Archiv für Januar, 2012

eBooks in Deutsch

admin am Jan 28th 2012

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eBooks in Deutsch

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eBooks für PC

admin am Jan 28th 2012

ebook am PC lesen

eBooks - nicht nur für eReader geeignet

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eBooks auf Deutsch

admin am Jan 28th 2012

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admin am Jan 28th 2012

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Marie von Ebner-Eschenbach – Unsühnbar

admin am Jan 26th 2012

Marie von Ebner-Eschenbach

Unsühnbar

1

Die Vorstellung des »Fidelio« war zu Ende; das Publikum strömte aus dem Opernhause und

zerstreute sich rasch nach allen Richtungen. Seit vierundzwanzig Stunden fiel Schnee, emsig,

unablässig, in großen Flocken; er lag schwer auf den Dächern, verschleierte die Lichter in den

Lampen, machte die Mühe der Wege ausschaufelnden Arbeiter fast vergeblich. Geräuschlos rollten

die Equipagen vor; in Pelze gehüllte Männer und Frauen stiegen in weich gepolsterte Wagen. Ein

paar Ladendiener hoben ihre sommerlich gekleideten Schönen in einen Komfortable mit

zerbrochenen Fenstern. Wie der Wind sauste ein Fiaker nach dem anderen davon. Den Hut auf dem

Ohr, den Schnurrbart gewichst, saßen die Eigentümer des »feschen Zeugels« etwas vorgebeugt auf

ihrem Bock, in jeder Hand einen Zügel; und die Pferde griffen aus und gaben her an

Lebenskraft, was sie geben konnten, um grüne Majoratsherrchen, hochgeborene Reiteroffiziere

und Sportsleute so geschwind als möglich zum Spiel in den Jockeiklub zu bringen. An den Rand

der Straße gedrängt, rumpelten dichtbesetzte Gesellschaftswagen, von abgejagten Mähren

geschleppt, von schlaftrunkenen Kutschern regiert, den Vororten zu. Solide Bürgersfamilien

gingen wohlverwahrt, mit geschärftem Appetit – man wird so hungrig im Theater – nach Hause, wo

ein kräftiges Abendessen sie erwartete, oder begaben sich in eine Restauration.

Gemächlich, trotz des bösen Wetters, schlenderten einige Infanterieoffiziere dem nächsten

Kaffeehause zu. Ein kleines Fähnlein, aber tatendurstig und eroberungssicher. Sie sprachen von

den eleganten Damen in den Logen und von den Tänzerinnen und den Pferden anderer. Ein

»Einjahrig-Freiwilliger«, der Sohn eines geadelten Bankiers, der sich ihnen angeschlossen

hatte, sagte mit Vorliebe: »Wir Kavaliere« und »wir vom Turf«. Daß sein Sessel im väterlichen

Kontor das einzige Rößlein war, auf dessen Rücken er es je zu einem Gefühl der Sicherheit

gebracht, verschwieg er.

Die Herren wurden von einer jungen Lehrerin überholt, die eiligen Schrittes die Wanderung nach

ihrer Wohnung angetreten hatte. Ihr Mantel war fadenscheinig, aber sie fror nicht; ihr Weg war

weit und einsam, doch ihr bangte nicht. Sie schwelgte im Nachgenuß der Wonne, die ihrem

kunstverständigen Sinn eben geboten worden. Es gab doch auch in ihrem schweren, harten Dasein

Stunden der herrlichsten Erhebung. Die Kraft, die sie aus ihnen geschöpft, sollte lange

vorhalten. Wer das Manna für die Seele auf Kosten des täglichen Brotes erwerben muß, kann sich

dieser holden Labung nicht oft erfreuen.

In der Opernstraße war eine Arbeiterabteilung mit dem Aufrichten einer Schneepyramide

beschäftigt, als ein Brougham, mit Rassepferden bespannt, im feierlichen Trabe vorbeikam. Die

Flammen eines Gaskandelabers erleuchteten einen Augenblick das Innere des Wagens. Zwei Damen

saßen darin, die eine alt und von kränklichem Aussehen, in dunklem Capuchon und Überwurfe, die

andere sehr jung, sehr schön, barhäuptig, mit klassischem Profil, ihre Gefährtin um Kopfeshöhe

überragend.

»Ho!« rief der dicke Pferdelenker in lässig warnendem Tone den Straßenkehrern zu, und alle

zogen sich zurück – nur einer nicht. Der sprang vor, sah mit spöttischer Vertraulichkeit zu

dem Kutscher hinauf und zwang ihn auszuweichen, was dieser tat, ohne den Kopf zu wenden,

während der Diener neben ihm murmelte: »Wieder zurück aus Amerika und – Gassenkehrer? Gibt’s

denn dort keine solche Anstellung?«

»Gibt’s gewiß«, lautete die Antwort, »damit is ihm aber nit gedient. Will uns hier aufpassen

und Skandal machen, der Lump.« – Diese Bezeichnung galt einem schlank- und hochgewachsenen

Burschen mit blassem Gesicht, eingefallenen Wangen und großen dunkelbraunen Augen. Er trug

zerlumpte Kleider; ein kleiner, durchlöcherter Hut, den er ins Genick zurückgeschoben hatte,

ließ die Stirn und die trotz der Verkommenheit, die sie ausdrückten, noch hübschen Züge frei.

Mit frechem Behagen pflanzte er sich im Lampenscheine auf, und die junge Dame, die den Kopf

ans Wagenfenster neigte, unverschämt anstarrend, präsentierte er vor ihr den Besen wie ein

Gewehr.

Die Equipage fuhr davon, die Arbeiter lachten: »Schaut’s den Wolfi an!« und Wolfi, den

Zornigen spielend, rief: »Dumme Bagage, was lacht’s? – Was hab ich getan?… Militärische Ehren

erwiesen. Wem? – der Gräfin Maria Wolfsberg, meiner – meiner lieben Verwandten.«

Die so Bezeichnete hatte bei der Gebärde des Taglöhners keine Miene verzogen, doch verfärbte

sie sich ein wenig und sagte mit beklommener Stimme zu ihrer Begleiterin: »Tante Dolph, hast

du den Menschen gesehen? Im zerrissenen Sommerrock, mit geplatzten Schuhen bei dieser Kälte …«

»Oh, meine Liebe, der hat seinen Schnaps im Leibe, dem ist wärmer als mir«, erwiderte die

Tante fröstelnd.

»Hast du auch gesehen, was er getan hat?«

»Ja, ja – ein Spaßvogel.«

»Das ist kein Spaßvogel – das ist ein Feind, der uns haßt.«

Der Gräfin unterbrach sie: »Hör auf. Du bist nervös. Dazu hat man in deinem Alter noch kein

Recht. Ein Betrunkener erlaubt sich einen Scherz – was weiter? Man sieht es, wenn es einen

unterhält, sieht es nicht, wenn es einen verdrießt – darüber nachdenken ist krankhaft.«

Maria schwieg. Sie ließ sich nicht gern in einen Streit mit ihrer Tante ein, weil sie

regelmäßig den kürzeren zog. Die Tante war klug und schlagfertig; ihr Bruder, Graf Wolfsberg,

nannte sie sogar weise und verehrte in der um viele Jahre älteren Schwester seine Vertraute,

Ratgeberin und Freundin. Sie hingegen liebte auf Erden nichts als ihn. Kränklich von Jugend

auf und sehr unabhängigen Sinnes, hatte sie niemals einen Beruf zur Ehe in sich verspürt und

die zahlreichen Bewerber um ihre unscheinbare Persönlichkeit und um ihr glänzendes Vermögen

einen nach dem anderen ohne Seelenkampf abgewiesen. Gräfin Adolphine oder Dolph, wie sie in

der Familie genannt wurde, lebte seit langem auf ihrem Gute der Pflege ihrer Rheumatismen und

ihres Vermögens, das sie, bedeutend vermehrt, ihrem Bruder zu hinterlassen gedachte. Als

dieser Witwer wurde, brachte sie ihm, seiner Bitte nachgebend, ein großes Opfer. Sie

verzichtete auf ihre Selbständigkeit im eigenen Haushalte und machte sich zur Leiterin des

seinen. Da die Zeit kam, Maria in die Welt zu führen, tat sie noch mehr: sie entsagte der ihr

notwendigen Bequemlichkeit und Ruhe und durchwachte manche Nacht auf dem Balle, den

schmerzenden Kopf mit Diamanten bedeckt und so unvorteilhaft aussehend im großen Staat, daß

nicht einmal ihre Kammerfrau es wagte, sie zu bewundern. Dabei langweilte sie sich grausam,

langweilte sich sogar, wenn sie die anderen durch ihren scharfen und sprudelnden Witz

vortrefflich unterhielt. »Glücklicher Bertrand de Born«, sagte sie, »dem doch die Hälfte

seines Geistes nötig war. Ich wäre froh, wenn ich nur für ein Zehntel des meinen Abnehmer

fände!«

Zu Hause angelangt, zog sich die Gräfin in ihre Gemächer zurück, während Maria in den Salon

ihrer Wohnung trat. Jeden Abend erwartete sie hier einen verehrten Gast – ihren Vater. Es

geschah fast nie umsonst. So wenig Zeit das hohe Staatsamt, das er bekleidete, und die

Genußsucht, der nachzugeben er selbstverständlich fand, ihm übrigließen: die Stunde, mit der

Maria ihren Tag beschloß, wußte er für sie freizuhalten.

Sie ließ sich jetzt den Theatermantel von ihrer Kammerzofe abnehmen und begann sogleich den

Tee zu bereiten, zu dem alle Anstalten auf einem Tischchen neben dem Etablissement getroffen

waren.

Maria widmete ihrer Beschäftigung die größte Sorgfalt. Mit dem Vorsetzen einer Tasse Tees

hatte sie alle kindlichen Pflichten, die ihr Vater ihr auferlegte, erfüllt. Es wäre ihr heißer

Wunsch gewesen, etwas für ihn tun, ihm etwas sein zu können; aber sie fühlte wohl, daß die

Ahnung eines solchen Ehrgeizes im Herzen seiner Tochter ihn lachen gemacht hätte. Er wollte

sie heiter und glücklich sehen, und wenn sie seine Fragen: »Hast du dich unterhalten? – Freut

dich dies? – Freut dich jenes?« mit Ja beantwortet hatte, dann wich der strenge Ernst, der

gewöhnlich auf seinem Antlitz lag. Dank seiner Großmut hatte sie ihre Wohnung in ein kleines

Museum verwandeln können; fiel es ihr aber ein, bei der Betrachtung eines Bildes, einer Bronze

etwas von ihren neuerworbenen Kenntnissen in der Kunstgeschichte durchblicken zu lassen, dann

wurde seine Miene so spöttisch, daß Maria verwirrt schwieg und sich beschämend albern vorkam.

Und der kostbare Blüthner, mit dem er sie jüngst überrascht und der dort in der Ecke stand,

eingehüllt in weiche, indische Gewebe, noch hatte sie seinem Spender nichts anderes darauf

vorspielen dürfen als Operettenarien und Tanzmusik. Sie war nicht leicht abzuschrecken

gewesen, hatte immer einen Übergang gefunden aus dem Trivialen ins Schöne, aus dem

Zerstreuenden ins Erhebende – aber nach den ersten Takten schon wurde das gefürchtete »Gute

Nacht, Maria« gesprochen, und der Graf war aus dem Zimmer verschwunden. In solchen Fällen

pflegte sie sich nicht zu unterbrechen; es hätte ihn, der sich in seinem Hause gegen

Rücksichtnahme wehrte wie ein anderer gegen Rücksichtslosigkeit, sehr verdrossen. Nun blieb

Maria in seiner Gegenwart bei dem Vortrage von Arietten und Walzern. Die Musik, die ihrem

Geschmack entsprach, übte sie aus vor dem Bilde ihrer Mutter, das lebensgroß an der Wand über

dem Piano hing. Du hättest deine Freude an mir gehabt, sprach sie in Gedanken zu ihr. Du

hättest gewußt, daß ich nur zu wollen brauche, um eine Künstlerin zu werden. Aber ich werde

nicht wollen, ich darf nicht. Unsereins darf so etwas nicht. Hättest du das auch gefunden,

Mutter?

Ihr Blick haftete voll inniger Begeisterung auf dem edlen Angesicht, dem das ihre so ähnlich

sah. Es war dasselbe reine Oval, dieselbe von kleinen Locken der reichen, aschblonden Haare

beschatteten Stirn. Sie bildete zwei kaum sichtbare Hügel über den feinen Brauen, den etwas

tiefliegenden blaugrauen Augen. Es war derselbe Schnitt der schlanken Nase, der leicht

geschwellten Lippen und dieselbe wahrhaft königliche Gestalt. Aber ein anderer Geist

offenbarte sich in jedem der beiden schönen Wesen. Marias ganze Erscheinung bekundete

Entschlossenheit, Seelenstärke, Klarheit. Die Verstorbene hingegen hatte einen Ausdruck von

eigentümlicher Schwermut und hilfloser Schüchternheit. Das Bild, aus dem sie unvergänglich

jung und lieblich herabsah, war in ihrem achtzehnten Jahre, dem ersten Jahre ihrer Ehe, gemalt

worden. Es stellte sie dar in einem weißen Spitzenkleide, mit bloßem Halse, mit nachlässig

herabhängenden Armen, eine weiße, kaum aufgeblühte Rose in der Hand. Den Kopf leicht

vorgeneigt, schien sie traumverloren zu lauschen. Maria besann sich noch, sie so gesehen zu

haben im Konzert, in der Oper, und auch wenn der Vater oder sie zu ihr sprachen.

Aber diese freudigen Erinnerungen an die Mutter lagen fern, und die, die sich an eine spätere

Zeit knüpften, waren unsäglich traurig. Die Gräfin, von einer Gemütskrankheit ergriffen, war

langsam hingesiecht. Immer teilnahmsloser, immer schattenhafter wandelte sie stundenlang im

Sommer durch den Garten, im Winter durch die Zimmer und durch die Gänge, blieb manchmal

horchend an einer Tür stehen, machte eine Gebärde des Entsetzens und trat ihre Wanderungen

stumm und rastlos wieder an.

Die ersten Symptome des Leidens sollten durch einen heftigen Schrecken hervorgerufen worden

sein, dessen Veranlassung niemand in Marias Umgebung kennen wollte. Sie zweifelte nicht, daß

ein Geheimnis da verborgen liege, und ließ nicht nach in ihrem leidenschaftlichen Eifer, es zu

entdecken. Ganz besonders wurde ihre ehemalige Kinderfrau, die mit unbegrenzter und

sklavischer Liebe an ihr hing, mit Fragen von ihr bestürmt.

»Sag es mir, Lisette, geh, sag es mir«, hatte sie einst gefleht und, so geizig sie mit ihren

Zärtlichkeiten war, ihren Arm um den Hals der Getreuen geschlungen. »Wenn du mich liebhast,

sagst du’s gleich, in dieser Minute … Wenn du es nicht sagst, dann weiß ich, daß dir nichts an

mir liegt.«

Lisette sank in sich zusammen. Ratlos und verzweifelt starrten ihre grauen Augen ins Leere,

ihre Wangen wurden fahl, und ihre Lippen bebten. »Wär ich doch tot«, jammerte sie, »daß mich

das Kind nicht mehr fragen könnt.«

– Tot? – Maria trat weg von ihr und senkte den Kopf.

Lisette hatte sich den Tod gewünscht. Sie, die nicht von ihm reden hören konnte, die in jedem,

der ihn nur nannte, ihren Feind sah, die das Leben als das höchste aller Güter schätzte, noch

soviel von ihm erwartete, die tanzen wollte auf der Hochzeit Marias und Kinder des Kindes

heranziehen, alle – und wenn ihrer zwölfe wären!… Lisette hatte sich den Tod gewünscht!

Das junge Mädchen war tief ergriffen und mußte Tränen niederkämpfen, um laut und vernehmlich

sagen zu können: »Ich werde dich nie wieder fragen.«

Maria hatte Wort gehalten. – Seitdem waren sechs Jahre vergangen.

2

Der Vorhang des Nebenzimmers war mit leiser Hand zurückgeschoben worden, Lisette erschien am

Eingang und ihre sanfte, unterwürfige Stimme sprach: »Maria, Kind, darf ich herein?«

»Du bist noch auf?« lautete die vorwurfsvolle Erwiderung, und Lisette entschuldigte sich:

»Hatte schon Nacht gemacht, schon längst. Aber du weißt, daß ich nicht einschlafen kann, bevor

ich deinen Wagen ins Haus rollen höre.«

»Wie lächerlich«, versetzte Maria, wandte sich ab und nahm Platz in einem Fauteuil.

Lisette stützte, nähertretend, den Arm auf dessen Lehne: »Kann früher nicht einschlafen. Und

dann muß die Klara kommen und mir berichten – weh ihr, wenn sie das einmal versäumen würde! –,

sie ist da und lustig und guter Dinge. Heut jedoch hör ich: Sie hat traurig ausgesehen …«

»Spionage!« fiel ihr Maria ins Wort.

»Nenn’s wie du willst, das ist mir gleich; nur glaube nicht, daß du daran etwas ändern kannst.

– Also traurig ist das Kind? Ja, ja, ich seh’s.« Ihr Ton wurde tief schmerzlich, in ihrem

kleinen, spitznasigen Gesichte malte sich eine peinvolle Bangigkeit. »Was ist denn geschehen?«

»Ach, Lisette, ich bitte dich, mach keine Geschichten. Was soll mir geschehen sein? – Ich bin

verstimmt, ja, aber aus einem Grunde, der dir keine Sorgen machen wird.«

»Wollen erst sehen. – Sprich, mein Vogerl, sprich, damit ich beruhigt zu Bett gehen kann.«

Maria erhob den Kopf und sah der Dienerin, die sich zu ihr herabneigte, fest und streng in die

Augen: »Die Menschen, die eine eiskalte Nacht wie diese im Freien zubringen und hungernd und

frierend die Straßen fegen werden – die tun mir leid.«

Lisette bäumte sich lachend zurück. »Nein, das Kind! – Nein, das ist zu arg. Die Leute, die

Gott danken für den Schnee, den er vom Himmel fallen läßt, damit sie Arbeit kriegen, die sich

nichts anderes wünschen als Arbeit, von klein auf nichts anderes gewohnt sind als Arbeit, die

bedauerst du!« Sie wurde in dem Lobgesang, den sie nun auf Marias »goldenes Engelsherz« zu

erheben begann, unterbrochen.

Im Hofe, nach dem die Fenster der Komtessenwohnung gingen, war es laut geworden.

Pferdegetrappel ließ sich hören, die Portiersglocke gab das Herrenzeichen.

Lisette verabschiedete sich, und Maria ging ihrem Vater bis an die Schwelle entgegen; sie

begrüßten einander mit einem Händedruck.

»Guten Morgen und guten Abend«, sprach Maria. »Ich wollte nachmittags einen Augenblick zu dir,

aber Walter sagte, du habest Besuch.«

»Dornach war bei mir und blieb so lange, daß ich kaum Zeit gehabt habe, Toilette zu machen zum

Diner.«

»Bei?«

»Bei Fürstin Alma.«

»War’s schön?«

»Kannst dir’s denken. Dreißig Personen, dreißig Grade und dreißig Gänge.«

»Du übertreibst, wie immer, wenn es sich um ein Fest bei Alma handelt. Sie kann tun oder

lassen, was sie will, du tadelst alles. Und ich weiß, wie peinlich ihr das ist und wie großen

Wert sie auf dein Urteil legt.«

Mit diesen Worten stellte Maria eine Tasse Tee vor den Grafen hin, der sich in einen Lehnstuhl

neben dem Tische niedergelassen hatte. Er warf einen seltsamen, fast drohenden Blick auf sie,

senkte ihn aber rasch, als er in den Zügen seiner Tochter der völligsten Unbefangenheit

begegnete.

Wolfsberg galt noch jetzt, da er sich in der zweiten Hälfte der Vierzig befand, für einen den

Frauen gefährlichen Mann. Er war mittelgroß, von schlanker und geschmeidiger Gestalt, ein

berühmter Reiter und Jäger. Einer gewissen kühlen und würdevollen Zurückhaltung in seinem

Wesen verdankte er den Ruf großer Verläßlichkeit, der ihm zahlreiche Freunde erwarb. Seine

Erziehung hatte er, früh verwaist, in Deutschland, bei Verwandten seiner verstorbenen Mutter,

im Sinne des Wortes – genossen. Mit einer außerordentlichen Bildungsfähigkeit begabt, war er

mühelos ein guter Student gewesen, und es blieb auch später sein Ehrgeiz, jeden seiner Erfolge

für einen spielend errungenen gelten zu lassen. »Ich nehme das Leben nicht ernst«, sagte er

oft und machte dazu eine beinahe finstere Miene.

Eines aber gab es in diesem Leben, das er dennoch ernst nahm, und das war seine Tochter und

das Glück, das er ihr bereiten wollte in Gegenwart und Zukunft.

»Maria«, begann er, »es hat sich heute jemand um die Erlaubnis bei mir beworben, unser Haus

besuchen zu dürfen. Du wirst wohl erraten wer?«

Sie lächelte ihn freudig an: »Felix Tessin.«

»Tessin? – du scherzest.«

»Es war nicht meine Absicht«, erwiderte Maria und senkte bestürzt die Augen.

»Wie? Du könntest glauben, daß ich Tessin angehört hätte, wenn er mir mit einer solchen

Zumutung gekommen wäre?«

»Warum nicht?« fragte sie zögernd, und ihr Vater antwortete mit der offenbaren Absicht, sich

nicht in Erörterungen einzulassen: »Du solltest wissen, was ich von ihm halte.«

»Nun, recht viel. – Ein so geistvoller, begabter Mensch, dem du selbst eine schöne Zukunft

voraussagst.«

»Das heißt, ich glaube, daß er so ziemlich alles erreichen dürfte, was er anstrebt. Er ist

ehrgeizig und klug, jagt hohen, aber nicht unerreichbaren Zielen nach und kann um so leichter

ankommen, da er sich wenig Skrupel macht in der Wahl seiner Mittel.«

»Vater!«

»Nun?«

»Das wäre ja schrecklich.«

Er zuckte die Achseln. »Tessin hält sich gewiß, wie heutzutage so mancher, für einen, der

›jenseits von Gut und Böse‹ steht. Ein so ungewöhnlicher Mensch, so bezaubernd in seiner

dunkeln Manfred-Schönheit, so verwöhnt von den Frauen.« Der Graf sprach gelassen und

spöttisch, ohne daß es im geringsten schien, als ob er seine Tochter beobachte, und las doch

in ihren bewegten Zügen, was ihn peinlich überraschte – daß er ein wenig spät kam mit seiner

Warnung. Es galt mehr, als einen flüchtigen Eindruck verwischen, es galt eine Empfindung

entwurzeln, weh tun. Den Ellbogen auf den Tisch und die Hand an Stirne und Wange lehnend, fuhr

er ernsthaft fort: »Wenn Tessin nicht ein Verwandter –« der Freundin deiner Mutter, wollte er

sagen, brachte es aber nicht über die Lippen, »der Fürstin Alma wäre, hätte ich verhütet, daß

er dir vorgestellt werde. Indessen hat sie es mir schwer genug gemacht, ihn, außer bei

offiziellen Empfängen, von denen ich einen Botschaftsrat nicht ausschließen kann, von meinem

Hause fernzuhalten. Die gute Fürstin wird eine Schwäche für ihn nicht los; sie vergißt nie,

daß sie sein Jugendtraum gewesen ist, seine erste und letzte ideale Liebe.«

»Vor ihrer Verheiratung; ich habe davon gehört.«

»Vorher – nachher. Was hätte er darum gegeben, an der Stelle seines älteren Vetters, des

Fürsten Tessin, zu sein, der die Braut heimführte. – Es dauerte eine Weile, bis er das

zwecklose Schmachten satt bekam und eine praktische Richtung im Leben und in der Liebe

einschlug. Und heute können seine Huldigungen ein junges Mädchen nicht mehr stolz machen. Sie

teilt sich darein mit Persönlichkeiten, mit denen sie gewiß nichts gemein haben möchte.«

»Zum Beispiel?« fragte Maria erstickten Tones, und ihr Vater spöttelte: »Nein wirklich, ich

bekomme Respekt vor den Komtessensoireen. Man klatscht ja dort nicht mehr, kümmert sich nicht

mehr um das Tun und Lassen der jungen Herren. Schade um ihre schönsten dummen Streiche, sie

machen keinen Effekt. Was wissen denn die Komtessen, wenn sie nichts wissen von Mademoiselle

Nicolette, dem Stern der ersten Quadrille?«

Maria war sehr blaß gewesen, jetzt färbten sich ihre Wangen: »Doch – sie wissen viel und

schwatzen noch mehr von ihr und vom Grafen … Ich höre aber nicht zu, wenn jemandem übel

nachgeredet wird … du hast mich das gelehrt.« Sie versuchte einen scherzenden Ton anzunehmen,

es gelang ihr nicht, es war zu schwer. Sie hätte weinen und schluchzen mögen.

Der Graf sah es, und es tat ihm leid, von einer schwächlichen Regung jedoch hielt er sich

frei. Es mußte sein, mit dieser Neigung mußte sie fertigwerden. Auch ohne den entscheidenden

Grund, der ihr unbekannt bleiben mußte, würde Wolfsberg eine Heirat zwischen Maria und dem

leichtfertigen Tessin nie gestattet haben. Und so versetzte er: »Die üble Nachrede trifft auch

manchmal das Richtige.«

Ein schwerer Seufzer stieg aus der Brust Marias. »Du tust ihm vielleicht Unrecht«, wagte sie

einzuwenden.

