer solchen brächten Frauen es nicht. Ob sich diese Gegensätze zwischen den beiden

Damen im Laufe der Jahre gemildert oder verschärft hatten, danach wurde jetzt nicht gefragt

und das Berühren heikler Punkte sorgfältig vermieden. Der Graf, ein Konversationskünstler

ohnegleichen, half spielend über ein paar Abendstunden hinweg; das Gespräch, das er

beherrschte, wurde lebhafter geführt als das zwischen den jungen Leuten am Teetisch nebenan.

Maria war schweigsam, Hermann nicht beredt. Er sagte aber dennoch viel, denn jeder seiner

Blicke enthielt eine glühende Erklärung der innigsten Liebe.

Eines Tages nun geschah es, daß Gräfin Dornach sich bei Maria anmelden ließ und mit einer

Miene eintrat, als ob sie die Schlüssel des Himmels zu überreichen hätte. In würdevoll

gelassener Weise brachte sie im Auftrage Hermanns die Anfrage vor, ob er um Marias Hand werben

dürfe.

»Dein Jawort würde ihn beseligen«, schloß sie, »und du kannst es ihm getrost geben. Ich

schmeichle niemandem, am wenigsten mir selbst in meinem Sohne. Mein Urteil über ihn ist das

eines jeden Unparteiischen und lautet: Es gibt keinen vernünftigeren Menschen, keinen

besseren, keinen edleren.« Sie hielt inne, sie wartete auf eine Erwiderung; da keine erfolgte,

fuhr sie fort: »Wenn deine Mutter lebte, würde ich mich zuerst an sie gewendet haben, und sie

wäre es, die jetzt zu dir spräche. Nimm an, daß es durch meinen Mund geschieht.«

Maria senkte die Augen, ihre Lippen zitterten, aber sie schwieg.

»Ein sicheres Glück bietet sich uns im Leben selten. Dem, der es einmal abgewiesen hat, wird

es schwerlich wiederkehren«, fuhr die Gräfin nach einer Pause noch kälter und förmlicher als

früher fort. »Indessen hast du recht zu erwägen. Dein Zögern gefällt mir; es beweist, daß du

den Ernst des Schrittes kennst, den andere junge Mädchen oft so leichtsinnig unternehmen. Ich

habe Vertrauen zu dir. Wenn ich deine Einwilligung, deine einfache Einwilligung mit nach Hause

nehme, so enthält sie für mich alle heiligsten Schwüre, die ein ehrliches Mädchen ihrem

zukünftigen Gatten nur irgend leisten kann.«

»Jawohl, das enthielte sie auch … Ich bitte Sie –«

»Wieder: Sie! Bleibe ich dir denn fremd?« – »Ich bitte dich, sage dem Grafen Hermann – –« eine

unaussprechliche Bangigkeit bemächtigte sich ihrer; sie blickte in das marmorblasse Gesicht

der Gräfin: – So lieblos wie die Tante, dachte sie.

»Nun, was sag ich ihm?«

»Daß ich heute abends – Ihr kommt ja doch? – selbst mit ihm sprechen werde.«

Sie küßte der Gräfin, die sich ziemlich enttäuscht erhob, die Hand und begleitete sie bis zur

Treppe.

In ihr Zimmer zurückgekehrt, schritt sie lange in hoher Erregung auf und ab und quälte sich

mit der Frage: Warum will ich’s tun? – Ist mein Grund nicht ein verwerflicher?… Und dann

setzte sie sich ans Klavier und spielte und wurde allmählich ruhiger. Und dann kam Tante Dolph

und las ein Telegramm von Wilhelm Dornach vor, einem Bekannten aus uralter Zeit, dessen

Existenz sie längst vergessen hatte. Auf ein Gerücht hin, das in seine ländliche Einsamkeit

gedrungen war, schickte der gute, dumme Mensch ihr seine Glückwünsche zur Verlobung ihrer

Nichte mit seinem Vetter.

Die Gräfin lachte über die Eile des armen Teufels, seine geheuchelte Freude an den Tag zu

legen. Als nächster Anwärter auf das Majorat konnte der ganz unbegüterte und mit einer

zahlreichen Familie gestrafte Mann doch nichts anderes gewünscht haben, als daß sein Vetter

ledig bleibe. Ein insdiskreter Wunsch, ja, aber der natürlichste von der Welt. Sie nahm Platz

auf der Chaiselongue mit dem Rücken gegen das Bild ihrer verstorbenen Schwägerin, das

anzusehen sie überhaupt vermied, klagte über Kopfschmerzen und rieb die eingefallenen Schläfen

mit Kölner Wasser. Sie war leidend und in gereizter Stimmung. Sogar als sie ihr jetziges

Lieblingsthema anschlug, das Lob Hermanns, geschah es mit einer Beimischung von Spott.

»Heil der Frau, die er heimführt!« rief sie aus, »ihre Ehe wird freilich sein wie jede, in der

nur ein Wille herrscht.«

Sie beantwortete den erstaunten Blick Marias mit der Frage, ob denn Hermann nicht von seiner

Kindheit an gelernt habe, sich einer Weiberregierung zu fügen?… Wie albern müßte doch die Frau

sein, die es nicht verstände, einen so vortrefflichen Elementarunterricht als Grundlage zu

weiterer Ausbildung zu benützen! Gute Lehren, wie das anzufangen sei, kamen nun in Fülle.

Ernst gemeinte wie spaßhafte und alles mit Beispielen erläutert. Man sehe das Ehepaar

Heinburg. Im Anfang war er ein Spieler und brachte die Nächte im Klub zu, während sie daheim

saß und weinte. Das hat sich nach und nach geändert – durch ihr Verdienst! Jetzt spielt sie,

und er weint. »Und deine Freundin Emmy, die sich zum Altar schleppen ließ wie ein Lamm zur

Schlachtbank und in ihrer Ehe einen so guten sicheren Hafen gefunden hat, von dem aus sie

allerlei abenteuerliche Fahrten unternehmen kann in die stürmische See!«

Ein Klopfen an der Tür ließ sich hören, und Fräulein Nullinger, die Gesellschafterin Gräfin

Dolphs, schlüpfte herein. Sie wurde von der Gebieterin »Nulle« genannt, was sie empörte, und

litt infolge ihres aufregenden Dienstes an Nervosität. Obwohl sie jetzt nur die harmlose

Meldung zu machen hatte, daß die Schneiderin gekommen sei und gesagt habe, sie könne nicht

lange warten, zuckte es dabei krampfhaft um ihren Mund.

»Schon gut, setzen Sie sich«, erwiderte Dolph und fuhr fort, Freund und Feind durch die Hechel

zu ziehen. Sie nannte viele Namen ganz flüchtig und obenhin; an dem, der ihn trug jedoch,

blieb ein Makel hangen, oder er wurde mit einer Lächerlichkeit behaftet.

Maria hörte ihr heute aufmerksamer zu als sonst und dachte: Sie hat wohl recht. Was soll auch

an den übrigen Menschen sein, wenn Tessin nichts taugt? Und Gräfin Dolph, wie ein echter

Schauspieler, den schon die Teilnahme eines einzigen Zuhörers begeistert, übertraf sich selbst

in ihrer fragwürdigen Kunst und geriet in den kleinen Witz- und Bosheitsrausch, der ihr so

gesund war. Ihr Gesicht, das, wie sie selbst sagte, eine Karikatur der schönen Züge ihres

Bruders war, belebte sich, und ihre Kopfschmerzen verschwanden.

Fräulein Nullinger verlor endlich die Geduld und erhob sich, noch um eine Schattierung höher

gefärbt als gewöhnlich. »Ich werde der Schneiderin sagen«, sprach sie, »daß Frau Gräfin jetzt

lästern müssen und keine Zeit für sie haben.«

Dolph lachte. »Ach was, mein Lästern: ein gerader Kerl, der gleich Farbe bekennt. Aber das

Ihre!… Wenn Sie anfangen: Ich hab den oder die recht gern, das ist, wie wenn ein Reiter sein

Pferd zusammennimmt, bevor er ihm eins hinaufgibt.«

Sie ging in munterster Laune, war auch später bei Tische heiter und anscheinend ganz wohl. Am

Abend jedoch stellten sich plötzlich ihre Kopfschmerzen wieder ein und zwangen die Leidende,

ihr Zimmer aufzusuchen, kurz bevor Hermann und seine Mutter gemeldet wurden. Ausnahmsweise

hatte Wolfsberg zu Hause gespeist und nachmittags im Salon den Damen Gesellschaft geleistet.

Er empfing die Gräfin mit tausend Entschuldigungen seiner Schwester, die sehr zur Unzeit

unwohl geworden; Agathe äußerte ihre Teilnahme mit ganz besonderer Wärme und ersuchte den

Grafen, sie zu ihrer Freundin zu geleiten, was alsbald geschah. – Die jungen Leute blieben

allein.

Beiden stieg die Röte in die Wangen. Ihm schien die Gelegenheit zu einer entscheidenden

Unterredung plump und ungeschickt geboten; ihrer bemächtigte sich ein peinliches Gefühl, halb

Empörung, halb Bangigkeit. Regungslos stand sie da, hatte die Brauen zusammengezogen und

blickte ins Feuer des Kamins. Nach einer Pause, die, je länger sie dauerte, desto schwerer zu

unterbrechen war, begann Hermann bewegt und zagend: »Meine Mutter hat mit Ihnen gesprochen,

Gräfin … Sie kennen die kühne Frage, die ich so vermessen bin, an Sie zu stellen. Die leiseste

Hoffnung auf eine bejahende Antwort würde mich beglücken … Darf ich sie fassen?«

Maria schwieg, aber sie wandte sich ein wenig und blickte ihn von der Seite so fremd an, als

ob sie ihn heute zum ersten Male sähe. Sein Äußeres war ungemein gewinnend, sie mußte es

gestehen. Verstand, Güte, Geradheit sprachen aus seinem hübschen Gesicht, leuchteten aus

seinen treuherzigen Augen. Er trug einen kleinen Schnurr- und Backenbart, die reichen braunen

Haare waren kurz geschnitten und ließen die edel geformte Stirn und die Schläfen frei. Seine

Gestalt hatte etwas Festes, Kräftiges, und doch fehlte es ihr nicht an männlicher Anmut.

»Antworten Sie mir«, sagte er.

Und sie, »der Held« im Kreise ihrer jungen Freundinnen, die Unerschrockene, die ja mit sich

selbst im reinen und fest entschlossen war, ihre Hand in die des ungeliebten Freiers zu legen,

flüsterte nun bestürzt: »Ich weiß nicht … ich weiß nicht –«

Ihre Verzagtheit ergriff und rührte ihn; er machte sich Vorwürfe, er hatte zu früh gefragt, er

hätte dem Drängen seiner Mutter nicht nachgeben, sich von dem Entgegenkommen des Grafen nicht

verleiten lassen sollen. Nun bemühte er sich, seine Übereilung gutzumachen: »Sie sind noch

unentschieden«, nahm er wieder das Wort, »ich sehe es und finde es begreiflich. – Überlegen

Sie, prüfen Sie mich streng und lang. Ich mache es Ihnen nicht schwer – in meiner Seele gibt

es keine Abgründe …«

»Mein Gott, nein«, sprach Maria, »das ist nicht … nein, nein –« und zwei Worte, Anfang und

Ende ihrer jungen Weisheit, kamen fast unhörbar über ihre Lippen … Worte ihres Vaters, die er

seiner gelehrigen Schülerin eingeprägt hatte: »Nur ruhig!« – Dereinst, als sie sich in

Verzweiflung über die Leiche ihrer Mutter geworfen … und viel später, auf der Jagd, als ihr

scheuendes Pferd dem Mühlstrom zugerast … und dann auf ihrem ersten Ball, als sie, von

übermütiger Fröhlichkeit ergriffen, so laut gelacht, so toll getanzt, immer hatte sein

eindringliches: »Nur ruhig!« sie zur Besinnung gebracht.

Auch in diesem Augenblick erinnerte sie sich der väterlichen Mahnung nicht umsonst und

vermochte ihren abgebrochenen Reden mit einem Scheine von Gelassenheit hinzuzufügen: »Sie

irren – ich bin entschlossen.«

»Wozu?… Nein?«

»Ja.«

»Heil mir!« rief er mit tiefinnerstem Jubel und ergriff ihre Hand, die sie, wieder erfaßt von

ihrer früheren Bangigkeit, aus der seinen zu lösen suchte. Er aber hielt sie fest.

»Sie ist mein, mein kostbarstes Eigentum – und Ihr freies Geschenk, nicht wahr, Maria? –

Niemand hat Sie beeinflußt, Sie hätten sich nicht beeinflussen lassen; Sie sind zu stolz, zu

selbständig.«

»Doch«, versetzte sie und erhob nun endlich ihr gesenktes Haupt. Nie in ihrem Leben hatte sie

einen Menschen so bewegt gesehen, und – merkwürdig – was ihr als der Ausbund des Lächerlichen

galt: ein Verliebter, dessen Empfindung nicht völlig erwidert wird, kam ihr jetzt höchst

ernsthaft vor und traurig sogar, traurig für sie. Er, mit seinem großen, wahrhaftigen Gefühl,

er war der Reiche und sie arm neben ihm. »Doch«, wiederholte sie leise, »der Wunsch meines

Vaters hat Einfluß auf mich gewonnen – im Anfang.«

»Und später, was bestimmte Sie später, was bestimmt Sie jetzt? Seien Sie aufrichtig gegen

mich, Gräfin, wie ich es immer gegen Sie sein werde. Was bestimmt Sie … ich … ich weiß, daß es

nicht Neigung ist.« Mühsam hatte er dieses Geständnis vorgebracht, denn er täuschte sich nicht

über die Gefahr, die es in sich schloß.

Aber Maria lächelte, freudig fast: »Daß Sie es trotzdem mit mir wagen wollen, das eben

bestimmt mich … Und das Vertrauen, das Sie mir beweisen – und das Vertrauen, das Sie mir

einflößen.«

»Dank!« sprach er, und aus seinen ehrlichen blauen Augen leuchtete eine wonnige Zuversicht.

»Das ist ein schöner Bund: Ihr Vertrauen und meine ehrfurchtsvolle Liebe! Eine solche Liebe

reicht aus für zwei gute Herzen, sie hat eine mitteilende Kraft. Wissen Sie warum? Weil sie

sich nie aufdrängt, sich niemals ein Recht anmaßt. Ihr gegenüber gibt es keine Pflicht, nur

Gnade und Wohltat. Und welche edle Frauenseele würde nicht endlich gerührt von … Genug!…«

unterbrach er sich, »sonst verrate ich noch, daß diese Uneigennützigkeit nichts ist als der

größte Egoismus – der Egoismus, Sie glücklich zu sehen.«

Mit beiden Händen zog er ihre Hand an seine Lippen, an seine Brust. Maria fühlte das ungestüme

Pochen seines Herzens, auf seinem Angesicht jedoch, das sich über das ihre neigte, lag

Frieden, und es erschien ihr wie verklärt von tiefster Seligkeit.

Der schweigsame Mann wurde beredt; er fand für seine Empfindung den Ausdruck, der gewinnt, für

seine Gedanken das überzeugende Wort. Maria hörte ihm zu und sagte sich: Er ist wahr und warm.

– Und vielleicht war es das, wonach sie sich sehnte von Kindheit an: Wahrheit und Wärme. Wohl

hatte man sie vergöttert und verwöhnt; aber wieviel Falschheit war bei dieser Vergötterung,

die servile Leute ihr erwiesen, wieviel – wenigstens äußere – Kälte bei der Verwöhnung, die

sie von ihrem Vater und nun erst von Tante Dolph erfuhr.

»Der Ernst auf Ihrer Stirn«, sprach Hermann, »der hat mich bezaubert; er ist, was ich zuerst

an Ihnen geliebt habe, und jetzt wird es mein heißes Bestreben sein, ihn allmählich zu

zerstreuen. Sie sollen gefeit durchs Leben wandeln, eingehüllt in meine Liebe … Ich bin zu

glücklich«, brach er aus – »ich verdien es nicht – was müßte der sein, der Sie verdiente,

Maria! Maria!«

Sie trat einen Schritt zurück, sie vermied den Blick voll leidenschaftlicher Andacht, der den

ihren suchte, und sprach: »Nein, nicht so – Sie sind ja besser als ich … haben Sie Geduld mit

mir.«

4

Sie wurden ein stilles und feierliches Brautpaar. Maria blieb kühl und gemessen. Dornach

bekämpfte immer siegreich jede Regung seines überströmenden Gefühls. In der Gesellschaft

erhoben sich Streitigkeiten, weil die einen behaupteten, er sei ihr, und die anderen wissen

wollten, sie sei ihm gleichgültiger. Dennoch erging sich alle Welt in so überzeugten und

gerührten Glückwünschen, als ob Romeo und Julia aus ihren Gräbern auferstanden und im Begriffe

gewesen wären, sich häuslich einzurichten.

Unter den vielen Oberflächlichen, deren hohles Geschwätz geduldet und für deren als Teilnahme

verkleidete Neugier gedankt werden mußte, gab es aber doch auch einige wohlwollende, treue

Menschen, gab es vor allem Fürstin Alma Tessin. Maria liebte sie, verehrte ihre grenzenlose

Herzensgüte und war voll Mitleid mit ihrer Befangenheit, die von Jahr zu Jahr zunahm. Die

Fürstin fragte Maria um Rat, küßte ihre Hände, hatte in ihrer Gegenwart etwas Demütiges und

Beschämtes, das dem jungen Mädchen ein Übergewicht über die Frau, die beinahe ihre Mutter

hätte sein können, förmlich aufzwang.

Eines Vormittags kam Fürstin Tessin zu Tante Dolph und fand dort das Brautpaar. Maria schritt

ihr entgegen, Hermann erhob sich. Alma sah ihn zum ersten Male seit seiner Verlobung, und es

geschah unerwartet. Auf ihrem zarten Angesichte wechselten die Farben.

»Graf Dornach«, sprach sie, »ich habe noch nicht Gelegenheit gehabt, Ihnen meinen innigen,

meinen freudigen …« sie hielt inne, von unüberwindlicher Verwirrung ergriffen, und blickte

beschwörend zu ihm empor: Erbarme dich, schien sie zu sagen, sieh, was ich leide, und erbarme

dich. Ihre stumme Bitte blieb unerfüllt. Er verbeugte sich, murmelte ein paar höfliche

Redensarten und nahm ihre Hand nicht, die sie ihm zitternd hatte reichen wollen und nun mit

einer Gebärde der Trostlosigkeit niedergleiten ließ.

Hermann nahm Abschied und ging.

Das Herz Marias schwoll vor Unzufriedenheit mit ihm. Was berechtigte ihn zu diesem ablehnenden

Benehmen gegen ein Wesen, das ihr teuer war? – Almas Verwandtschaft mit Tessin, flog es ihr

durch den Kopf. Aber nein! Weder Dornach noch irgend jemand konnte eine Ahnung von dem

flüchtigen Interesse haben, das jener Mensch ihr eingeflößt. Tessin war scheinbar nicht mehr

um sie bemüht gewesen als zwanzig andere. Daß sie ihm den Vorzug gegeben, blieb ihr sogar

gegen ihn selbst streng bewahrtes Geheimnis. Aber die Eifersucht sieht scharf – der arglose

Hermann verdankt ihr vielleicht einen Seherblick.

Als er am Abend wiederkam und den wunderschönen Blumenstrauß brachte, der täglich aus den

Gewächshäusern von Dornach für die künftige Herrin anlangte, wies Maria die Gabe zurück:

»Vorher will ich wissen, was haben Sie gegen Alma?«

Er zögerte mit der Antwort: »Sie ist mir … Aufrichtigkeit über alles, nicht wahr? – Nun denn –

sie ist mir unangenehm.«

»Unangenehm? Verzeihen Sie, das begreife ich nicht – ausgenommen, Sie hätten die Kunst

entdeckt, die Schönheit zu hassen und die Güte«, rief sie herb, und er erwiderte mit seiner

gewohnten bescheidenen Gelassenheit: »Ich habe nicht von Haß gegen Fürstin Tessin gesprochen,

ich bewundere ihre Schönheit …«

»Sie sieht eben aus, wie sie ist«, fiel Maria lebhaft ein; »so blond, so weiß, so duftig, von

so überirdischer Anmut umflossen habe ich mir in meiner Kindheit die Engel vorgestellt.«

Seltsam war der Eindruck, den diese Worte auf ihn hervorbrachten; ein Schatten von

Verlegenheit flog über sein Gesicht, und zugleich malte sich darin die tiefste und

liebevollste Rührung.

»Ich will Sie heilen von Ihrer Abneigung«, fuhr Maria fort. »Das Mittel dazu ist einfach: Sie

müssen Alma besser kennenlernen, dann wird meine beste Freundin auch die Ihre werden und bei

uns ihr zweites Zuhause finden – wenn es Ihnen recht ist.«

Es fiel ihm schwer, den Jubel, den dieses »bei uns« in ihm erweckt hatte, zu unterdrücken;

doch bezwang er sich und versetzte: »Sie werden in Ihrem Hause empfangen, wen Sie wollen, und

tun und lassen, was Sie wollen; mir wird es recht sein. Nehmen Sie jetzt die Blumen?«

»Gern, und ich danke Ihnen«, antwortete sie und dachte: Er ist ein vortrefflicher Mensch, und

ich werde ihn liebhaben wie einen Bruder.

Dornach hörte nicht auf, seine Huldigungen mit der größten Anspruchslosigkeit darzubringen.

Seine erfinderischen Aufmerksamkeiten für seine Braut waren in seinen Augen das

Selbstverständliche; ein Zeichen der Zustimmung von ihr, einen freundlichen Blick empfing er

wie Himmelsgaben. Gräfin Dolph neckte und versicherte ihn, er beschäme die ganze Tafelrunde:

solch ein altmodisch ritterlicher Bräutigam wie er bereite dem Ehemann einen schweren Stand.

Hermann lachte und behauptete, daß er nicht mehr sei und nicht mehr sein wolle als korrekt.

Maria habe ihm ihren Wahlspruch: »Nur ruhig!« anvertraut, er halte sich an den seinen: »Nur

korrekt.«

Und so waren denn seine fürstlichen Geschenke, so war der unerhört großmütige Heiratsbrief,

den er ausstellte, so war jeder Beweis seiner unbegrenzten Sorgfalt für das Wohl und Behagen

der Gegenwart und Zukunft seiner Braut »nur korrekt«.

Gräfin Dornach benahm sich gegen die Verlobte ihres Sohnes ganz und gar in seinem Sinne, der

ihr plötzlich maßgebend geworden. Für die von orthodoxem Familiengeist beseelte Frau war der

unmündige Junggeselle Hermann in den respektswürdigen zukünftigen Stammhalter seines edlen

Geschlechts verwandelt, und der alten Generation kam nichts mehr zu, als – Platz machen.

Agathe trat mit großartigem Gleichmut vor der zurück, die nun an ihrer Stelle die erste im

Hause Dornach sein sollte. Sie legte zu deren Gunsten den Majoratsschmuck so gleichgültig ab,

als ob es sich um ein Paar getragener Handschuhe gehandelt hätte. Sie traf ihre Anordnungen

zur Übersiedlung aus dem Palais nach einem Miethause in der Stadt, wo sie einige Wintermonate,

und nach dem Witwensitze Dornachtal, wo sie den größten Teil des Jahres zubringen wollte. Es

war dies ein trauriger Aufenthalt in rauher Gegend, zu Füßen der Branecker Berge, und Hermann

versuchte in jeder Weise, seine Mutter abzuhalten, ihn zu beziehen. Sie sollte in Dornach

bleiben, in dem Flügel des Schlosses, den sie von jeher den drei anderen vorgezogen. Dort

hatte sie ihr kurzes Eheglück genossen, dort ein Menschenalter hindurch als Gebieterin

gehaust, dort sollte sie auch ferner hausen in der Nähe ihrer Kinder, von ihnen geehrt,

geliebt, aber unbehelligt. Sie ließ sich nicht erbitten, ihr Entschluß war unerschütterlich.

Sie dankte Gott, sagte sie, für die endlich erlangte Gnade, ihr Leben in Ruhe und im Gebet für

sich und die Ihren still zu Ende spinnen zu dürfen.

So tadellos auch alles war, was die Gräfin tat und sagte, Maria vermochte dennoch kein Herz zu

ihr zu fassen; diese Tadellosigkeit wurde zu frostig ausgeübt. Das zurückhaltende Wesen ihres

Vaters flößte Maria Bewunderung ein, weil sie voraussetze, daß sich ein großer Reichtum hinter

demselben verberge. Die Zurückhaltung der Gräfin aber schien ihr einen Mangel verdecken zu

sollen. Wenn sie nach einem Besuche bei der Mutter ihres Verlobten Abschied nahm, erhielt sie

einen Kuß auf die Stirn, dessen eisige Kälte sie vom Wirbel bis zur Sohle durchschauerte.

Einmal, da Gräfin Dornach einen neuen Beweis ihrer ungeheuren Selbstentäußerung geben wollte,

wagte Maria abzuwehren. Agathe lächelte, gab dem olympischen Haupte einen kleinen Ruck ins

Genick und sprach: »Nimm es nicht zu hoch, liebes Kind, es geschieht vielleicht nur für die

Gräfin von Dornach.«

Am Abend vor der Hochzeit ließ Graf Wolfsberg seine Tochter zu sich bescheiden. Er erwartete

sie, am Schreibtisch sitzend, in seinem großen Fauteuil, den Kopf zurückgelehnt, die Beine

gekreuzt, und überdachte, was er ihr sagen wollte. Es war gar viel. – Daß sie ihm ein braves

und gehorsames Kind gewesen, ihm auch nicht eine Stunde getrübt, daß ihm der Abschied

schwerfalle, daß er aber einen Trost finde in der festen Hoffnung, sie werde glücklich sein.

Und nun das Lob Hermanns und einige gute Ratschläge für die Zukunft. Dem Grafen war es eine

ausgemachte, durch hundert Erfahrungen bestätigte Tatsache, daß jede junge, unschuldige Frau

sich in den Mann verliebt, der sie zuerst das Leben kennenlehrt. – Maria wird keine Ausnahme

machen, und er wollte ihr auf die Seele binden, in ihrer Leidenschaft nicht selbstsüchtig zu

werden und stets ihre Würde zu wahren. Die Treue, meinte er, die der Mann seiner Frau am

Altare geschworen, ist eine andere als diejenige, deren Schwur er von ihr empfing. Eine

scheinbare Vernachlässigung, eine flüchtige Zerstreuung des Gatten wird von dem Weibe, das

sich selbst achtet, übersehen. Was ist ein kurzer Sinnenrausch, dem gewöhnlich klägliche

Ernüchterung folgt, im Vergleiche zu der unerschütterlichen, dankbaren Anhänglichkeit an die

verehrte Lebensgefährtin, die niemals Nachsicht braucht, aber immer Nachsicht übt … üben soll

– und weh ihr, wenn sie es nicht tut – wenn sie, wie jene arme, einst von ihm angebetete Frau

Der Graf seufzte tief, seine Stirn verfinsterte sich. Die schmerzlichste Erinnerung seines

Lebens war in ihm erwacht, und er suchte nicht wie sonst ihr zu entfliehen … Eine holdselige

Gestalt stieg vor ihm auf: die Liebe seiner Jugend, seine schwer errungene Frau … Für eine der

Töchter des Hauses, welchem sie entstammte, war Graf Wolfsberg kein ebenbürtiger Freier; sie

gingen fürstliche Verbindungen ein oder blieben unvermählt. Und dennoch hatte er sie

heimgeführt, dem Vorurteil zum Trotze, weil er ihr heißes Herz zu gewinnen verstanden, weil

sie, zur Entsagung gezwungen, gestorben wäre und weil ihre Eltern, die schwachen, törichten,

sie nicht sterben lassen wollten … Hätten sie es doch getan – welch einen süßen und schönen

Tod hätte sie damals gehabt! Sie hätte aus dem Dasein scheiden können, unenttäuscht, im

frommen Glauben an den Geliebten. Aber das wurde ihr nicht vergönnt. Sie sollte das Ärgste

kennenlernen, bevor sie scheiden durfte, den Zweifel an ihm, an seiner Ehrlichkeit,

Wahrhaftigkeit und Treue, an allem, was den Wert des Mannes begründet. Eine gräßliche

Empfindung, die sie für Verachtung hielt und die Eifersucht war, bemächtigte sich ihrer. Sie

heuchelte nun selbst, spielte die Ahnungslose und forschte und beobachtete ihn und ihren Gast,

seine Mitschuldige und sein Opfer, die kleine Schlange Alma, die eben erst aus der Kinderstube

in ihre – freilich trostlose -Ehe getreten war, forschte und beobachtete und hatte nur noch

einen Wunsch, einen Gedanken, ein Ziel, die Schuldigen zu entlarven, ihnen die Worte ins

Gesicht zu schleudern: Feiglinge und Verräter! Da erniedrigte sie sich zur Lauscherin an den

Türen, da horchte, da erhorchte sie, was ihr den Verstand raubte – –

Ihre rast- und trostlosen Wanderungen begannen, ihre leichten Schritte glitten durch das

stille Haus und weckten mit ihrem kaum hörbaren Schall einen nagenden, nie ruhenden Vorwurf.

Er kam nach Jahren und Jahren dem Sinnenden noch zum Bewußtsein, und wenn auch nicht eben

Reue, so erweckte er doch nicht mehr die Empörung von einst.

Im Zimmer nebenan ließen Stimmen sich vernehmen. Maria wechselte einige Worte mit dem

Kammerdiener, der sich’s nicht hatte versagen können, heute mit ganz besonderer

Dienstbeflissenheit die Türen vor ihr aufzureißen. Sie trat ein und ging langsam auf ihren

Vater zu: »Du hast mich rufen lassen, es war überflüssig, ich wäre ohnehin gekommen, ich habe

dir noch viel zu sagen.«

Er lächelte: »Ganz mein Fall dir gegenüber. – Setz dich.«

Maria rückte einen Sessel in die Nähe des Schreibtisches und nahm Platz.

Der Graf streifte sie mit einem Blicke; dann sah er hartnäckig an ihr vorbei ins Leere. – Das

Ebenbild ihrer Mutter, dachte er, aber ihr Schicksal wird ein anderes sein. In dieser schönen

Hülle wohnt eine stärkere Seele, ein kräftigerer Geist. Sie ist mein Kind … mein liebes Kind,

das ich jetzt hingebe … Eine plötzliche Wehmut erfaßte ihn, eine Art Mitleid mit sich selbst,

das er verspottete. Begann er vielleicht schon alt zu werden und sentimental?… Er nahm sich

zusammen, er richtete sich gerade auf: »Morgen also –«

»Morgen also, Vater« – ein Beben lief durch ihre ganze Gestalt, sie beugte sich, und seines

abwehrenden Winkes nicht achtend, fiel sie vor ihm auf die Knie nieder und schlang die Arme um

seinen Hals. »Einmal laß mich dir danken«, sprach sie mit erstickter Stimme, »einmal nur dir

sagen: Ich danke dir für alles.«

Ein trockenes Schluchzen entrang sich seiner Brust. Er preßte sie an sich, daß ihr der Atem

verging, er drückte seine Lippen auf ihre Haare, auf ihre Stirn und zog sie immer und immer

wieder an sein Herz.

Endlich erhoben sich beide und gingen lange nebeneinander in ernstem Gespräche auf und ab.

Mitternacht war vorbei, als der Graf seine Tochter mit einem kurzen: »Gute Nacht, Maria«,

fortschickte. Sie stand schon auf der Schwelle, da rief er sie zurück. Es drängte ihn, ihr ein

letztes Geschenk, eine Erinnerung an diese Stunde mitzugeben. Suchend sah er im Zimmer umher;

sein Blick blieb auf einer kostbaren, goldtauschierten Kassette haften, die auf einem Schranke

stand: »Nimm das, es ist längst dein Eigentum, es gehörte deiner armen Mutter.«

5

Bei der Vermählung am nächsten Tage war alles mustergültig, das Arrangement des Ganzen, die

Haltung des Brautpaares, die Toilette der Braut, die Auffahrt vor der Kirche, die Trauung, das

Diner und die Equipage Dornachs, in der die jungen Eheleute am Abend nach dem Nordbahnhofe

fuhren. Sie hatten einen langsamen Zug gewählt, um nicht allzu früh am Morgen im Schlosse

einzutreffen, wo ein feierlicher Empfang ihrer wartete.

Maria drückte sich in eine Ecke des Waggons. Ein Schauer der Angst hatte sie durchrieselt, als

die Tür zugeschlagen worden. Da war sie nun allein mit dem Manne, der sie liebte und

Herrenrechte auf sie besaß. Gestern noch fühlte sie sich stärker als er; wie hatte sich das so

plötzlich geändert – nun zitterte sie vor ihm.

Er bemerkte es wohl, und sein Herz schwoll vor Stolz und Glück. – Fürchte dich nicht, hätte er

ihr zurufen mögen, du bist mir so heilig, wie du mir teuer bist … Nicht dein Vater, nicht der

Priester konnten dich mir schenken, das kannst nur du allein, und um dieses höchste Gut will

ich ringen und werben. Aber er dachte: Nein, nicht Worte machen, beweisen! Und dann sprach er

allerlei, und zwar nichts Geistreiches. Vom Wetter, das morgen hoffentlich ebenso wunderschön

sein werde, wie es – unglaubliche Beständigkeit für den April! – die ganze Woche hindurch

gewesen. Wie ihn das freute, weil Dornach sich zum ersten Male vor seiner Gebieterin im

Sonnenglanze zeigen werde, dessen es sehr bedürfe, um nicht einen gar zu düsteren Eindruck

hervorzubringen. Er legte Kissen und Plaids zurecht und bat Maria, sich’s bequem zu machen und

einige Stunden zu ruhen; sie müsse müde sein, und morgen gebe es wieder einen angestrengten

Tag. Maria kam seiner Aufforderung gern nach, sie wollte wenigstens tun, als ob sie schliefe,

wenn auch an Schlaf nicht zu denken war bei dem unheimlichen Gefühl, das sie erfüllte in der

Nähe dieses Mannes – ihres Mannes. Von Zeit zu Zeit öffnete sie die Augen ein wenig und sah zu

ihm hinüber, und immer begegnete sie seinem unendlich liebevoll auf sie gerichteten Blick. Es

war ein Ausdruck darin, der sie allmählich sicher machte: ihre Bangigkeit verschwand, ihre

Lider wurden schwer und schlossen sich. Was sie für unmöglich gehalten hatte, geschah: sie

fiel in tiefen, festen Schlaf.

Die Sonne war seit einer Stunde aufgegangen, als Maria erwachte und auffuhr. Hermann stand am

Fenster und begrüßte sie mit einem fröhlichen: »Guten Morgen«, den sie ungemein verlegen

erwiderte. Ihre Augen glänzten wie die eines erwachenden Kindes, ihre Wangen waren gerötet –

wie gut vertrugen sich das junge Tageslicht und ihre junge Schönheit!

Hermann nahm sie bei der Hand und führte sie ans Fenster. »Siehst du die blaue Bergkette

dort?« sprach er; »ihre Umrisse verschwimmen mit den blendenden Farben des Horizonts. Vor

ihnen, recht in ihrem Schutze, liegt eine Hügelreihe. Siehst du sie?«

»Ja, ja, und der Gegensatz ist hübsch zwischen dem dunkeln Berghintergrund und den

freundlichen Hügeln.«

»Auf einem von ihnen erhebt sich ein graues Gemäuer, das ist Schloß Dornach … Es hat mir sonst

ausbündig gefallen, aber neulich, bei meinem letzten Besuche, da ich es mir als deine

zukünftige Behausung dachte, fand ich’s deiner ganz unwert, das alte Eulennest.«

Maria protestierte nicht nur aus Höflichkeit; der Anblick des Schlosses, den eine Krümmung des

Weges ihr jetzt wieder entzog, war ihr herrlich erschienen.

Sie rollten zwischen Wiesengeländen am Ufer eines wasserreichen Flüßchens der Station

entgegen, auf welcher die Eisenbahn verlassen wurde. Zu Wagen ging es weiter bis zum ersten

Forsthause auf Dornachschem Gebiet, wo Maria ungestört Rast halten und nur von ihren

vorausgesandten Dienerinnen erwartet werden sollte. Lisette hatte sich an deren Spitze gesetzt

und durch ihre menschenfresserische Laune bereits alle an den Rand der Verzweiflung gebracht.

Seit einigen Wochen befand sie sich im Schlosse, um der Einrichtung von Marias Gemächern

vorzustehen. Und nun war sie hierhergekommen, denn sie mußte doch die erste sein, die das

arme, ihrer Obhut entrissene Kind begrüßte. Sie tat es wie nach jahrelanger Trennung unter

Tränenströmen und Ausbrüchen des Bedauerns; Hermann gegenüber jedoch hüllte sie sich in

gehässiges Schweigen. Er verbiß ein Lachen, bot seiner Frau den Arm und führte sie, die sich

sanft von ihrer Anbeterin und Tyrannin losmachte, in das Haus.

Lisette stürzte nach und erlebte eine neue Enttäuschung. Die Herrin sprach beim Umkleiden

nicht ein Wort der Klage noch der Anklage. Und darauf hatte Lisette gerechnet, um dem seit

gestern in ihr gestauten Groll gegen die Roheit und Unverschämtheit der frisch gebackenen

Ehemänner die Schleusen zu öffnen. Sie nahm es recht übel, daß ihr keine Gelegenheit zu dieser

Erleichterung geboten wurde. Maria war heiter und blieb es während der ganzen Fahrt, die auf

ihren Wunsch bald fortgesetzt wurde. Der vierspännigen Herrschaftsequipage zunächst folgten

Lisette und die Kammerfrau. Die erstere erhob sich oft in ihrem Wagen, setzte die Brille auf

und studierte, soviel es nur möglich war, die Miene ihres Abgottes. Ihr schien der ungeratene

förmlich begeistert dreinzuschauen, als man an der Grenze der Ortschaft Dornach anlangte und

die Bevölkerung der neuen Mitbürgerin einen feierlichen Empfang bereitete. Dem Programme nach

kein anderer denn alle feierlichen Empfänge im guten Lande Mähren: Triumphbogen, Ansprachen,

Geschenke an Brot und Salz, Eiern, Hühnern, Enten, Gänsen und einem riesigen Säugling aus

Lebkuchen in farbigen Wickeln und garnierter Haube, Böllerschüsse und Vivatrufe. Ungewöhnlich

war nur die echte Herzlichkeit, welche diese Kundgebungen beseelte, das Unbeholfene veredelte

und dem Herkömmlichen das Gepräge des Neuen und Außerordentlichen gab.

»Du wirst von diesen Leuten sehr geliebt«, sagte Maria zu Hermann.

»Weil ich sie liebe«, erwiderte er vergnügt. »Wenn uns auf Erden etwas mit Zins und Zinseszins

zurückgezahlt wird, so ist es unsere Menschenliebe. Ungeliebt durchs Leben gehen ist mehr als

Mißgeschick, es ist Schuld.«

Auf dem Platze umlagerte eine dichte Menschenmasse den Eingang zur Kirche. Unter dem Portal

stand der alte Dechant mit seinen Kaplänen und den Weihrauchfässer schwingenden Chorknaben.

Als der Graf und die Gräfin den Wagen verließen, um in das Gotteshaus einzutreten, verstummte

das Jubelgeschrei der Menge; die ehernen Stimmen der Glocken sprachen jetzt allein und

begleiteten mit ihrem Schalle den Segen, den der greise Priester auf die Häupter der jungen

Eheleute vom Himmel herabrief.

Sie traten aus der Kirche, sie stiegen die breite Treppe langsam hinab. Alle Blicke waren auf

Maria gerichtet, mit plumper Neugier, mit Schüchternheit, mit staunender Bewunderung – in

manchem Jünglingsauge glühte offenbare Verzückung … Ob jung, ob alt indessen, ob weiblich oder

männlich, auf all diesen Gesichtern, die sich ihr zuwandten, las Maria den Ausdruck eines

geheimnisvollen, eines ererbten Leids. Und in ihr erwachte der Gedanke: Was dich da anruft mit

stummer und unbewußter Klage, das ist die nach Erlösung ringende ewige Dienstbarkeit. Wir die

Herren, sie die Knechte. Darbend an Leib und Seele, verdienen sie – unser Brot, mühen sich,

zur Erde gebeugt, jahrein, jahraus, damit unser Geist frei und unbehindert auffliegen könne

bis an die Grenzen des Erkennens. Ohne ihre harte Arbeit keine Ruhe für uns, kein Genuß, nicht

Kunst, nicht Wissenschaft …

Am Fuße der Treppe angelangt, hemmte sie plötzlich den Schritt und griff, wie unwillkürlich

schutzsuchend, nach dem Arme Hermanns. Er umschlang und hob sie in den Wagen, voll Besorgnis

nach dem Grund ihres plötzlichen Schreckens fragend. »Es ist nichts«, versicherte sie, »gar

nichts.«

Und es war ja nichts – eine Sinnestäuschung, ein seltsamer Streich, den ihr Gedächtnis ihr

gespielt. Sie hatte gemeint, mitten in dem Gewühl einen höhnisch Lachenden zu sehen, der sie

anstarrte, frech wie damals in jener Winternacht. Züge, deshalb so widerlich, weil sie die

eines verehrten Antlitzes entstellt widerspiegelten. – Unsinn, sagte sie zu sich selbst. Wie

käme der Mensch hierher?

Der peinliche Eindruck war entschwunden, verdrängt durch manchen schönen und lieblichen und

durch eine kräftige Lebensfreudigkeit, die ihr ganzes Wesen durchströmte, als sie dahinflog im

raschen Trabe der feurigen, schäumenden Pferde, auf sammetweicher, bergansteigender Straße

zwischen majestätischen Buchen. Jedem Blick in die Gegend, den zu tun die tief niederhängenden

Äste gestatteten, bot sich ein anmutiges Bild. Die Landschaft mit ihren im ersten

Frühlingsgrün prangenden Wiesen und Baumgruppen, mit ihren Weihern und fleißig rauschenden

Bächlein glich einem wohlgehaltenen Parke.

Und nun sah man zwischen hohen Wipfeln ein spitzes Dach, reich verzierte Schornsteine und

Giebel emporragen. Endlich war auch die Avenue erreicht, und da stand Schloß Dornach,

altersgrau und prächtig. Es war um die Zeit Pierre Nepveus – die Sage wollte wissen, von ihm

selbst – im Mischstile von Gotik und Renaissance erbaut; ein stolzes Denkmal einst begründeter

und durch die Jahrhunderte behaupteter Macht.

Mit Kennerblicken betrachtete Maria den malerischen Bau; ihr künstlerischer Schönheitssinn

schwelgte in höchster Befriedigung. So umgeben sein ist ein Glück, ein Glück von jeder Stunde

… Wie oft hatte sie als junges Mädchen die Ruine im Walde zu Wolfsberg, die ihr Vater

verfallen ließ, in Gedanken wiederaufgerichtet und geschmückt mit Türmen und Bildwerken und

zierlichen Erkern, daß die Schöpfung ihrer Phantasie beinahe so herrlich wurde wie die

Wirklichkeit, die ihr jetzt vor Augen stand.

»Mein Traum«, rief sie aus, »mein in Erfüllung gegangener, noch überbotener Traum!«

Auf dem breiten Kieswege vor dem Hause wimmelte es von Willkommrufenden.

»Der letzte Anprall«, sprach Hermann, »die Beamten und das Forstpersonal.«

»Schon recht«, erwiderte sie. »Sage nur, wem gebührt der erste Händedruck? Dem Hünen mit der

lichtblonden Mähne an der Spitze des Heeres – nicht wahr?« Sie deutete auf einen großen,

breitschulterigen Mann mit rotbraunem Gesicht und hellen Haaren in zu engem Frack und zu

weiter Krawatte. Zu seiner Rechten hielt sich eine stattliche schwarzäugige Dame, zu seiner

Linken waren lebendige Orgelpfeifen aufgestellt, acht Knaben, von denen der älteste ihm etwas

über den Ellbogen, der jüngste bis zum Stiefelschaft reichte und die alle so weiße Köpfe

hatten wie er.

Hermann winkte ihm von weitem zu: »Dem gebührt der erste Händedruck, jawohl, dem, meinem

vortrefflichen Vetter Wilhelm.«

Der Vetter nickte und verbeugte sich und befahl seinen Buben auf das bärbeißigste, dasselbe zu

tun, und seine Gattin tat es ungeheißen.

Glückstrahlend, Hand in Hand mit Maria, trat jetzt Hermann vor die Gruppe. »Da ist sie«, rief

er, »da bringe ich sie …« und zu der übrigen Versammlung gewendet: »Da ist sie, eure

Gebieterin und die meine.«

Gott im Himmel, was hatte der Herr Graf angerichtet mit dieser überstürzten Vorstellung! Nicht

mehr und nicht minder als die unheilbarste Konfusion hineingebracht in die so wohl

vorbereitete, so beharrlich einstudierte Begrüßungsfeierlichkeit. Einzelne Hochrufe ertönten,

in die viel zu wenig Stimmen einfielen.

»Sie hätten losgehen sollen«, fuhr der Kommandant der Feuerwehr den Kommandanten der Veteranen

an.

»Wie denn ich? Wenn der Wagen steht, hat’s geheißen. Ist er gestanden? Die Herrschaften sind

ja noch beim Fahren herausgesprungen. Aber alles eins: Feuer! Feuer! sag ich – Sapperlot!«

Eine Salve wurde abgegeben, Fahnen wurden geschwenkt.

»An Euer gräflichen Gnaden«, flüsterte der Herr Direktor dem Grafen Wilhelm zu.

»An Sie«, sprach der Herr Verwalter.

»An Ihnen«, verbesserte der Herr Kanzleirat. – Aber Vetter Wilhelm, erschüttert in tiefster

Mannesseele, wußte kein Wort mehr von der schwungvollen Anrede, die der Herr Schullehrer für

ihn verfaßt und ihm eingeprägt hatte, so gut, so fest, daß er eben noch voll Stolz gesagt:

»Du, Helmi, Sie, Herr Lehrer, das sitzt da drinnen, das sitzt wie Eisen.«

Und jetzt war auf einmal alles herausgefallen.

Umsonst die höllische Arbeit des Auswendiglernens, umsonst der Aufwand an Todesängsten und

berauschenden Hoffnungen, den der arme Autor gemacht, zerstört die Freude der guten Gräfin, in

bescheidentlicher Teilnahme einem Rednertriumphe ihres Eheherrn beizuwohnen, wie er ihn erst

neulich gefeiert, daheim auf der Schießstätte. – In diesem allerwichtigsten Moment jedoch

zuckte es nur unter seinem dichten Schnurrbart und über seine runden, glattrasierten Wangen,

und seine Augen, die eher klein als groß waren und dennoch ein Meer umfaßten, ein dunkelblaues

Meer von Liebe, wanderten von Hermann zu Maria und von Maria zu Hermann. Auf einmal rief er

aus: »Hermann, alter Mensch!… Gnädigste Gräfin, hochverehrte Base – herzlichst willkommen. –

Tusch!« fuhr er den Lehrer an, der sich genähert hatte, um ihm einzusagen, und die Dorfkapelle

fiel ein, trompetend, geigend und paukend.

Hermann schloß den Vetter in die Arme, küßte die Hand Gräfin Helmis und gab den Buben einen

Wink, die Blumensträuße zu überreichen, die sie in Bereitschaft hielten für die neue Tante.

Alle stürzten auf sie los und hatten alle, vom Vier- bis zum Vierzehnjährigen, dasselbe

Gesicht und waren einer so unbefangen und zutraulich wie der andere. Warum denn nicht? Konnten

sie sich nicht sehen lassen, waren sie nicht schön in ihren neuen, von der Mutter genähten

Leinwandblusen und ihren von der Mutter frisch gewaschenen Gesichtern und heute mit Zahnpulver

geputzten Zähnen?

Maria war gegen die ganze Familie so freundlich, wie eine vollkommen elegante junge Dame es

dem ausgesprochensten Landjunkertum gegenüber nur irgend sein kann. Sie entzückte das Ehepaar,

sie entzückte jeden, der ihr vorgestellt wurde und mit dem sie einige Worte wechselte. Ihre

einfache und taktvolle Leutseligkeit gewann ihr in der ersten Stunde die allgemeine Sympathie

und besiegte die Vorurteile der greisen Honoratiorenhäupter, die dem zu erwartenden neuen

Regimente ziemlich bedenklich entgegengesehen hatten.

Die »alten Spitzen«, wie die höheren Beamten von der lustigen Frau Adjunktin genannt wurden,

kehrten spät abends nach dem Souper im Schlosse in durch und durch angenehmer Stimmung heim.

Herren und Damen waren darüber einig, daß die junge Gräfin unbeschreiblich liebenswürdig und

halt – eine Dame sei.

»Jeder Zoll eine Dame!« rief der gebildete Kanzleirat. »Und – eine Würde, eine Höhe … Sie

verstehen mich, Frau Verwalterin.«

Beim Abschied von seinen Verwandten fragte Hermann: »Wann kommt ihr wieder? – morgen?«

Wie wenn ihm ein schnödes Unrecht zugemutet worden wäre, fuhr Wilhelm zurück: »Was fällt dir

ein … in acht Tagen frühestens. Nicht wahr, Helmi?«

»Um keinen Preis früher«, versetzte diese, »es ist ohnehin indiskret genug.«

»Heut in acht Tagen also, es bleibt dabei.«

»Bleibt dabei, wir kommen, natürlich ohne die Rangen … Wirst du schweigen?« wetterte er seinen

Erstgeborenen an, der sich erlaubt hatte, gegen diesen väterlichen Beschluß zu murren. »Die

Rangen bleiben zu Haus, die Rangen müssen lernen, müssen alles das lernen, was ich nicht

gelernt habe, und das ist viel.«

Er nahm Hansel, den Kleinsten, der längst auf einem Kanapee eingeschlafen war, auf den Arm und

schritt so seiner Frau, die der Hausherr zum Wagen führte, und seinen anderen

voranmarschierenden Söhnen nach.

An der Tür, bis zu welcher Maria ihn begleitet hatte, blieb er stehen, sah ihr in die Augen,

und seine Wange an den Kopf des Kindes lehnend, sprach er: »Der achte! ‘s ist eine Nummer –

ich genier mich manchmal – ich genier mich eigentlich immer nachträglich und im voraus, denn –

wer weiß – und wer kann wissen, was noch nachkommt? – Aber«, und jetzt ging ihm, zum

wievielten Male an diesem Abend hat er nicht gezählt, das Herz über, »wenn auch doppelt so

viele nachkämen, als schon da sind, in jedem von ihnen wird ein braver Mensch heranwachsen und

ein treuer Freund Ihrer, das heißt deiner zukünftigen Söhne, Frau Base, deren erstes Exemplar

du uns ehebaldigst bescheren mögest.«

6

»Du hast mich einem edlen und guten Menschen zur Frau gegeben«, schrieb Maria an ihren Vater

in ihrem ersten Briefe aus Dornach. Das Wort »Glück« kam nicht ein einzigesmal vor, aber aus

jeder Zeile sprach Zufriedenheit. Maria hatte sehr bald begriffen, daß sie als die Frau

Hermanns eine Aufgabe zu lösen haben werde, die ihrem ernsten Sinn entsprach. Anders als in

Wolfsberg gestalteten sich in Dornach die Beziehungen zwischen dem Großgrundbesitzer und

seinen kleinen Nachbaren. – Dort herrscht eine Art bewaffneten Friedens, offene gegenseitige

Feindschaft; eingewurzelte Unredlichkeit und Arglist von seiten der Schwachen, Starrsinn und

unerbittliche Strenge von Seite des Starken.

»Ich will nur mein Recht«, sagte der Graf und ging schonungslos vor in der Erreichung dieses

Rechtes.

