Marie von Ebner-Eschenbach – Mašlans Frau
admin am Jan 26th 2012
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Marie von Ebner-Eschenbach
Mašlans Frau
Michael Vanka, der alte Doktor von Raudnowitz, saß auf der Bank vor seinem kleinen,
ebenerdigen Hause, las eine tschechische Kampfzeitung und kränkte sich. Soviel Haß,
Verdächtigung, Verleumdung! Wer nicht zu meiner Partei gehört, ist ein Schuft, sprach mehr
oder weniger deutlich aus jeder Zeile.
Seufzend legte der Doktor das Blatt zusammen, schob es auf das Fenstergesimse und überließ
sich der Betrachtung seines Gärtchens und des anstoßenden Hühnerhofes. Vanka war stark im
Auffinden überraschender Vergleiche und verglich denn jetzt den edlen Frieden, der zwischen
den verschiedenen Nationalitäten der Tauben, Enten, Gänse, der Kotschinchina – und der
gemeinen Haushühner herrschte, mit dem tollwütigen Kampf, den die vielerlei Volksstämme in
seinem Vaterlande gegeneinander führten.
»Da nehmt euch ein Beispiel«, murmelte er, schon halb im Schlafe. Er war müde, hatte bis zum
Morgengrauen beim Müller Matej Mašlan gewacht. Wenn einer Pflege so dringend braucht wie der
Mann und keine hat, bleibt dem Arzt nichts übrig, als den Krankenwärter zu machen.
»Armer Teufel! Dummer Teufel!« Der Alte lehnte sich zurück und schloß seine kleinen, blauen
Augen, die immer in Tränen zu schwimmen schienen. Seine eingesunkene Brust begann sich in
tieferen Atemzügen zu heben, seine Hände verschränkten sich im Schoße, sein faltenbedecktes,
juchtenfarbiges Gesicht nahm den traurigen Ausdruck an, den alte Leute meistens im Schlafe
haben.
Plötzlich fuhr er auf. Jemand war an den Gartenzaun getreten und hatte gerufen: »Guten
Nachmittag, Herr Doktor!«
»Guten Nachmittag«, erwiderte er mechanisch, fügte aber rasch hinzu: »Ah, der neue Herr
Pfarrer sind’s!« und sah gleich wieder so würdevoll freundlich aus, wie es sich für einen Mann
seines Standes gehört. »Belieben einzutreten. Woher, wohin?«
Der ›neue‹ Pfarrer, ein noch junger, großer, breitschultriger Herr im langen Priesterrocke,
öffnete das Gitterpförtchen. Ein paar Schritte nur, und er stand in seiner ganzen energischen
und imponierenden Erscheinung vor dem kleinen, verschlafenen Doktor: »Woher, fragen Sie? Aus
der Waldmühle. Wohin? Ins Dorf. Unterwegs wollte ich mich aber bei Ihnen aufhalten. Es ist mir
lieb, daß ich Sie finde, Herr Doktor. Sagen Sie mir, wie steht’s mit Ihrem Patienten, dem
Müller Matej Mašlan?«
»Schlecht, Hochwürden.«
»Ist Gefahr? Dringende Gefahr?«
»Je nun, wissen«, er zog die Augenbrauen in die Höbe, daß sie beinahe an die Wurzeln der
starken, stahlgrauen Haare stießen, die ihm tief in die niedere Stirn wuchsen, »das ist, wie
wenn einer auf einer geborstenen Planke über den Abgrund geht. Trägt sie ihn, werd ich mich
wundern; trägt sie ihn nicht, werd ich mich nicht wundern. Aber vielleicht trägt sie ihn.«
»Der Mann ist verheiratet, wie ich höre«, versetzte
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