Marie von Ebner-Eschenbach – Nach dem Tode

admin am Jan 26th 2012


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Marie von Ebner-Eschenbach

Nach dem Tode

»Still, mein guter Fürst! Sie wissen, ich halte die Liebe für das grausamste von allen Mitteln, welche die zürnende Gottheit erfunden hat, um ihre armen Geschöpfe heimzusuchen. Wäre sie jedoch, wie Sie behaupten, das Schönste, das es auf Erden gibt, dann würde es Ihnen in meiner Gegenwart vollends verboten sein, ein Glück zu preisen, das ich niemals kennengelernt habe.«

Fürst Klemens stieß einen Seufzer aus, der ein minder kaltblütiges Wesen als Gräfin Neumark gewiß gerührt hätte; er blickte zum Plafond empor und gab, aus scheinbarem Gehorsam, dem Gespräch eine andere Wendung: »Was halten Sie von Sonnbergs Bemühungen um Thekla?« fragte er. »Ich bin von dem Ernste seiner Absichten überzeugt. Machen Sie sich darauf gefaßt: dieser Tage – morgen vielleicht – kommt er, wirbt um Ihre Tochter, und im Frühjahr fliegt das junge Paar über alle Berge.«

»Möglich, möglich.«

»Und – Sie?«

»Und ich fahre nach Wildungen.«

»Sie werden sich dort sehr verlassen fühlen!« rief der Fürst triumphierend aus. »Sie werden zum erstenmal die Langeweile, am Ende sogar die Sehnsucht kennenlernen. Sie werden sich sagen, daß Sie eines Wesens bedürfen, das Ihrer bedarf, und« – er richtete sich auf – »die Hand ergreifen, die ich Ihnen, wir wollen nicht fragen wie oft, angeboten habe. Seien Sie aufrichtig –« setzte er hinzu: »Könnten Sie wohl etwas Vernünftigeres tun?«

»Vernünftigeres«, wiederholte die Gräfin langsam »- schwerlich.«

»Nun denn!«

»Nun denn? Sie sprachen vorhin von Liebe, und jetzt sprechen Sie von Raison? Das sind Gegensätze, lieber Freund.«

»Keineswegs! Gegensätze lassen sich nicht verbinden, Liebe und Raison hingegen sehr gut; wir wollen es beweisen – Sie und ich!«

Marianne hob das Haupt und richtete ihre glanzvollen Augen auf ihn; unter diesem Blicke fühlte Klemens seine Zuversicht schwanken; einigermaßen verwirrt und ohne rechten Zusammenhang mit seiner früheren Rede schloß er: »Früh oder spät, auch Ihre Stunde kommt.«

»Beten Sie zu Gott, daß sie ausbleibe!« entgegnete die Gräfin munter. »Wenn eine alte Frau anfängt zu schwärmen, dann geschieht es gewiß zu ihrem Unglück und zu ihrer Schmach, für irgendeinen undankbaren Phaon, irgendeinen flüchtigen Aeneas. Stellen Sie sich vor, wie Ihnen zumute wäre, wenn Sie mich fänden in Verzweiflung wie Sappho oder – wie Dido, im Begriffe, den Scheiterhaufen zu besteigen. Stellen Sie sich das vor!«

»Das kann ich mir nicht vorstellen«, sprach der Fürst.

»Es wäre Ihnen zu gräßlich. Aber Sie können ruhig sein. Keine falschere Behauptung als die, jeder Mensch müsse im Leben wenigstens einmal lieben. Im Gegenteil, die wahre, die furchtbare Liebe gehört zu den größten Seltenheiten, und ihre Helden sind an den Fingern herzuzählen wie überhaupt alle Helden. Mit jener Liebe hingegen, die wir kleinen Leute fähig sind zu


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