Gustav Schwab – Die Argonautensage
admin am Okt 13th 2011
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Insel hinüber. Dort allein mit der Schwester zusammengekommen, versuchte er
das Gemüt der Verschlagenen, ob sie wirklich eine List gegen die Fremdlinge
hegte; aber es war, als wenn ein schwacher Knabe durch einen angeschwollenen
Bergstrom waten wollte, über den kein kräftiger Mann ungestraft setzen kann.
Denn als sie mitten im Gespräch waren und die Schwester ihm alles zusagte, da
stürzte plötzlich Iason aus dem verborgenen Hinterhalte hervor, das bloße Schwert
in der Hand. Die Jungfrau aber wandte ihre Augen ab und bedeckte sich mit dem
Schleier, um den Mord ihres Bruders nicht mit ansehen zu müssen. Wie ein Opfertier
stürzte der Königssohn unter den Streichen Iasons und bespritzte Gewand und
Schleier der abgekehrten Medea mit seinem Bruderblut. Aber die Rachegöttin,
die nichts übersieht, schaute aus ihrem Verstecke mit finsterem Auge die gräßliche
Tat, die hier begangen ward. Nachdem Iason sich von dem Morde gereinigt und
den Leichnam begraben hatte, gab Medea den Argonauten mit einer Fackel das verabredete
Zeichen. Diese legten ihr Fahrzeug neben das Schiff, auf dem Absyrtos zur Artemisinsel
gekommen war, und fielen, wie Habichte über Taubenscharen oder Löwen über Schafherden,
über die ihres Führers beraubten Begleiter des Absyrtos her. Keiner entging
dem Tode. Iason, der den Seinigen zu Hilfe kommen wollte, erschien zu spät,
denn schon war der Sieg entschieden.
Weitere Heimfahrt der Argonauten
Auf des Peleus Rat schifften die Helden aus der Mündung hervor und schleunig
davon, ehe die zurückgelassenen Kolcher zur Besinnung kommen konnten. Diese,
als sie innewurden, was geschehen war, gedachten anfangs die Feinde zu verfolgen,
aber Hera schreckte sie mit warnenden Blitzen vom Himmel; und da sie zu Hause
den Zorn des Königes fürchteten, wenn sie ihm Sohn und Tochter nicht zurückbrächten,
so blieben sie auf den Artemisinseln in der Mündung des Ister zurück und siedelten
sich hier an.
Die Argonauten aber schifften an mancherlei Gestaden und Inseln vorüber, auch
an dem Eilande, wo die Königin Kalypso, die Tochter des Atlas, wohnte. Schon
glaubten sie in der Ferne die höchsten Bergspitzen des heimischen Festlandes
aufsteigen zu sehen, als Hera, welche die Pläne des erzürnten Zeus fürchtete,
einen Sturm gegen sie erhob, der ihr Schiff mit Ungestüm an die unwirtliche
Insel Elektris trieb. Jetzt begann auch das weissagende Holz, das Athene mitten
in den Kiel eingefügt hatte, zu sprechen, und entsetzliche Furcht ergriff die
Horchenden. »Ihr werdet dem Zorn des Zeus und den Irrfahrten des Meeres nicht
entgehen«, tönte das hohle Brett, »bevor nicht die Zaubergöttin Kirke euch den
grausamen Mord des Absyrtos abgewaschen hat. Kastor und Pollux sollen zu den
Göttern beten, daß sie euch die Pfade des Meeres öffnen und ihr Kirke finden
könnet, die Tochter des Sonnengottes und der Perse.« So sprach der hölzerne
Mund des Schiffes Argo um die Abenddämmerung. Schauder und Furcht ergriff die
Helden, als sie den seltsamen Propheten so Schreckliches verkünden hörten. Die
Zwillinge Kastor und Pollux allein sprangen auf und hatten den Mut, zu den unsterblichen
Göttern um Schutz zu beten; das Schiff aber schoß weiter bis in die innerste
Bucht des Eridanos, da wo einst Phaëthon verbrannt vom Sonnenwagen in die Flut
gefallen war. Noch jetzt schickt er aus der Tiefe Rauch und Glut aus seiner
brennenden Wunde hervor. Kein Schiff kann mit leichten Segeln über dieses Gewässer
hinfliegen, sondern es springt mitten in die Flamme hinein. Ringsumher am Ufer
seufzen, in Pappeln verwandelt, Phaëthons Schwestern, die Heliaden, im Winde
und träufeln lichte Tränen aus Bernstein auf den Boden, welche die Sonne trocknet
und die Flut in den Eridanos hineinzieht. Den Argonauten half zwar ihr starkes
Schiff aus dieser Gefahr, aber alle Lust nach Speise und Trank verging ihnen;
denn bei Tage peinigte sie der unerträgliche Geruch, der aus den Fluten des
Eridanos vom dampfenden Phaëthon aufstieg, und bei Nacht hörten sie ganz deutlich
das Wehklagen der Heliaden und wie die Bernsteintränen gleich Öltropfen ins
Meer rollten. An den Ufern des Eridanos hin kamen sie zu der Mündung des Rhodanos
und wären hineingeschifft, von wannen sie nicht lebendig herauskommen sollten,
wenn nicht Hera plötzlich auf einer Klippe erschienen wäre und mit furchtbarer
Götterstimme sie abgemahnt hätte. Diese hüllte das Schiff schirmend in schwarze
Nebel, und so fuhren sie an unzähligen Keltenvölkern viele Tage und Nächte vorbei,
bis sie endlich das tyrrhenische Ufer erblickten und bald darauf glücklich in
den Hafen der Insel Kirkes einliefen.
Hier fanden sie die Zaubergöttin, wie sie, am Meergestade stehend, ihr Haupt
in den Wellen badete. Ihr hatte geträumt, das Gemach und das ganze Haus ströme
über von Blut, und die Flamme fresse alle Zaubermittel, mit welchen sie sonst
die Fremdlinge behext hatte; sie aber schöpfe mit hohler Hand das Blut und lösche
das Feuer damit. Dieser entsetzliche Traum hatte sie mit der Morgenröte vom
Lager aufgeschreckt und ans Meeresufer getrieben; hier wusch sie Kleidung und
Haare, als ob sie blutbefleckt wären. Ungeheure Bestien, nicht andern Tieren
ähnlich, sondern aus den verschiedensten Gliedern zusammengesetzt, folgten herdenweise,
wie das Vieh dem Hirten aus dem Stalle. Die Helden ergriff entsetzliches Grausen,
zumal da sie der Kirke nur ins Angesicht zu sehen brauchten, um sich zu überzeugen,
Tags: Argonauten, Sagen, Schwab
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