»Er ist unwahr und gewissenlos – unterbrich mich nicht – ich spreche von jener

Gewissenlosigkeit, die sich von der des Falschspielers oder des Diebes unterscheidet wie das

Ungreifbare vom Greifbaren … Genug.« Er wandte sich ihr plötzlich zu und sah sie an: »Du hast

schlecht geraten. Der mich bat, ihm Gelegenheit zu geben, von dir gekannt zu werden – denn

dich zu kennen, behauptet er –, ist Hermann Dornach.«

Sie biß sich auf die Lippen. »Welche Ehre! Und was hast du ihm geantwortet?«

»Daß ich mit dir reden und ihm dann Bescheid geben will. Er wird bejahend lauten, wenn du

Rücksicht nimmst auf das, was ich wünsche. Du verbindest dich damit zu nichts. Ich verlange

nur: beobachte ihn, prüfe dich. Er wird deine Achtung gewinnen, aber die Sympathie allein gibt

den Ausschlag, und – da stehen wir an der Grenze unseres freien Willens. Der Verstand sagt,

der klare Blick sieht, hier ist ein Mensch, so vortrefflich, daß eine brave Frau mit ihm

glücklich werden muß. Es ist kaum anders möglich, als daß ihre Freundschaft und Hochschätzung

für ihn sich allmählich zur Liebe und Begeisterung steigert. Und dort ist ein anderer, an

dessen Seite sie Enttäuschung auf Enttäuschung zu erwarten hat. Sie wird gewarnt, ahnt wohl

selbst etwas davon – was hilft’s? – Ein dunkler Instinkt bleibt der Herr. Das Echte läßt sie

gleichgültig, und unwiderstehlich fühlt sie sich zum Falschen hingezogen.«

»Unwiderstehlich?« Trotz und Zorn funkelten aus Marias Blicken. »Wenn du das auf mich

anwendest, kennst du mich nicht.«

»Hoho!« sprach er, sehr zufrieden mit dem hervorgebrachten Eindruck. »Da bleibt mir nichts

übrig, als mich zu entschuldigen. Aber das möchte ich wissen – ob du nie ausgelacht worden

bist, wenn du die Verteidigung Mademoiselle Nicolettes und ihres Gönners übernahmst?« – Er

ersparte ihr die Antwort, die sie mühsam vorzubringen suchte. »Und dann, warum hast du gesagt:

›Welche Ehre!‹ als ich dir die Botschaft Dornachs bestellte?«

»Weil alle Welt es dafür ansehen würde. Es ist ja unglaublich, wie sie es mit ihm treiben. Die

Papas und Mamas machen dem jungen Manne den Hof … Oh, wenn sie ihm die Töchter buchstäblich an

den Kopf werfen könnten – da sähe man Komtessen fliegen!… Und die überbieten noch die

Taktlosigkeit der Eltern, ihm und seinem zweiten Ich, seiner Mutter gegenüber … Ich schäme

mich für die anderen … Das alles ist so empörend und für Dornach so demütigend, weil es so

unpersönlich ist und nur seinem Rang und seinem Reichtum gilt.«

Sie ereiferte sich und sprach mit einer Heftigkeit, die außer Verhältnis zu deren scheinbarem

Grunde stand.

Peinlich berührt, lenkte der Graf das Gespräch ab und brachte es erst später auf den Freier

zurück, der, wie es bei ihm feststand, sein Schwiegersohn werden sollte.

Als er sie verlassen hatte, ging Maria zu Bette und konnte zum ersten Male in ihrem Leben

nicht sogleich einschlafen. Jedes Wort über Tessin, das ihr Vater gesprochen hatte, klang

schmerzhaft in ihrer Seele nach. Die Erinnerung an alles wurde lebendig, das Maria ein tolles

Geschwätz genannt und dem sie ihr Ohr verschlossen hatte. Nun aber wußte sie, die Menschen,

die von ihr der Verleumdung angeklagt worden, die hatten recht, und ihr Vater hatte recht und

sie allein unrecht mit ihrer törichten Glaubensseligkeit, mit ihrer übel angebrachten

Bewunderung Tessins, mit ihrem Stolz auf sein ritterliches Werben … Guter Gott, das war so

unpersönlich wie die dem Grafen Dornach dargebrachten Huldigungen. Ein ehrgeiziger Diplomat,

ein praktischer Mann hatte gewünscht, der Schwiegersohn des Grafen Wolfsberg zu werden, und

die dazu unerläßlichen Schritte mit liebenswürdiger Formgewandtheit unternommen … Das Herz war

bei dem Geschäfte nicht im Spiele – wäre auch nicht zu vergeben gewesen, es befand sich

bereits in anderweitigem Besitz.

Ein Schwall von neuen Empfindungen brach über Maria herein. Sie war die Beute von etwas

Fremdartigem und Unschönem, dem sie sich entreißen wollte, und wollen konnte sie noch, das

sollte ihr Vater sehen – ihr Vater und noch ein anderer …

Ihre Lider wurden schwer und schlossen sich. Ein Augenblick der Betäubung, dann fuhr sie auf …

Ob sie jetzt wußte, was es heißt: hassen?… Nein, nein … sie fühlte nur ein tiefes Bedauern,

wie wenn ihr ein Herrliches und Schönes, an dem ihr das Herz gehangen hatte, verunstaltet

worden wäre. Er, den sie hoch über alle Menschen gestellt, unwahr und gewissenlos!

Sie hörte noch vom Turme der nächsten Kirche zwei Uhr schlagen, dann schlief sie ein und

träumte, Tessin trete als Schneeschaufler verkleidet an ihr Bett, präsentiere mit dem Besen

und engagiere sie zum Kotillon. Sie folgte ihm durch den Ballsaal und schämte sich ihrer

Nachttoilette und ihrer nackten Füße. Auch ihres Tänzers schämte sie sich, der in einem fort

grinste und der wirkliche Schneeschaufler war. Und wie sie ihn jetzt so recht ins Auge faßte,

entdeckte sie etwas Merkwürdiges. Der zerlumpte Mensch erinnerte an ihren Vater, er hatte wie

jener die breite Stirn, die dichten, zusammengewachsenen Brauen. Maria neigte sich zu ihm und

sprach: »Beim ersten Blick ist mir etwas an Ihnen aufgefallen – ich wußte nur nicht gleich,

was es war …« Sie erwachte, lächelnd über diesen Traum und mit unglaublich leichtem Herzen für

ein junges Mädchen, dem eben eine erste Illusion zerstört worden. Es ist aus, dachte sie, ich

hätte nicht geglaubt, daß man so schnell mit einem Gefühl fertigwerden kann, das doch wie

Neigung ausgesehen hat … Nein, nicht nur ausgesehen!… Die anderen wollen belogen sein – warum

aber mich selbst belügen?… Ich habe ihn geliebt, innig und heiß.

Und aufschluchzend drückte sie ihr tränenüberströmtes Gesicht in das Kissen.

3

Am nächsten Tage machte Hermann Dornach seinen ersten Besuch, wurde für morgen zu Tische

geladen und brachte einige Abende im Familienkreise zu. Gräfin Dolph fand ihn charmant und

unglaublich gescheit für einen Majoratsherrn. Sie rechnete es ihm hoch an, daß er mit ihr, der

bösen Zunge, die den meisten Scheu einflößte, so rasch vertraut wurde. »Einfach die Folge

seines guten Gewissens«, erklärte sie. »Eine Anklage gegen ihn wäre ein Schuß ins Blaue; der

sieht ruhig zu, wie ich meine Pfeile spitze; er gehört nicht zu den Leuten, denen vor mir

graut.«

Und wirklich schwand in ihrer Gegenwart die leise Befangenheit, die bei einem Manne, den zu

verwöhnen alle Welt wetteiferte, für den Laien so befremdlich und dem Herzenskundigen eine

Bürgschaft echten Seelenadels war.

Man sagte, diese Befangenheit sei die Folge der übertriebenen Strenge, mit welcher er unter

der Leitung seiner Mutter erzogen worden war. Die Gräfin hatte ein Gegengift anwenden wollen

gegen die Kriecherei der Parasiten, des Beamtenheeres, der Dienerschaft und gegen die

grenzenlose Nachsicht eines schwachen und kränklichen Vaters für sein einziges Kind. Aber die

Dosis war zu stark gewesen und hatte nicht nur keine Selbstüberhebung aufkommen lassen,

sondern auch kein rechtes Selbstvertrauen. Die Gräfin sah den begangenen Fehler ein und suchte

ihn noch beizeiten gutzumachen. Sie hatte nach dem Tode des Grafen die Vormundschaft über

Hermann, die sie tatsächlich immer geführt, auch formell angetreten und schenkte nun dem

achtzehnjährigen Jüngling uneingeschränkte Freiheit. Ein kleiner Mißbrauch derselben wäre

leicht verziehen gewesen, kam aber nicht vor. Hermann besuchte landwirtschaftliche Schulen in

Deutschland und England, jagte Löwen in Nubien und Elefanten in Indien, diente einige Jahre in

einem eleganten Kavallerieregimente und widmete sich später der Verwaltung seiner Güter. Er

war dreiunddreißig Jahre alt geworden, ohne in die Lage gekommen zu sein, andere Schulden als

die seiner Freunde bezahlen zu müssen, ohne ein Mädchen verführt, ohne den Ruf einer Frau

gefährdet zu haben. Und doch kochte das Blut in seinen Adern so heiß wie in denen irgendeines

seiner Alters- und Standesgenossen, und doch hatte er in seinen wenigen Liebesverhältnissen

mehr echte und wahrhafte Empfindungen ausgegeben als sie alle zusammengenommen in ihren

zahllosen Zirkus- und Halbweltsabenteuern. Übrigens erschienen ihm von dem Augenblick an, in

dem er Maria kennenlernte, seine ernsthaftesten Schwärmereien und Leidenschaften wie

Kinderspiel.

Es geschah auf einem Balle, den er aus Gehorsam gegen seine Mutter besucht hatte. Er kam ja

überhaupt nur aus Gehorsam zu ihr nach Wien, um dort in die große Welt zu gehen, wo er kein

Vergnügen fand und wo die Bemühungen um seine Gunst ihn anekelten.

Tante Dolph war Zeuge seiner ersten Begegnung mit Maria und dann selbst der Gegenstand seiner

eifrigsten und ehrfurchtsvollsten Aufmerksamkeiten gewesen. Sie erinnerte sich plötzlich ihrer

Jugendfreundschaft mit Gräfin Agathe Dornach und machte ihr einen Besuch, der bald erwidert

wurde. Die alten Damen sagten zueinander: »Liebes Kind«, und jede hatte das Gefühl ihrer

Überlegenheit über die gute Bekannte von einst, mit der sie später auseinandergekommen war

wegen völlig verschiedener Anschauungen und gleich schroffer Unduldsamkeit. Agathe berühmte

sich, eine orthodoxe Katholikin zu sein; Dolph, ganz ungläubig, ließ nicht gelten, daß ein

vernünftiger Mensch fromm sein könne, es wäre denn ein Dienstbote, ein Bauer oder ein Prinz.

Agathe fürchtete für Dolphs ewiges Heil, diese fürchtete Agathens Bekehrungsversuche, die

stets in der Behauptung gipfelten, die Skepsis entstehe aus der Halbbildung, und weiter als

bis zu einer solchen brächten Frauen es nicht. Ob sich diese Gegensätze zwischen den beiden

Damen im Laufe der Jahre gemildert oder verschärft hatten, danach wurde jetzt nicht gefragt

und das Berühren heikler Punkte sorgfältig vermieden. Der Graf, ein Konversationskünstler

ohnegleichen, half spielend über ein paar Abendstunden hinweg; das Gespräch, das er

beherrschte, wurde lebhafter geführt als das zwischen den jungen Leuten am Teetisch nebenan.

Maria war schweigsam, Hermann nicht beredt. Er sagte aber dennoch viel, denn jeder seiner

Blicke enthielt eine glühende Erklärung der innigsten Liebe.

Eines Tages nun geschah es, daß Gräfin Dornach sich bei Maria anmelden ließ und mit einer

Miene eintrat, als ob sie die Schlüssel des Himmels zu überreichen hätte. In würdevoll

gelassener Weise brachte sie im Auftrage Hermanns die Anfrage vor, ob er um Marias Hand werben

dürfe.

»Dein Jawort würde ihn beseligen«, schloß sie, »und du kannst es ihm getrost geben. Ich

schmeichle niemandem, am wenigsten mir selbst in meinem Sohne. Mein Urteil über ihn ist das

eines jeden Unparteiischen und lautet: Es gibt keinen vernünftigeren Menschen, keinen

besseren, keinen edleren.« Sie hielt inne, sie wartete auf eine Erwiderung; da keine erfolgte,

fuhr sie fort: »Wenn deine Mutter lebte, würde ich mich zuerst an sie gewendet haben, und sie

wäre es, die jetzt zu dir spräche. Nimm an, daß es durch meinen Mund geschieht.«

Maria senkte die Augen, ihre Lippen zitterten, aber sie schwieg.

»Ein sicheres Glück bietet sich uns im Leben selten. Dem, der es einmal abgewiesen hat, wird

es schwerlich wiederkehren«, fuhr die Gräfin nach einer Pause noch kälter und förmlicher als

früher fort. »Indessen hast du recht zu erwägen. Dein Zögern gefällt mir; es beweist, daß du

den Ernst des Schrittes kennst, den andere junge Mädchen oft so leichtsinnig unternehmen. Ich

habe Vertrauen zu dir. Wenn ich deine Einwilligung, deine einfache Einwilligung mit nach Hause

nehme, so enthält sie für mich alle heiligsten Schwüre, die ein ehrliches Mädchen ihrem

zukünftigen Gatten nur irgend leisten kann.«

»Jawohl, das enthielte sie auch … Ich bitte Sie –«

»Wieder: Sie! Bleibe ich dir denn fremd?« – »Ich bitte dich, sage dem Grafen Hermann – –« eine

unaussprechliche Bangigkeit bemächtigte sich ihrer; sie blickte in das marmorblasse Gesicht

der Gräfin: – So lieblos wie die Tante, dachte sie.

»Nun, was sag ich ihm?«

»Daß ich heute abends – Ihr kommt ja doch? – selbst mit ihm sprechen werde.«

Sie küßte der Gräfin, die sich ziemlich enttäuscht erhob, die Hand und begleitete sie bis zur

Treppe.

In ihr Zimmer zurückgekehrt, schritt sie lange in hoher Erregung auf und ab und quälte sich

mit der Frage: Warum will ich’s tun? – Ist mein Grund nicht ein verwerflicher?… Und dann

setzte sie sich ans Klavier und spielte und wurde allmählich ruhiger. Und dann kam Tante Dolph

und las ein Telegramm von Wilhelm Dornach vor, einem Bekannten aus uralter Zeit, dessen

Existenz sie längst vergessen hatte. Auf ein Gerücht hin, das in seine ländliche Einsamkeit

gedrungen war, schickte der gute, dumme Mensch ihr seine Glückwünsche zur Verlobung ihrer

Nichte mit seinem Vetter.

Die Gräfin lachte über die Eile des armen Teufels, seine geheuchelte Freude an den Tag zu

legen. Als nächster Anwärter auf das Majorat konnte der ganz unbegüterte und mit einer

zahlreichen Familie gestrafte Mann doch nichts anderes gewünscht haben, als daß sein Vetter

ledig bleibe. Ein insdiskreter Wunsch, ja, aber der natürlichste von der Welt. Sie nahm Platz

auf der Chaiselongue mit dem Rücken gegen das Bild ihrer verstorbenen Schwägerin, das

anzusehen sie überhaupt vermied, klagte über Kopfschmerzen und rieb die eingefallenen Schläfen

mit Kölner Wasser. Sie war leidend und in gereizter Stimmung. Sogar als sie ihr jetziges

Lieblingsthema anschlug, das Lob Hermanns, geschah es mit einer Beimischung von Spott.

»Heil der Frau, die er heimführt!« rief sie aus, »ihre Ehe wird freilich sein wie jede, in der

nur ein Wille herrscht.«

Sie beantwortete den erstaunten Blick Marias mit der Frage, ob denn Hermann nicht von seiner

Kindheit an gelernt habe, sich einer Weiberregierung zu fügen?… Wie albern müßte doch die Frau

sein, die es nicht verstände, einen so vortrefflichen Elementarunterricht als Grundlage zu

weiterer Ausbildung zu benützen! Gute Lehren, wie das anzufangen sei, kamen nun in Fülle.

Ernst gemeinte wie spaßhafte und alles mit Beispielen erläutert. Man sehe das Ehepaar

Heinburg. Im Anfang war er ein Spieler und brachte die Nächte im Klub zu, während sie daheim

saß und weinte. Das hat sich nach und nach geändert – durch ihr Verdienst! Jetzt spielt sie,

und er weint. »Und deine Freundin Emmy, die sich zum Altar schleppen ließ wie ein Lamm zur

Schlachtbank und in ihrer Ehe einen so guten sicheren Hafen gefunden hat, von dem aus sie

allerlei abenteuerliche Fahrten unternehmen kann in die stürmische See!«

Ein Klopfen an der Tür ließ sich hören, und Fräulein Nullinger, die Gesellschafterin Gräfin

Dolphs, schlüpfte herein. Sie wurde von der Gebieterin »Nulle« genannt, was sie empörte, und

litt infolge ihres aufregenden Dienstes an Nervosität. Obwohl sie jetzt nur die harmlose

Meldung zu machen hatte, daß die Schneiderin gekommen sei und gesagt habe, sie könne nicht

lange warten, zuckte es dabei krampfhaft um ihren Mund.

»Schon gut, setzen Sie sich«, erwiderte Dolph und fuhr fort, Freund und Feind durch die Hechel

zu ziehen. Sie nannte viele Namen ganz flüchtig und obenhin; an dem, der ihn trug jedoch,

blieb ein Makel hangen, oder er wurde mit einer Lächerlichkeit behaftet.

Maria hörte ihr heute aufmerksamer zu als sonst und dachte: Sie hat wohl recht. Was soll auch

an den übrigen Menschen sein, wenn Tessin nichts taugt? Und Gräfin Dolph, wie ein echter

Schauspieler, den schon die Teilnahme eines einzigen Zuhörers begeistert, übertraf sich selbst

in ihrer fragwürdigen Kunst und geriet in den kleinen Witz- und Bosheitsrausch, der ihr so

gesund war. Ihr Gesicht, das, wie sie selbst sagte, eine Karikatur der schönen Züge ihres

Bruders war, belebte sich, und ihre Kopfschmerzen verschwanden.

Fräulein Nullinger verlor endlich die Geduld und erhob sich, noch um eine Schattierung höher

gefärbt als gewöhnlich. »Ich werde der Schneiderin sagen«, sprach sie, »daß Frau Gräfin jetzt

lästern müssen und keine Zeit für sie haben.«

Dolph lachte. »Ach was, mein Lästern: ein gerader Kerl, der gleich Farbe bekennt. Aber das

Ihre!… Wenn Sie anfangen: Ich hab den oder die recht gern, das ist, wie wenn ein Reiter sein

Pferd zusammennimmt, bevor er ihm eins hinaufgibt.«

Sie ging in munterster Laune, war auch später bei Tische heiter und anscheinend ganz wohl. Am

Abend jedoch stellten sich plötzlich ihre Kopfschmerzen wieder ein und zwangen die Leidende,

ihr Zimmer aufzusuchen, kurz bevor Hermann und seine Mutter gemeldet wurden. Ausnahmsweise

hatte Wolfsberg zu Hause gespeist und nachmittags im Salon den Damen Gesellschaft geleistet.

Er empfing die Gräfin mit tausend Entschuldigungen seiner Schwester, die sehr zur Unzeit

unwohl geworden; Agathe äußerte ihre Teilnahme mit ganz besonderer Wärme und ersuchte den

Grafen, sie zu ihrer Freundin zu geleiten, was alsbald geschah. – Die jungen Leute blieben

allein.

Beiden stieg die Röte in die Wangen. Ihm schien die Gelegenheit zu einer entscheidenden

Unterredung plump und ungeschickt geboten; ihrer bemächtigte sich ein peinliches Gefühl, halb

Empörung, halb Bangigkeit. Regungslos stand sie da, hatte die Brauen zusammengezogen und

blickte ins Feuer des Kamins. Nach einer Pause, die, je länger sie dauerte, desto schwerer zu

unterbrechen war, begann Hermann bewegt und zagend: »Meine Mutter hat mit Ihnen gesprochen,

Gräfin … Sie kennen die kühne Frage, die ich so vermessen bin, an Sie zu stellen. Die leiseste

Hoffnung auf eine bejahende Antwort würde mich beglücken … Darf ich sie fassen?«

Maria schwieg, aber sie wandte sich ein wenig und blickte ihn von der Seite so fremd an, als

ob sie ihn heute zum ersten Male sähe. Sein Äußeres war ungemein gewinnend, sie mußte es

gestehen. Verstand, Güte, Geradheit sprachen aus seinem hübschen Gesicht, leuchteten aus

seinen treuherzigen Augen. Er trug einen kleinen Schnurr- und Backenbart, die reichen braunen

Haare waren kurz geschnitten und ließen die edel geformte Stirn und die Schläfen frei. Seine

Gestalt hatte etwas Festes, Kräftiges, und doch fehlte es ihr nicht an männlicher Anmut.

»Antworten Sie mir«, sagte er.

Und sie, »der Held« im Kreise ihrer jungen Freundinnen, die Unerschrockene, die ja mit sich

selbst im reinen und fest entschlossen war, ihre Hand in die des ungeliebten Freiers zu legen,

flüsterte nun bestürzt: »Ich weiß nicht … ich weiß nicht –«

Ihre Verzagtheit ergriff und rührte ihn; er machte sich Vorwürfe, er hatte zu früh gefragt, er

hätte dem Drängen seiner Mutter nicht nachgeben, sich von dem Entgegenkommen des Grafen nicht

verleiten lassen sollen. Nun bemühte er sich, seine Übereilung gutzumachen: »Sie sind noch

unentschieden«, nahm er wieder das Wort, »ich sehe es und finde es begreiflich. – Überlegen

Sie, prüfen Sie mich streng und lang. Ich mache es Ihnen nicht schwer – in meiner Seele gibt

es keine Abgründe …«

»Mein Gott, nein«, sprach Maria, »das ist nicht … nein, nein –« und zwei Worte, Anfang und

Ende ihrer jungen Weisheit, kamen fast unhörbar über ihre Lippen … Worte ihres Vaters, die er

seiner gelehrigen Schülerin eingeprägt hatte: »Nur ruhig!« – Dereinst, als sie sich in

Verzweiflung über die Leiche ihrer Mutter geworfen … und viel später, auf der Jagd, als ihr

scheuendes Pferd dem Mühlstrom zugerast … und dann auf ihrem ersten Ball, als sie, von

übermütiger Fröhlichkeit ergriffen, so laut gelacht, so toll getanzt, immer hatte sein

eindringliches: »Nur ruhig!« sie zur Besinnung gebracht.

Auch in diesem Augenblick erinnerte sie sich der väterlichen Mahnung nicht umsonst und

vermochte ihren abgebrochenen Reden mit einem Scheine von Gelassenheit hinzuzufügen: »Sie

irren – ich bin entschlossen.«

»Wozu?… Nein?«

»Ja.«

»Heil mir!« rief er mit tiefinnerstem Jubel und ergriff ihre Hand, die sie, wieder erfaßt von

ihrer früheren Bangigkeit, aus der seinen zu lösen suchte. Er aber hielt sie fest.

»Sie ist mein, mein kostbarstes Eigentum – und Ihr freies Geschenk, nicht wahr, Maria? –

Niemand hat Sie beeinflußt, Sie hätten sich nicht beeinflussen lassen; Sie sind zu stolz, zu

selbständig.«

»Doch«, versetzte sie und erhob nun endlich ihr gesenktes Haupt. Nie in ihrem Leben hatte sie

einen Menschen so bewegt gesehen, und – merkwürdig – was ihr als der Ausbund des Lächerlichen

galt: ein Verliebter, dessen Empfindung nicht völlig erwidert wird, kam ihr jetzt höchst

ernsthaft vor und traurig sogar, traurig für sie. Er, mit seinem großen, wahrhaftigen Gefühl,

er war der Reiche und sie arm neben ihm. »Doch«, wiederholte sie leise, »der Wunsch meines

Vaters hat Einfluß auf mich gewonnen – im Anfang.«

»Und später, was bestimmte Sie später, was bestimmt Sie jetzt? Seien Sie aufrichtig gegen

mich, Gräfin, wie ich es immer gegen Sie sein werde. Was bestimmt Sie … ich … ich weiß, daß es

nicht Neigung ist.« Mühsam hatte er dieses Geständnis vorgebracht, denn er täuschte sich nicht

über die Gefahr, die es in sich schloß.

Aber Maria lächelte, freudig fast: »Daß Sie es trotzdem mit mir wagen wollen, das eben

bestimmt mich … Und das Vertrauen, das Sie mir beweisen – und das Vertrauen, das Sie mir

einflößen.«

»Dank!« sprach er, und aus seinen ehrlichen blauen Augen leuchtete eine wonnige Zuversicht.

»Das ist ein schöner Bund: Ihr Vertrauen und meine ehrfurchtsvolle Liebe! Eine solche Liebe

reicht aus für zwei gute Herzen, sie hat eine mitteilende Kraft. Wissen Sie warum? Weil sie

sich nie aufdrängt, sich niemals ein Recht anmaßt. Ihr gegenüber gibt es keine Pflicht, nur

Gnade und Wohltat. Und welche edle Frauenseele würde nicht endlich gerührt von … Genug!…«

unterbrach er sich, »sonst verrate ich noch, daß diese Uneigennützigkeit nichts ist als der

größte Egoismus – der Egoismus, Sie glücklich zu sehen.«

Mit beiden Händen zog er ihre Hand an seine Lippen, an seine Brust. Maria fühlte das ungestüme

Pochen seines Herzens, auf seinem Angesicht jedoch, das sich über das ihre neigte, lag

Frieden, und es erschien ihr wie verklärt von tiefster Seligkeit.

Der schweigsame Mann wurde beredt; er fand für seine Empfindung den Ausdruck, der gewinnt, für

seine Gedanken das überzeugende Wort. Maria hörte ihm zu und sagte sich: Er ist wahr und warm.

– Und vielleicht war es das, wonach sie sich sehnte von Kindheit an: Wahrheit und Wärme. Wohl

hatte man sie vergöttert und verwöhnt; aber wieviel Falschheit war bei dieser Vergötterung,

die servile Leute ihr erwiesen, wieviel – wenigstens äußere – Kälte bei der Verwöhnung, die

sie von ihrem Vater und nun erst von Tante Dolph erfuhr.

»Der Ernst auf Ihrer Stirn«, sprach Hermann, »der hat mich bezaubert; er ist, was ich zuerst

an Ihnen geliebt habe, und jetzt wird es mein heißes Bestreben sein, ihn allmählich zu

zerstreuen. Sie sollen gefeit durchs Leben wandeln, eingehüllt in meine Liebe … Ich bin zu

glücklich«, brach er aus – »ich verdien es nicht – was müßte der sein, der Sie verdiente,

Maria! Maria!«

Sie trat einen Schritt zurück, sie vermied den Blick voll leidenschaftlicher Andacht, der den

ihren suchte, und sprach: »Nein, nicht so – Sie sind ja besser als ich … haben Sie Geduld mit

mir.«

4

Sie wurden ein stilles und feierliches Brautpaar. Maria blieb kühl und gemessen. Dornach

bekämpfte immer siegreich jede Regung seines überströmenden Gefühls. In der Gesellschaft

erhoben sich Streitigkeiten, weil die einen behaupteten, er sei ihr, und die anderen wissen

wollten, sie sei ihm gleichgültiger. Dennoch erging sich alle Welt in so überzeugten und

gerührten Glückwünschen, als ob Romeo und Julia aus ihren Gräbern auferstanden und im Begriffe

gewesen wären, sich häuslich einzurichten.

Unter den vielen Oberflächlichen, deren hohles Geschwätz geduldet und für deren als Teilnahme

verkleidete Neugier gedankt werden mußte, gab es aber doch auch einige wohlwollende, treue

Menschen, gab es vor allem Fürstin Alma Tessin. Maria liebte sie, verehrte ihre grenzenlose

Herzensgüte und war voll Mitleid mit ihrer Befangenheit, die von Jahr zu Jahr zunahm. Die

Fürstin fragte Maria um Rat, küßte ihre Hände, hatte in ihrer Gegenwart etwas Demütiges und

Beschämtes, das dem jungen Mädchen ein Übergewicht über die Frau, die beinahe ihre Mutter

hätte sein können, förmlich aufzwang.