»Das Recht?« sagte Hermann. »Mit welchem Rechte verlangt man einen Begriff des Rechtes von

Leuten, die sich immer nur der Gewalt beugen mußten?«

Maria stimmte ihm bei. Sie war wie er ein Kind der neuen Zeit, das Gefühl der Unerträglichkeit

fremden Leids, fremder Not und ein heißer Drang zu helfen hatte auch sie oft ergriffen. Nun

lag die Macht, ihm Genüge zu tun, in ihrer Hand. Sie empfand eine innige Dankbarkeit für den,

der sie ihr gegeben, unter dessen Leitung sie dieselbe ausübte.

»Heute Dienstag und Familiendiner«, sprach Hermann eines Morgens, in das Frühstückszimmer

tretend. »Hast du nicht vergessen?«

Sie gestand es ein: »Jawohl, völlig vergessen. – So wäre seit unserer Ankunft eine Woche

vergangen?«

»Eine volle Woche. Mir ist sie entschwunden wie ein glücklicher Augenblick … Und dir, Maria?

Nicht allzu langsam?«

»Nein, nein«, sagte sie leise.

Er umfaßte sie mit beiden Armen. »Wenn es so fortgeht, werden wir plötzlich ein Paar alte

Leute sein. Unvermutet wird uns einst das Alter überraschen; aber ich fürchte es nicht und

auch nicht den Tod. Es ist schön zu sterben nach einem schön erfüllten Leben, in dem man nie

irre geworden ist an seinem teuersten und höchsten Menschen, wie ich es an dir nie werden

kann.«

»Was verstehst du darunter? Was ist der Inbegriff von allem, was du von mir verlangst?« fragte

sie.

Hermann sah ihr mit einem langen, verständnissuchenden Blick in die Augen. »Du weißt es ja,

vorläufig nur – einen Tausch. Für meine grenzenlose Liebe – dein grenzenloses Vertrauen.

Espérant mieux, wie das Motto Antoine Latours gelautet.«

Maria senkte den Kopf. »Du bist so gut, du hast die Geduld mit mir, um die ich dich gebeten

habe«, flüsterte sie nach kurzem Schweigen und verbarg plötzlich ihr Gesicht an seiner

Schulter.

»Die Pferde! Deine Pferde aus Wolfsberg«, ließ jetzt die laute Stimme Lisettens sich im

Nebenzimmer vernehmen, und sie selbst schlich herein, lächelnd und bissig, untertänig und

grollerfüllt wie immer in Hermanns Gegenwart, welcher in ihren Augen nichts war als der mit

einem Privilegium versehene Räuber »des Kindes«. Sie hatte jede trübe Stunde vergessen, die

sie in Marias Geburtsort verlebt, und gab Wolfsberg hier im Hause für das Gelobte Land aus.

Jeder Brief, jede Sendung, die von dort kam, wurde von ihr empfangen wie ein Gruß aus dem

Aufenthalt der Seligen.

»Und der Georg hat sie gebracht, deine lieben Pferde, der alte Georg, der’s nicht erwarten

kann, dir die Hand zu küssen, Frau Gräfin, mein Kind«, setzte sie in schmelzendem Tone hinzu.

– Dieselben Pferde, die sie ingrimmig gehaßt als immerwährende Gefahrbringer für das Leben und

die geraden Glieder Marias, derselbe Georg, den sie verabscheut, weil er diese Pferde

gesattelt hatte, standen jetzt in Lisettens höchster Gunst.

Sie sah aus dem Fenster »dem Kinde« nach, das voll Freude über das bevorstehende Wiedersehen

seiner vierbeinigen Lieblinge an der Seite Hermanns über den Hof eilte. »Ohne Hut, ohne

Handschuhe, freilich, freilich«, brummte Lisette und überließ sich ihrer Gewohnheit, halblaut

mit sich selbst zu sprechen, sobald sie allein war: »Wer schaut hier auf dich, du Vogel du,

der verliebte Graf gewiß nicht, der denkt an nichts, sieht nichts, ist dumm und blind vor

lauter Verliebtheit.«

Sie begab sich in das Schreibzimmer, schellte und befahl dem Stubenmädchen, der Frau Gräfin

das Vergessene nachzutragen. Dann fuhr sie in ihrer eine Weile hindurch unterbrochenen

Beschäftigung fort. Diese bestand in dem Ausräumen eines Rokokoschreibtisches aus Rosenholz

mit Bronzeverzierungen und eingelegten Vieux-saxe-Platten. Lisette wickelte unzählige, sehr

wertvolle Sachen und Sächelchen, Bonbonnieren, Dosen, Elfenbeinschnitzereien, Siegel, Flakons

aus ihren Papier- und Wattehüllen und legte alles auf einem Tisch in der Nähe des zierlichen

Glasschränkchens zurecht, das an der Wand hing und bestimmt war, die kleinen Kostbarkeiten

aufzunehmen. Fast jeder dieser Gegenstände weckte in der Alten eine wehmütige Erinnerung an

dessen frühere Besitzerin, an Marias Mutter. Es waren sämtlich Geschenke des Grafen. Er hatte

sie dereinst aus Paris, wo er kurze Zeit in besonderer diplomatischer Mission in Verwendung

gestanden, nach Hause geschickt als Zeichen treuen täglichen Gedenkens. Und wie beglückten und

beseligten sie! Mit welchem Eifer suchte die junge Frau vor allem nach dem flüchtig

bekritzelten Zettelchen, das diese Sendungen meist begleitete. Meist – nicht immer … und dann,

war das sehnlichst Erwartete ausgeblieben, dann fehlte dem Schönen der Reiz, und die Gräfin

beugte sich traurig über ihr Kindlein: »Er hat uns heute nicht geschrieben, Maria …«

Sie hat ihn zu liebgehabt. Freilich, freilich. – Lisette sann nach, ihre Lippen verzogen sich

zu einem tückischen Lächeln: »Das wirst du ihr nicht nachmachen, mein Vogerl«, murmelte sie,

»du hast eine andere Natur. Wenn in deiner Eh eins von euch vor lauter Lieb den Kopf verliert,

wird’s der andere sein, nicht du.«

»Worüber lachst du?« fragte Maria eintretend.

»Ach was, nur so – – über den spaßigen Heiligen da.« »Was ist das für ein Heiliger?« Sie

reichte der Gebieterin eine Dose, die mit einem Emailbildchen von Petitot, einen jungen,

weinlaubumkränzten Faun darstellend, geschmückt war.

Maria betrachtete es zum erstenmal aufmerksam; sie war keine Freundin der Kunst im Kleinen und

hatte diesen Bibelots nie ein besonderes Interesse geschenkt. Nun aber bewunderte sie

eingehend die feine Arbeit des französischen Meisters, und wie sie dabei das Kästchen hin und

her wandte, sprang bei einem Druck ihres Fingers der Deckel auf. Die Dose barg einen goldenen,

in Seidenläppchen gewickelten Schlüssel; Marien schien, die Zeichnung der Arabesken seines

durchbrochenen Griffes habe Ähnlichkeit mit der Tauschierung der Kassette, die sie am Abend

vor ihrer Vermählung von ihrem Vater erhalten und an welcher der Schlüssel fehlte. – Doch

hatte sie nicht Zeit, sich der Zusammengehörigkeit der beiden gleich zu versichern, denn die

Ankunft ihrer Gäste, die um ein Uhr, eine Stunde vor dem Mittagessen, eintreffen sollten,

stand bevor.

Sie kamen auch richtig angefahren, auf die Minute, zwei Seelen und vier Seelchen. Im letzten

Augenblicke hatte Wilhelm sich erweichen lassen durch die traurigen Gesichter, mit denen die

jüngeren Rangen den Vorbereitungen zur Abfahrt der Eltern zusahen, und sie mitgebracht. Sie

waren ja noch so dumm und versäumten nicht gar viel Lernerei. Vater und Mutter baten dringend,

sich nicht im geringsten um sie zu kümmern, sie nur im Garten herumlaufen zu lassen. Das

Vertrauen konnte man ihnen schenken, daß sie sich in acht nehmen und nicht in den Teich fallen

würden. Auf irgendwelche Berücksichtigung bei der Mahlzeit hatten sie keinen Anspruch; sie

waren zu Hause abgefüttert worden, und überdies hatte jeder sein Stück Brot im Sacke und

konnte damit bequem aushalten bis zur Heimkehr.

Eine so ungastliche Behandlung sollten sie jedoch nicht erfahren, vielmehr durften sie ihre

Brotration den Pferden bringen; ihre Mutter und je zwei von ihnen wurden von Maria in der

Ponyequipage im Parke herumkutschiert, während die zwei anderen dem Wagen nachrannten, um die

Wette mit den Hunden. Bei Tische erhielten sie ihre Plätze nebeneinander, saßen kerzengerade

und benahmen sich musterhaft. Trefflich regiert von den kurzen Kommandoworten des Vaters und

den abmahnenden oder zustimmenden Blicken der Mutter, entfalteten sie bei aller Dressur einen

kleiner Rothäute würdigen Appetit.

Maria hatte sich auf die Freuden des heutigen Familienfestes mit uneingestandenem Grauen

gefaßt gemacht, und jetzt erfüllte sie mit Vergnügen ihre Hausfrauenpflichten und unterhielt

sich beinahe. Nicht nur mit den Kindern. Der biedere Mann, der, wie sie wußte, den Unterhalt

seiner zahlreichen Nachkommenschaft schwer bestritt und ihrer etwaigen Vermehrung dennoch mit

naiver Ergebung entgegensah, die Frau mit dem Typus ihres hochadeligen Stammes in den feinen

Zügen, die sich ihrer abgearbeiteten Hände so gar nicht schämte und die Haube mit den

gefärbten Bändern und das verschossene Foulardkleid so tapfer trug, flößten der neuen

Verwandten die herzliche Wertschätzung ein, die bei ihr eine sichere Vorbotin künftiger

Freundschaft war.

Bald nach Tische trennte man sich. Hermann und Wilhelm ritten nach einem entlegenen Hof zur

Besichtigung eines Baues, der dort aufgeführt wurde. Gräfin Wilhelmine und ihre Kinder

kollerten heim in ihrem kürzlich neu lackierten, mit Bauernpferden bespannten grünen

Wägelchen.

Maria blieb allein und wollte ihre Einsamkeit zu einer Wanderung durch den Park benützen und

einen schönen Aussichtspunkt am Ende desselben erreichen, von dem Hermann ihr gesprochen

hatte. Sie nahm seine beiden Jagdhunde als Begleiter mit; semmelfarbige, kurzhaarige, sehr

kluge Tiere, die am Tage des Einzugs Marias begriffen hatten: in Abwesenheit des Herrn gibt es

jetzt eine Herrin. Auf den Fersen folgten sie ihr, die Nasen gesenkt, mit tief herabhängenden

Ohren, und wenn sich’s regte auf der Wiese, im Gebüsch, im dunklen Schatten der Bäume, fuhren

sie zusammen, hoben die Nasen in die Höhe, schnupperten, alle ihre Sehnen spannten sich zum

Sprunge. – Ein Anruf aber: »Zurück! Lord, Fly, zurück!« und sogleich senkten sie die Köpfe und

schritten dahin, gehorsam den Befehlen der Menschen, widerstrebend den Gesetzen ihrer eigenen

Natur.

Es war ein kühler Nachmittag; Maria ging rasch vorwärts, von einem wohligen Gefühl der

Freiheit beseelt. Daheim wäre ihr verwehrt gewesen, einen weiten Spaziergang allein zu

unternehmen, und sie empfand einen großen Genuß in der Ausübung ihrer kaum erlangten

Selbständigkeit. Alles trug dazu bei, ihre Wanderlust zu erhöhen, der wolkenlose Himmel, der

über ihr blaute, die kräftige Luft, die, gewürzt mit Harzdüften, vom Tanne hergestrichen kam,

die Frühlingslieder der Vögel in den Zweigen, die Schönheit der Stätte selbst, die Maria

durchschritt. – Sie kam sich vor wie in einem Zaubergarten, den menschenfreundliche Geister

pflegten. Sie hatten die Wege besandet, die Wiesen geschoren, die Hecken beschnitten, die

Brücklein über den Bach gebaut. Sie hatten die bewimpelten Kähne am Ufer des Weihers

befestigt, die Scheiben des Fischerhauses blankgescheuert, daß sie im Abendrot glänzten wie

Gold, und waren nach vollbrachtem Werke verschwunden ohne Spur.

Wie wohltuend, wie entzückend schön ist es hier, sagte sich Maria, und zugleich durchblitzt’

es sie: Wenn Tessin jetzt dastände und mich sähe in diesem kleinen irdischen Himmelreich …

Sie hatte ihn verbannen wollen aus ihren Gedanken, es nicht vermocht und – Frieden mit ihm

geschlossen.

Was war denn sein Verbrechen gewesen? – Hatte er sie zu täuschen gesucht, je ein Wort von

Liebe zu ihr gesprochen?… Und doch war sie beneidet worden um seine Aufmerksamkeit und hatte

sich beneidenswert gefühlt und sich nicht Rechenschaft gegeben, worin seine Macht über sie

bestand.

Die unbestimmte, unerklärliche Angst, von der sie manchmal ergriffen worden in seiner Nähe, im

Banne seiner Augen, durchrieselte sie; eine Ahnung kommenden Leids beklemmte ihr die Brust.

Sie war sich der Zeit nicht bewußt, die verflossen, seit ihre Wanderung begonnen hatte, und

staunte, als sie, aus einem Fichtenhain tretend, die Sonne schon tief zum Untergang geneigt

sah. Mit verdoppelter Geschwindigkeit eilte sie ihrem Ziele, einer Zirbelkiefer, zu, an deren

gewaltigem Stamm eine leichte, geschnitzte Wendeltreppe zu einer runden Altane emporführte,

über die der mächtige Baum sein grünes Schirmdach breitete.

Die junge Frau lief die Stufen hinan, um von der hohen Warte aus noch einen letzten Blick des

scheidenden Tagesgestirns zu erhaschen. Die Hunde folgten. – Plötzlich schien ihr, als

schwanke die Treppe … sie blieb stehen, wartete, an das Geländer gelehnt – das Schwanken

dauerte fort. Es war nicht durch sie hervorgebracht. Dort oben mußte jemand auf und ab gehen,

langsam und wuchtig. Einen Augenblick dachte sie an Flucht, es war doch gar zu einsam hier.

Sogleich jedoch verlachte sie die feige Regung, die sich ihrer hatte bemeistern wollen. Wer

konnte es sein? Ein Jäger, im schlimmsten Fall ein Wildschütz. Aber wenn auch, was hatte sie

zu fürchten?

Die Hunde knurrten. Die Schritte hielten an, die ihren waren gehört worden.

Wenige Sekunden später betrat sie die Plattform unter dem wütenden Gebell Lords und Flys, die

ihr vorangesprungen waren.

»Hoho, die Hunde! Rufen Sie die Hunde!« kreischte eine erregte Stimme ihr entgegen. – Der

Mensch, der diesen Hilfeschrei ausgestoßen hatte, preßte den Rücken an den Stamm des Baumes

und führte mit dem Stock einen Schlag gegen seine Angreifer, traf sie aber nicht.

Maria hatte ihn auf den ersten Blick erkannt trotz der Veränderung, die mit ihm vorgegangen

war. Nicht in Lumpen wie in jener Winternacht, sondern gut gekleidet, in einem lichten

Sommeranzug, mit wohlgepflegtem Haar und Bart, wäre seine Erscheinung die eines auffallend

hübschen Menschen gewesen ohne den Ausdruck der Verwilderung und der Krankheit in seinem

eingefallenen Gesicht.

Auch Maria war bleich geworden: »Hierher!« befahl sie den Hunden, die sich widerwillig fügten,

und sprach in hartem Tone den Fremden an: »Der Eintritt in den Park ist nur den Hausleuten

erlaubt. Was wollen Sie hier?«

Er hatte seine Sicherheit wiedergewonnen und beeilte sich, es zu beweisen. Den Hut spöttisch

lüftend, erwiderte er: »Ich will dasselbe, was Sie wollen – die Aussicht bewundern, die

wirklich ganz reizend ist. Erfüllen wir den Zweck unseres Spaziergangs.«

»Frechheit«, murmelte Maria, und die Rechte gebieterisch ausgestreckt, setzte sie laut hinzu:

»Fort!«

»Entschuldigen Sie«, versetzte er, »ich bleibe. Ich habe mit Ihnen zu reden und hätte Sie um

eine Zusammenkunft ersuchen lassen, wenn nicht der Zufall – oder war es vielleicht ein

geheimer Zug des Herzens? – Sie hierhergeführt hätte, Frau Schwester.«

Maria stieß einen dumpfen Schrei aus und wich zurück. Wie dieser Mensch sich jetzt leicht

verneigt hatte, war es in einer Art geschehen, mit einer Bewegung des Hauptes, ihr so

wohlbekannt, so lieb und sympathisch an einem andern …

»Es beleidigt Sie, daß ich mir erlaube, Ihnen diesen Namen zu geben, aber – er gebührt Ihnen

und nicht durch meine Schuld … Bleiben Sie doch«, bat er, als Maria, entsetzt und gequält,

sich plötzlich zum Gehen wandte. »Einmal müssen wir uns aussprechen, warum nicht lieber heute

als morgen. Was ich Ihnen zu sagen habe, ist bald gesagt. – Unser Vater hat meine Mutter

betrogen – wie die Ihre, nebenbei bemerkt«, brach er höhnisch aus.

»Lüge!« sprach Maria; er aber fuhr fort, ohne sich unterbrechen zu lassen.

»Ich mache ihm keinen Vorwurf, ich klage ihn überhaupt nicht an. Unser Vater hat viel Geld auf

mich verwendet – schade darum! –, mich erziehen, mir Grundsätze beibringen lassen wollen. Ganz

vergeblich, denn – ich habe sein Blut in meinen Adern. Daß sein Sohn ihm gar zu gut

nachgeraten, empörte den vortrefflichen Mann. Endlich zog er seine Hand von mir ab … Der Grund

ist eigentümlich – was?« Er brach in ein Lachen aus, das allmählich in ein heftiges Husten

überging. Auf dem Taschentuche, das er an die Lippen drückte, zeigten sich dunkelrote Flecken.

»Da«, sagte er, »ich bin fertig. Zuviel Verschiedenes kennengelernt im Leben, zuviel Vergnügen

und zuviel Elend. Jetzt bin ich fertig, fertig, hörst du? Der schlechte Spaß mit der

Schneeschaufelei hat mir das letzte Almosen vom Grafen eingebracht, das allerletzte! Laß mich

nicht auf dem Stroh sterben, gib mir ein Obdach, Frau Schwester.«

Sie starrte ihn an wie verloren. »Lügen, Lügen! – ich glaube nicht – ich glaube Ihnen nicht …«

»Wäre freilich das Bequemste, wird aber nicht durchzuführen sein. Fragen Sie nur den Grafen,

meinen Schwager, der weiß von mir, Wolfi Förster, nennen Sie mich ihm nur. Ich will ihn

sprechen, das heißt euch, in der Fischerhütte am Weiher, morgen vormittag zehn Uhr. Kommt

gewiß, ich könnte euch sonst Unannehmlichkeiten bereiten. – Jetzt jagt der verfluchte

Krankheitsteufel mich heim nach dem Bauernhotel, in dem ich mich vorläufig einlogiert habe.«

Er knöpfte seinen Rock zu, Fieberfröste schüttelten ihn. »Auf Wiedersehen.«

Damit reichte er Maria die Hand, sie zog die ihre mit Abscheu zurück. »O Frau Schwester«, rief

er, »du bist noch hochmütiger als unser edler Herr Vater!«

7

Hermann hatte die Erzählung von Marias Abenteuer im Parke schweigend angehört und sich am

nächsten Morgen zur Zusammenkunft mit Wolfi im Fischerhause eingefunden.

»Ein Schwerkranker, vielleicht ein Sterbender«, sagte er bei seiner Rückkehr. »Mag er nun

sein, wer er will, wir können ihm die Aufnahme, um die er bittet, vorläufig wenigstens nicht

verweigern.«

»Wir können – du meinst, wir dürfen nicht«, fragte Maria. »So hat denn dieser Mensch einen

Anspruch …«

»Genausoviel Anspruch«, unterbrach er sie, »als wir Erbarmen mit ihm haben.«

»Mir flößt er keines ein, er ist zu keck«, gab sie zur Antwort. Sie erkundigte sich kaum nach

dem, was für ihn geschah, obwohl Lisette dem hergelaufenen Gast eine ganz merkwürdige

Teilnahme bezeigte. Es war ihm eine kleine Wohnung im Hause einer Hegerswitwe angewiesen

worden, das am Saume des Waldes und doch nahe genug am Dorfe lag, um den täglichen Besuch des

Arztes zu ermöglichen. Diesen, einen sehr gutmütigen und sehr neugierigen ältlichen Herrn,

beehrte Lisette mit ihrem Vertrauen. Sie saßen nebeneinander am Bette des Kranken, der in den

ersten Tagen aus stumpfer Bewußtlosigkeit nur auffuhr, um in Fieberphantasien zu verfallen, in

denen er lachte und schwatzte und alle Geheimnisse seiner armen, verkommenen Seele

ausplauderte.

Der Doktor trank förmlich jedes seiner Worte. »Fräulein Lisette«, sagte er einmal, »da werden

verborgene Familienverhältnisse vor uns enthüllt.«

Sie lächelte: »Bin eingeweiht, Herr Doktor, und brauche mir darauf nichts einzubilden. Wer das

Haus kennt, kennt diesen wilden Sprößling, der in Wolfsberg zur Welt gekommen ist. Wäre auch

schwer zu verleugnen gewesen bei der Ähnlichkeit und bei dem impertinenten Spektakel, den

seine Mutter vor der Hochzeit des Herrn Grafen gemacht hat – als ob nicht viele andere

dieselben Ansprüche … Na, darüber ist nichts zu sagen …« brach sie plötzlich ab.

»Sagen Sie doch, Fräulein, genieren Sie sich nicht und sagen Sie doch!«

Lisette erwiderte mit einem kleinen Achselzucken voll Koketterie: »Können sich selber denken.

So ein Herr wie unser Graf, so eine Schönheit, kann der was dafür, daß ihm die Weiber

nachlaufen? – ‘s ist ihre Sach und ihre Schuld. So ein Herr wird sich nicht auf den heiligen

Aloisius hinausspielen.«

Doktor Weise stimmte bei. Er hätte gern einen recht nichtsnutzigen Witz gemacht, um auf das

alte Fräulein den blendenden Eindruck eines Don Juan hervorzubringen. Weil er aber von Natur

ein keuscher Mann war, wollte ihm nichts Frivoles einfallen.

Lisette erneuerte den feuchten Umschlag auf Wolfis Stirn. »Ein so hübscher Bursche und soll

schon sterben«, seufzte sie. »Recht traurig, aber im Grunde doch das Beste für ihn und auch

für die anderen.«

Der Doktor sah seinen Patienten, der jetzt ruhig atmete und sanft zu schlafen schien, prüfend

an: »Gut gebaut, kräftig, kann sich noch eine Zeitlang wehren.«

»Wie lange zum Beispiel?«

»Schwer zu erraten – möchte mich nicht vor Fräulein blamieren« – er verbeugte sich galant –,

»ich glaube nur, bei vortrefflicher Pflege – in dieser gesunden Luft – vielleicht noch zwei

Jahre.«

Der Kranke schlug die Augen auf und blickte ihn zornig an: »Esel«, sagte er, so laut er

konnte, »merken Sie nicht, daß ich wach bin?«

»Ich merke, daß Sie Ihre Besinnung wieder haben, und gratuliere«, sprach der Arzt, nicht im

geringsten beleidigt.

»Zwei Jahre – wieviel Tage sind das?… rechnen …« Wolfi begann langsam zu zählen, seine Stimme

wurde immer schwächer, er schlief wieder ein.

»Schon bei Besinnung«, flüsterte Lisette, »das hätte ich nicht geglaubt. Das ist eine schöne

Kur von Ihnen, Sie reißen ihn am Ende gar noch heraus. Aber dann ist das erste« – diese Worte

wurden von einer bezeichnenden Gebärde begleitet –, »abreisen.«

»Wird schwerlich dazu kommen, Fräulein«, erwiderte der Doktor und verbeugte sich noch galanter

als vorhin.

Lisette aber warf einen Blick in den kleinen Spiegel, der an der Wand über dem Schranke hing,

und sagte zu sich: Ich weiß eigentlich nicht, warum ich so altmodische Hauben trage.

Zur selben Stunde war Maria im Schloß an ihren Schreibtisch getreten mit der Absicht, den

letzten Brief Wolfsbergs zu beantworten. Ein Brief, reich an ernsten und eigentümlichen

Gedanken, voll tiefer Empfindung und Zärtlichkeit, den sie mit Stolz und innerster

Herzensbefriedigung gelesen und wieder gelesen. Nie hatte ihr Vater so liebreich zu ihr

gesprochen, wie er an sie schrieb; jetzt fürchtete er nicht mehr, sie zu verwöhnen.

Am Tische Platz nehmend, bemerkte sie, daß die Kassette aus dem Nachlasse ihrer Mutter neben

die Mappe gestellt worden war.

Eine alte Bekannte! Wie oft hatte Maria sie stehen gesehen, immer auf demselben Platz im

Zimmer ihres Vaters, und ihre feinen Ornamente betrachtet. Jetzt holte sie den kleinen

Schlüssel, dessen Griff ihr in ähnlicher Weise durchbrochen und verziert geschienen hatte, aus

der Emaildose und steckte ihn in das Schloß. Er paßte, wollte sich aber nicht drehen lassen.

Viel Geduld und Geschicklichkeit mußte angewendet werden, bevor es gelang, der Deckel

aufsprang und der Inhalt zum Vorschein kam. Der bestand aus einem zerrissenen Heft, dessen

vergilbte Blätter mit einer zarten, feinen Schrift dicht bedeckt waren, und aus alten, mit

einer verblaßten Schleife zusammengebundenen Briefen. Maria zog einen derselben hervor. Ihr

Vater hatte ihn als Bräutigam an ihre Mutter gerichtet, und die glühendste Leidenschaft sprach

sich darin mit hinreißender Beredsamkeit aus. Wie mußten die Beteuerungen, diese Schwüre

überzeugt und beseligt haben! Wie reich war das Leben, das durch die Liebe eines solchen

Mannes geschmückt worden! Und wenn auch früh erloschen, es hatte den köstlichsten, den

seltensten Inhalt gehabt – ein volles Glück.

Maria griff nach einem der Blätter, auf denen sie die Schrift ihrer Mutter erkannt hatte. Es

hing mittelst eines Seidenfadens lose mit den anderen zusammen und war, wie alle, ein

Bruchstück. Das Ganze machte den Rest eines Heftes aus, das einst ziemlich stark gewesen sein

mochte. Verbogen und zerknittert fand sich noch der Umschlag vor. Maria glättete ihn, so gut

es ging. Er trug die mit größtem Fleiß kalligraphisch ausgeführte Aufschrift: »Im Himmel« und

das Datum 1850. Aber die schönen Lettern waren durch Kreuz- und Querstriche verunstaltet,

recht wie mit kindischer Zerstörungslust, und eine unsichere Hand hatte sich bemüht, als

Vignette einen Teufel hinzuzeichnen; die kaum zu entziffernden Worte: »Der König des Himmels«

und das Datum 1858 standen darunter.

Maria las hier und dort einen Satz, eine Zeile; ihr Gesicht verfinsterte sich; wie versteinert

blickte sie nieder auf die verstümmelten Blätter. Die stummen, toten Zeichen aber wurden

lebendig und sprachen und gaben Zeugnis von einem längst eingesargten Schmerz. Der

überwundene, der vergessene, da war er aus dem Grabe auferstanden und stöhnte erschütternd

seine Klagen aus.

Sie fanden einen qualvollen Widerhall in der Seele Marias. Nun war ihr einmal wieder etwas

zerstört worden: ein beglückender Glaube … Glaube? Nein, ein Glaube, der auf einem Irrtum

beruht, ist ein Wahn. Maria wäre sehr gestimmt gewesen, dem ihren nachzuweinen: das

Künstlerische in ihrer Natur sträubte sich gegen die Zerstörung des Ideals, das ihr Vater ihr

bisher gewesen war. Da fiel ein Wort ihr auf, das am Rande eines der mißhandeltsten Bogen des

seltsamen Tagebuches stand: WAHRHEIT, groß geschrieben, von einer leichten Arabeske

umschlungen.

Maria blickte nicht mehr auf, bevor sie den Sinn der letzten ihr noch halbwegs verständlichen

Zeile in sich aufgenommen hatte. – Dann küßte sie die Blätter innig und lange, trug sie zum

Kamin, verbrannte sie und erwartete auf den Knien das Verlöschen der Flammen. Das Geheimnis

der Toten blieb aufbewahrt im Herzen ihres Kindes.

Einige der aus dem Zusammenhang gerissenen Stellen, die sich dem Gedächtnisse Marias fast

vollständig eingeprägt, lauteten:

»Die Wahrheit verlange ich von dir. Du sollst nicht lügen. Treu sein, festhalten, was dein

Herz einmal ergriffen hat, kannst du nicht. Du bist schwach und hilflos deinen Leidenschaften

gegenüber. Sei wenigstens wahr. Dem Schwachen Bedauern, dem Lügner Verachtung.

Eifersüchtig ist nicht das rechte Worte. Würde ich sonst deinen Wolfi lieben? Würde ich sonst

das Andenken seiner Mutter ehren? – Und ich hätte Grund, auf sie eifersüchtig zu sein, denn

sie hat dich mehr geliebt, als ich dich liebe; ich hätte dir nicht geopfert, was sie dir

geopfert hat: ihre Eltern, ihre Heimat, Ehre und Pflicht.

Wenn meine Tochter erwachsen sein wird, werde ich ihr sagen: heirate nicht aus Liebe. Man

glaubt, vereint sein mit dem Geliebten, das ist der Himmel auf Erden. Es ist nicht wahr. Was

macht den Himmel zum Himmel? Daß ein Gott darin regiert und – – –

Wenn Gott nur so gut wäre, wie wir sind gegen unsere braven Diener, dann hätte er mich erhört.

Habe ich nicht alle meine Pflichten getreu erfüllt?… war ich nicht gläubig und fromm? Wenn

Gott gut und gerecht wäre, hätte er mich gehört. Aber es ist überhaupt kein Gott im Himmel,

nur ein Teufel, und der straft mich.

Geliebter, wenn die Jugend hinter uns liegen wird, wenn du zu mir zurückgekehrt sein wirst und

ich dir alles verziehen haben werde, dann lesen wir zusammen, was ich jetzt schreibe, und

reichen uns die Hände und lachen – und weinen auch ein wenig.

… daß du Alma verleitest – sie hat ein Gewissen. Es schläft jetzt nur, du hast es

eingeschläfert, du weißt, wie man das macht … aber es wird erwachen, und dann – – –

Ich glaube es nicht, ich will es wissen, mich überzeugen, euch auflauern. Ich bin jetzt ein

Jäger, ihr seid das scheue Wild …

Manchmal fürchte ich und manchmal hoffe ich den Verstand zu verlieren. Wir werden mein

Tagebuch nicht zusammen lesen, Geliebtester. Ich glaube, daß ich es zerreißen muß. Die schöne

Schilderung der glücklichen Tage – schon fort. In kleine, kleine Stücke gerissen und fliegen

lassen von ›hoher Altane am Turm‹… Wie sie stoben im Winde … Woran habe ich gedacht? woran

nur? An mein Glück oder was? Ich weiß nicht mehr …«

Bei dem nächsten Besuch, den Hermann im Hegerhause machte, begleitete ihn Maria. Der Kranke

erholte sich sehr langsam von dem letzten heftigen Anfall seines Leidens. Er lag in tiefer

Erschöpfung dahin, halb wachend, halb schlafend, nahm nur widerstrebend die Nahrung, die man

ihm reichte, und zählte ohne Unterlaß an seinen Fingern, wieviel Monate, Wochen, Tage er noch

zu leben habe. Die Rechnung war ihm aber zu schwer und wollte nicht stimmen. Gegen alle, die

ihm nahten, Hermann nicht ausgenommen, legte er feindseliges Mißtrauen, ein mürrisches und

schroffes Wesen an den Tag, das sogar die Geduld seines langmütigen Arztes sehr oft

erschöpfte.

Nur wenn Maria an sein Bett trat, glättete sich seine Stirn, er lächelte; unter seinem kleinen

schwarzen Schnurrbart schimmerten seine Zähne hervor, jung und gesund wie die eines Kindes. In

der Tiefe seiner dunklen Augen entzündete sich ein unheimlicher Glanz: »Frau – – –« sprach er

und machte eine lange Pause. Fürchtest du dich, fürchtest du das Wort, das ich jetzt sagen

könnte? fragte sein boshafter und drohender Blick. Aber der ihre hielt ihn im Bann. Stolz und

kalt ruhte er auf ihm, und er murmelte verwirrt: »Frau Gräfin.«

Sie kam regelmäßig, aber nicht an bestimmten Tagen, wöchentlich zweimal, auf der Rückkehr von

ihren Gängen durch das Dorf. Dort hatte sie die Armen und Kranken besucht, war wohl auch in

die Schule getreten und hatte einer Unterrichtsstunde beigewohnt. Sie hatte getadelt, gelobt,

mit vollen Händen gegeben und mit alledem nur eine Einführung ihrer Schwiegermutter

aufrechterhalten – nicht ganz in deren Sinn jedoch.

Gräfin Agathe hatte von den Leuten, denen sie Hilfe angedeihen ließ, eine Gegenleistung

gefordert: »Du bekommst das unter der Bedingung, fortan das Wirtshaus zu meiden. – Du bekommst

jenes unter der Bedingung, daß du von heut ab deine religiösen Verpflichtungen pünktlich

erfüllst.«

Maria hingegen stellte nicht nur keine Bedingungen, sie lehnte sogar den Dank ab, dessen meist

überschwengliche Äußerungen ihr widerstrebten. So verstimmte sie die Geistlichen und die

Lehrer, die gewohnt gewesen waren, ihren Teil von der gräflichen Wohltätigkeit mittelbar

einzuheimsen, und entwertete ihre Geschenke bei den Empfängern. – Wie hoch soll denn

angeschlagen werden, was umsonst zu haben ist?

»Mit einer Hand geben und die andere zum Nehmen ausstrecken«, sagte Maria zu Hermann, »ekelt

mich an.«

»Das versteh ich nicht«, entgegnete er. »Was diesen Menschen vor allem anderen fehlt, was

ihnen vor allem anderen beigebracht werden muß, ist das Pflichtgefühl. Mit Wohltaten wirst du

es nicht wecken.«

»Wecke ich es, wenn ich ihnen einen Handel vorschlage, einen Tausch?«

»Viel eher. Wenn du einem anderen Gutes tust und zum Preis dafür verlangst, daß auch er etwas

Gutes tue, kannst du damit einen Begriff von Billigkeit in ihm erwecken, eine Ahnung dessen,

was Pflicht ist. Und wenn du das getan, hast du ihm unendlich mehr genützt als durch momentane

Linderung seines Elends.«

Sie mußte das gelten lassen und tat es gern. Es freute sie, von ihm überwiesen zu werden, sich

seiner größeren Erfahrung zu beugen, seine schlichte Lebensweisheit anzuerkennen. Ein schönes

Leben ließ sich an seiner Seite führen, ein tätiges und hilfreiches Leben. Für alles fand sich

Zeit darin, auch für die Pflege ihrer geliebten Kunst.

Im Spätsommer sollte Graf Wolfsberg zu längerem Aufenthalt bei seinen Kindern eintreffen. Kurz

vor dem Tage jedoch, an dem sie ihn erwarteten, kam seine Absage. Er hatte die vorläufige

Vertretung eines hohen Herrn an einem fremden Hofe übernehmen und den Besuch in Dornach auf

ein Vierteljahr hinausschieben müssen.

Der Gleichmut, mit dem Maria diese Nachricht empfing, setzte Hermann in Erstaunen, wie schon

längst das Schweigen, das sie seit ihrer Verheiratung über Alma Tessin beobachtete. Ein Brief

von ihrer einst besten Freundin, den er selbst ihr gebracht hatte, war unbeantwortet

geblieben. Hermann fragte nicht warum. Er wollte seiner Frau eine peinliche Erörterung

ersparen; es lag ja klar am Tage: der Zufall, den die Blinden blind nennen, hatte hier

gewaltet und Maria in Kenntnis von Dingen gesetzt, die ihr bisher sorgfältig verborgen worden.

Der Herbst kam, die Weihnachtszeit rückte heran. Schnee und Eis bedeckten die Wiesen und die

Weiher, die Natur war tot – scheintot. Unter dem Herzen Marias aber regte sich ein neues Leben

und strebte frisch und kräftig dem Tageslicht entgegen.

8

Ein banger Tag in Dornach.

Die stattliche Frau, die seit einer Woche im Schloß wohnte, der die Mahlzeiten auf ihrem

Zimmer serviert wurden und die zum Verdruß des Kellermeisters mittags und abends eine Flasche

Bordeaux vertilgte, weilte seit zwei Uhr nachts am Bette der Gräfin. Auf dem Bahnhofe wartete

eine Equipage die Ankunft des Schnellzugs aus Wien ab, mit dem der Herr Professor ankommen

sollte. Der Herr Doktor hatte sich in Lisettens jungfräulichem Gemache etabliert, und wenn

sich ein Geräusch auf dem Gange vernehmen ließ, trat er hinaus und sprach zu dem etwa

Vorbeikommenden: »Ich bin hier – daß Sie’s wissen – für den Fall, daß ein Arzt nötig wäre, daß

Sie wissen, wo er zu finden ist.«

Niemand hörte auf ihn, er war ganz uninteressant. Die gespannte Aufmerksamkeit richtete sich

ausschließlich auf die Frauen, denen Gelegenheit zu irgendeiner Handreichung in der Nähe der

Wochenstube gegeben war.

Am Nachmittage mußte Hermann sich’s gefallen lassen, vom Schmerzenslager seiner Frau, an

dessen Ende er mit verstörtem Gesichte stand, durch Base Wilhelmine entfernt zu werden.

Jetzt waren sie in seinem Schreibzimmer, sein Vetter und er. Wilhelm hatte mitten auf dem

Diwan Platz genommen, sich vorgebeugt und beschäftigte sich damit, seine dicken roten Finger

knacken zu machen. Hermann ging rastlos neben dem Bücherschrank, der die Längenwand einnahm,

auf und ab und pfiff entsetzlich falsch oder versank in ein düsteres Schweigen oder pflanzte

sich vor Wilhelm hin und starrte ihn an.

Die Dämmerung war eingebrochen, der Kammerdiener erschien.

»Was willst du?« fragte sein Herr.

»Die Lampe anzünden.«

»Wir brauchen keine Lampe«, brachte Hermann mühselig hervor, und Wilhelm dachte: Dem armen

Kerl ist das Weinen nah.

»Heute«, sagte er nach einer Pause, »haben wir drei Marder in der Falle gefangen«, worauf sein

Vetter erwiderte: »Wieviel Uhr ist es?«

»Fünf hat’s just geschlagen.«

»Dann muß ja um Gottes willen der Professor schon hier sein.« Er schellte, und es dauerte

unglaublich lang, bis endlich ein Lakai eintrat und meldete, der Herr Professor sei angelangt,

und Lisette habe ihn zur Frau Gräfin geführt.

Eine Stunde verfloß, in der die Zeit bleierne Wellen rollte und Wilhelm die nutzlosen

Versuche, Hermanns Gedanken abzulenken, aufgab. Plötzlich blieb dieser stehen und lauschte. Er

hatte die hastenden Schritte, die sich nahten, erkannt, es waren die Wilhelminens. Sie riß die

Tür auf. Das Nebenzimmer war hell erleuchtet, und wie von strahlendem Goldgrund hob ihre

Gestalt auf der Schwelle sich ab. »Hermann?« rief sie fragend in das Dunkel hinein. »Komm,

Hermann, komm – du hast einen Sohn!«

»Und Maria …«

»Wohl, Gott sei Dank.«

Er stürzte auf sie zu und hob die schwere Frau in seinen Armen in die Höhe und jauchzte laut.

»Was heißt denn das?« sagte sie. »Nimm dich zusammen. Sie ist noch matt. Wenn du dich nicht

zusammennimmst, darfst du nicht zu ihr.«

»Oh – ich nehme mich …« er machte einen ungeheuren Aufwand an Selbstüberwindung, warf sich in

die Brust, umschlang seine Base und zog sie mit sich fort. »Wilhelm, telegraphiere du an meine

Mutter, an meinen Schwiegervater«, rief er noch atemlos zurück und durchmaß den ganzen Weg auf

den Fußspitzen, betrat Marias verhängtes Zimmer unhörbar wie ein Sylphe und hätte am liebsten

Wolkenform angenommen, um ihr zu nahen.

Sie lag ganz still, war blaß – blaß bis an die Lippen und sah unendlich müde aus. Aber sie

lächelte ihn an, glücklich, sanft und milde. Das Herz wollte ihm übergehen vor Rührung – doch

sie haßte es, bedauert zu werden; er durfte nichts sagen, er küßte nur leise ihre Hände und

blickte dabei mit einer gewissen Verlegenheit nach einem weißen Bündel aus Stoffen, Spitzen,

Stickereien, Bändern, das neben sie hingelegt wurde.

»Ich gratuliere Ihnen zu einem Prachtbuben«, sprach der Professor, aus dem Nebenzimmer

tretend.

»Wo?« stotterte Hermann, und Wilhelmine brach aus: »Jesus Maria, da doch!«

Da – ganz richtig. Unter den Stickereien und Spitzen guckte etwas hervor. Ein kleines

braunrotes Gesicht, mit faltenbedeckter Stirn, mit lichtscheuen, fest zugedrückten Äuglein,

einer Nase, die mit unzähligen kleinen gelben Pünktchen bedeckt war, und einem winzigen Mund.

Es waren auch Pfötchen zu sehen, die unverhältnismäßig lange Finger hatten und die zartesten

schmalsten Nägel. Das also war der »Prachtbub«, das war der »Sohn«.

Hermann wunderte sich und küßte auch ihm die Hände.

Maria erholte sich langsam, und Doktor Weise, der nach der Abreise des Professors Ordinarius

geworden, wurde nicht müde, die größte Schonung zu empfehlen. »Besonders der Nerven. Nur keine

Aufregung, Herr Graf, Fräulein Lisette, Fräulein Klara, nur keine Aufregung!« – Er freute

sich, daß die Taufe nicht vor dem vierzehnten Tage stattfinden konnte, weil es dem Grafen

Wolfsberg, der durchaus selbst als Pate seines Enkels fungieren wollte, unmöglich war, früher

einzutreffen.

Der Graf schrieb oder telegraphierte täglich, und es schien Hermann, als ob diese Botschaften

ihres Vaters Maria peinlich berührten. Zuletzt wagte er nicht mehr, sie ihr mitzuteilen. Nun

aber fragte sie allabendlich: »Kommt der Vater?« und als endlich die Antwort lautete:

»Morgen«, da flammte eine fiebernde Röte auf ihren Wangen auf. Sie schloß die Augen, in

kurzen, raschen Schlägen klopfte ihr Herz, eine unnennbare Bangigkeit überkam sie.

»Was ist dir?« fragte Hermann. »Maria, was bekümmert dich? Es ist etwas, das dich bekümmert

und das du mir verschweigst.«

Sie seufzte tief auf. »Laß es« – bat sie, »wir wollen nie davon sprechen. Geh jetzt, es ist

spät. Ich muß Ruhe haben und Kräfte sammeln für morgen.«

»Natürlich«, erwiderte er und befand sich schon auf den Fußspitzen und schlug sein beliebtes

Sylphentempo an.

Maria winkte ihn zurück: »Eines möchte ich dich bitten – bringe es dem Vater vor. Das Kind

soll Hermann heißen, Hermann Wolfgang … Verstehst du mich? Und dir, Lieber, möge es

nachgeraten.«

Er ging beseligt, er machte sich selbst zum Hüter der Ruhe, nach der sie verlangte. Mehr als

Stille ringsumher vermochte er jedoch nicht herzustellen. Eine so tiefe Stille, daß Maria das

Atemholen des Kindleins hören konnte, dessen Wiege dicht an ihrem Bette stand. – Es war

unerhört brav, schrie gerade soviel, als sich’s für einen zwei Wochen alten Jüngling gehört,

sog seine Nahrung aus der mütterlichen Brust und schlief und lächelte oft im Schlafe.

Und der Anblick seines Friedens war die einzig wirksame Labung, die Marias Seele empfangen

konnte in dieser letzten Nacht vor dem Wiedersehen mit ihrem Vater. Ein Wiedersehen und keines

– es sollte ja ein anderer Mensch vor sie treten, nicht der, den sie geliebt und angebetet,

einer, der gelogen, betrogen und getötet – einer, den sie gerichtet hatte.

Am nächsten Morgen war er da, völlig unermüdet, trotz der langen Reise. Den Wagen, der ihn auf

der Station erwartete, hatte er seinem Kammerdiener überlassen und kam zu Fuß an. Ein

tüchtiger Marsch in der tauigen Frühe war ihm Bedürfnis gewesen nach zweien im Waggon

verbrachten Nächten.

Sein Schwiegersohn lief ihm entgegen, die beiden Männer schüttelten einander die Hände.

Wolfsberg fragte zuerst nach Maria und dann unverzüglich nach Waschwasser und ließ sich in die

für ihn bereiteten Zimmer führen.

Eine halbe Stunde später stand er vor seiner Tochter, mit unnachahmlich kunstvoller

Nachlässigkeit gekleidet, duftend von Reinlichkeit und Eau de Toilette, einen freudig

gerührten Ausdruck in seinem energischen Gesichte. Er klopfte Maria auf die Wange und sagte,

halb zu Hermann, halb zu ihr: »Mager ist sie geworden.«

Sie hätte aufschreien mögen: Ich weiß, was du getan hast, und werde es dir nie verzeihen! –

aber sein Anblick, seine Stimme, sein flüchtiger Kuß auf ihre Stirn übten ihre alte Macht. Sie

beugte sich ihr fast ohne Widerstreben. – Er ist ja doch mein Vater, dachte sie.

Der Graf schenkte seinem Enkel die gebührende Aufmerksamkeit, setzte sich an das Bett Marias

und begann mit ihr zu sprechen, mehr von sich als von ihr, offenherzig, vertrauensvoll, recht

wie zu einem ebenbürtigen Geiste, dessen Verkehr er lange und schwer entbehrt. Ihre Kälte und

Beklommenheit waren ihm sofort aufgefallen. Er schrieb sie ohne weiteres der richtigen Ursache

zu: Maria hatte etwas, das ihn in ihren Augen herabsetzte, erfahren. Durch wen? – Um gegen

Hermann auch nur den Schatten eines Verdachtes zu hegen, war Wolfsberg zu sehr Menschenkenner.

Was liegt auch daran, dachte er, durch wen deine Illusionen über mich zerstört wurden, du

armes Kind, sie sind fort. Du mußt lernen, mich zu nehmen, wie ich bin, und einsehen, daß du

dennoch stolz auf deinen Vater bleiben kannst. – Da entfaltete er seine ganze zielbewußte

Liebenswürdigkeit, stellte sich in das hellste Licht – indem er einen Irrtum, irgendein

begangenes Unrecht eingestand. Mit der Miene eines Emporblickenden ließ er sich zu ihr herab,

die er weit übersah. Galt es doch, einen erschütterten Einfluß wiederzugewinnen, eine

schwankende Neigung wieder zu befestigen: zu erobern, mit einem Wort …

Wie ihm die Aufgabe gelang! – Wie seine Tochter, als er nach kurzem Aufenthalte Schloß Dornach

verließ, ihn liebte, mehr als je! Der Starke war hilflos seinen Leidenschaften gegenüber, gab

das nicht Grund, ihn zu bemitleiden? Und wer hatte seine Kämpfe gesehen? Mit so feinem Sinn

für alles Edle begabt, was mußte er leiden unter dem Bewußtsein seiner Fehlbarkeit! Er gehört

ja nicht zu denen, die sich feig über ihre Mängel hinwegtäuschen. Dieser Selbsterkenntnis,

sagte sie sich, war wohl auch seine harte Zurückweisung Tessins entsprungen. Vielleicht fand

er – in einer Hinsicht wenigstens – zwischen dem und sich Ähnlichkeit … Er wollte seine

Tochter vor den schmerzvollen Enttäuschungen bewahren, die er ihrer Mutter bereitet hatte.

Nach wie vor weihte Maria der Toten die frömmste und getreueste Erinnerung, doch war sie in

ihren Augen nicht mehr das Opfer eines Verbrechens, sondern die Märtyrerin eines unabwendbaren

Schicksals, eine leidverklärte Heilige, vor deren Bild sie in Andacht versank.

Allmählich kehrte ihre Heiterkeit zurück und wuchs mit dem Gefühle zunehmender Kraft und

wiedererlangter Gesundheit. Sie hatte es durchgesetzt, sie nährte ihr Kind selbst, obwohl das

jetzt »niemand« mehr tut und selbst die Ärzte ihr davon abgeraten. Aber sie wußte wohl, was

sie sich zutrauen durfte.

Ihr Vetter Wilhelm trug eine Bewunderung für sie zur Schau, die sich in den ausbündigsten

Aufmerksamkeiten äußerte. Den ganzen Winter hindurch kam er allabendlich, bei jedem Wetter,

herübergeritten, machte halt im Schloßhofe, fragte: »Wie geht’s?« und kehrte nach erhaltener

Antwort heim auf seiner kugelrunden Falbin. – Sobald die Wege wieder fahrbar geworden, kamen

die Familiendiners am Dienstag von neuem in Aufnahme.

Nach dem ersten hatte Wilhelm seinen Vetter in eine Fensterecke gedrückt und ihm geheimnisvoll

zugeflüstert: »Deine Frau war bisher immer wunderbar – gemütlich aber ist sie erst jetzt

geworden. Das macht das Kind, ja, mein Lieber … Man sagt: des Herzens Schrein – ganz falsch,

es sind Schreine. Da und dort steht einer offen von Jugend auf. Die anderen öffnen sich nach

und nach – ich spreche nur von guten Menschen natürlich – und den Schlüssel zum wichtigsten

bringt manchmal ein Kindlein mit, in seiner kleinen Hand.«

In der Tat schien Maria ein ungetrübtes Glück in ihrer Ehe gefunden zu haben. Und war sie

nicht auch beneidenswert vor Tausenden? Vergöttert und angebetet von einem Manne, den sie

innig wertschätzte, Mutter eines blühenden Kindes, schön, ohne eitel, und hochbegabt, ohne

ehrgeizig zu sein, reich genug mit Glücksgütern gesegnet, um dem regsten Wohltätigkeitssinne

Genüge tun zu können, gehörte sie zu den Auserwählten des Schicksals. Sie selbst empfand es

als eine Pflicht, sich zu ihnen zu zählen.

Früher, als Hermann es gestatten wollte, hatte sie sich wieder in den Hütten der Armen

eingefunden, aber mahnen und drängen mußte er, bevor sie den Entschluß faßte, die Schwelle

Wolfis nach langer Zeit von neuem zu überschreiten.

Er war, kaum erholt von einem abermaligen heftigen Anfall seines Leidens, dennoch

aufgestanden, um sie zu empfangen, und kam ihr einige Schritte entgegen. Ein greisenhafter Zug

bildete sich um seinen Mund, als er sie anlächelte. »Endlich, Frau Gräfin«, sprach er mit

schwacher und heiserer Stimme, »endlich – Sie sehen, es geht besser. Ihr großer Arzt gibt mir

nur noch beiläufig fünfhundert Tage zu leben, aber ich beabsichtige, Ihnen länger zur Last zu

fallen, als der Gelehrte sich’s träumen läßt, ich …«

Hermann unterbrach ihn mit der Aufforderung, jetzt das Bekenntnis zu tun, das er auf dem

Herzen habe.

»Aber verderben Sie mir die Freude nicht, Frau Gräfin«, sprach Wolfi.

