Archiv für Januar, 2012

Marie von Ebner-Eschenbach – Krambambuli

admin am Jan 26th 2012

Marie von Ebner-Eschenbach

Krambambuli

Vorliebe empfindet der Mensch für allerlei Gegenstände. Liebe, die echte, unvergängliche, die

lernt er – wenn überhaupt – nur einmal kennen. So wenigstens meint der Herr Revierjäger Hopp.

Wie viele Hunde hat er schon gehabt, und auch gern gehabt, aber lieb, was man sagt lieb und

unvergeßlich, ist ihm nur einer gewesen – der Krambambuli. Er hatte ihn im Wirtshause Zum

Löwen in Wischau von einem vazierenden Forstgehilfen gekauft oder eigentlich eingetauscht.

Gleich beim ersten Anblick des Hundes war er von der Zuneigung ergriffen worden, die dauern

sollte bis zu seinem letzten Atemzuge. Dem Herrn des schönen Tieres, der am Tische vor einem

geleerten Branntweingläschen saß und über den Wirt schimpfte, weil dieser kein zweites umsonst

hergeben wollte, sah der Lump aus den Augen. Ein kleiner Kerl, noch jung und doch so fahl wie

ein abgestorbener Baum, mit gelbem Haar und gelbem spärlichem Barte. Der Jägerrock, vermutlich

ein Überrest aus der vergangenen Herrlichkeit des letzten Dienstes, trug die Spuren einer im

nassen Straßengraben zugebrachten Nacht. Obwohl sich Hopp ungern in schlechte Gesellschaft

begab, nahm er trotzdem Platz neben dem Burschen und begann sogleich ein Gespräch mit ihm. Da

bekam er es denn bald heraus, daß der Nichtsnutz den Stutzen und die Jagdtasche dem Wirt

bereits als Pfänder ausgeliefert hatte und daß er jetzt auch den Hund als solches hergeben

möchte; der Wirt jedoch, der schmutzige Leuteschinder, wollte von einem Pfand, das gefüttert

werden muß, nichts hören.

Herr Hopp sagte vorerst kein Wort von dem Wohlgefallen, das er an dem Hunde gefunden hatte,

ließ aber eine Flasche von dem guten Danziger Kirschbranntwein bringen, den der Löwenwirt

damals führte, und schenkte dem Vazierenden fleißig ein. – Nun, in einer Stunde war alles in

Ordnung. Der Jäger gab zwölf Flaschen von demselben


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Marie von Ebner-Eschenbach – Ihr Traum

admin am Jan 26th 2012

Marie von Ebner-Eschenbach

Ihr Traum

Erlebnis eines Malers

Im Sommer 79 hatte ich von einem hohen Kunstfreunde den Auftrag erhalten, Land und Leute des

Kronlands Mähren in einer Reihe von Bildern zu charakterisieren. Da ich meine Zeit gehörig

ausnützen und auch ganz unabhängig bleiben wollte, vermied ich, von der Gastfreundschaft der

Schloßbewohner Gebrauch zu machen, und nahm trotz der Liebenswürdigkeit, mit der sie mir

überall angeboten wurde, mein jeweiliges Standquartier wohl oder übel – meistens übel – im

Dorfwirtshaus.

Rasch ging die Arbeit mir von der Hand. Ende September hatte ich alle meine Skizzen und sogar

einige Bilder fertig. Mit gutem Gewissen und sehr heiterem Mut durfte ich wieder heimwärts

fliegen nach Wien, wohin für den ersten Oktober eine Verabredung mich rief – mächtig rief… Ich

verrate nichts, ich sage nur: mein Herz, das heute noch von Winterfrost nichts weiß, befand

sich damals im Drang der Herbstäquinoktialstürme.