Eines Vormittags kam Fürstin Tessin zu Tante Dolph und fand dort das Brautpaar. Maria schritt

ihr entgegen, Hermann erhob sich. Alma sah ihn zum ersten Male seit seiner Verlobung, und es

geschah unerwartet. Auf ihrem zarten Angesichte wechselten die Farben.

»Graf Dornach«, sprach sie, »ich habe noch nicht Gelegenheit gehabt, Ihnen meinen innigen,

meinen freudigen …« sie hielt inne, von unüberwindlicher Verwirrung ergriffen, und blickte

beschwörend zu ihm empor: Erbarme dich, schien sie zu sagen, sieh, was ich leide, und erbarme

dich. Ihre stumme Bitte blieb unerfüllt. Er verbeugte sich, murmelte ein paar höfliche

Redensarten und nahm ihre Hand nicht, die sie ihm zitternd hatte reichen wollen und nun mit

einer Gebärde der Trostlosigkeit niedergleiten ließ.

Hermann nahm Abschied und ging.

Das Herz Marias schwoll vor Unzufriedenheit mit ihm. Was berechtigte ihn zu diesem ablehnenden

Benehmen gegen ein Wesen, das ihr teuer war? – Almas Verwandtschaft mit Tessin, flog es ihr

durch den Kopf. Aber nein! Weder Dornach noch irgend jemand konnte eine Ahnung von dem

flüchtigen Interesse haben, das jener Mensch ihr eingeflößt. Tessin war scheinbar nicht mehr

um sie bemüht gewesen als zwanzig andere. Daß sie ihm den Vorzug gegeben, blieb ihr sogar

gegen ihn selbst streng bewahrtes Geheimnis. Aber die Eifersucht sieht scharf – der arglose

Hermann verdankt ihr vielleicht einen Seherblick.

Als er am Abend wiederkam und den wunderschönen Blumenstrauß brachte, der täglich aus den

Gewächshäusern von Dornach für die künftige Herrin anlangte, wies Maria die Gabe zurück:

»Vorher will ich wissen, was haben Sie gegen Alma?«

Er zögerte mit der Antwort: »Sie ist mir … Aufrichtigkeit über alles, nicht wahr? – Nun denn –

sie ist mir unangenehm.«

»Unangenehm? Verzeihen Sie, das begreife ich nicht – ausgenommen, Sie hätten die Kunst

entdeckt, die Schönheit zu hassen und die Güte«, rief sie herb, und er erwiderte mit seiner

gewohnten bescheidenen Gelassenheit: »Ich habe nicht von Haß gegen Fürstin Tessin gesprochen,

ich bewundere ihre Schönheit …«

»Sie sieht eben aus, wie sie ist«, fiel Maria lebhaft ein; »so blond, so weiß, so duftig, von

so überirdischer Anmut umflossen habe ich mir in meiner Kindheit die Engel vorgestellt.«

Seltsam war der Eindruck, den diese Worte auf ihn hervorbrachten; ein Schatten von

Verlegenheit flog über sein Gesicht, und zugleich malte sich darin die tiefste und

liebevollste Rührung.

»Ich will Sie heilen von Ihrer Abneigung«, fuhr Maria fort. »Das Mittel dazu ist einfach: Sie

müssen Alma besser kennenlernen, dann wird meine beste Freundin auch die Ihre werden und bei

uns ihr zweites Zuhause finden – wenn es Ihnen recht ist.«

Es fiel ihm schwer, den Jubel, den dieses »bei uns« in ihm erweckt hatte, zu unterdrücken;

doch bezwang er sich und versetzte: »Sie werden in Ihrem Hause empfangen, wen Sie wollen, und

tun und lassen, was Sie wollen; mir wird es recht sein. Nehmen Sie jetzt die Blumen?«

»Gern, und ich danke Ihnen«, antwortete sie und dachte: Er ist ein vortrefflicher Mensch, und

ich werde ihn liebhaben wie einen Bruder.

Dornach hörte nicht auf, seine Huldigungen mit der größten Anspruchslosigkeit darzubringen.

Seine erfinderischen Aufmerksamkeiten für seine Braut waren in seinen Augen das

Selbstverständliche; ein Zeichen der Zustimmung von ihr, einen freundlichen Blick empfing er

wie Himmelsgaben. Gräfin Dolph neckte und versicherte ihn, er beschäme die ganze Tafelrunde:

solch ein altmodisch ritterlicher Bräutigam wie er bereite dem Ehemann einen schweren Stand.

Hermann lachte und behauptete, daß er nicht mehr sei und nicht mehr sein wolle als korrekt.

Maria habe ihm ihren Wahlspruch: »Nur ruhig!« anvertraut, er halte sich an den seinen: »Nur

korrekt.«

Und so waren denn seine fürstlichen Geschenke, so war der unerhört großmütige Heiratsbrief,

den er ausstellte, so war jeder Beweis seiner unbegrenzten Sorgfalt für das Wohl und Behagen

der Gegenwart und Zukunft seiner Braut »nur korrekt«.

Gräfin Dornach benahm sich gegen die Verlobte ihres Sohnes ganz und gar in seinem Sinne, der

ihr plötzlich maßgebend geworden. Für die von orthodoxem Familiengeist beseelte Frau war der

unmündige Junggeselle Hermann in den respektswürdigen zukünftigen Stammhalter seines edlen

Geschlechts verwandelt, und der alten Generation kam nichts mehr zu, als – Platz machen.

Agathe trat mit großartigem Gleichmut vor der zurück, die nun an ihrer Stelle die erste im

Hause Dornach sein sollte. Sie legte zu deren Gunsten den Majoratsschmuck so gleichgültig ab,

als ob es sich um ein Paar getragener Handschuhe gehandelt hätte. Sie traf ihre Anordnungen

zur Übersiedlung aus dem Palais nach einem Miethause in der Stadt, wo sie einige Wintermonate,

und nach dem Witwensitze Dornachtal, wo sie den größten Teil des Jahres zubringen wollte. Es

war dies ein trauriger Aufenthalt in rauher Gegend, zu Füßen der Branecker Berge, und Hermann

versuchte in jeder Weise, seine Mutter abzuhalten, ihn zu beziehen. Sie sollte in Dornach

bleiben, in dem Flügel des Schlosses, den sie von jeher den drei anderen vorgezogen. Dort

hatte sie ihr kurzes Eheglück genossen, dort ein Menschenalter hindurch als Gebieterin

gehaust, dort sollte sie auch ferner hausen in der Nähe ihrer Kinder, von ihnen geehrt,

geliebt, aber unbehelligt. Sie ließ sich nicht erbitten, ihr Entschluß war unerschütterlich.

Sie dankte Gott, sagte sie, für die endlich erlangte Gnade, ihr Leben in Ruhe und im Gebet für

sich und die Ihren still zu Ende spinnen zu dürfen.

So tadellos auch alles war, was die Gräfin tat und sagte, Maria vermochte dennoch kein Herz zu

ihr zu fassen; diese Tadellosigkeit wurde zu frostig ausgeübt. Das zurückhaltende Wesen ihres

Vaters flößte Maria Bewunderung ein, weil sie voraussetze, daß sich ein großer Reichtum hinter

demselben verberge. Die Zurückhaltung der Gräfin aber schien ihr einen Mangel verdecken zu

sollen. Wenn sie nach einem Besuche bei der Mutter ihres Verlobten Abschied nahm, erhielt sie

einen Kuß auf die Stirn, dessen eisige Kälte sie vom Wirbel bis zur Sohle durchschauerte.

Einmal, da Gräfin Dornach einen neuen Beweis ihrer ungeheuren Selbstentäußerung geben wollte,

wagte Maria abzuwehren. Agathe lächelte, gab dem olympischen Haupte einen kleinen Ruck ins

Genick und sprach: »Nimm es nicht zu hoch, liebes Kind, es geschieht vielleicht nur für die

Gräfin von Dornach.«

Am Abend vor der Hochzeit ließ Graf Wolfsberg seine Tochter zu sich bescheiden. Er erwartete

sie, am Schreibtisch sitzend, in seinem großen Fauteuil, den Kopf zurückgelehnt, die Beine

gekreuzt, und überdachte, was er ihr sagen wollte. Es war gar viel. – Daß sie ihm ein braves

und gehorsames Kind gewesen, ihm auch nicht eine Stunde getrübt, daß ihm der Abschied

schwerfalle, daß er aber einen Trost finde in der festen Hoffnung, sie werde glücklich sein.

Und nun das Lob Hermanns und einige gute Ratschläge für die Zukunft. Dem Grafen war es eine

ausgemachte, durch hundert Erfahrungen bestätigte Tatsache, daß jede junge, unschuldige Frau

sich in den Mann verliebt, der sie zuerst das Leben kennenlehrt. – Maria wird keine Ausnahme

machen, und er wollte ihr auf die Seele binden, in ihrer Leidenschaft nicht selbstsüchtig zu

werden und stets ihre Würde zu wahren. Die Treue, meinte er, die der Mann seiner Frau am

Altare geschworen, ist eine andere als diejenige, deren Schwur er von ihr empfing. Eine

scheinbare Vernachlässigung, eine flüchtige Zerstreuung des Gatten wird von dem Weibe, das

sich selbst achtet, übersehen. Was ist ein kurzer Sinnenrausch, dem gewöhnlich klägliche

Ernüchterung folgt, im Vergleiche zu der unerschütterlichen, dankbaren Anhänglichkeit an die

verehrte Lebensgefährtin, die niemals Nachsicht braucht, aber immer Nachsicht übt … üben soll

– und weh ihr, wenn sie es nicht tut – wenn sie, wie jene arme, einst von ihm angebetete Frau

Der Graf seufzte tief, seine Stirn verfinsterte sich. Die schmerzlichste Erinnerung seines

Lebens war in ihm erwacht, und er suchte nicht wie sonst ihr zu entfliehen … Eine holdselige

Gestalt stieg vor ihm auf: die Liebe seiner Jugend, seine schwer errungene Frau … Für eine der

Töchter des Hauses, welchem sie entstammte, war Graf Wolfsberg kein ebenbürtiger Freier; sie

gingen fürstliche Verbindungen ein oder blieben unvermählt. Und dennoch hatte er sie

heimgeführt, dem Vorurteil zum Trotze, weil er ihr heißes Herz zu gewinnen verstanden, weil

sie, zur Entsagung gezwungen, gestorben wäre und weil ihre Eltern, die schwachen, törichten,

sie nicht sterben lassen wollten … Hätten sie es doch getan – welch einen süßen und schönen

Tod hätte sie damals gehabt! Sie hätte aus dem Dasein scheiden können, unenttäuscht, im

frommen Glauben an den Geliebten. Aber das wurde ihr nicht vergönnt. Sie sollte das Ärgste

kennenlernen, bevor sie scheiden durfte, den Zweifel an ihm, an seiner Ehrlichkeit,

Wahrhaftigkeit und Treue, an allem, was den Wert des Mannes begründet. Eine gräßliche

Empfindung, die sie für Verachtung hielt und die Eifersucht war, bemächtigte sich ihrer. Sie

heuchelte nun selbst, spielte die Ahnungslose und forschte und beobachtete ihn und ihren Gast,

seine Mitschuldige und sein Opfer, die kleine Schlange Alma, die eben erst aus der Kinderstube

in ihre – freilich trostlose -Ehe getreten war, forschte und beobachtete und hatte nur noch

einen Wunsch, einen Gedanken, ein Ziel, die Schuldigen zu entlarven, ihnen die Worte ins

Gesicht zu schleudern: Feiglinge und Verräter! Da erniedrigte sie sich zur Lauscherin an den

Türen, da horchte, da erhorchte sie, was ihr den Verstand raubte – –

Ihre rast- und trostlosen Wanderungen begannen, ihre leichten Schritte glitten durch das

stille Haus und weckten mit ihrem kaum hörbaren Schall einen nagenden, nie ruhenden Vorwurf.

Er kam nach Jahren und Jahren dem Sinnenden noch zum Bewußtsein, und wenn auch nicht eben

Reue, so erweckte er doch nicht mehr die Empörung von einst.

Im Zimmer nebenan ließen Stimmen sich vernehmen. Maria wechselte einige Worte mit dem

Kammerdiener, der sich’s nicht hatte versagen können, heute mit ganz besonderer

Dienstbeflissenheit die Türen vor ihr aufzureißen. Sie trat ein und ging langsam auf ihren

Vater zu: »Du hast mich rufen lassen, es war überflüssig, ich wäre ohnehin gekommen, ich habe

dir noch viel zu sagen.«

Er lächelte: »Ganz mein Fall dir gegenüber. – Setz dich.«

Maria rückte einen Sessel in die Nähe des Schreibtisches und nahm Platz.

Der Graf streifte sie mit einem Blicke; dann sah er hartnäckig an ihr vorbei ins Leere. – Das

Ebenbild ihrer Mutter, dachte er, aber ihr Schicksal wird ein anderes sein. In dieser schönen

Hülle wohnt eine stärkere Seele, ein kräftigerer Geist. Sie ist mein Kind … mein liebes Kind,

das ich jetzt hingebe … Eine plötzliche Wehmut erfaßte ihn, eine Art Mitleid mit sich selbst,

das er verspottete. Begann er vielleicht schon alt zu werden und sentimental?… Er nahm sich

zusammen, er richtete sich gerade auf: »Morgen also –«

»Morgen also, Vater« – ein Beben lief durch ihre ganze Gestalt, sie beugte sich, und seines

abwehrenden Winkes nicht achtend, fiel sie vor ihm auf die Knie nieder und schlang die Arme um

seinen Hals. »Einmal laß mich dir danken«, sprach sie mit erstickter Stimme, »einmal nur dir

sagen: Ich danke dir für alles.«

Ein trockenes Schluchzen entrang sich seiner Brust. Er preßte sie an sich, daß ihr der Atem

verging, er drückte seine Lippen auf ihre Haare, auf ihre Stirn und zog sie immer und immer

wieder an sein Herz.

Endlich erhoben sich beide und gingen lange nebeneinander in ernstem Gespräche auf und ab.

Mitternacht war vorbei, als der Graf seine Tochter mit einem kurzen: »Gute Nacht, Maria«,

fortschickte. Sie stand schon auf der Schwelle, da rief er sie zurück. Es drängte ihn, ihr ein

letztes Geschenk, eine Erinnerung an diese Stunde mitzugeben. Suchend sah er im Zimmer umher;

sein Blick blieb auf einer kostbaren, goldtauschierten Kassette haften, die auf einem Schranke

stand: »Nimm das, es ist längst dein Eigentum, es gehörte deiner armen Mutter.«

5

Bei der Vermählung am nächsten Tage war alles mustergültig, das Arrangement des Ganzen, die

Haltung des Brautpaares, die Toilette der Braut, die Auffahrt vor der Kirche, die Trauung, das

Diner und die Equipage Dornachs, in der die jungen Eheleute am Abend nach dem Nordbahnhofe

fuhren. Sie hatten einen langsamen Zug gewählt, um nicht allzu früh am Morgen im Schlosse

einzutreffen, wo ein feierlicher Empfang ihrer wartete.

Maria drückte sich in eine Ecke des Waggons. Ein Schauer der Angst hatte sie durchrieselt, als

die Tür zugeschlagen worden. Da war sie nun allein mit dem Manne, der sie liebte und

Herrenrechte auf sie besaß. Gestern noch fühlte sie sich stärker als er; wie hatte sich das so

plötzlich geändert – nun zitterte sie vor ihm.

Er bemerkte es wohl, und sein Herz schwoll vor Stolz und Glück. – Fürchte dich nicht, hätte er

ihr zurufen mögen, du bist mir so heilig, wie du mir teuer bist … Nicht dein Vater, nicht der

Priester konnten dich mir schenken, das kannst nur du allein, und um dieses höchste Gut will

ich ringen und werben. Aber er dachte: Nein, nicht Worte machen, beweisen! Und dann sprach er

allerlei, und zwar nichts Geistreiches. Vom Wetter, das morgen hoffentlich ebenso wunderschön

sein werde, wie es – unglaubliche Beständigkeit für den April! – die ganze Woche hindurch

gewesen. Wie ihn das freute, weil Dornach sich zum ersten Male vor seiner Gebieterin im

Sonnenglanze zeigen werde, dessen es sehr bedürfe, um nicht einen gar zu düsteren Eindruck

hervorzubringen. Er legte Kissen und Plaids zurecht und bat Maria, sich’s bequem zu machen und

einige Stunden zu ruhen; sie müsse müde sein, und morgen gebe es wieder einen angestrengten

Tag. Maria kam seiner Aufforderung gern nach, sie wollte wenigstens tun, als ob sie schliefe,

wenn auch an Schlaf nicht zu denken war bei dem unheimlichen Gefühl, das sie erfüllte in der

Nähe dieses Mannes – ihres Mannes. Von Zeit zu Zeit öffnete sie die Augen ein wenig und sah zu

ihm hinüber, und immer begegnete sie seinem unendlich liebevoll auf sie gerichteten Blick. Es

war ein Ausdruck darin, der sie allmählich sicher machte: ihre Bangigkeit verschwand, ihre

Lider wurden schwer und schlossen sich. Was sie für unmöglich gehalten hatte, geschah: sie

fiel in tiefen, festen Schlaf.

Die Sonne war seit einer Stunde aufgegangen, als Maria erwachte und auffuhr. Hermann stand am

Fenster und begrüßte sie mit einem fröhlichen: »Guten Morgen«, den sie ungemein verlegen

erwiderte. Ihre Augen glänzten wie die eines erwachenden Kindes, ihre Wangen waren gerötet –

wie gut vertrugen sich das junge Tageslicht und ihre junge Schönheit!

Hermann nahm sie bei der Hand und führte sie ans Fenster. »Siehst du die blaue Bergkette

dort?« sprach er; »ihre Umrisse verschwimmen mit den blendenden Farben des Horizonts. Vor

ihnen, recht in ihrem Schutze, liegt eine Hügelreihe. Siehst du sie?«

»Ja, ja, und der Gegensatz ist hübsch zwischen dem dunkeln Berghintergrund und den

freundlichen Hügeln.«

»Auf einem von ihnen erhebt sich ein graues Gemäuer, das ist Schloß Dornach … Es hat mir sonst

ausbündig gefallen, aber neulich, bei meinem letzten Besuche, da ich es mir als deine

zukünftige Behausung dachte, fand ich’s deiner ganz unwert, das alte Eulennest.«

Maria protestierte nicht nur aus Höflichkeit; der Anblick des Schlosses, den eine Krümmung des

Weges ihr jetzt wieder entzog, war ihr herrlich erschienen.

Sie rollten zwischen Wiesengeländen am Ufer eines wasserreichen Flüßchens der Station

entgegen, auf welcher die Eisenbahn verlassen wurde. Zu Wagen ging es weiter bis zum ersten

Forsthause auf Dornachschem Gebiet, wo Maria ungestört Rast halten und nur von ihren

vorausgesandten Dienerinnen erwartet werden sollte. Lisette hatte sich an deren Spitze gesetzt

und durch ihre menschenfresserische Laune bereits alle an den Rand der Verzweiflung gebracht.

Seit einigen Wochen befand sie sich im Schlosse, um der Einrichtung von Marias Gemächern

vorzustehen. Und nun war sie hierhergekommen, denn sie mußte doch die erste sein, die das

arme, ihrer Obhut entrissene Kind begrüßte. Sie tat es wie nach jahrelanger Trennung unter

Tränenströmen und Ausbrüchen des Bedauerns; Hermann gegenüber jedoch hüllte sie sich in

gehässiges Schweigen. Er verbiß ein Lachen, bot seiner Frau den Arm und führte sie, die sich

sanft von ihrer Anbeterin und Tyrannin losmachte, in das Haus.

Lisette stürzte nach und erlebte eine neue Enttäuschung. Die Herrin sprach beim Umkleiden

nicht ein Wort der Klage noch der Anklage. Und darauf hatte Lisette gerechnet, um dem seit

gestern in ihr gestauten Groll gegen die Roheit und Unverschämtheit der frisch gebackenen

Ehemänner die Schleusen zu öffnen. Sie nahm es recht übel, daß ihr keine Gelegenheit zu dieser

Erleichterung geboten wurde. Maria war heiter und blieb es während der ganzen Fahrt, die auf

ihren Wunsch bald fortgesetzt wurde. Der vierspännigen Herrschaftsequipage zunächst folgten

Lisette und die Kammerfrau. Die erstere erhob sich oft in ihrem Wagen, setzte die Brille auf

und studierte, soviel es nur möglich war, die Miene ihres Abgottes. Ihr schien der ungeratene

förmlich begeistert dreinzuschauen, als man an der Grenze der Ortschaft Dornach anlangte und

die Bevölkerung der neuen Mitbürgerin einen feierlichen Empfang bereitete. Dem Programme nach

kein anderer denn alle feierlichen Empfänge im guten Lande Mähren: Triumphbogen, Ansprachen,

Geschenke an Brot und Salz, Eiern, Hühnern, Enten, Gänsen und einem riesigen Säugling aus

Lebkuchen in farbigen Wickeln und garnierter Haube, Böllerschüsse und Vivatrufe. Ungewöhnlich

war nur die echte Herzlichkeit, welche diese Kundgebungen beseelte, das Unbeholfene veredelte

und dem Herkömmlichen das Gepräge des Neuen und Außerordentlichen gab.

»Du wirst von diesen Leuten sehr geliebt«, sagte Maria zu Hermann.

»Weil ich sie liebe«, erwiderte er vergnügt. »Wenn uns auf Erden etwas mit Zins und Zinseszins

zurückgezahlt wird, so ist es unsere Menschenliebe. Ungeliebt durchs Leben gehen ist mehr als

Mißgeschick, es ist Schuld.«

Auf dem Platze umlagerte eine dichte Menschenmasse den Eingang zur Kirche. Unter dem Portal

stand der alte Dechant mit seinen Kaplänen und den Weihrauchfässer schwingenden Chorknaben.

Als der Graf und die Gräfin den Wagen verließen, um in das Gotteshaus einzutreten, verstummte

das Jubelgeschrei der Menge; die ehernen Stimmen der Glocken sprachen jetzt allein und

begleiteten mit ihrem Schalle den Segen, den der greise Priester auf die Häupter der jungen

Eheleute vom Himmel herabrief.

Sie traten aus der Kirche, sie stiegen die breite Treppe langsam hinab. Alle Blicke waren auf

Maria gerichtet, mit plumper Neugier, mit Schüchternheit, mit staunender Bewunderung – in

manchem Jünglingsauge glühte offenbare Verzückung … Ob jung, ob alt indessen, ob weiblich oder

männlich, auf all diesen Gesichtern, die sich ihr zuwandten, las Maria den Ausdruck eines

geheimnisvollen, eines ererbten Leids. Und in ihr erwachte der Gedanke: Was dich da anruft mit

stummer und unbewußter Klage, das ist die nach Erlösung ringende ewige Dienstbarkeit. Wir die

Herren, sie die Knechte. Darbend an Leib und Seele, verdienen sie – unser Brot, mühen sich,

zur Erde gebeugt, jahrein, jahraus, damit unser Geist frei und unbehindert auffliegen könne

bis an die Grenzen des Erkennens. Ohne ihre harte Arbeit keine Ruhe für uns, kein Genuß, nicht

Kunst, nicht Wissenschaft …

Am Fuße der Treppe angelangt, hemmte sie plötzlich den Schritt und griff, wie unwillkürlich

schutzsuchend, nach dem Arme Hermanns. Er umschlang und hob sie in den Wagen, voll Besorgnis

nach dem Grund ihres plötzlichen Schreckens fragend. »Es ist nichts«, versicherte sie, »gar

nichts.«

Und es war ja nichts – eine Sinnestäuschung, ein seltsamer Streich, den ihr Gedächtnis ihr

gespielt. Sie hatte gemeint, mitten in dem Gewühl einen höhnisch Lachenden zu sehen, der sie

anstarrte, frech wie damals in jener Winternacht. Züge, deshalb so widerlich, weil sie die

eines verehrten Antlitzes entstellt widerspiegelten. – Unsinn, sagte sie zu sich selbst. Wie

käme der Mensch hierher?

Der peinliche Eindruck war entschwunden, verdrängt durch manchen schönen und lieblichen und

durch eine kräftige Lebensfreudigkeit, die ihr ganzes Wesen durchströmte, als sie dahinflog im

raschen Trabe der feurigen, schäumenden Pferde, auf sammetweicher, bergansteigender Straße

zwischen majestätischen Buchen. Jedem Blick in die Gegend, den zu tun die tief niederhängenden

Äste gestatteten, bot sich ein anmutiges Bild. Die Landschaft mit ihren im ersten

Frühlingsgrün prangenden Wiesen und Baumgruppen, mit ihren Weihern und fleißig rauschenden

Bächlein glich einem wohlgehaltenen Parke.

Und nun sah man zwischen hohen Wipfeln ein spitzes Dach, reich verzierte Schornsteine und

Giebel emporragen. Endlich war auch die Avenue erreicht, und da stand Schloß Dornach,

altersgrau und prächtig. Es war um die Zeit Pierre Nepveus – die Sage wollte wissen, von ihm

selbst – im Mischstile von Gotik und Renaissance erbaut; ein stolzes Denkmal einst begründeter

und durch die Jahrhunderte behaupteter Macht.

Mit Kennerblicken betrachtete Maria den malerischen Bau; ihr künstlerischer Schönheitssinn

schwelgte in höchster Befriedigung. So umgeben sein ist ein Glück, ein Glück von jeder Stunde

… Wie oft hatte sie als junges Mädchen die Ruine im Walde zu Wolfsberg, die ihr Vater

verfallen ließ, in Gedanken wiederaufgerichtet und geschmückt mit Türmen und Bildwerken und

zierlichen Erkern, daß die Schöpfung ihrer Phantasie beinahe so herrlich wurde wie die

Wirklichkeit, die ihr jetzt vor Augen stand.

»Mein Traum«, rief sie aus, »mein in Erfüllung gegangener, noch überbotener Traum!«

Auf dem breiten Kieswege vor dem Hause wimmelte es von Willkommrufenden.

»Der letzte Anprall«, sprach Hermann, »die Beamten und das Forstpersonal.«

»Schon recht«, erwiderte sie. »Sage nur, wem gebührt der erste Händedruck? Dem Hünen mit der

lichtblonden Mähne an der Spitze des Heeres – nicht wahr?« Sie deutete auf einen großen,

breitschulterigen Mann mit rotbraunem Gesicht und hellen Haaren in zu engem Frack und zu

weiter Krawatte. Zu seiner Rechten hielt sich eine stattliche schwarzäugige Dame, zu seiner

Linken waren lebendige Orgelpfeifen aufgestellt, acht Knaben, von denen der älteste ihm etwas

über den Ellbogen, der jüngste bis zum Stiefelschaft reichte und die alle so weiße Köpfe

hatten wie er.

Hermann winkte ihm von weitem zu: »Dem gebührt der erste Händedruck, jawohl, dem, meinem

vortrefflichen Vetter Wilhelm.«

Der Vetter nickte und verbeugte sich und befahl seinen Buben auf das bärbeißigste, dasselbe zu

tun, und seine Gattin tat es ungeheißen.