»Welche Freude?«

»Die, zuzuhören, wenn Sie Klavier spielen … Staunen Sie nur! Der elende Kerl, der Wolfi, hat

Sinn für Musik – besonders für diejenige, die Sie treiben.« Er klopfte mit der flachen Hand

auf seine Brust. »Balsam, Frau Gräfin. – Ich habe mich auf allerlei Umwegen in die Nähe des

Schlosses geschleppt, bis zum Gartenhaus hinter den Fliederbüschen, und gelauscht … Ja, das

war Musik! Dabei läuft es einem kalt über den Buckel, und das ist das Rechte. Ich hatte Ihnen

soviel Leidenschaft gar nicht zugetraut. – Sie haben es da«, er griff ans Herz, »und in den

Fingern, und ich hätt es auch gehabt, wäre gewiß ein Künstler worden … Aber hat’s denn sein

dürfen?… Was, Künstler – Lump! Eine Satzung des großen Grafen: Aus dem Künstler wird nichts,

wenn nicht der Lump in ihm die Begeisterung dazu gibt … Also ich bitte um freien Eintritt in

das Gartenhaus, bitte auch, den Hunden und den Leuten aufzutragen, mich dort unbehelligt zu

lassen, wenn ich komme, was nicht gar zu oft geschehen wird. Aber ich darf? – ich darf?«

wiederholte er ungeduldig.

Maria zögerte: »Ein versteckt lauschendes Publikum ist nicht angenehm.«

»Flausen! was wissen Sie, wenn Sie spielen, von einem Publikum.«

Hermann legte seine Fürsprache ein, und der Wunsch Wolfis wurde gewährt.

Von diesem Tag an verlängerte Maria ihre Besuche bei dem Kranken. »Ein Mensch, der sich noch

Empfänglichkeit für das Schöne erhalten hat, kann nicht ganz schlecht sein«, meinte sie und

betrachtete es als ihre Aufgabe, diese Seele, die schon so bald vor den ewigen Richter gerufen

werden sollte, zu retten. Sie hielt den Zynismus, mit dem er ihre Vorstellungen aufnahm, für

eine scheußliche Maske, und die Einwendungen, die er ihr machte, für erbärmliche Prahlereien.

Eines Nachmittags fand sie ihn in großer Aufregung. Er war mit dem Lesen eines Briefes

beschäftigt und empfing sie mit den Worten: »Habe ich noble Korrespondenten, he? Sehen Sie

doch die Unterschrift.«

Sie las mit peinlicher Verwunderung »Felix Tessin«.

Wolfi steckte den Brief ein. »Ja«, sprach er nachlässig, »der antwortet einem doch, erinnert

sich doch der einstigen Jugendfreundschaft. – Sie lächeln ungläubig? Sie können den

Gassenkehrer nicht vergessen, der hat Ihnen einen unauslöschlichen Eindruck gemacht. Aber

dieser Episode meines bewegten Lebens gingen andere voran … Ei, ei – nun, was ist denn los?«

Er stockte.

Maria hatte eine Art, den Kopf zu heben und Leute, die etwas taten oder sagten, das ihr

mißfiel, dabei anzusehen, die den Kecksten in Verwirrung brachte.

Wolfi erfuhr es jetzt. »Ohne Sorge! Wozu diesen Aufwand an Würde?« spöttelte er, »ich denke

nicht daran, mich in Details einzulassen, ich sage nur: Wir waren befreundet. Felix und ich

studierten in Heidelberg zusammen – fragt mich nur nicht was –, wurden zusammen relegiert.

Tessin kümmerte sich nicht um die Anzahl der Ahnen, die einer hatte, sondern um die der

Frauenherzen, die er bezwang, und um die Klinge, die er führte. Die meine hat er schätzen

gelernt bei jenem Überfall, den ein beleidigter Ehemann gegen ihn in Szene gesetzt hat … Ja,

wir waren Freunde!«

»Und einer des anderen wert«, sprach Maria und wandte sich, um ihr Erröten zu verbergen. Wie

hatte sie diese Worte sprechen können? War ihre Erbitterung gegen Tessin nicht längst

überwunden?

Sie stand auf und verließ das Zimmer.

Lisette, von der sie sich hatte begleiten lassen, überhäufte Wolfi mit Vorwürfen, ehe sie der

Gebieterin folgte.

Er aber blickte aus dem Fenster der hohen Gestalt nach, die langsam hinter den Bäumen des

Parkes entschwand, und murmelte zwischen den Zähnen: »O Majestät, meinen letzten Lebensfunken

für einen Flecken auf deinem Hermelin!«

9

Noch ein Herbst auf dem Lande, noch einmal die Weihnachtszeit in Dornach, die Gräfin Agathe

bei ihren Kindern zubrachte, im Anblick ihres Enkels schwelgend. Nach dem Neuen Jahre trennte

man sich. Hermann und Maria fuhren zum Winteraufenthalte nach Wien, Gräfin Agathe kehrte in

ihre Einöde zurück, nicht ohne die jungen Leute gemahnt zu haben, daß es auch gegen die

Gesellschaft Pflichten zu erfüllen gibt. Während des langen Witwenstandes der Gräfin war kein

Fest gefeiert worden im alten Dornachischen Palast, den ein prachtliebender Ahnherr der

Gastfreiheit seiner Nachkommen erbaut. Allabendlich nur hatte sich das schwere Tor vor der

soliden Equipage einer Familienmutter oder der ehrwürdigen Stiftskarosse geöffnet und Glock

zehn hinter ihr wieder geschlossen unter den tiefen Bücklingen des gähnenden Portiers, der

nach und nach zu der Überzeugung gelangt war, der Zweck des Lebens sei auszuruhen.

Das sollte nun anders werden, viel gründlicher anders, als die Gebieter des Hauses

beabsichtigt hatten. Ihr Vorsatz, sich frei zu erhalten von dem Zwange, alles mitzumachen,

erwies sich als unausführbar; in kurzer Zeit waren sie von dem Wirbel erfaßt. Die Welt sprach

zu ihnen wie zu allen ihren Kindern: Gib dich mir ganz, eine Halbheit kann ich nicht brauchen.

Und Maria wenigstens tat der Welt den Willen, und diese bereitete ihr dafür Triumphe von

berauschender und von denen, die sie als junges Mädchen gefeiert hatte, ganz verschiedener

Art.

Wenn sie früher die Summe dessen zog, was sie sollte, was von ihr verlangt wurde, so lautete

das Resultat: gefallen. Jetzt hingegen schienen alle Menschen nur einen Wunsch, nur einen

Ehrgeiz zu haben, den: ihr zu gefallen. Ein Lächeln, ein freundliches Wort von ihr beglückte,

die geringste Bevorzugung des einen machte hundert Neider.

Der erste Ball bei Dornach hatte ungeteiltes Lob geerntet, ein zweiter Enthusiasmus erregt.

Nun sollte ein dritter am vorletzten Faschingstag stattfinden.

Zu dem eine Einladung zu erhalten, bemühte sich jemand, der bisher die Nähe Marias sorgfältig

gemieden hatte: Felix Tessin. Sie war ihm anfangs dankbar gewesen für seine Zurückhaltung;

doch sagte sie sich endlich, daß in dieser etwas viel Auffälligeres liege als in den banalen

Huldigungen, die ihr von jung und alt dargebracht wurden.

Mit welchem Rechte machte er eine Ausnahme? War zwischen ihnen das geringste vorgefallen, das

ihm erlaubte, sich anders als alle anderen gegen sie zu benehmen?

Fast freute sie sich, als sie eines Tages seine Karte fand und ihm eine Einladung zum Ball

senden konnte. Es war Zeit, daß er seine Sonderstellung aufgab. Erst unlängst hatte Hermann

gesagt: »Tessin hat seine Niederlage noch nicht verschmerzt, er grollt«, und als Maria ihn

staunend und bestürzt angeblickt, ganz ruhig hinzugefügt: »Vor einem braven Manne, den du mir

vorgezogen hättest, wäre ich zurückgetreten, vor Tessin nicht. Ich hätte ihn eher

niedergeschossen als zugegeben, daß er dich heimführt.«

Maria zwang sich mühsam eine gleichgültige Miene ab: »Wie – du hast etwas entdeckt von dem

mißlungenen Versuch des Grafen Tessin, sich auf die einfachste Weise den Einfluß meines Vaters

zu sichern? – Allen Respekt! Außer dir ist dieser kleine diplomatische Fehlgriff niemandem

aufgefallen.«

»So war auch ich einmal scharfsichtig«, hatte Hermanns Antwort gelautet. »Die Liebe tut

Wunder.«

An dieses Gespräch erinnerte sich Maria oft, als die Stunde immer näher kam, in der sie Tessin

als Gast in ihrem Hause sehen sollte. Und welche Vorsätze faßte sie nicht! Mit welcher

Unbefangenheit wollte sie ihm entgegentreten und sogleich den kühl freundlichen Ton anstimmen,

der von nun an zwischen ihnen herrschen sollte.

Der Faschingmontag kam heran. Es war neun Uhr; Maria hatte ihre Toilette beendet und sich noch

in das Kinderzimmer begeben, um dem Kleinen gute Nacht zu sagen. Er erwachte, als sie sich

über ihn beugte, stieß ein freudiges Lachen aus und griff mit beiden Händen nach dem

glitzernden Diadem auf ihrem Haupte. Sie wehrte ihm, küßte ihn, schläferte ihn wieder ein und

flüsterte ihm zu: »Du bist doch mein Höchstes und Liebstes.«

Dann begab sie sich hinüber nach den taghell erleuchteten, blumendurchdufteten Festräumen …

Alles noch leer und still. Nur im Wintergarten, in dem soupiert werden sollte, der Obergärtner

aus Dornach und seine Leute mit dem Ordnen einer Palmengruppe beschäftigt. Und in der Galerie

der Haushofmeister, der mit so feierlichem Ernste, als ob er einem Ministerrate präsidierte,

den schwarzbefrackten Kammerdienern und den goldbetreßten, perückengeschmückten Lakaien seine

Befehle erteilte.

Im kühlen Ballsaale ging Hermann mit dem Direktor der Kapelle, einem berühmten und

liebenswürdigen Künstler, in lebhaftem Gespräch auf und ab. Als Maria sich näherte, blieben

beide stehen, und der Musiker rief unwillkürlich aus: »Wie schön Sie sind, Frau Gräfin!«

»Nicht wahr?« erwiderte sie, seine Bewunderung ebenso unbefangen hinnehmend, wie er sie

geäußert hatte: »Diese Spitzen – eine geklöppelte Symphonie; das Diadem, ein Meisterstück

unseres Köchert, prächtig und doch leicht, ich spüre es kaum – lauter Geschenke meines Mannes

…« Und seine geringsten, dachte sie. Hatte er sich ihr nicht selbst völlig zu eigen gegeben?

Sein erster und letzter Gedanke gehörte ihr, und was ihr Leben schmückte und schön und reich

machte, vom Größten bis zum Kleinsten, war das Werk dieses Mannes, der im Besitz ihres Selbst

noch sehnsüchtig nach ihrer Liebe rang.

Von unendlicher Dankbarkeit ergriffen, freute sie sich, so schön zu sein, freute sich, daß ihn

heute viele glücklich preisen würden. Strahlenden Auges blickte sie in den Spiegel … Sie

konnte zufrieden sein mit sich. Nie hatte ein Kleid ihr besser gestanden als dieses farbig-

farblose, eine Mischung von Grau und Lila, für die die Sprache keine Bezeichnung hat. Das

kostbare, goldgestickte Spitzengewebe, das eben von ihr gerühmt worden, umgab die herrlich

geformte Büste, bildete eine schmale Spange zwischen der Schulter und dem Oberarm und wallte,

kunstvoll gerafft, vom Gürtel nieder bis zu der langen, mit schwerem Goldbrokat gefütterten

Schleppe. Die edle, in zarter Fülle prangende Gestalt war wie von einer goldenen Wolke

umschimmert, und eine Wonne für das Auge die gelassene und stolze Anmut ihrer Bewegungen.

Allmählich füllten sich die Säle. Übermütig oder abgespannt, mit vergnügten, erwartungsvollen

oder mit gelangweilten Mienen wogten die Ankommenden herein. Die paar hundert Menschen, welche

die sogenannte große Welt ausmachen, trafen einmal wieder an einem und demselben Orte zusammen

– Blüte des Adels, Häupter und Angehörige uralter Geschlechter, die ihr Blut rein erhalten

hatten von jeder Vermischung mit dem nicht Ebenbürtiger.

Da stehen sie, eine große Gruppe bildend, die in ihrer Art einzigen, die berühmten Wiener

Komtessen. Die Reden einiger sind so frei und so derb, daß es nicht leicht ist, die

Harmlosigkeit zu ermessen, mit welcher sie geführt werden. »Slang« und nichts weiter, das

fliegt sie so an. Die spricht’s ihrem Vater und jene ihrem Bruder und eine der anderen nach.

In Wahrheit aber sind sie sorgfältig betreut worden, von ihrem ersten Atemzuge an behütet vor

dem Anblick des Häßlichen und Schlechten, aufgewachsen in Unkenntnis des Elends und der

Schuld. Und jetzt führt man sie ein in das Leben, zu welchem das vergangene nur eine

Vorbereitung war; sie nähern sich seiner Schwelle, als wäre sie diejenige der Himmelspforte,

und klopfen herzhaft an.

Und die jungen Herren – sämtlich studierte Leute, wenn auch nicht immer viel mehr, als nötig

ist, um die Offiziersprüfung zu machen. So mancher von ihnen hat auf der Schulbank neben dem

Sohn des Schneiders oder des Branntweinbrenners gesessen und manche sauer erworbene gute

Klasse dem Ehrgeiz zu verdanken gehabt, sich nicht regelmäßig von einem Plebejer überflügeln

zu lassen. Ob sie jedoch gedenken, das Erlernte baldmöglichst wieder zu vergessen und nur noch

ihrem Vergnügen zu leben, oder ob sie sich fühlen als angehende Marschälle, Botschafter,

Minister: dieselbe Zuversicht, daß es die Welt nur gut mit ihnen meinen könne, beseelt alle,

und sie treten hinein wie junge Könige in ihr Reich.

»Schau, wie sie grüßen«, sagte Hermann zu seinem Schwiegervater. »Da hat sich eben ein

blühender Schwarm frischgebackener Leutnants und Attachés durch die Menge gedrängt, um der

Hausfrau seine Reverenz zu machen. Sie stehen unbeweglich, nur die Arme werden noch etwas mehr

geründet, die Schultern noch ein wenig höher emporgehoben als gewöhnlich. Ein leichter Ruck,

der Kopf neigt sich – beileibe nicht zu tief! – eine Viertelsekunde lang – der Gruß ist

abgefertigt.«

»Modern«, sprach Wolfsberg. »Die Bursche sind alle nach demselben Rezept eingetunkt und steif

glaciert in Eleganz.«

»Und soviel Gutes, das sich hinter den Faxen verbirgt, soviel Bravheit, Tüchtigkeit, Mut und –

wie oft – Talent!«

»Wenn sie nur damit etwas anzufangen wüßten … Guten Abend, Fürstin«, unterbrach er sich, das

freundliche Kopfnicken einer wohlerhaltenen stattlichen Dame mit tiefer Verbeugung erwidernd.

»Ich suche einen Platz auf der Estrade zwischen ein paar Nachbarinnen, die nicht gar zu arg

besessen sind vom mütterlichen Ballwahnsinn. Einen Mauerfliegenplatz, mein lieber Graf«, sagte

sie lachend und in bester Laune, obwohl sie wußte: Beim ersten Geigenstrich wird es sie

erfassen mit fast unbezwinglicher Lust, sich noch einmal – ein allerletztes Mal – im Reigen zu

schwingen … Ach! wenn sie sich nicht schämte vor ihrer siebzehnjährigen Tochter …

Die Ankunft des Hofes wurde gemeldet; Hermann eilte den hohen Gästen auf die Treppe entgegen,

und bald darauf eröffnete Maria den Ball am Arme eines jungen Erzherzogs.

Während der ersten Tänze, umringt und umdrängt, in Anspruch genommen von ihren

Hausfrauenpflichten, hatte sie ihn noch nicht gesehen, an den sie seit dem Beginn des Festes

fortwährend dachte. Plötzlich meinte sie seine Anwesenheit zu fühlen. – Er ist da, sagte sie

sich und erblickte ihn. Eine entsetzliche Verwirrung bemächtigte sich ihrer. Seine dämonische

Schönheit fiel ihr wie etwas Neues auf.

Er stand neben dem Fauteuil Gräfin Dolphs, in eifrigem Gespräch mit ihr. Eifrig ihrerseits,

sie war lebhaft angeregt, ein leichtes Rot färbte ihre welken Wangen, ein heiter satirisches

Lächeln umspielte ihre Lippen, ihre scharfen Züge waren von dem Ausdruck der Zufriedenheit

erhellt, die sie nur im Verkehr mit wirklich gescheiten Männern empfand. Tessin sprach wenig,

aber jeder der kurzen Sätze, die er vorbrachte, schien eine Welt von Gedanken in dem

verständnisvollen Geiste der Gräfin zu wecken.

Er brach das Gespräch ab, als sein suchender Blick dem Marias begegnete, und kam auf sie

zugeschritten. Sie wechselten einige Redensarten, er bat um die nächste Polka.

»Ich gebe Ihnen die dritte – mit meiner Kusine Wolfsberg; sie hat, wie mir eben anvertraut

wurde, keinen Tänzer«, antwortete Maria.

Tessin verneigte sich und ging, um die Komtesse zu engagieren, eine der Unbegabtesten ihres

Geschlechts, für die jeder Ball eine Übung im Sitzen war.

Der Kotillon, den Tessin mitmachte, bot ihm endlich die ersehnte, glücklich wahrgenommene

Gelegenheit zu einer Entschädigung. Scheinbar zufällig führte ihn eine Wahltour mit Maria

zusammen. Mit leidenschaftlicher Hast umschlang er sie. »Einmal wieder!« sagte er so laut, daß

sie erschrak, und schon flogen sie dahin, und ihr Atem mischte sich mit dem seinen, und sein

Mund streifte ihre Haare, und er drückte sie an sich und sprach: »Ich habe Sie gemieden,

Gräfin – aus Sorge für meine Seelenruhe«, und sie erwiderte mit einer Stimme, die ihr selbst

fremd klang und herb und unsicher war … Nein, nein, so hatte sie ihm nicht begegnen wollen:

»Und was sichert sie Ihnen jetzt?«

»Nichts, aber ich will sie zu gewinnen – das heißt zu befestigen suchen – fern von Ihnen.«

Sie lachte: »An welchem Ende der Welt?«

Statt zu antworten, flüsterte er ihr zu, rasch und überstürzt: »Es wäre schön gewesen, auch

jetzt noch zu schweigen, wie ich geschwiegen habe, als man mich bei Ihnen verleumdete –

leugnen Sie doch nicht«, kam er dem Einwande zuvor, den sie erheben wollte –, »verleumdete und

Sie die Frau eines anderen wurden … Es wäre heldenhaft gewesen, ich weiß, schweigend in die

Verbannung zu gehen – aber zu so hoher Tugend vermag ich mich nicht aufzuschwingen, und Sie

sollen wissen …«

»Also wirklich in die Verbannung«, unterbrach sie ihn; »da bedaure ich ja sehr die kleine

Nicolette.«

Das hätte sie nicht sagen dürfen! Oh, wie sie das wußte, als es zu spät, als es schon gesagt

war und spöttischer Triumph aus den Augen des Herzenskundigen leuchtete, der in ganz

verändertem und leichtfertigem Tone fragte: »Die Kleine – Sie erinnern sich ihrer? War sie

nicht nett?«

Sie sprach ihn nicht mehr an diesem Abend, den er ihr, den sie selbst sich vergällt hatte, den

sich ins Gedächtnis zurückzurufen ihr peinlich wurde. Sie hörte, daß er einen »exotischen«

Posten angenommen hatte und Österreich und Europa für Jahre verlassen sollte, sehr bald

wahrscheinlich, vielleicht schon in einigen Wochen; der Zeitpunkt war noch nicht genau

bestimmt.

Fast täglich führte die ruhelose Geselligkeit, in der sie lebten, sie zusammen. Sie trafen

einander auf dem Eise, im Prater, bei Diners, in Soireen. Und er, mit großer Geschicklichkeit,

mit steter Beherrschung seiner selbst, wußte immer da zu sein, wo sie war, und sich dann mit

allen außer mit ihr zu beschäftigen. Er machte auf das eifrigste der und jener koketten Frau

in Marias Gegenwart den Hof, er verschwendete die Schätze seines Geistes und seines Witzes an

irgendeine hübsche Dutzend-Komtesse.

Das war so seltsam, so unerwartet nach seinem kühnen Versuch einer Erklärung auf dem Balle.

Sie belächelte es, fand es kindisch, ihrer und seiner unwürdig und nahm den Kampf dennoch auf,

den er ihr bot. Allerdings beschäftigte sie sich dabei mehr als billig mit ihm, dachte an ihn

– immer und immer! Anfangs rang sie gegen diese törichte Besessenheit, dann erinnerte sie sich

des großen Wortes: »Wir befreien uns von unseren Leidenschaften, wenn wir sie denken.« – Von

unseren Leidenschaften – um wieviel eher denn von einer Marotte. Überdies stand Tessin am

Morgen seiner Abreise; er einmal fort, und der kleine Krieg, den sie miteinander geführt, und

die Laune, die ihn heraufbeschworen hatte, waren vergessen.

Gräfin Dolph, zu deren, wie sie selbst sagte, senilen Eitelkeiten es gehörte, mit der Marquise

du Deffand verglichen zu werden, nannte Tessin, der sich regelmäßig in ihrem auswattierten,

vor jedem Zuglüftchen sorgfältigst verwahrten Salon einfand, ihren Horace Walpole. Sie sang

sein Lob in allen Tonarten, und ein Massenchor von schönen Damen stimmte ein. Tessin war nie

so ausschließend und siegreich in der Mode gewesen wie jetzt, da sein Nimbus dadurch noch

erhöht wurde, daß er einen Scheidenden umgab.

Die aus Überzeugung Unwissenden, die geschworenen Feindinnen der Geographie begannen diese

verachtete Wissenschaft zu pflegen. Landkarten von Asien fanden nie dagewesenen Absatz in

aristokratischen Häusern, die Wege, die Tessin nehmen sollte oder konnte, wurden mit farbigen

Stiften auf denselben eingezeichnet. Eine unerhörte Wanderlust regte sich plötzlich in hundert

jungen weiblichen Herzen.

Es versteht sich von selbst, daß die Abende bei der Gräfin Dolph, die sonst wenig

Anziehungskraft besaßen, bis zum Ende der Fastenzeit besucht wurden wie ein Gnadenort. Die

gastlich geöffnete Zimmerreihe der großen Wohnung, welche die Gräfin im Hause ihres Bruders

beibehalten hatte, stand fast leer, während das Gelaß, in dem die Hausfrau ihren Günstling

empfing, immer überfüllt war.

Der Graf mied diese Gesellschaften, weil Tessin ihr Mittelpunkt war, und Maria fand sich so

selten ein, als unauffälligerweise geschehen konnte. Einmal aber kam sie nach der Oper,

begleitet von Hermann, und bald nach ihnen erschien Wolfsberg. Er befand sich in schlechter

Stimmung; um seinen Mund lagerte der böse Zug, den Maria einst gefürchtet hatte und der ihr

jetzt noch unangenehm war, weil er eine Härte verriet, zu welcher ein Überlegener wie er sich

gegen Geringere nicht hinreißen lassen durfte. Er schritt durch das Gedränge bis in die Nähe

der Gräfin Dolph, die in ihrem kissenreichen Lehnstuhl am Ende des Zimmers ruhte und mit dem

auf einem Taburett neben ihr sitzenden Tessin scherzte. Ein kleiner Hofstaat von besonders

eifrigen Anhängern umgab sie und mischte sich gelegentlich in ihr Gespräch.

»Begum Somru und Dyce«, sagte Wolfsberg im Vorübergehen zu seiner Tochter, und sie versetzte:

»Nein, Stuwer & Nachfolger – sie sprechen ein Feuerwerk.«

Der Graf reichte seiner Schwester die Hand, würdigte einige der Damen seiner freundlichen

Beachtung und bemerkte erst nach einer Weile, daß Tessin aufgestanden war und der Erwiderung

seines Grußes harrte.

Nun sah er ihn. Die Blicke beider Männer kreuzten sich wie blanke Schwerter. Der jüngere

senkte seine Augen nicht, und Wolfsberg sprach: »Sind Sie reisefertig?« »Seit vier Wochen,

Exzellenz.«

»Um so besser, denn Sie werden wohl kaum noch ebenso viele Tage hier zubringen. Was meinen

Sie?«

»Immer das, was Euer Exzellenz meinen.« »In all und jedem«, fiel die kleine Gräfin Felicitas

Soltan, genannt Fee, ein, die zu den ausgesprochenen Lieblingen Wolfsbergs gehörte. Er

lauschte gern dem reichen Quell des Unsinns, der aus ihrem hübschen Mund sprudelte, und fand,

ihr Plaudern sei ein höchst anmutiges Geräusch, bei dem er ausruhe. – Fee war reich und

elternlos zu sechzehn Jahren durch ihre Verwandten an einen viel älteren Mann verheiratet

worden, der sie zwei Jahre später zur Witwe machte. Jetzt genoß sie ihr junges Dasein und das

sich selbst erteilte Privilegium, alles zu sagen, was ihr durch den Kopf fuhr. Es hatte viel

Staub aufgewirbelt in diesem Fasching, daß sie sieben Heiratsanträge ausgeschlagen, weil sie,

ihrer eigenen Behauptung nach, seit ihrer Kindheit in Tessin verliebt war »bis über die

Ohren«. Jüngst hatte er sich einige Tage lang auffallend mit ihr beschäftigt und

vernachlässigte sie jetzt wieder ebenso auffallend.

Maria durchschaute sein Spiel. Sie wußte wohl, wessen Befremden es erregen sollte, und daß es

ohne weiteres eingestellt worden, als es seinen geheimen Zweck verfehlt hatte.

Jetzt rief die kleine Fee sie an und zwang sie, neben ihr Platz zu nehmen. »Hörst du«, fragte

sie, »wie bald Tessin uns verlassen soll?… Ihr könnts euch um ihn kränken, wenn’s euch freut.

Ich kränk mich nicht – ich reis ihm nach.«

Alle lachten, und Tessin sprach achselzuckend: »Sie wären in größter Verlegenheit, Gräfin. Sie

haben ja keine Ahnung von dem Wege, den Sie nehmen müßten.«

Fee zog ihr feines Kindergesicht in ernste Falten: »Ich werd halt fragen, ich werd auf die

Bahnhöf fahren, ich werd an jeden Stationschef schreiben in die vier Weltteil.«

»Immer schlimmer«, versetzte Tessin, und seine Augen ruhten mit unbarmherzigem Spotte auf ihr,

»denn nur im fünften leben Gelehrte, die Ihre Schrift lesen können.«

Sie suchte nach einer Antwort und fand keine. »Schau, wie er mit mir is«, flüsterte sie ihrer

Nachbarin zu. Ihr Mund verzog sich zum Weinen; sie sprang auf und sprach mit einem Schluchzen

in der Stimme: »Das is hier eine Hitz, nicht zum Aushalten!«

Maria folgte ihr. Sie traten beide ans Fenster; Fee preßte ihre glühende Stirn an die Scheibe.

Tränen flossen über ihre Wangen.

Eine halbe Stunde später verließ das Ehepaar Dornach die Gesellschaft und wurde auf der Treppe

von Tessin eingeholt.

»Ich begreife nicht«, sagte Hermann zu ihm, »wie du Freude daran finden kannst, eine Frau, die

dich liebt, lächerlich zu machen.«

»Mich liebt?« erwiderte Tessin mit einer weder durch diese Worte noch durch den Ton, in dem

sie gesprochen waren, gerechtfertigten Gereiztheit. »Ein Wetterfähnchen, das liebt?«

»Der Tausend! – Du wirst doch niemandem aus seiner Unbeständigkeit einen Vorwurf machen?«

»Jedem den schwersten«, sprach Tessin mit großem Nachdruck.

Am folgenden Morgen erhielt Hermann ein Telegramm von dem Gewissensrat seiner Mutter, Pater

Schirmer. Er berichtete auf eigene Faust, daß die Gräfin – wenn auch unbedenklich – erkrankt

sei.

Der Entschluß, am selben Abend zu reisen, war sogleich gefaßt. Die Anordnungen dazu wurden

getroffen, das Kind mit seiner Kamarilla unter der Obhut Lisettens nach Dornach gesandt.

Maria geleitete den Kleinen zur Bahn, nahm Abschied von Tante Dolph und schickte ihrem Vater

eine Zeile der Nachricht ins Ministerium. Nach Hause zurückgekehrt, betrat sie das leere

Kinderzimmer und verließ es schnell wieder – es machte ihr einen peinlichen Eindruck. Sie ging

zu Hermann hinüber; er war zu seinem Geschäftsmanne gefahren und hatte gesagt, man solle ihn

nicht vor der Essenszeit, sieben Uhr, erwarten.

Nun lehnte Maria etwas müde in ihrem Fauteuil am Schreibtisch. In dieser ganzen letzten

Vergangenheit hatte sie sich geklammert an die Liebe zu ihrem Kinde, hatte jede Stunde, die

ihr angestrengtes Weltleben ihr übrigließ, mit Hermann zugebracht. Bald sollte sie nur für

diese beiden leben, durch nichts zerstreut, durch nichts in Anspruch genommen sein als durch

die berechtigten, die heiligen Empfindungen, die in ihr Dasein getreten waren wie zum Ersatz

zweier anderer, völlig verwandelter: der anbetenden Liebe zu ihrem Vater, der innigen

Zuneigung zu der einzigen Freundin, die sie jemals zu haben geglaubt.

Ich bin reich genug, sagte sie sich und hatte das Gefühl, daß noch einige Stunden vergehen

müßten, ehe sie zu dem vollen Genuß dieses Reichtums kommen könne. Dann würde die

unerklärliche Sehnsucht, die ihr jetzt immer und immer die Seele beklemmte, verschwunden, und

sie würde frei sein – frei – –

Die Tür des Salons, der an ihr Schreibzimmer grenzte, wurde geöffnet, ein Kammerdiener trat

ein und fast zugleich mit ihm derjenige, den er anmeldete: Graf Tessin.

10

»Entschuldigen Sie, Gräfin«, sagte er, am Eingang erscheinend und stehenbleibend, »daß ich

Ihnen nicht Zeit lasse, mich fortzuschicken. Ich hörte aber, daß Sie heute reisen, und habe

noch dringend mit Ihnen zu sprechen.«

Es war unmöglich, ihn abzuweisen in Gegenwart des Dieners. Maria ging dem Besucher in den

Salon entgegen und nahm Platz an einem Tischchen, auf dem ihre Arbeit lag. Sie bot alle ihre

Kräfte auf, um eine unbefangene Haltung zu bewahren, und wies Tessin einen Sessel ihrem

Kanapee gegenüber an.

Gott im Himmel, wie fassungslos fühlte sie sich, wie seltsam war ihr zumute! Die Zunge klebte

ihr am Gaumen, eine eiserne Faust schnürte ihr die Kehle zu, ihr Herz klopfte, ihre Pulse

flogen – und diesen tollen Aufruhr ihres ganzen Wesens brachte – Schmach und Verbrechen! –

seine Nähe hervor.

Er hatte das Wort genommen, und sie, nur mit sich selbst beschäftigt, hörte, ohne zu

verstehen, ohne sich Rechenschaft von dem zu geben, was er sagte. Er bat für jemanden um

Nachsicht und Schonung, er tat es in seiner eindringlichen, bestrickenden Weise. So warm, so

sanft, so bescheiden hatte ihn wohl noch niemand bitten gehört. Nichts Einschmeichelnderes auf

Erden als der Klang seiner Stimme. Der Name, der immer wieder auf seine Lippen kam, war der

Almas.

Plötzlich raffte Maria sich auf aus ihrem schweren Kampfe. »Was wollen Sie eigentlich?« fragte

sie rauh. »Was soll ich für Alma tun?«

»Was ich für sie erflehe.«

»Und das ist?«

»Oh – Sie schenken mir nicht einmal soviel Aufmerksamkeit als dem ersten besten Bettler, der

Sie auf der Straße anspräche«, rief Tessin vorwurfsvoll. »Woran denken Sie? Immer nur an den

Glückseligen, der durch Sie der Erste unter den Menschen geworden ist. Ja, ja, ja! der ist der

Erste, der sich rühmen darf, das höchste Erdengut zu besitzen, eine Frau wie Sie.«

»Er rühmt sich nicht«, wandte sie ein.

Tessin lachte: »Es wäre menschlich – und er hat die Verpflichtung, eine Vollkommenheit zu

sein, und wird ihr gerecht. Aber auch ein anderer, ein Geringerer, dem sein Glück zugefallen

wäre, hätte verstanden, sich dessen ebenso würdig zu machen … Gräfin, Gräfin! – Mir selbst

traue ich zu, daß ich an Ihrer Seite nicht nur gut, daß ich sogar ein Vorkämpfer des Guten

hätte werden können.«

Maria neigte sich über ihre Arbeit und sprach: »Man tut das Gute um des Guten willen. Aus

einem anderen Grunde getan ist es wertlos.«

»Sie leugnen die Bekehrungen durch Heilige, durch Propheten«, entgegnete Tessin, »die

hinreißende Macht des Beispiels? – Ich gehöre nicht zu den Auserwählten, die am Urquell

schöpfen. Ich bedarf einer Freundeshand, großmütig genug, es für mich zu tun und mir dann

etwas mitzuteilen von der herrlichen Labe … Der Wohltäter des Menschen ist immer nur der

Mensch. Ich gäbe jeden göttlichen Schutz und das sogenannte Walten und Vorsehen einer

unendlichen Weisheit um die Treue eines Herzens, das mich liebt, und beneidenswert wäre ich,

wenn es mir freistände den Tausch einzugehen … Gräfin«, begann er nach kurzem Schweigen

wieder, »so unwichtig ich Ihnen auch bin, haben Sie vielleicht doch bemerkt, daß eine große

Veränderung mit mir vorgegangen ist in der kurzen schönen Zeit, in der ich gewagt habe, die

Augen zu Ihnen zu erheben … So voll Ehrfurcht, so demütig und – so töricht kühn … Oh, wenn ich

noch erröten könnte, bei dem Geständnisse müßte ich’s« – und eine dunkle Blutwelle stieg ihm

ins Gesicht –, »denn ich hoffte, Sie zu erringen … Kindisches Wagnis, nach solchem Ziele zu

streben. – Ein Verwandter Alma Tessins darf nicht der Schwiegersohn des Grafen Wolfsberg

werden. Ich hätte es wissen und auf das gefaßt sein sollen, was geschah.«

»Was geschah?«

»Ich wurde gestrichen aus den Reihen Ihrer Bewerber …« »Meiner Bewerber?… Sie hätten um mich

geworben?«

»Sie wissen es nicht? Ihr Vater hat es Ihnen verschwiegen!« rief Tessin bitter und ironisch

aus. »Das ist Wolfsbergische Politik! Weder offenherzig noch gerecht, aber klug. Warum Sie vor

eine Wahl stellen, da man doch entschlossen ist, Ihnen keine Wahl zu lassen? – Über Sie war

verfügt; Sie waren, ehe Sie es ahnten, dem Grafen Dornach versprochen.« »Versprochen?« rief

Maria mit Entrüstung aus.

»Sagen wir denn: bestimmt. Über mich schritt Ihr Vater einfach hinweg, nachdem ich entwurzelt

worden in Ihrer guten Meinung … durch ihn – ich bitte, leugnen Sie nicht –, durch ihn. Auf

welche Weise, frage ich nicht. Das Leben eines Weltmannes, der jede Mode berufsmäßig mitmacht,

bietet Blößen genug. Und ich trage keinen Harnisch. Jeder gegen mich abgesandte Pfeil trifft

meine unbeschützte Brust … Sie aber, Gräfin, – so weise, so gerecht, so hochherzig, Sie hatten

für mich nicht eine Entschuldigung, nicht einen milden Gedanken. Sie wandten sich von mir ab,

stumm und verächtlich – ich werde die Art nie verschmerzen, in der Sie sich von mir abgewandt

haben!«

Sie war erschüttert von seiner Anklage, sah ihn an und sprach, alle Geistesgegenwart

verlierend: »Auch Sie blieben stumm – hätten Sie damals gesprochen. Jetzt ist es zu spät.«

»Zu Ihnen gesprochen?« fragte er rasch, ihre letzten Worte überhörend, »zu Ihnen, in deren

Herzen nichts für mich sprach? Nichts, sonst würden Sie mich nicht so leicht aufgegeben haben.

Auch ist ein Verschmähter nicht immer aufgelegt, sich zu rechtfertigen. Ein Verschmähter ist

leicht gekränkt, ist reizbar. Nein, ich wollte warten, bis ich Ihnen zugleich sagen konnte:

Leben Sie wohl, und Ihnen wenigstens meine Uneigennützigkeit beweisen. Unglaublich albern,

nicht wahr? Es ist zum Lachen. Das nennt man doch Torheit um Torheit begehen … Wahrhaftig, ich

hätte es anders angefangen, wenn ich nicht das Unglück haben würde – Sie zu lieben.«

Was sollte sie erwidern? Sie gab ihm recht im stillen. Ihr gegenüber hatte er seine

Verführungskünste nicht ausgeübt. Der Mann, von dem es hieß, daß er sich nie vergeblich um

Frauengunst bemüht habe, nie von denen, die er verließ, vergessen worden sei, ihr war er nie

anders als bescheiden genaht. Sie konnte ihm nicht widersprechen, als er von neuem begann:

»Sagen Sie mir, ob ein Gymnasiast sich gegen die stumm und heiß Vergötterte ungeschickter,

blöder hätte benehmen können, als ich mich gegen Sie benahm?… Vorbei! Mein ›freudenreiches‹

Leben bleibt leer, ist nichts. Nun will ich’s mit dem Ehrgeiz versuchen«, fuhr er mit einem

tiefen Seufzer fort, »dem Auskunftsmittel so manches Gescheiterten. Wenn Sie einmal hören, daß

ich irgend etwas ›geworden‹ bin, das zu sein der Mühe wert scheint, dann erinnern Sie sich

dieser Stunde und wägen die Bedeutung ab, die äußerer Glanz des Daseins für mich haben kann.«

Er hielt inne, er wartete, Maria schwieg. Schüchtern beinahe kam Tessin nach einer Weile auf

seine erste Bitte zurück, sprach wieder von Alma: »Haben Sie Mitleid mit einer Unglücklichen,

ein wenig Mitleid, Gräfin. Sie selbst wagt es nicht, Sie anzuflehen. Sie glaubt nicht einmal,

an einem Orte mit Ihnen wohnen zu dürfen; sie vergräbt und verzehrt sich auf dem Lande in

Einsamkeit und Reue …«

»Sie tut recht«, unterbrach ihn Maria kalt und leise. »Mit welcher Stirn vermochte sie es

früher, mit mir zu verkehren und – es ist unfaßbar – mit hundert Menschen, die alle in

Kenntnis waren von ihrer unsühnbaren Schuld.«

»Unsühnbar? Ich meine, sie sühnt.«

»Möge sie es versuchen.« Damit erhob sie sich, und er sprang auf: »Sie entlassen mich?«

»Leben Sie wohl.«

»Ihre Hand!… Reichen Sie mir zum Abschied die Hand. Ein paar Duellanten reichen sich die Hand,

wenn einer den anderen entwaffnet hat. Gräfin Maria, ich habe die grausamste Niederlage

erfahren, ich habe alles verloren, Hoffnung, Mut, Kraft. Sie haben sogar den elenden Stolz

gebrochen, der mich noch aufrecht hielt – aus Erbarmen, geben Sie mir die Hand!« Seine Zähne

knirschten, sein edles stolzes Gesicht war leichenblaß.

Maria machte eine verneinende Bewegung mit dem Haupte. Nach einem letzten fragenden,

beschwörenden Blick verneigte er sich und trat aus dem Zimmer.

Maria blickte ihm nach. Da war ja ein vollständiger Sieg über sich selbst von ihr errungen

worden; denn wahrlich, das Erbarmen, um das er gebeten hatte, füllte ihre Brust zum

Zerspringen, und süß und wonnig wäre es ihr gewesen, die Hand zu erfassen, die er beim

Abschied nach ihr ausstreckte, und ihm zu sagen: Sie leiden nicht allein. Nehmen Sie diesen

Trost mit sich.

Aber sie hatte ihm die Hand nicht reichen dürfen. Er würde gefühlt haben, daß sie zitterte und

eisig war, weil alles Blut zu dem aufrührerischen Herzen strömte, das ihm so toll

entgegenschlug.

Knapp vor der Abfahrt des Zuges trafen Hermann und Maria auf dem Bahnhofe ein, und wenige

Minuten später dampfte die Lokomotive durch die Halle.

»Ist das nicht Tessin?« fragte Hermann, auf eine dunkle Gestalt deutend, die im Schatten eines

Pfeilers stand und den fortrollenden Wagen nachblickte.

Maria hatte ihn längst gesehen: »Ja, es ist Tessin.«

»Mit dem Gesicht eines Selbstmörders«, versetzte Hermann. »Er ist mir unheimlich seit einiger

Zeit.«

Es war wieder eine laue, schöne Frühlingsnacht wie vor zwei Jahren, als sie ihre

Hochzeitsreise nach Dornach angetreten hatten. Maria drückte sich in eine Ecke und schloß die

Augen, und wieder, wenn sie sich öffneten, begegneten sie dem treuen, liebevollen Blick des

Mannes, der über ihr wachte.

Ihre Verstimmung war ihm sogleich aufgefallen. Er schrieb sie der überstürzten Abreise zu, die

allen eben jetzt besonders reichlich gebotenen Vergnügungen der Stadt ein plötzliches Ende

machte, fand sie sehr begreiflich und bedauerte, Marias Opfer egoistisch angenommen und

zugegeben zu haben, daß sie ihn nach Dornachtal begleitete.

»Wenn wir meine Mutter getrost verlassen können«, sagte er, »fahren wir im Mai nach Wien

zurück zu den Rennen.«

Maria widersprach: »Das wollen wir nicht tun, du hast kein Interesse daran, und ich, glaube

mir, ich sehne mich nach der Ruhe in Dornach. Dorthin wollen wir, sobald die Mutter unserer

nicht mehr bedarf. Nach Dornach, Lieber – dort wird alles gut werden.« Unwillkürlich, mehr zu

sich selbst als zu ihm, waren die letzten Worte gesprochen, und nicht mit Zuversicht – mit

peinvollem Zweifel.

Hermann ergriff ihre Hände: »Was soll erst gut werden? was ist nicht gut?… Sprich, sag es mir,

du mein alles, mein Kind und meine Gottheit. Beglückerin! was fehlt dir zum Glücke?«

Sie entzog ihm ihre Hände, um sie auf seine Schultern zu legen, und sah tief in seine

friedlichen Augen hinein: »Mein Freund … Mein Freund«, wiederholte sie und dachte daran, ihm

alles zu gestehen, ihm zu sagen: Hilf – befreie mich – ich ringe in entsetzlichen Banden. Es

frißt mir am Herzen, es ist ein sündiges Mitleid, eine verbrecherische Sehnsucht. Hilf, hilf,

rette mich vor dem Wirrsal, in das ich geraten bin!

Sollte sie so zu ihm sprechen?

Eines Augenblicks Dauer, und sie staunte, wie der Einfall ihr hatte kommen können. War denn

nicht jede Gefahr vorbei? Was galt es noch zu bekämpfen? – Einen Sturm von Empfindungen,

dessen sie allein Herr werden wollte.

»Mir fehlt nichts«, sagte sie, »es sind Launen, Bester, die jeder Sterbliche hat, du allein

ausgenommen. Ich kann nur wiederholen, was ich dir schon als Braut sagte: Habe Geduld mit

mir.«

Gräfin Agathe empfing ihre Kinder, als sie am nächsten Tage kurz vor dem Mittagessen bei ihr

eintrafen, mit sehr absichtlich betonter Überraschung. Sie befand sich zwar noch zu Bette,

aber nur aus Rücksicht für die viel zu weit getriebene Ängstlichkeit ihres Hausarztes. Es sei

ihr höchst unangenehm, versicherte sie, den Kleinen allein in Dornach zu wissen – noch dazu

ihretwegen. Eine Einwendung ließ sie nicht gelten und blieb dabei: »Ohne seine Mutter ist ein

so junges Kind immer allein. Nur um mich keine Sorgen! Was der Herr beschließt, haben wir in

Demut hinzunehmen. Aber ich hoffe von seiner Gnade, daß er mein Gebet erhören und mich noch

hier lassen wird, um meinen dritten Enkel zu segnen. Drei müssen es sein. Einer für Dornach,

einer für Gott, einer für den Kaiser.«

»Majoratsherr, Priester, Soldat«, murmelte Pater Schirmer, nickte dreimal dazu, kreuzte seine

kleinen Hände über dem Magen und guckte aus winzigen Augen über die runden Polster der Wangen

mit einer wahren Fülle von Wohlwollen und Freundlichkeit vor sich hin.

Die Gräfin beruhigte sich erst, als Maria ein Telegramm nach Dornach abgesandt hatte, in dem

sie ihr Eintreffen für den drittnächsten Tag ankündigte. Hermann wurde gebeten, länger zu

bleiben. Es geschah auf Veranlassung Pater Schirmers, der, mit dem Amte eines Sekretärs

betraut, infolge seines Bestrebens, »jede Störung der Harmonie zwischen Gutsbesitzer und

Gutsverwaltung hintanzuhalten«, einen verderblichen Schlendergang in der Leitung der Geschäfte

geduldet hatte. Mit Schrecken war er sich des Unheils bewußt worden, das seine Ohnmacht

angerichtet. Das Eingreifen der festen Hand Hermanns war notwendig.

So kam denn Maria allein in Dornach an.

Auf der Station wartete Wilhelm und empfing seine Base bewegt wie ein Liebhaber. Er bestellte

ein Willkomm-Lallen von seinem »Prachtneffen«, die wärmsten Grüße Helmis und Handküsse der

Rangen. Er konnte die schriftlichen Nachrichten über das Befinden Wolf Forsters, die Doktor

Weise im Laufe des Winters nach Wien geschickt hatte, bestätigen. Der Patient war wohl genug,

um Dornach verlassen und die Fahrt nach einem Jagdschlößchen Hermanns, das ihm zum bleibenden

Aufenthalt angewiesen wurde, unternehmen zu können. Er selbst freue sich sehr darauf und

spreche nur noch von seiner lang gehegten und mühsam gebändigten »Passion« für das lustige

Waidwerk.

»Lauter Gutes, lieber Wilhelm, du bringst lauter gute Botschaft«, sprach Maria, und Tränen

traten ihr in die Augen.

»Das Beste bringen Sie«, rief er aus, »Sie bringen sich.«

»Wie sagst du? Sie!?«

»Entschuldige! das macht der Respekt … Nach so langer Trennung kommt es mir ordentlich keck

vor …« Er wurde verlegen und schwieg.

Sie rollten im raschen Trabe der Pferde dahin.

Durchsichtig blau und wolkenlos wölbte sich über ihnen der Himmel. Im Westen, in einer

Einsattelung der Bergkämme, bildete die untergehende Sonne einen blendenden Feuerherd und

sandte ihre Strahlengrüße über die keimende, knospende, blühende Welt, die sie zu neuem Leben

erweckt hatte.

Ewig gelöstes, ewig unlösbares Rätsel, Frühlingswunder! – Still ließ Maria es auf sich

einwirken und betete die eine und einzige Kraft an, die webt und treibt im Hälmchen auf der

Wiese, widerhallt aus der tönenden Brust der Nachtigall, unwiderstehlich lockt und ringt im

Menschenherzen.

Man war vor dem Schlosse angelangt, Wilhelm bestieg seinen Gaul und ritt heim, nachdem er

versprochen hatte, sich morgen als Pater familias in Dornach einzufinden.

Maria hielt ihr Kind in ihren Armen; sie küßte und liebkoste es und wiederholte ihr

Sprüchlein: »Alles gut – lauter Gutes – –«

Ach, wenn der bittere Vorwurf nicht wäre! der nagende, peinvolle Vorwurf gegen einen Menschen,

der nicht in ihrer, nein, in dessen Schuld sie stand, unerbittlich grausam gewesen zu sein.

Sie hätte sich überwinden, ihm die Hand reichen und sagen sollen – was hielt sie ab, welche

Pflicht verbot es ihr? – : Ich habe Sie geliebt. Dereinst, als ich noch frei war. Die

Verhältnisse haben uns getrennt. Nun wollen wir unsere Schuldigkeit als brave Menschen tun und

beim Wiedersehen nach Jahren, wenn die Empfindung, die uns jetzt noch bedrückt und verwirrt,

erloschen sein wird, einander als alte Freunde entgegentreten.

Hätte sie doch so gesprochen, so sprechen können! Schwäche, Schwäche, daß sie es nicht

gekonnt. Jetzt bleibt der Stachel in ihrer Brust, der Tropfen Gift in ihrem Blute. Sie sollte

den Blick nie vergessen, den er ihr beim Scheiden zugeworfen.

Als sich Maria in ihr Schlafgemach begeben hatte, erschien Lisette, um gute Nacht zu wünschen

und eine Botschaft von Forster zu überbringen. »Er geht also fort«, sagte sie, »und läßt dich

bitten, inständig, daß du morgen Klavier spielst und dann hinkommst in den Pavillon. Er möcht

sich gar so gern bei dir empfehlen und dir auch den weiten Weg ersparen bis zur Hegerin. Wirst

du kommen?«

»Ja.«

»Noch etwas, denk dir. Heut hat er Besuch gehabt, der Wolfi. Ein Freund von ihm, der eine

weite Reise macht, hat sich hier aufgehalten von einem Zug zum andern.«

Maria rückte den Schirm, der auf dem Tische stand, vor die Lampe. »Wer?« fragte sie.

»Den Namen weiß ich nicht. So ein hübscher großer; das Gesicht wie von einem Italiener. Hat

einen Backenbart, rabenschwarze, etwas gelockte Haare, die Nase gebogen, das Kinn ausrasiert.

Vielleicht kennst du ihn. Ich hab ihn zwar nie bei uns gesehen.«

Nachdem die Alte sich entfernt hatte, durchwandelte Maria noch lange das Zimmer und dachte

dessen, den jede Minute, jede Sekunde weiter hinwegtrug von ihr und der wohl auch wachte und

litt wie sie und ihr grollte und zürnte …

Er war da gewesen, er hatte die Erinnerung an die Stätte, an der sie lebte, mitnehmen wollen

in seine freiwillige Verbannung. – Einen Tag nur – nur einen, und sie hätten einander noch

gesehen und den Abschied nehmen können, den sie sich in immer holderen, reineren Farben

ausmalte.

Der Morgen kam. – Das Kindlein wankte ebenso tollkühn wie unsicher an der Hand der Wärterin in

das Schlafgemach herein, dem Bette seiner Mutter zu und jauchzte ihr entgegen …

Maria erhob sich nach wenigen Stunden eines unerquicklichen, durch wüste Träume gestörten

Schlafes. Sie wollte ihr Tagewerk beginnen, aber sie hatte Blei in den Gliedern, einen

eisernen Reifen um den Kopf. Alles wurde ihr schwer, alles versagte, sogar die getreue Kunst.

Sie schloß das Klavier, nachdem sie einige Akkorde angeschlagen hatte, eilte hinab ins Freie,

umschritt das Haus und wanderte durch einen Fliedergang dem Pavillon zu. Forster wartete ihrer

dort; sie wollte ihn treffen und durch den letzten, der den Scheidenden noch in der Heimat

gesprochen, eine Kunde von ihm haben.

