Project Description

356. Nacht

Geschichte
des blinden Baba Abdallah

“Beherrscher der Gläubigen,” fuhr Baba Abdallah
fort, “ich wurde in Bagdad geboren. Von meinem Vater und meiner Mutter,
welche beide binnen weniger Tagen nacheinander starben, erbte ich ein kleines
Vermögen. Obwohl ich an Jahren noch nicht weit vorgerückt war, so verwendete
ich es doch nicht nach der gewöhnlichen Weise junger Leute, die dergleichen
binnen kurzer Zeit durch unnützen Aufwand oder in üppigkeit verschwenden,
sondern im Gegenteil unterließ ich nichts, um durch meine Betriebsamkeit, und
durch alle möglichen Sorge und Mühe, die ich mir gab, es zu vermehren. Auf
diese Weise wurde ich denn endlich so reich, dass ich für mich allein achtzig
Kamele besaß, die ich an Karawanenkaufleute vermietete, und die mir bei jeder
Reise, die ich mit ihnen in die verschiedenen Provinzen eueres Reiches machte,
große Summen einbrachten.

Als ich einst während der Blüte dieses meines Glücks
und mit dem brennendsten Verlangen, noch reicher zu werden, von Balsora leer mit
meinen Kamelen zurückkehrte, die ich auf dem Hinweg mit Waren, die nach Indien
verschifft werden sollten, bepackt gehabt hatte, und die ich jetzt in einer
menschenleeren Einöde, wo die gute Weide mich anzuhalten bewog, eben weiden
ließ, redete ein Derwisch, der zu Fuß nach Balsora wanderte, mich an und
setzte sich neben mich, um auszuruhen. Ich fragte ihn, woher er käme und wohin
er ginge? Er tat dieselben Fragen an mich, und nachdem wir unsere Neugierde
gegenseitig befriedigt hatten, teilten wir unseren Mundvorrat miteinander und
speisten zusammen.

Während der Mahlzeit unterhielten wir uns von
verschiedenen gleichgültigen Dingen, und der Derwisch erzählte mir unter
andern auch, er wüsste an einem Ort, der nicht gar weit von unserem Ruheplatz
entfernt sei, einen Schatz von so unermesslichen Reichtümern, dass, wenn ich
auch davon so viel wegnähme, als meine achtzig Kamele tragen könnten, man doch
nicht merken würde, dass etwas davon weggenommen worden sei.

Diese gute Nachricht überraschte und erfreute mich
zugleich. Die Freude, die ich in meinem Innersten darüber empfand, machte, dass
ich ganz außer mir war. Ich hielt den Derwisch nicht für fähig, dass er mir
da bloß etwas vorspiegeln wolle. Ich warf mich ihm daher um den Hals und sagte
zu ihm: “Guter Derwisch, ich sehe wohl, dass du dich wenig um die Güter
dieser Welt kümmerst, wozu kann dir also deine Kenntnis von diesem Schatz
nützen? Du bist allein, und kannst also doch nur sehr wenig davon mitnehmen.
Zeige mir daher, wo er liegt, ich will dann meine achtzig Kamele davon beladen
und werde dir selber eines davon schenken, zum Dank für das Gute und für das
Vergnügen, das du mir dadurch zeigst.”

Freilich war es nur sehr wenig, was ich ihm anbot, mir
indessen schien es sehr viel zu sein, vermöge des unmäßigen Geldgeizes, der
sich bei dieser mir gemachten Eröffnung meiner bemächtigt hatte, und mir
dünkten die neunundsiebzig Kamellasten, die mir noch übrig bleiben, so viel
wie gar nichts, im Vergleich mit derjenigen, deren ich mich berauben und die ich
ihm überlassen sollte.

Der Derwisch, welcher meine leidenschaftliche Gier nach
den Reichtümern bemerkte, nahm gleichwohl keinen Anstoß an einem so wenig
angemessenen Anerbieten, als ich ihm soeben gemach hatte, sondern sagte ganz
ruhig zu mir: “Mein Bruder, du siehst, wie wenig dein Anerbieten im
Verhältnis zu der Wohltat steht, die du von mir verlangst. Ich konnte mir es ja
ganz ersparen, von dem Schatz zu reden, und lieber mein Geheimnis für mich
behalten. Indessen das, was ich dir gutwillig darüber mitgeteilt habe, wird dir
wenigstens die gute Absicht zeigen, die ich hatte, dir gefällig zu sein, und
dadurch, dass ich dein und mein Glück machte, mir ein gutes Andenken bei dir zu
stiften. Ich habe dir nun also einen gerechteren und billigeren Vorschlag zu
machen, und du magst selber sehen, ob er dir genehm ist. Du sagst,” fuhr
der Derwische fort, “du hast achtzig Kamele. Ich bin demnach bereit, dich
zu dem Schatz hinzuführen, und dort mit dir ihnen so viel an Gold und
Edelsteinen, als sie nur immer zu tragen vermögen, aufzupacken, unter der
Bedingung, dass, wenn wir sie gehörig bepackt haben werden, du mir die Hälfte
derselben nebst ihrer Last abtrittst und dir bloß die andere Hälfte behältst,
worauf wir uns dann trennen wollen, so dass jeder von uns die seinigen
hinführen kann, wohin er nur immer will. Du siehst, dass diese Teilung ganz der
Billigkeit angemessen ist, und wenn du mir vierzig Kamele schenkst, so erhältst
du dagegen durch mich so viel, dass du dir tausend andere dafür kaufen
kannst.”