Am Morgen des letzten September erwachte ich zugleich mit dem Haushahn im Gasthof des Dorfes

Willowic. Ein ganzer Tag war noch zu überwinden, bevor sie aufging, die Sonne des ersten

Oktobers. Wenn ich heute meine Heimreise antrat, lagen noch ein paar Abendstunden, lag eine

sicherlich schlaflose Nacht zwischen der Stunde meiner Ankunft und der meines Glückes. Ich

entschloß mich, meine Ungeduld tagsüber zu verrennen und die Nacht lieber im Waggon als im

Bett zu durchwachen. Einen Lokalzug verschmähend, der mich zur nächsten Nordbahnstation

gebracht hätte, hing ich meinen Tornister um, steckte einigen Mundvorrat zu mir und trat die

Wanderung an. Sonderliche Genüsse bot sie mir nicht. Die Gegend dort ist ebenso fruchtbar wie

unmalerisch; sie erinnert mich immer an ein nichtssagendes, aber von Gesundheit strotzendes

Gesicht. Der Menschenschlag aber ist nicht übel, und hie und da hatte ich doch Gelegenheit,

mein Skizzenbuch herauszuziehen und während meiner kurzen Rast eine Kindergruppe und die

schlanke Gestalt eines hübschen Mädchens oder eines jungen Burschen zu konturieren.

Die Sonne neigte sich schon zum Untergang, und ich schritt gemütlich weiter, überzeugt, daß

ich die Richtung nach meinem Ziele innehielt. Um mich dessen jedoch zu vergewissern, holte ich

von Zeit zu Zeit Erkundigungen bei Vorübergehenden ein.

»Jen rovno«, hieß es anfangs, dann einmal: »Na levo«, einmal: »Na pravo«, und je weiter ich

kam, desto bedenklicher schüttelte der Angesprochene den Kopf und sagte: »Daleko! daleko!«

Also erst geradeaus, dann links, dann rechts, und endlich weit, weit!

Es begann zu dunkeln. Seit einer Weile schon rieselte ein dichter, kühler Regen mit großer

Emsigkeit nieder. Die Abspannung, nach der ich mich so herzlich gesehnt hatte, war allmählich

eingetreten, und meine Phantasie fing an, mir einen wenn auch noch so langweiligen Aufenthalt

im


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Marie von Ebner-Eschenbach – Er laßt die Hand küssen

admin am Jan 26th 2012

Marie von Ebner-Eschenbach

Er laßt die Hand küssen

»So reden Sie denn in Gottes Namen!« sprach die Gräfin, »ich werde Ihnen zuhören; glauben aber

– nicht ein Wort.«

Der Graf lehnte sich behaglich zurück in seinem großen Lehnsessel: »Und warum nicht?« fragte

er.

Sie zuckte leise mit den Achseln: »Vermutlich erfinden Sie nicht überzeugend genug.«

»Ich erfinde gar nicht, ich erinnere mich. Das Gedächtnis ist meine Muse.«

»Eine einseitige, wohldienerische Muse! Sie erinnert sich nur der Dinge, die Ihnen in den Kram

passen. Und doch gibt es auf Erden noch manches Interessante und Schöne außer dem –

Nihilismus.« Sie hatte ihre Häkelnadel erhoben und das letzte Wort wie einen Schuß gegen ihren

alten Verehrer abgefeuert.

Er vernahm es ohne Zucken, strich behaglich seinen weißen Bart und sah die Gräfin beinahe

dankbar aus seinen klugen Augen an. »Ich wollte Ihnen etwas von meiner Großmutter erzählen«,

sprach er. »Auf dem Wege hierher, mitten im Walde, ist es mir eingefallen.«

Die Gräfin beugte den Kopf über ihre Arbeit und murmelte: »Wird eine Räubergeschichte sein.«

»O nichts weniger! So friedlich wie das Wesen, durch dessen Anblick jene Erinnerung in mir

wachgerufen wurde, Mischka IV. nämlich, ein Urenkel des ersten Mischka, der meiner Großmutter

Anlaß zu einer kleinen Übereilung gab, die ihr später leid getan haben soll«, sagte der Graf

mit etwas affektierter Nachlässigkeit und fuhr dann wieder eifrig fort: »Ein sauberer Heger,

mein Mischka, das muß man ihm lassen! Er kriegte aber auch keinen geringen Schrecken, als ich

ihm unvermutet in den Weg trat – hatte ihn vorher schon eine Weile beobachtet… Wie ein

Käfersammler schlich er herum, die Augen auf den Boden geheftet, und was hatte er im Laufe

seines Gewehres stecken? Denken Sie: – ein Büschel Erdbeeren!«

»Sehr hübsch!« versetzte die Gräfin. »Machen Sie sich darauf gefaßt – in Bälde wandern Sie zu

mir herüber durch die Steppe, weil man Ihnen den Wald fortgetragen haben wird.«

»Der Mischka wenigstens verhindert’s nicht.«

»Und Sie sehen zu?«

»Und ich sehe zu. Ja, ja, es ist schrecklich. Die Schwäche liegt mir im Blut – von meinen

Vorfahren her.« Er seufzte ironisch und sah die Gräfin mit einer gewissen Tücke von der Seite

an.