Glückstrahlend, Hand in Hand mit Maria, trat jetzt Hermann vor die Gruppe. »Da ist sie«, rief

er, »da bringe ich sie …« und zu der übrigen Versammlung gewendet: »Da ist sie, eure

Gebieterin und die meine.«

Gott im Himmel, was hatte der Herr Graf angerichtet mit dieser überstürzten Vorstellung! Nicht

mehr und nicht minder als die unheilbarste Konfusion hineingebracht in die so wohl

vorbereitete, so beharrlich einstudierte Begrüßungsfeierlichkeit. Einzelne Hochrufe ertönten,

in die viel zu wenig Stimmen einfielen.

»Sie hätten losgehen sollen«, fuhr der Kommandant der Feuerwehr den Kommandanten der Veteranen

an.

»Wie denn ich? Wenn der Wagen steht, hat’s geheißen. Ist er gestanden? Die Herrschaften sind

ja noch beim Fahren herausgesprungen. Aber alles eins: Feuer! Feuer! sag ich – Sapperlot!«

Eine Salve wurde abgegeben, Fahnen wurden geschwenkt.

»An Euer gräflichen Gnaden«, flüsterte der Herr Direktor dem Grafen Wilhelm zu.

»An Sie«, sprach der Herr Verwalter.

»An Ihnen«, verbesserte der Herr Kanzleirat. – Aber Vetter Wilhelm, erschüttert in tiefster

Mannesseele, wußte kein Wort mehr von der schwungvollen Anrede, die der Herr Schullehrer für

ihn verfaßt und ihm eingeprägt hatte, so gut, so fest, daß er eben noch voll Stolz gesagt:

»Du, Helmi, Sie, Herr Lehrer, das sitzt da drinnen, das sitzt wie Eisen.«

Und jetzt war auf einmal alles herausgefallen.

Umsonst die höllische Arbeit des Auswendiglernens, umsonst der Aufwand an Todesängsten und

berauschenden Hoffnungen, den der arme Autor gemacht, zerstört die Freude der guten Gräfin, in

bescheidentlicher Teilnahme einem Rednertriumphe ihres Eheherrn beizuwohnen, wie er ihn erst

neulich gefeiert, daheim auf der Schießstätte. – In diesem allerwichtigsten Moment jedoch

zuckte es nur unter seinem dichten Schnurrbart und über seine runden, glattrasierten Wangen,

und seine Augen, die eher klein als groß waren und dennoch ein Meer umfaßten, ein dunkelblaues

Meer von Liebe, wanderten von Hermann zu Maria und von Maria zu Hermann. Auf einmal rief er

aus: »Hermann, alter Mensch!… Gnädigste Gräfin, hochverehrte Base – herzlichst willkommen. –

Tusch!« fuhr er den Lehrer an, der sich genähert hatte, um ihm einzusagen, und die Dorfkapelle

fiel ein, trompetend, geigend und paukend.

Hermann schloß den Vetter in die Arme, küßte die Hand Gräfin Helmis und gab den Buben einen

Wink, die Blumensträuße zu überreichen, die sie in Bereitschaft hielten für die neue Tante.

Alle stürzten auf sie los und hatten alle, vom Vier- bis zum Vierzehnjährigen, dasselbe

Gesicht und waren einer so unbefangen und zutraulich wie der andere. Warum denn nicht? Konnten

sie sich nicht sehen lassen, waren sie nicht schön in ihren neuen, von der Mutter genähten

Leinwandblusen und ihren von der Mutter frisch gewaschenen Gesichtern und heute mit Zahnpulver

geputzten Zähnen?

Maria war gegen die ganze Familie so freundlich, wie eine vollkommen elegante junge Dame es

dem ausgesprochensten Landjunkertum gegenüber nur irgend sein kann. Sie entzückte das Ehepaar,

sie entzückte jeden, der ihr vorgestellt wurde und mit dem sie einige Worte wechselte. Ihre

einfache und taktvolle Leutseligkeit gewann ihr in der ersten Stunde die allgemeine Sympathie

und besiegte die Vorurteile der greisen Honoratiorenhäupter, die dem zu erwartenden neuen

Regimente ziemlich bedenklich entgegengesehen hatten.

Die »alten Spitzen«, wie die höheren Beamten von der lustigen Frau Adjunktin genannt wurden,

kehrten spät abends nach dem Souper im Schlosse in durch und durch angenehmer Stimmung heim.

Herren und Damen waren darüber einig, daß die junge Gräfin unbeschreiblich liebenswürdig und

halt – eine Dame sei.

»Jeder Zoll eine Dame!« rief der gebildete Kanzleirat. »Und – eine Würde, eine Höhe … Sie

verstehen mich, Frau Verwalterin.«

Beim Abschied von seinen Verwandten fragte Hermann: »Wann kommt ihr wieder? – morgen?«

Wie wenn ihm ein schnödes Unrecht zugemutet worden wäre, fuhr Wilhelm zurück: »Was fällt dir

ein … in acht Tagen frühestens. Nicht wahr, Helmi?«

»Um keinen Preis früher«, versetzte diese, »es ist ohnehin indiskret genug.«

»Heut in acht Tagen also, es bleibt dabei.«

»Bleibt dabei, wir kommen, natürlich ohne die Rangen … Wirst du schweigen?« wetterte er seinen

Erstgeborenen an, der sich erlaubt hatte, gegen diesen väterlichen Beschluß zu murren. »Die

Rangen bleiben zu Haus, die Rangen müssen lernen, müssen alles das lernen, was ich nicht

gelernt habe, und das ist viel.«

Er nahm Hansel, den Kleinsten, der längst auf einem Kanapee eingeschlafen war, auf den Arm und

schritt so seiner Frau, die der Hausherr zum Wagen führte, und seinen anderen

voranmarschierenden Söhnen nach.

An der Tür, bis zu welcher Maria ihn begleitet hatte, blieb er stehen, sah ihr in die Augen,

und seine Wange an den Kopf des Kindes lehnend, sprach er: »Der achte! ‘s ist eine Nummer –

ich genier mich manchmal – ich genier mich eigentlich immer nachträglich und im voraus, denn –

wer weiß – und wer kann wissen, was noch nachkommt? – Aber«, und jetzt ging ihm, zum

wievielten Male an diesem Abend hat er nicht gezählt, das Herz über, »wenn auch doppelt so

viele nachkämen, als schon da sind, in jedem von ihnen wird ein braver Mensch heranwachsen und

ein treuer Freund Ihrer, das heißt deiner zukünftigen Söhne, Frau Base, deren erstes Exemplar

du uns ehebaldigst bescheren mögest.«

6

»Du hast mich einem edlen und guten Menschen zur Frau gegeben«, schrieb Maria an ihren Vater

in ihrem ersten Briefe aus Dornach. Das Wort »Glück« kam nicht ein einzigesmal vor, aber aus

jeder Zeile sprach Zufriedenheit. Maria hatte sehr bald begriffen, daß sie als die Frau

Hermanns eine Aufgabe zu lösen haben werde, die ihrem ernsten Sinn entsprach. Anders als in

Wolfsberg gestalteten sich in Dornach die Beziehungen zwischen dem Großgrundbesitzer und

seinen kleinen Nachbaren. – Dort herrscht eine Art bewaffneten Friedens, offene gegenseitige

Feindschaft; eingewurzelte Unredlichkeit und Arglist von seiten der Schwachen, Starrsinn und

unerbittliche Strenge von Seite des Starken.

»Ich will nur mein Recht«, sagte der Graf und ging schonungslos vor in der Erreichung dieses

Rechtes.

»Das Recht?« sagte Hermann. »Mit welchem Rechte verlangt man einen Begriff des Rechtes von

Leuten, die sich immer nur der Gewalt beugen mußten?«

Maria stimmte ihm bei. Sie war wie er ein Kind der neuen Zeit, das Gefühl der Unerträglichkeit

fremden Leids, fremder Not und ein heißer Drang zu helfen hatte auch sie oft ergriffen. Nun

lag die Macht, ihm Genüge zu tun, in ihrer Hand. Sie empfand eine innige Dankbarkeit für den,

der sie ihr gegeben, unter dessen Leitung sie dieselbe ausübte.

»Heute Dienstag und Familiendiner«, sprach Hermann eines Morgens, in das Frühstückszimmer

tretend. »Hast du nicht vergessen?«

Sie gestand es ein: »Jawohl, völlig vergessen. – So wäre seit unserer Ankunft eine Woche

vergangen?«

»Eine volle Woche. Mir ist sie entschwunden wie ein glücklicher Augenblick … Und dir, Maria?

Nicht allzu langsam?«

»Nein, nein«, sagte sie leise.

Er umfaßte sie mit beiden Armen. »Wenn es so fortgeht, werden wir plötzlich ein Paar alte

Leute sein. Unvermutet wird uns einst das Alter überraschen; aber ich fürchte es nicht und

auch nicht den Tod. Es ist schön zu sterben nach einem schön erfüllten Leben, in dem man nie

irre geworden ist an seinem teuersten und höchsten Menschen, wie ich es an dir nie werden

kann.«

»Was verstehst du darunter? Was ist der Inbegriff von allem, was du von mir verlangst?« fragte

sie.

Hermann sah ihr mit einem langen, verständnissuchenden Blick in die Augen. »Du weißt es ja,

vorläufig nur – einen Tausch. Für meine grenzenlose Liebe – dein grenzenloses Vertrauen.

Espérant mieux, wie das Motto Antoine Latours gelautet.«

Maria senkte den Kopf. »Du bist so gut, du hast die Geduld mit mir, um die ich dich gebeten

habe«, flüsterte sie nach kurzem Schweigen und verbarg plötzlich ihr Gesicht an seiner

Schulter.

»Die Pferde! Deine Pferde aus Wolfsberg«, ließ jetzt die laute Stimme Lisettens sich im

Nebenzimmer vernehmen, und sie selbst schlich herein, lächelnd und bissig, untertänig und

grollerfüllt wie immer in Hermanns Gegenwart, welcher in ihren Augen nichts war als der mit

einem Privilegium versehene Räuber »des Kindes«. Sie hatte jede trübe Stunde vergessen, die

sie in Marias Geburtsort verlebt, und gab Wolfsberg hier im Hause für das Gelobte Land aus.

Jeder Brief, jede Sendung, die von dort kam, wurde von ihr empfangen wie ein Gruß aus dem

Aufenthalt der Seligen.

»Und der Georg hat sie gebracht, deine lieben Pferde, der alte Georg, der’s nicht erwarten

kann, dir die Hand zu küssen, Frau Gräfin, mein Kind«, setzte sie in schmelzendem Tone hinzu.

– Dieselben Pferde, die sie ingrimmig gehaßt als immerwährende Gefahrbringer für das Leben und

die geraden Glieder Marias, derselbe Georg, den sie verabscheut, weil er diese Pferde

gesattelt hatte, standen jetzt in Lisettens höchster Gunst.

Sie sah aus dem Fenster »dem Kinde« nach, das voll Freude über das bevorstehende Wiedersehen

seiner vierbeinigen Lieblinge an der Seite Hermanns über den Hof eilte. »Ohne Hut, ohne

Handschuhe, freilich, freilich«, brummte Lisette und überließ sich ihrer Gewohnheit, halblaut

mit sich selbst zu sprechen, sobald sie allein war: »Wer schaut hier auf dich, du Vogel du,

der verliebte Graf gewiß nicht, der denkt an nichts, sieht nichts, ist dumm und blind vor

lauter Verliebtheit.«

Sie begab sich in das Schreibzimmer, schellte und befahl dem Stubenmädchen, der Frau Gräfin

das Vergessene nachzutragen. Dann fuhr sie in ihrer eine Weile hindurch unterbrochenen

Beschäftigung fort. Diese bestand in dem Ausräumen eines Rokokoschreibtisches aus Rosenholz

mit Bronzeverzierungen und eingelegten Vieux-saxe-Platten. Lisette wickelte unzählige, sehr

wertvolle Sachen und Sächelchen, Bonbonnieren, Dosen, Elfenbeinschnitzereien, Siegel, Flakons

aus ihren Papier- und Wattehüllen und legte alles auf einem Tisch in der Nähe des zierlichen

Glasschränkchens zurecht, das an der Wand hing und bestimmt war, die kleinen Kostbarkeiten

aufzunehmen. Fast jeder dieser Gegenstände weckte in der Alten eine wehmütige Erinnerung an

dessen frühere Besitzerin, an Marias Mutter. Es waren sämtlich Geschenke des Grafen. Er hatte

sie dereinst aus Paris, wo er kurze Zeit in besonderer diplomatischer Mission in Verwendung

gestanden, nach Hause geschickt als Zeichen treuen täglichen Gedenkens. Und wie beglückten und

beseligten sie! Mit welchem Eifer suchte die junge Frau vor allem nach dem flüchtig

bekritzelten Zettelchen, das diese Sendungen meist begleitete. Meist – nicht immer … und dann,

war das sehnlichst Erwartete ausgeblieben, dann fehlte dem Schönen der Reiz, und die Gräfin

beugte sich traurig über ihr Kindlein: »Er hat uns heute nicht geschrieben, Maria …«

Sie hat ihn zu liebgehabt. Freilich, freilich. – Lisette sann nach, ihre Lippen verzogen sich

zu einem tückischen Lächeln: »Das wirst du ihr nicht nachmachen, mein Vogerl«, murmelte sie,

»du hast eine andere Natur. Wenn in deiner Eh eins von euch vor lauter Lieb den Kopf verliert,

wird’s der andere sein, nicht du.«

»Worüber lachst du?« fragte Maria eintretend.

»Ach was, nur so – – über den spaßigen Heiligen da.« »Was ist das für ein Heiliger?« Sie

reichte der Gebieterin eine Dose, die mit einem Emailbildchen von Petitot, einen jungen,

weinlaubumkränzten Faun darstellend, geschmückt war.

Maria betrachtete es zum erstenmal aufmerksam; sie war keine Freundin der Kunst im Kleinen und

hatte diesen Bibelots nie ein besonderes Interesse geschenkt. Nun aber bewunderte sie

eingehend die feine Arbeit des französischen Meisters, und wie sie dabei das Kästchen hin und

her wandte, sprang bei einem Druck ihres Fingers der Deckel auf. Die Dose barg einen goldenen,

in Seidenläppchen gewickelten Schlüssel; Marien schien, die Zeichnung der Arabesken seines

durchbrochenen Griffes habe Ähnlichkeit mit der Tauschierung der Kassette, die sie am Abend

vor ihrer Vermählung von ihrem Vater erhalten und an welcher der Schlüssel fehlte. – Doch

hatte sie nicht Zeit, sich der Zusammengehörigkeit der beiden gleich zu versichern, denn die

Ankunft ihrer Gäste, die um ein Uhr, eine Stunde vor dem Mittagessen, eintreffen sollten,

stand bevor.

Sie kamen auch richtig angefahren, auf die Minute, zwei Seelen und vier Seelchen. Im letzten

Augenblicke hatte Wilhelm sich erweichen lassen durch die traurigen Gesichter, mit denen die

jüngeren Rangen den Vorbereitungen zur Abfahrt der Eltern zusahen, und sie mitgebracht. Sie

waren ja noch so dumm und versäumten nicht gar viel Lernerei. Vater und Mutter baten dringend,

sich nicht im geringsten um sie zu kümmern, sie nur im Garten herumlaufen zu lassen. Das

Vertrauen konnte man ihnen schenken, daß sie sich in acht nehmen und nicht in den Teich fallen

würden. Auf irgendwelche Berücksichtigung bei der Mahlzeit hatten sie keinen Anspruch; sie

waren zu Hause abgefüttert worden, und überdies hatte jeder sein Stück Brot im Sacke und

konnte damit bequem aushalten bis zur Heimkehr.

Eine so ungastliche Behandlung sollten sie jedoch nicht erfahren, vielmehr durften sie ihre

Brotration den Pferden bringen; ihre Mutter und je zwei von ihnen wurden von Maria in der

Ponyequipage im Parke herumkutschiert, während die zwei anderen dem Wagen nachrannten, um die

Wette mit den Hunden. Bei Tische erhielten sie ihre Plätze nebeneinander, saßen kerzengerade

und benahmen sich musterhaft. Trefflich regiert von den kurzen Kommandoworten des Vaters und

den abmahnenden oder zustimmenden Blicken der Mutter, entfalteten sie bei aller Dressur einen

kleiner Rothäute würdigen Appetit.

Maria hatte sich auf die Freuden des heutigen Familienfestes mit uneingestandenem Grauen

gefaßt gemacht, und jetzt erfüllte sie mit Vergnügen ihre Hausfrauenpflichten und unterhielt

sich beinahe. Nicht nur mit den Kindern. Der biedere Mann, der, wie sie wußte, den Unterhalt

seiner zahlreichen Nachkommenschaft schwer bestritt und ihrer etwaigen Vermehrung dennoch mit

naiver Ergebung entgegensah, die Frau mit dem Typus ihres hochadeligen Stammes in den feinen

Zügen, die sich ihrer abgearbeiteten Hände so gar nicht schämte und die Haube mit den

gefärbten Bändern und das verschossene Foulardkleid so tapfer trug, flößten der neuen

Verwandten die herzliche Wertschätzung ein, die bei ihr eine sichere Vorbotin künftiger

Freundschaft war.

Bald nach Tische trennte man sich. Hermann und Wilhelm ritten nach einem entlegenen Hof zur

Besichtigung eines Baues, der dort aufgeführt wurde. Gräfin Wilhelmine und ihre Kinder

kollerten heim in ihrem kürzlich neu lackierten, mit Bauernpferden bespannten grünen

Wägelchen.

Maria blieb allein und wollte ihre Einsamkeit zu einer Wanderung durch den Park benützen und

einen schönen Aussichtspunkt am Ende desselben erreichen, von dem Hermann ihr gesprochen

hatte. Sie nahm seine beiden Jagdhunde als Begleiter mit; semmelfarbige, kurzhaarige, sehr

kluge Tiere, die am Tage des Einzugs Marias begriffen hatten: in Abwesenheit des Herrn gibt es

jetzt eine Herrin. Auf den Fersen folgten sie ihr, die Nasen gesenkt, mit tief herabhängenden

Ohren, und wenn sich’s regte auf der Wiese, im Gebüsch, im dunklen Schatten der Bäume, fuhren

sie zusammen, hoben die Nasen in die Höhe, schnupperten, alle ihre Sehnen spannten sich zum

Sprunge. – Ein Anruf aber: »Zurück! Lord, Fly, zurück!« und sogleich senkten sie die Köpfe und

schritten dahin, gehorsam den Befehlen der Menschen, widerstrebend den Gesetzen ihrer eigenen

Natur.

Es war ein kühler Nachmittag; Maria ging rasch vorwärts, von einem wohligen Gefühl der

Freiheit beseelt. Daheim wäre ihr verwehrt gewesen, einen weiten Spaziergang allein zu

unternehmen, und sie empfand einen großen Genuß in der Ausübung ihrer kaum erlangten

Selbständigkeit. Alles trug dazu bei, ihre Wanderlust zu erhöhen, der wolkenlose Himmel, der

über ihr blaute, die kräftige Luft, die, gewürzt mit Harzdüften, vom Tanne hergestrichen kam,

die Frühlingslieder der Vögel in den Zweigen, die Schönheit der Stätte selbst, die Maria

durchschritt. – Sie kam sich vor wie in einem Zaubergarten, den menschenfreundliche Geister

pflegten. Sie hatten die Wege besandet, die Wiesen geschoren, die Hecken beschnitten, die

Brücklein über den Bach gebaut. Sie hatten die bewimpelten Kähne am Ufer des Weihers

befestigt, die Scheiben des Fischerhauses blankgescheuert, daß sie im Abendrot glänzten wie

Gold, und waren nach vollbrachtem Werke verschwunden ohne Spur.

Wie wohltuend, wie entzückend schön ist es hier, sagte sich Maria, und zugleich durchblitzt’

es sie: Wenn Tessin jetzt dastände und mich sähe in diesem kleinen irdischen Himmelreich …

Sie hatte ihn verbannen wollen aus ihren Gedanken, es nicht vermocht und – Frieden mit ihm

geschlossen.

Was war denn sein Verbrechen gewesen? – Hatte er sie zu täuschen gesucht, je ein Wort von

Liebe zu ihr gesprochen?… Und doch war sie beneidet worden um seine Aufmerksamkeit und hatte

sich beneidenswert gefühlt und sich nicht Rechenschaft gegeben, worin seine Macht über sie

bestand.

Die unbestimmte, unerklärliche Angst, von der sie manchmal ergriffen worden in seiner Nähe, im

Banne seiner Augen, durchrieselte sie; eine Ahnung kommenden Leids beklemmte ihr die Brust.

Sie war sich der Zeit nicht bewußt, die verflossen, seit ihre Wanderung begonnen hatte, und

staunte, als sie, aus einem Fichtenhain tretend, die Sonne schon tief zum Untergang geneigt

sah. Mit verdoppelter Geschwindigkeit eilte sie ihrem Ziele, einer Zirbelkiefer, zu, an deren

gewaltigem Stamm eine leichte, geschnitzte Wendeltreppe zu einer runden Altane emporführte,

über die der mächtige Baum sein grünes Schirmdach breitete.

Die junge Frau lief die Stufen hinan, um von der hohen Warte aus noch einen letzten Blick des

scheidenden Tagesgestirns zu erhaschen. Die Hunde folgten. – Plötzlich schien ihr, als

schwanke die Treppe … sie blieb stehen, wartete, an das Geländer gelehnt – das Schwanken

dauerte fort. Es war nicht durch sie hervorgebracht. Dort oben mußte jemand auf und ab gehen,

langsam und wuchtig. Einen Augenblick dachte sie an Flucht, es war doch gar zu einsam hier.

Sogleich jedoch verlachte sie die feige Regung, die sich ihrer hatte bemeistern wollen. Wer

konnte es sein? Ein Jäger, im schlimmsten Fall ein Wildschütz. Aber wenn auch, was hatte sie

zu fürchten?

Die Hunde knurrten. Die Schritte hielten an, die ihren waren gehört worden.

Wenige Sekunden später betrat sie die Plattform unter dem wütenden Gebell Lords und Flys, die

ihr vorangesprungen waren.

»Hoho, die Hunde! Rufen Sie die Hunde!« kreischte eine erregte Stimme ihr entgegen. – Der

Mensch, der diesen Hilfeschrei ausgestoßen hatte, preßte den Rücken an den Stamm des Baumes

und führte mit dem Stock einen Schlag gegen seine Angreifer, traf sie aber nicht.

Maria hatte ihn auf den ersten Blick erkannt trotz der Veränderung, die mit ihm vorgegangen

war. Nicht in Lumpen wie in jener Winternacht, sondern gut gekleidet, in einem lichten

Sommeranzug, mit wohlgepflegtem Haar und Bart, wäre seine Erscheinung die eines auffallend

hübschen Menschen gewesen ohne den Ausdruck der Verwilderung und der Krankheit in seinem

eingefallenen Gesicht.

Auch Maria war bleich geworden: »Hierher!« befahl sie den Hunden, die sich widerwillig fügten,

und sprach in hartem Tone den Fremden an: »Der Eintritt in den Park ist nur den Hausleuten

erlaubt. Was wollen Sie hier?«

Er hatte seine Sicherheit wiedergewonnen und beeilte sich, es zu beweisen. Den Hut spöttisch

lüftend, erwiderte er: »Ich will dasselbe, was Sie wollen – die Aussicht bewundern, die

wirklich ganz reizend ist. Erfüllen wir den Zweck unseres Spaziergangs.«

»Frechheit«, murmelte Maria, und die Rechte gebieterisch ausgestreckt, setzte sie laut hinzu:

»Fort!«

»Entschuldigen Sie«, versetzte er, »ich bleibe. Ich habe mit Ihnen zu reden und hätte Sie um

eine Zusammenkunft ersuchen lassen, wenn nicht der Zufall – oder war es vielleicht ein

geheimer Zug des Herzens? – Sie hierhergeführt hätte, Frau Schwester.«

Maria stieß einen dumpfen Schrei aus und wich zurück. Wie dieser Mensch sich jetzt leicht

verneigt hatte, war es in einer Art geschehen, mit einer Bewegung des Hauptes, ihr so

wohlbekannt, so lieb und sympathisch an einem andern …

»Es beleidigt Sie, daß ich mir erlaube, Ihnen diesen Namen zu geben, aber – er gebührt Ihnen

und nicht durch meine Schuld … Bleiben Sie doch«, bat er, als Maria, entsetzt und gequält,

sich plötzlich zum Gehen wandte. »Einmal müssen wir uns aussprechen, warum nicht lieber heute

als morgen. Was ich Ihnen zu sagen habe, ist bald gesagt. – Unser Vater hat meine Mutter

betrogen – wie die Ihre, nebenbei bemerkt«, brach er höhnisch aus.

»Lüge!« sprach Maria; er aber fuhr fort, ohne sich unterbrechen zu lassen.

»Ich mache ihm keinen Vorwurf, ich klage ihn überhaupt nicht an. Unser Vater hat viel Geld auf

mich verwendet – schade darum! –, mich erziehen, mir Grundsätze beibringen lassen wollen. Ganz

vergeblich, denn – ich habe sein Blut in meinen Adern. Daß sein Sohn ihm gar zu gut

nachgeraten, empörte den vortrefflichen Mann. Endlich zog er seine Hand von mir ab … Der Grund

ist eigentümlich – was?« Er brach in ein Lachen aus, das allmählich in ein heftiges Husten

überging. Auf dem Taschentuche, das er an die Lippen drückte, zeigten sich dunkelrote Flecken.

»Da«, sagte er, »ich bin fertig. Zuviel Verschiedenes kennengelernt im Leben, zuviel Vergnügen

und zuviel Elend. Jetzt bin ich fertig, fertig, hörst du? Der schlechte Spaß mit der

Schneeschaufelei hat mir das letzte Almosen vom Grafen eingebracht, das allerletzte! Laß mich

nicht auf dem Stroh sterben, gib mir ein Obdach, Frau Schwester.«

Sie starrte ihn an wie verloren. »Lügen, Lügen! – ich glaube nicht – ich glaube Ihnen nicht …«

»Wäre freilich das Bequemste, wird aber nicht durchzuführen sein. Fragen Sie nur den Grafen,

meinen Schwager, der weiß von mir, Wolfi Förster, nennen Sie mich ihm nur. Ich will ihn

sprechen, das heißt euch, in der Fischerhütte am Weiher, morgen vormittag zehn Uhr. Kommt

gewiß, ich könnte euch sonst Unannehmlichkeiten bereiten. – Jetzt jagt der verfluchte

Krankheitsteufel mich heim nach dem Bauernhotel, in dem ich mich vorläufig einlogiert habe.«

Er knöpfte seinen Rock zu, Fieberfröste schüttelten ihn. »Auf Wiedersehen.«

Damit reichte er Maria die Hand, sie zog die ihre mit Abscheu zurück. »O Frau Schwester«, rief

er, »du bist noch hochmütiger als unser edler Herr Vater!«

7

Hermann hatte die Erzählung von Marias Abenteuer im Parke schweigend angehört und sich am

nächsten Morgen zur Zusammenkunft mit Wolfi im Fischerhause eingefunden.

