Marie von Ebner-Eschenbach – Meine Erinnerungen an Grillparzer
admin am Jan 26th 2012
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Herzen, das sie empfinden kann! Ist
eine Wendung vom Unrechten zum Rechten denkbar ohne vorhergegangene Reue? Was mich betrifft,
unter den vielen Anfällen dieses unschätzbaren Übels, die ich je erlitten, hat der über mein
Vorleseattentat auf Grillparzer besonders gute Früchte getragen. Nie mehr ist es mir
eingefallen, seine Teilnahme für eine meiner Arbeiten anzurufen, und er wußte, daß es aus
Ehrfurcht und Schonung geschah.
Die Zahl der Strebenden, die sich an ihn herandrängten und von denen jeder zu seinem
berufensten Nachfolger erklärt werden wollte, war groß, und seine Nachsicht, seine Scheu
wehzutun war unermeßlich. Wenn man ihm dann die üblen Folgen dieser Nachsicht vorhielt, wurde
er ärgerlich: »No ja, wenn ich einem nicht grad gesagt habe: Sie sind ein Esel! rennt er herum
und erzählt, ich hätt ihn gelobt.«
In seiner Güte fühlte er sich von Zeit zu Zeit bewogen, mich zu fragen, was ich denn jetzt
arbeite, gab sich aber stets mit einer ausweichenden Antwort zufrieden.
Ich erinnere mich, ihm einmal erwidert zu haben: »Weiß nicht, weiß selbst nicht, vielleicht
eine Novelle. Einige meiner Freunde behaupten, ich hätte mehr Talent zur Novelle als zum
Drama.«
Er lächelte. Wie gern sah ich dieses ganz einzige, halb mitleidige, halb sarkastische Lächeln
auf seinem teuren, tiefernsten Angesicht!
»Ja, ja. Aus Ihrer alten Haut möchten Sie heraus und wissen noch nicht, in welche Sie
hineinkriechen sollen.«
Besuche anzumelden war nicht Brauch im Hause Fröhlich. Die vortreffliche Jungfrau Susanne
Kirsch, »der Edelstein« genannt, Köchin und Pförtnerin, öffnete die Tür und hat mich nie
anders begrüßt als mit einem Lächeln, das von einem Ohr zum andern schwebte. Sie deutete
freundlich nach rechts, wenn ich fragte: »Ist der Herr Hofrat –?« und nach links, wenn ich
fragte: »Sind die Damen zu Hause?«
Wie bei ihm, hatte meine Freundin Baronin Knorr mich auch bei ihnen eingeführt, und sie
besuchen zu dürfen war mir ein Glück.
Ein kleines Vorzimmer bildete den Eingang zu ihrem Bereich, in dem eine fast klösterliche
Einfachheit herrschte, in dem man sich aber von einem Reichtum umgeben fühlte, den höchste
irdische Pracht und Herrlichkeit nicht verleihen können. Man war versetzt in eine Atmosphäre
des Wohlwollens, der Güte, des regsten geistigen Lebens und hatte beim Anblick des schlichten
Raumes und seiner lieben alten Bewohnerinnen den Eindruck eines nachgedunkelten Gemäldes, in
dem das Auge des Verständnisses und der Liebe noch deutlich erkennen konnte, wie hell seine
Farbentöne einst gewesen und wie anmutig und hold seine Gestalten. Die drei Schwestern in
ihrer übereinfachen Kleidung erschienen mir wie Priesterinnen, denen ich voll Ehrfurcht nahte.
Sie sahen ja meinen abgöttisch verehrten Dichter täglich, verkehrten mit ihm, sie sagten: »Der
Grillparzer«, wenn sie von ihm sprachen. Es
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