Sie verschluckte ihre Ungeduld, zwang sich zu lächeln und suchte ihrer Stimme einen möglichst

gleichgültigen Ton zu geben, indem sie sprach: »Wie wär’s, wenn Sie noch eine Tasse Tee

trinken und die Schatten Ihrer Ahnen heute einmal unbeschworen lassen würden? Ich hätte mit

Ihnen vor meiner Abreise noch etwas zu besprechen.«

»Ihren Prozeß mit der Gemeinde? – Sie werden ihn gewinnen.«

»Weil ich recht habe.«

»Weil Sie vollkommen recht haben.«

»Machen Sie das den Bauern begreiflich. Raten Sie ihnen, die Klage zurückzuziehen.«

»Das tun sie nicht.


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Marie von Ebner-Eschenbach – Ein Spätgeborner

admin am Jan 26th 2012

Marie von Ebner-Eschenbach

Ein Spätgeborner

Nicht was wir erleben,

sondern wie wir empfinden,

was wir erleben,

macht unser Schicksal aus.

1

Er hieß Andreas Muth und war Beamter der Finanzlandesdirektion. Seit fünfundzwanzig Jahren verwaltete er seinen Dienst mit gewissenhafter Pünktlichkeit; allein daß er jemals befördert werden könnte, daran dachte niemand, er selbst nicht. Zu einer glänzenden Beamtenlaufbahn war er durch seine Erziehung nicht ausgerüstet worden. Was sein armer Vater – der kränklichkeitshalber quieszierte Professor der schönen Literatur Karl Muth – sich vor allem bestrebt hatte ihm beizubringen, das war die Kenntnis des klassischen Altertums. In seinem achten Jahre las Andreas den Cornelius Nepos und den Herodot, wie andere Kinder Campes Robinson lesen, und im fünfzehnten übersetzte er die Braut von Messina in die Sprache des Äschylus. Aber wie es in der Welt aussieht und wie man in ihr vorwärts kommen kann, das versäumte der Gelehrte seinem Sprößling beizubringen, und zwar deshalb, weil er selbst es nicht wußte.

Und als der alte Mann einmal über seinen Kommentaren zu der Abhandlung De carmine bucolico, von Hofrat Heyne, einschlief und nicht mehr erwachte, blieb Andreas so hilflos zurück wie ein verlaufenes Lamm.

Ein ehemaliger Schüler seines Vaters, mit dem sein guter Stern ihn zusammenführte, erbarmte sich seiner. Er war einflußreich, hatte viele Verbindungen, und so gelang es ihm, dem Sohne seines ehemaligen Professors einen kleinen, karg besoldeten Posten im großen Staatshaushalte zu verschaffen.

Seitdem fühlte Andreas sich geborgen. Die Vorteile, die seine Stelle ihm gewährte, schienen ihm in vollkommenem Einklange mit den Pflichten zu stehen, die sie ihm auferlegte. Voll stiller Zufriedenheit legte er täglich den Weg von seiner Wohnung in der entlegensten Vorstadt bis zum Büro zurück und freute sich bei jedem Schritte, daß er abends denselben Schritt heimwärts machen würde. Die Erwartung des Augenblicks, in dem er sein Stübchen unter dem Dache wieder betreten sollte, vergoldete ihm alle anderen Augenblicke des Tages.