Sie war angelangt und überschritt die Stufen, die zum Pförtchen des kleinen Baues

hinaufführten, einer zierlichen und luxuriösen Spielerei aus dem 18. Jahrhundert. Er enthielt

zwei durch Rundbogen getrennte Zimmer. Die Wände und die Möbel waren mit gelbem chinesischem

Seidenstoff überzogen, die Fenster mit demselben kostbaren Gewebe verhangen.

Als Maria aus dem grellen Tageslicht in die goldige Dämmerung trat, schwamm es ihr vor den

Augen, und sie vermochte nicht, einen scharfen Umriß zu unterscheiden. Aus dem Nebenzimmer

nahte jemand langsam und zögernd, wie ihr schien. »Forster«, rief sie.

Keine Antwort. Nach einer Weile erst ihr leise geflüsterter Name.

Maria erkannte die Stimme sogleich und schrie auf: »Sie!« Tessin stürzte ihr entgegen mit

inbrünstig gefalteten Händen … sie streckte die ihren abwehrend aus: »Fort!… wie können Sie es

wagen?… das ist Verrat. Gehen Sie!«

Er schüttelte den Kopf: »So nicht. Ich hab’s versucht – es ist unmöglich.« Entschlossenheit in

jeder Bewegung, die Brauen drohend zusammengezogen, trat er näher.

Sie wich schweigend zurück und schritt dem Ausgang zu. Da warf er sich zwischen sie und die

Tür, und als Maria ans nächste Fenster rannte und es zu öffnen versuchte mit bebenden Fingern,

die den Gehorsam versagten, glitt ein finsteres Lächeln über seine Züge.

»Sie wollen Leute herbeirufen, tun Sie es doch. Der Gewalt muß ich weichen. – Aber nicht

lebendig … das sage ich Ihnen – und Sie«, er hob beteuernd die Rechte, »Sie glauben mir das.«

»Wahnsinn«, stammelte Maria, von Furcht und Schrecken durchbebt.

»Nein, Verzweiflung!… Was hab ich Ihnen getan? warum verachten Sie mich? – Ich habe Sie

unaussprechlich geliebt.« »Und was haben Sie mir getan? Sie haben mich verschmäht, mißhandelt,

wie ich nicht dulde, daß man mich mißhandle. Sie haben die reinste Empfindung meines Lebens

verkannt, mir gemeine Beweggründe zugeschrieben, mich verletzt, kalt und berechnend, an der

empfindlichsten Stelle meines Herzens -geben Sie mir Genugtuung!« Er sah sie an, verstört, in

rasender Erregung … Aber plötzlich, wie durch Zaubergewalt beschwichtigt, sank er auf das

Knie.

Was war denn geschehen?

Eine von Angst gefolterte Frau, die mit ihren Tränen kämpfte, stand vor ihm. Ihr Stolz war

gebrochen; mit ersterbender Stimme sprach sie: »Sie müssen fort.«

»Ja, ja?« er faßte ihre widerstrebende Hand. »Unter einer Bedingung … Geben Sie mir das

Zeichen des Erbarmens, um das ich schon gefleht habe. Ich will als Gnade empfangen, was mein

Recht wäre, was Sie mir schuldig sind für alles … auch für den Mord des besseren Menschen, der

in mir schlummerte, der erwachen wollte unter Ihrem Einfluß und den Sie getötet haben, als Sie

mich aufgaben.«

Immer heißer bestürmte er sie, immer überzeugender strömte die Rede von seinen Lippen, ein

berauschender Hauch der Leidenschaft ging von ihm aus: »Was verlange ich denn? Ein Wort des

Trostes mit auf den Weg, einen gütigen Blick, einen Händedruck …«

Das durfte sie gewähren, das war es ja, wonach sie sich gesehnt hatte all die Tage lang – vor

dem Scheiden auf ewig ein Lebewohl in Frieden und Versöhnung.

Seine Augen flammten zu ihr empor, sie neigte sich, ihr Blick ruhte in dem seinen, und sie

flüsterte: »Weil es unsere letzte Begegnung ist, Tessin, so wissen Sie … ich habe nicht leicht

verzichtet. Sie sind mir nicht gleichgültig gewesen …«

Da brach er in jubelndes Entzücken aus: »Endlich! Endlich!« – Weich und zärtlich, in wonniger

Dankbarkeit preßte er seine Stirn, seine Lippen auf ihre Hand, und Maria, im schwersten Kampfe

ringend, flüsterte ihm leise zu: »Nun fort.«

Ganz verwandelt, außer sich, sprang er auf: »Nein, und nein! – Du hast mich geliebt, du liebst

mich noch!« Er zog sie in seine Arme und erstickte mit seinen Küssen den Schrei, den sie

ausstieß.

Sie wollte sich ihm entziehen – sie wollte sich retten – und lag an seiner Brust,

unwiderstehlich hingerissen wie von einer Naturgewalt.

Zwei trunkene Menschen hatten kein Bewußtsein mehr von Ehre, Pflicht und Treue, ihnen versank

die Welt und jegliches Erinnern.

Die Sonne stand im Scheitel, Maria war allein.

Seit langem, langem – seit einer Ewigkeit … Oder nicht? – war sie eben erst verlassen worden

beim Aufschrecken aus einem gräßlichen, seligen, unmöglichen Traum?…

Sie saß da, die Hände auf den Tisch gelegt, das Gesicht in die Hände vergraben, als die Tür

geöffnet und ein keuchender, pfeifender Atem hörbar wurde.

Wolfi schleppte sich herein, auf einen Stock gestützt, und fiel schwer auf den Diwan neben

Maria hin. Er streckte die Beine aus, lehnte sich zurück und stöhnte: »Da hab ich’s. – Das war

ein teurer Spaß.«

Maria starrte ihn an, entsetzt über sein Aussehen. Es war das eines Sterbenden. »Sie sind

erschöpft, der Weg hierher war Ihnen zu weit«, sagte sie.

»Der Weg hierher?« Er wollte lachen, doch kam nur eine Art Schluchzen aus seiner Kehle. »Das

nicht, aber daß ich Ihren Liebhaber durch den Wald hab führen müssen – damit er sich nicht

verirrt. Und dann sein Dank … Mich niederzustechen hat er gedroht, weil ich nicht schwören

wollte, mein Maul zu halten. Ihm schwören, dem Menschen ohne Treu und Glauben.«

Maria war versteinert. So war sie in eine Falle gelockt worden. Tessin hatte einen Vertrauten

gehabt. Haben müssen. Natürlich – zu Gelegenheiten braucht man Leute, die sie machen, Helfer,

Hehler. Einen wie den Niederträchtigen da … Ihr Herz stand still, als diese Gedanken sie so

klar, so kalt durchblitzten. Kommt der Tod? – Ach, käme er doch von selbst, daß ich ihn nicht

suchen müßte – denn, wie könnte sie jetzt noch leben?

»Müd, müd bin ich«, stöhnte Wolfi, »ich liege schlecht – hilf ein wenig.«

Von Abscheu und Ekel ergriffen, rang Maria mit sich selbst, doch beugte sie sich, er

umklammerte ihren Nacken, sie faßte ihn an den Schultern, legte ihn – er kam ihr leicht vor

wie ein Kind – der Länge nach auf das Ruhebett und schob Kissen unter seinen Kopf: »Bleiben

Sie so. Ich schicke den Arzt.«

»Brauche ihn nicht – nicht ihn – dich allein – mir ist schon besser … Deine Sorgfalt tut mir

wohl. – Wärst du immer gütig gegen mich gewesen – ich hätte dir vielleicht erspart –

vielleicht … Gewiß weiß man’s nicht – ein Mensch wie ich« – er stockte, schwerer noch rang

sich der Atem aus seiner Brust, die roten Flecken auf seinen Wangen färbten sich dunkler. Nun

ging eine seltsame Veränderung in seinen Zügen vor; sie nahmen plötzlich einen milden, fast

edlen Ausdruck an.

»Du bist nicht mehr stolz«, sprach er kaum vernehmbar, »verachtest niemanden mehr?«

Sie, mit herzzerreißender Klage, antwortete: »Nur mich!«

»Wirst du jetzt Bruder zu mir sagen?«

»Bruder.«

»Triumph …!« Seine letzte Kraft erschöpfte sich in der Anstrengung, mit welcher er dieses Wort

hervorbrachte. Aus seinem Munde quoll ein Blutstrom, sein Kopf, den er ein wenig erhoben

hatte, sank in die Kissen.

Maria stieß einen Schrei aus: »Zu Hilfe! Zu Hilfe! er stirbt!«

11

Die Hilferufe, die aus dem Gartenhause drangen, wurden zuerst von dem Kind eines Arbeiters

gehört; es wagte sich nicht näher, holte aber Leute herbei. Diener rannten nach dem Arzt. Als

er kam, fand er die Gräfin mit blutbespritztem Kleide halb ohnmächtig zusammengesunken an der

Leiche Wolfis. Sie war nicht zu bewegen, von der Stelle zu weichen, bevor jeder denkbare

Wiederbelebungsversuch unternommen worden.

Wie Doktor Weise vorausgesagt hatte, blieb alles vergeblich. Er durfte sich auf seinen

Fräulein Lisette gegenüber oft getanen Ausspruch berufen: eine heftige Erhitzung und

dergleichen oder einer der Zornanfälle, denen Herr Forster unterworfen war und bei denen er zu

schreien pflegte wie besessen, könne einen Blutsturz herbeiführen, während er vielleicht ein

alter Mann geworden wäre, wenn er sich nur entschlossen haben würde, jetzt schon den »Duktus«

eines solchen anzunehmen. Das Gelächter, mit dem der Patient diese Verheißung zu beantworten

pflegte, hatte den Doktor immer gekränkt.

»Und kränkt mich noch«, sagte er zu den Herrschaften Wilhelm, denen er am Nachmittag in seinem

Einspänner ein Stück Weges entgegengefahren war, um ihnen pflichtgemäß zuerst von dem

traurigen Ereignis in Dornach und den Umständen, unter welchen es stattgefunden, Mitteilung zu

machen. Auch legte er ihnen die Frage zur Entscheidung vor, ob nicht an die telegraphische

Berufung des Herrn Grafen gedacht werden solle, und zwar aus Rücksicht für die Frau Gräfin,

die sich infolge des ausgestandenen Schreckens in einem Zustande hochgradiger Aufregung

befände.

»Sehr irritiert, wenn auch bemüht, Selbstbeherrschung zu üben. Ich habe unvermerkt den Puls

gegriffen – kaum zu zählen. Es wäre nicht unmöglich, daß sich da etwas entwickelte«, sprach er

mit dem traditionellen ärztlichen Kopfschütteln.

»Daß sich was entwickelte?« fragte Wilhelm, in höchster Bestürzung aus dem Wagen springend,

ergriff den Arm des Doktors und blickte angstvoll zu ihm empor.

»Je nun«, versetzte dieser mit wichtiger Miene, »ein leichter Typhus oder etwa Entzündung –

cordis basis – cordis conus …«

»Ist das gefährlich? – – Hol der Kuckuck diese Namen, die niemand versteht und die einem nur

bang machen«, wandte er sich an seine Frau. Sie war gleichfalls ausgestiegen, an seine Seite

getreten und suchte ihn zu trösten.

»Fasse dich, es wird nicht so schlimm sein. Aber die Buben« meinte sie, »müssen wir nach Hause

schicken.«

»Freilich«, und Wilhelm überblickte die Häupter seiner Lieben, die aus dem weitläufigen

Jagdwagen hervorguckten wie aus einem Pferche. »Wenn ihrer zwei waren oder drei, es ginge

noch. Acht Stück in einem solchen Moment – unmöglich. Fahr sie heim«, sprach er zu dem alten

Kutscher, der sein ganzes Vertrauen besaß, weil er selbst zehn Kinder hatte.

Eine Revolution, die im Wagen ausbrechen wollte, wurde durch wenige Machtworte des Vaters und

die sanften Vorstellungen der Mutter unterdrückt. Willi, der Älteste, erhielt die Erlaubnis,

sich auf den Bock zu setzen und zu kutschieren, die andern überließ man ihrer Enttäuschung.

Wilhelmine nahm den Platz nicht an, den ihr der Doktor neben sich in seiner auf Räder

gesetzten Muschel anbot. Sie schritt, ein immer treuer Kamerad, an der Seite ihres tief

bekümmerten Gatten dem Schlosse zu. In der Halle trafen sie Lisette. Sie fahndete auf den

Doktor, sie begriff ihn heute zum erstenmal nicht ganz. Wie konnte er das Haus verlassen

während eines sorgenerregenden Unwohlseins Marias und eine so schöne Gelegenheit versäumen,

sich unentbehrlich zu machen. – Und wo blieb er denn jetzt?

»Ins Dorf ist er gefahren«, antwortete Wilhelm und eilte die Treppe hinauf.

Seine Frau folgte ihm und hatte Mühe, ihn zu bewegen, im Salon zu warten, bis sie ihm

Nachricht bringen würde, ob die Kusine ihn sehen könne.

Maria war in ihrem Schlafzimmer, das sie seit Stunden rastlos, mit raschen, regelmäßigen

Schritten durchmaß. Beim leisen Pochen Wilhelminens blieb sie stehen und rief, als diese sich

genannt hatte: »Komm, komm! nach dir habe ich mich gesehnt, deine Nähe ist mir ein Trost.«

»Wär es so, vermöcht ich dich zu trösten, armes, armes Kind!« Sie faßte ihre Hand, drückte sie

liebreich und kämpfte mit dem Bedauern und dem Schmerz, die sie beim Anblick der Vernichtung

und Trostlosigkeit im Gesichte Marias überwältigen wollten.

Ihrer mütterlichen Zärtlichkeit und Überredungskunst gelang es endlich, die Erschöpfte zu

bewegen, sich in einem Fauteuil niederzulassen und sogar etwas Nahrung zu nehmen.

»Der heute gestorben ist, war mein Bruder«, sprach Maria plötzlich. »Weißt du es?«

Wilhelmine antwortete einfach: »Jawohl, es ist ja kein Geheimnis daraus gemacht worden.«

»Und ich bin hart und stolz gegen ihn gewesen, begreifst du? – ich!« Sie brach in Tränen aus,

sie schluchzte, die furchtbare Spannung ihrer Seele hatte sich gelöst.

Allmählich wurde sie wieder Herrin ihrer selbst, verlangte Wilhelm zu sehen und geriet nur

vorübergehend in heftige Aufregung, als er den Vorschlag machte, an Hermann zu telegraphieren.

»Unter keiner Bedingung! – er würde kommen.«

»Und soll er nicht?«

»Nein, die Mutter bedarf seiner. Ich schreibe ihm«, setzte sie hastig hinzu, »verlaßt euch auf

mich. – Niemand sonst schreibt ihm. Gebt mir euer Wort darauf.«

»Welche Frau!« sagte Wilhelmine im Nachhausefahren zu ihrem Manne. »Sie beweist mir von neuem,

daß der ganz edle und gute Mensch sich nie genugtut. Ist nicht das Außerordentliche für den

unglücklichen Forster geschehen? Nun, Maria macht sich noch Vorwürfe. Dergleichen gibt einen

Maßstab für den Wert einer Seele. Welche Frau! Ich habe sie wie ein neuntes Kind in mein Herz

geschlossen.«

Der Brief Marias an Hermann mußte mit Ruhe und Überlegung geschrieben worden sein, denn in dem

ausführlichen Telegramme, das Wilhelm am folgenden Abend von seinem Vetter erhielt, sprach

dieser nicht die leiseste Besorgnis um seine Frau aus. Er bat Wilhelm, Anordnungen zur

würdigen Bestattung Wolfis zu treffen, und hoffte, zu Ende der nächsten Woche in Dornach sein

zu können.

Die Leiche Forsters war kaum der Erde übergeben, und schon tauchten allerlei Gerüchte über die

unmittelbare Ursache seines Todes auf. Ein Jäger behauptete, ihn kurz zuvor gesehen zu haben,

nahe an der Waldgrenze auf einem Fußsteig, der nach der Nordbahnstation führte. Er befand sich

im Streite mit einem langen Schwarzen, den der Jäger aus der Entfernung für den Adjunkten

gehalten. Der Adjunkt wurde zur Rede gestellt, konnte aber leicht nachweisen, daß er sich am

selben Tage, zur selben Stunde im benachbarten Städtchen befunden, wohin der Herr Oberförster

ihn geschickt hatte, Grassamen einzukaufen. Offenbar irrte der Jäger in der Person des

Individuums, mit dem Wolfi jüngst in einer für ihn verhängnisvollen Weise verkehrt. Daß es

einen solchen Menschen gab, das bezweifelte niemand.

»Es könnte«, meinte der Doktor, wie immer vorbehaltlich, »wohl ein Pascher gewesen sein, durch

welchen sich mein Patient hinter meinem Rücken vielleicht Zigarren verschaffen wollte. Oder

vielleicht ein Gläubiger, der einen Versuch machte, sein Geld einzutreiben.«

Lisette hingegen erklärte, bei ihr stände es fest, daß es derselbe Schwindler gewesen, der –

sie merkte ihm gleich etwas Verdächtiges an – »den armen, guten Jungen« am Tage vorher ganz

offenkundig besucht hatte und dann, Gott weiß warum, im geheimen wiedergekehrt sein dürfte.

Damit war aber noch immer nicht Klarheit in die Sache gebracht. Und trotz aller

Nachforschungen blieb das Rätsel, wer der Fremde gewesen, in welchen Beziehungen er zu Forster

gestanden, ungelöst.

Maria hatte sich in eine an Stumpfheit grenzende Ergebung eingesponnen. Möchten sie doch auf

die Wahrheit kommen! – sie würde nicht leugnen, sie würde sterben. In vermessener Zuversicht

baute sie auf die Gnade des Allbarmherzigen. Er wird sie zugrunde gehen lassen an dem Gefühl

ihrer Schuld, sie büßen, sühnen lassen durch den Tod. Es war ihr ein Trost, sich das zu

wiederholen. Mit einem Gefühl der Schmach wie dasjenige, das sie in ihrer Brust trägt, kann

man ja nicht leben … Ihr steht etwas bevor, unfaßbar, das nicht auszudenken ist – das

Wiedersehen mit ihrem Manne. Sie wird seinen Blick nicht ertragen können, sie wird ihn

empfangen mit dem Geständnis: Ich habe dich betrogen, einmal in einer fluchenswerten Stunde,

in schnödem Taumel. Aber dich wieder betrügen, mit Bewußtsein und Berechnung; meinen

entweihten Mund deinem Kusse bieten – das werde ich nie.

Er kam und war unsagbar glücklich, wieder da zu sein, und sie stand regungslos vor ihm – und

schwieg.

Wie die anderen schrieb er ihr übles Aussehen, ihre düstere Stimmung dem fürchterlichen

Eindruck zu, den der Tod Wolfis auf sie hervorgebracht hatte. Der Doktor beglückwünschte ihn

zu der Richtigkeit dieser Ansicht und gebrauchte dabei viele Fremdwörter, wie es sich geziemt

für einen Landarzt, der eine vornehme Patientin behandelt.

Fräulein Lisette nahm zu jener Zeit etwas Gehaltenes und Siegreiches in ihrem Gang und ihren

Gebärden an. Ihr Herz, das nie eine heißere Neigung gekannt hatte als die zu dem »Kinde«,

machte im Spätherbste Frühlingsrechte geltend. Sie liebte, sie schmeichelte sich, geliebt zu

werden; scharenweise umflogen ihre Gedanken den teuren Gegenstand, und nur hier und da

stellten sich einzelne von ihnen bei der einst ausschließlich Verehrten und Verhimmelten ein.

Lisette fand es überflüssig, ihre Leidenschaft zu verhehlen, und sprach unbefangen von dem,

der sie ihr einflößte.

»Er schwebt halt immer auf meinen Lippen«, sagte sie einmal schalkhaften Tones zu der

Gebieterin mitten in einem Bericht über die Ankunft einer Sendung Tischzeugs, in den sie den

Doktor ungemein kunstvoll eingeflochten hatte.

»Wer?« fragte Maria.

Und nun legte die alte Jungfrau ihr längst angekündigtes Geständnis ab, und die geringe

Aufmerksamkeit, die ihr anfangs geschenkt wurde, steigerte sich allmählich, und plötzlich

geschah das Außerordentliche – Maria lachte.

Hermann, der eben eintrat, hörte es, und seine Freude kannte keine Grenzen. »Wer hat dich

lachen gemacht? – Sie, Lisette? Goldene Lisette! – was soll ich für Sie tun?… Ich gründe ein

Kammerdamenstift, und Sie werden Oberregentin.« Er stürzte auf sie zu und küßte sie auf jede

Wange, daß es schallte. »Was hat sie dir vorgebracht?« wandte er sich an seine Frau, rückte

einen Sessel neben das Kanapee, auf dem sie saß, und nahm Platz. »Ich will es wissen, ich will

Unterricht bei ihr nehmen.«

Maria fragte: »Darf ich antworten, Lisette?« und diese, ein klein wenig verschämt, erwiderte:

»Ich bitt.«

»Mit deiner Erlaubnis also. – Sie möchte den Doktor heiraten.«

Die Betroffenheit Hermanns, die Anstrengung, die er machte, sie zu verbergen, die fröhliche,

unendliche Güte, die aus seinen Augen sprach und aus dem unbezwinglichen und harmlosen

Lächeln, das seinen Mund umspielte, erregten von neuem Marias Heiterkeit.

- So war es möglich, noch – ja, schon so bald konnte sie sich vorübergehend zerstreuen lassen

aus ihrer lastenden, berechtigten, ihrer gebotenen Seelenpein?

Einmal lag sie des Nachts, wie so oft, wachend auf ihrem Lager, lauschte den ruhigen Atemzügen

ihres Mannes und sann und sann.

Und jetzt drang durch die Stille aus dem Zimmer nebenan, in dem das Kind schlief, ein heiserer

Ton, ein lautes, rauhes Husten aus kleiner Brust an ihr Ohr. Sie erhob sich sachte, warf ihr

Morgenkleid um, glitt mit nackten Füßen, die Pantoffel in der Hand, über den Teppich, trat bei

dem Kleinen ein und schob den Vorhang seines Bettchens zurück. Der Schein der Nachtlampe

flackerte auf dem glühenden Gesicht des Knäbleins, es röchelte schwer im Fieberschlafe. Maria

weckte ihn und die Wärterin und leistete die erste Hilfe, während jene auf ihren Befehl das

Kindermädchen aufrüttelte und nach einem Diener läutete, der den Doktor herbeiholte. Dieser

kam, sprach kein Wort, sondern handelte still und energisch; er war in dieser Nacht ein Held

an Mut und Besonnenheit. Vorübergehend nur brachte ihn die Wärterin in Zorn, weil sie

fassungslos herumstürzte und durchaus den Grafen rufen wollte.

»Alberne Person«, rief Weise, sich der Höflichkeit begebend, die ihn sonst auszeichnete. »Der

Doktor verbietet es, der Doktor braucht keine Leute, die Angst haben, im Krankenzimmer … Da –

so eine Ruhe! Das ist das Richtige, da nehmen Sie sich ein Beispiel.« Er deutete auf Maria,

die das Knäblein auf dem Schoß hielt.

Weiß in ihren schneeweißen Gewändern, unverwandten Blickes jede Veränderung beobachtend und

anzeigend, welche bei dem Kleinen vorging, führte sie des Doktors Anordnungen selbst aus und

hielt ein stummes Gespräch mit ihrem Kinde. -Willst du voran – mich drüben zu erwarten? Ich

folge dir bald nach. – Aber dein armer Vater, soll ihm beides zugleich genommen werden – ein

echtes Gut: du! und ein wertloses, falsches, das er in seinem lauteren Glauben betrauern wird,

als wäre es wirklich ein köstlicher Besitz gewesen?… Bleibe bei ihm, mein Liebling, biete ihm

überreichen Ersatz. – Sie drückte ihn an ihre Brust, und er richtete seine großen Augen auf

sie und murmelte: »Liebe Mutter.«

»Es geht besser, Doktor, nicht wahr?« fragte Maria.

»Wenn nicht alle Zeichen trügen«, gab er zur Antwort.

Sie verstand ihn. Er gebrauchte wieder eine bedingte Redeweise; die ernste Sorge, die ihn

seiner kleinlichen Vorsicht untreu gemacht hatte, war geschwunden.

Am Morgen erst erfuhr Hermann, daß sein Söhnchen in Lebensgefahr gewesen sei und daß es

gerettet war.

Dir gerettet, dachte Maria, zu deinem Troste, wenn ich nicht mehr bei dir sein werde. Sie war

im reinen mit sich. Gott erhörte sie nicht, überantwortete sie der Verzweiflung, so faßte sie

denn einen Entschluß der Verzweiflung.

Ein schöner Spaziergang im Walde führte bequem zu einer Burgruine hinan, welche die

Felsenspitze eines bis weit über die Mitte mit Schmuck-Edeltannen bewachsenen Berges krönte.

Man konnte jedoch von der entgegengesetzten Seite auf einem viel kürzeren Wege zu der Ruine

gelangen. Dieser ging über einen schmalen, geländerlosen Steg und mündete am Fuße des beinahe

senkrecht abfallenden Felsens, unweit von halbzerbröckelten, in den Stein gehauenen Stufen.

Ein kühner und geschickter Kletterer durfte sie immerhin noch benützen, um zur Kuppe zu

gelangen; wenn er nämlich schwindelfrei war. Sonst konnte ihm ein Blick zurück in die Tiefe

gefährlich werden. Dasselbe Flüßchen, das einige hundert Schritte weiter zwischen Wiesen

dahinglitt als friedliches, mit Kähnen befahrbares Gewässer, wurde in der Enge zum Wildbach.

Kochend und brausend stob der Gischt, bildete Wirbel, drehte und drehte sich kreisförmig,

trichterförmig, stieg auf in Säulen aus Schaum, warf sich wieder wie toll in sein steiniges

Bett und lockte herab zur Teilnahme an seiner sprudelnden, unerschöpflichen Lebenslust.

In ihrem ersten Ehejahre hatte Maria die Ruine besucht. Angewandelt von einer Regung der

unbezähmbaren Freude an der Gefahr, von der sie in früher Jugendzeit gar oft ergriffen worden,

war sie die Felsentreppe herabgestiegen und hatte den Steg festen und sicheren Ganges

überschritten.

Hermann, dem sie ihr Wagnis eingestanden, war erst durch ihr förmliches Versprechen, es nie zu

wiederholen, zu beruhigen gewesen. – Nun mußte das gegebene Wort gebrochen werden.

Mit peinlich erfinderischer Genauigkeit malte Maria sich alles aus, sah sich den Fuß setzen

auf den Steg und wandern und langsam mit Bedacht ausgleiten an der rechten Stelle … wanken,

sinken, zerschellt werden an den ewig blanken, ewig feucht glänzenden Klippen, die aus dem

Wasser herausragten. Vorahnend gab sie sich Rechenschaft von dem Schmerze Hermanns, er würde

nicht frei sein von Groll – und das war recht. Ein reines Andenken zu hinterlassen, hatte die

Schuldige nicht verdient.

Sie bereitete sich vor auf die entsetzliche Trennung von ihrem kleinen Kinde, das der Mutter

noch so sehr bedurfte, nahm Abschied von ihm Tag um Tag. Morgen geschieht’s, sagte sie sich,

bis der Morgen kam, an dem sie begriff, daß sie nicht sterben könne, ohne einen zweifachen

Mord zu begehen.

Und davor schauderte sie zurück. Wohl lohte es in ihr auf: Begrabe die Frucht des Frevels mit

dir!… Aber töten, um zu sühnen? – Noch war sie fromm und gläubig und fragte in ihrer

Seelenqual: Wie würdest du die Kindesmörderin empfangen, ewiger Richter, Herr, mein Gott?

Der mächtigste Instinkt im Weibe erhob seine gewaltige Stimme … Vielleicht auch rang der nun

verzweifachte Lebenstrieb – ihr unbewußt – gegen die Vernichtung.

Sie kam wieder auf den Ausweg zurück, der ihr zuerst als der selbstverständliche, der einzige

erschienen war: Hermann alles zu gestehen, ihm zu sagen: So bin ich, behandle mich, wie ich es

verdiene. Ich ertrage deine Güte nicht mehr, ich lechze nach Strafe, nach Buße. Die strengste

wird die beste sein, gönne sie mir, gönne mir das Labsal, zu büßen. Sei unbarmherzig, nur

verehre mich nicht mehr.

Und während sie in Gedanken also zu ihm sprach, rief ihr Verstand ihr zu: Phrasen, hohle

Worte! Du weißt es wohl, daß er dich nicht verstoßen, dich nicht der Geringschätzung

preisgeben wird; er wird, auch wenn sein Glück den Todesstreich durch dich empfangen, den Fuß

nicht auf deinen Nacken setzen, Gesunkene. Er wird unerschütterlich bleiben in seiner Langmut.

Von dir getrennt, dir im Innersten entfremdet, wird er von anderen noch Achtung für dich

verlangen. Dann hast du eine neue Last der Dankbarkeit auf dich geladen und vergeblich das

Beste zerstört, woran sein Herz sich erquickt und seine Seele sich erbaut. Du hast nichts zu

verlieren, er alles. Du hättest ihn umsonst unselig gemacht … Du darfst es nicht! – So tat sie

das, wogegen alles Frühere nicht zählte. Sie vollzog den Betrug, der die Schande zu bemänteln

hatte. Hermann mußte getäuscht werden. Das war so leicht und darum gar so schlecht … Und

geschah, und Maria duldete die Erniedrigung, die sie für unausdenkbar gehalten hatte, die

ganze! Nichts ward ihr geschenkt – nicht der Freudenausbruch, mit dem der hintergangene Mann

die in tiefdunkler Nacht gestammelte Kunde aufnahm, nicht seine erhöhte Zärtlichkeit, nicht

Wilhelms gutmütige Scherze, nicht Helmis treue Teilnahme, nicht Gräfin Agathens feierliche

Segenswünsche.

Maria spielte eine jammervolle Komödie, heuchelte Interesse an gleichgültigen Dingen, Freude

an den harmlosen Vergnügungen, den Landpartien und Waldfesten, die Hermann und Wilhelm

veranstalteten, um sie zu zerstreuen. Nicht immer, aber doch meistens ließ Hermann sich

täuschen. All sein Glück ging von dem Bilde aus, das er sich von ihrem Glücke machte.

Sie aber lebte in der Liebe zu ihrem Kinde, pflegte eifrig ihre Kunst, die sie nie schöner und

hinreißender als jetzt ausgeübt hatte, und grübelte sich allmählich in eine eigentümliche

Sophistik hinein. Die Sühne, nach der sie rief, lag gewiß in der Einsicht, daß es ihr verwehrt

sei zu sühnen. Der verdammende Schicksalsschluß, der über sie gefällt war, lautete: Du liebst

die Wahrheit, wandle in der Lüge.

12

Im Sommer kamen Graf Wolfsberg und seine Schwester mit ihrer Gesellschaftsdame, Fräulein

Annette Nullinger, nach Dornach. Beinahe auf dem Fuße folgte ihnen, ohne eingeladen zu sein,

ohne sich angesagt zu haben, die kleine Gräfin Felicitas Soltan. Sie kam, um zu fragen, ob

Tessin, wie er vor seiner Abreise versprochen, an Gräfin Dolph geschrieben habe, wie es ihm

gehe, und besonders – ob er sie grüßen lasse.

Aber noch war kein Brief von ihm eingetroffen, und nur durch Zeitungstelegramme wußte man, daß

er auf seinem Posten angelangt und festlich empfangen worden war.

An einem schwülen Sonntagnachmittag hatten sich die Schloßbewohner in einem breiten offenen

Zelte am Ufer des Teiches versammelt. Dichtes Buschwerk umgab ihn ringsum, und hinter diesem

ragten das hellgrüne malerische Gezweig einzelner Tulpenbäume und aus weiterer Entfernung die

dunkeln Gipfel eines Balsamtannenhaines in das gleichförmige, ruhig leuchtende Himmelsblau

empor.

Alle im Zelte Anwesenden, Fräulein Nullinger und Hermann junior ausgenommen, rauchten. Annette

hatte nach und nach ihren Sessel bis zum Eingang vorgerückt; dennoch schwebte tückischer

Tabaksqualm ihr nach und machte sie hüsteln, was Gräfin Dolph unabweislich rügte. Sie saß in

der Tiefe des Zeltes in einem ausgefütterten Strandsessel und hatte eine Haube auf, die

ungemein an die häusliche Kopfbedeckung der französischen Könige im 15. Jahrhundert erinnerte.

»Nulle«, sprach sie – »Ich heiße Nullinger«, berichtigte das Fräulein, ohne sich umzuwenden.

»Nun denn, Nullinger, zwingen Sie sich doch nicht zu husten – aus purer Affektation.«

Annette zuckte die Achseln und preßte die Flächen ihrer feuchten Hände aneinander; ihre roten

aufgeworfenen Lippen hatten das ihnen eigentümlich nervöse Beben.

Fee nickte ihr bedauernd zu und seufzte: »Ach, welche Hitze! Ist es immer so heiß bei Ihnen,

Graf Dornach?« Sie wiegte sich in ihrem Schaukelstuhle, hatte die Augen halb geschlossen und

ließ wie todmüde die Arme an beiden Seiten ihres schlanken und zierlichen Körpers herabhängen.

Graf Wolfsberg, den zu amüsieren sie sich vorgenommen, war heute ein undankbares Publikum. Er

hatte nicht einmal bemerkt, daß sie sein Lieblingskleid angezogen, das weiße, gestickte, mit

der rosafarbigen Bébéschleife. Bei Tische, als sie, nur um ihm Spaß zu machen, die heiligsten

Geheimnisse ihres Herzens auskramte, von ihren unbezahlten Rechnungen gesprochen, von ihrem

Glauben an die Zukunft des Spiritismus als Staatsreligion, von allerlei Skrupeln, die sie sich

machte – intim, ganz intim! –, hatte er kaum zugehört. Und nun saß er seit einer Stunde ernst

und schweigsam neben ihr, und sie verzweifelte endlich daran, ihn seiner üblen Laune zu

entreißen.

Hermann und Maria kannten den Grund seiner Verstimmung. Er war, indes die anderen sich in der

Kirche befanden, auf den Friedhof gegangen und hatte Wolfis Grab besucht.

»Wozu? warum tut er solche Sachen, die ihn viel zu sehr angreifen?« hatte Dolph ihrer Nichte

geklagt. Auch sie trachtete ihn zu zerstreuen und suchte dabei die wirksamste Unterstützung,

die des kleinen Hermann; sie war aber in diesem Augenblick nicht zu haben. Das Knäblein mühte

sich gar eifrig, Steinchen, die es gesammelt und auf den Schoß seiner Mutter gelegt hatte, mit

ihrer Hilfe ins Wasser zu werfen. Seine Antwort auf die Einladung der Großtante, zu ihr zu

kommen, lautete entschieden verneinend, und die aufrichtigste Abneigung sprach aus dem raschen

Blicke, den er der alten Frau von unten herauf zuwarf.

Gräfin Dolph machte ihrem Unmut über die Vergeblichkeit der Liebesmüh, die sie seit langem an

dieses schöne und entzückende Kind verschwendete, dadurch Luft, daß sie plötzlich von den

Unannehmlichkeiten zu sprechen begann, die das Landleben für sie mit sich brächte.

»Etwas Schreckliches zum Beispiel«, sagte sie, »ist die Kontrolle, unter der man mit seinen

Kirchenbesuchen steht. Man kann sich keinen einzigen schenken, und ich sag euch, noch ein

Hochamt wie das heutige, und ihr könnt mich gleich dabehalten in eurer Familiengruft. Und Sie,

Nulle, das bitte ich mir aus, placieren Sie sich am nächsten Sonntag nicht wieder in das

Oratorium uns gegenüber. Sie stören mich, Sie rauben mir das bißchen Andacht, das ich noch

habe, mit Ihren Ekstasen, vermischt mit Übelkeiten.«

Dieser Ausfall wurde von Fräulein Annette mit ungewohnter Kaltblütigkeit zurückgeschlagen.

Wenn eine Andacht durchaus unter der anderen leiden müsse, sagte sie, möge es nur immerhin die

minderwertige – die der Gräfin sein.

Fee klatschte ihr Beifall zu und gab ihr die Versicherung, sie sei die gescheiteste Nullinger,

die jemals hienieden gewandelt; dann stieg die kleine Frau, von Hermann, der herbeitrat,

unterstützt, in den am Ufer befestigten Kahn. Losgemacht durfte er nicht werden. Sie wollte da

bleiben, sich schaukeln auf der kühlen Flut und hören, wie sich die Konversation des Grafen

Wolfsberg – von weitem macht.

Er ließ sich endlich herbei, ihr einen Scherz zuzurufen, den sie ebenso schlagfertig wie

unpassend erwiderte. Der von ihrer Seite munter geführte Kampf, der sich nun zwischen ihnen

entspann, wurde durch das Eintreffen des Postpakets unterbrochen.

Maria verteilte die Zeitungen und die Briefe.

»Ist etwas für mich da?« – »Für mich?« fragten Fee und Gräfin Dolph.

»Ja.« Maria schob der letzteren ein großes Schreiben zu.

»Von Tessin«, sprach die Gräfin. »Von Tessin«, wiederholte sie lauter und schwenkte den Brief

in der Luft. »Fee, sieh her.«

»Für Fee«, sagte Maria, und Hermann übernahm aus ihrer Hand eine ganze Ladung Modejournale und

Zeitschriften, die er in den Kahn reichte.

»Das sind Ihre unbezahlten Rechnungen«, rief Wolfsberg. »Geben Sie acht, Gräfin, Ihr Dampfer

versinkt unter der Last.«

Felicitas war beim Nennen des Namens Tessin so rasch aufgesprungen, daß ihr kleines Fahrzeug

in bedenkliches Schwanken geriet. Sie sank zurück, schrie und warf sich so ungestüm von einer

Seite zur andern, als ob sie es darauf abgesehen hätte, den Kahn umkippen zu machen.

Hermann zog ihn mit der breiten Seite dicht ans Land und sagte, halb lachend, halb

verdrießlich: »Ihr Leben ist gerettet, steigen Sie aus.«

Die Übermütige sträubte sich: »Noch nicht! noch nicht! – ich will, daß man Tessin schreibt,

ich sei fast ertrunken vor Freud, wie es geheißen hat, daß ein Brief von ihm gekommen ist. Sie

sind Zeuge, Fräulein Nullinger, schwören Sie darauf, ich bitte um einen ordentlichen Eid – ich

bitte!«

»Ei, ei, Frau Gräfin, einen Spaß mit so heiligen Dingen verstehe ich nicht«, rügte das

Fräulein.

»Nicht? – o weh! dann schwören also Sie, Graf Wolfsberg.«

Mechanisch antwortete der Graf: »Ja, ja.« Seine ganze Aufmerksamkeit war von Maria in Anspruch

genommen.

Sie hatte einen Brief vor sich hingelegt, einen zweiten Brief von Tessin, noch größer und

gewichtiger als der an Gräfin Dolph gerichtete, und war in der Betrachtung der kräftigen,

leicht geformten Züge der Aufschrift versunken. In ihrem Gesichte malte sich starres

Entsetzen. Wenn diese wenigen Zeilen Tod und Verderben verkündet hätten, sie würde nicht

anders auf sie niedergeblickt haben.

Nun schien sie zu fühlen, daß die Augen ihres Vaters auf ihr ruhten, erhob die ihren, sah ihn

an – und senkte langsam das Haupt.

Dieses kurze stumme Gespräch zwischen Vater und Tochter wurde von niemandem beobachtet. Gräfin

Dolph schwelgte im Genusse der geistvollen Epistel ihres Horace Walpole; Fräulein Nullinger

verfolgte teilnehmend das Schauspiel der »Rettung« Fees durch Hermann. Trotz aller Possen, die

dessen Heldin trieb, kam es glücklich zum Abschluß.

Hermann trat ins Zelt, blieb hinter dem Sessel Marias stehen, und über ihre Schulter blickend,

las er von seinem Platze aus die Adresse des zweiten Briefes Tessins: »Herrn Wolfgang

Forster«.

Es entspann sich eine Verhandlung darüber, was mit dem Briefe zu geschehen habe.

»Er ist so dick«, meinte Fee, »es stecken gewiß noch ein paar andere drin, die der Herr

Forster hat übergeben sollen. Man muß ihn aufmachen.«

Gräfin Dolph bestätigte: »Man muß ihn aufmachen, natürlich.«

Hermann jedoch erklärte, so gar natürlich käme ihm das nicht vor. »Was sagst du, Maria?«

fragte er und strich mit der Hand über ihren Scheitel.

Sie wandte sich, ergriff diese Hand und drückte sie an ihre Lippen. Das war genug, um die

heftigste Eifersucht des kleinen Hermann auf den großen zu wecken. Das Kind schrie und strebte

zu ihr empor, und sie hob es auf ihre Knie und drückte ihr Gesicht an das seine.

Noch hatte sie ihn, noch hatte sie eine Liebe, deren ganzen Wert sie zu erkennen begann,

nachdem sie sich ihrer unwert gemacht – die Liebe des besten Mannes. Noch hatte sie die

Achtung aller guten Menschen … Eine kleine Weile, ein Riß durch die dünne papierne Hülle da

auf dem Tische – und alles ist vorbei, und vor ihr öffnet sich die Hölle der Schande.

Ihr Knäblein schlingt die Arme um ihren Hals und sie die ihren um ihn. Doch diese heiligste

Umarmung schützt sie nicht. Sie hört nicht das zärtliche Geflüster der süßen Kinderstimme –

sie hört eine andre, entsetzliche, die ihr zuruft: Was schauderst du? – doch nicht vor dem,

was im Gefolge der Wahrheit kommt, nach der du geschmachtet hast und gelechzt? Da ist sie –

begrüße sie. Tu’s, Armselige … Oder war es doch nicht der Betrug, wovor du am bängsten

gezittert hast?… Wo ist jetzt dein Abscheu vor ihm?… Noch empfind ich ihn, dachte Maria, küßte

das Kind und stellte es auf den Boden.

»Ich bin dafür«, vernahm sie nun – Gräfin Dolph sprach –, »den Brief aufzubrechen, um

nachzusehen, ob er nicht wirklich andere enthält, wie Felicitas glaubt. Wenn ja, verteilt man

sie, wenn nein, schicken wir dem Freunde morgen seine zwölf Seiten, ›eng und zierlich, ein

kleines Manuskript‹, ungelesen, weil wir schon so hyperdiskret sind, zurück. Einverstanden,

Hermann?«

»Nein«, lautete die Antwort, »ich öffne keinen Brief, der nicht an mich gerichtet ist.« Er

nahm ihn, reichte ihn dem Grafen Wolfsberg und sagte leise zu ihm: »Nimm ihn zu dir, mache mit

ihm, was du willst, nur sei nicht mehr die Rede davon. Alles, was Maria an Wolfi erinnert,

greift sie furchtbar an. – Es ist drückend heiß hier im Zelt«, setzte er, an seine Frau

gewendet, hinzu. »Komm ins Freie, Maria.«

Er nahm ihren Arm, den sie ihm willenlos überließ, und geleitete sie hinweg.

Nach dem Abendessen las Gräfin Dolph der Gesellschaft das Schreiben Tessins ganz meisterhaft

vor. Etwas von allem war darin enthalten, Ernst und Scherz, anschauliche Schilderungen von

Land und Leuten, ein kräftiger und rührender Ausdruck des Heimwehs, das ihn peinigte.

Fee zog sich, sobald die Lektüre beendet war, in ihre Gemächer zurück. Kurz darauf begab sich

auch Gräfin Dolph, von Hermann und Fräulein Nullinger geleitet, zur Ruhe.

Graf Wolfsberg blieb mit seiner Tochter allein.

»Hermann hat immer recht«, sprach er nach einer langen Pause. »Auch mir hat es widerstrebt,

den Brief an den unglücklichen Forster zu öffnen. Ich habe ihn Tessin zurückgeschickt.«

»Ich danke dir, Vater«, erwiderte Maria mühsam und stockend. »Ich hätte aber gewünscht, daß

Graf Tessin gebeten würde, es bei diesem Versuch, mir Nachricht von sich zu geben, bewenden zu

lassen.«

»Das soll geschehen.«

Sie hatten vermieden, einander anzusehen; nun plötzlich begegneten sich ihre Blicke. Eine

große Zärtlichkeit, ein großes Mitleid sprach aus dem seinen. Er streckte ihr die Hand

entgegen, er wollte reden.

Marias Mund verzog sich schmerzlich, und sie machte eine flehend abwehrende Gebärde.

Sehr lange hielt es Graf Wolfsberg in Dornach nie aus. Die werktätige Barmherzigkeit, auf die

seine Tochter sich ganz verlegte, widerstrebte ihm. Es war ihm zu unangenehm, sagte er, an die

Enttäuschungen zu denken, die sie erfahren werde, nicht jetzt, nicht in den nächsten Jahren,

doch in fünf, in zehn; und nicht durch den Undank, der unausbleiblich sei – Dank erwarte sie

ja nicht –, sondern durch die Erkenntnis, daß ihr Bestreben, das materielle und sittliche

Elend der Leute zu verringern, nutzlos und in manchen Fällen schädlich gewesen sei. Jedes

Bestreben aber, dessen Resultat negativ bleibt, ist ein unvernünftiges und demoralisierendes.

»Diese Leute« – wenn er die Worte sprach, biß er die Zähne zusammen, und Haß und Grausamkeit

blitzten aus seinen Augen – »sind faul, heimtückisch, unverbesserlich. Es ist noch jeder

gescheitert, der glaubte, im Guten auf sie einwirken zu können. Ich habe ja nicht von Anfang

an die Hände in die Taschen gesteckt und zugesehen, wie einer der Dummköpfe nach dem andern

zugrunde geht … Sie haben mich von meiner christlichen Barmherzigkeit kuriert, sie selbst!«

»Weißt du, Vater, warum ihnen das gelang? – Darf ich’s sagen?« fragte Maria.

»Nur zu!«

»Weil du sie nicht liebst und sie das fühlen.«

»Wohl mir und ihnen. So bin ich sicher vor einem Girondistenlose und sie vor einer neuen

Gelegenheit, zu zeigen, wie sie Liebe vergelten. Laß es gut sein!« kam er dem Einwand zuvor,

den sie erheben wollte, »wir zwei werden einander in dieser Sache nicht überzeugen.«

Der Sommer war vorbei; auch Gräfin Dolph und Felicitas hatten Dornach verlassen. Die Zeit

verging still und ereignislos. Maria, oft unwohl, erlaubte nicht, daß Rücksicht darauf

genommen werde. Sie wußte, daß ihr nur eines frommte: sich selbst vergessen, ihre Leidenskraft

stählen, indem sie die Leiden der anderen milderte. »Meine Wohltäter«, nannte sie die

Hilfeheischenden. Das Laster, das Unrecht, die Torheit fanden in ihr eine hartnäckige

Bekämpferin. Ihrer unerschöpflichen Langmut fehlte es nie an Gelegenheiten, sich zu üben. Und

nicht immer war es die Bürde schweren Ungemachs, die mitzutragen sie eingeladen wurde; es

befand sich auch sehr leichtes Gepäck darunter und lächerliche, willkürlich aufgehalste Last.

An einer solchen schleppte Lisette und machte unangemessene Ansprüche an die Teilnahme »des

Kindes«. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, was Doktor Weise hindere, um sie anzuhalten, sei

die Angst vor einem Korbe.

»Er ist ein so zurückgezogener Mann und kommt zu nichts«, vertraute sie ihrer Gebieterin.

»Niemand schaut auf ihn. Seine Manschetten sind immer zerdrückt, und den Hemdkragen hat er

neulich gar umgekehrt eingeknöpfelt gehabt.«

Außer dem Wunsche, das Recht zu erwerben, für die Manschetten und Hemdkragen Weises zu sorgen,

hatte sie noch den sehr großen, »Frau Doktorin« genannt zu werden. Das ewige »Fräulein

Lisette«, Fräulein hin und Fräulein her, war ihr schon so zuwider, sie konnte es nicht mehr

hören. »Geh, sprich du mit ihm, leg’s ihm nah, daß ich ihn nehmen möcht«, mit dieser Bitte

schloß sie regelmäßig ihre Herzensergießungen und erhielt jedesmal den Bescheid, daß ihr

Wunsch unerfüllbar sei.

So blieb Lisetten am Ende nichts übrig, als eigenmächtig einzugreifen in ihr und des Doktors

Geschick. Sie ersuchte ihn eines Morgens, sie mitzunehmen in seinem Wagen, in dem er jetzt

täglich zu einem Patienten nach dem nahen Städtchen fuhr; sie habe dort einige

Weihnachtseinkäufe zu besorgen.

Weise war dazu bereit: »Es ist mir schmeichelhaft«, sagte er, als Lisette im Pelzmantel und

Capuchon neben ihm Platz nahm. »Wo darf ich Sie absetzen?« Dabei lächelte er, aber nicht aus

Wohlgefallen an ihrer äußeren Erscheinung, sondern über den Einfall, daß ihm noch nie eine

Person vorgekommen sei mit einem so ausgesprochenen Jahrmarktspuppengesicht.

Auch Lisette lächelte. »Denken Sie jetzt schon ans Absetzen? Das ist ja gar nicht schön von

Ihnen.« Ihre Oberlippe zog sich in die Höhe, und es kamen kleine Mauszähne zum Vorschein, die

sehr gut gepflegt, aber ziemlich abgenützt waren. Sie wurde nach und nach ganz deutlich in

ihren Anspielungen und der Zaunpfahl, mit dem sie winkte, keulenartig.

Dem Doktor stiegen, wie er sich selbst gestand, gewisse Apprehensionen auf, und er rückte so

weit als möglich von ihr fort.

Sie sah darin eine Aufforderung seiner Gastfreundschaft, sich’s recht bequem bei ihm zu

machen, lehnte sich zurück und betrachtete sein Profil. Der Rand seines weit hinausragenden

Mützenschirms und die Spitze seiner Nase standen in senkrechter Linie. Mund und Kinn hingegen

wichen, wie aus Respekt vor dem bedeutenden Gesichtsvorsprung, jäh zurück. Da fand die

verwünschte Zaghaftigkeit, mit der Lisette heute einmal fertigwerden wollte, ihren Ausdruck.

Nach einigen einleitenden Reden meinte sie den Streich führen zu dürfen. Sie tat es – der

Doktor stellte ihr dieses Zeugnis aus, als er sich von dem erlittenen Angriff erholt hatte –

mit hochgradiger Dezenz, indem sie ihn fragte, ob er nie daran gedacht habe, sich zu

verändern.

»Doch, doch, vor Jahren einmal«, seufzte er und zog, ohne es zu wollen, die Zügel des

lammfrommen Schecken an, der sogleich stehenblieb, sich aber auf den Zuruf: »Allons, Allons!«

wieder in Bewegung setzte.

»Und seitdem nicht mehr?… Das ist schad, und dann ist es auch traurig.«

Sie blinzelte schalkhaft zu ihm hinüber, was ihn empörte und beängstigte. Er kam sich so

hilflos und ihr preisgegeben vor in unendlicher Einsamkeit. Soweit das Auge reichte, war

nichts zu sehen als Schnee und Schnee und nichts Lebendiges wahrzunehmen als der Scheck,

einige Krähen und das Frauenzimmer, das ihm »Avancen« machte.

