Marie von Ebner-Eschenbach – Lotti, die Uhrmacherin

admin am Jan 26th 2012


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übrigen ziemlich finstere Wohnung und ließ ihr das Erklimmen der drei Stockwerke, die zu

derselben hinaufführten, als eine höchst anmutige Promenade erscheinen, weniger beschwerlich

als eine Bergbesteigung, und beinahe ebenso lohnend.

Aber nicht nur der Himmel über dem Platze, auch die Häuser auf dem Platze und die Menschen,

die in ihnen wohnten, nahmen das Interesse Fräulein Lottis in Anspruch. Die Fenster des

gegenüberliegenden Hauses, das den Platz gegen Osten in einem stumpfen Winkel abschnitt,

glänzten schon im Sonnenschein. Bei den reichen Leuten in der Beletage sind die Gardinen noch

nicht aufgezogen; dort schläft man in den Tag hinein, sieht den Himmel nie in seinem ersten,

sanft umflorten Blau, in seiner duftigsten Schönheit. Im dritten und vierten Stock hingegen

gibt’s freien Eintritt für Licht und Luft des goldenen Maimorgens.

Auf den Mauervorsprüngen der beiden Häuser nebenan trippeln dicke graue Tauben in großer

Aufregung. Sie warten voll Ungeduld auf das Frühstück, das ihnen Lotti auf das Fenstergesimse

zu servieren pflegt. Kaum weniger gespannt als sie, sehen noch andere Geschöpfe dem

anziehenden Schauspiel der Taubenfütterung entgegen. Es sind die nächsten Nachbarn des

Fräuleins, und sie gehören zu ihren Bekannten, wenn auch nicht zu ihrem Kreise. Der Nachbar

zur Linken erhält ihren ersten Gruß, dann kommen die Nachbarn zur Rechten. Jener, ein

gebrechliches Männchen, engbrüstig und kahl, das Urbild eines alten Damenschneiderleins,

diese, drei frische Jungen, mit runden, dank der frühen Morgenstunde sauber gewaschenen

Gesichtern. Prächtige Bursche, noch zu jung für die Schule und doch beinahe schon der

weiblichen Zucht entwachsen; mit Worten wenigstens richtet die Mutter nichts mehr bei ihnen

aus, obwohl sie dieselben nicht spart, die brave Frau. Der Mann und Vater hat seine Werkstätte

nebenan in den Hof hinaus und plagt sich an der Drehbank vom Morgen bis zum Abend. Er ist

Pfeifenschneider, aber im Rohre scheint er nicht zu sitzen und Überfluß hat er nur an

Kindersegen. Die drei Erstgeborenen haben angefangen, sich um den besten Platz am Fenster zu

balgen, die Mutter tritt unter sie, ein zweijähriges Mädchen auf dem Arme, zieht den Pantoffel

vom Fuße und schlägt wacker auf die Buben los. Der Pantoffel fällt, gleich der Hand des

Schicksals, ohne Unterschied auf das Haupt des Gerechten wie des Ungerechten, und bald

herrschen Ruhe und Frieden. Die neuen Horatier liegen still nebeneinander im Fenster und

beobachten die grauen Tauben, mit innigstem Verständnis für ihre Rauflust und ihren guten

Appetit.

Die Aufmerksamkeit des Schneiderleins hingegen ist auf das Fräulein gerichtet. Das braune

Mohairkleid, das seine Gönnerin heute zum erstenmal angetan hat, ist seiner Hände

selbsteigenes Werk. Der Schnitt hat sich seit wenigstens zehn Jahren als vortrefflich bewährt,


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