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294. Nacht

“Herr,” erwiderte Abu Hassan, nachdem er die
Anerbietung des Kalifen angehört hatte, “ich bin vollkommen überzeugt,
dass ihr nicht aus bloßer Höflichkeit mir so großmütige Anträge macht.
Allein, so wahr irgend einen Kummer, noch irgend einen Rechtshandel, noch irgend
einen Wunsch habe, und dass ich überhaupt von niemand etwas verlange. Ich habe,
wie ich euch schon gesagt, auch nicht den mindesten Ehrgeiz, und bin mit meinem
Schicksal völlig zufrieden. Indessen muss ich euch doch sagen,” fuhr er
fort, “dass eine einzige Sache mich verdrießt, ohne aber deshalb meine
Ruhe zu trüben. Ihr werdet nämlich wissen, dass die Stadt Bagdad in mehrere
Viertel eingeteilt ist, und dass es in einem jeden Viertel eine Moschee und
einen Imam gibt, der zu den gehörigen Stunden an der Spitze der versammelten
Bezirksbewohner das Gebet verrichtet. Unser Imam ist ein Greis von hoher Gestalt
und von einer strengen Miene, und dabei ein so vollendeter Heuchler, dergleichen
nur je in der Welt existiert haben mag. Als seine Ratgeber hat er sich noch vier
andere mürrische Greise, die ungefähr von seinem Schlag sind, aus der Zahl
meiner Nachbarn zugesellt. Diese kommen nun regelmäßig jeden Tag zusammen, und
es gibt keine Verleumdung, üble Nachrede oder Bosheit, die sie nicht von diesen
Winkel-Zusammenkünften aus gegen mich und gegen das ganze Stadtviertel in
Bewegung setzen, um die Ruhe desselben zu stören und Zwietracht darin
auszustreuen. Einigen jagen sie Furcht ein, andern drohen sie, mit einem Worte,
sie wollen die Herren spielen und es durchsetzen, dass jeder ihren Launen
gemäß lebe, obwohl sie selber nicht zu leben wissen. Um euch die Wahrheit zu
gestehen, es ärgert mich, wenn ich sehe, dass sie sich eher um alles andere
kümmern, als um ihren Koran, und dass sie niemand in Frieden leben
lassen.”

“Nun gut,” erwiderte der Kalif, “ihr
wünschtet also wohl ein Mittel oder einen Weg zu finden, um diesen Unordnungen
ein Ziel zu setzen?” – “Jawohl,” antwortete Abu Hassan, “und
das einzige, um was ich Gott bitten möchte, wäre, nur einen einzigen Tag an
der Stelle unsres Herrn und Gebieters, des Beherrschers der Gläubigen, Harun
Arreschyd, Kalif sein zu können.” – “Und was würdet ihr tun, wenn
ihr je einmal in diesen Fall kämmt?”, fragte der Kalif. “Ich würde
ein Beispiel aufstellen,” erwiderte Abu Hassan, “das alle ehrlichen
Leute zufrieden stellen sollte. Ich würde nämlich einem jeden der vier Alten
hundert Stockschläge auf die Fußsohlen geben lassen, dem Imam aber
vierhundert, damit er sie lehre, wie unschicklich es sei, ihre Nachbarn so zu
beunruhigen und zu ärgern1).”

Der Kalif fand den Einfall Abu Hassans ganz artig, und da
er von Natur zu seltsamen Abenteuern geneigt war, so bekam er Luft, darauf einen
ganz einzigen Scherz zu gründen. “Euer Wunsch gefällt mir um so
mehr,” sagte hierauf der Kalif, “da ich sehe, dass er aus einem
aufrichtigen Herzen und von einem Mann herkommt, der es nicht leiden mag, dass
die Bosheit der Bösen unbestraft bleibe. Es würde mir viel Vergnügen machen,
die Erfüllung desselben zu sehen, und vielleicht ist diese so unmöglich nicht,
als ihr denkt. Ich bin überzeugt, dass der Kalif recht gern seine
Herrschergewalt auf vierundzwanzig Stunden in eure Hände niederlegen würde,
wenn er von eurer guten Absicht und von dem Gebrauch wüsste, den ihr davon
machen wollt. Obwohl ich nur ein fremder Kaufmann bin, so habe ich dennoch
Einfluss genug, um dazu etwas beitragen zu können.”