Sie sprach viel, und alles, was sie sagte, war entweder schmeichelhaft für ihn oder für sie,

und ihm blieb nichts übrig als entweder: »Das Fräulein sind zu gütig«, zu murmeln oder: »Das

Fräulein haben recht.«

»Ein solcher Mann«, sprach sie nun milde, »und hat keinen Herd.«

»Entschuldigen, habe, habe, o einen vorzüglichen, neuester Konstruktion.«

»Einen häuslichen, mein ich. Ein solcher Mann – und hat keine Frau.«

»Oh, bitte, bitte – die habe ich auch.«

Fräulein Lisette neigte sich so rasch zur Seite, daß man es ein Sich-zur-Seite-Werfen hätte

nennen können. »Sie – Sie haben – eine Frau?«

»Ja freilich, eine wunderhübsche.«

»Wo?«

»Bei ihren Eltern habe ich sie. Ich habe sie ihren Eltern aufzuheben gegeben.«

»Das heißt«, berichtigte Lisette, der plötzlich alles Zartgefühl abhanden gekommen war, »Sie

haben sie fortgejagt?«

»Bitte, bitte!… Eine so undelikate Maßregel ergreift man nicht gegen eine Dame, die man

ohnehin unglücklich gemacht hat, indem man ihr etwas höchst Fatales eingeflößt.«

Seine Zuhörerin erschrak tödlich, sie dachte an Gift.

Er aber flüsterte: »Antipatheia.«

»Jesus! was ist denn das?« rief Lisette.

»Ein inkurables und darum so perniziöses Leiden, weil es den Menschen um seine schönste

Illusion bringt, um die des freien Willens. – Denken Sie sich eine von den besten Absichten

für ihren Eheherrn beseelte Frau, die im Augenblick, in welchem sie dieselben betätigen soll,

von der heftigsten Versuchung ergriffen wird, ihm etwas an den Kopf zu werfen … und derselben

nur selten zu widerstehen vermag. – Dabei süßer Empfindungen durchaus nicht unfähig – o nein!

wenn es auch dem Betreffenden nicht beschieden war, sie zu wecken, außer – auf Distanz. In je

weiterer Entfernung er sich von ihr befand, eine desto hingebendere Gattin wurde sie ihm. So

sprach er denn eines Tages zu ihr, indem er sich an einen Dichter lehnte: ›Wie gut wäre es,

Carissima, wenn du, um mich mehr zu lieben, dich für immer von mir entferntest!‹ – Sie tat es,

und seitdem führen wir die musterhafteste Ehe. Haben vor kurzem brieflich unsere silberne

Hochzeit gefeiert.«

Das Fräulein wollte ein etwas spöttisches Bedauern über »diese Gattung von Verhältnis« äußern

– der Doktor aber meinte: »Ein Gutes ist jedenfalls dabei: dem Manne, der schon im Besitz

einer Frau ist, kann niemand mehr zumuten, eine zu nehmen.«

Lisette machte unerhört alberne Augen und sprach nicht ein Wörtchen mehr. Sie war so

vernichtet, daß sie ihre sämtlichen Einkäufe in der Stadt besorgte, ohne zu handeln. Drei

Wochen mußten vergehen, ehe sie sich von ihrer Enttäuschung erholen konnte. Dann wurde »das

Kind« wieder der Mittelpunkt ihrer Interessen und das angebetete Opfer ihrer engherzigen

Liebestyrannei.

Wie am vorigen Jahresschlusse fand sich auch an diesem Gräfin Agathe in Dornach ein. Sie half

die Christbäume schmücken für jung und alt, für arm und reich, in der Halle und im Saal.

Dem Entzünden der Lichtlein stand aber sie allein vor.

Maria konnte nicht Zeuge der Freude sein, die vorzubereiten seit Wochen und Wochen ihr

hauptsächliches Bemühen gewesen war. In der heiligen Weihnacht gab sie einem zweiten Sohne das

Leben. Er war so schmächtig und klein, wie der erste groß und stark gewesen. Mit banger,

unausgesprochener Besorgnis sah Hermann seine Mutter an, als er mit ihr an die Wiege des

Neugeborenen trat.

»Nein«, sagte sie, »er ist nicht schwach, nur zart. Er wird leben – zu meiner Freude. Das wird

der meine sein unter deinen Kindern.« Weich, wie man sie nie gesehen, versenkte sie sich in

den Anblick des Knäbleins und hielt die Hand segnend über ihn ausgestreckt. »Er hat schwarze

Augen, Hermann, die Augen deines Vaters, und soll Erich heißen wie dein Vater.«

Maria kränkelte lange, sie konnte dieses Kind nicht nähren; sie hatte für dasselbe nicht

soviel Liebe wie für das ältere. Sie verlangte nicht nach ihm, widersetzte sich nicht, wenn

man es forttrug aus ihrem Zimmer, und es beunruhigte doch niemanden und stellte unerhört

geringe Anforderungen an seine Umgebung. Es lag oft lange ganz still mit weit geöffneten

Augen.

»Fremde Augen hat’s und das Gesicht der Mutter«, entschied die Wärterin, wenn jemand

herauszubringen suchte, wem es ähnlich sehe. – Eine Spur von der Seelenpein, die sein Werden

begleitet hatte, spiegelte sich wider auf seinem kleinen Angesicht, und traurig staunend

schien es zu fragen: So also sieht es aus in eurer Welt?

An Liebe litt es nicht Mangel. Hermann zerfloß vor ihm in überquellendem Erbarmen; alle Frauen

im Hause schwärmten für das Kind, das etwas »ganz eigenes« hatte; sein Bruder verteidigte es

wie ein kleiner Löwe vor den Ausbrüchen ihrer Zärtlichkeit und brachte es gleich darauf in

Gefahr, von dem Ungestüm der seinen erdrückt zu werden.

Der Winter verfloß; Maria blieb müde und erschöpft. Alle herbeigerufenen Ärzte rieten, wie

Doktor Weise es längst getan, zu einem Aufenthalt von mehreren Monaten in Italien.

Die Kranke sträubte sich gegen eine Entfernung von daheim, aber zum ersten Male setzte Hermann

dem Willen seiner Frau entschiedenen Widerstand entgegen, und sie mußte sich fügen.

Gräfin Agathe kam nach Dornach, um die Kinder in Abwesenheit der Eltern zu betreuen; Hermann

und Maria reisten. – Sie hatte schon vor Jahren mit ihrem Vater das Land der Sehnsucht jedes

künstlerisch Fühlenden besucht und fand nun im Genusse der Wunder einer märchenhaft reichen

Natur und einer Welt, in der »Sterbliche Unsterbliches geschaffen haben«, die Empfindungen

ihrer Mädchenzeit wieder. Wie oft atmete sie auf, frei und leicht, und sah ihr eigenes Bild so

rein, wie die Seele ihres Mannes es widerspiegelte. Ihre wankende Gesundheit befestigte, ihr

erschütterter Mut stählte sich.

Es war krankhaft, dachte sie, zu glauben, die Verirrung eines Augenblicks könne nicht gesühnt

werden durch ein ganzes Leben der Rechtschaffenheit und Pflichterfüllung. Fort mit den

Gespenstern einer abgeschworenen Vergangenheit. Sie sind die Feinde eines Glückes, das

ungetrübt zu erhalten ihre wichtigste Aufgabe war, vor der alles andere zurücktrat, des

Glückes Hermanns. Mit hoher Freude erfüllte sie der Anblick der seinen. Ihm aber durchsonnte

ihre Heiterkeit die Seele, er lebte von ihrem Leben.

»Wir sind auf unserer Hochzeitsreise«, sagte er.

Die Frau, die Mutter seiner Kinder kam ihm jetzt oft vor wie eine Braut, doch nicht wie die

kühle, stolze, die sie einst war – wie eine liebende Braut.

Und da kniete er vor ihr nieder und betete sie an. Einmal rief er aus: »Ich bin zu glücklich,

ich verdien es nicht. Ich habe eine Schuld abzutragen, aber statt sie einzufordern, überhäuft

mich das Schicksal mit immer neuen Gnadengeschenken.«

»Du hättest eine Schuld abzutragen?« fragte Maria. »Die schwerste – einen Frevel an dir. Ich

habe um dich geworben, dein Ja erbettelt, obwohl ich wußte, freudig gibst du es mir nicht. Den

ersten Kuß, Geliebteste, hat ein Ungeliebter auf deine Lippen gedrückt. Es war ein Verbrechen

an dir – ein unsühnbares.«

Sie schrak zusammen bei diesem Wort. Er nahm ihre Hände zwischen die seinen: »Maria, wann

werde ich, wie werde ich dafür bestraft werden?«

»Nie, gar nicht«, stammelte sie verwirrt und drückte ihren Kopf an seine Brust.

Sie kehrten zurück. Es war Abend, als sie ankamen. Die Kinder schliefen. Hermann blies die

Wangen auf und hatte die Fäustchen fest geballt. Er war groß und stark geworden, ein Knäblein

wie ein junger, kräftiger Baum. – Das kleine unechte Reis, auf den reinen Stamm Dornach

gepfropft, Erich, lag in leichtem Schlummer, zuckte und öffnete die Augen, als seine Mutter

ihm nahte. Sie war betroffen und befangen von dem geheimnisvollen Reiz, der dieses Kind umwob,

wandte sich rasch und trat an das geöffnete Fenster.

Würzige Düfte erfüllten die Luft, melodisch rauschte es in den Bäumen, durchsichtige Schleier

breiteten sich über die Wiesen, leichter Rauch lag auf den Höhen.

Weit herüber von der Straße, die zum Dorfe führte, vernahm man den Gesang heimkehrender

Feldarbeiterinnen. Nah und näher kamen die Klänge einer schwermütigen slawischen Volksweise.

Schon konnte man die letzten Worte des Liedes unterscheiden:

Schönheit, dein Prangen,

Liebe, dein Glück,

Alles vergangen,

Kehrt nicht zurück.

Ewig treu,

Immer neu

Bleibt die Reu,

Bleibt die eisgraue Reu. –

13

In der Nähe von Dornach, auf dem seit langem unbewohnten Gute Rakonic, hatten sich zwei junge

Ehepaare angesiedelt. Die Männer waren Brüder, die Frauen Schwestern. Sie gehörten den

vornehmsten Gesellschaftskreisen an und betrieben den Sport als Beruf, mit angeborenem und

energisch ausgebildetem Talent. Überdies gab es in etwas verwickelten Ehrensachen keinen

höheren Richter als die Grafen Clemens und Gustav und im Punkte echter Eleganz keine

nachahmungswürdigeren Vorbilder als die Gräfinnen Carla und Betty Wonsheim. Es gab auch in der

weiten Welt nicht wieder vier Menschen von so vollkommener Übereinstimmung in ihren

Lebensanschauungen, ihren Verhältnissen, ihrer Bravheit, ihrer kindlichen Unwissenheit. Den

Brüdern sah man ihre nahe Verwandtschaft sofort an. Beide waren mittelgroß und breitschultrig,

ihre Scheitel schon etwas gelichtet; sie hatten ein äußerst gelassenes Wesen, sprachen langsam

und in derselben bedächtigen Art. Im Äußeren der Schwestern hingegen herrschte die größte

Verschiedenheit. Carla, die ältere, schlank und blond, glich der Schwindischen Melusine.

Betty, braun, klein, neigte zur Fülle und unterzog sich infolgedessen einem ziemlich strengen

Training. Sie rühmte sich, nie anders als mit dem Springgurt geritten zu sein. »Was hat man

denn für einen Rapport mit dem Pferd«, fragte sie, »wenn man auf so einer Maschin von einem

Sattel oben sitzt?« Ihre Lebhaftigkeit bildete einen angenehmen Gegensatz zu dem gemessenen

Benehmen ihrer Angehörigen. Sie war sehr verliebt in ihren Clemens, und er ließ sich ihre

Zärtlichkeit gefallen und hatte, obwohl seit einem ganzen Jahre verheiratet, noch nicht eine

Untreue an seiner kleinen Frau begangen. Gustav und Carla hingegen verkehrten miteinander mehr

wie zwei gute Gesellen denn als ein junges Ehepaar. Jedes brave eheliche Verhältnis endet mit

Freundschaft; sie ersparten sich den Umweg und fingen gleich bei der Freundschaft an.

Sobald die Fahnen auf den Türmen des Schlosses Dornach die Anwesenheit des Herrn und der Frau

vom Hause verkündeten, fanden Wonsheims sich dort ein und wurden oft und gern gesehene Gäste.

Sie verlangten aber auch Erwiderung ihrer Besuche, Teilnahme an ihren Interessen. Es verdroß

alle, wenn eine ihrer Einladungen von Maria ausgeschlagen wurde, weil sie »zu tun« hatte. –

Und was? – Krippen errichten, ein Versorgungshaus bauen, ein Spital, »und immer machen, als ob

sie dabeistehen müßt – wenn das nicht Affektationen sind«, meinten sie, »dann kennen wir uns

überhaupt in solchen Sachen nicht mehr aus«.

Sie waren einmal von einem betrunkenen Taugenichts angebettelt worden, der ihnen auf die

Frage, woher er sei, geantwortet hatte: »Aus Dornach.«

»Wie – daher? Gibt’s denn noch arme Leut in Dornach? Dort is ja der Himmel für die Armen.«

Der Taugenichts zwinkerte schlau und sprach in kläglichem Tone: »Für den armen Herrn

Spitalsverwalter und Aufseher, und wie die liebe Bagage sich titulieren läßt … für die wird’s

wohl der Himmel auf Erden sein, die liegen auf der faulen Haut und fressen sich an. Ein

wirklich Armes hat’s in Dornach grad so schlecht wie überall.«

Das war Wasser auf die Mühle der Wonsheim, und sie fragten nicht, ob es aus trüber Quelle

floß.

Eines Tages, als wieder eine verneinende Antwort aus Dornach eintraf, schnellte Betty den

Brief, der die Absage enthielt, durch das offene Fenster, daß er weithin flog, die Luft mit

der Kante durchschneidend. »Der vierte Korb, den die langweilige Person uns gibt!« rief sie,

und Clemens versetzte: »Ihr seids aber auch wie die Wanzen. Laßt sie in Ruh!«

»Just nicht! Sie darf nicht fort im Spital sitzen und sich mopsen. Man muß sie ein bissel

aufmischen.«

Bettys Meinung drang durch.

»Mischen wirs auf«, erwiderten Gustav und Carla, und schon am nächsten Morgen, in aller

Gottesfrüh, kam die Familie in Dornach angesprengt, um Hermann und Maria zu einem Spazierritt

aufzufordern.

Es war ein hübscher Anblick, als sie im Schloßhof hielten, die stattlichen Herren und die

anmutigen Frauen auf ihren schönen Rossen, an denen jede Sehne Kraft und jeder Blutstropfen

Adel war. In ihrer Begleitung befanden sich Flick und Flock, ihre Doggen, die ernsten, klugen,

die den Pferden wie angebunden im jeweiligen Tempo dicht an den Hufen folgten. Sie sahen nicht

rechts noch links, sie kümmerten sich weder um einen aufschwirrenden Vogel noch um einen

aufgescheuchten Hasen; aber einen Blick, einen freundlichen Zuruf ihrer Herren beantworteten

sie mit Wonnegeheul und Freudensprüngen. Jetzt waren sie verdrießlich über die Unterbrechung

ihres Morgenrennens.

Verdammte Dahockerei! Wie lang soll’s noch dauern? sagte Flick zu Flock.

Riech nur, riech! erwiderte der, da kommen ja schon die Hunde mit ihren Menschen. Den Boxl,

den möcht ich durchbeuteln, daß er nicht mehr wüßt, wo sein grauslicher Kopf ihm steht. Er

knurrte, seine Haare sträubten sich.

Boxl lief auf ihn zu, klein und frech, der ganze Hund eine impertinente Frage: Was habt ihr

bei uns zu suchen?

Die Spuren meiner Zähne in deinem Fell, du Ratte, und Flock wollte auf ihn losfahren. Aber

sein Herr befahl: »Kuschen!« So drückte er denn die Augen halb zu, leckte die Schnauze und

wandte dem Händelsucher, der nicht aufhörte, ihm die größten Unannehmlichkeiten zuzukläffen,

den Rücken.

Flick setzte sich dicht an seine Seite, und die beiden streckten die Hälse, wedelten mit den

Schwänzen, öffneten die gewaltigen Rachen und gähnten laut und herausfordernd.

Inzwischen war die Einladung der Wonsheim angenommen worden. Maria ging, sich umkleiden zu

lassen, die Pferde wurden vorgeführt: Hermanns brauner Wallach und Marias in letzter Zeit arg

vernachlässigter Liebling Hadassa.

Fünfjährig, mit feinem Kopf, schlankem Bug, breiter Brust, breitem Kreuz, – tanzte sie einher

auf elastischen, makellosen Füßen. Sie war wie grauer, wolkiger Marmor und rabenschwarz ihre

spärliche Mähne und ihr an der Wurzel spitz zulaufender Schwanz. Als sie die fremden Pferde

erblickte, warf sie den Kopf empor; ihre dunkelbraunen, aus dem mageren Gesicht vorquellenden

Augen sprühten; sie blies die Nüstern auf, wieherte drohend und stieg plötzlich auf den

Hinterbeinen in die Höhe, daß der kleine Groom, der sie fest an den Zügeln hielt, in der Luft

baumelte wie ein Taschentuch.

Alle lachten. Maria trat heran und streichelte den Hals der Stute. Hadassa jedoch, ihr Gebiß

kauend, im Sande scharrend, wich verdrossen vor der Gebieterin zurück.

»Nervos?« fragte die und schwang sich mit Hermanns Hilfe in den Sattel.

Sie hatte nicht daran gedacht, den Tag mit einer Unterhaltung zu beginnen, sich heute

besonders viel vorgesetzt, war im ersten Augenblick unzufrieden gewesen mit der eingetretenen

Störung. Bald jedoch schien sie ihr eine Wohltat. Erfrischend, belebend wirkte auf sie die

rasche Bewegung in der tauigen Kühle des Morgens. Die Nebel sanken, die Sonne stieg hinter den

Laubwäldern empor, die der Herbst schon bunt gefärbt hatte, und überglänzte ihr geschminktes

Sterben.

Die Reiter nahmen ihren Weg durch den Park. Sie kamen an dem Aussichtspunkte vorbei, wo Marias

erste Unterredung mit ihrem Bruder stattgefunden, wo sie die ersten Worte mit ihm getauscht,

der dem Verbrechen den Pfad zu ihr gebahnt hatte.

Vorbei – vorbei … Trag mich hinweg, Hadassa! und sie führte unüberlegt einen Streich mit der

Gerte über die Schulter des aufgeregten Tieres. Hadassas Empörung war grenzenlos. Sie bockte,

schlug und gab ein Beispiel trotziger Unbotmäßigkeit, das bei den anderen Pferden Nachahmung

zu finden begann.

»Nichts mit ihr zu machen. Ich muß sie allein haben«, sagte Maria. »Wir treffen uns beim

Jägerhause.« Und sich jede Begleitung, auch die Hermanns, verbittend, lenkte sie vom Wege ab

auf das nahe Sturzfeld, in dessen weichem, tiefem Boden Hadassa sich müde rennen sollte. Ein

grüner Wiesengrund begrenzte das Feld und bildete das Ufer des klaren, wasserreichen

Flüßchens. Es war dasselbe, das droben in den Bergen zu Füßen der Burgruine so prächtig

übermütig durch die Felsenriffe tobte.

Von weitem schon sah Maria seine glatte Oberfläche blinken. Dort, auf sanfter Bahn, im

seichten Bette, hatte es ausgestürmt.

Siehst du, Hadassa, für noch ganz andere Wildheit als die deine gibt’s nach dem Auf- und

Abwogen der Hochflut die ruhige Ebbe des Gleichgewichts. Du glaubst nicht an deine Zähmung, du

Tolle? Warte nur, du mußt erst müde werden. Vorgeneigt bis auf den Hals der Stute, ließ sie

ihr die Zügel. Ein rasender, ein wonniger Ritt, ein Flug über Gräben und Hecken. – Hadassa

spürt nicht mehr den Boden unter ihren Hufen. Hadassa ist ein Adler, ist der Sturm; von ihr

getragen zu werden und soviel Leben, Kraft, Feuer deiner Laune unterworfen fühlen, dem Drucke

deiner Hand – das ist Seligkeit. – Leugne sie, wer sie nicht kennt … Marias Herz öffnete sich

ihr mit Entzücken. Sie atmete erquickt und frei; sie war einmal wieder glücklich und ruhig,

und in ihrem Innern war Frieden … …

Wo hatte sie den gesucht? – in der Pflichterfüllung, im Wohltun, in ihrer mit Begeisterung

ausgeübten Kunst. Alles vergeblich. Der Frieden der Seele ist zu finden auf dem Rücken

Hadassas, im wilden Genuß eines sinnlosen Rennens und Jagens. Das schäumende Roß, die glühende

Reiterin sind von demselben Rausche erfaßt. Hadassa ist nicht zu ermüden, nur zu erhitzen,

Maria ihrer Herrschaft über sie nicht mehr so sicher wie früher. Um so schöner – es lebe die

Gefahr! Aug in Aug mit ihr wird das Vergessen am tiefsten …

Da war es gedacht und der Zauber gebrochen. Des Vergessens gedenken heißt ja sich erinnern.

Der Brust Marias entstieg ein Schrei und gellte unheimlich durch die Stille. – Aber horch, es

kam Antwort. Ein dumpfes, einförmiges Geräusch, das aus der Ferne herüberdrang, gab sie. Dort

am Ausgange der Waldschlucht stand eine Mühle, und rastlos drehte sich ihr riesiges Rad,

getrieben vom stürzenden Bach … Vorwärts! auf sie zu … Hadassa biegt nicht aus. Ein herbes

Lächeln verzog Marias Lippen. – Armselig sogar an Erfindung ist das Leben. Alles wiederholt

sich. Das ist ja wie vor Jahren, als sie, fast noch ein Kind, demselben Tod, dem sie jetzt

entgegenjagt, entgegengetragen wurde. Einem häßlichen Tod zwischen schwarzen, triefenden

Speichen, und damals graute ihr vor ihm – heute graut ihr nur noch vor dem häßlichen Dasein …

Bleich, die Augen weit geöffnet, näherte sie sich mit entsetzlicher Geschwindigkeit ihrem

Ziele.

Da erfuhr sie etwas Seltsames. Ist das immer so vor dem Ende? – In alle Seelentiefen fällt

unendliches Licht; die Wurzeln des Fühlens und Tuns sind enthüllt. Seines täuschenden

Schimmers entäußert, erscheint das Blendwerk der Sinne und der Phantasie als ein häßliches

Zerrbild. Aber die reine, von ihm zurückgedrängte Empfindung prangt in herrlichem Glanze.

– Nun wandeln zwei mutterlose Kinder die wohlbekannten Wege entlang, nun ist das Herz des

besten Mannes verwaist … Warum? warum? Es hätte nicht sein müssen. – Schade um das vernichtete

Glück!

»Maria!« übertönte eine Stimme das Rauschen der Fluten, »Maria!« und sie, plötzlich

zurückgerufen in das Bewußtsein der Wirklichkeit, fuhr zusammen und riß die Zügel an.

Hadassa bäumte sich, dann stand sie gestreckt mit rauchenden Nüstern, mit zurückgelegten

Ohren. Wo war sie hingeraten in ihrem närrischen Lauf? Was für ein wasserspeiendes Ungeheuer

war das, dem sie im Begriff gewesen in den Rachen zu springen?…

Sie erschrak, und zugleich freute sie sich, denn aus dem Winkel, wo das brausende Scheusal

sein Wesen trieb, kam ihr guter Kamerad und Stallnachbar, der braune Bob, einher-getrabt.

Auch er war aufgeregt, sein Reiter aber ganz ruhig, und der rief: »Was gibt’s, ist sie

durchgegangen?«

Maria stammelte ein undeutliches »nein«. Ihr war zumute wie einem auf der Flucht ereilten

Verbrecher. Mitten in fast übermenschlichem Ringen nach Selbstbeherrschung erzitterte sie, von

Schauern durchfröstelt. Die Augen desjenigen, dem ihre letzten Gedanken gegolten, ruhten auf

ihrem Angesicht. Spiegelte es die Kämpfe wider, die sie eben durchgemacht?…

Hermann hatte sein Pferd gewendet und ritt nun neben ihr an der Mühle vorbei. Er neigte sich

zu Maria, legte seine Hand auf die ihre und sagte: »Du bist ganz blaß.«

»Wirklich?« Sie zog ihr Taschentuch und preßte es an ihre Stirn.

»Mir war bang, Hadassa – sie hat heute einen bösen Tag – könnte an der Mühle nicht allein

vorüber wollen. So bracht ich einen Begleiter.«

»Aber wie kommst du hierher?«

»Quer übers Feld. Du machtest einen Bogen, ich habe dir den Weg abgeschnitten.«

»Und noch Zeit behalten, mir in erhabener Bedächtigkeit entgegenzutraben? Auch eine Leistung.

Bravo, Bob!« Sie klopfte den Hals des schweiß- und schaumbedeckten Pferdes: »Ich liebe dich.«

Hermann lachte sie an: »Der Glückliche, sein Herr beneidet ihn.«

»Hat keinen Grund dazu«, sagte sie ernst und warm.

Er drückte ihre Hand, die er noch immer in der seinen hielt: »Das sagst du ja, als ob es dir

leid täte«, versetzte er im früheren Tone. Aus seinem Blicke sprach lautere Seligkeit und

weckte einen Widerschein in der Seele Marias.

Was ihr vorhin gedämmert hatte, es durchdrang sie jetzt mit dem Lichte und mit der Kraft

sonnenklarer Überzeugung. Das Beste und Höchste an ihr, das, worin alle edlen Eigenschaften

ihres Wesens gipfelten, war die langsam gereifte Liebe zu diesem Manne.

14

Von nun an ließ sich Maria nicht mehr lange bitten dabeizusein, wenn »etwas los« war bei

Wonsheim. Aus der Rolle einer Zuseherin ging sie bald zu der einer Mitwirkenden und endlich

einer Anführerin über. Schwungvoll wie eine Kunst, nicht mit der Nüchternheit eines Handwerkes

wollte sie den edlen Sport betrieben sehen. Den der Jagd zum Beispiel, an dem Carla und Betty

leidenschaftlich Anteil nahmen. Was man so vortrefflich auszuüben versteht, soll auch schön

ausgeübt werden.

»Machen wir ihnen eine Freude«, sagte sie zu Hermann, »lassen wir für ein paar Tage das

Goldene Zeitalter der Jagd wieder aufleben, zaubern wir uns an den Hof Augusts des Starken

oder nach dem Jagdschloß Blankenburg. Veranstalten wir ein Fest, bei dem einmal gezeigt wird,

was das Haus Dornach vermag; denke nur, daß ich selbst es noch nie in seinem Glanze gesehen

habe.«

»Ein schweres Versäumnis«, erwiderte er, »aber wir wollen es gutmachen.«

Die öden, immer verhangenen Prunksäle wurden dem Licht und der Luft geöffnet, und es zog wie

ein Erwachen durch die Räume. Ein leises Knistern erhob sich in dem alten Schnitzwerk und

Getäfel der Wände, ein plätscherndes Geräusch in den meergrünen, goldbefransten, vom Winde,

der durch die Fenster drang, geblähten Vorhängen und Draperien. Die Prismen der kristallenen

Kronleuchter schlugen lustig aneinander mit feinem, hellem Klang. Und erst auf dem Orchester

im Tanzsaale, wie ging es da zu! Da wurde gestimmt und geübt und Straußische Musik

einstudiert. Eine stürmische Auferstehung für die Streich-und Blasinstrumente, die geruht

hatten in ihren Särgen, seitdem sie der längst vergessenen Weise eines Menuets à la reine ihre

Stimmen geliehen. Der greise, immer mürrische Schloßwärter, der sich als der eigentliche

Schloßherr betrachtete, griff ungern genug auf Hermanns Befehl nach seinem Schlüsselbund. Und

die eisenbeschlagenen Eichenschränke in der Silberkammer lieferten die Schätze aus, die ihr

Hüter sorgsam pflegte und geizig verbarg vor der Neugier der Laien. Da kamen sie hervor und

schmückten die Tafel im großen Speisesaal, die phantastischen Aufsätze und Trinkschiffe, die

Nautilusschalen, die romanischen Pokale und die gotischen mit ihren kleinen durchbrochenen

Türmen, Spitzbogen und Fialen. Kannen, Becher, Schüsseln in bewunderungswürdig getriebener

Arbeit, mit Figurenreliefs, eingeschmolzener Emaillierung, eingesetzten Edelsteinen, Triumphe

der Goldschmiedekunst, die Hand Jannitzers, Eisenhoidts, Dinglingers verratend, dieser

bescheidenen Meister einer Kleinkunst, aus deren Werkstätten so viele große Künstler

hervorgegangen sind.

Die Einladungen zu dem Feste waren im Stile des 18. Jahrhunderts verfaßt. Die »Cavaliere und

Dames« wurden gebeten, nach dem Kesseltreiben, das an der Stelle des historischen

Fuchsprellens abgehalten werden sollte, »in grünsammetener, mit Silber verschamerierter

Kleidung« beim Mahle zu erscheinen. Zur Jagd selbst kamen die Gäste natürlich in beliebigem

Kostüm: »Je schäbiger, je schickiger!«

Carla und Betty Wonsheim, die das Wort erfunden hatten, brachten es zu Ehren, sahen jedoch

nicht vorteilhaft aus in ihren zerdrückten Hüten, ihren alten Paletots, kurzen Röcken und

abgetragenen Schnürstiefeln.

Wenn aber die Herren mit ihren ledernen Jagdhosen die Zimmer putzen lassen, um ihnen jeden

Schein von Neuheit zu benehmen, dürfen die Damen nicht zurückbleiben, und auch ihre

Ausstaffierung muß die Spur von hundert blutigen Schlachten gegen Haar-und Federwild tragen.

Als die Gäste versammelt waren, fand, frei nach Döbel, der Aufzug statt, den Willy, Wilhelms

Erstgeborener, mit dem bloßen Hirschfänger in der Rechten anführte. Ein ergötzliches

Schauspiel, bei dem weder die Schar der Leute im »wilden Mannshabit« noch der Künstler, der

den »pohlnischen Bock« pfeifen konnte, noch der Waidmann fehlte, der das Parforcehorn

musikalisch zu blasen verstand.

Die Gesellschaft spendete reichlichen Applaus und bestieg in bester Stimmung die Wagen, die

sie nach dem Revier brachten, wo der erste Trieb stattfand. Der letzte sollte die Jäger am

Nachmittag in die Nähe des Schlosses zurückführen, und diesen versprach Maria, den Bitten

aller nachgebend, mitzumachen.

Zur bestimmten Stunde verließ sie das Haus. Es war kalt, ein scharfer Nord hatte sich erhoben,

fegte den dünnen, harten Schnee in die Gräben und Mulden und blies von Zeit zu Zeit einen

Schauer feiner Eisnadeln über die Felder.

Still und schweigend kamen die Jäger heran, die flügelführenden an der Spitze. Der Ordner

befahl Halt, und nun teilte sich der Zug. In gleicher Entfernung von dem anderen ging je ein

Schütze zwischen zwei Treibern seinem Stande zu.

Seit ihrer Kindheit hatte Maria nicht mehr an einem Kesseltreiben teilgenommen und nur einen

verworrenen Eindruck davon behalten. Nun schritt sie neben Clemens, dem sie schon am Morgen

ihre Begleitung zugesagt hatte und der ihr ganz merkwürdig vorkam. Eine heftige Aufregung

spiegelte sich in seinem sonst so phlegmatischen Gesicht; aber er blieb stumm.

Der Kreis war geschlossen, die Jäger begannen vorzurücken.

Alles noch regungslos da drin in dem seichten, leicht beschneiten Ackergrunde, der sich

gleichmäßig senkt und dann wieder erhebt bis zur Einhegung des Parkes.

»Die Hasen waren klug«, sagte Maria. »Sind alle fort, im Walde.«

»Sind da, ducken sich nur«, antwortete Clemens.

Die Treiber begannen ihre Klappern zu rühren. Ein zerlumpter Junge in durchlöcherten Socken

sprang vor Maria her, offenbar in der Absicht, von ihr bemerkt zu werden. Er jagte auch

wirklich einen Hasen auf. Dann rückten drei andere nach, vier, sechs … Der erste Schuß

knallte, ein großer, fetter Hase stürzte und blieb auf der Stelle.

»Das war die Betty«, murmelte Clemens, und ein Ausdruck leidenschaftlichen Neides umzuckte

seinen Mund. Seine Hände zitterten, er schoß und fehlte, schoß wieder und traf, aber schlecht.

Auf drei Läufen sprang sein Opfer dem nächsten Nachbarn in den Schuß. Nun nahm er sich

zusammen, nun war er wieder er selbst. Wohl dem Meister Lampe, der ihm kam, er hatte nicht

lange zu leiden.

Der Kreis wurde immer enger, es wimmelte von Wild. – Aus der Erde schien es zu wachsen, erhob

sich aus jeder Furche, sprang hinter jeder Scholle hervor, wandte alle seine Finten vergeblich

an, stürzte herum im Wahnsinn der Angst, schrie, daß es einen Stein erbarmt hätte – und Jägern

Vergnügen machte. Und erst dem Volke! Welchen Feiertag begeht heute das Volk!

Das feigste Tier, das völlig wehrlose zusammentreiben auf einen Fleck, damit es dort lustig

niedergeknallt werde, nachhelfen mit dem Stock, wenn das Gewehr sein Werk nur halb getan,

totmachen, so recht nach Herzenslust und noch Geld dafür kriegen, das ist ein Gaudium für den

armen Mann und für sein Kind eine Schule, in der es etwas lernen kann.

Der letzte Trieb, der schönste Trieb. Wer hätte das erwartet! Die meisten Herren und alle

Damen wurden von einem Rausch ergriffen. Angesichts solcher Massen Wildbrets wird der

kaltblütigste Jäger hitzig. Das Abc der Wissenschaft geht ihm verloren; er zielt kaum mehr,

kümmert sich nicht darum, ob »das Material« zuschanden geschossen wird.

Die Strecke bedeckt sich mit totem, verendendem, verstümmeltem Getier. Es düngt den Boden mit

seinem Schweiße; es wird geknickt, erwürgt; die Treiber binden ihm die Hinterläufe zusammen

und beladen ihre Stöcke mit der noch zuckenden Beute.

Maria hatte weggeblickt. Widerwillen, Ekel, ein großes Staunen erfüllte sie: die sich da

ergötzen an den Qualen eines armseligen Geschöpfs, das sind lauter gute Menschen.

»Gräfin, schauen S’ her«, rief Clemens mit seinem heitersten Lachen.

Auf zehn Schritte von ihm hatte ein alter blinder Hase sich hingepflanzt und machte ein

Männchen. Beide Löffel waren ihm abgeschossen, und die Farbe lief über seine erloschenen

Lichter. Er wischte sie mit den Vorderläufen langsam ab, schüt-telte sich, loste nach rechts

und nach links, senkte traurig seinen kugelrunden Kopf und sah unglaublich dumm aus.

»Den Gnadenstoß, ich bitte um den Gnadenstoß für ihn«, sprach Maria.

Clemens gab Feuer. Der Hase lag und – unweit von ihm der kleine Treiber, der aus vollem Halse

schrie und ein Bein in die Höhe streckte.

»Patzer!« rief Betty herüber.

Im selben Augenblick gab der Hornist das Zeichen zum Schluß.

Maria war auf den Verwundeten zugeeilt, Clemens folgte ihr langsam nach. Doktor Weise kam mit

Riesenschritten heran. Er trug eine Mütze mit Ohrklappen, stak in einem Pelze, der ihm die

Form eines Schilderhauses verlieh, und war mit doppelt soviel Jagdrequisiten behangen, als er

hätte verwenden können. Mühsam kniete er neben dem Jungen nieder, untersuchte ihn genau und

sprach: »Ich konstatiere, daß dieser adolescentulus an der sura des linken Beines von einem

Schrot gestreift worden ist.«

»Das ist alles, wirklich alles?«

Weise nickte: »Alles.«

Nun erhob der Bursche ein Geschrei, gegen das sein früheres nur ein Säuseln genannt werden

konnte. Er tobte und kreischte: »Ich hab eins, der Herr Doktor vergunnt mir’s nit, der Herr

Doktor lugt. Ich hab eins, ich hab ein Schrot und krieg fünf Gulden!«

»Immer die alte Komödie«, sagte Clemens.

Der Doktor aber sprach, nachdem er dem Patienten eine Maulschelle verabreicht und sich mit

Hilfe zweier Jäger aufgerichtet hatte: »Verzeihen, das ist Ihre Schuld, Herr Graf. Wenn man

jedem angeschossenen Treiber fünf Gulden fürs Schrotkorn bezahlt, darf man dann nicht staunen,

daß sich die Leute auf so leichte Art etwas verdienen wollen.«

In drei Sälen des Schlosses wurden die Gäste »magnifique traktieret«. Hermann erhob sich und

leerte sein Glas »auf aller braven Jäger Gesundheit«. Die Hifthörner bliesen, und zum Finale

ließen die Jägerburschen das Waldgeschrei ertönen.

Es war das stilvollste Fest, das man denken konnte, und mit weit mehr historischer Treue

ausgerichtet, als der größte Teil der Gesellschaft zu würdigen verstand. Doch freute sich

jeder an der entfalteten Pracht, am Reichtum und Geschmack der Kostüme.

Besondere Bewunderung erregte Carla Wonsheim, die entzückend aussah in ihrem grünen, mit

weißem Atlas ausgeschlagenen Sammetgewand und dem dunkeln Federbarett auf ihrem hübschen

Kopfe. Sie schien in einem Diamantenregen gestanden zu haben, denn sie war vom Scheitel bis zu

den Füßen mit einzelnen dieser funkelnden Edelsteine wie übersprüht.

»Wen stellen Sie vor?« fragte eine junge, schlanke Landedel-frau mit auffallend schönen Augen,

Baronin Wlasta Wynohrad. Die Damen Wonsheim waren ihr wie Sterne aufgegangen an ihrem

beschränkten Horizont, und sie kannte keinen höheren Ehrgeiz, als in der Nähe ihrer Idole

geduldet zu werden.

»Wen ich vorstelle? – das weiß die Frau vom Haus«, gab Carla zur Antwort, »die hat unsere

Kostüme vorgeschrieben.«

»Das meine nicht! Ich lasse mir nichts vorschreiben. Ich bin die Pfeife, nach der bei mir

alles tanzt. 18. Jahrhundert, Jagdkostüm – va bene. Das weitere ist meine Sache.«

Carla ließ einen »unvertrauten« Blick über die Toilette der Baronin gleiten und dachte: Nicht

recht präsentabel, die brave Frau.

Diese zog ihre mageren Schultern in die Höhe, streckte den langen Hals und ließ die

Freudenbotschaft von ihren Lippen schweben, daß sie den nächsten Winter in Wien zubringen

werde.

»So?« sprach Carla.

»Ja, ja, und ich werd schon oft zu Ihnen kommen und Sie bitten, daß Sie sich meiner annehmen.

Die Wiener Société ist sehr unfreundlich gegen neue Erscheinungen.«

»Nur, wenn sie un-comme-il-faut sind.«

»Na, das ist natürlich – gegen die bin ich geradeso … Aber je, da schauen Sie her! die

Wilhelmischen fangen schon an zu tanzen. Komm … Oh weh!« unterbrach sie sich, »jetzt hab ich

mich wieder versprochen, ich bitt um Verzeihung!«

Ihre Entschuldigung wurde mit einem Kopfnicken quittiert. Sie ließ sich dennoch nicht

abschrecken. »Gehen wir in den anderen Saal«, sprach sie und schob zutunlich ihren Arm unter

den der Gräfin.

»Der Tausend«, lachte die, »wir sind ja sehr intim, wir zwei! Davon hab ich noch gar nichts

gewußt.«

Wlasta errötete bis an die Ohren, und Carla fuhr unbarmherzig fort: »Warum denn nicht? als

Nachbarn auf dem Lande;das hat keine Konsequenzen – in der Stadt, mein ich. Man ist dort

schrecklich in Anspruch genommen. Ich könnt Ihnen, sehen Sie, liebe Baronin, nicht einmal eine

Stunde geben, zu der ich zu treffen bin.«

Die Baronin war nahe daran, von einem Herzkrampf ergriffen zu werden. Sie rang nach Atem und

brachte mit niedergeschlagenen Augen und gebrochener Stimme die Worte hervor: »Ich bin eine

geborene Zastrisl.«

»Nein, was Sie sagen!« erwiderte Carla mit heiterem Erstaunen über diese blendende Enthüllung.

Dann ging sie, gefolgt von ihrem sehr düster gewordenen Schatten, auf Maria zu, die, umringt

von einigen äußerst beflissenen Herren, auf einem Sofa, der offenen Tür des Tanzsaales

gegenüber, saß.

»Die Baronin«, sprach sie, »möchte wissen, wen ich vorstelle.«

»Du bist«, lautete die Antwort, »die lebendige Nachbildung eines Porträts der Gemahlin des

Herzogs Rudolf von Braunschweig-Lüneburg.«

»Lüneburg? Hab mein Lebtag nichts von dem Neste gehört.«

»Ich auch nicht, aber jetzt merk ich mir’s«, sprach Betty, die gleichfalls herangetreten war

und die Hand auf Marias Schulter legte. »Man wird so gelehrt in Dornach. Es geschieht alles

mögliche für die Bildung der Gäste. Das heutige Fest, zum Beispiel, hast du, wett ich, nur

arrangiert, um uns hinterrücks etwas aus der Geschichte beizubringen und aus der Geographie.«

»Solche Lektionen kann man sich schon gefallen lassen«, fiel Carla ein, und Betty rief: »Oh,

wie hab ich mich unterhalten! Es war furchtbar lustig.«

»Und was denn am lustigsten?« fragte Maria.

»Die Jagd natürlich. Ich hab einunddreißig Hasen geschossen und einen Fuchsen, den mir

übrigens mein schußneidiger Mann abdisputieren will. Und du hast dich doch auch unterhalten?«

»Auf der Jagd nicht.«

Die kleine Frau war außerordentlich erstaunt: »Wie kann das sein?«

»Es ist mir eingefallen, daß wir uns an Qualen ergötzen. Der Anblick der jämmerlich

zugerichteten Tiere hat mich verstimmt.«

»Entschuldigen Sie, Gräfin, das ist Empfindelei«, sprach ein jugendlicher, etwas affektierter

Diplomat.

»Behauptet die Gedankenlosigkeit«, versetzte Maria halblaut, wie zu sich selbst redend.

In ihm aber brodelte es vor Unwillen; fast wäre er aufgefahren. Gestern erst hatten einige

seiner hier anwesenden Freunde von Marias Unnahbarkeit gesprochen, und er hatte sich in die

Brust geworfen und mit offenkundiger Absicht gesagt: »Ja, ja, ihr zu gefallen ist nicht

leicht. Man muß eben geistreich sein.«

Und jetzt, und noch dazu in Gegenwart der Zeugen seiner Prahlerei: Gedankenlosigkeit! Er

wollte eine schlagende Antwort geben, da ihm aber nichts besonders Passendes einfiel,

entschloß er sich zu schweigen. Die kleine Beschämung, die er erlitten hatte, war verschmerzt,

als Carla sich mit den Worten zu ihm wandte: »Ich bin Ihnen noch einen Walzer schuldig vom

Fasching her. Soll ich bezahlen?«

Sehr geschmeichelt erhob er sich und wirbelte mit ihr davon.

Vetter Wilhelm aber, der bei Wonsheim in hohen Gnaden stand, mußte mit Betty tanzen, um zu

büßen für den schmachvollen Verdacht, den er geäußert hatte, daß sie müde sei.

»Was? müd – ich?… Ich bestell mir ein Pferd her um sechs Uhr früh und mach noch einen Ritt von

ein paar Stunden.«

Wilhelm lachte: »Ganz wie ich, damals, als ich noch Leutnant war bei Kaiser Nikolaus-Husaren.«

Maria blickte sinnend, mit immer unbeweglicher werdenden Augen, in das Gewühl fröhlicher,

geputzter Menschen, und was sie sah, war seltsam. – Das glänzende Bild goldbetreßter Herren,

von Juwelen strotzender Damen, des altertümlichen Prunkgemachs, worin sie sich bewegten, wurde

durchscheinend und verschwand schemenhaft von einem tief dunklen Hintergrunde. In dem war ein

Brausen und Grollen, wie es dräut im sturmgepeitschten Meer. Die Wellen türmten sich bis zum

Himmel, stürzten in unermeßliche Tiefen, stiegen wieder empor, um wieder zu sinken, ein ewiges

Auf und Nieder.

Und ein Wehgeheul entrang sich diesem grausen Getümmel gejagter, jagender, verschlingender,

verschlungener Wellen: denn sie bestanden aus Tier- und Menschenleibern; sie waren das

gequälte Geschlecht der Lebendigen, und der Ozean, der diese Fluten rollte, war ein Ozean des

Leidens …

Manchmal erglänzte hoch am Horizont ein blinkender Stern, und Millionen von Menschenherzen

erhoben sich, sehnsüchtige Augen tranken lechzend sein zitterndes Licht. Aber nicht lange, und

sie wußten: Der ihnen dort erglommen, der verheißende Schein, war nur ein Widerschein des

Trostverlangens, der Hoffnung – in ihrer eigenen Brust.

Und weiter rollt der Ozean des Leidens seine stöhnenden Fluten.

Aber sieh! – was kommt auf ihnen dahergeschwommen?… In bewimpeltem Schifflein eine lustige

Schar übermütiger Männer und Frauen. Sie scherzen, sie spielen, sie liebeln und fahren

sorgenlos hin – demselben Ende zu, das der Gepeinigten wartet …

»Woran denkst du?« fragte plötzlich eine sanfte Stimme. Maria schrak auf wie aus einem Traume.

Helmi stand neben ihr.

Und andere kamen, und der Diplomat machte ihr auf Tod und Leben den Hof, und Clemens Wonsheim

fühlte mit Mißbehagen, daß er einmal wieder im Begriff sei, sich in die Frau eines seiner

Bekannten zu verlieben, und sagte sich selbst: Unsinn, dabei schaut wirklich nix heraus.

Einmal im Laufe dieser Nacht trat Maria an die Glaswand des Altans und schob den Vorhang

zurück. Da lag vor ihr die weite, beschneite Landschaft, weißschimmernd, heller als der

Himmel. Oh, diese anbetungswürdig schöne und doch peinerfüllte Erdenwelt … Dein Werk, du

unbegreiflicher, unbekannter Gott … Sie besann sich eines Spruchs, den sie in einem alten Buch

gelesen, und der lautete:

Als Vorsehung magst du ihn hassen,

Den Künstler mußt du gelten lassen.

Einst hatten diese Worte ihr religiöses Gefühl verletzt … Einst!

15

Das Fest in Dornach rief eine Reihe mehr oder minder glücklicher Nachahmungen hervor. Es gab

Bälle auf allen Schlössern der Umgebung, sogar bei Wilhelms wurde getanzt, zum ersten Male,

seitdem sie Haus hielten. Später kam der Eissport in Aufschwung, und man huldigte ihm auf das

eifrigste. Da zeigte sich Gustav Wonsheim in seinem Glanze.

»Wenn’s friert«, sagte Carla, »dann kommt mein Mann in Feuer.«

Er fuhr wie ein Norweger auf dem Schneeschuh bergab und bergan; er verstand die Eispike zu

gebrauchen wie ein Holländer; auf dem Eislaufplatz beschämte er den Amerikaner Haynes. Seine

Unermüdlichkeit im Veranstalten immer neuer Wintervergnügungen im Freien war erstaunlich.

Im Dezember dieses Jahres gewann er, ohne Notiz davon zu nehmen, die Herzen von sechzehn

benachbarten Damen;doch wandten sie sich im Februar fast alle von ihm ab, als ihn Hermann bei

einem tollkühnen Schlittenrennen glorreich besiegte.

Die Zeit verrann. Von Woche zu Woche wurde in Dornach und in Rakonic die Abreise nach Wien

verschoben und endlich ganz aufgegeben. Die Balzjagden hatten begonnen, die Herrschaften

fuhren fort, sich auf dem Lande prächtig zu unterhalten.

Maria führte ein eigentümliches Doppelleben. Heute eine zweite Elisabeth von Thüringen, morgen

eine Vollblut-Sportslady, die das starke Geschlecht oft übertraf an Kühnheit und »Schneid«.

»Ein Mordsweib, die Dornach«, sagte Clemens seufzend zu seinem Bruder. Und Gustav erwiderte

zwischen zwei Zügen seiner Zigarette: »Das weiß der Teufel!«

Clemens ließ sich in seinem Fauteuil hinabgleiten, streckte die Beine weit aus und legte den

Kopf zurück. »Wie sie gestern so scharf hereingfahren is!« sprach er. »Auf einmal ruft die

Betty sie an. Ein Ruck – und die Braun’ stehn wie die Mauern.«

»Ich sag’s ja, als four-in-hand-Kutscher kommt ihr keiner nach.«

»Das Aug, die Hand und – die Ruh.«

»Der Kerl, der Hermann, der hat ein Mordsglück mit der Frau.«

Dem Beneideten indessen schien das, was die hohe Zustimmung der Nachbarn erweckte, ein

unheimliches Wunder. Er suchte sich die leidenschaftliche Zerstreuungssucht Marias als einen

Rückschlag gegen ihre frühere Melancholie zu erklären. Pendelschwingungen der Seele, von dem

Äußersten zu jenem, die nichts sind als Vorbereitungen zur Rückkehr in ihre schöne, wohltuende

Gleichmäßigkeit.

Eines Morgens kam Maria heim nach wildem Ritte durch die kaum wegsam gewordenen Wälder. Aus

ihren schweren Flechten, die sich nicht völlig unter den Hut hatten zwängen lassen, standen

die Spitzen der Haare hervor, glänzend wie Seide; unbändige Löckchen kräuselten sich über den

aufgeregt funkelnden Augen, die schlanken Nasenflügel zitterten, zwischen den leicht

geöffneten Lippen blinkten die weißen Zähne hervor. Hastig berichtete sie von einer neuen

Verabredung mit Wonsheims für den Abend.

Eine Regung der Eifersucht durchzuckte das Herz ihres Mannes; doch machte er sich sogleich

einen Vorwurf daraus. »Du hast dich unterhalten?« fragte er.

»Oh, königlich!« gab sie zur Antwort, und er strich leise über ihre geröteten Wangen: »Den

nächsten Winter verleben wir in der Stadt, wenn es dir recht ist. Auf dem Lande haben wir zu

wenig Ruhe, was meinst du?«

»Was du meinst«, gab sie zur Antwort, und seine unausgesprochene Rüge verfehlte nicht ihre

Wirkung.

Maria besann sich auf sich selbst. Ein Wort Hermanns hatte sie aus dem Rausche geweckt, in dem

sie eine Art von Frieden gefunden.

Nun wollte sie mehr als seinen Schein, sie wollte ihn selbst wiedergewinnen, den echten

Frieden, ohne den das Leben nutzlos und töricht ist.

Sie begann ihn zu suchen im Buch der Bücher, in den Worten der Schrift, die sich nicht an die

kalte Tugend wenden, die für den reuigen Sünder gesprochen sind. Ihm gelten diese

Verheißungen, dem armen Zöllner, der büßenden Magdalena öffnen sich Vaterarme.

Maria erflehte und erhielt Entsühnung durch den Mund eines ehrwürdigen Priesters und blieb vor

sich selbst – unentsühnt.

»Was hilft Ihre Verzeihung, mein Vater, wenn ich mir nicht verzeihen kann?« fragte sie, und

der alte Seelenhirt erwiderte:

»Hat meine Tochter vergessen, daß es die Verzeihung des Allbarmherzigen ist und nicht die

meine, die sie in der heiligen Beichte empfängt?«

»Wenn es die Verzeihung Gottes ist, warum fühle ich ihre Segnungen nicht? Warum trete ich von

dem Tische des Herrn mit so schwerem Herzen hinweg, als ich ihm nahte?«

Ihr Gewissensrat holte vergeblich Trostgründe ohne Ende aus dem unerschöpflichen Born des

Glaubens hervor, dessen treuer Bekenner er war.

Sie lag vor ihm auf den Knien im Beichtstuhl der Schloßkapelle, das Angesicht mit den Händen

bedeckt, und schluchzte.