Bevor er seine Kammer verließ, hatte er darin alles zum traulichen Empfange bei der Rückkehr vorbereitet. Die Lampe stand mit Öl gefüllt auf dem Tische, die Kaffeekanne auf dem Ofen, einem eisernen Zwerge, der sich bedenklich nach der rechten Seite neigte und eines seiner dünnen Beine mit einer Unternehmungslust vorstreckte, in der sich mehr Flunkerei aussprach als wahre Solidität. Der Kleiderstock in der Ecke reichte mit lächerlich langen Armen einen grauen Hausrock einladend dar, und der altersschwache Lehnsessel mit dem farblos gewordenen Lederüberzuge war vor dem Tische zurecht gerückt. Alles so vielgebraucht, so ärmlich und doch so nett, durch seine tadellose Reinlichkeit nicht nur das Auge, auch die Hand des Herrn verratend.

An der Wand, dem Bette gegenüber, hing in geschmackvollem Rahmen die Photographie


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Marie von Ebner-Eschenbach – Ein kleiner Roman

admin am Jan 26th 2012

Marie von Ebner-Eschenbach

Ein kleiner Roman

1

Es ist schon ziemlich lange her, seit ich die Entdeckung gemacht habe, daß ich anfange

ungesellig zu werden. Ein gewisser Schrecken bemächtigt sich meiner, sooft mir ein Billett ins

Zimmer gebracht wird, das danach aussieht, als ob es eine Einladung oder eine Ansage

enthielte. Kein Tag vergeht mir so rasch, hinterläßt mir eine so angenehme Erinnerung wie

einer, an dem ich weder einen Besuch zu machen noch zu empfangen brauche. Kein Abend scheint

mir besser angewendet als der, den ich in meiner Kaminecke verträume, allein mit meinen

Gedanken und mit meiner Strickerei.

Indessen, es gibt eine Ausnahme. Es gibt eine Frau Hofrätin, die mich noch niemals zu sich

beschieden hat, ohne daß ich ihrem Rufe mit Freude und Eilfertigkeit Folge geleistet hätte.

Die Hofrätin ist eine liebenswürdige, schöne, ja bildschöne, mehr als siebzigjährige Frau.

Edlere Züge lassen sich nicht denken als die ihres zarten, blassen, mit unzähligen Fältchen

bedeckten Gesichtes. Die großen hellbraunen Augen haben ihr Feuer längst verloren, aber es

spiegelt sich in ihnen der Widerschein eines inneren Lichtes, einer Seele voll Güte, Geist und

Adel. Die Lippen sind farblos und schmal geworden, doch umgibt sie im Schweigen wie im

Sprechen ein Ausdruck, den man geradezu hold nennen muß.

Ihre Gestalt ist hager und etwas über mittelgroß. Wenn ich meiner alten Freundin auf der

Straße begegne, bewundere ich jedesmal die Leichtigkeit ihres Ganges, ihre gerade Haltung,

ihre eigentümliche Art, den Kopf zu tragen, so hoch und frei, so ungebeugt von des Lebens

Mühen.

Ich liebe sie, das heißt, wir lieben uns, denn sie ist nachsichtig, und ich bin dankbar. Sie

tadelt zwar meinen Hang zur Ein- oder höchstens Zweisiedelei, aber sie verzeiht, ja sie

unterstützt ihn noch. »Ich lasse es Ihnen wieder sagen, wenn ich nicht zu Hause bin«,

beschwichtigt sie regelmäßig meine Klagen über die allzu rasche Flucht eines mit ihr

zugebrachten Abends.

Leider jedoch ist sie meistens zu Hause für einen großen Bekanntenkreis, der sich in zwei

roten Salons auf gleißenden Atlasmöbeln und unter Kronleuchtern für je achtundvierzig Kerzen

um die gastfreie Greisin versammelt. Schöne, mir aber unheimliche Ungeheuer, diese beiden

Säle! Es heißt zwar, daß man sich in ihnen sehr gut unterhält, daß gefeierte Menschen darin

umherwandeln, Tee trinken und sich dabei so natürlich benehmen, daß man sie von gewöhnlichen

Sterblichen kaum unterscheiden kann. Trotzdem fühle ich keine Sehnsucht nach ihrem Anblick.

Ein gutgearteter, alter Vogel begleitet gewiß alles, was noch fliegen kann, mit seinen

innigsten Segenswünschen; wenn er aber dabei den Kopf unter dem erlahmenden Flügel versteckt,

braucht ihm das niemand übelzunehmen.

