Gustav Schwab – Die Sieben gegen Theben

admin am Okt 13th 2011


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Nachruhms gepriesen wird, daß niemand glaubt, sie, die fromme Schwester, die
ihren Bruder nicht von Hunden und Vögeln zerfleischen ließ, habe den Tod als
Lohn verdient! Darum, geliebter Vater, gib der Stimme des Volkes nach; tu es
den Bäumen gleich, die längs dem angeschwollenen Waldstrome gepflanzt, sich
ihm nicht entgegenstemmen, sondern der Gewalt des Wassers nachgeben und unverletzt
bleiben, während diejenigen Bäume, die es wagen, Widerstand zu leisten, durch
die Wellen von Grund aus entwurzelt werden.« »Will der Knabe mich Verstand lehren?«
rief Kreon verächtlich aus; »es scheint, er kämpft im Bunde mit dem Weib!« »Ja,
wenn du ein Weib bist!« antwortete der Jüngling schnell und lebhaft, »denn nur
zu deinem Besten ist dies alles gesagt!« »Ich merke wohl«, endete der Vater
entrüstet, »blinde Liebe zu der Verbrecherin hält deinen Sinn in Banden; aber
lebendig wirst du diese nicht freien. Denn wisse: ferne, wo keine Menschentritte
schallen, soll sie bei lebendem Leibe in einem verschlossenen Felsengrabe geborgen
werden. Nur wenig Speise wird ihr mitgegeben, so viel, als nötig ist, die Stadt
vor der Befleckung zu bewahren, die der Greuel eines unmittelbaren Mordes ihr
zuziehen würde. Mag sie dann von dem Gotte der Unterwelt, den sie doch allein
ehrt, sich Befreiung erflehen; zu spät wird sie erkennen, daß es klüger ist,
den Lebenden zu gehorchen als den Toten.« Zornig wandte sich Kreon mit diesen
Worten von seinem Sohne ab, und bald waren alle Anstalten getroffen, den gräßlichen
Beschluß des Tyrannen zu vollziehen. Öffentlich vor allen Bürgern Thebens wurde
Antigone nach dem gewölbten Grabe abgeführt, das ihrer wartete; sie stieg unter
Anrufung der Götter und der Geliebten, mit welchen sie vereinigt zu werden hoffte,
unerschrocken hinab.

Noch immer lag der verwesende Leichnam des erschlagenen Polyneikes unbegraben
da. Die Hunde und Vögel nährten sich von ihm und bedeckten die Stadt, indem
sie die Überreste des Toten hin und her trugen. Da erschien der greise Seher
Tiresias vor dem Könige Kreon, wie er einst vor Ödipus erschienen war, und verkündete
jenem aus dem Vogelfluge und der Opferschau ein Unheil. Schlimmer, übelgesättigter
Vögel Gekrächz hatte er vernommen, das Opfertier auf dem Altare, statt hell
in Flammen zu verlodern, war unter trübem Rauche verkohlt. »Offenbar zürnen
uns die Götter«, endete er seinen Bericht, »wegen der Mißhandlung des erschlagenen
Königssohnes. Sei darum nicht halsstarrig, Herrscher; weiche dem Entseelten,
sieh nicht nach Ermordeten! Welcher Ruhm ist es, Tote noch einmal zu töten?
Laß ab davon; in guter Meinung rate ich dir!« Aber Kreon wies, wie damals Ödipus,
den Wahrsager mit kränkenden Worten zurück, schalt ihn geldgierig und beschuldigte
ihn der Lüge. Da entbrannte das Gemüt des Sehers, und ohne Schonung zog er von
den Augen des Königes den Schleier weg, der die Zukunft bedeckte. »Wisse«, sprach
er, »daß die Sonne nicht untergehen wird, ehe du aus deinem eigenen Blute einen
Leichnam für zwei Leichen zum Ersatze bringst. Doppelten Frevel begehst du,
indem du den Toten der Unterwelt vorenthältst, der ihr gebührt, und die Lebende,
die der Oberwelt angehört, nicht herauflässest zu ihr! Schnell entführe mich,
Knabe! Geben wir diesen Mann seinem Unglück preis!« So ging er an der Hand seines
Führers, auf seinen Seherstab gestützt, davon.

Kreons Strafe

Der König blickte dem zürnenden Wahrsager bebend nach. Er berief die Ältesten
der Stadt zu sich und befragte sie, was zu tun sei. »Entlaß die Jungfrau aus
der Höhle, bestatte den preisgegebenen Leib des Jünglings!« lautete ihr einstimmiger
Rat. Schwer kam es den unbeugsamen Herrscher an nachzugeben. Aber das Herz war
ihm entsunken. So willigte er geängstigt darein, den einzigen Ausweg zu ergreifen,
der das Verderben, das der Seher verkündigt hatte, von seinem Hause abwälzen
könnte. Er selbst machte sich mit Dienern und Gefolge zuerst nach dem Felde
auf, wo Polyneikes lag, dann nach dem Grabgewölbe, in welches Antigone verschlossen
worden war; im Palaste blieb seine Gemahlin Eurydike allein zurück. Diese vernahm
bald auf den Straßen ein Klaggeschrei, und als sie auf den immer lauter werdenden
Ruf ihre Gemächer endlich verließ und in den Vorhof ihres Palastes heraustrat,
kam ihr ein Bote entgegen, der ihrem Gemahl als Führer nach dem hohen Blachfelde
gedient hatte, wo der Leib seines Neffen erbarmungslos zerrissen, bis hieher
nicht begraben lag. »Wir beteten zu den Göttern der Unterwelt«, erzählte der
Bote, »badeten den Toten im heiligen Bade und verbrannten dann den Überrest
seines bejammernswürdigen Leichnams. Nachdem wir ihm aus vaterländischer Erde
einen Grabhügel aufgetürmt, gingen wir nach dem steinernen Gewölbe, in das die
Jungfrau hinabgestiegen war, ihr Leben dort im elenden Hungertode zu enden.
Hier vernahm ein vorangeeilter Diener schon aus der Ferne helltönende Jammerlaute
vom Tore des grauenvollen Gemaches her. Er eilte zu unserem Herrn zurück, ihm
solches kundzutun. Aber auch zu seinem Ohre war jener betrübte Klagelaut schon
gedrungen, und er hatte darin die Stimme des Sohnes erkannt. Wir Diener eilten
auf sein Geheiß heran und blickten durch den Felsenspalt. Wehe uns, was mußten
wir hier schauen? Tief im Hintergrunde der Höhle sahen wir die Jungfrau Antigone
in den Schlingen ihres Schleiers aufgeknüpft und schon entseelt. Vor ihr lag,
ihren Leib umschlingend, dein Sohn Haimon, in heulender Wehklage die entrissene


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