Der Priester ließ einen Blick voll Wehmut über die Ringende gleiten und sagte nach langem

Besinnen: »Die Wege des Herrn sind unerforschlich. Es ist schon vorgekommen, daß ein reiner

Mensch mit Zulassung Gottes in der Versuchung unterlegen ist. Das geschieht, damit dieser

Mensch sich nicht überhebe in seiner Tugend. Er fiel, ja, aber – dem Allgütigen zu Füßen,

dessen er im Frevelmute vergessen und zu dem die Reue ihn zurückgeführt. Dort liegt er fortan

in Demut und Zerknirschung, einer von denen, die dem Herzen des Ewigen näherstehen als hundert

Gerechte.«

Er gab ihr seinen Segen. Sie erhob sich stumm, und nie wieder klagte sie ihm ihr Leid.

Der alte Geistliche aber beugte seinen kahlen Scheitel in frommer Einfalt vor dem Bilde des

Gekreuzigten bis zur Erde und sprach ein heißes Dankgebet: Sei gepriesen, daß du auf die

Lippen deines unwürdigen Dieners die Worte legtest, die eine Seele vor der Verzweiflung

gerettet haben.

Maria ging von nun an ihren Weg allein und suchte nicht mehr nach Betäubung oder Stütze.

Äußeren Gleichmut hatte sie endlich errungen, der half ihr die schwere Seelenpein verbergen,

ja, er wuchs mit ihrem Streben nach Vervollkommnung. Sie war nachsichtslos gegen sich selbst,

wenn es die Erfüllung auch der geringsten Pflicht galt – und hatte gegen ihre erste und

höchste gesündigt. Sie trug das verfeinertste Rechtsgefühl in der Brust, und – neben ihr wuchs

die Frucht des Unrechts auf; ein Eindringling, ein kleiner Dieb, der genoß, was ihm nicht

zukam. Über ein schmerzliches Mitleid ging die Empfindung Marias für das Kind nicht hinaus.

Aber Hermann, Vater und Sohn, schienen ihm die Zärtlichkeit ersetzen zu wollen, die seine

Mutter ihm versagte. Der vierjährige Majoratserbe, ein großer, stämmiger Junge, der so kühn

und stolz einherging, als ob die Erde ihm gehörte, zerschmolz vor dem »Kleinen« in Liebe und

Ergebenheit. Seiner Natur nach kriegerisch und immer aufgelegt, zum Schlage auszuholen mit

seinen Fäustchen, entfaltete er jeder Laune seines Nachgeborenen gegenüber eine erstaunliche

Geduld. Er parierte seine hölzernen Pinzgauer im sausendsten Galopp, wenn Erich mit Tränen in

der Stimme rief: »Genug, die Pferde sind schon müd.«

Überlegen lächelnd sah Hermann zu, wie sein Bruder die Gäule unter einer Gartenbank vor ihm

versteckte, sie fütterte und sie zudeckte mit dem Taschentuch.

Der Große beschützte den Kleinen bei hundert Gelegenheiten; dieser beschützte die Hunde vor

Hermanns derben Zärtlichkeiten. In solchen Fällen gab es Püffe; doch immer war’s der Schwache,

der sie versetzte.

Ein festes Band zwischen den Geschwistern war die Freude am Erzählen des einen, die Freude am

Zuhören des andern. Es glänzte etwas wie Verehrung in Erichs Augen, wenn er den Geschichten

seines Bruders lauschte. Diese hatten eine merkwürdige Ähnlichkeit untereinander und handelten

immer wieder von der Wüste, vom Sturm und von den Löwen. Manchmal, wenn sich die Wüste so

unermeßlich dehnte, daß sie größer wurde als die Wiese drüben hinter dem Bach, und wenn der

Sturm es zu wild trieb und die Löwen zu blutdürstig wurden, da überlief’s den Kleinen; sein

Gesichtchen zog sich in die Länge, er verschränkte seine Finger krampfhaft über den Knien und

ließ den Kopf auf die Brust sinken.

Glücklich über den Erfolg seiner Erzählungskunst, warf Hermann den Kopf in die Höhe und rief:

»Und ich werd hingehen und die Löwen totschießen!«

Das war der Höhepunkt seines Triumphes, und er genoß ihn ungestört, bis eines Tages der Kleine

aufsprang, die Arme ausbreitete und völlig begeistert sprach: »Und Erich wird zuerst hingehen

und wird den Löwen zu essen geben.«

Von Stund an begann er, den Gedanken an die Reise zu den Löwen mit einer weit über seine Jahre

gehenden Beharrlichkeit nachzuhängen. Der Richtung zugewandt, die Hermann als diejenige

bezeichnet hatte, in der die Löwen wohnen, konnte er ganz in Gedanken versinken und still und

freudig lächeln, als ob die schönsten Bilder vor ihm auftauchten.

Seine Mutter bekämpfte den Hang zur Träumerei in dem Knäblein. Sie lehrte ihn spielen; sie

zürnte, wenn sie ihn müßig fand. Doch selbst ihr Zürnen war ihm Glück und Gnade, sie

beschäftigte sich ja mit ihm. Er hörte ihr zu, stand wie ein Bildsäulchen und blickte mit

seinen strahlenden Augen andächtig zu ihr empor.

Maria hielt den liebewerbenden Blick des Kindes nicht lange aus.

Sie trat fort von ihm, sie fragte sich schaudernd: Sieht denn niemand außer mir diese

entsetzliche Ähnlichkeit? – Niemand, antwortete ihr die Unbefangenheit der Ihren, der Fremden,

eines jeden, der dem Kinde nahte und in Bewunderung des reizumwobenen Geschöpfchens ausbrach.

Sein besonderer Verehrer war der Doktor, obwohl er sonst gesunden Kindern keine Beachtung

schenkte. »Der Herr Graf Erich soll, wie ich höre, geistlich werden«, sagte er zu Lisette, die

lange mit ihm geschmollt, es aber zuletzt aufgegeben hatte, weil er so gar nichts davon

bemerkte. »Da prophezeie ich Ihnen, aus dem macht man keinen Domherrn. Der bleibt nicht im

Lande – der wird ein heiliger Reisender, ein Missionär. Schon jetzt ein Menschen- und

Tierfreund und dazu einen unwiderstehlichen Zug hinaus ins Universum.«

Die gute Helmi und Wilhelm sagten oft, daß sie sich einen Neunten gefallen ließen, wenn er ein

Seitenstück zu Erich wäre: »So poetisch schöne Kinder sind gewöhnlich kränklich, dieser aber

sieht aus und befindet sich wie ein Cherub.«

Den Vergleich hatte zuerst Gräfin Agathe angewendet. Sie entriß sich des bevorzugten Enkels

wegen früher als sonst ihrer klösterlichen Einsamkeit. Den scherzenden Vorwurf Hermanns, er

hätte nie geahnt, daß sie so schwach und nachsichtig sein könne, wie sie es gegen seinen

zweiten Sohn war, ließ sie sich gern gefallen. – Er erinnerte eben an seinen Großvater.

Die Gräfin hatte das festgestellt, und es blieb für die Mitglieder der beiden Häuser Dornach

ein Familiendogma, was soviel heißt als ein Satz, an dem der gesunde Menschenverstand und die

tiefste Einsicht zuschanden werden.

Als der Fasching heranrückte, mahnte die Mutter Hermanns ihn und Maria von neuem an ihre

Pflichten gegen die Gesellschaft. Graf Wolfsberg, mit Geschäften überhäuft und dadurch an Wien

gebunden, sehnte sich nach seiner Tochter. Gräfin Dolph schrieb:

»Ihr seid noch zu jung, um ganz zu verlandeln. Kommt, obwohl hier nicht viel los ist. Die

Menschen werden immer dümmer und ihre Manieren immer schlechter. Früher wußte ich genau, ob

ich mit einem Fiaker rede oder mit einer Komteß, jetzt irre ich mich alle Augenblick. Ob es

noch junge Herren gibt, werdet wohl Ihr erfahren; eine alte Frau, bei der man etwas Geist, den

Erbfeind dieser Rasse, vermutet, kann sie für ausgerottet halten. – Ich gehe mit dem Gedanken

um, literarische Abende zu veranstalten, aber – die Literaten sind sämtlich Atheisten – meine

Nulle ist dagegen. Um diese Seele sind wir im Streite, der liebe Gott und ich. Ich glaube, ich

werde sie ihm überlassen.

Euere Wonsheim haben mich besucht. Beide Männer sind in Dich verliebt, Maria, zwei Waschbären,

die den Morgenstern anschmachten. Sobald von Dir gesprochen wird, schnappen ihre Gesichter in

die Falten der Demut ein.

Die besseren Hälften Wonsheim fangen an sich zurückzuziehen. Aus Gründen, die man –

wahrscheinlich um über ihre bitterliche Prosa hinwegzutäuschen – interessante nennt.

Liebes Kind, mein Horace Walpole beschämt sein Urbild;er schreibt mir nicht nur

bewunderungswürdige und ergötzliche, sondern auch liebevolle Briefe. Freilich wagt er nicht

viel dabei, auf diese Entfernung. Das ist mein Schicksal. Der einzige gescheite Junggeselle

auf Erden und – Meere zwischen uns. Immer die alte Geschichte, alles Wiederholung auf dieser

Erde, die ja selbst keine Originalschöpfung des lieben Herrgotts, sondern nach einem vom

Teufel verfertigten Modell ausgeführt ist. Ich hab’s aus sicherer Quelle.

Und nun sage ich Euch nochmals: kommt! reißt Euch los von Eueren Iffländern, Wilhelm und

Helmi, die ich grüße, und von Euerem Euer Geld, Euere warmen Suppen und Jacken liebenden

Volke.

Zuletzt die Tagesneuigkeit: Alma ist in Wien. Wir hörten, daß sie einschrumpfe vor Langeweile

auf ihrer Burg im Wald. Da schrieb ihr Dein Vater die Barmherzigkeitslüge: ›Ihre Freunde

vermissen Sie, warum halten Sie sich fern?‹ Sie antwortete: ›Ich werde mich ewig fernhalten‹,

und – war da.«

»Wirst du sie sehen?« fragte Hermann.

Maria errötete bis an die Stirnhaare: »Ja.«

»So kannst du ihr verzeihen?«

»Ich?… Wie käme es mir zu … Und irgendwem?« verbesserte sie sich, in Verlegenheit gebracht

durch sein Befremden über diese Worte. »Wer ist so rein, wer steht so hoch, daß er sich

anmaßen dürfte zu sagen: Ich verzeihe fremde Schuld.«

Wenige Wochen später begegnete sie Alma auf einem Balle, begrüßte sie zuerst, empfing am

folgenden Tage ihren Besuch und erwiderte ihn.

Fürstin Tessin dankte mit Tränen in ihren noch immer schönen Augen.

Die Freundschaft Marias war der stolze Besitz gewesen, auf den sie sich berufen konnte in

ihrem Kampfe zwischen ihrer Furcht vor der Meinung der Welt und ihrer Liebe zu Wolfsberg. Zwei

starke Empfindungen in einem schwachen Herzen, das nicht vermochte, der einen zu trotzen oder

die andere aufzugeben. So hatte sie sich durchs Leben gewunden, überaus höflich, überaus

gütig, in jedem, der ihr nahte, einen Richter sehend, den sie zu bestechen suchte. Als Maria

begonnen hatte sie zu meiden, da war ihr, als ob die letzte Hülle gerissen worden wäre von

ihrem durchsichtigen Geheimnisse. Jetzt aber hatte ihre Beschützerin sich wieder eingefunden,

und sie fühlte sich nach Möglichkeit neu hergestellt in den Augen der Menschen, deren Urteil

bei ihr die Stelle des Gewissens vertrat.

Graf Wolfsberg äußerte sich über die Wiederanknüpfung des Verkehrs zwischen seiner Tochter und

Alma weder zustimmend noch mißbilligend. Man geriet langsam in die alten Geleise zurück.

Wolfsberg spöttelte zeitweilig ein bißchen über »die gute Fürstin«; Maria verteidigte sie,

wenn auch nicht so warm wie einst.

Die Wahrnehmung Tante Dolphs erwies sich als richtig;beide Wonsheim liebten, gänzlich

hoffnungslos, die Frau Nachbarin vom Lande. Diese hatte seit einiger Zeit bedeutend

»ausgespannt«, aber trotzdem war und blieb sie – in der Stadt, wo sich unzählige Gelegenheiten

zu Vergleichen boten, sah man das erst recht – schön, elegant und sympathisch wie niemand.

Die Brüder gingen einzig und allein ihretwegen in die Welt. Betty und Carla, kürzlich Mütter

geworden, hüteten das Haus. Glückwünsche zu ihrer jungen Vaterschaft wiesen die Wonsheim

zurück: »Ich bitt Sie, es sind ja nur Mädeln.«

Der gute Kerl, der Hermann, bekam einen Sohn nach dem anderen, und sie bekamen – Mädeln. Sie

suchten Trost für dieses klägliche Resultat in allerlei Zerstreuungen.

Zu denen gehörte »der Spaß«, den der Umgang mit Fee ihnen machte. Sie waren ihre Vertrauten,

sie erzählte ihnen alles und das übrige. Zum Beispiel, daß sie eine überseeische Korrespondenz

führe und das Leben jetzt sehr ernst nehme, ja sogar, wie ein gewisser Jemand, der ihr

maßgebend war – von der Schokoladenseite. Daß sie mit dem Gelde umgehen lerne und ihre

Rechnungen nicht selten mit eigener – natürlich behandschuhter – Hand bezahle. Den Kurszettel

lese sie Tag für Tag. Es könne auf einmal dazu kommen, daß man gezwungen sei, Obligationen zu

verkaufen, um die Kosten einer weiten Reise, die vielleicht gar eine Hochzeitsreise sein

werde, zu decken.

Gräfin Dolph, bei der Fee den größten Teil ihrer Zeit zubrachte und die ebenso tief in ihre

Geheimnisse eingeweiht war wie die Brüder Wonsheim, machte ihr keinen Vorwurf aus ihrer

Plauderhaftigkeit.

»In der Welt, die nur eine erweiterte Familie ist, weiß ohnehin jeder alles von jedem«, sagte

sie eines Abends zu Fee in Marias Gegenwart.

»Glaubst du das wirklich?« fragte diese. »Ich meine, die Welt und die Familie wissen so gut

wie nichts von ihren Mitgliedern. Ich wenigstens«, brach sie plötzlich aus, »habe eine

Vorliebe für ihre Zurückgesetzten und eine heilige Scheu vor ihren Vergötterten.«

»Dann mißtraue dir selbst«, erwiderte Dolph.

»Vielleicht tu ich’s«, sprach Maria.

Die Tante zuckte die Achseln, scheinbar gleichgültig, in ihrem Innersten jedoch regte sich ein

stiller, immer wieder auftauchender unbequemer Zweifel: Sollte Tessins Liebe nicht unbelohnt

geblieben sein?… Pah! wer dem Unwiderstehlichen nicht widersteht, ist entschuldigt, setzte sie

in Gedanken hinzu und sprach: »Das sind, verzeih, krankhafte Übertreibungen.«

Selten nur ließ sich Maria zu dergleichen Äußerungen hinreißen. Sie wurden ihr von der Angst

ihres Herzens erpreßt, von der verzweifelten Versuchung: Komm der Entdeckung zuvor – jede

Stunde kann sie herbeiführen – der Zufall, der geheimnisvolle Weltbeherrscher, den keine Macht

der Erde abzuwenden vermag.

Das waren schwere Augenblicke, aber Maria hatte doch auch Zeiten des inneren Friedens –

diejenigen, in denen es ihr gelang zu vergessen. Mit weisem Bedacht, mit unendlicher Mühe übte

sie sich im Erlernen dieser großen, für so manchen seelenbefreienden Kunst.

Sie lebte in der Gegenwart, der Linderung des Leids, das ihr nahte, der schüchternen Liebe zu

ihrem Manne, der mit Wonne und Qual ausgeübten Sorgfalt für ihre Kinder. Oft wiederholte sie

sich das Trostwort: Ein ganzes Dasein der Rechtschaffenheit muß eine Stunde der Verwirrung

aufwiegen können … Können? – erhob der peinigende Zweifel in ihrer Brust seine Stimme –,

vielleicht, wenn dieses Dasein nicht so süß wäre, wenn die Folgen der Verirrung nicht

verkörpert atmeten.

16

Im Laufe des Winters hatte Gräfin Agathe öfters den Wunsch ausgesprochen, ihre Kinder und

Enkel unmittelbar nach ihrem Aufenthalt in der Stadt bei sich zu sehen. Sie kamen, und die

Gräfin verlangte immer von neuem eine Verzögerung der Abreise ihrer Gäste. Erichs wegen – das

Kind hatte es ihr angetan. Oft blickte Hermann ihr nach, wenn sie, viel älter aussehend, als

sie war, steif und feierlich dahinschritt, den Kleinen an der Hand, den sie ins Herz

geschlossen hatte und dem gegenüber sie es so bitter empfand, daß ihr die Gabe, mit Kindern

umzugehen, versagt geblieben.

Dem Kinde war unheimlich zumute bei dieser stummen Liebe. Was sollten die Spaziergänge, die

nirgends hinführten und während welcher nicht einmal eine Geschichte erzählt wurde? Erich

machte schwache Versuche, seine Hand aus der der Großmutter zu lösen, aber dann sagte sie:

»Bist du nicht gern bei mir, Erich?«

Er unterdrückte aus Angst das Nein, das ihm auf den Lippen schwebte, und fragte nach einer

Weile ganz verlegen: »Und was werden wir jetzt spielen?« worauf die alte Dame, nach einigen

mißlungenen Versuchen, sein Interesse auf einen vorbeischwirrenden Vogel oder auf eine Blume

am Wege zu lenken, ihn zur Kinderfrau zurückführte.

Es war schon Sommer, als die Familie endlich in Dornach eintraf. Auf den Wiesen trocknete die

erste Mahd. Betäubend fast dufteten die blühenden Linden; die Saaten standen hoch, die Vögel

flogen zu Neste.

Aus dem Wagen, in dem die letzte Strecke zurückgelegt wurde, riefen die Kinder jedem

Vorübergehenden jubelnd zu: »Wir sind da, wir sind wieder da!«

Ein eggendes Bäuerlein riß sein Gespann zusammen, daß die Kummete den Pferden bis an die Köpfe

rutschten, und schwenkte freudig den Hut. Weiber, die Gras sichelten am Raine, richteten sich

auf und grüßten unbeholfen: »Kommt ihr einmal nach Haus? – Wir haben schon geglaubt, wir sehen

euch nimmer«, sprach eine kleine, schiefe mit langen Armen. Und eine bildhübsche, schlanke zog

das Kopftuch über die Augen, stemmte die Fäuste in die Seiten und wand sich vor Lachen – aus

lauter Vergnügen. Die Schule spie eben ihren ganzen Inhalt an männlichen und weiblichen

Besuchern aus. Ein ohrenzerreißendes Geschrei erhob sich, Mützen flogen in die Luft, am

Ausgange des Vorgärtchens entstand ein großes Gedränge. Der Herr Katechet fuhr aus der Haustür

wie aus der Mündung einer Bombe mitten hinein in die lärmende Schar. Mit geübter Hand teilte

er rechts und links Klapse aus und grüßte dazwischen auf das ehrerbietigste zu den

Herrschaften hinüber.

Hermann befahl anzuhalten, man wechselte einige Worte, die ganze Schule wurde für den nächsten

Sonntag zu einem Kinderfest im Parke geladen, und die Equipage fuhr davon. In ihrer Begleitung

ritt seit der Ankunft auf der Bahnstation ein Einjährig-Freiwilliger vom zwölften

Dragonerregimente. Ein schöner, großer Mensch, hellblond, blauäugig, mit gutmütigem

Kindergesicht. Es war Willi, Wilhelms Ältester, auf einem mächtigen Braunen, einem Geschenk

Hermanns.

Der junge Mann hatte im Vorjahre ein glänzendes Zeugnis der Reife erworben, stationierte jetzt

in der Nachbarschaft und sollte im Herbst unter der strengen väterlichen Zucht von der Pike

auf anfangen in der Wirtschaft zu dienen. Ihm kam es zu, einzuspringen für seinen Vater, im

Falle dem heute oder morgen die Kraft versagen sollte, den Unterhalt zu schaffen für die

Seinen. Und mehr als den Unterhalt, nach Wilhelms Begriffen sogar den Wohlstand. Immer waren

seine Kinder satt vom Tische aufgestanden, immer ward jedem der acht Rangen Gelegenheit

geboten zu lernen, von früh an schon in die Bahn einzulenken, auf die seine Neigung und sein

Talent ihn trieben. Und die Urheberin der Möglichkeit, ihnen soviel zu bieten, das war die

gute heimatliche Erde, die alles hergab, was ein getreuer Sohn und Pfleger von ihr verlangen

durfte.

In schweren Zeiten, die dem Landwirt nicht erspart bleiben, hatte sich Wilhelm manchmal dazu

bequemen müssen, die mit erfinderischer Delikatesse dargebotene Hilfe seines Vetters

anzunehmen. Aber es geschah so widerstrebend, daß Hermann immer die Geduld verlor: »Was soll

das? Du beleidigst mich … Meine brüderliche Liebe nimmt er an, ja; meine armseligen Groschen –

ah, Gott bewahr’s, nein, die nicht! da wird protestiert. Warum, möcht ich doch wissen, warum?«

»Weil ich den nicht mag, dem ich etwas schuldig bin«, antwortete Wilhelm und bekam einen

blauroten Kopf. »Nicht mag, hol ihn der Kuckuck, ich sag’s, wie’s ist! Wenn mir einer unter

die Arme greift, komm ich mir vor wie ein Bub. So bin ich. Mach mich anders, wenn du kannst.«

Das allerdings konnte Hermann nicht, und ganz gut und herzlich wurde Wilhelm erst wieder,

nachdem er die bei seinem nächsten Verwandten und besten Freund eingegangene Schuld abgetragen

hatte. Ja, er war unverbesserlich und Hermann der letzte, der zum Prediger in der Wüste, zum

Prediger überhaupt taugte. Wenn etwas seinen Spott reizte, war’s der Hang zur Hofmeisterei,

von dem die meisten Leute erfüllt sind, den sie aber ins Gewand einer Tugend kleiden und für

Teilnahme ausgeben. Hermann vermochte nicht einmal einen Fehler, unter dem er litt, an

Menschen, die er wert hielt, zu rügen.

So schwieg er auch lange dazu, daß Maria ihr liebliches zweites Söhnchen auffallend gegen den

älteren, den selbständigen, von Kraft strotzenden Knaben zurücksetzte, und verbarg ihr sein

schmerzliches Befremden bei jedem Zeichen der Ungleichheit in ihrer Empfindung für ihre

Kinder.

Sie ahnte vielleicht nichts davon. Die Veränderung in ihrer ganzen Art und Weise, wenn sie

sich von dem Kinde zu jenem wandte, ging vor – ihr selbst unbewußt. Wenn aber unbewußt, warum

geschah es dann, daß Maria eine manchmal dem Kleinen gespendete Zärtlichkeit wie einen an

ihrem Erstgeborenen begangenen Raub anzusehen schien, den sie hundertfach zu vergüten suchte?

Danach fragte er sie endlich doch, und ihre Antwort war ein so peinlich verwirrter Blick, daß

Hermann dachte: Sie gibt sich Rechenschaft von ihrer Ungerechtigkeit, bekämpft gewiß das

Gefühl, das sie dazu treibt, und wird es auch besiegen.

Um diese Zeit übersiedelte Fee, die sich kürzlich im Gefolge Tante Dolphs in Dornach

eingenistet, zu ihren Freunden Wonsheim.

»Prächtige Leut, die da drüben«, sagte sie, »es is aber vor Langerweil bei ihnen nicht

auszuhalten. Immer nur die Familie Wilhelm, immer nur Eintracht, immer nur Liebe – und noch

dazu eine, bei der man nicht beteiligt is … Nein, ich dank!«

Die Brüder gaben zu überlegen, ob es nicht recht praktisch wäre, abermals aufzumischen. Ein

Versuch, der gemacht wurde, fand jedoch wenig Anklang. Es stellte sich bald heraus, daß die

amüsanteste Person im Hause Dornach in diesem Augenblicke »die alte Dolph« war. Sie hatte

wenigstens eine gehörige Leidenschaft für das Lawn-Tennis, den einzigen Sport, den die »fad«

gewordenen Nachbarn nicht aufgehört hatten zu pflegen. Ihre Kopfschmerzen quälten sie auf dem

Lande weit mehr als in der Stadt; unter allen Dingen, die sie anfeindete, nahm die Zugluft

einen hervorragenden Platz ein, trotzdem aber konnte sie beim Tennis stundenlang ausdauern in

ihrer Rolle als Schiedsrichter, als drakonisch strenger Umpire.

Weil sie dabei Gelegenheit findet zu seckieren, dachte Fräulein Nullinger.

Wenn die Gesellschaft Wonsheim in ihrer Stage-coach zum Spiel nach Dornach fuhr, mußte sie

sich’s nicht selten gefallen lassen, der unwissenden Bevölkerung zum Gegenstand einer nicht

schmeichelhaften Aufmerksamkeit zu dienen. Die Herren in ihren hohen weißen Filzhüten, weißen

Jongleuranzügen, weißen Zwirnhandschuhen, die Damen schürzenumgürtet wie die kleinen Schmiede

von Demavend, den Brustlatz geschmückt mit grellfarbigen heraldischen Emblemen, wurden oft für

eine Truppe Seiltänzer gehalten.

Natürlich waren sie samt und sonders im Tennis von einer Stärke, die sie berechtigt hätte, die

englische Partie mitzuspielen. Hermann und Maria gaben ihnen wenig nach, und da kamen denn

Serien vor, die kein Ende nahmen. Sogar die Gegner mußten einander bewundern, nur der Umpire

war nie ganz zufriedenzustellen.

Trotzdem mit unvergleichlicher Grazie haarscharf über das Netz serviert, mit fast nie

fehlender Sicherheit aufgenommen wurde, ein Ball oft dreißigmal hin und her flog, bevor er zu

Boden fiel, ließ sich Tante Dolph dennoch nur zu einem bedingten Lobe herbei.

»Recht gut, meine Kinder; für eine einheimische Leistung gar nicht übel. Im Auslande würdet

ihr abblitzen … Schreit nur, ich kann euch nicht helfen. Ganz kürzlich hatte ich den Besuch

eines Fräuleins van Nieuwenhuis-Kabeljau, die erste Tennisspielerin der Welt. Die trägt einen

Handschuh Nr. 61/2 an der linken, einen Handschuh Nr. 8 an der rechten Hand und ist, sage ich

euch, so schief wie eine im Umkippen begriffene Treck-Schuite vor lauter Raketenschwingen. Das

nenn ich Übung, und nur so erlangt man die Meisterschaft.«

»Und einen Buckel«, erwiderte Fee; »der möcht mich doch genieren.«

»Dilettantin! diese Jufvrouw ist stolzer auf ihn als ein Held auf seine Narben.«

»Hat auch alle Ursach«, erklärte Betti Wonsheim, betrachtete ihre rechte Hand und schmeichelte

sich im stillen: Etwas größer als die linke ist sie, Gott sei Dank, doch schon.

Vor der Abfahrt der Gäste wurde noch Verabredung für den morgigen Nachmittag genommen, an dem

ein Waldfest stattfinden sollte. Gräfin Dolph gab es am Marienfeiertag im August.

Sie fand nötig, sich dankbar zu erweisen für die vielen Freundlichkeiten, die sie bereits in

der Gegend genossen hatte. »Meine Einladung zu einem Pläsierchen, wie man vorzeiten in Wien

sagte, ist nichts anderes als eine Retourchaise, meine Herrschaften Wilhelm und Wonsheim; sie

soll euch einen kleinen Teil des Vergnügens wieder hereinbringen, das mir eure

Liebenswürdigkeit schon bereitet hat.«

Groß und klein versprachen sich Wunder. Das Waldfest – Fee hatte der guten Nullinger das

Geheimnis herausgelockt – bildete nur einen Vorwand, um Hermann und Maria für eine Weile vom

Schlosse zu entfernen. Bei der Rückkehr wartete ihrer eine großartige Überraschung,

zauberhafte Beleuchtung des Schlosses und des Gartens, Feuerwerk, von Stuwer in Person

angeordnet.

Ort und Stunde des Stelldicheins wurden bestimmt. Man beschloß, um vier Uhr nachmittags beim

ehemaligen Vogelherd zusammenzutreffen. Die meisten wollten einen Umweg durch den Wald nehmen

und zuerst die Burgruine ersteigen. Tante Dolph und Helmi zogen es vor, bei den Kindern zu

bleiben, die mit ihrer Begleitung direkt zum »Uhuhaus« geschickt werden sollten.

Es war ihr Lieblingsplatz im Walde und zu Wagen in einer halben Stunde leicht erreichbar. Die

verlassene, von Schlingpflanzen überwucherte Vogelhütte erweckte das große Interesse Hermanns

und Erichs. Sie rüttelten an der verschlossenen Tür, sie guckten mit heißer Neugier und

leisem, köstlichem Gruseln durch die winzigen, hinter Drahtgittern halb erblindeten

Fensterscheiben. Wer recht lange und recht aufmerksam schaute, wer den Augenblick erwischte,

in dem der Wind das Gezweige der Bäume bewegte und ein Sonnenstrahl durch das geborstene Dach

in den dunklen Raum dringen konnte – der sah etwas: die Trümmer eines Ofens und eines

Lerchenspiegels, Netze, von Mäusen zernagt; sah ein Wiesel, das von einem Loch in der Wand zum

anderen huschte, und auf einer morschen Stange einen Uhu. Und der böse Raubvogel hatte nur

noch einen Flügel und ein Glasauge, und das war fürchterlich und sandte gelbe Blitze aus,

sooft ein Streiflicht darüber hinglitt … Oh, die Hütte unter den Erlen barg Erstaunliches! –

nur zum Glück keine Gefahr mehr für Finken und Meisen und Rotkehlchen, und wie sie alle

heißen, die kleinen Sänger. Getrost durften sie sich jetzt niederlassen auf die Zweiglein, die

auf und ab schaukelten unter der leichten Last. Singt, trillert, jubelt und schwingt euch

wieder auf, durchschneidet die Lüfte und kehrt heim zu euren Jungen. Ihr habt nicht mehr den

Tod oder die Gefangenschaft zu fürchten.

Die Hütte lag wunderschön, von Waldungen umringt und nur gegen Morgen frei. Da breitete sich

ein grüner Wiesengrund, da sah man den klaren, breiten Bach erschimmern und durch die

Felsschlucht als Wildbach toben; da stiegen rechts von der Schlucht die bemoosten Steinriesen

empor, deren einer die alte Burg trug. Heute noch, in ihrem Verfall, erhob sie sich stolz und

herrschend.

Die Wonsheim waren bereits fortgefahren, als Fräulein Nullinger müd und abgehetzt erschien.

Sie war zweimal zur Post gelaufen, hatte im Auftrage ihrer Gräfin neun Telegramme gewechselt

mit Sacher & Demel und eben erst die Versicherung erhalten, daß alles Bestellte aufgegeben sei

und morgen pünktlich eintreffen müsse. Als sie erfuhr, daß eine Partie nach der Burg

stattfinden werde, erklärte sie, dabeisein zu wollen.

»Ich habe mich längst gesehnt, das Schloß zu besuchen«, sprach sie zu ihrer Gebieterin, »Sie

kennen meine Vorliebe für das Mittelalter.«

»Sagen Sie doch: Schwärmerei. Sie stellen sich das so poetisch vor, wie die edlen Ritter mit

wehenden Helmbüschen über reisende Kaufleute herfielen, sie erschlugen und beraubten. Wie sie

sengend und brennend das Land durchzogen, dem Bauer die Pferde vom Pfluge wegstahlen und ihm,

wenn er sich wehrte, die Haut über den Kopf zogen. Wie sie das Haus des schwächeren Nachbarn

zerstörten, sein Weib an den Türpfosten hingen, seine Töchter entführten, wenn sie schön waren

natürlich, und in ihr verruchtes … hm, hm«, sie räusperte sich, »schleppten. – Sie wären

vielleicht auch entführt und geschleppt worden. Nulle.«

»Frau Gräfin«, fiel ihr diese ins Wort, »ich muß mir verbitten …«

»Nichts da! Sie hätten sich nichts verbeten. Sie hätten Schärpen gestickt für Ihren

schwarzgelockten Ritter und hätten an seiner Seite, der Minne pflegend, gesessen vor dem

Burgverlies, aus dem das Gewinsel der auf faulem Stroh verfaulenden Gefangenen zu Ihnen

gedrungen wäre.«

Das Fräulein erhob sich: »Es ist genug, Frau Gräfin, ich sage sogar, es ist zuviel.«

»Da haben wir’s, jetzt ist sie beleidigt«, seufzte Dolph; »ja, meine Liebe, Sie dürfen nicht

schwärmen für die Ritterzeit. Dazu ist die Haut Ihres Herzens zu fein geraten.«

Bei Einbruch dieser Nacht wurde in Dornach und dessen Umgebung gar heiß gebetet.

Lieber Gott, flehte Fee, auf den Knien liegend vor ihrem Bette, lieber Gott, du weißt alles,

du weißt auch, daß Tante Dolph heute einen Brief von Tessin bekommen hat. Gib, lieber Gott,

daß in dem Briefe steht: Ich hab immer eine Schwäche für die Kleine gehabt und will sie

heiraten.

Lieber Gott, murmelte Fräulein Nullinger, knüpfte ihre Nachthaube fest und zog die Decke über

die Ohren, lieber Gott, Heilige Jungfrau, alle heiligen Märtyrer, gebt mir Geduld mit meiner

Gräfin. Sie ging noch weiter und verlangte, sogar etwas Liebe für ihre Peinigerin empfinden zu

können. Aber diese Bitte wurde selbst im Himmel indiskret gefunden und blieb unberücksichtigt.

Inbrünstig gestaltete sich das Abendgebet der Jüngsten im Hause Wilhelm. Der sechsjährige Rudi

sprach es vor: Du bist so gut für die Kinder, lieber Gott, gib, lieber Gott, weil du so gut

bist, daß morgen ein schöner Tag ist.

Bis in die Nacht hatte drückende Hitze geherrscht; jetzt erhob sich, erst sanft, dann immer

kräftiger, eine kühle nördliche Strömung. In den Wipfeln der Bäume begann es zu rauschen,

allerlei Stimmen sprachen durcheinander; es stöhnte wonnig und lachte im Geäst und stieß laute

Schreie aus. Labung, Labung! flüsterten die wehenden Zweige. Massige Wolken, die sich bequem

hingelagert hatten rings am Horizont, stoben plötzlich aus ihrer Ruhe auf. Aus dicken Knäueln

in lange Strähne verwandelt, jagten sie zuletzt ganz dünn und durchsichtig davon.

In unbestrittener Herrlichkeit stand der Mond am Himmel, als Willi sich einige Stunden nach

Mitternacht der elterlichen Behausung näherte. Er ritt im Schritt über den gepflasterten Hof.

In den niederen, mit Schindeln gedeckten Stallungen an beiden Seiten schliefen noch Menschen

und Tiere. Ein Hund, der auf einer Schwelle ganz zusammengerollt lag, knurrte im Traume; dann

schwieg wieder alles; sogar das Brünnlein vor dem sogenannten Schlosse hatte sein Rauschen

eingestellt. Das tat dem jungen Soldaten weh. Hatte er doch die Zulage, die sein Onkel Hermann

ihm gab, auf die Anschaffung einer neuen, schönen steinernen Muschel für das Brünnlein

verwendet. Und jetzt war’s versiegt. – Die Wasserleitung einmal wieder schadhaft geworden,

sagte er zu sich selbst, und kein Geld da, um sie herstellen zu lassen.

Armes Brünnlein, armes, geliebtes Vaterhaus! Selbst im alles verklärenden Mondlicht wollte

sich’s nicht hübsch machen mit seinen kahlen Mauern, dürftigen Bogenfenstern und dem steilen,

Wellenlinien bildenden Dach. Als einziger Schmuck diente ein hölzerner Balkon, dessen schiefe

Säulen und wackeliges Geländer sich unter üppig wucherndem wildem Wein verbargen.

Leise pochte Willi ans Tor, um niemanden außer den auch Portiersdienste versehenden Gärtner zu

wecken, übergab ihm das Pferd und trat ein.

Am nächsten Morgen begrüßten seine jubelnden Brüder einen Tag von unerhörter Pracht und wußten

wohl, wem zuliebe er so geworden war.

In Dornach lief der kleine Hermann vom Vater zur Mutter und von der Mutter zum Vater. Er hatte

nirgends Ruhe und war entzückend in seinem Eifer und seiner Ungeduld. »Weißt du, Erich«,

sprach er, ihn stürmisch umarmend, »wir gehen heut so spät schlafen wie die großen Menschen.

Wir gehen zum Uhu.« »Und was wirst du dort tun?« fragte Tante Dolph.

»Ich werd halt schauen.«

»Und dann?«

»Dann werd ich laufen, laufen auf der Wiese, so geschwind, daß man mich gar nicht sieht … so

geschwind –« er machte große Augen, hob die Arme über den Kopf und strengte sich an, einen

drastischen Vergleich zu finden, »so geschwind –«

»Wie der Teufel«, kam die Tante ihm zu Hilfe, er aber machte eine geringschätzige Gebärde und

sagte: »Oh, viel schneller!«

Sie klopfte ihm lachend die Wange; sie, die Kinder nicht leiden konnte, weil sie Lärm machen

und die Türen offen lassen, hatte eine Schwäche für diesen Großneffen. »Das echte

Aristokratenkind«, erklärte sie. »Aus reiner, gesunder Rasse, vom ersten Atemzuge an gut

genährt, gut bewohnt, gut gewaschen, weiß nicht, was Furcht ist, und nicht, was Geiz ist,

schlägt drein, wenn’s gilt, und gibt, wenn’s gilt, das Hemd vom Leibe. Mut, Wohlwollen, Güte –

er hat alle Tugenden, die mir fehlen – darum lieb ich ihn.«

Fräulein Nullinger blickte sie ganz verdutzt an und dachte: Merkwürdig, sie hat doch bisher

kein Herz gehabt, sollte ihr eines gewachsen sein?

17

Am Saume des Kiefernwaldes, durch den ein breiter Weg zur Ruine führte, trafen Hermann und

Maria, begleitet von Fräulein Nullinger, die Wonsheim mit Fee und Wilhelm mit Willi und den

zwei nächsten Anwärtern. Den letzteren hatten ein paar tüchtige Ackergäule den Gefallen

erwiesen, sie hierherzutragen in einem Galopp, der ringsum den Boden lockerte.

Die Damen waren bereits aus dem Wagen gehüpft, Wilhelm und seine Söhne abgestiegen, nur Gustav

und Clemens saßen noch zu Pferde und parlamentierten mit ihren Frauen, die es nötig gefunden,

als Touristinnen zu erscheinen. Sie trugen leichte Hüte mit blauen Schleiern, fußfreie Kleider

aus Sommerloden, Schnürstiefel aus Juchten, dicke Strümpfe aus Ziegenhaaren und über den

Schultern Gummimäntel aus lichtgelbem Oriental-India-Cloth.

»Schaun’s her, Gräfin«, sagte Clemens zu Maria, nicht ohne geheimen Stolz, »wie die sich

anglegt haben. Und was ihnen nicht wieder einfallt. Jetzt wollens auf dem schlechten Fußsteig

zur Burg hinaufkraxeln.«

»Weil man von dort so eine schöne Aussicht hat«, sagte Carla.

»Und weil’s gefährlich ist«, fiel Betty ein.

»Und so poetisch, nicht wahr, Fräulein Nullinger? Das ist etwas für Sie«, sprach Fee mit

gutmütigem Scherze. »Ich biet Ihnen meinen Arm, ich bring Sie hinauf, ich schwör’s!«

Fräulein Nullinger machte einen Bückling, so tief, als ob sie sich niedersetzen wollte, und

nahm, in nervöser Dankbarkeit zerfließend, den gütigen Vorschlag an.

Der Kutscher mit dem Wagen, die Reitknechte mit den Pferden wurden nach dem Versammlungsplatz

geschickt. Wilhelm erteilte seine Befehle in ungewohnt mürrischer Art und brummte dazwischen

vor sich hin: »Unsinn! was das für ein verfluchter Unsinn ist … sich einen solchen Weg

auszusuchen, das ist keinem anderen eingefallen als dem Willi …«

»Voraus, Einjähriger! Sie führen an«, sprachen die Damen, winkten den Zurückbleibenden einen

Gruß zu und traten ihre Wanderung an.

Wilhelm zögerte einen Augenblick, dann folgte er ihnen, um seinen Willi zu überwachen. – Der

verdammte Bursch hüpft herum wie auf Springfedern; schneidet, scheint mir, schon die Cour …

Und gleich dreien auf einmal. Wart, Kerl, dir geh ich nicht von der Seite.

»Und was machen denn Sie, Gräfin?« fragte Gustav.

»Ich gehe auch zu Fuß, aber auf dem guten Wege«, antwortete Maria heiteren Tons und nahm den

Arm ihres Mannes.

»Da werden wir halt langsam vorausreiten.« Und sie setzten sich in Bewegung auf ihren zwei

berühmten Vollblutrappen.

»Alle auf und davon. Gibt’s etwas Unhöflicheres als unsere Gäste?« scherzte Hermann.

»Wir sind’s; wir lassen sie gar so ungehindert ziehen.«

»Und bleiben allein, was das Schönste ist auf der Welt«, begann er nach einer kleinen Weile

wieder. »Wenn ich denke, daß es Leute gibt, die sagen: die Liebe vergeht – und glauben sie zu

kennen, die Narren! Die meine ist heute, was sie in der Stunde war, in der ich dir zum ersten

Male begegnete und von dir nichts wußte als deinen Namen.«

Er umschlang sie fest; Seite an Seite schritten sie dahin. Die Reiter waren ihren Blicken

entschwunden; eine großartige Einsamkeit herrschte, eine zauberhaft belebte Stille. Über den

Häuptern der Bäume webte glühender Sonnenschein, kühle Schatten wallten zu ihren Füßen.

Unabsehbar schien der Wald sich zu breiten, ein heiliger, ein geweihter Raum, der, von

Liebenden betreten, sie frei macht von dem störenden Gedanken an die Außenwelt, von dem

Bewußtsein der verrinnenden Zeit.

Maria hatte sich sanft losgemacht; sie trat vor Hermann hin und blickte ihm ernsthaft in die

Augen. »Ich aber«, begann sie plötzlich, »liebe dich alle Tage mehr. Und meine Liebe – sieht.«

»Im Gegensatz zu der meinen, die wohl blind ist?«

»Unleugbar«, versetzte sie und zog ihn wieder an sich.

Da rief er aus: »Es lebe meine blinde Liebe! Die Nacht, mit der sie mich umgibt, ist nicht wie

eine andere; ‘s ist eine hellschimmernde Nacht. Sie zeigt mir den guten Geist meines Hauses,

die Trösterin des Betrübten …«

»Und so weiter!« unterbrach sie ihn mit erzwungenem Lachen. »Lassen wir das, ich bitte dich,

Hermann –«

»Nun denn, nein; kein Wort zu deinem Preise. Wie fang ich’s aber an, zu verschweigen, wovon

mein Herz voll ist? Du forderst von mir Verstellung, du immer und unverbrüchlich Wahrhaftige!«

Er ergriff ihre beiden Hände, sie zitterten in den seinen: »Was bewegt dich so? – sag es

deinem besten Freunde … Sieh, manchmal – ich will dir’s gestehen, manchmal ist mir – wenn du

wie jetzt meinen Blick vermeidest, bei meiner Berührung erbebst, als ob deine Seele ein

Geheimnis berge, ein rätselhaftes Gefühl, eine schmerzliche Erinnerung – was weiß ich?… Ist

das Täuschung, Maria, Torheit, Frevel an dir? – – Gib Antwort.«

Sie stand wie versteinert. Aufrecht die königliche Gestalt, den Kopf erhoben, als biete sie

ihn dem niederzuckenden Blitzstrahle dar, kaum atmend, die Lider gesenkt, ein

unausgesprochenes Wort auf den leise zuckenden Lippen.

Und sie war schön in dieser feierlichen Regungslosigkeit, mit diesem demütig stolzen Ausdruck

einer gefolterten Heiligen.

Der Mann, der sie vergötterte, starrte sie beschämt und reuig an. War das nicht ein Zweifel an

ihr, den er mit seiner lange unterdrückten und nun unbedacht hingeworfenen Frage ausgesprochen

hatte?

»Und wenn du recht hättest?« sagte Maria in einem Tone, so herb gewürgt, als ob er ihr die

Kehle zerschnitte.

»Worin? – Du hast mich mißverstanden …«

»Nimm an, daß ich schuldig wäre gegen dich«, fuhr sie fort, mühsam und unterdrückt wie früher.

»Nimm es an.«

»Was soll ich annehmen – das Unmögliche?… Erst doch verrückt werden …« Er schlug sich mit der

Faust vor die Stirn. »Ich begreife dich nicht … Warum diese unnötige Grausamkeit?… Auf welche

entsetzliche Probe stellst du mich?«

»Probe?« wiederholte sie. »Würde deine Liebe sie bestehen, die schwerste, schrecklichste … Und

wenn geschehen wäre – wovon ich sprach – was tätest du?«

Sie blickte unverwandt zur Erde nieder; sie fühlte nur, daß er seine Hand mit festem Drucke

auf ihren Arm legte. – Und nun sprach er, und seine Stimme hatte wieder ihren tiefen, sanften

Klang, und seine Worte kamen aus dem unerschöpflichen Borne seiner Güte: »Wenn geschehen wäre,

was du nicht einmal zu nennen vermagst, dann wäre mir genommen, was meinem Dasein den Wert

gibt; aber lieben würde ich dich doch, und zu dieser unüberwindlichen Liebe käme noch ein

grenzenloses Bedauern. Ich kenne dich und weiß, daß du zugrunde gehen müßtest am Bewußtsein

einer Schuld.«

O dieser Glauben, so stark und treu wie das Herz, das ihn hegte und das sie brechen gewollt,

um das ihre zu erleichtern! – Du darfst nicht! schrie es in ihr auf. Du hast betrogen – lüge!

Dein Recht auf Wahrheit ist verwirkt.

»Komm«, sagte Hermann, indem er sich auf einen moosüber- wachsenen, im weichen Waldboden halb

versunkenen Stein niederließ. »Du mußt erst ausruhen und wieder heiter werden, ehe wir den

anderen folgen. Da ist eigens für uns ein wunderbares, sammetnes Kissen ausgebreitet. Komm zu

mir!«

»Da bin ich«, sagte sie, ließ sich vor ihn hingleiten, legte die gefalteten Hände auf seine

Knie und warf sich an seine Brust. »Laß mich, es tut mir wohl, in Demut zu dir aufzublicken.«

»Wir haben einander recht gequält, und ich bin schuld an allem mit meinen törichten

Grübeleien«, sagte er. »Verzeih!«

»Ich – dir? Mein Freund, mein guter Engel, daß du mir einmal einen Grund dazu geben könntest!

Tu es doch. Lehre mich die Wonne kennen, dir etwas verzeihen zu dürfen.«

»Ich danke dir für die vortreffliche Absicht«, rief er mit komischer Bestürzung; »ich will ihr

Gelegenheit geben, sich zu betätigen … will wenigstens einen Versuch machen.«

»Er wird mißlingen.« Sie umfing ihn mit ihren Armen und verschränkte ihre Finger um seinen

Nacken. »Sieh mich an, deine Augen sind wie deine Seele. Sieh mich an mit diesem segnenden

Blick. Wie fromm bin ich! der Wald wird zum Tempel, und ich bin ein armes Menschenkind, und du

bist der Priester, der es zum Heile führt an seiner starken Hand.«

18

Auf der Burg herrschte schon ein sehr reges Treiben, als Hermann und Maria herannahten.

Fräulein Nullinger, die röter aussah denn je und vor Erhitzung förmlich geschwollen, war die

erste, die sie erblickte.

»Da sind sie, da ist das reizende Paar«, rief sie. »Bitte, den Herrn Grafen zu betrachten. ›Es

ist hold zu sehn, wie die Sonnen seines Herzens ihm im Auge untergehn.‹ Und wie er heute

wieder dem Bilde, das wir uns von Held Siegfried machen, ähnlich sieht!«

»Ja, ja, Sie haben nicht unrecht, seine Frau ist aber nicht die Kriemhild, sondern die

Isolde«, sagte Fee und lief den Ankommenden entgegen, die sich bald darauf in Gesellschaft

ihrer lustigen Gäste befanden und mit ihnen die Großtaten anstaunen konnten, zu denen Willi

durch die Gegenwart dreier junger und schöner Damen begeistert wurde.

Er spazierte eben von der Zinne eines Turmes zur anderen auf einem zu deren Stütze

angebrachten Sparren. Seine Brüder, angeeifert durch sein Beispiel, kletterten wie Katzen an

den alten Mauern empor.

Wilhelm stand unten und ballte die Fäuste. »Alle meine Buben haben den Teufel im Leib, wenn es

heißt, sich produzieren vor einem weiblichen Publikum«, sprach er zu Hermann. »Gar nicht gut

so was. Aus solchem Holz schnitzt man Schürzenknechte.«

Hermann klopfte ihm auf die Schulter: »Das glaubst du ja selbst nicht, Alter«, und die

Wonsheim lächelten und sahen den tollkühnen Unternehmungen der Burschen mit Beschützermienen

zu. Betty jammerte, daß sie kein Mann geworden, was doch einzig und allein das richtige sei;

Fräulein Nullinger schwelgte in Entzücken, machte sich nichts daraus, daß ihr buntes

Musselinkleid bei der »Aszension« sehr gelitten hatte, und baute in Gedanken die ganze Burg

wieder auf. Die zerstörten Zingel stiegen aus dem Boden und umfaßten wie einst die Tore, den

Zwingolf, die Zugbrücke, den Burhurdierplatz, auf dem geharnischte Ritter Lanzen brachen. Sie

stellte die Pforte wieder her und die zum herrlichen Palas hinaufführenden Greden.

Carla und Gustav, denen sie versicherte, die »dames châte-laines« hätten alle ausgesehen wie

die blonde Gräfin Wonsheim, hörten ihr aufmerksam zu. Gustav staunte über soviel »Gelahrtheit«

und wußte nicht, ob er sie lächerlich finden oder bewundern sollte. Obwohl von der Richtigkeit

aller Aussagen Annettens überzeugt, widerstrebte es ihm, das merken zu lassen, und so sprach

er zwischen jeder Pause, die sie machte: »Gehen S’ weg!«

»Ach, und diese Luft! dieses Ozon!« schwärmte das Fräulein. »Daß ich mich hier etablieren

könnte!«

»Etablieren Sie sich, soviel Sie wollen«, erwiderte Fee, die hinzugetreten war. »Aber rechnen

Sie nicht auf mich beim Aufstieg. Sie sind siebenzehnmal ausgerutscht – ich hab’s gezählt.

Mein rechter Arm, an den Sie sich angekrampelt haben wie eine Ertrinkende, ist kaputt. – Sie

werden fett, mit Respekt zu sagen.«

Fräulein Nullinger zog den Atem ein und streckte sich, um schlanker auszusehen: »Wenn ich Fett

ansetze, kann es nur vor Kummer sein. Das geschieht, jawohl – ich bin der lebende Beweis«,

sagte sie nicht ohne Bitterkeit.