»Ein Schwerkranker, vielleicht ein Sterbender«, sagte er bei seiner Rückkehr. »Mag er nun

sein, wer er will, wir können ihm die Aufnahme, um die er bittet, vorläufig wenigstens nicht

verweigern.«

»Wir können – du meinst, wir dürfen nicht«, fragte Maria. »So hat denn dieser Mensch einen

Anspruch …«

»Genausoviel Anspruch«, unterbrach er sie, »als wir Erbarmen mit ihm haben.«

»Mir flößt er keines ein, er ist zu keck«, gab sie zur Antwort. Sie erkundigte sich kaum nach

dem, was für ihn geschah, obwohl Lisette dem hergelaufenen Gast eine ganz merkwürdige

Teilnahme bezeigte. Es war ihm eine kleine Wohnung im Hause einer Hegerswitwe angewiesen

worden, das am Saume des Waldes und doch nahe genug am Dorfe lag, um den täglichen Besuch des

Arztes zu ermöglichen. Diesen, einen sehr gutmütigen und sehr neugierigen ältlichen Herrn,

beehrte Lisette mit ihrem Vertrauen. Sie saßen nebeneinander am Bette des Kranken, der in den

ersten Tagen aus stumpfer Bewußtlosigkeit nur auffuhr, um in Fieberphantasien zu verfallen, in

denen er lachte und schwatzte und alle Geheimnisse seiner armen, verkommenen Seele

ausplauderte.

Der Doktor trank förmlich jedes seiner Worte. »Fräulein Lisette«, sagte er einmal, »da werden

verborgene Familienverhältnisse vor uns enthüllt.«

Sie lächelte: »Bin eingeweiht, Herr Doktor, und brauche mir darauf nichts einzubilden. Wer das

Haus kennt, kennt diesen wilden Sprößling, der in Wolfsberg zur Welt gekommen ist. Wäre auch

schwer zu verleugnen gewesen bei der Ähnlichkeit und bei dem impertinenten Spektakel, den

seine Mutter vor der Hochzeit des Herrn Grafen gemacht hat – als ob nicht viele andere

dieselben Ansprüche … Na, darüber ist nichts zu sagen …« brach sie plötzlich ab.

»Sagen Sie doch, Fräulein, genieren Sie sich nicht und sagen Sie doch!«

Lisette erwiderte mit einem kleinen Achselzucken voll Koketterie: »Können sich selber denken.

So ein Herr wie unser Graf, so eine Schönheit, kann der was dafür, daß ihm die Weiber

nachlaufen? – ‘s ist ihre Sach und ihre Schuld. So ein Herr wird sich nicht auf den heiligen

Aloisius hinausspielen.«

Doktor Weise stimmte bei. Er hätte gern einen recht nichtsnutzigen Witz gemacht, um auf das

alte Fräulein den blendenden Eindruck eines Don Juan hervorzubringen. Weil er aber von Natur

ein keuscher Mann war, wollte ihm nichts Frivoles einfallen.

Lisette erneuerte den feuchten Umschlag auf Wolfis Stirn. »Ein so hübscher Bursche und soll

schon sterben«, seufzte sie. »Recht traurig, aber im Grunde doch das Beste für ihn und auch

für die anderen.«

Der Doktor sah seinen Patienten, der jetzt ruhig atmete und sanft zu schlafen schien, prüfend

an: »Gut gebaut, kräftig, kann sich noch eine Zeitlang wehren.«

»Wie lange zum Beispiel?«

»Schwer zu erraten – möchte mich nicht vor Fräulein blamieren« – er verbeugte sich galant –,

»ich glaube nur, bei vortrefflicher Pflege – in dieser gesunden Luft – vielleicht noch zwei

Jahre.«

Der Kranke schlug die Augen auf und blickte ihn zornig an: »Esel«, sagte er, so laut er

konnte, »merken Sie nicht, daß ich wach bin?«

»Ich merke, daß Sie Ihre Besinnung wieder haben, und gratuliere«, sprach der Arzt, nicht im

geringsten beleidigt.

»Zwei Jahre – wieviel Tage sind das?… rechnen …« Wolfi begann langsam zu zählen, seine Stimme

wurde immer schwächer, er schlief wieder ein.

»Schon bei Besinnung«, flüsterte Lisette, »das hätte ich nicht geglaubt. Das ist eine schöne

Kur von Ihnen, Sie reißen ihn am Ende gar noch heraus. Aber dann ist das erste« – diese Worte

wurden von einer bezeichnenden Gebärde begleitet –, »abreisen.«

»Wird schwerlich dazu kommen, Fräulein«, erwiderte der Doktor und verbeugte sich noch galanter

als vorhin.

Lisette aber warf einen Blick in den kleinen Spiegel, der an der Wand über dem Schranke hing,

und sagte zu sich: Ich weiß eigentlich nicht, warum ich so altmodische Hauben trage.

Zur selben Stunde war Maria im Schloß an ihren Schreibtisch getreten mit der Absicht, den

letzten Brief Wolfsbergs zu beantworten. Ein Brief, reich an ernsten und eigentümlichen

Gedanken, voll tiefer Empfindung und Zärtlichkeit, den sie mit Stolz und innerster

Herzensbefriedigung gelesen und wieder gelesen. Nie hatte ihr Vater so liebreich zu ihr

gesprochen, wie er an sie schrieb; jetzt fürchtete er nicht mehr, sie zu verwöhnen.

Am Tische Platz nehmend, bemerkte sie, daß die Kassette aus dem Nachlasse ihrer Mutter neben

die Mappe gestellt worden war.

Eine alte Bekannte! Wie oft hatte Maria sie stehen gesehen, immer auf demselben Platz im

Zimmer ihres Vaters, und ihre feinen Ornamente betrachtet. Jetzt holte sie den kleinen

Schlüssel, dessen Griff ihr in ähnlicher Weise durchbrochen und verziert geschienen hatte, aus

der Emaildose und steckte ihn in das Schloß. Er paßte, wollte sich aber nicht drehen lassen.

Viel Geduld und Geschicklichkeit mußte angewendet werden, bevor es gelang, der Deckel

aufsprang und der Inhalt zum Vorschein kam. Der bestand aus einem zerrissenen Heft, dessen

vergilbte Blätter mit einer zarten, feinen Schrift dicht bedeckt waren, und aus alten, mit

einer verblaßten Schleife zusammengebundenen Briefen. Maria zog einen derselben hervor. Ihr

Vater hatte ihn als Bräutigam an ihre Mutter gerichtet, und die glühendste Leidenschaft sprach

sich darin mit hinreißender Beredsamkeit aus. Wie mußten die Beteuerungen, diese Schwüre

überzeugt und beseligt haben! Wie reich war das Leben, das durch die Liebe eines solchen

Mannes geschmückt worden! Und wenn auch früh erloschen, es hatte den köstlichsten, den

seltensten Inhalt gehabt – ein volles Glück.

Maria griff nach einem der Blätter, auf denen sie die Schrift ihrer Mutter erkannt hatte. Es

hing mittelst eines Seidenfadens lose mit den anderen zusammen und war, wie alle, ein

Bruchstück. Das Ganze machte den Rest eines Heftes aus, das einst ziemlich stark gewesen sein

mochte. Verbogen und zerknittert fand sich noch der Umschlag vor. Maria glättete ihn, so gut

es ging. Er trug die mit größtem Fleiß kalligraphisch ausgeführte Aufschrift: »Im Himmel« und

das Datum 1850. Aber die schönen Lettern waren durch Kreuz- und Querstriche verunstaltet,

recht wie mit kindischer Zerstörungslust, und eine unsichere Hand hatte sich bemüht, als

Vignette einen Teufel hinzuzeichnen; die kaum zu entziffernden Worte: »Der König des Himmels«

und das Datum 1858 standen darunter.

Maria las hier und dort einen Satz, eine Zeile; ihr Gesicht verfinsterte sich; wie versteinert

blickte sie nieder auf die verstümmelten Blätter. Die stummen, toten Zeichen aber wurden

lebendig und sprachen und gaben Zeugnis von einem längst eingesargten Schmerz. Der

überwundene, der vergessene, da war er aus dem Grabe auferstanden und stöhnte erschütternd

seine Klagen aus.

Sie fanden einen qualvollen Widerhall in der Seele Marias. Nun war ihr einmal wieder etwas

zerstört worden: ein beglückender Glaube … Glaube? Nein, ein Glaube, der auf einem Irrtum

beruht, ist ein Wahn. Maria wäre sehr gestimmt gewesen, dem ihren nachzuweinen: das

Künstlerische in ihrer Natur sträubte sich gegen die Zerstörung des Ideals, das ihr Vater ihr

bisher gewesen war. Da fiel ein Wort ihr auf, das am Rande eines der mißhandeltsten Bogen des

seltsamen Tagebuches stand: WAHRHEIT, groß geschrieben, von einer leichten Arabeske

umschlungen.

Maria blickte nicht mehr auf, bevor sie den Sinn der letzten ihr noch halbwegs verständlichen

Zeile in sich aufgenommen hatte. – Dann küßte sie die Blätter innig und lange, trug sie zum

Kamin, verbrannte sie und erwartete auf den Knien das Verlöschen der Flammen. Das Geheimnis

der Toten blieb aufbewahrt im Herzen ihres Kindes.

Einige der aus dem Zusammenhang gerissenen Stellen, die sich dem Gedächtnisse Marias fast

vollständig eingeprägt, lauteten:

»Die Wahrheit verlange ich von dir. Du sollst nicht lügen. Treu sein, festhalten, was dein

Herz einmal ergriffen hat, kannst du nicht. Du bist schwach und hilflos deinen Leidenschaften

gegenüber. Sei wenigstens wahr. Dem Schwachen Bedauern, dem Lügner Verachtung.

Eifersüchtig ist nicht das rechte Worte. Würde ich sonst deinen Wolfi lieben? Würde ich sonst

das Andenken seiner Mutter ehren? – Und ich hätte Grund, auf sie eifersüchtig zu sein, denn

sie hat dich mehr geliebt, als ich dich liebe; ich hätte dir nicht geopfert, was sie dir

geopfert hat: ihre Eltern, ihre Heimat, Ehre und Pflicht.

Wenn meine Tochter erwachsen sein wird, werde ich ihr sagen: heirate nicht aus Liebe. Man

glaubt, vereint sein mit dem Geliebten, das ist der Himmel auf Erden. Es ist nicht wahr. Was

macht den Himmel zum Himmel? Daß ein Gott darin regiert und – – –

Wenn Gott nur so gut wäre, wie wir sind gegen unsere braven Diener, dann hätte er mich erhört.

Habe ich nicht alle meine Pflichten getreu erfüllt?… war ich nicht gläubig und fromm? Wenn

Gott gut und gerecht wäre, hätte er mich gehört. Aber es ist überhaupt kein Gott im Himmel,

nur ein Teufel, und der straft mich.

Geliebter, wenn die Jugend hinter uns liegen wird, wenn du zu mir zurückgekehrt sein wirst und

ich dir alles verziehen haben werde, dann lesen wir zusammen, was ich jetzt schreibe, und

reichen uns die Hände und lachen – und weinen auch ein wenig.

… daß du Alma verleitest – sie hat ein Gewissen. Es schläft jetzt nur, du hast es

eingeschläfert, du weißt, wie man das macht … aber es wird erwachen, und dann – – –

Ich glaube es nicht, ich will es wissen, mich überzeugen, euch auflauern. Ich bin jetzt ein

Jäger, ihr seid das scheue Wild …

Manchmal fürchte ich und manchmal hoffe ich den Verstand zu verlieren. Wir werden mein

Tagebuch nicht zusammen lesen, Geliebtester. Ich glaube, daß ich es zerreißen muß. Die schöne

Schilderung der glücklichen Tage – schon fort. In kleine, kleine Stücke gerissen und fliegen

lassen von ›hoher Altane am Turm‹… Wie sie stoben im Winde … Woran habe ich gedacht? woran

nur? An mein Glück oder was? Ich weiß nicht mehr …«

Bei dem nächsten Besuch, den Hermann im Hegerhause machte, begleitete ihn Maria. Der Kranke

erholte sich sehr langsam von dem letzten heftigen Anfall seines Leidens. Er lag in tiefer

Erschöpfung dahin, halb wachend, halb schlafend, nahm nur widerstrebend die Nahrung, die man

ihm reichte, und zählte ohne Unterlaß an seinen Fingern, wieviel Monate, Wochen, Tage er noch

zu leben habe. Die Rechnung war ihm aber zu schwer und wollte nicht stimmen. Gegen alle, die

ihm nahten, Hermann nicht ausgenommen, legte er feindseliges Mißtrauen, ein mürrisches und

schroffes Wesen an den Tag, das sogar die Geduld seines langmütigen Arztes sehr oft

erschöpfte.

Nur wenn Maria an sein Bett trat, glättete sich seine Stirn, er lächelte; unter seinem kleinen

schwarzen Schnurrbart schimmerten seine Zähne hervor, jung und gesund wie die eines Kindes. In

der Tiefe seiner dunklen Augen entzündete sich ein unheimlicher Glanz: »Frau – – –« sprach er

und machte eine lange Pause. Fürchtest du dich, fürchtest du das Wort, das ich jetzt sagen

könnte? fragte sein boshafter und drohender Blick. Aber der ihre hielt ihn im Bann. Stolz und

kalt ruhte er auf ihm, und er murmelte verwirrt: »Frau Gräfin.«

Sie kam regelmäßig, aber nicht an bestimmten Tagen, wöchentlich zweimal, auf der Rückkehr von

ihren Gängen durch das Dorf. Dort hatte sie die Armen und Kranken besucht, war wohl auch in

die Schule getreten und hatte einer Unterrichtsstunde beigewohnt. Sie hatte getadelt, gelobt,

mit vollen Händen gegeben und mit alledem nur eine Einführung ihrer Schwiegermutter

aufrechterhalten – nicht ganz in deren Sinn jedoch.

Gräfin Agathe hatte von den Leuten, denen sie Hilfe angedeihen ließ, eine Gegenleistung

gefordert: »Du bekommst das unter der Bedingung, fortan das Wirtshaus zu meiden. – Du bekommst

jenes unter der Bedingung, daß du von heut ab deine religiösen Verpflichtungen pünktlich

erfüllst.«

Maria hingegen stellte nicht nur keine Bedingungen, sie lehnte sogar den Dank ab, dessen meist

überschwengliche Äußerungen ihr widerstrebten. So verstimmte sie die Geistlichen und die

Lehrer, die gewohnt gewesen waren, ihren Teil von der gräflichen Wohltätigkeit mittelbar

einzuheimsen, und entwertete ihre Geschenke bei den Empfängern. – Wie hoch soll denn

angeschlagen werden, was umsonst zu haben ist?

»Mit einer Hand geben und die andere zum Nehmen ausstrecken«, sagte Maria zu Hermann, »ekelt

mich an.«

»Das versteh ich nicht«, entgegnete er. »Was diesen Menschen vor allem anderen fehlt, was

ihnen vor allem anderen beigebracht werden muß, ist das Pflichtgefühl. Mit Wohltaten wirst du

es nicht wecken.«

»Wecke ich es, wenn ich ihnen einen Handel vorschlage, einen Tausch?«

»Viel eher. Wenn du einem anderen Gutes tust und zum Preis dafür verlangst, daß auch er etwas

Gutes tue, kannst du damit einen Begriff von Billigkeit in ihm erwecken, eine Ahnung dessen,

was Pflicht ist. Und wenn du das getan, hast du ihm unendlich mehr genützt als durch momentane

Linderung seines Elends.«

Sie mußte das gelten lassen und tat es gern. Es freute sie, von ihm überwiesen zu werden, sich

seiner größeren Erfahrung zu beugen, seine schlichte Lebensweisheit anzuerkennen. Ein schönes

Leben ließ sich an seiner Seite führen, ein tätiges und hilfreiches Leben. Für alles fand sich

Zeit darin, auch für die Pflege ihrer geliebten Kunst.

Im Spätsommer sollte Graf Wolfsberg zu längerem Aufenthalt bei seinen Kindern eintreffen. Kurz

vor dem Tage jedoch, an dem sie ihn erwarteten, kam seine Absage. Er hatte die vorläufige

Vertretung eines hohen Herrn an einem fremden Hofe übernehmen und den Besuch in Dornach auf

ein Vierteljahr hinausschieben müssen.

Der Gleichmut, mit dem Maria diese Nachricht empfing, setzte Hermann in Erstaunen, wie schon

längst das Schweigen, das sie seit ihrer Verheiratung über Alma Tessin beobachtete. Ein Brief

von ihrer einst besten Freundin, den er selbst ihr gebracht hatte, war unbeantwortet

geblieben. Hermann fragte nicht warum. Er wollte seiner Frau eine peinliche Erörterung

ersparen; es lag ja klar am Tage: der Zufall, den die Blinden blind nennen, hatte hier

gewaltet und Maria in Kenntnis von Dingen gesetzt, die ihr bisher sorgfältig verborgen worden.

Der Herbst kam, die Weihnachtszeit rückte heran. Schnee und Eis bedeckten die Wiesen und die

Weiher, die Natur war tot – scheintot. Unter dem Herzen Marias aber regte sich ein neues Leben

und strebte frisch und kräftig dem Tageslicht entgegen.

8

Ein banger Tag in Dornach.

Die stattliche Frau, die seit einer Woche im Schloß wohnte, der die Mahlzeiten auf ihrem

Zimmer serviert wurden und die zum Verdruß des Kellermeisters mittags und abends eine Flasche

Bordeaux vertilgte, weilte seit zwei Uhr nachts am Bette der Gräfin. Auf dem Bahnhofe wartete

eine Equipage die Ankunft des Schnellzugs aus Wien ab, mit dem der Herr Professor ankommen

sollte. Der Herr Doktor hatte sich in Lisettens jungfräulichem Gemache etabliert, und wenn

sich ein Geräusch auf dem Gange vernehmen ließ, trat er hinaus und sprach zu dem etwa

Vorbeikommenden: »Ich bin hier – daß Sie’s wissen – für den Fall, daß ein Arzt nötig wäre, daß

Sie wissen, wo er zu finden ist.«

Niemand hörte auf ihn, er war ganz uninteressant. Die gespannte Aufmerksamkeit richtete sich

ausschließlich auf die Frauen, denen Gelegenheit zu irgendeiner Handreichung in der Nähe der

Wochenstube gegeben war.

Am Nachmittage mußte Hermann sich’s gefallen lassen, vom Schmerzenslager seiner Frau, an

dessen Ende er mit verstörtem Gesichte stand, durch Base Wilhelmine entfernt zu werden.

Jetzt waren sie in seinem Schreibzimmer, sein Vetter und er. Wilhelm hatte mitten auf dem

Diwan Platz genommen, sich vorgebeugt und beschäftigte sich damit, seine dicken roten Finger

knacken zu machen. Hermann ging rastlos neben dem Bücherschrank, der die Längenwand einnahm,

auf und ab und pfiff entsetzlich falsch oder versank in ein düsteres Schweigen oder pflanzte

sich vor Wilhelm hin und starrte ihn an.

Die Dämmerung war eingebrochen, der Kammerdiener erschien.

»Was willst du?« fragte sein Herr.

»Die Lampe anzünden.«

»Wir brauchen keine Lampe«, brachte Hermann mühselig hervor, und Wilhelm dachte: Dem armen

Kerl ist das Weinen nah.

»Heute«, sagte er nach einer Pause, »haben wir drei Marder in der Falle gefangen«, worauf sein

Vetter erwiderte: »Wieviel Uhr ist es?«

»Fünf hat’s just geschlagen.«

»Dann muß ja um Gottes willen der Professor schon hier sein.« Er schellte, und es dauerte

unglaublich lang, bis endlich ein Lakai eintrat und meldete, der Herr Professor sei angelangt,

und Lisette habe ihn zur Frau Gräfin geführt.

Eine Stunde verfloß, in der die Zeit bleierne Wellen rollte und Wilhelm die nutzlosen

Versuche, Hermanns Gedanken abzulenken, aufgab. Plötzlich blieb dieser stehen und lauschte. Er

hatte die hastenden Schritte, die sich nahten, erkannt, es waren die Wilhelminens. Sie riß die

Tür auf. Das Nebenzimmer war hell erleuchtet, und wie von strahlendem Goldgrund hob ihre

Gestalt auf der Schwelle sich ab. »Hermann?« rief sie fragend in das Dunkel hinein. »Komm,

Hermann, komm – du hast einen Sohn!«

»Und Maria …«

»Wohl, Gott sei Dank.«

Er stürzte auf sie zu und hob die schwere Frau in seinen Armen in die Höhe und jauchzte laut.

»Was heißt denn das?« sagte sie. »Nimm dich zusammen. Sie ist noch matt. Wenn du dich nicht

zusammennimmst, darfst du nicht zu ihr.«

»Oh – ich nehme mich …« er machte einen ungeheuren Aufwand an Selbstüberwindung, warf sich in

die Brust, umschlang seine Base und zog sie mit sich fort. »Wilhelm, telegraphiere du an meine

Mutter, an meinen Schwiegervater«, rief er noch atemlos zurück und durchmaß den ganzen Weg auf

den Fußspitzen, betrat Marias verhängtes Zimmer unhörbar wie ein Sylphe und hätte am liebsten

Wolkenform angenommen, um ihr zu nahen.

Sie lag ganz still, war blaß – blaß bis an die Lippen und sah unendlich müde aus. Aber sie

lächelte ihn an, glücklich, sanft und milde. Das Herz wollte ihm übergehen vor Rührung – doch

sie haßte es, bedauert zu werden; er durfte nichts sagen, er küßte nur leise ihre Hände und

blickte dabei mit einer gewissen Verlegenheit nach einem weißen Bündel aus Stoffen, Spitzen,

Stickereien, Bändern, das neben sie hingelegt wurde.

»Ich gratuliere Ihnen zu einem Prachtbuben«, sprach der Professor, aus dem Nebenzimmer

tretend.

»Wo?« stotterte Hermann, und Wilhelmine brach aus: »Jesus Maria, da doch!«

Da – ganz richtig. Unter den Stickereien und Spitzen guckte etwas hervor. Ein kleines

braunrotes Gesicht, mit faltenbedeckter Stirn, mit lichtscheuen, fest zugedrückten Äuglein,

einer Nase, die mit unzähligen kleinen gelben Pünktchen bedeckt war, und einem winzigen Mund.

Es waren auch Pfötchen zu sehen, die unverhältnismäßig lange Finger hatten und die zartesten

schmalsten Nägel. Das also war der »Prachtbub«, das war der »Sohn«.

Hermann wunderte sich und küßte auch ihm die Hände.

Maria erholte sich langsam, und Doktor Weise, der nach der Abreise des Professors Ordinarius

geworden, wurde nicht müde, die größte Schonung zu empfehlen. »Besonders der Nerven. Nur keine

Aufregung, Herr Graf, Fräulein Lisette, Fräulein Klara, nur keine Aufregung!« – Er freute

sich, daß die Taufe nicht vor dem vierzehnten Tage stattfinden konnte, weil es dem Grafen

Wolfsberg, der durchaus selbst als Pate seines Enkels fungieren wollte, unmöglich war, früher

einzutreffen.

Der Graf schrieb oder telegraphierte täglich, und es schien Hermann, als ob diese Botschaften

ihres Vaters Maria peinlich berührten. Zuletzt wagte er nicht mehr, sie ihr mitzuteilen. Nun

aber fragte sie allabendlich: »Kommt der Vater?« und als endlich die Antwort lautete:

»Morgen«, da flammte eine fiebernde Röte auf ihren Wangen auf. Sie schloß die Augen, in

kurzen, raschen Schlägen klopfte ihr Herz, eine unnennbare Bangigkeit überkam sie.

»Was ist dir?« fragte Hermann. »Maria, was bekümmert dich? Es ist etwas, das dich bekümmert

und das du mir verschweigst.«

Sie seufzte tief auf. »Laß es« – bat sie, »wir wollen nie davon sprechen. Geh jetzt, es ist

spät. Ich muß Ruhe haben und Kräfte sammeln für morgen.«

»Natürlich«, erwiderte er und befand sich schon auf den Fußspitzen und schlug sein beliebtes

Sylphentempo an.

Maria winkte ihn zurück: »Eines möchte ich dich bitten – bringe es dem Vater vor. Das Kind

soll Hermann heißen, Hermann Wolfgang … Verstehst du mich? Und dir, Lieber, möge es

nachgeraten.«

Er ging beseligt, er machte sich selbst zum Hüter der Ruhe, nach der sie verlangte. Mehr als

Stille ringsumher vermochte er jedoch nicht herzustellen. Eine so tiefe Stille, daß Maria das

Atemholen des Kindleins hören konnte, dessen Wiege dicht an ihrem Bette stand. – Es war

unerhört brav, schrie gerade soviel, als sich’s für einen zwei Wochen alten Jüngling gehört,

sog seine Nahrung aus der mütterlichen Brust und schlief und lächelte oft im Schlafe.

Und der Anblick seines Friedens war die einzig wirksame Labung, die Marias Seele empfangen

konnte in dieser letzten Nacht vor dem Wiedersehen mit ihrem Vater. Ein Wiedersehen und keines

– es sollte ja ein anderer Mensch vor sie treten, nicht der, den sie geliebt und angebetet,

einer, der gelogen, betrogen und getötet – einer, den sie gerichtet hatte.

Am nächsten Morgen war er da, völlig unermüdet, trotz der langen Reise. Den Wagen, der ihn auf

der Station erwartete, hatte er seinem Kammerdiener überlassen und kam zu Fuß an. Ein

tüchtiger Marsch in der tauigen Frühe war ihm Bedürfnis gewesen nach zweien im Waggon

verbrachten Nächten.

Sein Schwiegersohn lief ihm entgegen, die beiden Männer schüttelten einander die Hände.

Wolfsberg fragte zuerst nach Maria und dann unverzüglich nach Waschwasser und ließ sich in die

für ihn bereiteten Zimmer führen.

Eine halbe Stunde später stand er vor seiner Tochter, mit unnachahmlich kunstvoller

Nachlässigkeit gekleidet, duftend von Reinlichkeit und Eau de Toilette, einen freudig

gerührten Ausdruck in seinem energischen Gesichte. Er klopfte Maria auf die Wange und sagte,

halb zu Hermann, halb zu ihr: »Mager ist sie geworden.«

Sie hätte aufschreien mögen: Ich weiß, was du getan hast, und werde es dir nie verzeihen! –

aber sein Anblick, seine Stimme, sein flüchtiger Kuß auf ihre Stirn übten ihre alte Macht. Sie

beugte sich ihr fast ohne Widerstreben. – Er ist ja doch mein Vater, dachte sie.

Der Graf schenkte seinem Enkel die gebührende Aufmerksamkeit, setzte sich an das Bett Marias

und begann mit ihr zu sprechen, mehr von sich als von ihr, offenherzig, vertrauensvoll, recht

wie zu einem ebenbürtigen Geiste, dessen Verkehr er lange und schwer entbehrt. Ihre Kälte und

Beklommenheit waren ihm sofort aufgefallen. Er schrieb sie ohne weiteres der richtigen Ursache

zu: Maria hatte etwas, das ihn in ihren Augen herabsetzte, erfahren. Durch wen? – Um gegen

Hermann auch nur den Schatten eines Verdachtes zu hegen, war Wolfsberg zu sehr Menschenkenner.