Was mich betrifft, ich danke für die roten Salons und bin es zufrieden, im grauen


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Marie von Ebner-Eschenbach – Die Poesie des Unbewussten

admin am Jan 26th 2012

Marie von Ebner-Eschenbach

Die Poesie des Unbewussten

Novellchen in Korrespondenzkarten

1

Liebe Mama!

7. Juli

Das Schloß liegt auf einem Berge, der für unsere Gegend ein Montblanc wäre, hier aber, neben

diesen Riesen, nur ein Kind von einem Berge ist. Gegen Osten hin öffnet sich ein grünes Tal;

ein Bächlein durchrennt es, weiß wie gepeitschter Seifenschaum. Wenn ich auf den Balkon trete,

rauscht ein Meer von grünen Wipfeln zu meinen Füßen. – »Hör ihnen zu, sie begrüßen dich«,

sagte Albrecht. War das nicht nett? Mein Mann ist überhaupt so gut! Ich mache jetzt erst seine

Bekanntschaft. Eigentlich hast Du mich mit einem fremden Herrn in die weite Welt reisen

lassen.

Ich küsse Deine Hände, ich möchte Dir tausend zärtliche Dinge sagen, aber Du liebst das nicht,

so sage ich denn nur: Lebe wohl!

Deine Tochter

2

10. Juli

Dank für Deinen teuren Brief; es ist doch grausam, daß ich, um ihn zu beantworten, nur eines

der schönen Kärtchen benützen darf, die Du mir mitgegeben hast. Viel zu tun habe ich

allerdings. Ich will auch eine Schloßfrau werden wie meine Mutter, eine Stütze und ein Hort

für meine ganze Umgebung. Freilich, Du bist schon lange die Gebieterin Deines Hauses, und ich

muß mich erst an die Herrschaft gewöhnen. Albrecht mahnt mich oft: »Laß doch das Bitten weg!

Der Oberst sagt zu seinen Soldaten: Vorwärts! Wenn er sagen würde: Ich bitte vorwärts zu

marschieren, bliebe wohl mancher zurück.« – Aber das ist doch nicht ganz dasselbe, nicht wahr,

meine geliebte Mama? – Ich umarme Dich, ich lege mein ganzes Herz in – oder soll ich sagen:

auf diese Karte?

3

13. Juli

Mein teures Kind, lasse es nur bei den Kärtchen bewenden, murre nicht gegen meine Anordnungen.

Daß ich im ersten Jahre Deiner Ehe durchaus keine langen Briefe von Dir erhalten will, das hat

seine


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Marie von Ebner-Eschenbach- Die Freiherren von Gemperlein

admin am Jan 26th 2012

Marie von Ebner-Eschenbach

Die Freiherren von Gemperlein

1

Das Geschlecht der Gemperlein ist ein edles und uraltes; seine Geschicke sind auf das innigste mit denen seines Vaterlandes verflochten. Es hat mehrmals glorreich geblüht, es ist mehrmals in Unglück und Armut verfallen. Die größte Schuld an den raschen Wandlungen, denen sein Stern unterworfen war, trugen die Mitglieder des Hauses selbst. Niemals schuf die Natur einen geduldigen Gemperlein, niemals einen, der sich nicht mit gutem Fug und Rechte das Prädikat »Der Streitbare« hätte beilegen dürfen. Dieser kräftige Familienzug war allen gemeinsam. Hingegen gibt es keine schrofferen Gegensätze als die, in welchen sich die verschiedenen Gemperlein-Generationen in bezug auf ihre politischen Überzeugungen zueinander verhielten.

Während die einen ihr Leben damit zubrachten, ihre Anhänglichkeit an den angestammten Herrscher mit dem Schwerte in der Faust zu betätigen und so lange mit ihrem Blute zu besiegeln, bis der letzte Tropfen desselben verspritzt war, machten sich die anderen zu Vorkämpfern der Revolte und starben als Helden für ihre Sache, als Feinde der Machthaber und als wilde Verächter jeglicher Unterwerfung.