Fee entschuldigte sich: »Nun, nun, nehmen Sie mir’s nicht übel.«

Die Gesellschaftsdame schwor, daß sie eher sterben als der Frau Gräfin etwas übelnehmen würde,

worauf Fee sie umarmte und sprach: »Sie sind halt nicht verwöhnt, Sie gute Haut, Sie liebes,

altes Nullerl.«

Clemens war inzwischen auf einen Felsvorsprung getreten und rief, auf die Wiese jenseits des

Baches deutend: »Daher kommt’s, da hat man eine schöne Aussicht, auf die Tante Dolph, auf

deine Buben, Wilhelm, die dort herumwimmeln, und auf die Jausen.«

»Und auf einen wackeligen Steg«, fiel Hermann ein. »Wie oft habe ich den schon abreißen

lassen, immer wird er wieder aufgerichtet, sogar jetzt bei Hochwasser.«

»Das änderst du nicht, solange der Holzschlag dauert oben im Gebirg«, sprach Wilhelm. »Den

Umweg von zweihundert Schritten über die Brücke macht dir ein Holzknecht nie.«

»Ich würde ihn auch nicht machen«, rief Fee, »besonders wenn jemand, der mir lieb ist, am

anderen Ufer stehen möcht. Aber schauts nur, schauts, die Aussicht ist wirklich der Müh wert.

Lassen wir uns unterdessen die Aussicht schmecken.«

Alle umringten sie. Auf der Wiese trafen einige Diener unter der Leitung Helmis Vorbereitungen

zu einem ungemein reichlichen five o’clock tea. Die Gefräßigen unter den jungen Herren

verfolgten diese Tätigkeit sehr aufmerksam, während die anderen die Seltsamkeiten zu erspähen

suchten, welche der Vogelherd barg.

Gräfin Dolph war am schattigen Waldesrand im Wagen sitzengeblieben. Sie freute sich, ihren

Liebling Hermann die Läuferkünste ausführen zu sehen, die er ihr bereits angekündigt hatte. Er

rannte bis zu den Weiden am Ende der Wiese und wieder zurück, die Kreuz und die Quer, recht

wie ein Füllen, das seine junge Kraft austoben will.

Auf einmal blieb er stehen, hob den Kopf, sah zur Burg empor, und als er dort oben auf dem

Berge seine Eltern erblickte, streckte er ihnen die Arme entgegen und warf ihnen Küsse zu:

»Ich seh euch, Vater, Mutter, ihr seid kleinwinzig«, er maß an seinem Finger, »so klein!«

Seine Stimme drang nicht bis hinauf; man sah nur die herzigen Gebärden, unter denen er sich

dem Ufer näherte, rühmte den »Prachtbuben«, winkte ihm Grüße zu. Clemens machte ein Sprachrohr

aus seinen Händen und rief: »Komm her, wenn’s d’ Courage hast.«

Plötzlich stieß Maria einen Ruf des Schreckens aus, und Hermann, über den Abgrund gebeugt,

schrie aus allen seinen Kräften: »Fort vom Wasser … Geh zurück!«

Das Kind schien einen raschen Entschluß gefaßt zu haben, es lief dem Stege zu. Die alte

Wärterin, die sich in seiner Nähe gehalten hatte, hinter ihm her, stolpernd, keuchend.

Die übrigen Kinder waren aufmerksam geworden. Ein und derselbe Impuls durchzuckte alle. – Dem

Hermann nach zum Steg … Und fort stoben sie, Wilhelms siebenjähriger Hansel an ihrer Spitze.

Es dauerte einige Zeit, bevor Helmi mit Hilfe der Bonne und der Diener die Flüchtlinge wieder

eingefangen. Eben auch hatte die Wärterin sich Hermanns zu bemächtigen gewußt; der Widerstand,

den er ihr entgegensetzte, schien bereits überwunden, als es ihm gelang, sich mit einem

heftigen Ruck loszureißen und zu entrinnen.

»Ich hab Courage! Vater, Mutter, ich komm zu euch!« Er lief und lief, und alle, die ihm von

der Wiese her nachgeeilt kamen, blieben weit hinter ihm zurück.

Nun schimmerte sein weißes Kleidchen durch die Zweige der Weiden, und nun erschien er auf dem

Steg.

Im selben Augenblick stürmte Hermann der Felsentreppe zu und die jähe Steile ihrer

verwitterten Stufen hinab.

Lautlos folgte ihm Maria, und rasch wie ein Pfeil war Willi an ihrer Seite.

Aber auch von den übrigen besann sich keiner, den schwindelnden Pfad zu betreten. Keiner

dachte an das, was er wagte. Ein Gefühl nur durchzitterte alle, dieselbe Angst, derselbe

Wunsch … Sie glitten, sie wankten, fanden das Gleichgewicht wieder und rannten weiter. Eines

Pulsschlags Dauer hielten sie inne in ihrem kühnen Beginnen.

Sorglos schreitend war das Kind bis zur Mitte des Steges gelangt, triumphierte laut und

forderte seine Verfolger heraus:

»Jetzt fangt mich, jetzt!« sah sich um, beschleunigte seinen Lauf, strauchelte, stürzte – Alle

anderen überholend, erreichte Hermann das Ufer. Den Blick unverwandt auf das Kind gerichtet,

das, ohne unterzusinken, von der Strömung fortgerissen wurde, warf er den Rock ab, stürzte

sich in die Flut und hatte im nächsten Augenblick den Kleinen erfaßt.

Hermann auf dem Fuße waren Wilhelm und Clemens gefolgt. Der erste voll Geistesgegenwart,

wissend, was er wollte, der zweite halb wahnsinnig vor Bestürzung über die Folgen seines

verhängnisvollen Scherzes.

Wilhelm lief mit Blitzesschnelle der Brücke zu. Neben dieser war ein Kahn ans Land gezogen,

junge Baumstämme lagen da aufgeschichtet, zur Herstellung der Vogelhütte bestimmt. Nach einem

von denen griff Wilhelm, ließ ihn aber fallen, als Clemens einen Floßhaken entdeckte und an

sich nahm, der im Kahn geborgen oder vergessen worden. Rascher, als Worte schildern, eilten

beide zurück und langten glücklich an der Stelle an, wo sich Hermann mit übermenschlicher

Kraft gegen die andringenden Fluten behauptete.

»Näher! um Gottes willen, näher!« schrien Wilhelm und Clemens ihm zu, und jeder hielt die

Stange fest mit beiden Händen, und sie reichten sie ihm hin, soweit sie konnten. Er griff nach

ihr – verfehlte sie …

Da sprang Clemens ins Wasser, kämpfte sich vor bis ans äußerste Ende der von Wilhelm allein

nur mühsam im Gleichgewicht erhaltenen Stange und wagte einen verzweifelten, einen

vergeblichen Rettungsversuch. Schon hatte die Riesenschraube des Wirbels Vater und Sohn

umklammert und riß sie hinunter und warf sie mit wildem Toben wieder empor, keuchend,

schaumbedeckt … Ein letztes, ein grausiges Ringen. – – Erschöpft, überwunden, erbarmungslos an

die Riffe geschleudert, suchte Hermann noch sein Kind mit seinem Leibe zu decken.

An beiden Ufern drängten Leute zur Unglücksstätte heran;diesseits alle, die Hermann nachgeeilt

waren, jenseits seine Diener, Kutscher, Lakaien, zufällig vorüberkommende Arbeiter. Nicht

einer unter ihnen, der nicht helfen möchte, der es nicht versucht mit leidenschaftlichem

Eifer.

Nur Maria, Hermanns Namen auf ihren Lippen, ihm nachstrebend mit rasender Sehnsucht in die

Todesgefahr, blieb regungslos. Ihre ganze Seele war in ihren unnatürlich weit geöffneten

Augen, in dem Blick, mit dem sie ihm nachstarrte … Auf einmal war ihr, als sei es Nacht

geworden – ihre Pulse stockten, sie wankte und lag in zwei fest um sie geschlungenen Armen. –

Carla Wonsheim hielt sie aufrecht, Betty lag schluchzend zu ihren Füßen und umklammerte ihre

Knie. – Jemand betete laut – aus der Feme drang verworrenes Geräusch von Stimmen.

Dorthin – aus halber Bewußtlosigkeit erwachend – eilte Maria. Menschen, immer mehr Menschen

liefen zusammen. Einige trugen eine schwere Last und legten sie hin – – o wie sanft und

vorsichtig …

Nun ist’s, als ginge eine freudige Bewegung durch die Menge: »Der Doktor!« schreit ein atemlos

daherrennender Diener, »der Heger bringt ihn, er war bei dessen krankem Kinde.«

Beim Nahen Marias tritt lautlose Stille ein. Alle Leute treten stumm vor ihr zurück … Ein

einziger, halb entkleidet, triefend, kommt an sie heran, windet sich winselnd und stöhnend. Er

faßt den Saum ihres Kleides: »Treten Sie auf mich! Ich hab’s getan, ich hab ihn gerufen, ich

Verdammter, dumm wie ein Tier … Zertreten Sie den hohlen Schädel, zertreten Sie mich!« heulte

er und grub sein Gesicht in das Gras zu ihren Füßen.

Maria wich ihm aus. Sie hatte die Leblosen erblickt, die klaffende Wunde auf Hermanns Stirn,

das fahle Angesicht ihres Knaben. Da bäumte sie sich zurück, hob die gerungenen Hände gen

Himmel und sank nieder mit einem entsetzlichen Wehelaut:

»Tot?… Beide tot?«

Niemand gab Antwort, und sie raffte sich zusammen, und über Hermann gebeugt, bedeckte sie

seine Brust mit ihren Küssen und rief: »Er lebt, Doktor – sein Herz schlägt, ich hab es

gefühlt …«

Der Arzt, der, wenn auch völlig hoffnungslos, noch nicht aufgehört hatte,

Wiederbelebungsversuche an dem Kinde vorzunehmen, antwortete mit einer verneinenden Gebärde.

Sie aber drückte ihren Mund auf den des Entseelten und hauchte ihm ihren Atem ein, bis er

versagte, ohne die leiseste Regung des seinen zu wecken. Und nun begriff sie, daß sie ihn

verloren hatte. Wieder stürzte sie sich über ihn … aber plötzlich, gestemmt auf seine

Schulter, hob sie den Kopf empor und schoß einen Blick voll bebender Scheu nach ihrem Sohne …

»Der auch?« stöhnte sie mit einer Stimme, in der alles zusammengepreßt schien, was die

Menschenseele an Schmerz zu fassen vermag: »Mein Kind auch!«

Dem Wahnsinn nahe, betete sie, bettelte um ein Wunder.

Als sie heimkehrten, die vor wenigen Stunden froh und glücklich das Haus verlassen hatten,

funkelten ihnen Hundert-tausende farbige Lämpchen entgegen. In einem Meer von Licht prangend,

empfing Schloß Dornach seinen toten Herrn.

19

Maria hielt allein die erste Nachtwache bei ihren Toten. Man hatte die Hand des Kindes aus der

seines Vaters nicht zu lösen vermocht, und so ruhten sie nebeneinander auf einem Lager und

sollten auch in einem Sarge ruhen. Ihre bleichen Gesichter trugen keine Spur des letzten

schweren Kampfes. Maria hielt die beiden umfangen. Sie lag an sie geschmiegt, bleich und stumm

wie sie, aber ohne ihren Frieden. Einen Trost nur hatte sie in ihrer Vernichtung und empfand

ihn, während sie ihr Haupt an das stille Herz drückte, an dessen lebensfreudigem Schlag all

ihr Glück gehangen.

Wohl ihr, daß ihm das Bitterste erspart, daß sein Glaube an sie unerschüttert geblieben war

bis ans Ende. Dank der geheimnisvollen Kraft, die das Wort, das ihn elend gemacht hätte, sooft

sie es aussprechen wollte, zurückgedrängt in ihre Brust. Nun war er eingegangen zur ewigen

Ruhe, unerschüttert in seiner seligen Zuversicht.

Im anstoßenden Zimmer befand sich Lisette und unterdrückte ihr Schluchzen, um von der Herrin

nicht gehört und fortgewiesen zu werden. Einmal wagte sie sich leise bis zur Tür heran und

spähte durch das Schlüsselloch.

Maria saß neben dem Bette, unbeweglich in den Anblick der Ihren versunken, mit einem Ausdruck

von so herzzerreißender Trauer, daß Lisette zurückfuhr. – Nein, das ertrug sie nicht, das

konnte sie nicht sehen …

Am Morgen endlich pochte sie und trat, als nach einer Weile keine Antwort kam, ungeheißen bei

ihrer Gebieterin ein, rief sie an und sagte: »Es ist Tag!«

Maria schreckte auf: »Schon Tag?«

»Ja, mein armes Kind; und du mußt fort. Die Herren sind da … Du weißt – und der Graf Wilhelm.«

Der hatte mit Helmi an der Tür gestanden. Seine Augen waren rot und geschwollen, seine Lippen

zuckten. Er konnte nicht sprechen und lehnte sich hilflos an seine Frau. Der Doktor und Willi

kamen, und hinter ihnen trat schüchtern Erich ein, der mit beiden Händen einen großen Strauß

weißer Rosen festhielt.

»Der Gärtner hat mir gesagt, ich soll das dem Hermann bringen«, sprach er zu seiner Mutter.

»Hermann, da hast du.«

Er legte die Blumen auf das Bett, und auf dessen Rand gestützt, hob er sich, so hoch er

konnte, und streckte den Hals und spitzte die Lippen, um seinen Bruder zu küssen. Doch

erreichte er ihn nicht und fragte: »Warum hast du heute nicht bei mir geschlafen?« – Jetzt

erblickte er den Vater, der sich auch nicht rührte, dessen Augen auch geschlossen waren …

Ganz bestürzt trat er zurück. »Warum schlafen sie so lange?« rief er plötzlich aus. »Sie

sollen aufwachen, Mutter, sag ihnen, daß sie aufwachen sollen!«

Maria beugte sich zu ihm nieder und schloß ihn in ihre Arme. Die ersten Tränen, die sie seit

gestern geweint hatte, fielen auf das Haupt ihres Söhnchens.

Wilhelm nahm es auf sich, Gräfin Agathe die Kunde des furchtbaren Verlustes, den sie erlitten

hatte, selbst mitzuteilen. Helmis Bitten brachten ihn dazu. Sie wollte ihn fort haben von der

Unglücksstätte, ihn zwingen, in der Ausübung einer schweren Pflicht Herr seines Schmerzes zu

werden.

Früher, als man gedacht hatte, kehrte er zurück. Er war Tag und Nacht gefahren, teils

Lokalbahnen benutzend, teils mit Bauernpferden, und meldete die Ankunft der Gräfin für den

nächsten, den Morgen der Beisetzung an.

»Wie hast du sie gefunden?« fragte Maria abgewandten Blickes.

»Rätselhaft – eine Heilige oder ein Stein«, erwiderte Wilhelm und erzählte, daß die Gräfin

noch in der Kirche war, als er um neun Uhr früh in Dornachtal ankam. Der neue Beichtvater, ein

junger, hochgewachsener, streng aussehender Herr, empfing ihn und nahm seine Unheilsbotschaft

mit kaltem Erstaunen auf. Er hatte den Herrn Grafen nicht gekannt, nur von ihm gehört. In dem

Moment haßte ihn Wilhelm; im nächsten hätte er ihm um den Hals fallen mögen, weil er sich

anbot, die alte Dame auf die Nachricht des Unglücks, das sie getroffen hatte, vorzubereiten.

Wilhelm wartete im Zimmer des Geistlichen, der ihn rufen lassen sollte, sobald es Zeit war …

Das geschah nach einer halben Stunde … Großer, guter Gott! – Sie saß ruhig in einem

hochlehnigen Fauteuil, der Geistliche auf einem Sessel neben ihr, die Augen gesenkt, ein

triumphierendes Lächeln auf seinen kargen Lippen. Die Gräfin, weiß wie ein Linnen, hielt einen

Rosenkranz zwischen ihren Fingern, die völlig leblos aussahen.

»Dank«, sprach sie, »daß du dich selbst hierherbemüht hast«, ließ Maria bitten, sie zu

erwarten, und ersuchte ihn, sich nicht aufzuhalten, sie wisse, wie notwendig er in Dornach

sei. Ihr Wagen, der ihn nach dem Frühstück zur Bahn bringen solle, sei bereit.

Kein Wort von ihrem Sohne, von ihrem Enkel. Erst als Wilhelm Abschied nahm, fragte sie nach

Erich und flüsterte mit einem dankbaren Aufschlagen der Augen zum Himmel: »Den hat mir Gott

gelassen!«

Bei diesen Worten zuckte Maria zusammen und schlug die Hände vor das Gesicht.

Bald nach Wilhelm war Graf Wolfsberg eingetroffen, gebeugt, gealtert. Wenige Menschen durften

sich rühmen, seine Liebe zu besitzen; die beiden, die morgen begraben werden sollten, hatte er

geliebt. Aber auch die Veränderung, die mit seiner Tochter vorgegangen war, ergriff und

erschütterte ihn. Er hörte nicht auf sie angstvoll zu betrachten, erwies sich hilfreich, stand

ihr bei in ihrem traurigen Totendienst. Einmal zog er sie plötzlich an sein Herz, so zärtlich

wie am Tage vor ihrem Scheiden aus dem Vaterhaus: »Lebe«, sprach er, »du hast auf Erden noch

etwas zu tun.«

Sie erhob den Blick zu ihm und erwiderte entschlossen: »Ja, Vater, ja!«

Gräfin Agathe wurde von Wolfsberg und Maria unter dem Portal erwartet. Sie stieg aus dem Wagen

und nach stummer Begrüßung, jede Unterstützung abwehrend, die Treppe hinauf. Oben wandte sie

sich geradenwegs dem Kapellenzimmer zu, in dem seit Jahrhunderten die Grafen von Dornach ihre

letzte Rast hielten.

Der schwarz ausgeschlagene Raum war dicht gefüllt mit weinenden, schluchzenden Menschen. Als

die alte Dame eintrat, war’s, als ob ein Eishauch die Luft durchwehe; alle Tränen stockten,

nicht eine Klage mehr wurde laut.

Aufrechten Ganges, hoheitsvolle Ergebung in den strengen Zügen, wohnte die Gräfin den

Trauerfeierlichkeiten bei. Erstarrt in ihrem Gram, klagte sie nicht, verlangte nicht nach

einer Schilderung des Ereignisses, das ihr den Sohn und den Enkel geraubt hatte. »Der Herr hat

sie gegeben, der Herr hat sie genommen, der Name des Herrn sei gelobt«, war alles, was sie

sich und ihrer Schwiegertochter zum Troste sagte. Aber sie setzte hinzu: »Der gleiche Schmerz

verbindet.« Sie ließ Maria fühlen, daß die geliebte Gattin ihres Sohnes ihr auch nach dessen

Tode wert geblieben war.

Tante Dolph hatte sich in den jüngstverflossenen Tagen unsichtbar gemacht. Doktor Weise mußte

ihr absolute Ruhe und Luftveränderung verordnen.

In ihr ging etwas Ungewöhnliches vor – sie wurde bei der Erinnerung an den kleinen Hermann von

Wehmut erfaßt, nicht heftig allerdings, aber doch beängstigend für die alte Egoistin, wie ein

Unwohlsein für einen Menschen, der immer gesund war. Sie gestand es ihrem Bruder und verhehlte

ihm auch nicht ihren leisen Groll gegen Maria, deren Unglück das Mitleid herausforderte – ein

der Gräfin unbequemes Gefühl.

»Mich mitzufreuen, nicht mitzuleiden bin ich da. Warum soll die Traurigkeit sich ausbreiten?…

Ich weiche ihr aus. Wenn das abscheulich gefunden wird, muß ich mich darein fügen. Kann ich

für meine Natur? Die Rebe weint, die Distel nicht«, sagte sie und reiste ab.

In dem schwer heimgesuchten Hause, dem sie den Rücken gekehrt, gab es aber doch einen

Glücklichen. Das war Erich; selig ging er umher wie ein aus der Verbannung in das ersehnte

Heimatparadies Zurückgekehrter. Seine Mutter liebte ihn jetzt, wie sie den armen Hermann

liebte, der noch immer schlafen mußte. Sie hob ihn auf ihren Schoß und überhäufte ihn mit

Zärtlichkeiten.

Und das Kind, in wonniger Überraschung, ein wenig verlegen, ließ in stillem Entzücken all

diesen Liebessegen über sich ergehen.

Einmal nahm sie ihn mit in die Gruft, und vor der mit Kränzen behangenen Nische, die den Sarg

ihres Mannes und ihres Erstgeborenen barg, kniete sie nieder.

»Erich«, sprach sie, seine beiden Händchen in ihre Hände fassend, »Erich, du wirst groß werden

und gut und gescheit. Dann sollst du an deine Mutter denken und an das, was sie dir heute

sagt.«

Der Kleine lehnte seine Stirn an ihre Wange: »Was sagt sie?«

»Sieh dich um. Wo sind wir?«

»In der Gruft.«

»Und wer schläft in der Gruft?«

»Mein Vater und mein Bruder.«

»Und noch viele, viele ihnen verwandte, gute Menschen. Merke dir, Erich, vergiß es nicht,

erinnere dich, wenn du groß sein wirst, wo und wann deine Mutter dir gesagt hat: Verzeih mir,

mein Kind … verzeihe mir! – Wirst du dir das merken, Kind?«

Erich schlang seine Arme um ihren Hals und antwortete fest und zuversichtlich: »Er merkt

sich’s.«

Als sie ins Schloß zurückkehrten, kam Wolfsberg ihnen entgegen.

»Es ist Zeit«, sagte er zu Maria. »Deine Schwiegermutter und Wilhelm erwarten dich. Wenn du

aber nicht stark genug bist …«

Sie unterbrach ihn: »Ich habe mir Stärke geholt«, übergab den Knaben der seiner harrenden

Wärterin und ging mit ihrem Vater nach den Zimmern der Gräfin.

Das Testament des Verstorbenen war vor der Beerdigung in Gegenwart Wilhelms und Wolfsbergs mit

den üblichen Förmlichkeiten eröffnet worden. Sein Hauptinhalt war eine Huldigung für Maria,

und Wolfsberg hatte gezögert, ihr den ergreifenden Wortlaut dieser letzten Botschaft

mitzuteilen. Heute, am dritten Tage nachdem Hermann zur ewigen Ruhe bestattet worden, sollte

es geschehen. Seine Mutter hatte den Wunsch ausgesprochen, Zeugin zu sein.

Die Gräfin empfing Maria und Wolfsberg im Salon ihrer Witwenwohnung im Schlosse. Ein hohes

Gemach mit gelblichen Stuckwänden, großen Marmorkaminen, bis zur Decke reichenden Spiegeln in

kannelierten Goldrahmen und steifer Empireeinrichtung. Die Fenster, die einen weiten Ausblick

über den Park gewährten, standen offen, und hereindrang das Licht der untergehenden Sonne und

die würzige Luft, die vom Walde hergestrichen kam.

Einen düsteren Gegensatz zu diesem freundlichen Raume bildete die alte Dame mit ihren

schwarzen schleppenden Gewändern, mit dem aschfahlen Angesicht, dem die Leiden und

Seelenkämpfe der letzten Tage tiefe Spuren eingeprägt hatten.

Sie erhob sich ein wenig aus ihrer Sofaecke, als Maria auf sie zukam, und streifte dabei ein

kleines Bauer mit einem ausgestopften Vögelchen auf den Boden hinab. Ehe jemand ihr

zuvorkommen konnte, hatte sie sich danach gebückt und das Spielzeug wieder auf seinen früheren

Platz gestellt.

»Erich hat es herübergebracht«, sprach sie, »und vergessen, als du ihn rufen ließest.«

Maria ergriff die Hand, die sie ihr reichte, beugte sich tief, küßte sie innig und heiß und

zog sie immer wieder an ihre Lippen, als ob es ein schweres Scheiden gelte.

»Nun, mein Kind, nun«, ermahnte die Gräfin, »Fassung, ich bitte dich. Wir wollen die Worte des

teuern Vorangegangenen hören, standhaft wie Glaubende und Hoffende.«

Wilhelm hatte die Zeit über stumm dagesessen, in das Schriftstück vertieft, das er vorlesen

sollte.

»Beginne«, sagte die Gräfin.

Er rückte seinen Sessel näher zu ihr. Ihm gegenüber hatte sich Maria niedergelassen. Ihr Vater

nahm Platz an ihrer Seite.

Wilhelm las mit bewegter, leiser Stimme, und der greisen Zuhörerin neben ihm bemächtigte sich

allmählich ein lange nicht mehr gekanntes Gefühl, eine sanfte und wehmütige Rührung.

Vor vielen Jahren hatte ein Unvergessener in seinem Letzten Willen so von ihr gesprochen, wie

Hermann von dem Weibe seines Herzens sprach. Mit dem gleichen Vertrauen hatte er sie geehrt,

indem er ihr so viele Rechte über den Sohn, soviel Freiheit in der Verwaltung des Vermögens

gewahrt, als das Gesetz nur irgend zuließ. Fast mit den Worten seines Vaters schrieb Hermann:

»Weil ich das wahre Wohl meiner Kinder im Auge habe, unterwerfe ich sie in allem und jedem den

Bestimmungen ihrer Mutter. Sie sind damit einer Vorsehung anbefohlen, die weise ist, gerecht

und treu.«

Ein qualvolles Wimmern rang sich aus Marias Brust.

Wilhelm hielt inne.

»Weiter«, sagte die Gräfin nach einer kleinen Pause.

Mit erstickter Stimme fuhr er im Lesen fort und warf von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Blick

nach Maria. Sie rang die Hände auf ihren Knien, aus ihren marmorblassen Zügen sprach

rettungslose Verzweiflung.

Wilhelm war zu Ende gekommen. Am Schlusse hieß es:

»Je besser und tüchtiger meine Kinder werden, mit je hellerem Blick sie die Welt und die

Menschen beurteilen lernen, desto festere Wurzeln wird in ihnen die Überzeugung schlagen: Es

gibt auf Erden eine höchste Einsicht und Güte – in unserer Mutter hat sie sich verkörpert.

Ich lebe gern und hoffe noch lange zu leben und zu meinen Söhnen noch manches Wort sprechen zu

können. Dir aber, Maria, ob ich jung, ob alt sterbe, dir werde ich immer nur eines zu sagen

haben: Ich danke dir!«

Die Augen Gräfin Agathens hatten sich leicht gerötet; teilnehmend wandte sie sich Maria zu.

Die Frau, die eine solche Liebe besessen und verloren hatte, stand ihr nahe und sollte ihr

immer nahestehen. »Meine Tochter«, sagte sie zu ihr, »ich teile den Glauben meines Hermann.

Sein teuerstes Vermächtnis, sein liebes Kind, ist geborgen in deiner Hut. Gott stärke dich und

segne unsern kleinen Majoratsherrn.« Sie streckte die Rechte aus, um sie auf den Scheitel

Marias zu legen.

Diese sprang auf. »Was tust du? Ich verdien es nicht … Behandelt mich, wie ich es verdiene«,

rief sie leidenschaftlich aus, stockte einen Augenblick und setzte dann herben Klanges hinzu:

»Erich ist nicht erbfähig.«

»Maria!« – stießen die anderen hervor. Derselbe Gedanke war allen zugleich gekommen …

»Nein, nein, ich bin nicht wahnsinnig, ich weiß, was ich rede. Ich kann die Lüge nicht mehr

ertragen. Der ist tot, dem zuliebe ich es getan habe.«

Außer sich faßte Wolfsberg ihre Schulter mit eisernem Griff: »Was getan?«

»Geheuchelt – mich halten lassen für das, was ich nicht war:für treu.«

Er stieß sie von sich und sprang auf; auch die Gräfin stand da, emporgerichtet in ihrer ganzen

Höhe.

»Nicht treu? eine Dornach nicht treu?… Nein, keine Dornach. Du bist nicht aus unserem Blut –

Ehebrecherin!« schleuderte sie Maria zu und führte unwillkürlich das Taschentuch an ihre

Lippen, die sie beschmutzt fühlte, nachdem sie das Wort ausgesprochen hatten … »Erich nicht

der Sohn meines Sohnes … und ich – und ich!…« Mit einem grellen, kurzen Lachen sank sie in die

Kissen zurück, halb ohnmächtig, stumm und starr.

»Du lügst, Maria!« rief Wilhelm. Bebend vor Wut trat Wolfsberg vor seine Tochter hin: »Deine

Entschuldigung?« fuhr er sie an.

Sie sah ihm ruhig in die zornig flammenden Augen, und aus den ihren sprach eher ein Vorwurf

als eine Abbitte. Ich hatte mich gerettet aus eigener Kraft, hätte sie ihm antworten können.

Da riß mich die Hand deines Sohnes ins Verderben.

»Deine Entschuldigung?« rief er von neuem, dieses Mal leiser, dringender, sehr betroffen über

ihre wunderbare Gelassenheit. »Du hast eine Entschuldigung.«

»Keine«, erwiderte sie.

»Unmöglich«, fiel Wilhelm ein. »Wenn du gefehlt hast, hätte ein Engel gefehlt und …« plötzlich

hielt er inne.

Die Tür neben dem Sofa war geöffnet worden. Aus dem Zimmer Gräfin Agathens kam Erich heraus

und auf sie zugelaufen. »Großmutter, wo ist der kleine Vogel?« fragte er und legte seine

gekreuzten nackten Ärmchen auf ihren Schoß.

In ihrem Herzen erglomm ein letzter Funken der Liebe zu diesem holdseligen Kinde, sie sah ihn

mitleidsvoll an; dann wies sie ihn hinweg.

Er aber forderte ungestüm: »Den kleinen Vogel! Großmutter, gib! gib!« und klammerte sich an

sie.

Da schüttelte sie ihn ab, wie wenn etwas Unreines sie berührt hätte. »Geh!« befahl sie hart.

Ihr Gesicht war verzerrt, ihre Hände ballten sich krampfhaft: »Geh!«

Erich, erstaunt, bestürzt, wurde über und über rot; seine Mundwinkel zogen sich herab; er sah

noch von der Seite nach dem Vogelbauer und rang mit dem Weinen, in das man ihn ausbrechen

hörte, sobald er das Zimmer verlassen hatte.

Maria blieb regungslos. Ihr Vetter Wilhelm beobachtete sie in unsäglicher Spannung und wartete

sehnlich, daß sie sprechen und die Verleumdung zurücknehmen werde, die sie gegen sich selbst

ausgestoßen hatte … Aus welchem Grunde? was bezweckte sie damit?… Die Gedanken wirbelten

durcheinander in seinem brennenden Kopf, es hämmerte in seinen heißen Schläfen. Nach Kühlung

ringend, trat er ans Fenster.

Lau strömte die Luft ihm entgegen und weckte ein flüsterndes Geräusch in den Wipfeln der

Bäume. Schwalben umkreisten das Haus. Weiße Tauben schwangen sich von einem Pilasterkapitäl

schwirrenden Fluges auf und verschwammen im Blau wie Flöckchen.

»Wilhelm!«

Er sah sich um, die Gräfin hatte seinen Namen gerufen.

»Der alte Stamm Dornach ist erloschen«, sprach sie feierlich und erbleichte unter dem

Eindruck, den ihre eigenen Worte in ihr hervorriefen. »Gott schütze den jüngeren Stamm und vor

allem dich, dessen Haupt.«

Er taumelte zurück: »Ich!… Ich?…«

»Du hast den nächsten Anspruch. Ist dir das neu?« fragte Wolfsberg voll Bitterkeit.

»Ich werde ihn nicht geltend machen, nie!«

»Als ob du die Wahl hättest.«

»Du wirst tun, was deine Pflicht ist und was du tun mußt«, sagte die Gräfin.

»Muß?« erwiderte er heftig, »und was wir jetzt gesprochen haben, muß weltbekannt werden – und

zu der Erklärung, die hier abgegeben worden ist, muß das Gesetz seinen Segen geben –« Er hielt

inne, ein erlösender Gedanke war in seinem Geiste aufgestiegen: »Das Gesetz gibt ihn nicht!…

Vor dem Gesetz ist das in der Ehe geborene Kind rechtmäßig und sein Erbe unantastbar.«

Gräfin Agathe fuhr auf: »Sein Erbe?… das Gesetz?… Es gibt ein Gesetz, welches das Kind der

Sünde beschirmt, wenn es die Hand ausstreckt nach fremdem Gut?«

»Ohne Sorge!« fiel Wolfsberg ein. Er war blaß geworden, Schweißtropfen perlten auf seiner

Stirn. »Das Kind wird Dor-nachisches Eigentum nie berühren, es wird erzogen werden, wie es ihm

zukommt, und einst, mündig geworden, seine Verzichtleistung unterschreiben mit dem Bewußtsein,

es vollziehe eine leere Förmlichkeit. Dafür steh ich.«

»Und ich«, sprach Maria, und Wilhelm rief ganz außer sich:»Und du!… So gibst du deinen Namen

der Lästerung preis. Hast du das auch bedacht?«

Sie hatte ein trostloses Lächeln: »Guter Wilhelm, du wirst doch mich nicht schonen wollen –

eine Schuldige, die mehr als überwiesen, die geständig ist … Ich habe jahrelang Liebe und

Ehrfurcht erduldet mit dem Bewußtsein meines Unwerts – – das war schwerer …«

»Worte, leere Worte«, versetzte starr, unerbittlich die Gräfin. »Wenn es dem Ewigen gefallen

hätte, meinen Sohn zu erhalten, würdest du weitergelebt haben in Lüge und Trug.«

»Nicht mehr lange«, sprach Maria mit sanftem, eindringlichem Beteuern, »glaube mir. Der

kleinste dem – – dem unrechtmäßigen Kinde gewährte Anspruch hätte mir die Zunge gelöst, und

dann wäre ich vor Hermann gestanden, wie ich jetzt vor seiner Mutter stehe, und hätte gefragt

–« ihre Stimme wurde fast unhörbar: »Darf ich dir Lebewohl sagen?«

Eine ablehnende Gebärde war die Antwort der Gräfin, Wilhelm aber ging auf Maria zu und sagte

vorwurfsvoll: »Lebewohl? Du willst uns verlassen; was fällt dir ein? – Wir lieben dich –

meiner Helmi bist du wie eine Tochter – bleibe bei uns, zieh zu uns in unser schlichtes Haus –

bleibe bei uns!« Er klopfte auf seine Brust. »Du hast einen Freund, der dich verehrt und noch

mit seinem letzten Hauche wiederholen wird: Wo die gesündigt hat, da wäre ein Engel gefallen.«

Maria drückte dankbar seine Hand. »Wir sehen uns wieder«, brachte sie mühsam hervor, »in

Wolfsberg, wo mein Vater mich und das Kind aufnehmen wird. Nicht wahr, Vater?«

»Ich komme nicht mehr nach Wolfsberg«, erwiderte er rauh. In dieser Stunde verleugnete sich

seine Liebe zu ihr.

»Maria!« rief Wilhelm, »wir werden jeden Tag segnen, den du uns schenkst. Bleibe bei uns!«

»Es kann nicht sein – du wirst das einsehen«, sagte sie. Ihre Wangen hatten sich langsam

gefärbt und glühten nun fieberhaft.

Zum zweiten Male wandte sie sich an ihren Vater: »Nimm uns dennoch auf!«

Er zuckte mit den Achseln und antwortete: »Was bleibt mir anderes übrig?«

20

Das Stammschloß Wolfsberg war ein schwerfälliges steinernes Bauwerk mit düsteren Bogenhallen,

feuchten Gängen, klafterdicken Mauern. Der Graf hatte es einst mit großem Aufwand bewohnbar

machen und einen Teil davon in altertümlichem Stile einrichten lassen, während der andere

allen Anforderungen entsprechen sollte, die heutzutage an den Landaufenthalt reicher und

gastfreier Leute gestellt werden. Später, nach dem Tode seiner Frau, bereute er die

romantische Laune, die ihn verleitet hatte, seinen Wohnsitz in einer unwirtlichen Gegend zu

nehmen, in der Nachbarschaft einer Dorfbevölkerung, der alle Laster der Armut anhafteten. Er

ließ Dolph und Maria monatelang allein; seine Besuche wurden immer kürzer, und nach der

Verheiratung seiner Tochter kam er überhaupt nicht mehr nach Wolfsberg.

Das Schloß erhob sich auf einem stumpfen Hügel, der noch zu Anfang des Jahrhunderts dicht

bewaldet gewesen war. Ein geldbedürftiger Vorfahr hatte die Bäume fällen und den Grund nicht

mehr aufforsten lassen. Wasserrisse bildeten sich, die fruchtbare Erde wurde von Regengüssen

fortgeschwemmt und der tonige Sandstein, der nun zutage kam, allmählich von einer kümmerlichen

Vegetation bedeckt. Hie und da ragte der schiefe und narbige Stamm einer Föhre mit graugrünen

Nadelbüscheln an den dürren Zweigen aus dem Gestein hervor, und wo ein Quellchen rieselte, gab

es üppig wuchernde Moose. Wurzeltriebe der uralten Steineichen, die oben vor dem Pförtnerhause

standen, schmückten sich mit Blättern. Kampanellen und Eriken wuchsen aus dem Schutt.

Daß die Wasseräderchen nicht ganz versiegten, dankte man dem Baumreichtum des Schloßgartens.

Hinter seiner weitläufigen, vieleckigen Einfassungsmauer, die sich stellenweise bis zur halben

Höhe des Hügels zog, breiteten sich herrliche Wiesen, und sogar von Blumen und von

Gewächshäusern, in denen sie überwinterten, erzählte man im Dorfe. Ein Verkehr zwischen diesem

und dem Schlosse bestand nicht. Unfrieden herrschte zwischen beiden, seitdem die Gemeinde die

ersten Wohltaten, die der Graf ihr erwiesen, mit Undank gelohnt hatte. Was sich an Nörgeleien

erdenken läßt, das tat man einander an.

Dem Grafen, in dessen Sinne die Gutsverwaltung sich dem Volke gegenüber benahm, weihte es

seinen vollsten Haß, während das Andenken der verstorbenen Herrin in Ehren gehalten wurde. Ein

Gemisch von Wahrheit und von böswilliger Erfindung hatte sich als Tradition in der Gegend

erhalten. Niemand bezweifelte, daß die Gräfin den Mißhandlungen erlegen war, die sie von ihrem

Gatten erdulden mußte, und jetzt wandelte sie als Gespenst durch die Gänge, schlich an seine

Tür und lauschte. Eines Nachts hatte er ihr geisterhaftes Auge gesehen, wie es durchs

Schlüsselloch spähte. Nun verfolgte ihn dieses Auge und starrte ihm entgegen aus jedem Winkel

des Hauses. Kein Wunder, daß er es nicht aushielt in Wolfsberg; kein Wunder, daß seine frechen

Diener sich nach und nach gebärdeten als Herren im fremden Eigentum.

Das Telegramm des Grafen, welches das Eintreffen Marias zu längerem Aufenthalte ankündigte,

entthronte mit einem Schlage ein halbes Dutzend Usurpatoren und entfesselte einen Sturm von

unwilligen Fragen: »Was hat sie hier zu suchen? Warum bleibt sie nicht dort, wohin sie

gehört?«

Keinem willkommen, kehrte Maria mit Erich und ihrem kleinen Gefolge in die Heimat zurück.

Die windbrüchige Akazienallee, die zum Schlosse führte; das Muttergottes-Kapellchen daneben am

Fuße der Anhöhe, von vier Winterlinden umgeben; den weiten Ausblick, den man im Steigen über

die Felder und Hutweiden gewann, bis zu dem Steinbruche, und tief im Hintergrunde den dunkeln

Nadelwald – das alles hatte sie geliebt. – Und wie kahl, welch ein Ausbund von Traurigkeit

erschien es ihr jetzt!

»Wo sind denn die Wiesen, wo sind denn die Berge?« rief Erich, als er am Morgen nach der

Ankunft aus dem Fenster blickte. Er ging mit Lisette in das Dorf und kehrte ganz entrüstet

zurück.

»Sie sind hier sehr unartig«, erzählte er, »sie geben keine Antwort, wenn man sagt: Guten

Morgen, und ein Bub hat mir«, er senkte die Stimme und flüsterte seiner Mutter ins Ohr: »die

Zunge herausgestreckt.«

»Sie kennen dich noch nicht«, erwiderte sie ihm; »warte nur, bald werden sie so freundlich mit

dir sein wie die Kinder in Dornach.«

Aber diese Prophezeiung erfüllte sich nicht. Im Gegenteil; als der Grund der Entfernung Marias

aus Dornach bekannt wurde, ließen es auch die Erwachsenen, besonders die Weiber, an

Gehässigkeiten gegen das Kind nicht fehlen. Ein Schimpfwort wurde ihm zugerufen, sooft er sich

zeigte, nach dessen Bedeutung er zu Hause vergeblich fragte, und als er mit seiner Mutter

davon sprach, traten Tränen in ihre Augen. Sie hatte gemeint, nach dem Scheiden von Dornach

könne ihr nichts mehr weh tun, und nun gab es doch noch Stacheln, die vermochten, ihr ins Herz

zu dringen.

Als sie nach Geringschätzung gedürstet, hatte sie nicht bedacht, daß ihr schuldloses Kind sich

mit ihr darein werde teilen müssen.

Sie begann zu werben um die Gunst der Elenden und Mitleidlosen. Sie brachte Hilfe und ließ

sich nicht abschrecken durch das Mißtrauen und durch den kaum verhehlten Hohn, mit dem ihre

Gaben aufgenommen wurden. Wenn Erich über die Bauernkinder klagte, wies sie ihn ab: »Sie

können nicht dafür, bedauere sie; niemand sagt ihnen: seid gut.«

»Wär auch schad drum, mit denen müßt man eine andere Sprache reden!« fiel Lisette

zornschnaubend ein. – Sie hätte so gern jede Beleidigung, die Maria oder das Kind erfuhren,

mit Feuer und Schwert gerächt. – Ihres Respekts vor dem Grafen Wolfsberg entledigte sie sich

nach und nach vollständig und äußerte ungescheut, wie es sie empöre, daß er nicht kommt, sich

seiner Tochter anzunehmen und »dem schlechten Beamten- und übrigen Volk den Standpunkt

klarzumachen – mit der Hundspeitsche!« schrie sie und schlug auf den Tisch.

Es war ihr unfaßbar, daß die flehentlichen Bitten Wilhelms und seiner Frau, Maria besuchen zu

dürfen, von ihr unerhört blieben, und sie wurde nicht müde, ihren Unwillen darüber kundzutun.

»Glaube mir«, erhielt sie endlich zur Antwort, »es würde mich verwöhnen, mich weich machen.«

Maria preßte die flachen Hände an ihr Gesicht, dann hob sie den Kopf in ihrer alten stolzen

Weise. »Ich aber muß standhaft bleiben.«

Sie bewahrte einen unerschütterlichen Gleichmut; sie schien blind und taub, wenn sie

herausfordernden Mienen begegnete, wenn sich bei ihrem Anblick ein beleidigendes Zischeln

erhob.

Eines Tages im Spätherbste führte ihr Weg sie zu einer einzeln stehenden Hütte, deren uralte

Bewohnerin von aller Not befreit war seit der Anwesenheit der Gräfin in Wolfsberg. Gekrümmt

wie ein Bogen saß sie auf der Bank an ihrer Tür und lud Maria ein, neben ihr Platz zu nehmen.

Sie begann damit, sich zu beklagen, daß die Kleidungsstücke, die sie aus dem Schloß erhalten

hatte, nicht ganz nach ihrem Geschmack ausgefallen waren, sagte aber zuletzt doch einige Worte

des Dankes.

Auf ihren Stock gestützt, blickte sie zu Maria hinauf, die, von Abscheu ergriffen vor der

affenartigen Häßlichkeit der Alten, unwillkürlich die Augen schloß.

»Ja, was Sie jetzt anders geworden sind, daß Sie sich um uns kümmern«, sprach die Greisin;

»wie Sie noch zu Haus waren, ist Ihnen so was nicht eingfallen …« Sie lächelte schadenfroh.

»Na, wir werden Ihnen schon losbeten, meine Tochter und ich; den anderen können Sie schenken,

soviel Sie wollen, die beten doch nicht für Sie … die schimpfen nur … Was die aber selber tun,

das sollen Sie von mir hören, hochgräfliche Gnaden, damit, wenn sich einer getraut, Ihnen

etwas ins Gesicht zu sagen, Sie ihm’s tüchtig zurückgeben können.«

Sie erzählte. Sie lieferte die Geheimnisse der Bewohner ihres Dorfes aus. Es war eine

haarsträubende Sittengeschichte, und die alte Sibylle erfand nicht. Ihre Enthüllungen trugen

das Gepräge der Wahrheit, einer Wahrheit freilich, die Schritt hielt mit den dunkelsten und

ausschweifendsten Phantasiegebilden.

Maria unterbrach das Weib im schönsten Fluß ihrer Rede und erhob sich. – Welche Greuel, dachte

sie; nein, so hättet ihr nicht werden müssen, ihr Bejammernswerten! Ihr hättet nicht in diesen

Sumpf zu geraten brauchen, in dem ihr jetzt versinkt. Nur wenige Einsichtige und Barmherzige

unter denen, die durch Jahrhunderte unumschränkt über euch geherrscht, und sie würden euch zur

Erkenntnis des Guten geführt haben. Sie besaßen die Macht, warum nicht auch die Gerechtigkeit,

die Uneigennützigkeit, das liebreiche Herz?

Als ein Kind ihres Stammes fühlte Maria sich mitschuldig an dem himmelschreienden Versäumnis

und war doch die letzte, die Ersatz dafür zu leisten vermochte. Sie konnte schenken – raten,

belehren, bessernd einwirken konnte sie, die Bemakelte, nicht. Um die Menschen zu ihrem wahren

Heile zu führen, bedarf es einer reinen Hand.

Sie eilte hinweg wie gejagt und durchwachte die Nacht ruhelos und fiebernd. In dem großen,

kapellenartig gewölbten Schlafgemach, das sie mit Erich bewohnte, hingen zwei Meisterwerke

Benczurs, die Bilder Hermanns und seines Sohnes. Gräfin Agathe hatte sie für ihre

Schwiegertochter malen lassen, und sie waren das erste gewesen, das Wilhelm seiner verehrten

Base nachzuschicken befahl aus Dornach. Die geliebten Gestalten schienen lebendig aus ihren

Rahmen zu treten; ihre treuen, freundlichen Augen die Augen Marias zu suchen und ihr zu

folgen, wohin sie sich wandte. Sie sank an ihrem Bette zusammen; ihre ganze Seele flammte auf

in der verzehrenden, ewig empfundenen, ewig vergeblichen Sehnsucht all der Unglücklichen, die

ihr Liebstes überleben: Einmal nur noch deine Stimme hören, einen Kuß auf deine Lippen

drücken, nur einmal noch.

Oh, dieses immer geforderte, nie erlangte, nie verschmerzte eine letzte Mal!

Alles still im Haus und auch draußen alles still. Ausnahmsweise hatte der Sturm seine Flügel

gefaltet und sein wildes Lied verstummen lassen. An dem Geiste Marias zogen die stillen Tage

ihres ersten, noch unbewußten Glückes vorbei. Sie versenkte sich in die Erinnerung an jede im

Verkehr mit ihrem Gatten, ihrem Freunde, verlebte Stunde.

Er hatte sein bei der Verlobung gegebenes Wort treulich gehalten, was sie für ihn tat, immer

als Gnade angesehen, was er für sie tun durfte, als sein bestes Glück. Und seine Art und Weise

gegen sie war nur der höchste Grad dessen, was er allen Menschen zuteil werden ließ. Sie erhob

ihre Augen und ihre Hände zu seinem Bilde und tat einen stummen Schwur: Die Welt soll dich

nicht ganz verloren haben, deine Güte, deine Langmut sollen fortleben; ich will dienen um das

Recht, sie auszuüben in deinem Sinn; ich will mir das Vertrauen der Leidenden und Irrenden

verdienen.

In diesem Jahre kam der Winter besonders früh und streng mit seinen kurzen Tagen, seinem

dämmerigen Lichte, mit Eis und Schnee. Wochenlang von dem Verkehr mit der Außenwelt

abgeschnitten, suchte Maria, wenn ein Postpaket endlich ins Schloß befördert werden konnte,

immer zuerst nach Briefen von ihrem Vater – und nicht selten umsonst. Fürstin Alma, Carla und

Betty schrieben voll Zärtlichkeit; Wilhelms wiederolten immer inniger ihre stehende Bitte,

sprachen immer wärmer ihre Sehnsucht nach einem Wiedersehen aus. Tante Dolph sandte unpassend

schneidige Berichte über das Treiben in der Gesellschaft, während Wolfsbergs Briefe so

unpersönlich als möglich nur Fernliegendes berührten.

Am Abend, wenn Sturm und Frost Maria im Hause ge-fangenhielten, setzte sie sich ans Klavier

und spielte, und sehr oft kam Erich, rückte einen Sessel herbei, stieg hinauf und hörte

unendlich aufmerksam zu. Das Kind schien eine Ahnung zu haben von der Schönheit der

Phantasien, die unter den Fingern seiner Mutter hervorquollen. Sein dunkler, leuchtender Blick

ruhte mit ehrfurchtsvollem Staunen auf ihr und senkte sich fast scheu, wenn sie zu ihm hinsah.

Einmal plötzlich hielt sie inne, nahm ihn auf ihren Schoß und drückte ihn an sich. Er

streichelte und küßte ihre Wangen, wollte sprechen, würgte aber die Frage, die ihm schon auf

den Lippen schwebte, wieder hinunter.

»Was hast du? Was willst du?« sprach Maria.

»Ich möcht so gern … so gern möcht ich …« er stockte wieder und fuhr nach einer Weile zögernd

fort: »Ich weiß, Mutter, wie man nach Dornach geht. Vom Schlafzimmer sieht man den Weg,

Lisette hat mir ihn gezeigt … Sie hat gesagt, das arme Dornach ist ganz verlassen und wird

noch lang verlassen bleiben. Ist es weit nach Dornach, liebe Mutter?«

Sie nickte schweigend: »Ja.«

»Ich möcht aber doch nach Dornach«, begann er wieder, entschlossener werdend. »Hermann wird

mir von den Löwen erzählen. Dornach ist nicht so weit wie die Löwen.«

»Doch!« rief sie mit schneidendem Schmerzensklang. »Dornach ist weiter als alles, ist

unerreichbar!«

Am folgenden Morgen, da Lisette beim Eintreten in das Zimmer der Gebieterin ausrief: »Wie blaß

du bist, wie übel du aussiehst!« mußte Maria eingestehen, daß sie sich müde und unwohl fühlte.

Lisette bemerkte nur: »Es muß arg sein, wenn du’s selber sagst«, aber sie setzte etwas ins

Werk, was sie schon seit längerer Zeit geplant hatte, und vertraute im Laufe des Tages dem

Stubenmädchen, daß sie heute »einen Coup« ausgeführt, einen ausgezeichneten »Coup«.

Die Kränkung Marias über das Wegbleiben des Grafen, die wenigstens sollte ein Ende nehmen.

Lisette wußte recht gut, was sie zu tun hatte, um ihn ins Bockshorn zu jagen.

In der Stunde, in der Maria ihr schweres Geständnis abgelegt, hatte ihrem Vater ein

schreckliches Bild von dessen möglichen Folgen vorgeschwebt. Der Name seiner Tochter der

Schmach preisgegeben, nie wieder genannt, ohne die Erinnerung an einen Skandal zu wecken … Und

er mit hineingerissen in die Schande, seine glänzende Stellung vernichtet.

Aber siehe! als er sich anschickte, die große Welt als ein Ausgestoßener zu fliehen, kam sie

ihm entgegen, huldvoller denn je. Seltsamerweise hatte Maria die öffentliche Meinung gewonnen

durch die heroische Geringschätzung, die sie ihr bewies. Die große Welt verzieh, statt zu

verdammen, sie tat ein übriges – sie bewunderte. Tonangebende Damen erklärten, Gräfin Dornach

werde stets in ihrem Hause willkommen sein.

»Was der Teufel, willkommen!« rief Betty Wonsheim aus, »kniend würde ich sie auf meiner

Schwelle empfangen.«

Und wie stimmte Carla ihr bei! und welches unaussprechliche Mitleid erfüllte die Seele Fürstin

Almas und wagte nicht, sich laut zu äußern, aus Furcht vor dem Schein einer begreiflichen

Sympathie mit der Schuldigen und mit der Schuld. Fee, die sich einen famosen Reisewagen hatte

bauen lassen – Gott weiß, wo, Gott weiß, wann man ihn brauchen wird! –, konnte es nicht

erwarten, ihn zu probieren. Eine Fahrt über Land, mit eigenen Pferden, mit vielmaligem

Einkehren und wunderbarem Schlußeffekt: plötzlichem Sturz in die Arme ihrer überraschten,

ihrer liebsten, ihrer angebetenen Freundin – das wäre etwas gewesen, recht nach dem Herzen der

kleinen Fee.