Ich konnte nicht leugnen, dass die Bedingung, die mir der
Derwisch machte, höchst billig war. Indessen, ohne auf die großen Reichtümer
zu achten, die mir durch Annahme derselben zu Teil werden konnten, betrachtete
ich die Abtretung der Hälfte meiner Kamele als einen großen Verlust, besonders
wenn ich erwog, dass der Derwisch dann ebenso reich wie ich werden würde. Kurz
ich bezahlte bereits eine Wohltat mit Undank, die rein freiwillig war, und die
ich vom Derwisch noch nicht einmal erhalten hatte. Allein es war hier nicht
lange zu überlegen. Entweder musste ich die Bedingung eingehen, oder mich
gefasst machen, mein Leben lang Reue darüber zu fühlen, dass ich durch meine
Schuld mir eine Gelegenheit, zu bedeutendem Vermögen zu kommen, habe
entschlüpfen lassen.

Ich versammelte also augenblicklich meine Kamele, und wir
zogen miteinander fort. Nachdem wir eine Weile so fortgezogen waren, gelangten
wir an ein sehr weites Tal, dessen Eingang aber sehr eng und schmal war. Meine
Kamele konnten bloß einzeln nacheinander hindurch gehen. So wie die Gegend sich
erweiterte, wurde es ihnen wieder möglich, in der besten Ordnung
zusammenzuhalten. Die beiden Berge, welche das Tal bildeten und es hinten in
einem Halbkreis schlossen, waren übrigens so hoch, steil und unzugänglich,
dass wir nicht fürchten durften, dass irgend ein Sterblicher uns da sehen
könnte.

Als wir zwischen den beiden Bergen angelangt waren, sagte
der Derwisch zu mir: “Wir wollen jetzt nicht weiter vorwärts gehen. Halte
du deine Kamele an, und lass sie auf dem Platz, den du da vor dir siehst, sich
auf den Bauch niederlegen, damit wir sie ohne Mühe beladen können, und wenn du
das getan haben wirst, so werde ich zur öffnung des Schatzes schreiten.”

Ich tat, was der Derwisch mir gesagt hatte, und eilte ihm
sodann nach. Ich fand ihn, wie er mit einem Feuerzeug in der Hand etwas dürres
Holz, um Feuer anzumachen, zusammentrug. Sobald er es angemacht hatte, warf er
etwas Räucherwerk hinein, indem er einige Worte dazu sprach, die ich nicht
verstand. Augenblicklich stieg ein dicker Rauch davon auf. Er zerteilte diesen
Rauch, und in diesem Augenblick entstand in dem Felsen, der zwischen den beiden
Bergen lag und in senkrechter Linie sehr hoch emporstieg, obwohl er gar keine
Spur von irgendeiner öffnung zeigte, dennoch eine sehr große, in Gestalt eines
Tores mit zwei Torflügeln, das mit bewunderungswürdiger Kunst in den Felsen
hineingearbeitet war.

Diese öffnung zeigte unsern Blicken in einer großen, in
den Felsen gehauenen Vertiefung einen prächtigen Palast, der mehr ein Werk von
Geistern, als von Menschenhänden zu sein schien, denn es schien nicht möglich,
dass sich Menschen ein so kühnes und erstaunenswürdiges Unternehmen auch nur
hätten einfallen lassen können.

Indessen, o Beherrscher der Gläubigen, diese Bemerkung
mache ich erst jetzt vor Euer Majestät, und ich machte sie nicht gleich damals.
Ich bewunderte selbst nicht einmal die unermesslichen Reichtümer, die ich da
auf allen Seiten erblickte, sondern, ohne mich bei Betrachtung der
zweckmäßigen Anordnung dieser bedeutenden Schätze lange aufzuhalten, warf ich
mich, wie der Adler auf seine Beute herab schießt, auf den ersten besten Haufen
aus Goldstücken, den ich zunächst vor mir sah, und fing an, soviel davon in
einen Sack, den ich eben ergriffen hatte, hineinzuraffen, als ich forttragen zu
können glaubte. Die Säcke waren sehr groß, und ich hätte sie gern bis oben
voll gefüllt, allein ich musste sie mit den Kräften meiner Kamele doch in
einiges Verhältnis setzen.

Der Derwisch machte es ebenso wie ich. Doch bemerkte ich,
dass er sich mehr an die Edelsteine hielt, und als er mir den Grund davon gesagt
hatte, folgte ich seinem Beispiel, und wir nahmen weit mehr Edelsteine mit, als
gemünztes Gold. Endlich hatten wir alle Säcke angefüllt und ladeten sie auf
die Kamele, und es blieb uns nichts weiter zu tun übrig, als den Schatz zu
verschließen und wegzugehen.