Was liegt auch daran, dachte er, durch wen deine Illusionen über mich zerstört wurden, du

armes Kind, sie sind fort. Du mußt lernen, mich zu nehmen, wie ich bin, und einsehen, daß du

dennoch stolz auf deinen Vater bleiben kannst. – Da entfaltete er seine ganze zielbewußte

Liebenswürdigkeit, stellte sich in das hellste Licht – indem er einen Irrtum, irgendein

begangenes Unrecht eingestand. Mit der Miene eines Emporblickenden ließ er sich zu ihr herab,

die er weit übersah. Galt es doch, einen erschütterten Einfluß wiederzugewinnen, eine

schwankende Neigung wieder zu befestigen: zu erobern, mit einem Wort …

Wie ihm die Aufgabe gelang! – Wie seine Tochter, als er nach kurzem Aufenthalte Schloß Dornach

verließ, ihn liebte, mehr als je! Der Starke war hilflos seinen Leidenschaften gegenüber, gab

das nicht Grund, ihn zu bemitleiden? Und wer hatte seine Kämpfe gesehen? Mit so feinem Sinn

für alles Edle begabt, was mußte er leiden unter dem Bewußtsein seiner Fehlbarkeit! Er gehört

ja nicht zu denen, die sich feig über ihre Mängel hinwegtäuschen. Dieser Selbsterkenntnis,

sagte sie sich, war wohl auch seine harte Zurückweisung Tessins entsprungen. Vielleicht fand

er – in einer Hinsicht wenigstens – zwischen dem und sich Ähnlichkeit … Er wollte seine

Tochter vor den schmerzvollen Enttäuschungen bewahren, die er ihrer Mutter bereitet hatte.

Nach wie vor weihte Maria der Toten die frömmste und getreueste Erinnerung, doch war sie in

ihren Augen nicht mehr das Opfer eines Verbrechens, sondern die Märtyrerin eines unabwendbaren

Schicksals, eine leidverklärte Heilige, vor deren Bild sie in Andacht versank.

Allmählich kehrte ihre Heiterkeit zurück und wuchs mit dem Gefühle zunehmender Kraft und

wiedererlangter Gesundheit. Sie hatte es durchgesetzt, sie nährte ihr Kind selbst, obwohl das

jetzt »niemand« mehr tut und selbst die Ärzte ihr davon abgeraten. Aber sie wußte wohl, was

sie sich zutrauen durfte.

Ihr Vetter Wilhelm trug eine Bewunderung für sie zur Schau, die sich in den ausbündigsten

Aufmerksamkeiten äußerte. Den ganzen Winter hindurch kam er allabendlich, bei jedem Wetter,

herübergeritten, machte halt im Schloßhofe, fragte: »Wie geht’s?« und kehrte nach erhaltener

Antwort heim auf seiner kugelrunden Falbin. – Sobald die Wege wieder fahrbar geworden, kamen

die Familiendiners am Dienstag von neuem in Aufnahme.

Nach dem ersten hatte Wilhelm seinen Vetter in eine Fensterecke gedrückt und ihm geheimnisvoll

zugeflüstert: »Deine Frau war bisher immer wunderbar – gemütlich aber ist sie erst jetzt

geworden. Das macht das Kind, ja, mein Lieber … Man sagt: des Herzens Schrein – ganz falsch,

es sind Schreine. Da und dort steht einer offen von Jugend auf. Die anderen öffnen sich nach

und nach – ich spreche nur von guten Menschen natürlich – und den Schlüssel zum wichtigsten

bringt manchmal ein Kindlein mit, in seiner kleinen Hand.«

In der Tat schien Maria ein ungetrübtes Glück in ihrer Ehe gefunden zu haben. Und war sie

nicht auch beneidenswert vor Tausenden? Vergöttert und angebetet von einem Manne, den sie

innig wertschätzte, Mutter eines blühenden Kindes, schön, ohne eitel, und hochbegabt, ohne

ehrgeizig zu sein, reich genug mit Glücksgütern gesegnet, um dem regsten Wohltätigkeitssinne

Genüge tun zu können, gehörte sie zu den Auserwählten des Schicksals. Sie selbst empfand es

als eine Pflicht, sich zu ihnen zu zählen.

Früher, als Hermann es gestatten wollte, hatte sie sich wieder in den Hütten der Armen

eingefunden, aber mahnen und drängen mußte er, bevor sie den Entschluß faßte, die Schwelle

Wolfis nach langer Zeit von neuem zu überschreiten.

Er war, kaum erholt von einem abermaligen heftigen Anfall seines Leidens, dennoch

aufgestanden, um sie zu empfangen, und kam ihr einige Schritte entgegen. Ein greisenhafter Zug

bildete sich um seinen Mund, als er sie anlächelte. »Endlich, Frau Gräfin«, sprach er mit

schwacher und heiserer Stimme, »endlich – Sie sehen, es geht besser. Ihr großer Arzt gibt mir

nur noch beiläufig fünfhundert Tage zu leben, aber ich beabsichtige, Ihnen länger zur Last zu

fallen, als der Gelehrte sich’s träumen läßt, ich …«

Hermann unterbrach ihn mit der Aufforderung, jetzt das Bekenntnis zu tun, das er auf dem

Herzen habe.

»Aber verderben Sie mir die Freude nicht, Frau Gräfin«, sprach Wolfi.

»Welche Freude?«

»Die, zuzuhören, wenn Sie Klavier spielen … Staunen Sie nur! Der elende Kerl, der Wolfi, hat

Sinn für Musik – besonders für diejenige, die Sie treiben.« Er klopfte mit der flachen Hand

auf seine Brust. »Balsam, Frau Gräfin. – Ich habe mich auf allerlei Umwegen in die Nähe des

Schlosses geschleppt, bis zum Gartenhaus hinter den Fliederbüschen, und gelauscht … Ja, das

war Musik! Dabei läuft es einem kalt über den Buckel, und das ist das Rechte. Ich hatte Ihnen

soviel Leidenschaft gar nicht zugetraut. – Sie haben es da«, er griff ans Herz, »und in den

Fingern, und ich hätt es auch gehabt, wäre gewiß ein Künstler worden … Aber hat’s denn sein

dürfen?… Was, Künstler – Lump! Eine Satzung des großen Grafen: Aus dem Künstler wird nichts,

wenn nicht der Lump in ihm die Begeisterung dazu gibt … Also ich bitte um freien Eintritt in

das Gartenhaus, bitte auch, den Hunden und den Leuten aufzutragen, mich dort unbehelligt zu

lassen, wenn ich komme, was nicht gar zu oft geschehen wird. Aber ich darf? – ich darf?«

wiederholte er ungeduldig.

Maria zögerte: »Ein versteckt lauschendes Publikum ist nicht angenehm.«

»Flausen! was wissen Sie, wenn Sie spielen, von einem Publikum.«

Hermann legte seine Fürsprache ein, und der Wunsch Wolfis wurde gewährt.

Von diesem Tag an verlängerte Maria ihre Besuche bei dem Kranken. »Ein Mensch, der sich noch

Empfänglichkeit für das Schöne erhalten hat, kann nicht ganz schlecht sein«, meinte sie und

betrachtete es als ihre Aufgabe, diese Seele, die schon so bald vor den ewigen Richter gerufen

werden sollte, zu retten. Sie hielt den Zynismus, mit dem er ihre Vorstellungen aufnahm, für

eine scheußliche Maske, und die Einwendungen, die er ihr machte, für erbärmliche Prahlereien.

Eines Nachmittags fand sie ihn in großer Aufregung. Er war mit dem Lesen eines Briefes

beschäftigt und empfing sie mit den Worten: »Habe ich noble Korrespondenten, he? Sehen Sie

doch die Unterschrift.«

Sie las mit peinlicher Verwunderung »Felix Tessin«.

Wolfi steckte den Brief ein. »Ja«, sprach er nachlässig, »der antwortet einem doch, erinnert

sich doch der einstigen Jugendfreundschaft. – Sie lächeln ungläubig? Sie können den

Gassenkehrer nicht vergessen, der hat Ihnen einen unauslöschlichen Eindruck gemacht. Aber

dieser Episode meines bewegten Lebens gingen andere voran … Ei, ei – nun, was ist denn los?«

Er stockte.

Maria hatte eine Art, den Kopf zu heben und Leute, die etwas taten oder sagten, das ihr

mißfiel, dabei anzusehen, die den Kecksten in Verwirrung brachte.

Wolfi erfuhr es jetzt. »Ohne Sorge! Wozu diesen Aufwand an Würde?« spöttelte er, »ich denke

nicht daran, mich in Details einzulassen, ich sage nur: Wir waren befreundet. Felix und ich

studierten in Heidelberg zusammen – fragt mich nur nicht was –, wurden zusammen relegiert.

Tessin kümmerte sich nicht um die Anzahl der Ahnen, die einer hatte, sondern um die der

Frauenherzen, die er bezwang, und um die Klinge, die er führte. Die meine hat er schätzen

gelernt bei jenem Überfall, den ein beleidigter Ehemann gegen ihn in Szene gesetzt hat … Ja,

wir waren Freunde!«

»Und einer des anderen wert«, sprach Maria und wandte sich, um ihr Erröten zu verbergen. Wie

hatte sie diese Worte sprechen können? War ihre Erbitterung gegen Tessin nicht längst

überwunden?

Sie stand auf und verließ das Zimmer.

Lisette, von der sie sich hatte begleiten lassen, überhäufte Wolfi mit Vorwürfen, ehe sie der

Gebieterin folgte.

Er aber blickte aus dem Fenster der hohen Gestalt nach, die langsam hinter den Bäumen des

Parkes entschwand, und murmelte zwischen den Zähnen: »O Majestät, meinen letzten Lebensfunken

für einen Flecken auf deinem Hermelin!«

9

Noch ein Herbst auf dem Lande, noch einmal die Weihnachtszeit in Dornach, die Gräfin Agathe

bei ihren Kindern zubrachte, im Anblick ihres Enkels schwelgend. Nach dem Neuen Jahre trennte

man sich. Hermann und Maria fuhren zum Winteraufenthalte nach Wien, Gräfin Agathe kehrte in

ihre Einöde zurück, nicht ohne die jungen Leute gemahnt zu haben, daß es auch gegen die

Gesellschaft Pflichten zu erfüllen gibt. Während des langen Witwenstandes der Gräfin war kein

Fest gefeiert worden im alten Dornachischen Palast, den ein prachtliebender Ahnherr der

Gastfreiheit seiner Nachkommen erbaut. Allabendlich nur hatte sich das schwere Tor vor der

soliden Equipage einer Familienmutter oder der ehrwürdigen Stiftskarosse geöffnet und Glock

zehn hinter ihr wieder geschlossen unter den tiefen Bücklingen des gähnenden Portiers, der

nach und nach zu der Überzeugung gelangt war, der Zweck des Lebens sei auszuruhen.

Das sollte nun anders werden, viel gründlicher anders, als die Gebieter des Hauses

beabsichtigt hatten. Ihr Vorsatz, sich frei zu erhalten von dem Zwange, alles mitzumachen,

erwies sich als unausführbar; in kurzer Zeit waren sie von dem Wirbel erfaßt. Die Welt sprach

zu ihnen wie zu allen ihren Kindern: Gib dich mir ganz, eine Halbheit kann ich nicht brauchen.

Und Maria wenigstens tat der Welt den Willen, und diese bereitete ihr dafür Triumphe von

berauschender und von denen, die sie als junges Mädchen gefeiert hatte, ganz verschiedener

Art.

Wenn sie früher die Summe dessen zog, was sie sollte, was von ihr verlangt wurde, so lautete

das Resultat: gefallen. Jetzt hingegen schienen alle Menschen nur einen Wunsch, nur einen

Ehrgeiz zu haben, den: ihr zu gefallen. Ein Lächeln, ein freundliches Wort von ihr beglückte,

die geringste Bevorzugung des einen machte hundert Neider.

Der erste Ball bei Dornach hatte ungeteiltes Lob geerntet, ein zweiter Enthusiasmus erregt.

Nun sollte ein dritter am vorletzten Faschingstag stattfinden.

Zu dem eine Einladung zu erhalten, bemühte sich jemand, der bisher die Nähe Marias sorgfältig

gemieden hatte: Felix Tessin. Sie war ihm anfangs dankbar gewesen für seine Zurückhaltung;

doch sagte sie sich endlich, daß in dieser etwas viel Auffälligeres liege als in den banalen

Huldigungen, die ihr von jung und alt dargebracht wurden.

Mit welchem Rechte machte er eine Ausnahme? War zwischen ihnen das geringste vorgefallen, das

ihm erlaubte, sich anders als alle anderen gegen sie zu benehmen?

Fast freute sie sich, als sie eines Tages seine Karte fand und ihm eine Einladung zum Ball

senden konnte. Es war Zeit, daß er seine Sonderstellung aufgab. Erst unlängst hatte Hermann

gesagt: »Tessin hat seine Niederlage noch nicht verschmerzt, er grollt«, und als Maria ihn

staunend und bestürzt angeblickt, ganz ruhig hinzugefügt: »Vor einem braven Manne, den du mir

vorgezogen hättest, wäre ich zurückgetreten, vor Tessin nicht. Ich hätte ihn eher

niedergeschossen als zugegeben, daß er dich heimführt.«

Maria zwang sich mühsam eine gleichgültige Miene ab: »Wie – du hast etwas entdeckt von dem

mißlungenen Versuch des Grafen Tessin, sich auf die einfachste Weise den Einfluß meines Vaters

zu sichern? – Allen Respekt! Außer dir ist dieser kleine diplomatische Fehlgriff niemandem

aufgefallen.«

»So war auch ich einmal scharfsichtig«, hatte Hermanns Antwort gelautet. »Die Liebe tut

Wunder.«

An dieses Gespräch erinnerte sich Maria oft, als die Stunde immer näher kam, in der sie Tessin

als Gast in ihrem Hause sehen sollte. Und welche Vorsätze faßte sie nicht! Mit welcher

Unbefangenheit wollte sie ihm entgegentreten und sogleich den kühl freundlichen Ton anstimmen,

der von nun an zwischen ihnen herrschen sollte.

Der Faschingmontag kam heran. Es war neun Uhr; Maria hatte ihre Toilette beendet und sich noch

in das Kinderzimmer begeben, um dem Kleinen gute Nacht zu sagen. Er erwachte, als sie sich

über ihn beugte, stieß ein freudiges Lachen aus und griff mit beiden Händen nach dem

glitzernden Diadem auf ihrem Haupte. Sie wehrte ihm, küßte ihn, schläferte ihn wieder ein und

flüsterte ihm zu: »Du bist doch mein Höchstes und Liebstes.«

Dann begab sie sich hinüber nach den taghell erleuchteten, blumendurchdufteten Festräumen …

Alles noch leer und still. Nur im Wintergarten, in dem soupiert werden sollte, der Obergärtner

aus Dornach und seine Leute mit dem Ordnen einer Palmengruppe beschäftigt. Und in der Galerie

der Haushofmeister, der mit so feierlichem Ernste, als ob er einem Ministerrate präsidierte,

den schwarzbefrackten Kammerdienern und den goldbetreßten, perückengeschmückten Lakaien seine

Befehle erteilte.

Im kühlen Ballsaale ging Hermann mit dem Direktor der Kapelle, einem berühmten und

liebenswürdigen Künstler, in lebhaftem Gespräch auf und ab. Als Maria sich näherte, blieben

beide stehen, und der Musiker rief unwillkürlich aus: »Wie schön Sie sind, Frau Gräfin!«

»Nicht wahr?« erwiderte sie, seine Bewunderung ebenso unbefangen hinnehmend, wie er sie

geäußert hatte: »Diese Spitzen – eine geklöppelte Symphonie; das Diadem, ein Meisterstück

unseres Köchert, prächtig und doch leicht, ich spüre es kaum – lauter Geschenke meines Mannes

…« Und seine geringsten, dachte sie. Hatte er sich ihr nicht selbst völlig zu eigen gegeben?

Sein erster und letzter Gedanke gehörte ihr, und was ihr Leben schmückte und schön und reich

machte, vom Größten bis zum Kleinsten, war das Werk dieses Mannes, der im Besitz ihres Selbst

noch sehnsüchtig nach ihrer Liebe rang.

Von unendlicher Dankbarkeit ergriffen, freute sie sich, so schön zu sein, freute sich, daß ihn

heute viele glücklich preisen würden. Strahlenden Auges blickte sie in den Spiegel … Sie

konnte zufrieden sein mit sich. Nie hatte ein Kleid ihr besser gestanden als dieses farbig-

farblose, eine Mischung von Grau und Lila, für die die Sprache keine Bezeichnung hat. Das

kostbare, goldgestickte Spitzengewebe, das eben von ihr gerühmt worden, umgab die herrlich

geformte Büste, bildete eine schmale Spange zwischen der Schulter und dem Oberarm und wallte,

kunstvoll gerafft, vom Gürtel nieder bis zu der langen, mit schwerem Goldbrokat gefütterten

Schleppe. Die edle, in zarter Fülle prangende Gestalt war wie von einer goldenen Wolke

umschimmert, und eine Wonne für das Auge die gelassene und stolze Anmut ihrer Bewegungen.

Allmählich füllten sich die Säle. Übermütig oder abgespannt, mit vergnügten, erwartungsvollen

oder mit gelangweilten Mienen wogten die Ankommenden herein. Die paar hundert Menschen, welche

die sogenannte große Welt ausmachen, trafen einmal wieder an einem und demselben Orte zusammen

– Blüte des Adels, Häupter und Angehörige uralter Geschlechter, die ihr Blut rein erhalten

hatten von jeder Vermischung mit dem nicht Ebenbürtiger.

Da stehen sie, eine große Gruppe bildend, die in ihrer Art einzigen, die berühmten Wiener

Komtessen. Die Reden einiger sind so frei und so derb, daß es nicht leicht ist, die

Harmlosigkeit zu ermessen, mit welcher sie geführt werden. »Slang« und nichts weiter, das

fliegt sie so an. Die spricht’s ihrem Vater und jene ihrem Bruder und eine der anderen nach.

In Wahrheit aber sind sie sorgfältig betreut worden, von ihrem ersten Atemzuge an behütet vor

dem Anblick des Häßlichen und Schlechten, aufgewachsen in Unkenntnis des Elends und der

Schuld. Und jetzt führt man sie ein in das Leben, zu welchem das vergangene nur eine

Vorbereitung war; sie nähern sich seiner Schwelle, als wäre sie diejenige der Himmelspforte,

und klopfen herzhaft an.

Und die jungen Herren – sämtlich studierte Leute, wenn auch nicht immer viel mehr, als nötig

ist, um die Offiziersprüfung zu machen. So mancher von ihnen hat auf der Schulbank neben dem

Sohn des Schneiders oder des Branntweinbrenners gesessen und manche sauer erworbene gute

Klasse dem Ehrgeiz zu verdanken gehabt, sich nicht regelmäßig von einem Plebejer überflügeln

zu lassen. Ob sie jedoch gedenken, das Erlernte baldmöglichst wieder zu vergessen und nur noch

ihrem Vergnügen zu leben, oder ob sie sich fühlen als angehende Marschälle, Botschafter,

Minister: dieselbe Zuversicht, daß es die Welt nur gut mit ihnen meinen könne, beseelt alle,

und sie treten hinein wie junge Könige in ihr Reich.

»Schau, wie sie grüßen«, sagte Hermann zu seinem Schwiegervater. »Da hat sich eben ein

blühender Schwarm frischgebackener Leutnants und Attachés durch die Menge gedrängt, um der

Hausfrau seine Reverenz zu machen. Sie stehen unbeweglich, nur die Arme werden noch etwas mehr

geründet, die Schultern noch ein wenig höher emporgehoben als gewöhnlich. Ein leichter Ruck,

der Kopf neigt sich – beileibe nicht zu tief! – eine Viertelsekunde lang – der Gruß ist

abgefertigt.«

»Modern«, sprach Wolfsberg. »Die Bursche sind alle nach demselben Rezept eingetunkt und steif

glaciert in Eleganz.«

»Und soviel Gutes, das sich hinter den Faxen verbirgt, soviel Bravheit, Tüchtigkeit, Mut und –

wie oft – Talent!«

»Wenn sie nur damit etwas anzufangen wüßten … Guten Abend, Fürstin«, unterbrach er sich, das

freundliche Kopfnicken einer wohlerhaltenen stattlichen Dame mit tiefer Verbeugung erwidernd.

»Ich suche einen Platz auf der Estrade zwischen ein paar Nachbarinnen, die nicht gar zu arg

besessen sind vom mütterlichen Ballwahnsinn. Einen Mauerfliegenplatz, mein lieber Graf«, sagte

sie lachend und in bester Laune, obwohl sie wußte: Beim ersten Geigenstrich wird es sie

erfassen mit fast unbezwinglicher Lust, sich noch einmal – ein allerletztes Mal – im Reigen zu

schwingen … Ach! wenn sie sich nicht schämte vor ihrer siebzehnjährigen Tochter …

Die Ankunft des Hofes wurde gemeldet; Hermann eilte den hohen Gästen auf die Treppe entgegen,

und bald darauf eröffnete Maria den Ball am Arme eines jungen Erzherzogs.

Während der ersten Tänze, umringt und umdrängt, in Anspruch genommen von ihren

Hausfrauenpflichten, hatte sie ihn noch nicht gesehen, an den sie seit dem Beginn des Festes

fortwährend dachte. Plötzlich meinte sie seine Anwesenheit zu fühlen. – Er ist da, sagte sie

sich und erblickte ihn. Eine entsetzliche Verwirrung bemächtigte sich ihrer. Seine dämonische

Schönheit fiel ihr wie etwas Neues auf.

Er stand neben dem Fauteuil Gräfin Dolphs, in eifrigem Gespräch mit ihr. Eifrig ihrerseits,

sie war lebhaft angeregt, ein leichtes Rot färbte ihre welken Wangen, ein heiter satirisches

Lächeln umspielte ihre Lippen, ihre scharfen Züge waren von dem Ausdruck der Zufriedenheit

erhellt, die sie nur im Verkehr mit wirklich gescheiten Männern empfand. Tessin sprach wenig,

aber jeder der kurzen Sätze, die er vorbrachte, schien eine Welt von Gedanken in dem

verständnisvollen Geiste der Gräfin zu wecken.

Er brach das Gespräch ab, als sein suchender Blick dem Marias begegnete, und kam auf sie

zugeschritten. Sie wechselten einige Redensarten, er bat um die nächste Polka.

»Ich gebe Ihnen die dritte – mit meiner Kusine Wolfsberg; sie hat, wie mir eben anvertraut

wurde, keinen Tänzer«, antwortete Maria.

Tessin verneigte sich und ging, um die Komtesse zu engagieren, eine der Unbegabtesten ihres

Geschlechts, für die jeder Ball eine Übung im Sitzen war.

Der Kotillon, den Tessin mitmachte, bot ihm endlich die ersehnte, glücklich wahrgenommene

Gelegenheit zu einer Entschädigung. Scheinbar zufällig führte ihn eine Wahltour mit Maria

zusammen. Mit leidenschaftlicher Hast umschlang er sie. »Einmal wieder!« sagte er so laut, daß

sie erschrak, und schon flogen sie dahin, und ihr Atem mischte sich mit dem seinen, und sein

Mund streifte ihre Haare, und er drückte sie an sich und sprach: »Ich habe Sie gemieden,

Gräfin – aus Sorge für meine Seelenruhe«, und sie erwiderte mit einer Stimme, die ihr selbst

fremd klang und herb und unsicher war … Nein, nein, so hatte sie ihm nicht begegnen wollen:

»Und was sichert sie Ihnen jetzt?«

»Nichts, aber ich will sie zu gewinnen – das heißt zu befestigen suchen – fern von Ihnen.«

Sie lachte: »An welchem Ende der Welt?«

Statt zu antworten, flüsterte er ihr zu, rasch und überstürzt: »Es wäre schön gewesen, auch

jetzt noch zu schweigen, wie ich geschwiegen habe, als man mich bei Ihnen verleumdete –

leugnen Sie doch nicht«, kam er dem Einwande zuvor, den sie erheben wollte –, »verleumdete und

Sie die Frau eines anderen wurden … Es wäre heldenhaft gewesen, ich weiß, schweigend in die

Verbannung zu gehen – aber zu so hoher Tugend vermag ich mich nicht aufzuschwingen, und Sie

sollen wissen …«

»Also wirklich in die Verbannung«, unterbrach sie ihn; »da bedaure ich ja sehr die kleine

Nicolette.«

Das hätte sie nicht sagen dürfen! Oh, wie sie das wußte, als es zu spät, als es schon gesagt

war und spöttischer Triumph aus den Augen des Herzenskundigen leuchtete, der in ganz

verändertem und leichtfertigem Tone fragte: »Die Kleine – Sie erinnern sich ihrer? War sie

nicht nett?«

Sie sprach ihn nicht mehr an diesem Abend, den er ihr, den sie selbst sich vergällt hatte, den

sich ins Gedächtnis zurückzurufen ihr peinlich wurde. Sie hörte, daß er einen »exotischen«

Posten angenommen hatte und Österreich und Europa für Jahre verlassen sollte, sehr bald

wahrscheinlich, vielleicht schon in einigen Wochen; der Zeitpunkt war noch nicht genau

bestimmt.

Fast täglich führte die ruhelose Geselligkeit, in der sie lebten, sie zusammen. Sie trafen

einander auf dem Eise, im Prater, bei Diners, in Soireen. Und er, mit großer Geschicklichkeit,

mit steter Beherrschung seiner selbst, wußte immer da zu sein, wo sie war, und sich dann mit

allen außer mit ihr zu beschäftigen. Er machte auf das eifrigste der und jener koketten Frau

in Marias Gegenwart den Hof, er verschwendete die Schätze seines Geistes und seines Witzes an

irgendeine hübsche Dutzend-Komtesse.

Das war so seltsam, so unerwartet nach seinem kühnen Versuch einer Erklärung auf dem Balle.

Sie belächelte es, fand es kindisch, ihrer und seiner unwürdig und nahm den Kampf dennoch auf,

den er ihr bot. Allerdings beschäftigte sie sich dabei mehr als billig mit ihm, dachte an ihn

– immer und immer! Anfangs rang sie gegen diese törichte Besessenheit, dann erinnerte sie sich

des großen Wortes: »Wir befreien uns von unseren Leidenschaften, wenn wir sie denken.« – Von

unseren Leidenschaften – um wieviel eher denn von einer Marotte. Überdies stand Tessin am

Morgen seiner Abreise; er einmal fort, und der kleine Krieg, den sie miteinander geführt, und

die Laune, die ihn heraufbeschworen hatte, waren vergessen.

Gräfin Dolph, zu deren, wie sie selbst sagte, senilen Eitelkeiten es gehörte, mit der Marquise

du Deffand verglichen zu werden, nannte Tessin, der sich regelmäßig in ihrem auswattierten,

vor jedem Zuglüftchen sorgfältigst verwahrten Salon einfand, ihren Horace Walpole. Sie sang

sein Lob in allen Tonarten, und ein Massenchor von schönen Damen stimmte ein. Tessin war nie

so ausschließend und siegreich in der Mode gewesen wie jetzt, da sein Nimbus dadurch noch

erhöht wurde, daß er einen Scheidenden umgab.