Die strengsten Richter fand Maria in ihrer Familie.

»Bei mir hat sie abgewirtschaftet«, sagte Gräfin Dolph geradeheraus zu Fräulein Nullinger.

Die Gesellschafterin erwiderte nicht ohne geistlichen Hochmut: »Darüber wird sie sich trösten

– im Himmel, der die große Büßerin erwartet.«

»Was Sie sagen – der Himmel?… Kann sein übrigens. Es gibt ja einen für die Einfältigen. Sie

hat eine Dummheit gemacht, um einen Fehler zu reparieren; das mag dort Anerkennung finden.«

Das Fräulein spielte alle Farben von Dunkelrot bis zu Violett: »Mein ganzes Innere ist empört

…«

»Gegen mich?« fragte Gräfin Dolph mit souveränem Lächeln. »Oh, wie grausam! – nein, ich bitte

Sie, kein Wort mehr, haben Sie Erbarmen, ich weiß ja, daß meine Empfindungen nur Hunde sind

gegen die Ihrigen.«

So scharf ihr eigenes Urteil über Maria war, die Härte ihres Bruders suchte sie zu mildern,

weil er darunter litt. »Was nimmst du ihr im Grunde übel?« sagte sie einmal – »daß dein Blut

und das Blut ihrer Mutter in ihren Adern rinnt. Nun, Verehrtester, ich kann den Gebrauch, den

sie davon gemacht, nicht unbescheiden finden. Sie hat geheiratet, überlege nur, mit der

Neigung zu Tessin im Herzen, sie hat – ich kenne sie – jeden Gedanken an ihn von sich

gewiesen. Aber die abgewiesenen Erinnerungen und Gefühle, das ist bei Leuten eueres Schlages

wie zurückgeschobener Sand oder Schnee; es häuft, es häuft sich, es wird ein Berg und stürzt

euch bei der ersten Gelegenheit über dem Kopf zusammen.«

»Diese Frau«, murmelte Wolfsberg, »und – dieser Mann!«

Gräfin Dolph verzog den Mund mit unbeschreiblichem Spotte:

»Soll ich alte Jungfer dir sagen, daß die Krone der Liebe nicht wie die von Mazedonien ›dem

Würdigsten‹ bestimmt ist? – Das wäre eine langweilige Welt, in der nur Tugendhelden

Eroberungen machen würden. Ich bitte dich, hör auf dich zu quälen. Ewig zürnen kannst du

nicht, und einen Groll, den man endlich doch fahren lassen muß, soll man je eher je lieber

aufgeben.«

Die Zeit verfloß, die ersten Frühlingstage kamen, der Verkehr zwischen Vater und Tochter

beschränkte sich immer noch auf einen spärlichen Briefwechsel.

Da erschien eines Vormittags Gräfin Dolph im Arbeitszimmer ihres Bruders. Ihr linkes Auge war

zusammengezogen und zwinkerte trüb und matt. Sie hatte ihre März-Rheumatismen, die ganz

besonders bösen, in der Stadt herumkutschiert und kam von einem Abschiedsbesuch bei Wonsheims.

Es ging nicht gut in dem Hause. Auf den dringenden Rat ihrer Ärzte verreisten die zwei

Ehepaare für längere Zeit. Clemens brauchte Zerstreuung um jeden Preis. Der Arme war seit dem

entsetzlichen Unglück, das er verschuldet, als er sinn- und gedankenlos den Ehrgeiz eines

Kindes zum unseligsten Wagnis aufgestachelt, in ernster Gefahr, gemütskrank zu werden.

»Er denkt natürlich nicht daran, Maria vor Augen zu treten, die beiden Frauen aber möchten

unbeschreiblich gern Abschied von ihr nehmen. Geht das, was meinst du?« fragte die Gräfin.

»Ich weiß nicht«, gab er zur Antwort.

»Sie ist etwas unwohl.«

»Wer?«

»Nun, Maria.«

»Hat sie geschrieben?«

»Nicht sie. Lisette, der alte Angstwurm, hat hinter ihrem Rücken einen Brief an Doktor Hofer

ergehen lassen, und der ist sofort nach Wolfsberg abgereist.«

Der Graf saß an seinem Schreibtisch, hielt eine Feder in der Hand und tippte heftig mit der

Spitze auf ein bereits ausgefertigtes Schriftstück: »Was das für Übertreibungen sind!«

»Er hat sich nicht lange aufgehalten, war heute schon bei mir und voll Ingrimm über die

schlechten Verkehrsmittel bei uns zulande.« Sie rückte näher an den Kamin, in dem ein

Holzfeuer brannte. »Drei Patienten haben mit dem Sterben auf ihn gewartet; sobald sie

expediert sind, kommt er zu dir.«

»Er hätte gleich kommen sollen«, versetzte Wolfsberg ungeduldig. »Warum bin ich der letzte,

der von alledem etwas erfährt?«

»Damit du dir nicht unnötige Sorge machst … ganz unnötige! Es ist nichts von Bedeutung.« Die

Hälfte von dem, was der Arzt ihr gesagt, hatte sie vergessen, vergessen wollen, und von der

anderen Hälfte verschwieg sie ihrem Bruder das meiste. Ihre Schmerzen waren fast unleidlich

geworden. »Leb jetzt wohl«, sprach sie, »ich muß anticipando ausruhen, habe Gesellschaft heute

abend, die ganze Menagerie, wie Madame de – de, wie hieß sie nur? sage, nun, die im 18.

Jahrhundert, als Paris noch an der Spitze der Kultur stand und das Kaffeehaus Europas war –

die … ich hab vergessen, wie sie hieß, mein Gedächtnis geht flöten. Auch eines der vielen

Anzeichen des hereinbrechenden Greisentums. – Ja, mein Lieber, halte dich an die Nachkommen,

die Zeitgenossen sterben einem weg. Du kannst über Nacht ein Bruder ohne Schwester sein.«

Sie fand für gut, das zu sagen, wäre jedoch sehr erstaunt gewesen, wenn man ihr geglaubt

hätte.

Als sie fort war, fuhr Wolfsberg ins Ministerium, präsidierte einer Sitzung, empfing Besuche –

alles wie immer. Und dabei hatte er unaufhörlich die Empfindung eines Zusammenpressens der

Kehle. Gegen Abend kam er heim, begann rastlos auf und ab zu wandern in seinem Zimmer und

horchte jedem Glockenzeichen. Eine schwere, alt machende Stunde verschlich. Da endlich wurde

die Tür vor dem Herrn Professor aufgerissen.

Er war ein Mann in den Fünfzigen, kräftig und untersetzt, mit ansehnlicher Glatze, aber noch

dunklen Haaren. Der treuherzige Ausdruck seines schönen, glattrasierten Gesichtes, sein

gerades Wesen gewannen ihm auf den ersten Blick ein Vertrauen, das er durchs Leben hindurch zu

rechtfertigen wußte.

Der Graf ging ihm entgegen und reichte ihm beide Hände: »Lieber Herr Professor, Sie Getreuer –

Sie waren dort – ich danke Ihnen.«

»Nix z’danken«, erwiderte Hofer trocken – er bediente sich manchmal durchaus ernsthaft des

Wiener Dialekts – und seine kleinen braunen Augen fest auf Wolfsberg richtend, fuhr er fort:

»War meine verdammte Schuldigkeit, mich nach ihr umzusehen, wäre – mit Verlaub – auch die

Ihre, Herr Graf. Sie und ich, wir kennen sie gleich lang, und wir könnten es wissen, daß die

Frau einige Aufmerksamkeit verdient.«

Wolfsberg wischte sich die Stirn. »Es hat sich viel verändert, Freund. – Zur Sache! Wie geht

es ihr?« Er lehnte mit dem Rücken am Fenster, der Arzt stand vor ihm.

»Merkwürdige Frage«, sagte er. »Nein, daß auch für Sie die alte Regel paßt: Willst du Genaues

erfahren über deine Allernächsten, so frage nur bei fremden Leuten an. Hm, hm! – Hat zuviel

ausgestanden, die Frau. Wissen Sie was, Herr Graf? Hören Sie jetzt auf zu schmollen, es könnte

Sie sonst reuen«, er klopfte ihm auf den Arm.

»Doktor, Herr Professor … mich reuen … Sie sehen zu schwarz … Ihr einziger Fehler.«

»Ich sehe, was Sie sehen werden. Reisen Sie morgen, machen S’ a bisserl an Ordnung auf Ihrem

Rittergschloß, bleiben Sie aber nicht lang und kommen Sie dann nicht zu bald wieder hin. Auch

Ihre Besuche würden die Kranke …«

»Die Kranke?«

»… aufregen, und jede, selbst die geringste Gemütsbewegung kann von den schlimmsten Folgen für

sie sein. Es ist ja ganz gut, sie so hinduseln zu lassen und zu beschränken auf den Umgang mit

ihrem Kind. Wenn sie recht haushält mit ihren Kräften, wird es vielleicht möglich werden, sie

im Herbst nach dem Süden zu bringen. Aber«, er erhob drohend den Zeigefinger, »das Bewußtsein

muß sie haben, daß ihr niemand etwas nachträgt. Ihr gebührt Bewunderung. Wer die Frau kränkt,

begeht eine Todsünde. Das sage ich Ihnen.«

Eine halbe Stunde später kündigte der Graf seiner Schwester an, daß er mit dem Nachtzuge nach

Wolfsberg abreise, und ließ packen. Das Essen, das ihm in seinem Zimmer serviert wurde, blieb

unberührt. Er schickte einige Zeilen an seine Behörde und warf die Antwort ungelesen auf den

Tisch. In seinem Sessel zurückgelehnt, starrte er vor sich hin. Da, auf dieser Stelle hatte

sie gekniet, den Kopf an seinem Herzen … Plötzlich, unwillkürlich falteten sich seine Hände.

Der Mann, dem der Glaube nur als ein Kappzaum galt für die Menge und als unentbehrlicher Trost

für die Enterbten dieser Erde, betete zu dem Gott der Liebe und des Erbarmens, dessen er in

Jahren nicht gedacht. Erhalte sie mir, schrie er zu ihm empor. Das war alles, was er zu sagen

wußte in seiner Pein – Anfang und Ende seiner Beredsamkeit: Allmächtiger, erhalte sie mir!

Am nächsten Tage traf er in Wolfsberg vor dem Telegramm ein, das ihn ankündigen sollte. Die

Überraschung der Dienerschaft, das Geschrei Lisettens, die eben in den Hof trat, als er

hereinfuhr, belehrten ihn darüber.

»Der Herr Graf! das ist aber etwas!« rief die Alte, tat aufs äußerste verwundert und

beantwortete seine Frage nach Maria mit den hastig gesprochenen Worten: »Bei den Pinien … im

Garten … ich muß nur bitten … ich will sie vorbereiten …«

Er hörte sie nicht an. Während im Schloß und im Beamtenhaus alles durcheinanderrannte und die

feindlichsten Elemente sympathisch zusammentrafen in dem Verdruß über seine Ankunft, schritt

er eilig der großen Baumgruppe am südlichen Ende des Gartens zu. – Wie war alles verwildert!

Die Wege grasüberwuchert, die Wiesen von Unkraut zerfressen, die Gebüsche unbeschnitten; ihre

kahlen, schwachen Stämmchen in die Höhe gewachsen, lauter Lichtungen statt der ehemaligen

schattigen Gänge. Von weitem schon erblickte er seine Tochter. Sie saß auf einer Moosbank

unter den mächtigen Stämmen – durchsichtig blaß, schmal in ihrem schwarzen, eng anliegenden

Kleide – und sah dem Kinde zu, das sich eifrig mit dem Bau einer kleinen Grotte beschäftigte.

Ihr Vater war schon nahe bei ihr, als sie seine Schritte knistern hörte auf dem mit dichten

Schichten abgefallener Nadeln bedeckten Grunde und den Kopf erhob.

»Maria!« rief er aus, und Tränen traten ihm in die Augen.

Sie stand auf, wollte sprechen, auf ihn zueilen, sank aber stumm zurück mit einem unendlich

dankbaren Lächeln.

Er neigte sich zu ihr herab und drückte einen langen Kuß auf ihre Stirn. Sie flüsterte etwas

Unverständliches, ihre Nasenflügel bebten, ihre Lippen waren halb geöffnet, sie zogen die Luft

hörbar atmend ein.

Wolfsberg setzte sich zu ihr. »Hätte ich doch gewußt …« sagte er, »warum nicht ein Wort

schreiben … Wie unrecht.« Von Rührung übermannt, zog er ihre Hände an seinen Mund und küßte

sie und sprach leise: »Niemand liebt dich, wie ich dich liebe, und niemand hat dir so weh

getan.«

Alles war ihm Vorwurf, ihr abgehärmtes Aussehen, ihr verwahrloster Wohnort, das Fremdtun

Erichs, der sein Spiel unterbrochen hatte und ihn ernst und fragend ansah, ohne ihn zu

begrüßen.

Auf einmal blitzte es freudig auf in den Augen des Knäbleins. Er trat an seine Mutter heran.

»Schau dorthin«, sagte er, legte sein Händchen flach an ihre Wange und zwang sie, den Kopf zu

wenden. Die Sonne ging unter; ihre letzten waagerechten Strahlen schimmerten durch die Stämme

der Bäume, das Angesicht des Kindes flammte in ihrem Widerschein; goldene Lichter spielten auf

seinen dunkeln, leicht gelockten Haaren.

Wolfsberg betrachtete ihn mit schmerzlicher Bewunderung. »Nun, was ist mit dir?« begann er.

»Du siehst mich ja gar nicht an. Kennst du mich nicht mehr?«

»O ja – o ja!« gab Erich zur Antwort, senkte den Kopf und wandte seine ganze Aufmerksamkeit

einem Käfer zu, der an einem Grashalm emporzuklimmen suchte.

Auch Maria wagte nicht aufzublicken. Die Erinnerung an den Abscheu, mit dem Gräfin Agathe das

Kind von sich gestoßen hatte, durchzitterte sie, und sie murmelte: »Verzeih ihm, er ist so

scheu geworden in der Einsamkeit.«

»Wir wollen ihn schon zutraulich machen«, sagte ihr Vater und streckte dem Knäblein die Rechte

entgegen. »Schlag ein, kleiner Wolfsberg, schlag ein, mein Enkel. Auf gute Freundschaft!«

Der Graf blieb einige Zeit daheim, und alle, die in seinem Dienste standen, erfuhren, wie

begründet ihr Schrecken über seine Ankunft gewesen war. Er ging streng ins Gericht; seinen

unverschämtesten Ausbeutern, seinen aufgeblasensten Würdenträgern brach der Angstschweiß aus,

als er, ohne die Stimme zu erheben, mit geschlossenen Zähnen zu ihnen sprach: »Weh euch, wenn

ich bei meiner Wiederkehr nicht jedes Versäumnis eingebracht finde, hundertfach.«

Seine Abreise verschob er von Tag zu Tag. Er hatte Erich liebgewonnen; er beschäftigte sich

mehr mit ihm, als er mit Maria getan, da sie noch in so zartem Alter stand. Halbheit war seine

Sache nicht. Er wollte den Enkel, den er anerkannt, von aller Welt anerkannt sehen und ihn für

eine glänzende Zukunft erziehen. Als er jedoch seine ehrgeizigen Pläne vor Maria entwickelte,

traf er auf Widerstand. Sie strebte für Erich das Gegenteil von allem an, was ihrem Vater

wünschenswert erschien; ja, sie forderte von ihm das feierliche Versprechen, daß ihr die

entscheidende Verfügung über ihr Kind bewahrt bleibe im Leben und im Tode.

Zweifelnd und erschrocken sah er sie an, aber eine andere Antwort als »ja« hatte er auf einen

von ihr geäußerten Wunsch nicht mehr.

Ihre unerschütterliche Gelassenheit bewegte ihn in allen Seelentiefen. Es schien ihm die

Gelassenheit einer halb Abgeschiedenen, die nicht mehr wünscht noch hofft. Ihre Mutter, in

ihrem letzten Lebensjahre, hatte in ruhigen Stunden denselben Ausdruck stiller Trostlosigkeit

gehabt. Maria war jetzt das vollkommene Ebenbild der unglücklichen Frau, und Wolfsberg

schauerte manchmal zusammen, wenn sie ihm unerwartet entgegentrat.

Am Abend vor seiner Abreise waren sie aus dem Salon, in dem der Tee genommen worden, in den

anstoßenden Erker getreten. Aus seinen hohen schmalen Fenstern sah man über die Bäume des

Gartens, über das Dorf hinweg auf eine von Trümmern, die aus dem Steinbruch herabgerollt,

teilweise bedeckte Hutweide. Die Dämmerung war eingebrochen, und in ihrem täuschenden Scheine

meinte man einen ungeheuren Friedhof vor sich zu sehen. Wolfsberg blickte lange gedankenvoll

hinaus. Ein letztesmal suchte er Maria zu überreden, ihren düstern Aufenthalt mit dem auf

einem seiner Güter in Tirol oder in Österreich zu vertauschen: »Wo du mir leichter erreichbar

wärest und auch Tante Dolph, der die Reise hierher zu beschwerlich ist, dich besuchen könnte.

Und die anderen, die vielen, die dich lieben. Was mir nur die kleine Fee alles aufgetragen

hat! Sie droht, wenn du ihr durchaus nicht erlaubst zu kommen, es ohne deine Erlaubnis zu

tun.«

»Gib es nicht zu!« rief Maria flehend aus. Eine tiefe Röte spielte auf ihren Wangen. »Ich kann

niemanden sehen, lieber Vater. Laß mich hier vergraben, tot für alle sein, nur so ertrage ich

das Leben.«

Zur Abfahrt Wolfsbergs versammelten sich seine Angestellten mit ihren nicht immer »besseren«

Hälften im Schloßhofe. Auch der Vorsteher der Gemeinde war da. Der Graf hatte derselben einen

Teil ihrer Schulden abgenommen, gegen seine Überzeugung, aber auf Marias Fürbitte. – Er kam

mit ihr und mit Erich die Treppe herab, beantwortete die devoten Kratzfüße und Knickse der

seiner Harrenden mit einer ablehnenden Gebärde, umarmte seine Tochter, küßte und segnete

seinen Enkel und sprang in den Wagen.

Maria blieb regungslos stehen und sah ihm nach. Plötzlich bemerkte sie, daß auch die übrigen

sich nicht vom Flecke gerührt, sondern in untertäniger Haltung erwarteten, von ihr entlassen

zu werden. – Die freche Feindseligkeit hatte sich in eine kriechende verwandelt.

Ein Jahr nach dem Tode Hermanns schrieb Tessin an Maria. Seine Versetzung auf einen höheren,

wieder überseeischen Posten sollte noch im Laufe des Jahres erfolgen; er kam, bevor er ihn

antrat, für einige Zeit in die Heimat zurück. In bewegten, tiefe, unwandelbare Liebe atmenden

Zeilen bat er um die Gunst eines Wiedersehens und knüpfte daran eine Hoffnung, die vielleicht

zu kühn war, um in Erfüllung zu gehen. Doch lebe er von ihr, und auf sie verzichten müssen

wäre sein Untergang.

Maria las mit Schrecken und Grauen. So war die Vergangenheit nicht begraben? So streckte sich

die Hand des Urhebers ihrer unsühnbaren Schuld noch immer nach ihr aus? Die Stunde der

Erniedrigung stieg wieder auf vor ihrem geistigen Auge – unfaßbar, ein höllisches Rätsel … Ihr

Herz stand still, ihre Zähne schlugen zusammen … Mit dem Aufgebot aller ihrer Kraft trat sie

zum Schreibtisch und richtete hastig einige Zeilen an ihren Vater:

»Antworte für mich – du weißt alles … Hilf, rette mich vor diesem Menschen, schütze mich vor

der Gefahr, jemals wieder von ihm zu hören.«

Sie schloß den Brief Tessins in den ihren und schickte damit einen Reitenden, dem sie selbst

die größte Eile auftrug, nach der Post.

In Gedanken begleitete sie ihren Boten. Jetzt konnte er beim Steinbruch sein und jetzt an der

Brücke, und wenn er tüchtig jagte, kam er noch zurecht zur Abfahrt des Postkarrens. – Und der

brauchte dann vier Stunden, bis er zur Eisenbahnstation gelangte. Vier volle Stunden … Wenn

nur die vorüber wären, sie würde leichter atmen.

Jetzt also, dachte sie, ist der Brief auf der Bahn, als die Schloßuhr zehn schlug.

Sie hatte die Leute zur Ruhe geschickt und ging nun rastlos in ihrem Schlafzimmer auf und ab,

bis sie endlich todmüde auf ihr Lager sank, neben dem das kleine Bett Erichs stand. Er schlief

fest und sah gescheit und lieblich aus. Seine Mutter schöpfte Mut und Kraft aus seinem

Anblick, ihre Besorgnisse schienen ihr mit einem Male töricht. Was lag daran, ob die Antwort

auf den Brief, der ihr zugeflogen war wie ein Pfeil aus dem Busche, einen Tag früher oder

später kam? – – Was lag daran? – Sie sprach sich Vernunft zu; sie schalt die Schwäche des

Willens, der nichts vermochte über das Treiben aufgeregter Nerven, über das tolle Pochen des

Herzens. Gegen Morgen fiel sie in leisen, durch wirre Träume gestörten Schlaf und erwachte, in

kalten Schweiß gebadet. Sie stand mühsam auf und schickte Erich mit seiner Wärterin in den

Garten. Zu Mittag kam er wie gewöhnlich zur Unterrichtsstunde in das Erkerzimmer, wo Maria ihn

erwartete.

»Mutter«, rief er, »es ist jemand angekommen, ein Herr, mit den Schimmeln vom Postmeister, und

der eine hinkt.«

Sie war aufgefahren, hatte einen raschen Blick nach der Tür geworfen, als ob sie entfliehen

wollte, und war dann auf ihren Platz zurückgesunken. »Jemand angekommen«, wiederholte sie.

»Weißt du wer?«

Nein, er wußte es nicht.

Aber sie wußte es … Tessin hatte ihre Antwort nicht abgewartet – er war gekommen.

Die Tür, die vom Gang in das Nebenzimmer führte, wurde aufgerissen. Man vernahm Lisettens

kreischenden Ausruf: »Jesus! Herr Jesus!« – »Ich darf niemanden vorlassen«, sprach ein Diener

laut.

»Mutter«, rief Erich, »warum schreien sie so da draußen?« Er breitete seine Arme aus und

stellte sich schützend vor sie hin:

»Fürchte dich nicht!«

Und jetzt polterte sehr aufgeregt Lisette herein: »Nein, denk dir nur … Graf Tessin nennt er

sich, und ich schwöre darauf, es ist derselbe … Aber was ist dir denn?…«

Maria war aufgestanden; ihr Gesicht hatte einen fremden Ausdruck angenommen. Finster und kalt

sah sie den eintretenden Tessin an, der bei ihrem Anblick totenblaß wurde.

Erich stürzte ihm entgegen: »Fort, du, fort, wir wollen dich nicht …« und drohend erhob er die

Faust.

Die Lippen Tessins verzogen sich; er lächelte das Kind an mit einem Gemisch von Verlegenheit

und Spott; er wünschte sich weit weg von hier, er verfluchte seine Ungeduld.

In liebevoll gehegter Erinnerung hatte er Maria immer nur so vor sich gesehen, wie sie war in

der süßesten und siegreichsten Stunde seines Lebens. Er hatte die schönste Frau in Gedanken

tausend- und tausendmal in seinen Armen gehalten. Das wahnsinnige Verlangen nach ihr, das ihn

oft in der Fremde ergriffen, wuchs von Minute zu Minute, seitdem er den Boden der Heimat

betreten hatte. Er zweifelte nicht – sie liebte ihn noch; sie hatte immer nur ihn geliebt; sie

wartete seiner mit ebender Sehnsucht, mit der er ihr entgegengestrebt – –

Und nun war’s erreicht; er stand am Ziel, und was es ihm bot, war eine grausame Enttäuschung,

die zu verbergen ihm die Fassung fehlte. Langsam trat er näher und verbeugte sich stumm.

Maria winkte Lisetten, den Knaben fortzuführen. Er sträubte sich, mußte aber gehorchen. Am

Ausgange noch wandte er sich um und warf einen Blick voll Trotz und Mißtrauen auf Tessin.

21

Maria sah dem Kinde nach. Funken flimmerten vor ihren Augen; ihr war, als ob die Wand, an der

sie lehnte, schwankte; als ob die kleinen runden Scheiben der Erkerfenster wie Kreisel

wirbelten, platzten wie Seifenblasen … Sie biß sich in die Lippen, sie wollte standhaft

bleiben, sie wollte die Herrschaft behaupten über ihre schwindenden Sinne. – Einmal wieder

rief ihr die Erinnerung das alte Zauberwort zurück: Nur ruhig!

»Wie dürfen Sie es wagen?« stieß sie plötzlich hervor. »Was wollen Sie?… Warum haben Sie meine

Antwort nicht abgewartet?«

»Welche Frage …« erwiderte er, betroffen über diesen unerwarteten Empfang. »Aus Ungeduld, aus

Sehnsucht.«

»Nach dem, was Sie hier erwartet?… Oh!«

»Was mich hier erwartet? Sie meinen den Schmerz, Sie leidend zu finden« – und furchtbar

verändert, setzte er in Gedanken hinzu.

Die widersprechendsten Gefühle kämpften in ihm, Mitleid, Groll, Trotz und Wehmut. Ihm schien

jede Gunst erreichbar und jedes Glück – sollte er das seine nun suchen im Besitz einer

verwelkten Frau?… Aber – es war doch sie! sie, die ihm die heftigste Leidenschaft seines

Lebens eingeflößt hatte … Er fühlte von neuem ihren bestrickenden Einfluß und überließ sich

ihm. Das Bewußtsein eines begangenen Frevels an diesem armen Weibe erwachte und zugleich – nur

Lügner behaupten, daß er großmütiger Regungen unfähig sei – der Vorsatz, seine Schuld

wiedergutzumachen.

Noch immer hatte er dagestanden, den Hut in der Hand, und nahm jetzt unaufgefordert Platz,

Maria gegenüber. Allmählich fand er die Züge, die ihm so teuer gewesen, in diesem bleichen

Gesichte wieder. Es trug die Spuren von schweren Seelenqualen, die um ihn erduldet worden …

ein nicht geringes Genüge für seine Eitelkeit. – Tessin sprach einige Worte der Rührung und

des Bedauerns; sich selbst jedoch sagte er: Sie ist jung, sie wird genesen, sie wird wieder

aufblühen in meinen Armen; ich will der Gott sein, unter dessen Hauch ihre Wangen sich von

neuem färben, ihre Lippen lächeln werden, der sie auferweckt und zurückführt zu allen

Daseinswonnen.

Er begann ihr seine unveränderte Liebe zu beteuern; er erzählte von der Kunst, die er

angewendet hatte, um sich immer in Kenntnis von allem zu erhalten, was sie betraf. So wußte er

denn auch von ihrer »hochherzigen Verzichtleistung« und schwur, daß er den Anspruch, der ihm

daraus erwuchs, geltend machen werde.

Mit einer Art stumpfer Ergebung ertrug Maria seine Nähe, seinen unverwandt auf sie gerichteten

Blick. Der ihre blieb so abwesend, so leer, daß sich Tessin eines Zweifels an der leichten

Ausführbarkeit seiner göttlichen Sendung nicht erwehren konnte. In gereiztem, unwillkürlich

herausforderndem Tone schloß er: »Sie haben Ihrem Sohne den Namen genommen, der ihm vor dem

Gesetz zukam; das kann nur in der Absicht geschehen sein, ihm dafür den Namen zu geben, der

ihm in Wahrheit gehört – den meinen.«

Jetzt machte sie eine heftig abwehrende Bewegung: »Ihm Ihren Namen geben und Ihnen dadurch ein

Recht auf das Kind – Ihnen?« Sie beugte sich vor. In ihren Augen hatte sich eine Flamme der

Verachtung entzündet, die ihn traf wie ein glühender Pfeil.

Er zuckte zusammen, er rang nach Fassung und rief dennoch fassungslos aus: »Gräfin … Maria,

Sie haben mich geliebt!«

Sie neigte den Kopf, eine brennende Röte flog über ihre Wangen: »Ich habe geglaubt, Sie zu

lieben, und Sie – sind schlau gewesen, Sie haben es verstanden, einen Brand des

Schuldbewußtseins gegen Sie in meine Seele zu werfen … Dann haben Sie sich einen Spießgesellen

geworben, und mit seiner verräterischen Hilfe sind Sie gekommen und haben mich überrascht,

gemeiner, ehrloser als ein Dieb, und ich habe mich an Sie weggeworfen … Und nachdem das

Unwiderrufliche geschehen, nachdem die Schuld begangen war … eine Schuld, die von den Tränen

der Reue so wenig weggespült werden kann wie der Fels von der Welle, die zu seinen Füßen

brandet … dann ist mir der Mann, neben dem ich bisher hingegangen war wie eine Blinde, teurer

geworden von Tag zu Tag … Er hat mich die Liebe kennengelehrt, die ewig ist; er, in dessen

Seele die reinste Güte und Treue vereinigt waren … Und diese Empfindung in einem Herzen, das

seiner unwürdig geworden … Das seltenste, köstlichste Glück vergeudet – um welchen Preis!« Ein

Schauer des Ekels durchrieselte ihre Glieder.

Im Innersten entrüstet, äußerlich jedoch starr und unbeweglich, hatte Tessin ihr zugehört. Wie

er sie jetzt haßte, die Törin, die sich – um ein geringes zu spät – in ihren Mann verliebt

hatte; wie er sie lächerlich fand mit ihrer Sentimentalität und ihrer krankhaften Reue! Eine

kleine Abkühlung tat not, und so murmelte er denn höhnisch: »Wie müssen Sie mir geflucht

haben.«

»Nur mir … Sie sind ohne Rechtsgefühl; ich hatte es und täuschte dennoch das edelste

Vertrauen, betrog – – um Sie!«

Ihr Blick glitt über ihn hin, und er spürte ihn wie etwas Körperliches, das von ihm

herunterwischte: allen Wert, alles Selbstbewußtsein, alle eingebildete Herrlichkeit … Er

knirschte, er meinte Notwehr üben zu müssen, und dazu war ihm jedes Mittel gut.

»Sie regen sich auf«, sprach er frostig. »Wollen Sie sich töten?«

»Nein, ich will leben, um mein Kind zu erziehen … Ich will es lehren, rechtschaffen sein und

wahr und stark; ein Feind alles dessen, was glänzt und scheint und lügt … Er soll …« ihr

keuchender Atem stockte.

»Sagen Sie es doch kurz heraus«, rief Tessin mit bitterem Lächeln. »Er soll das Gegenteil von

dem werden, wofür Sie mich halten … Glück auf, Gräfin – möge die Erziehung gelingen. Nur rate

ich Ihnen: seien Sie nicht zu rüde – manche Lektion schlägt deshalb nicht an, weil sie in gar

zu schonungsloser Weise gegeben wurde.«

Maria hatte ihr Haupt gesenkt, sah vor sich hin und nickte nur zerstreut zu seinen Worten. –

»Er soll auch –« begann sie, »nie erfahren, daß Sie sein, sein –« es war ihr unmöglich, es

auszusprechen. »Sie bleiben immer für ihn ein Fremder!… Das fordere ich, darüber werde ich

wachen, dabei muß es bleiben, wenn ich nicht mehr da bin, ihn zu beschützen vor Ihrem Einfluß,

Ihrem Beispiel … Ein Fremder. Schwören Sie mir – – oder nein – versprechen Sie mir … Aber

nicht, wie euresgleichen einer Frau etwas verspricht, einer Frau, der gegenüber Ehrlosigkeit

nicht entehrt … Warum? warum? – Vielleicht weil sie euch nicht zur Rechenschaft ziehen kann.«

Sie zitterte und bebte, und es schien, daß er eine gewisse Befriedigung empfand über ihre

maßlose Aufregung. Er war die gelassene, kaltblütige Überlegenheit selbst, er war kräftig und

gesund, seine Nerven waren von Stahl.

»Gräfin«, sagte er in ermahnendem Tone, »Sie wollen etwas von mir und hören nicht auf, mich zu

beleidigen. Ist das klug?«

Maria griff mit beiden Händen an ihre Stirn. »Unklug!« jammerte sie, »ganz töricht und unklug

… Verzeihen Sie mir …« Es klang schrill, wie ein der innersten Natur, dem widerstrebenden

Willen mit übermächtiger Gewalt abgerungener Schrei: »Verzeihen Sie mir und erfüllen Sie meine

Bitte.«

Er tat, als wenn er sich besänne, und sagte nach einer Weile:

»Es soll geschehen.«

Maria fiel rasch ein: »Bei allem, was Ihnen – – aber was ist Ihnen heilig?« setzte sie

entmutigt hinzu.

Jetzt wurde seine Miene ernst und überzeugt: »Die Erinnerung an die Stunde, die Sie aus Ihrem

Leben tilgen möchten und die ich nicht tauschen würde gegen alle Erdengüter. Bei dieser

Erinnerung verspreche ich’s.« Er stand langsam auf. Ein wilder Wunsch, sie an sich zu reißen,

sie noch einmal an seine Brust zu pressen, ergriff ihn.

Da erhob sich auch Maria, und sie standen Aug in Auge.

Später, als er alles, was er je angestrebt, errang, das Glück sich an seine Fersen heftete,

Unternehmen und Gelingen für ihn eins geworden schien, gedachte er manchmal jenes seltsamen,

stummen, kurzen Kampfes zwischen ihm und einer zarten, sterbenden Frau – in dem er unterlegen

war.

Sie hatte nach der Tür gewiesen, und er hatte sich bezähmt und Gehorsam geleistet.

Maria blieb aufrecht … sie mußte aufrecht bleiben. – Wenn sie sich jetzt verriete, sie sich

selbst, welche Torheit wäre das … Nein, sie tut es nicht, sie will nicht, sie ist stark.

Die Tür öffnet sich wieder, Erich kommt hereingelaufen. »Mutter!« ruft er, »der Herr ist schon

fortgefahren.«

»Ja – jawohl – –«

Und jetzt spricht Lisette, die dem Kind gefolgt ist: »Merkwürdig, nein, wie merkwürdig!… Felix

Tessin – den Namen kenn ich nicht, aber den Menschen … Was hat der nur gewollt? Ich möcht

darauf schwören, daß es derselbe ist, der zuletzt beim armen Wolfi war.«

»Es wird so sein –« stammelte Maria unverständlich –, »Bruder und Schwester durch ihn gemordet

–« und sie stürzte leblos zusammen.

Lange Zeit verging, bevor ihr Bewußtsein wiederkehrte. Im jähen Schrecken hatte Lisette an den

Professor, an Wolfsberg, an Wilhelm telegraphieren lassen: »Gräfin erkrankt, gleich kommen.«

Halb sinnlos raufte sie sich die Haare und hörte nicht auf zu schreien: »Sie ist tot, mein

Kind ist tot!« Bei dem ersten Zucken jedoch, das durch den Körper der Ohnmächtigen lief, bei

dem ersten Aufschlagen ihrer Augen machte Lisettens Verzweiflung der unerschütterlichsten

Zuversicht und Hoffnungsfreudigkeit Platz.

Mit Mühe sprach Maria einige Worte: »Laß Wilhelm und Helmi kommen, gleich, hörst du? –

gleich!« Eine erdrückende Angst schien auf ihr zu lasten: sie verlangte nach dem Kinde, und

als man es ihr brachte, erkannte sie es nicht und hielt es für den kleinen Hermann. »Da bist

du«, murmelte sie, »das war ein tiefer Schlaf … Oh, wie habe ich mich nach meinem

Erstgeborenen gesehnt!«

Es wurde Nacht; die Kranke lag regungslos Ein Eiskübel war an ihr Bett gestellt worden;

Lisette und Klara erneuerten abwechselnd die Umschläge auf ihrer Stirn.

»Sie sieht uns nicht, seien Sie sicher, Fräulein«, flüsterte das Kammermädchen. »O Gott, und

ihre Augen! – wie blaue Flammen mit Schleiern davor.«

Auf dem Tische stand eine verdeckte Lampe; der schwache Lichtkreis, den sie an die Decke warf,

fesselte den Blick Marias. In dem bleichen Schimmer bildeten sich flutende Wellen, und ein

weißer Schwan zog über sie hin, und in den Lüften erklang eine liebliche Musik. Die verstummte

plötzlich; ein Stern war vom Himmel gefallen, und der Stern war ein Weib, und entsetzliche

Ungeheuer zerfleischten es … Hunderte von Fratzen, Köpfe ohne Leiber schwebten heran, Augen

ohne Köpfe, die vielen Augen, die sich in die ihren bohrten. Sie fürchtete sich nicht, sie

fand das alles natürlich. Natürlich auch, daß sie auf ihrem Bette lag und zugleich dort oben

stand in dem webenden Schein an der Seite Hermanns. Er deutete auf sie und sagte: Ich seh dein

Herz, es blutet, und es hat einen schwarzen Fleck, einen kleinen, kleinen Fleck, der

verfinstert die Welt.

Draußen heulte der Sturm, umpfiff das Haus, schleuderte Regengüsse gegen die Scheiben der

Fenster, rüttelte an den Angeln, warf sich gegen das Tor, das stöhnend Widerstand leistete.

Lisette sprach: »Das verwünschte Wetter! Es hält dich wach, mein armes Kind!«

»In Dornach ist es still«, versetzte Maria – und nach einer Pause: »Glaubst du? – glaubst du

es, liebe Alte?«

»Was soll ich glauben? was wünschest du, das ich glauben soll?«

»Daß sie mich dort dulden werden in der Gruft?«

»Wie du nur sprichst!«

»Staub bei Staub, aber – wie wunderbar …« Sie machte einen Versuch, sich zu wenden: »Der eine

ist gekommen –«

»Wer denn? ich verstehe dich nicht.«

»Du hast ihn doch selbst gebracht«, erwiderte sie leise mit einem Schatten von Ungeduld, »sein

Vater schickt ihn, er soll mich nach Dornach führen … meinem lieben Dornach –« sie lächelte

glückselig, als sie den Namen nannte –, »zu meinem Hermann … dahin, wo er jetzt ist … Wir

werden liegen, Hand in Hand, hinter den Steinen. Nicht ein Laut wird zu uns dringen, nicht

eine Stimme … nicht einmal die Stimme des Gewissens …«

»Sie phantasiert, und ich sage Ihnen, man muß um den Geistlichen schicken«, flüsterte Klara

Lisetten zu. Von der wurde sie rauh angelassen.

»Ja, just phantasieren wird sie! das fällt ihr ein. – Sie spricht aus dem Schlaf, hat’s von

klein auf getan.«

Maria versank in einen dumpfen Halbschlummer, aus dem sie von Zeit zu Zeit auffuhr, um nach

Wilhelm und Helmi zu rufen. Gegen Morgen wurde sie ruhiger, und so fand sie der herbeigeholte

Bezirksarzt. Als er hörte, daß Professor Hofer stündlich erwartet werde, äußerte er den

Wunsch, mit dem berühmten Arzt zusammenzutreffen, und nahm sich vor, später wiederzukommen.

Seine Meinung über den Zustand der Kranken behielt er für sich; etwas zu verordnen, fand er

überflüssig.

Lisette triumphierte. Gab dieses Benehmen des Doktors ihr recht oder nicht? Wäre er so

fortgegangen, ohne sich auszusprechen, ohne nur ein Rezept aufzuschreiben, wenn er die

geringste Besorgnis hätte?

Sehr gelegen kam ihr in dieser Stunde ein Antworttelegramm aus dem Hause des Professors,

welches meldete, er sei für drei Tage verreist. So hatte sie noch Zeit, ihre Aufforderung zu

widerrufen, und brauchte sich nicht wieder von ihm »die alte Furchtputzen« schelten zu lassen.

Der Optimismus Lisettens besaß eine mitteilende Kraft. Im ganzen Schlosse herrschte

Fröhlichkeit. Der Kastellan setzte die unterbrochenen Singlektionen seines Zeisigs wieder fort

und werkelte ihm unermüdlich das Liedchen vor: »Wenn ich am Morgen früh aufsteh …« Die Männer

traten wieder fest auf, die Frauen schlugen lärmend die Türen zu; alles kehrte ins alte

Geleise zurück.

Maria hatte sich auf das Ruhebett tragen und dieses an das Fenster rücken lassen. Sie war

erschöpft und halb betäubt und glaubte immer den Wagen, der Wilhelm und Helmi brachte,

hereinrollen zu hören.

»Nimm doch Vernunft an«, ermahnte Lisette, »sie können noch nicht da sein, trotz der Relais,

die der Verwalter geschickt hat; außer es wäre ein Wunder geschehen, oder – sie hätten einen

Extrazug genommen.«

Eine dieser Möglichkeiten mußte eingetreten sein, denn gegen Abend waren die Ersehnten da,

begleitet von Doktor Weise. Mit heiteren Mienen liefen ihnen die Diener entgegen und

verkündeten, es gehe besser, es gehe gut.

Lisette kam die Treppe herabgestürzt; sie warf sich beinahe auf die Knie vor dem Ehepaar und

umarmte beinahe den Doktor. »Das vergelte der liebe Gott den Herrschaften, daß Sie sich so

beeilt haben … Jetzt wird sie glücklich sein.« Unablässig zum Vorwärtsschreiten anspornend,

machte sie den Wegweiser über die Treppen und Gänge.

»Sie gehen zuerst«, sprach Wilhelm zum Doktor, »und bestimmen, ob die Gräfin uns sehen darf.«

Er ließ die Einwendungen Lisettens nicht gelten; sie mußte sich bequemen, Weise anzumelden,

der auch sofort vorgelassen wurde, während Wilhelm und Helmi im Nebenzimmer warteten. Er

völlig verstört, sie sorgenvoll, gebeugt, mit blassen Wangen. Die tröstlichen Versicherungen,

mit denen sie empfangen worden, flößten ihnen wenig Vertrauen ein. Sie erbebten, als Lisette

endlich erschien.

»Nur kommen, nur kommen! Sie fragt nach den beiden Herrschaften und nach niemandem sonst«,

rief sie und entfernte sich diskret.

»Nun denn in Gottes Namen«, sagte Wilhelm, und Helmi legte sachte die Hand auf die Klinke. Da

trat ihnen Weise aus der Tür entgegen.

»Nichts zu machen«, flüsterte er tief betrübt, »eine Herzruptur, worunter man sich freilich

nicht vorstellen darf – nun, mit einem Wort: es ist aus.«

Wilhelm taumelte, wie wenn ihn jemand vor die Brust gestoßen hätte.

»Aber – sie lebt noch …«

»Noch, ja, noch«, und Weise schob den Türflügel zurück.

Maria lag gerade ausgestreckt. Das letzte Tageslicht warf seinen bleichen Glanz über ihre von

der erhabenen Majestät des Todes schon verklärten Züge. Umflossen von der goldigen Pracht

ihrer Haare ruhte ihr Haupt in den Kissen, und sie machte eine vergebliche Anstrengung, es zu

heben, als Wilhelm und Helmi eintraten. Diese strich mit zitternden Fingern über die Hand der

Kranken.

»Dank, daß ihr kommt … Dank und eine Bitte –« sprach Maria. »Ihr seht, ich darf nicht leben

für das Kind … ich darf auch nichts abtragen von meiner Schuld …«

»Du hast sie gesühnt, o Gott im Himmel, wie gesühnt!« rief Helmi.

»Gebüßt, nicht gesühnt – das hätt ich nie gekonnt … Schwer ist mit solchem Bewußtsein das

Leben … und schwer der Tod …«

Wilhelm begann leise, dann brach es wie ein Schrei aus seiner Brust: »Nein, nein, du wirst

nicht sterben!«

»Doch – und ihr, gute Eltern, ihr habt um einen Sohn mehr – den meinen … Ja?« Beide

schluchzten: »Ja.«

Helmi bettete den Kopf der Kranken etwas höher, und Marias Blick ruhte auf ihr mit einem

Ausdruck wie aus einer andern Welt.

Und nun ließ sich durch die tiefe Stille das Herannahen eines Wagens vernehmen. Hufschlag und

Peitschenknall erschallten vor dem Tor; es wurde zurückgeschoben in seinen eisernen Schienen,

und dröhnend rollte ein wuchtiges Gefährt herein.

Maria hatte aufgehorcht. »Der Vater … mein armer Vater«, sagte sie. Angst und Sorge malten

sich in ihrem sterbenden Gesichte, ein banges Flehen war in ihrer Stimme: »Wilhelm, Helmi – in

meinem Schreibtisch – ein Brief an euch – enthält mein Testament … das Kind bewahren vor jedem

anderen Einfluß – vor jedem … Schwört mir –«

»Sei ruhig«, sprach Wilhelm, und jetzt klang sein Ton sicher und fest, »wir übernehmen, wir

allein, die Verantwortung für diese Seele.«

»Mein armer Vater!« wiederholte Maria. »Das Glück ist nicht, wo er es sucht. Gut sein ist

Glück, einfach, selbstlos und gut, wie Hermann, wie ihr … Erich soll dereinst in Wolfsberg das

Werk fortsetzen, das ich hier im Geiste meines Hermann begonnen habe … in dem ich unterbrochen

ward … er soll … Wo ist Erich?« fragte sie laut.

Da erscholl ein helles Lachen. »Er kommt, und wer noch?« sprach jemand, die Schwelle

überschreitend – und ins Zimmer flatterte Fee, Erich an der Hand: »Da ist sie, da ist deine

kleine Fee; jetzt wirf sie hinaus, wenn du’s übers Herz bringst.« Sie war an das Ruhebett

herangetreten, prallte plötzlich zurück und stöhnte: »Oh! – Oh!«

Maria sah sie an, ein mattes Lächeln irrte um ihren Mund und begrüßte diese Abgesandte des

Lebens, die da hereingedrungen war, so lieblich, so frisch und rosig mit ihrem Lachen wie

Lerchenschlag.

Von einer feigen Regung ergriffen, wollte Fee entfliehen, aber sie bemeisterte sich, sie

blieb, hob Erich zu seiner Mutter empor, nahm sanft und zärtlich ihren Arm, legte ihn um den

Hals des Kindes und stammelte: »Du hast ihn gerufen.«

»Kleine Fee«, sagte Maria, »leb wohl, liebe kleine Fee.«

Nun war es vorbei mit der Fassung der jungen Frau. Sie warf sich ungestüm an Marias Brust und

brach in einen Sturm von Klagen und Tränen aus. Wilhelm machte die Sterbende frei von ihr, er

wollte Fee hinwegführen; sie riß sich los, sank auf ein Kissen am Ende des Zimmers, wo sie

sich wand in krampfhaften Bemühungen, ihr Schluchzen zu unterdrücken.

Lisette kam, Erich zu holen, und empfing den Dank ihrer Herrin »für lange Treu. – Auch du bist

diesen edlen Menschen empfohlen … sie werden dich nicht trennen von dem Kinde … Hab es nicht

zu lieb … wie du dein großes Kind gehabt hast, arme Alte.«

»Niemanden mehr so lieb«, und sie küßte die teure Hand ihrer einen und einzigen mit heißen,

bebenden Lippen. Jeder Nerv an ihr zuckte; sie hielt es nicht aus, nahm Erich, der, stumm und

bestürzt, kaum zu atmen wagte, und trug ihn fort.

Helmi war niedergekniet: »Maria, Vielgeliebte«, flehte sie leise, »geh nicht unversöhnt aus

dem Leben, erfülle deine Christenpflicht … Bereite dich vor, an das Herz des Allgütigen zu

sinken.«

»Des – Allgütigen?«

»An den du glaubst – –«

»An den ich glaube?…« sehnsüchtig hauchte sie es nach. – »Alles verloren, Helmi – den Glauben

an die Vorsehung … den Glauben selbst an meinen freien Willen … Und doch nur einen Wunsch …«

Ihre letzte Kraft erschöpfte sich in den Worten: »Oh, hätte ich nie ein Unrecht getan!«

Das an Wolfsberg abgesandte Telegramm wurde ihm nach dem Gute Gräfin Dolphs, wo er sich zu

kurzem Besuche eingefunden hatte, nachgeschickt. Dort traf es ihn am späten Abend. Er reiste

sofort ab. Ein Schnellzug brachte ihn auf die erste Station der Lokalbahn, die ihn

weiterbefördern sollte. Da begann die Qual des Wartens von einem Bettelzug zum andern, des

Einherhumpelns hinter einer kriechenden Lokomotive. – Wolfsberg kam in Versuchung,

hinauszuspringen und nebenherzulaufen, um wenigstens das Gefühl zu haben: Es geht vorwärts!…

Dann wieder griff es ihm wie mit eisernen Klammern in die Brust: Warum so eilig? Wonach

hastest du? – Er hatte die Gewißheit, daß ihn ein Leid erwartete, dem er nicht gewachsen war.

Gefoltert von Angst und Ungeduld, kam er mittelst einer elenden Fahrgelegenheit auf der

letzten Post vor Wolfsberg an. Dort konnte ihm nur noch ein abgejagter Reitgaul zur Verfügung

gestellt werden. Auf den schwang er sich, trieb ihn wütend an und ließ an dem unglücklichen

Tier seine zornige Verzweiflung aus.

Es dunkelte, als er im Dorf ankam. Das einförmige Gebimmel des Totenglöckleins schallte ihm

entgegen. Leute standen in Gruppen beisammen, ein ganzer Zug wandelte über den Feldweg dem

Schlosse zu … Noch ein Stockhieb auf die Flanke des erschöpften, keuchenden Pferdes; es griff

aus, fiel, sprang auf und brach im nächsten Augenblick völlig nieder. Der Reiter machte sich

los aus den Bügeln. Ein stechender Schmerz am Fuße hemmte seine Schritte, er schleppte sich

dem Zuge nach. Vier Lichter schwankten an dessen Spitze, und weißliche Rauch-wölkchen

umqualmten sie. Wolfsberg verbiß seinen Schmerz, strebte weiter mit grimmigem Bemühen und

rief: »Halt! halt! Komm einer und helfe mir!«

Seine Stimme blieb ungehört von den ihre Kirchengebete murmelnden Wallern. Am Gartentor waren

die Lampen entzündet worden. Der Geistliche im Ornat, Kirchendiener und Chorknaben mit

Laternen und Weihrauchfässern schritten vorüber in den Hof.

»Wartet! Helft mir!« röchelte Wolfsberg todesbang.

Dieses Mal wurde er gehört. Der Zug hielt, die Leute sahen sich um; sie konnten lange nichts

unterscheiden in der Dunkelheit, bis plötzlich ein Bursche sprach: »Es is der Graf, dort beim

Feldstein steht er, dem is was gschehn.«

Einer flüsterte es dem andern zu – doch mehr tat keiner. Endlich erbarmte sich ein alter,

krüppelhafter Mensch, ging hin und stützte und führte ihn.

Beinahe zugleich mit dem Priester trat Wolfsberg in das Sterbezimmer. Die Zimmer waren weit

geöffnet. Am Himmel schwebte eine finstere Wolke; sie glich einem riesigen Vogel mit weit

ausgespreizten Flügeln. Der von ihr verhüllte Mond warf eine Fülle silbernen Lichtes über eine

Stelle am Horizont. Auf dieser ruhten Marias schon gebrochene Augen. Dort, wo es hell war, wo

der verklärende Schimmer sich breitete – lag Dornach.

Unsühnbar von Marie von Ebner-Eschenbach als EPUB downloaden


Tags: ,

Geschrieben in Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach | Kein Kommentar bis jetzt