Die loyalen Gemperlein wurden zum Lohne für ihre energischen Dienste zu Ehren und Würden erhoben und mit ansehnlichen Ländereien belehnt, die aufrührerischen zur Strafe für ihre nicht minder energische Widersetzlichkeit in Acht und Bann getan und ihrer Güter verlustig erklärt. So kam es, daß sich dieses alte Geschlecht nicht, wie so manches andere, eines seit undenklichen Zeiten von Kind auf Kindeskind vererbten Stammsitzes zu erfreuen hatte.

Am Schlusse des achtzehnten Jahrhunderts gab es einen Freiherrn Peter von Gemperlein, der, der erste seines kriegerischen Hauses, dem Staate als Beamter diente und noch am Abende seines Lebens ein hübsches Gut in einer der fruchtbarsten Gegenden Österreichs erwarb. Dort schloß er hochbetagt, in Frieden mit Gott und mit der Welt, sein Dasein. Er hinterließ zwei Söhne, die Freiherren Friedrich und Ludwig.

In diesen beiden letzten Sprossen schien die im Vater verleugnete Gemperleinsche Natur sich wieder auf sich selbst besonnen zu haben. Sie brachte noch einmal, und zwar, was sie früher nie getan, in demselben Menschenalter, die beiden Typen des Geschlechtes, den feudalen und den radikalen Gemperlein, hervor. Friedrich, der ältere, war, seiner Neigung folgend, in der Militärakademie zu Wiener-Neustadt zum Waffenhandwerke ausgebildet worden. Ludwig bezog im achtzehnten Jahre die Universität in Göttingen und kehrte im zweiundzwanzigsten, mit einer prächtigen Schmarre im Gesichte und mit dem Ideale einer Weltrepublik im Herzen, nach Hause zurück.

Genau fünfzehn Jahre eines hartnäckigen, mit Kraft und Kühnheit geführten Kampfes brauchten die Brüder, um einzusehen, daß für sie in der Welt nichts zu suchen, daß Friedrichs Zeit vorüber und Ludwigs Zeit noch nicht gekommen


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Marie von Ebner-Eschenbach – Der Vorzugsschüler

admin am Jan 26th 2012

Marie von Ebner-Eschenbach

Der Vorzugsschüler

Mutter und Sohn saßen einander gegenüber am Tische, der als Arbeits- und Speisetisch diente

und dessen eine Hälfte schon für die Abendmahlzeit gedeckt war. Eine Petroleumlampe mit grünem

Schirm beleuchtete hell die Schulbücher, die der Knabe vor sich aufgeschichtet hatte und die

ungemein geschont aussahen nach einer mehr als halbjährigen Benutzung. Es war Ende März, und

in wenigen Monaten mußte Georg Pfanner aus der dritten Klasse, wie aus jeder früheren

Vorbereitungs- und Gymnasialklasse, als Vorzugsschüler hervorgegangen sein. Mußte! Wohl und

Weh des Hauses hing davon ab, der – wenigstens relative – Frieden seiner Mutter, der Schlaf

ihrer Nächte… Wenn dem Vater schien, daß »sein Bub« im Fleiß nachlasse, wurde sie zur

Verantwortung gezogen. Das wirkte viel stärker auf den Jungen, als die strengste Ermahnung und

Strafe getan hätte. Für seine Mutter empfand er eine anbetende Liebe und war das ein und alles

der freudlosen, vor der Zeit gealterten Frau. Die beiden gehörten zueinander, verstanden

einander wortlos, sie hatten, ohne es sich selbst zu gestehen, ein Schutz- und Trutzbündnis

gegen einen Dritten geschlossen, dem sie im stillen immer unrecht gaben, auch wenn er recht

hatte, weil sie sich im Grund ihrer Seele in steter Empörung gegen ihn befanden. Frau Agnes

würde erstaunt und wahrscheinlich entrüstet gewesen sein, wenn man ihr gesagt hätte, daß ihre

Empfindung für ihren Mann längst nichts mehr war als eine Mischung von Furcht und von Mitleid.

Georg würde eher die ganze Schule zum Kampf herausgefordert als geduldet haben, daß ein

unehrerbietiges Wort über seinen Vater gesprochen werde. Aber weder der Mutter noch dem Sohne

wurde es wohl in seiner Nähe. Seine Anwesenheit bedrückte, löschte jede heitere Regung im

ersten Aufflackern aus. Und doch war der einzige Lebenszweck dieses Mannes die Sorge um das

Wohl seines Kindes in Gegenwart und Zukunft.