Die aus Überzeugung Unwissenden, die geschworenen Feindinnen der Geographie begannen diese

verachtete Wissenschaft zu pflegen. Landkarten von Asien fanden nie dagewesenen Absatz in

aristokratischen Häusern, die Wege, die Tessin nehmen sollte oder konnte, wurden mit farbigen

Stiften auf denselben eingezeichnet. Eine unerhörte Wanderlust regte sich plötzlich in hundert

jungen weiblichen Herzen.

Es versteht sich von selbst, daß die Abende bei der Gräfin Dolph, die sonst wenig

Anziehungskraft besaßen, bis zum Ende der Fastenzeit besucht wurden wie ein Gnadenort. Die

gastlich geöffnete Zimmerreihe der großen Wohnung, welche die Gräfin im Hause ihres Bruders

beibehalten hatte, stand fast leer, während das Gelaß, in dem die Hausfrau ihren Günstling

empfing, immer überfüllt war.

Der Graf mied diese Gesellschaften, weil Tessin ihr Mittelpunkt war, und Maria fand sich so

selten ein, als unauffälligerweise geschehen konnte. Einmal aber kam sie nach der Oper,

begleitet von Hermann, und bald nach ihnen erschien Wolfsberg. Er befand sich in schlechter

Stimmung; um seinen Mund lagerte der böse Zug, den Maria einst gefürchtet hatte und der ihr

jetzt noch unangenehm war, weil er eine Härte verriet, zu welcher ein Überlegener wie er sich

gegen Geringere nicht hinreißen lassen durfte. Er schritt durch das Gedränge bis in die Nähe

der Gräfin Dolph, die in ihrem kissenreichen Lehnstuhl am Ende des Zimmers ruhte und mit dem

auf einem Taburett neben ihr sitzenden Tessin scherzte. Ein kleiner Hofstaat von besonders

eifrigen Anhängern umgab sie und mischte sich gelegentlich in ihr Gespräch.

»Begum Somru und Dyce«, sagte Wolfsberg im Vorübergehen zu seiner Tochter, und sie versetzte:

»Nein, Stuwer & Nachfolger – sie sprechen ein Feuerwerk.«

Der Graf reichte seiner Schwester die Hand, würdigte einige der Damen seiner freundlichen

Beachtung und bemerkte erst nach einer Weile, daß Tessin aufgestanden war und der Erwiderung

seines Grußes harrte.

Nun sah er ihn. Die Blicke beider Männer kreuzten sich wie blanke Schwerter. Der jüngere

senkte seine Augen nicht, und Wolfsberg sprach: »Sind Sie reisefertig?« »Seit vier Wochen,

Exzellenz.«

»Um so besser, denn Sie werden wohl kaum noch ebenso viele Tage hier zubringen. Was meinen

Sie?«

»Immer das, was Euer Exzellenz meinen.« »In all und jedem«, fiel die kleine Gräfin Felicitas

Soltan, genannt Fee, ein, die zu den ausgesprochenen Lieblingen Wolfsbergs gehörte. Er

lauschte gern dem reichen Quell des Unsinns, der aus ihrem hübschen Mund sprudelte, und fand,

ihr Plaudern sei ein höchst anmutiges Geräusch, bei dem er ausruhe. – Fee war reich und

elternlos zu sechzehn Jahren durch ihre Verwandten an einen viel älteren Mann verheiratet

worden, der sie zwei Jahre später zur Witwe machte. Jetzt genoß sie ihr junges Dasein und das

sich selbst erteilte Privilegium, alles zu sagen, was ihr durch den Kopf fuhr. Es hatte viel

Staub aufgewirbelt in diesem Fasching, daß sie sieben Heiratsanträge ausgeschlagen, weil sie,

ihrer eigenen Behauptung nach, seit ihrer Kindheit in Tessin verliebt war »bis über die

Ohren«. Jüngst hatte er sich einige Tage lang auffallend mit ihr beschäftigt und

vernachlässigte sie jetzt wieder ebenso auffallend.

Maria durchschaute sein Spiel. Sie wußte wohl, wessen Befremden es erregen sollte, und daß es

ohne weiteres eingestellt worden, als es seinen geheimen Zweck verfehlt hatte.

Jetzt rief die kleine Fee sie an und zwang sie, neben ihr Platz zu nehmen. »Hörst du«, fragte

sie, »wie bald Tessin uns verlassen soll?… Ihr könnts euch um ihn kränken, wenn’s euch freut.

Ich kränk mich nicht – ich reis ihm nach.«

Alle lachten, und Tessin sprach achselzuckend: »Sie wären in größter Verlegenheit, Gräfin. Sie

haben ja keine Ahnung von dem Wege, den Sie nehmen müßten.«

Fee zog ihr feines Kindergesicht in ernste Falten: »Ich werd halt fragen, ich werd auf die

Bahnhöf fahren, ich werd an jeden Stationschef schreiben in die vier Weltteil.«

»Immer schlimmer«, versetzte Tessin, und seine Augen ruhten mit unbarmherzigem Spotte auf ihr,

»denn nur im fünften leben Gelehrte, die Ihre Schrift lesen können.«

Sie suchte nach einer Antwort und fand keine. »Schau, wie er mit mir is«, flüsterte sie ihrer

Nachbarin zu. Ihr Mund verzog sich zum Weinen; sie sprang auf und sprach mit einem Schluchzen

in der Stimme: »Das is hier eine Hitz, nicht zum Aushalten!«

Maria folgte ihr. Sie traten beide ans Fenster; Fee preßte ihre glühende Stirn an die Scheibe.

Tränen flossen über ihre Wangen.

Eine halbe Stunde später verließ das Ehepaar Dornach die Gesellschaft und wurde auf der Treppe

von Tessin eingeholt.

»Ich begreife nicht«, sagte Hermann zu ihm, »wie du Freude daran finden kannst, eine Frau, die

dich liebt, lächerlich zu machen.«

»Mich liebt?« erwiderte Tessin mit einer weder durch diese Worte noch durch den Ton, in dem

sie gesprochen waren, gerechtfertigten Gereiztheit. »Ein Wetterfähnchen, das liebt?«

»Der Tausend! – Du wirst doch niemandem aus seiner Unbeständigkeit einen Vorwurf machen?«

»Jedem den schwersten«, sprach Tessin mit großem Nachdruck.

Am folgenden Morgen erhielt Hermann ein Telegramm von dem Gewissensrat seiner Mutter, Pater

Schirmer. Er berichtete auf eigene Faust, daß die Gräfin – wenn auch unbedenklich – erkrankt

sei.

Der Entschluß, am selben Abend zu reisen, war sogleich gefaßt. Die Anordnungen dazu wurden

getroffen, das Kind mit seiner Kamarilla unter der Obhut Lisettens nach Dornach gesandt.

Maria geleitete den Kleinen zur Bahn, nahm Abschied von Tante Dolph und schickte ihrem Vater

eine Zeile der Nachricht ins Ministerium. Nach Hause zurückgekehrt, betrat sie das leere

Kinderzimmer und verließ es schnell wieder – es machte ihr einen peinlichen Eindruck. Sie ging

zu Hermann hinüber; er war zu seinem Geschäftsmanne gefahren und hatte gesagt, man solle ihn

nicht vor der Essenszeit, sieben Uhr, erwarten.

Nun lehnte Maria etwas müde in ihrem Fauteuil am Schreibtisch. In dieser ganzen letzten

Vergangenheit hatte sie sich geklammert an die Liebe zu ihrem Kinde, hatte jede Stunde, die

ihr angestrengtes Weltleben ihr übrigließ, mit Hermann zugebracht. Bald sollte sie nur für

diese beiden leben, durch nichts zerstreut, durch nichts in Anspruch genommen sein als durch

die berechtigten, die heiligen Empfindungen, die in ihr Dasein getreten waren wie zum Ersatz

zweier anderer, völlig verwandelter: der anbetenden Liebe zu ihrem Vater, der innigen

Zuneigung zu der einzigen Freundin, die sie jemals zu haben geglaubt.

Ich bin reich genug, sagte sie sich und hatte das Gefühl, daß noch einige Stunden vergehen

müßten, ehe sie zu dem vollen Genuß dieses Reichtums kommen könne. Dann würde die

unerklärliche Sehnsucht, die ihr jetzt immer und immer die Seele beklemmte, verschwunden, und

sie würde frei sein – frei – –

Die Tür des Salons, der an ihr Schreibzimmer grenzte, wurde geöffnet, ein Kammerdiener trat

ein und fast zugleich mit ihm derjenige, den er anmeldete: Graf Tessin.

10

»Entschuldigen Sie, Gräfin«, sagte er, am Eingang erscheinend und stehenbleibend, »daß ich

Ihnen nicht Zeit lasse, mich fortzuschicken. Ich hörte aber, daß Sie heute reisen, und habe

noch dringend mit Ihnen zu sprechen.«

Es war unmöglich, ihn abzuweisen in Gegenwart des Dieners. Maria ging dem Besucher in den

Salon entgegen und nahm Platz an einem Tischchen, auf dem ihre Arbeit lag. Sie bot alle ihre

Kräfte auf, um eine unbefangene Haltung zu bewahren, und wies Tessin einen Sessel ihrem

Kanapee gegenüber an.

Gott im Himmel, wie fassungslos fühlte sie sich, wie seltsam war ihr zumute! Die Zunge klebte

ihr am Gaumen, eine eiserne Faust schnürte ihr die Kehle zu, ihr Herz klopfte, ihre Pulse

flogen – und diesen tollen Aufruhr ihres ganzen Wesens brachte – Schmach und Verbrechen! –

seine Nähe hervor.

Er hatte das Wort genommen, und sie, nur mit sich selbst beschäftigt, hörte, ohne zu

verstehen, ohne sich Rechenschaft von dem zu geben, was er sagte. Er bat für jemanden um

Nachsicht und Schonung, er tat es in seiner eindringlichen, bestrickenden Weise. So warm, so

sanft, so bescheiden hatte ihn wohl noch niemand bitten gehört. Nichts Einschmeichelnderes auf

Erden als der Klang seiner Stimme. Der Name, der immer wieder auf seine Lippen kam, war der

Almas.

Plötzlich raffte Maria sich auf aus ihrem schweren Kampfe. »Was wollen Sie eigentlich?« fragte

sie rauh. »Was soll ich für Alma tun?«

»Was ich für sie erflehe.«

»Und das ist?«

»Oh – Sie schenken mir nicht einmal soviel Aufmerksamkeit als dem ersten besten Bettler, der

Sie auf der Straße anspräche«, rief Tessin vorwurfsvoll. »Woran denken Sie? Immer nur an den

Glückseligen, der durch Sie der Erste unter den Menschen geworden ist. Ja, ja, ja! der ist der

Erste, der sich rühmen darf, das höchste Erdengut zu besitzen, eine Frau wie Sie.«

»Er rühmt sich nicht«, wandte sie ein.

Tessin lachte: »Es wäre menschlich – und er hat die Verpflichtung, eine Vollkommenheit zu

sein, und wird ihr gerecht. Aber auch ein anderer, ein Geringerer, dem sein Glück zugefallen

wäre, hätte verstanden, sich dessen ebenso würdig zu machen … Gräfin, Gräfin! – Mir selbst

traue ich zu, daß ich an Ihrer Seite nicht nur gut, daß ich sogar ein Vorkämpfer des Guten

hätte werden können.«

Maria neigte sich über ihre Arbeit und sprach: »Man tut das Gute um des Guten willen. Aus

einem anderen Grunde getan ist es wertlos.«

»Sie leugnen die Bekehrungen durch Heilige, durch Propheten«, entgegnete Tessin, »die

hinreißende Macht des Beispiels? – Ich gehöre nicht zu den Auserwählten, die am Urquell

schöpfen. Ich bedarf einer Freundeshand, großmütig genug, es für mich zu tun und mir dann

etwas mitzuteilen von der herrlichen Labe … Der Wohltäter des Menschen ist immer nur der

Mensch. Ich gäbe jeden göttlichen Schutz und das sogenannte Walten und Vorsehen einer

unendlichen Weisheit um die Treue eines Herzens, das mich liebt, und beneidenswert wäre ich,

wenn es mir freistände den Tausch einzugehen … Gräfin«, begann er nach kurzem Schweigen

wieder, »so unwichtig ich Ihnen auch bin, haben Sie vielleicht doch bemerkt, daß eine große

Veränderung mit mir vorgegangen ist in der kurzen schönen Zeit, in der ich gewagt habe, die

Augen zu Ihnen zu erheben … So voll Ehrfurcht, so demütig und – so töricht kühn … Oh, wenn ich

noch erröten könnte, bei dem Geständnisse müßte ich’s« – und eine dunkle Blutwelle stieg ihm

ins Gesicht –, »denn ich hoffte, Sie zu erringen … Kindisches Wagnis, nach solchem Ziele zu

streben. – Ein Verwandter Alma Tessins darf nicht der Schwiegersohn des Grafen Wolfsberg

werden. Ich hätte es wissen und auf das gefaßt sein sollen, was geschah.«

»Was geschah?«

»Ich wurde gestrichen aus den Reihen Ihrer Bewerber …« »Meiner Bewerber?… Sie hätten um mich

geworben?«

»Sie wissen es nicht? Ihr Vater hat es Ihnen verschwiegen!« rief Tessin bitter und ironisch

aus. »Das ist Wolfsbergische Politik! Weder offenherzig noch gerecht, aber klug. Warum Sie vor

eine Wahl stellen, da man doch entschlossen ist, Ihnen keine Wahl zu lassen? – Über Sie war

verfügt; Sie waren, ehe Sie es ahnten, dem Grafen Dornach versprochen.« »Versprochen?« rief

Maria mit Entrüstung aus.

»Sagen wir denn: bestimmt. Über mich schritt Ihr Vater einfach hinweg, nachdem ich entwurzelt

worden in Ihrer guten Meinung … durch ihn – ich bitte, leugnen Sie nicht –, durch ihn. Auf

welche Weise, frage ich nicht. Das Leben eines Weltmannes, der jede Mode berufsmäßig mitmacht,

bietet Blößen genug. Und ich trage keinen Harnisch. Jeder gegen mich abgesandte Pfeil trifft

meine unbeschützte Brust … Sie aber, Gräfin, – so weise, so gerecht, so hochherzig, Sie hatten

für mich nicht eine Entschuldigung, nicht einen milden Gedanken. Sie wandten sich von mir ab,

stumm und verächtlich – ich werde die Art nie verschmerzen, in der Sie sich von mir abgewandt

haben!«

Sie war erschüttert von seiner Anklage, sah ihn an und sprach, alle Geistesgegenwart

verlierend: »Auch Sie blieben stumm – hätten Sie damals gesprochen. Jetzt ist es zu spät.«

»Zu Ihnen gesprochen?« fragte er rasch, ihre letzten Worte überhörend, »zu Ihnen, in deren

Herzen nichts für mich sprach? Nichts, sonst würden Sie mich nicht so leicht aufgegeben haben.

Auch ist ein Verschmähter nicht immer aufgelegt, sich zu rechtfertigen. Ein Verschmähter ist

leicht gekränkt, ist reizbar. Nein, ich wollte warten, bis ich Ihnen zugleich sagen konnte:

Leben Sie wohl, und Ihnen wenigstens meine Uneigennützigkeit beweisen. Unglaublich albern,

nicht wahr? Es ist zum Lachen. Das nennt man doch Torheit um Torheit begehen … Wahrhaftig, ich

hätte es anders angefangen, wenn ich nicht das Unglück haben würde – Sie zu lieben.«

Was sollte sie erwidern? Sie gab ihm recht im stillen. Ihr gegenüber hatte er seine

Verführungskünste nicht ausgeübt. Der Mann, von dem es hieß, daß er sich nie vergeblich um

Frauengunst bemüht habe, nie von denen, die er verließ, vergessen worden sei, ihr war er nie

anders als bescheiden genaht. Sie konnte ihm nicht widersprechen, als er von neuem begann:

»Sagen Sie mir, ob ein Gymnasiast sich gegen die stumm und heiß Vergötterte ungeschickter,

blöder hätte benehmen können, als ich mich gegen Sie benahm?… Vorbei! Mein ›freudenreiches‹

Leben bleibt leer, ist nichts. Nun will ich’s mit dem Ehrgeiz versuchen«, fuhr er mit einem

tiefen Seufzer fort, »dem Auskunftsmittel so manches Gescheiterten. Wenn Sie einmal hören, daß

ich irgend etwas ›geworden‹ bin, das zu sein der Mühe wert scheint, dann erinnern Sie sich

dieser Stunde und wägen die Bedeutung ab, die äußerer Glanz des Daseins für mich haben kann.«

Er hielt inne, er wartete, Maria schwieg. Schüchtern beinahe kam Tessin nach einer Weile auf

seine erste Bitte zurück, sprach wieder von Alma: »Haben Sie Mitleid mit einer Unglücklichen,

ein wenig Mitleid, Gräfin. Sie selbst wagt es nicht, Sie anzuflehen. Sie glaubt nicht einmal,

an einem Orte mit Ihnen wohnen zu dürfen; sie vergräbt und verzehrt sich auf dem Lande in

Einsamkeit und Reue …«

»Sie tut recht«, unterbrach ihn Maria kalt und leise. »Mit welcher Stirn vermochte sie es

früher, mit mir zu verkehren und – es ist unfaßbar – mit hundert Menschen, die alle in

Kenntnis waren von ihrer unsühnbaren Schuld.«

»Unsühnbar? Ich meine, sie sühnt.«

»Möge sie es versuchen.« Damit erhob sie sich, und er sprang auf: »Sie entlassen mich?«

»Leben Sie wohl.«

»Ihre Hand!… Reichen Sie mir zum Abschied die Hand. Ein paar Duellanten reichen sich die Hand,

wenn einer den anderen entwaffnet hat. Gräfin Maria, ich habe die grausamste Niederlage

erfahren, ich habe alles verloren, Hoffnung, Mut, Kraft. Sie haben sogar den elenden Stolz

gebrochen, der mich noch aufrecht hielt – aus Erbarmen, geben Sie mir die Hand!« Seine Zähne

knirschten, sein edles stolzes Gesicht war leichenblaß.

Maria machte eine verneinende Bewegung mit dem Haupte. Nach einem letzten fragenden,

beschwörenden Blick verneigte er sich und trat aus dem Zimmer.

Maria blickte ihm nach. Da war ja ein vollständiger Sieg über sich selbst von ihr errungen

worden; denn wahrlich, das Erbarmen, um das er gebeten hatte, füllte ihre Brust zum

Zerspringen, und süß und wonnig wäre es ihr gewesen, die Hand zu erfassen, die er beim

Abschied nach ihr ausstreckte, und ihm zu sagen: Sie leiden nicht allein. Nehmen Sie diesen

Trost mit sich.

Aber sie hatte ihm die Hand nicht reichen dürfen. Er würde gefühlt haben, daß sie zitterte und

eisig war, weil alles Blut zu dem aufrührerischen Herzen strömte, das ihm so toll

entgegenschlug.

Knapp vor der Abfahrt des Zuges trafen Hermann und Maria auf dem Bahnhofe ein, und wenige

Minuten später dampfte die Lokomotive durch die Halle.

»Ist das nicht Tessin?« fragte Hermann, auf eine dunkle Gestalt deutend, die im Schatten eines

Pfeilers stand und den fortrollenden Wagen nachblickte.

Maria hatte ihn längst gesehen: »Ja, es ist Tessin.«

»Mit dem Gesicht eines Selbstmörders«, versetzte Hermann. »Er ist mir unheimlich seit einiger

Zeit.«

Es war wieder eine laue, schöne Frühlingsnacht wie vor zwei Jahren, als sie ihre

Hochzeitsreise nach Dornach angetreten hatten. Maria drückte sich in eine Ecke und schloß die

Augen, und wieder, wenn sie sich öffneten, begegneten sie dem treuen, liebevollen Blick des

Mannes, der über ihr wachte.

Ihre Verstimmung war ihm sogleich aufgefallen. Er schrieb sie der überstürzten Abreise zu, die

allen eben jetzt besonders reichlich gebotenen Vergnügungen der Stadt ein plötzliches Ende

machte, fand sie sehr begreiflich und bedauerte, Marias Opfer egoistisch angenommen und

zugegeben zu haben, daß sie ihn nach Dornachtal begleitete.

»Wenn wir meine Mutter getrost verlassen können«, sagte er, »fahren wir im Mai nach Wien

zurück zu den Rennen.«

Maria widersprach: »Das wollen wir nicht tun, du hast kein Interesse daran, und ich, glaube

mir, ich sehne mich nach der Ruhe in Dornach. Dorthin wollen wir, sobald die Mutter unserer

nicht mehr bedarf. Nach Dornach, Lieber – dort wird alles gut werden.« Unwillkürlich, mehr zu

sich selbst als zu ihm, waren die letzten Worte gesprochen, und nicht mit Zuversicht – mit

peinvollem Zweifel.

Hermann ergriff ihre Hände: »Was soll erst gut werden? was ist nicht gut?… Sprich, sag es mir,

du mein alles, mein Kind und meine Gottheit. Beglückerin! was fehlt dir zum Glücke?«

Sie entzog ihm ihre Hände, um sie auf seine Schultern zu legen, und sah tief in seine

friedlichen Augen hinein: »Mein Freund … Mein Freund«, wiederholte sie und dachte daran, ihm

alles zu gestehen, ihm zu sagen: Hilf – befreie mich – ich ringe in entsetzlichen Banden. Es

frißt mir am Herzen, es ist ein sündiges Mitleid, eine verbrecherische Sehnsucht. Hilf, hilf,

rette mich vor dem Wirrsal, in das ich geraten bin!

Sollte sie so zu ihm sprechen?

Eines Augenblicks Dauer, und sie staunte, wie der Einfall ihr hatte kommen können. War denn

nicht jede Gefahr vorbei? Was galt es noch zu bekämpfen? – Einen Sturm von Empfindungen,

dessen sie allein Herr werden wollte.

»Mir fehlt nichts«, sagte sie, »es sind Launen, Bester, die jeder Sterbliche hat, du allein

ausgenommen. Ich kann nur wiederholen, was ich dir schon als Braut sagte: Habe Geduld mit

mir.«

Gräfin Agathe empfing ihre Kinder, als sie am nächsten Tage kurz vor dem Mittagessen bei ihr

eintrafen, mit sehr absichtlich betonter Überraschung. Sie befand sich zwar noch zu Bette,

aber nur aus Rücksicht für die viel zu weit getriebene Ängstlichkeit ihres Hausarztes. Es sei

ihr höchst unangenehm, versicherte sie, den Kleinen allein in Dornach zu wissen – noch dazu

ihretwegen. Eine Einwendung ließ sie nicht gelten und blieb dabei: »Ohne seine Mutter ist ein

so junges Kind immer allein. Nur um mich keine Sorgen! Was der Herr beschließt, haben wir in

Demut hinzunehmen. Aber ich hoffe von seiner Gnade, daß er mein Gebet erhören und mich noch

hier lassen wird, um meinen dritten Enkel zu segnen. Drei müssen es sein. Einer für Dornach,

einer für Gott, einer für den Kaiser.«

»Majoratsherr, Priester, Soldat«, murmelte Pater Schirmer, nickte dreimal dazu, kreuzte seine

kleinen Hände über dem Magen und guckte aus winzigen Augen über die runden Polster der Wangen

mit einer wahren Fülle von Wohlwollen und Freundlichkeit vor sich hin.

Die Gräfin beruhigte sich erst, als Maria ein Telegramm nach Dornach abgesandt hatte, in dem

sie ihr Eintreffen für den drittnächsten Tag ankündigte. Hermann wurde gebeten, länger zu

bleiben. Es geschah auf Veranlassung Pater Schirmers, der, mit dem Amte eines Sekretärs

betraut, infolge seines Bestrebens, »jede Störung der Harmonie zwischen Gutsbesitzer und

Gutsverwaltung hintanzuhalten«, einen verderblichen Schlendergang in der Leitung der Geschäfte

geduldet hatte. Mit Schrecken war er sich des Unheils bewußt worden, das seine Ohnmacht

angerichtet. Das Eingreifen der festen Hand Hermanns war notwendig.

So kam denn Maria allein in Dornach an.

Auf der Station wartete Wilhelm und empfing seine Base bewegt wie ein Liebhaber. Er bestellte

ein Willkomm-Lallen von seinem »Prachtneffen«, die wärmsten Grüße Helmis und Handküsse der

Rangen. Er konnte die schriftlichen Nachrichten über das Befinden Wolf Forsters, die Doktor

Weise im Laufe des Winters nach Wien geschickt hatte, bestätigen. Der Patient war wohl genug,

um Dornach verlassen und die Fahrt nach einem Jagdschlößchen Hermanns, das ihm zum bleibenden

Aufenthalt angewiesen wurde, unternehmen zu können. Er selbst freue sich sehr darauf und

spreche nur noch von seiner lang gehegten und mühsam gebändigten »Passion« für das lustige

Waidwerk.

»Lauter Gutes, lieber Wilhelm, du bringst lauter gute Botschaft«, sprach Maria, und Tränen

traten ihr in die Augen.

»Das Beste bringen Sie«, rief er aus, »Sie bringen sich.«

»Wie sagst du? Sie!?«

»Entschuldige! das macht der Respekt … Nach so langer Trennung kommt es mir ordentlich keck

vor …« Er wurde verlegen und schwieg.

Sie rollten im raschen Trabe der Pferde dahin.

Durchsichtig blau und wolkenlos wölbte sich über ihnen der Himmel. Im Westen, in einer

Einsattelung der Bergkämme, bildete die untergehende Sonne einen blendenden Feuerherd und

sandte ihre Strahlengrüße über die keimende, knospende, blühende Welt, die sie zu neuem Leben

erweckt hatte.

Ewig gelöstes, ewig unlösbares Rätsel, Frühlingswunder! – Still ließ Maria es auf sich

einwirken und betete die eine und einzige Kraft an, die webt und treibt im Hälmchen auf der

Wiese, widerhallt aus der tönenden Brust der Nachtigall, unwiderstehlich lockt und ringt im

Menschenherzen.

Man war vor dem Schlosse angelangt, Wilhelm bestieg seinen Gaul und ritt heim, nachdem er

versprochen hatte, sich morgen als Pater familias in Dornach einzufinden.

Maria hielt ihr Kind in ihren Armen; sie küßte und liebkoste es und wiederholte ihr

Sprüchlein: »Alles gut – lauter Gutes – –«

Ach, wenn der bittere Vorwurf nicht wäre! der nagende, peinvolle Vorwurf gegen einen Menschen,

der nicht in ihrer, nein, in dessen Schuld sie stand, unerbittlich grausam gewesen zu sein.

Sie hätte sich überwinden, ihm die Hand reichen und sagen sollen – was hielt sie ab, welche

Pflicht verbot es ihr? – : Ich habe Sie geliebt. Dereinst, als ich noch frei war. Die

Verhältnisse haben uns getrennt. Nun wollen wir unsere Schuldigkeit als brave Menschen tun und

beim Wiedersehen nach Jahren, wenn die Empfindung, die uns jetzt noch bedrückt und verwirrt,

erloschen sein wird, einander als alte Freunde entgegentreten.

