Project Description

90. Nacht

“Die, welche zuerst starben, wurden von den anderen
begraben. Was mich betraf, so erwies ich allen meinen Gefährten die letzte
Ehre: und darüber dürft ich euch nicht wundern, denn außer dem, dass ich den
mir zugeteilten Vorrat besser zu Rate hielt, als jene, so hatte ich auch einen
besonderen für mich allein, und ich hatte mich wohl gehütet, meinen Gefährten
etwas davon mitzuteilen. Als ich jedoch den letzten begrub, so blieben mir so
wenig Lebensmittel übrig, dass ich wohl sah, es würde bald mit mir zu Ende
gehen, so dass ich mir mein Grab grub, entschlossen, mich hinein zu werfen, da
niemand übrig blieb, um mich zu begraben. Indem ich mich mit dieser Arbeit
beschäftigte, konnte ich mich, ich will es euch gestehen, nicht erwehren, mir
vorzustellen, dass ich an meinem Verderben Schuld war, und zu bereuen, dass ich
diese letzte Reise unternommen hatte. Ich ließ es nicht bei Betrachtungen, ich
zerfleischte mir die Hände mit meinen Zähnen, und es fehlte nicht viel, dass
ich meinen Tod beschleunigte.

Aber Gott hatte Erbarmen mit mir, und flößte mir den
Gedanken ein, bis zu dem Fluss zu gehen, der sich unter der Höhlenwand
verlor. Nachdem ich dort den Fluss mit vieler Aufmerksamkeit betrachtet hatte,
sagte ich zu mir selbst. “Dieser Fluss, der sich auf solche Art unter der
Erde verbirgt, muss irgendwo wieder zum Vorschein kommen. Wenn ich nun ein Floß
baue, und mich sodann auf diesem der Strömung des Flusses überlasse, werde ich
in ein bewohntes Land gelangen, oder umkommen: komme ich um, so habe ich nur die
Todesart verändert. Gelingt es mir im Gegenteil, aus diesem Unglücksort zu
entkommen, so werde ich das traurige Geschick meiner Gefährten vermeiden, ja,
vielleicht eine neue Gelegenheit finden, mich zu bereichern. Wer weiß, ob nicht
das Glück mich am Ausgang dieser abscheulichen Klippe erwartet, um mich für
meinen Schiffbruch mit Wucher zu entschädigen.

Ich zögerte nicht, nach dieser Selbstberatung, an dem
Flosse zu arbeiten. Ich fertigte es aus tüchtigen Stücken Holz und dicken
Ankertauen, an welchen es zur Auswahl nicht fehlte. Ich band das Holz so fest
zusammen, dass daraus ein kleines, ganz haltbares Fahrzeug wurde. Als es
vollendet war, belud ich es mit einigen Ballen von Rubinen, Smaragden, grauen
Ambra, Felskristall und kostbaren Stoffen. Als ich diese Sachen ins
Gleichgewicht gestellt und wohl befestigt hatte, begab ich mich auf das Floß,
mit zwei kleinen Rudern, die ich zu verfertigen nicht vergessen hatte, und
überließ mich dem Laufe des Flusses und dem Willen Gottes.

Sobald ich unter der Wölbung war, sah ich kein Licht
mehr, und der Wasserstrom riss mich fort, ohne dass ich wusste, wohin. Ich
schwamm einige Tage in dieser Dunkelheit, ohne jemals auch nur den geringsten
Lichtstrahl zu erblicken. Ich fand einmal die Wölbung so niedrig, dass sie mir
beinahe den Kopf verletzt hätte. Was mich für die Vermeidung einer ähnlichen
Gefahr sehr aufmerksam machte. Während dieser Fahrt aß ich von den mir übrig
gebliebenen Lebensmitteln nur so viel, als zur Fristung meines Lebens
unumgänglich nötig war. Aber wie mäßig ich auch lebte, mein Vorrat wurde
doch aufgezehrt. Es bemächtigte sich nun meiner Sinne, ohne dass ich mich
dessen erwehren konnte, ein süßer Schlaf. Ich kann euch nicht sagen, ob ich
lange schlief, aber als ich erwachte, sah ich mich in einer weiten Landschaft,
am Ufer eines Flusses, an welches mein Floß festgebunden war, und mitten unter
einer großen Menge Schwarzer1).
Sobald ich sie erblickte, stand ich auf und grüßte sie. Sie sprachen zu mir,
aber ich verstand ihre Sprache nicht.

In diesem Augenblick war ich vor Freude so außer mir,
dass ich nicht wusste, ob ich mich für wachend halten sollte. überzeugt, dass
ich nicht schlief, sagte ich mir folgende arabische Verse vor:

“Rufe die Allmacht an; sie wird dir zu Hilfe kommen;
es ist unnütz, dich um anderes zu kümmern. Schließe das Auge, und während du
schläfst, wird Gott dein Geschick vom Bösen zum Guten wenden!”

Da mich einer der Schwarzen, der arabisch verstand, so
sprechen hörte, trat er vor und nahm das Wort: “Mein Bruder,” sagte
er, “seid nicht erstaunt, uns zu sehen; wir bewohnen die Landschaft, die
ihr seht, und wir sind heute hierher gekommen, um mit dem Wasser dieses aus dem
benachbarten Berge kommenden Flusses unsere Felder zu bewässern, indem wir es
durch kleine Kanäle ableiten2).
Wir bemerkten, dass auf dem Wasser etwas herbei schwämme. Wir liefen schnell
hinzu, um zu sehen, was es wäre, und sobald wir erkannten, dass es ein Floß
war, warf sich einer von uns in den Fluss, schwamm dem Floß entgegen und holte
es herbei. Wir hielten es an, banden es fest, wie ihr seht, und erwarteten euer
Erwachen. Wir bitten euch, uns eure Geschichte zu erzählen, die sehr
außerordentlich sein muss. Sagt uns, wie ihr euch auf dieses Wasser gewagt habt
und woher ihr kommt.” Ich bat sie vor Allem, mir zu essen zu geben, und
versprach ihnen, dass ich sodann ihre Neugier befriedigen würde.

Sie setzten mir mancherlei Speisen vor, und als mein
Hunger gestillt war, erstattete ich ihnen einen getreuen Bericht von allem, was
mir begegnet war, und sie schienen mir mit Bewunderung zuzuhören. Als ich meine
Erzählung beendet hatte, sagten sie zu mir, durch den Mund des Dolmetschers,
der ihnen meinen Bericht übersetzt hatte: “Das ist eine der
erstaunlichsten Geschichten. Ihr selbst müsst sie dem König erzählen. Die
Sache ist außerordentlich, um ihm von einem anderen, als von dem, dem sie
selbst begegnet ist, berichtet zu werden.” Ich erwiderte ihnen, dass ich
bereit wäre, ihren Wunsch zu erfüllen.

Die Schwarzen schickten sogleich nach einem Pferde,
welches auch bald darauf gebracht wurde. Sie ließen mich aufsteigen, und
während ein Teil von ihnen vor mir herging, um mir den Weg zu zeigen, landeten
die anderen, stärksten, das Floß mit allen darauf befindlichen Ballen auf ihre
Schultern und folgten mir.


1)
In Betreff der hier vorkommenden Schwarzen, berichten die durch Renaudot bekannt
gemachten arabischen Reisen von Menschen fressenden Negern im 9-ten Jahrhundert
in dem Meer von Andaman, oder Bai von Bengalen. Ptolemäus setzt sie auf die
Insel Nikobar in demselben Meer.