Frau Agnes ließ ihre Arbeit in den Schoß sinken und blickte nach der Schwarzwälder Uhr, die an

der Wand neben dem Kleiderschrank ihr blechernes Pendel schwang. So spät schon, und der Mann

kam noch immer nicht aus dem Büro. Sie lasteten ihm dort so unbarmherzig viel Arbeit auf, und

er besorgte sie widerspruchslos und nahm noch Arbeit mit nach Hause, um die Vorgesetzten nur

gewiß zufriedenzustellen und beim nächsten Avancement berücksichtigt zu werden.

Ja, der Mann plagte sich, und es war sehr begreiflich, daß er übermüdet und mürrisch

heimkehrte. Und der Junge, der liebe, geliebte Junge, plagte sich auch. Heute ganz besonders.

Dunkelrot brannten seine Wangen, und sogar die Kopfhaut war gerötet, und die Stirn zog sich

kraus. In Hemdärmeln saß er da, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, preßte das Kinn auf seine

geballten Hände und starrte ratlos zu seinem Hefte nieder. Dreimal schon hatte


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Marie von Ebner-Eschenbach – Der Kreisphysikus

admin am Jan 26th 2012

Marie von Ebner-Eschenbach

Der Kreisphysikus

1

Doktor Nathanael Rosenzweig hatte eine entbehrungsreiche Jugend durchlebt. Was genießen heißt,

erfuhr er in der schönsten Zeit des Daseins nicht. Heute hungern und dabei gerade genug

erwerben, um morgen weiterhungern zu können; nachts um zwei Uhr sich zusammenrollen wie ein

Igel und in der Ecke der Kellerstube den harten, traumlosen Schlaf der Erschöpfung schlafen;

erwachen bei dem Gewimmer der alten Großmutter, die sich entschuldigte, daß sie noch nicht

gestorben sei, daß sie ihm noch zur Last fallen müsse; forteilen, um lehrend die Möglichkeit

zu erringen, selbst zu lernen – so ging es jahrein, jahraus. Erwerben, der Inbegriff all

seines Dichtens und Trachtens, Geld erwerben, Kenntnisse, Gunst, hauptsächlich die seiner

Professoren – Nathanael studierte Medizin an der Universität in Krakau –, erwerben um jeden

Preis, den der Ehrlichkeit einzig ausgenommen, erwerben und nur ja nichts umsonst hergeben,

nicht den kleinsten Teil der eigenen Kraft; keine mitleidige Regung kennen, keine hemmende

Rücksicht.

Seine Großmutter und er, er und seine Großmutter machten für ihn die Welt aus, und wie denn

seine Welt klein war, so waren seine Ziele nahe. Das erste und am schwersten Errungene bestand

in dem Ersparnisse so vieler Gulden, daß er und die alte Frau nicht sofort verhungern mußten,

wenn ein unvorhergesehenes Unglück seine Tätigkeit für einige Zeit lähmen sollte. Als er es

erreicht hatte, da fühlte er sich als Kapitalist und tröstete die Großmutter bei ihrer

allmorgendlichen Klage mit den Worten: »Lebe du nur ruhig fort, jetzt kann uns nicht so leicht

mehr etwas geschehen.«

Sein rastloser Fleiß verminderte sich nach dem ersten Erfolge nicht, er wuchs vielmehr mit der

Kraft dessen, der ihn anwandte.

Nathanael wurde ein starker Mann; seine kreuzspinnenartigen Extremitäten kräftigten sich zu

muskulösen Armen und Beinen, die Brust wurde breit, die Gestalt bekam etwas Reckenhaftes trotz

ihrer Magerkeit. Sein Auftreten war so sicher, sein Blick so ruhig und klar, seine Rede so

bestimmt, daß schon seine ersten Patienten – gar kleine Leute! – meinten: »Das ist ein

gescheiter Herr Doktor!«

Seine große Jugend sah ihm niemand an; er hatte sich zu lange in Gesellschaft der Sorge

befunden, und wenn er sie auch bändigte und unterwarf – daß sie heimlich an ihm zu nagen

fortfuhr, konnte er nicht verhindern.