“Ich sehe wohl,” erwiderte Abu Hassan,
“dass ihr euch über meinen närrischen Einfall lustig macht, und der Kalif
würde sich ebenfalls darüber lustig machen, wenn er diese Narrheit erführe.
Vielleicht würde es indessen die Folge haben, dass er über das Betragen des
Imans und seiner Ratgeber Erkundigung einziehen und sie bestrafen ließe.”

“Ich mache mich durchaus nicht über euch
lustig,” antwortete hierauf der Kalif. “Gott behüte mich, dass ich
einen so unziemlichen Gedanken gegen einen Mann, wie ihr seid, hegen sollte, der
mich, wie unbekannt ich ihm auch war, so gut bewirtet hat. Zugleich versichere
ich euch, dass auch der Kalif sich darüber nicht lustig machen würde. Aber
lassen wir das Gespräch fallen. Es fehlt nicht mehr viel zu Mitternacht, und es
ist Zeit, dass wir uns schlafen legen.”

“So wollen wir denn damit unsere Unterhaltung
abbrechen,” sagte Abu Hassan, “ich will euch nicht länger vom Schlaf
abhalten. Allein, da noch etwas Wein in der Flasche übrig ist, so wollen wir
zuvor, wenn’s euch gefällt, dieselbe ausleeren, und uns nachher schlafen legen.
Das einzige, was ich euch anempfehle, ist, dass ihr morgen früh beim Weggehen,
im Fall ich noch nicht auf sein sollte, ja nicht die Türe offen lasst, sondern
sie sorgfältig verschließt.” Der Kalif versprach, dies pünktlich zu tun.

Während Abu Hassan noch sprach, hatte der Kalif die
Flasche und die beiden Schalen ergriffen. Zuerst schenkte er sich selber Wein
ein, um sich, wie er zu Abu Hassan sagte, zu bedanken. Als er getrunken hatte,
warf er unbemerkt in Abu Hassans Schale ein Paar Finger voll von einem Pulver,
das er bei sich führte, und goss darauf den Rest Wein aus der Flasche. Indem er
sie Abu Hassan überreichte, sagte er: “Ihr seid den ganzen Abend hindurch
bemüht gewesen, mir einzuschenken, und ich darf nun wohl das letzte Mal
wenigstens euch diese Mühe ersparen. Ich bitte euch also, diese Schale von
meiner Hand anzunehmen, und dies mir zu Liebe auszutrinken.”

Abu Hassan nahm die Schale, und um seinem Gast noch mehr
zu zeigen, mit wie viel Vergnügen er die ihm erwiesene Ehre aufnähme, trank
er, und leerte sie fast in einem Zug aus. Aber kaum hatte er die Schale wieder
auf den Tisch hingesetzt, so äußerte das Pulver seine Wirkung. Er fiel in
einen so tiefen Schlaf, dass ihm das Haupt fast bis auf die Knie herabsank, und
zwar so plötzlich, dass der Kalif sich des Lachens nicht enthalten konnte. Der
Sklave, der ihn begleitete, war gleich nach dem Abendessen wieder ins Zimmer
getreten, und stand schon seit einiger Zeit zu seinen Befehlen bereit.
“Lade diesen Mann hier auf deine Schultern,” sagte der Kalif zu ihm.
“Aber merke dir genau den Ort, wo dieses Haus liegt, damit du ihn, sobald
ich es dir befehle, wieder hierher bringen kannst.”


1)
Stockschläge sind eine sehr gewöhnliche Strafe im Morgenland. Man legt den
Sträfling auf den Rücken, steckt seine Füße in eine Schlinge, die an einer
langen Stange befestigt ist, hebt sie damit empor, bis sie die Fußsohlen
darbieten, und dann schlagen vier tüchtige Kerle abwechselnd darauf.