Allmählich kam er in Besitz eines Rufes, eines bescheidenen, aber eines guten, und dem

verdankte er es auch, daß er zu dreißig Jahren schon von Amts wegen als Physikus nach einem

der westlichen Kreise versetzt wurde. Ein sicheres Brot von nun an! ein reichliches sogar nach

Nathanaels Begriffen. Er hätte bei der Einrichtung seiner Wohnung auf dem Ring der

Kreishauptstadt nicht so ängstlich zu knickern gebraucht, aber er fürchtete übermütig


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Marie von Ebner-Eschenbach – Der Herr Hofrat

admin am Jan 26th 2012

Marie von Ebner-Eschenbach

Der Herr Hofrat

Eine Wiener Geschichte

»Ach, wenn Sie jetzt Ihre Manschetten ansehen wollten«, seufzte Frau Riesel, als der Hofrat

die frischgedruckte Zeitung, die vor ihm auf dem Tische lag, mit beiden Händen glattgestrichen

hatte.

Der Hofrat sah seine Manschetten nicht an; der kleine, hagere, etwas leberleidende Herr

schnalzte ungeduldig mit der Zunge und murmelte einige für seine Hausdame sehr unverbindliche

Worte.

Sie setzte sich still darüber hinaus. Das gelang ihr mit einem einzigen Schwung, und sie war

dann moralisch so hoch placiert, daß keine Beleidigung sie zu erreichen vermochte.

Ihr Schweigen verdroß ihn: »Aha, Sie thronen schon wieder.«

»Das fällt mir nicht ein. Wie käme ich dazu?« Und sie hob einen Augenblick den Kopf, streckte

den junonisch starken Hals, und die breite, hochgewölbte Büste trat majestätisch hervor. Dann

stopfte sie ruhig und kunstvoll weiter an dem feinen Taschentuche des Hofrats, in das er

gestern ein Loch gebrannt, als er ein noch glimmendes Zündhölzchen darauffallen ließ.

So vertieft in ihre Arbeit sie schien, entging der Augenblick ihr nicht, in dem der Gebieter

seine zweite Tasse Kaffee geleert hatte, eine dritte eingegossen und die türkische Pfeife ihm

gereicht werden mußte.

Alles das geschah; dann nahm Frau Riesel die Zeitung zur Hand und begann vorzulesen.

Sie saß an der schmalen Seite des länglichen Tisches, mit dem Rücken gegen das Fenster, auf

einem Lehnsessel, der die Form eines ausgehöhlten halben Apfels hatte und den sie ganz

ausfüllte. Da sie die Zeitung mit beiden Händen vor sich hinhielt, konnte der kleine Hofrat

von seinem Platze mitten auf dem langen Kanapee an der Breitseite des Tisches aus nur ihre

Ärmel wahrnehmen. Er widmete ihnen eine scharfe und mißgünstige Aufmerksamkeit. Aha! schwarze

Wollbluse heute. Aha! Aha! tiefe Trauer – Sterbetag heute irgendeines Mitglieds der Familie

Riesel.

Er wünschte die unangenehme Ungewißheit in eine noch unangenehmere Gewißheit zu verwandeln und

kam auf Umwegen an sie heran.

»Sie waren in der Kirche – was?«

»Ja, Herr Hofrat, um sechs Uhr früh.«

»Bei dem Wetter. Es schneit und stürmt. Sie werden sich mit Ihren Laufereien in alle Kirchen

einen Schnupfen abholen, und wenn Sie einen Schnupfen haben, dürfen Sie mir nicht in die

Nähe«, sagte der Hofrat, der meistens den ganzen Winter hindurch an der gefürchteten Krankheit

litt und dessen feines Näschen eben wieder von einer zarten Blauröte angehaucht war.

»Ich habe nie Schnupfen, Herr Hofrat«, sprach Frau Riesel gelassen.

Er überhörte den Einwand und kam auf den Kirchengang zurück, den er als unnötig bezeichnete.

»Nicht doch. Ich habe einer bestellten heiligen Messe beigewohnt.«

»So, so, so. Erinnerungsfeier; Sterbetag des seligen Gemahls?« »Nein, Herr Hofrat. Sterbetag

meines Sohnes.«

Der


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