Hätte sie doch so gesprochen, so sprechen können! Schwäche, Schwäche, daß sie es nicht

gekonnt. Jetzt bleibt der Stachel in ihrer Brust, der Tropfen Gift in ihrem Blute. Sie sollte

den Blick nie vergessen, den er ihr beim Scheiden zugeworfen.

Als sich Maria in ihr Schlafgemach begeben hatte, erschien Lisette, um gute Nacht zu wünschen

und eine Botschaft von Forster zu überbringen. »Er geht also fort«, sagte sie, »und läßt dich

bitten, inständig, daß du morgen Klavier spielst und dann hinkommst in den Pavillon. Er möcht

sich gar so gern bei dir empfehlen und dir auch den weiten Weg ersparen bis zur Hegerin. Wirst

du kommen?«

»Ja.«

»Noch etwas, denk dir. Heut hat er Besuch gehabt, der Wolfi. Ein Freund von ihm, der eine

weite Reise macht, hat sich hier aufgehalten von einem Zug zum andern.«

Maria rückte den Schirm, der auf dem Tische stand, vor die Lampe. »Wer?« fragte sie.

»Den Namen weiß ich nicht. So ein hübscher großer; das Gesicht wie von einem Italiener. Hat

einen Backenbart, rabenschwarze, etwas gelockte Haare, die Nase gebogen, das Kinn ausrasiert.

Vielleicht kennst du ihn. Ich hab ihn zwar nie bei uns gesehen.«

Nachdem die Alte sich entfernt hatte, durchwandelte Maria noch lange das Zimmer und dachte

dessen, den jede Minute, jede Sekunde weiter hinwegtrug von ihr und der wohl auch wachte und

litt wie sie und ihr grollte und zürnte …

Er war da gewesen, er hatte die Erinnerung an die Stätte, an der sie lebte, mitnehmen wollen

in seine freiwillige Verbannung. – Einen Tag nur – nur einen, und sie hätten einander noch

gesehen und den Abschied nehmen können, den sie sich in immer holderen, reineren Farben

ausmalte.

Der Morgen kam. – Das Kindlein wankte ebenso tollkühn wie unsicher an der Hand der Wärterin in

das Schlafgemach herein, dem Bette seiner Mutter zu und jauchzte ihr entgegen …

Maria erhob sich nach wenigen Stunden eines unerquicklichen, durch wüste Träume gestörten

Schlafes. Sie wollte ihr Tagewerk beginnen, aber sie hatte Blei in den Gliedern, einen

eisernen Reifen um den Kopf. Alles wurde ihr schwer, alles versagte, sogar die getreue Kunst.

Sie schloß das Klavier, nachdem sie einige Akkorde angeschlagen hatte, eilte hinab ins Freie,

umschritt das Haus und wanderte durch einen Fliedergang dem Pavillon zu. Forster wartete ihrer

dort; sie wollte ihn treffen und durch den letzten, der den Scheidenden noch in der Heimat

gesprochen, eine Kunde von ihm haben.

Sie war angelangt und überschritt die Stufen, die zum Pförtchen des kleinen Baues

hinaufführten, einer zierlichen und luxuriösen Spielerei aus dem 18. Jahrhundert. Er enthielt

zwei durch Rundbogen getrennte Zimmer. Die Wände und die Möbel waren mit gelbem chinesischem

Seidenstoff überzogen, die Fenster mit demselben kostbaren Gewebe verhangen.

Als Maria aus dem grellen Tageslicht in die goldige Dämmerung trat, schwamm es ihr vor den

Augen, und sie vermochte nicht, einen scharfen Umriß zu unterscheiden. Aus dem Nebenzimmer

nahte jemand langsam und zögernd, wie ihr schien. »Forster«, rief sie.

Keine Antwort. Nach einer Weile erst ihr leise geflüsterter Name.

Maria erkannte die Stimme sogleich und schrie auf: »Sie!« Tessin stürzte ihr entgegen mit

inbrünstig gefalteten Händen … sie streckte die ihren abwehrend aus: »Fort!… wie können Sie es

wagen?… das ist Verrat. Gehen Sie!«

Er schüttelte den Kopf: »So nicht. Ich hab’s versucht – es ist unmöglich.« Entschlossenheit in

jeder Bewegung, die Brauen drohend zusammengezogen, trat er näher.

Sie wich schweigend zurück und schritt dem Ausgang zu. Da warf er sich zwischen sie und die

Tür, und als Maria ans nächste Fenster rannte und es zu öffnen versuchte mit bebenden Fingern,

die den Gehorsam versagten, glitt ein finsteres Lächeln über seine Züge.

»Sie wollen Leute herbeirufen, tun Sie es doch. Der Gewalt muß ich weichen. – Aber nicht

lebendig … das sage ich Ihnen – und Sie«, er hob beteuernd die Rechte, »Sie glauben mir das.«

»Wahnsinn«, stammelte Maria, von Furcht und Schrecken durchbebt.

»Nein, Verzweiflung!… Was hab ich Ihnen getan? warum verachten Sie mich? – Ich habe Sie

unaussprechlich geliebt.« »Und was haben Sie mir getan? Sie haben mich verschmäht, mißhandelt,

wie ich nicht dulde, daß man mich mißhandle. Sie haben die reinste Empfindung meines Lebens

verkannt, mir gemeine Beweggründe zugeschrieben, mich verletzt, kalt und berechnend, an der

empfindlichsten Stelle meines Herzens -geben Sie mir Genugtuung!« Er sah sie an, verstört, in

rasender Erregung … Aber plötzlich, wie durch Zaubergewalt beschwichtigt, sank er auf das

Knie.

Was war denn geschehen?

Eine von Angst gefolterte Frau, die mit ihren Tränen kämpfte, stand vor ihm. Ihr Stolz war

gebrochen; mit ersterbender Stimme sprach sie: »Sie müssen fort.«

»Ja, ja?« er faßte ihre widerstrebende Hand. »Unter einer Bedingung … Geben Sie mir das

Zeichen des Erbarmens, um das ich schon gefleht habe. Ich will als Gnade empfangen, was mein

Recht wäre, was Sie mir schuldig sind für alles … auch für den Mord des besseren Menschen, der

in mir schlummerte, der erwachen wollte unter Ihrem Einfluß und den Sie getötet haben, als Sie

mich aufgaben.«

Immer heißer bestürmte er sie, immer überzeugender strömte die Rede von seinen Lippen, ein

berauschender Hauch der Leidenschaft ging von ihm aus: »Was verlange ich denn? Ein Wort des

Trostes mit auf den Weg, einen gütigen Blick, einen Händedruck …«

Das durfte sie gewähren, das war es ja, wonach sie sich gesehnt hatte all die Tage lang – vor

dem Scheiden auf ewig ein Lebewohl in Frieden und Versöhnung.

Seine Augen flammten zu ihr empor, sie neigte sich, ihr Blick ruhte in dem seinen, und sie

flüsterte: »Weil es unsere letzte Begegnung ist, Tessin, so wissen Sie … ich habe nicht leicht

verzichtet. Sie sind mir nicht gleichgültig gewesen …«

Da brach er in jubelndes Entzücken aus: »Endlich! Endlich!« – Weich und zärtlich, in wonniger

Dankbarkeit preßte er seine Stirn, seine Lippen auf ihre Hand, und Maria, im schwersten Kampfe

ringend, flüsterte ihm leise zu: »Nun fort.«

Ganz verwandelt, außer sich, sprang er auf: »Nein, und nein! – Du hast mich geliebt, du liebst

mich noch!« Er zog sie in seine Arme und erstickte mit seinen Küssen den Schrei, den sie

ausstieß.

Sie wollte sich ihm entziehen – sie wollte sich retten – und lag an seiner Brust,

unwiderstehlich hingerissen wie von einer Naturgewalt.

Zwei trunkene Menschen hatten kein Bewußtsein mehr von Ehre, Pflicht und Treue, ihnen versank

die Welt und jegliches Erinnern.

Die Sonne stand im Scheitel, Maria war allein.

Seit langem, langem – seit einer Ewigkeit … Oder nicht? – war sie eben erst verlassen worden

beim Aufschrecken aus einem gräßlichen, seligen, unmöglichen Traum?…

Sie saß da, die Hände auf den Tisch gelegt, das Gesicht in die Hände vergraben, als die Tür

geöffnet und ein keuchender, pfeifender Atem hörbar wurde.

Wolfi schleppte sich herein, auf einen Stock gestützt, und fiel schwer auf den Diwan neben

Maria hin. Er streckte die Beine aus, lehnte sich zurück und stöhnte: »Da hab ich’s. – Das war

ein teurer Spaß.«

Maria starrte ihn an, entsetzt über sein Aussehen. Es war das eines Sterbenden. »Sie sind

erschöpft, der Weg hierher war Ihnen zu weit«, sagte sie.

»Der Weg hierher?« Er wollte lachen, doch kam nur eine Art Schluchzen aus seiner Kehle. »Das

nicht, aber daß ich Ihren Liebhaber durch den Wald hab führen müssen – damit er sich nicht

verirrt. Und dann sein Dank … Mich niederzustechen hat er gedroht, weil ich nicht schwören

wollte, mein Maul zu halten. Ihm schwören, dem Menschen ohne Treu und Glauben.«

Maria war versteinert. So war sie in eine Falle gelockt worden. Tessin hatte einen Vertrauten

gehabt. Haben müssen. Natürlich – zu Gelegenheiten braucht man Leute, die sie machen, Helfer,

Hehler. Einen wie den Niederträchtigen da … Ihr Herz stand still, als diese Gedanken sie so

klar, so kalt durchblitzten. Kommt der Tod? – Ach, käme er doch von selbst, daß ich ihn nicht

suchen müßte – denn, wie könnte sie jetzt noch leben?

»Müd, müd bin ich«, stöhnte Wolfi, »ich liege schlecht – hilf ein wenig.«

Von Abscheu und Ekel ergriffen, rang Maria mit sich selbst, doch beugte sie sich, er

umklammerte ihren Nacken, sie faßte ihn an den Schultern, legte ihn – er kam ihr leicht vor

wie ein Kind – der Länge nach auf das Ruhebett und schob Kissen unter seinen Kopf: »Bleiben

Sie so. Ich schicke den Arzt.«

»Brauche ihn nicht – nicht ihn – dich allein – mir ist schon besser … Deine Sorgfalt tut mir

wohl. – Wärst du immer gütig gegen mich gewesen – ich hätte dir vielleicht erspart –

vielleicht … Gewiß weiß man’s nicht – ein Mensch wie ich« – er stockte, schwerer noch rang

sich der Atem aus seiner Brust, die roten Flecken auf seinen Wangen färbten sich dunkler. Nun

ging eine seltsame Veränderung in seinen Zügen vor; sie nahmen plötzlich einen milden, fast

edlen Ausdruck an.

»Du bist nicht mehr stolz«, sprach er kaum vernehmbar, »verachtest niemanden mehr?«

Sie, mit herzzerreißender Klage, antwortete: »Nur mich!«

»Wirst du jetzt Bruder zu mir sagen?«

»Bruder.«

»Triumph …!« Seine letzte Kraft erschöpfte sich in der Anstrengung, mit welcher er dieses Wort

hervorbrachte. Aus seinem Munde quoll ein Blutstrom, sein Kopf, den er ein wenig erhoben

hatte, sank in die Kissen.

Maria stieß einen Schrei aus: »Zu Hilfe! Zu Hilfe! er stirbt!«

11

Die Hilferufe, die aus dem Gartenhause drangen, wurden zuerst von dem Kind eines Arbeiters

gehört; es wagte sich nicht näher, holte aber Leute herbei. Diener rannten nach dem Arzt. Als

er kam, fand er die Gräfin mit blutbespritztem Kleide halb ohnmächtig zusammengesunken an der

Leiche Wolfis. Sie war nicht zu bewegen, von der Stelle zu weichen, bevor jeder denkbare

Wiederbelebungsversuch unternommen worden.

Wie Doktor Weise vorausgesagt hatte, blieb alles vergeblich. Er durfte sich auf seinen

Fräulein Lisette gegenüber oft getanen Ausspruch berufen: eine heftige Erhitzung und

dergleichen oder einer der Zornanfälle, denen Herr Forster unterworfen war und bei denen er zu

schreien pflegte wie besessen, könne einen Blutsturz herbeiführen, während er vielleicht ein

alter Mann geworden wäre, wenn er sich nur entschlossen haben würde, jetzt schon den »Duktus«

eines solchen anzunehmen. Das Gelächter, mit dem der Patient diese Verheißung zu beantworten

pflegte, hatte den Doktor immer gekränkt.

»Und kränkt mich noch«, sagte er zu den Herrschaften Wilhelm, denen er am Nachmittag in seinem

Einspänner ein Stück Weges entgegengefahren war, um ihnen pflichtgemäß zuerst von dem

traurigen Ereignis in Dornach und den Umständen, unter welchen es stattgefunden, Mitteilung zu

machen. Auch legte er ihnen die Frage zur Entscheidung vor, ob nicht an die telegraphische

Berufung des Herrn Grafen gedacht werden solle, und zwar aus Rücksicht für die Frau Gräfin,

die sich infolge des ausgestandenen Schreckens in einem Zustande hochgradiger Aufregung

befände.

»Sehr irritiert, wenn auch bemüht, Selbstbeherrschung zu üben. Ich habe unvermerkt den Puls

gegriffen – kaum zu zählen. Es wäre nicht unmöglich, daß sich da etwas entwickelte«, sprach er

mit dem traditionellen ärztlichen Kopfschütteln.

»Daß sich was entwickelte?« fragte Wilhelm, in höchster Bestürzung aus dem Wagen springend,

ergriff den Arm des Doktors und blickte angstvoll zu ihm empor.

»Je nun«, versetzte dieser mit wichtiger Miene, »ein leichter Typhus oder etwa Entzündung –

cordis basis – cordis conus …«

»Ist das gefährlich? – – Hol der Kuckuck diese Namen, die niemand versteht und die einem nur

bang machen«, wandte er sich an seine Frau. Sie war gleichfalls ausgestiegen, an seine Seite

getreten und suchte ihn zu trösten.

»Fasse dich, es wird nicht so schlimm sein. Aber die Buben« meinte sie, »müssen wir nach Hause

schicken.«

»Freilich«, und Wilhelm überblickte die Häupter seiner Lieben, die aus dem weitläufigen

Jagdwagen hervorguckten wie aus einem Pferche. »Wenn ihrer zwei waren oder drei, es ginge

noch. Acht Stück in einem solchen Moment – unmöglich. Fahr sie heim«, sprach er zu dem alten

Kutscher, der sein ganzes Vertrauen besaß, weil er selbst zehn Kinder hatte.

Eine Revolution, die im Wagen ausbrechen wollte, wurde durch wenige Machtworte des Vaters und

die sanften Vorstellungen der Mutter unterdrückt. Willi, der Älteste, erhielt die Erlaubnis,

sich auf den Bock zu setzen und zu kutschieren, die andern überließ man ihrer Enttäuschung.

Wilhelmine nahm den Platz nicht an, den ihr der Doktor neben sich in seiner auf Räder

gesetzten Muschel anbot. Sie schritt, ein immer treuer Kamerad, an der Seite ihres tief

bekümmerten Gatten dem Schlosse zu. In der Halle trafen sie Lisette. Sie fahndete auf den

Doktor, sie begriff ihn heute zum erstenmal nicht ganz. Wie konnte er das Haus verlassen

während eines sorgenerregenden Unwohlseins Marias und eine so schöne Gelegenheit versäumen,

sich unentbehrlich zu machen. – Und wo blieb er denn jetzt?

»Ins Dorf ist er gefahren«, antwortete Wilhelm und eilte die Treppe hinauf.

Seine Frau folgte ihm und hatte Mühe, ihn zu bewegen, im Salon zu warten, bis sie ihm

Nachricht bringen würde, ob die Kusine ihn sehen könne.

Maria war in ihrem Schlafzimmer, das sie seit Stunden rastlos, mit raschen, regelmäßigen

Schritten durchmaß. Beim leisen Pochen Wilhelminens blieb sie stehen und rief, als diese sich

genannt hatte: »Komm, komm! nach dir habe ich mich gesehnt, deine Nähe ist mir ein Trost.«

»Wär es so, vermöcht ich dich zu trösten, armes, armes Kind!« Sie faßte ihre Hand, drückte sie

liebreich und kämpfte mit dem Bedauern und dem Schmerz, die sie beim Anblick der Vernichtung

und Trostlosigkeit im Gesichte Marias überwältigen wollten.

Ihrer mütterlichen Zärtlichkeit und Überredungskunst gelang es endlich, die Erschöpfte zu

bewegen, sich in einem Fauteuil niederzulassen und sogar etwas Nahrung zu nehmen.

»Der heute gestorben ist, war mein Bruder«, sprach Maria plötzlich. »Weißt du es?«

Wilhelmine antwortete einfach: »Jawohl, es ist ja kein Geheimnis daraus gemacht worden.«

»Und ich bin hart und stolz gegen ihn gewesen, begreifst du? – ich!« Sie brach in Tränen aus,

sie schluchzte, die furchtbare Spannung ihrer Seele hatte sich gelöst.

Allmählich wurde sie wieder Herrin ihrer selbst, verlangte Wilhelm zu sehen und geriet nur

vorübergehend in heftige Aufregung, als er den Vorschlag machte, an Hermann zu telegraphieren.

»Unter keiner Bedingung! – er würde kommen.«

»Und soll er nicht?«

»Nein, die Mutter bedarf seiner. Ich schreibe ihm«, setzte sie hastig hinzu, »verlaßt euch auf

mich. – Niemand sonst schreibt ihm. Gebt mir euer Wort darauf.«

»Welche Frau!« sagte Wilhelmine im Nachhausefahren zu ihrem Manne. »Sie beweist mir von neuem,

daß der ganz edle und gute Mensch sich nie genugtut. Ist nicht das Außerordentliche für den

unglücklichen Forster geschehen? Nun, Maria macht sich noch Vorwürfe. Dergleichen gibt einen

Maßstab für den Wert einer Seele. Welche Frau! Ich habe sie wie ein neuntes Kind in mein Herz

geschlossen.«

Der Brief Marias an Hermann mußte mit Ruhe und Überlegung geschrieben worden sein, denn in dem

ausführlichen Telegramme, das Wilhelm am folgenden Abend von seinem Vetter erhielt, sprach

dieser nicht die leiseste Besorgnis um seine Frau aus. Er bat Wilhelm, Anordnungen zur

würdigen Bestattung Wolfis zu treffen, und hoffte, zu Ende der nächsten Woche in Dornach sein

zu können.

Die Leiche Forsters war kaum der Erde übergeben, und schon tauchten allerlei Gerüchte über die

unmittelbare Ursache seines Todes auf. Ein Jäger behauptete, ihn kurz zuvor gesehen zu haben,

nahe an der Waldgrenze auf einem Fußsteig, der nach der Nordbahnstation führte. Er befand sich

im Streite mit einem langen Schwarzen, den der Jäger aus der Entfernung für den Adjunkten

gehalten. Der Adjunkt wurde zur Rede gestellt, konnte aber leicht nachweisen, daß er sich am

selben Tage, zur selben Stunde im benachbarten Städtchen befunden, wohin der Herr Oberförster

ihn geschickt hatte, Grassamen einzukaufen. Offenbar irrte der Jäger in der Person des

Individuums, mit dem Wolfi jüngst in einer für ihn verhängnisvollen Weise verkehrt. Daß es

einen solchen Menschen gab, das bezweifelte niemand.

»Es könnte«, meinte der Doktor, wie immer vorbehaltlich, »wohl ein Pascher gewesen sein, durch

welchen sich mein Patient hinter meinem Rücken vielleicht Zigarren verschaffen wollte. Oder

vielleicht ein Gläubiger, der einen Versuch machte, sein Geld einzutreiben.«

Lisette hingegen erklärte, bei ihr stände es fest, daß es derselbe Schwindler gewesen, der –

sie merkte ihm gleich etwas Verdächtiges an – »den armen, guten Jungen« am Tage vorher ganz

offenkundig besucht hatte und dann, Gott weiß warum, im geheimen wiedergekehrt sein dürfte.

Damit war aber noch immer nicht Klarheit in die Sache gebracht. Und trotz aller

Nachforschungen blieb das Rätsel, wer der Fremde gewesen, in welchen Beziehungen er zu Forster

gestanden, ungelöst.

Maria hatte sich in eine an Stumpfheit grenzende Ergebung eingesponnen. Möchten sie doch auf

die Wahrheit kommen! – sie würde nicht leugnen, sie würde sterben. In vermessener Zuversicht

baute sie auf die Gnade des Allbarmherzigen. Er wird sie zugrunde gehen lassen an dem Gefühl

ihrer Schuld, sie büßen, sühnen lassen durch den Tod. Es war ihr ein Trost, sich das zu

wiederholen. Mit einem Gefühl der Schmach wie dasjenige, das sie in ihrer Brust trägt, kann

man ja nicht leben … Ihr steht etwas bevor, unfaßbar, das nicht auszudenken ist – das

Wiedersehen mit ihrem Manne. Sie wird seinen Blick nicht ertragen können, sie wird ihn

empfangen mit dem Geständnis: Ich habe dich betrogen, einmal in einer fluchenswerten Stunde,

in schnödem Taumel. Aber dich wieder betrügen, mit Bewußtsein und Berechnung; meinen

entweihten Mund deinem Kusse bieten – das werde ich nie.

Er kam und war unsagbar glücklich, wieder da zu sein, und sie stand regungslos vor ihm – und

schwieg.

Wie die anderen schrieb er ihr übles Aussehen, ihre düstere Stimmung dem fürchterlichen

Eindruck zu, den der Tod Wolfis auf sie hervorgebracht hatte. Der Doktor beglückwünschte ihn

zu der Richtigkeit dieser Ansicht und gebrauchte dabei viele Fremdwörter, wie es sich geziemt

für einen Landarzt, der eine vornehme Patientin behandelt.

Fräulein Lisette nahm zu jener Zeit etwas Gehaltenes und Siegreiches in ihrem Gang und ihren

Gebärden an. Ihr Herz, das nie eine heißere Neigung gekannt hatte als die zu dem »Kinde«,

machte im Spätherbste Frühlingsrechte geltend. Sie liebte, sie schmeichelte sich, geliebt zu

werden; scharenweise umflogen ihre Gedanken den teuren Gegenstand, und nur hier und da

stellten sich einzelne von ihnen bei der einst ausschließlich Verehrten und Verhimmelten ein.

Lisette fand es überflüssig, ihre Leidenschaft zu verhehlen, und sprach unbefangen von dem,

der sie ihr einflößte.

»Er schwebt halt immer auf meinen Lippen«, sagte sie einmal schalkhaften Tones zu der

Gebieterin mitten in einem Bericht über die Ankunft einer Sendung Tischzeugs, in den sie den

Doktor ungemein kunstvoll eingeflochten hatte.

»Wer?« fragte Maria.

Und nun legte die alte Jungfrau ihr längst angekündigtes Geständnis ab, und die geringe

Aufmerksamkeit, die ihr anfangs geschenkt wurde, steigerte sich allmählich, und plötzlich

geschah das Außerordentliche – Maria lachte.

Hermann, der eben eintrat, hörte es, und seine Freude kannte keine Grenzen. »Wer hat dich

lachen gemacht? – Sie, Lisette? Goldene Lisette! – was soll ich für Sie tun?… Ich gründe ein

Kammerdamenstift, und Sie werden Oberregentin.« Er stürzte auf sie zu und küßte sie auf jede

Wange, daß es schallte. »Was hat sie dir vorgebracht?« wandte er sich an seine Frau, rückte

einen Sessel neben das Kanapee, auf dem sie saß, und nahm Platz. »Ich will es wissen, ich will

Unterricht bei ihr nehmen.«

Maria fragte: »Darf ich antworten, Lisette?« und diese, ein klein wenig verschämt, erwiderte:

»Ich bitt.«

»Mit deiner Erlaubnis also. – Sie möchte den Doktor heiraten.«

Die Betroffenheit Hermanns, die Anstrengung, die er machte, sie zu verbergen, die fröhliche,

unendliche Güte, die aus seinen Augen sprach und aus dem unbezwinglichen und harmlosen

Lächeln, das seinen Mund umspielte, erregten von neuem Marias Heiterkeit.

- So war es möglich, noch – ja, schon so bald konnte sie sich vorübergehend zerstreuen lassen

aus ihrer lastenden, berechtigten, ihrer gebotenen Seelenpein?

Einmal lag sie des Nachts, wie so oft, wachend auf ihrem Lager, lauschte den ruhigen Atemzügen

ihres Mannes und sann und sann.

Und jetzt drang durch die Stille aus dem Zimmer nebenan, in dem das Kind schlief, ein heiserer

Ton, ein lautes, rauhes Husten aus kleiner Brust an ihr Ohr. Sie erhob sich sachte, warf ihr

Morgenkleid um, glitt mit nackten Füßen, die Pantoffel in der Hand, über den Teppich, trat bei

dem Kleinen ein und schob den Vorhang seines Bettchens zurück. Der Schein der Nachtlampe

flackerte auf dem glühenden Gesicht des Knäbleins, es röchelte schwer im Fieberschlafe. Maria

weckte ihn und die Wärterin und leistete die erste Hilfe, während jene auf ihren Befehl das

Kindermädchen aufrüttelte und nach einem Diener läutete, der den Doktor herbeiholte. Dieser

kam, sprach kein Wort, sondern handelte still und energisch; er war in dieser Nacht ein Held

an Mut und Besonnenheit. Vorübergehend nur brachte ihn die Wärterin in Zorn, weil sie

fassungslos herumstürzte und durchaus den Grafen rufen wollte.

»Alberne Person«, rief Weise, sich der Höflichkeit begebend, die ihn sonst auszeichnete. »Der

Doktor verbietet es, der Doktor braucht keine Leute, die Angst haben, im Krankenzimmer … Da –

so eine Ruhe! Das ist das Richtige, da nehmen Sie sich ein Beispiel.« Er deutete auf Maria,

die das Knäblein auf dem Schoß hielt.

Weiß in ihren schneeweißen Gewändern, unverwandten Blickes jede Veränderung beobachtend und

anzeigend, welche bei dem Kleinen vorging, führte sie des Doktors Anordnungen selbst aus und

hielt ein stummes Gespräch mit ihrem Kinde. -Willst du voran – mich drüben zu erwarten? Ich

folge dir bald nach. – Aber dein armer Vater, soll ihm beides zugleich genommen werden – ein

echtes Gut: du! und ein wertloses, falsches, das er in seinem lauteren Glauben betrauern wird,

als wäre es wirklich ein köstlicher Besitz gewesen?… Bleibe bei ihm, mein Liebling, biete ihm

überreichen Ersatz. – Sie drückte ihn an ihre Brust, und er richtete seine großen Augen auf

sie und murmelte: »Liebe Mutter.«

»Es geht besser, Doktor, nicht wahr?« fragte Maria.

»Wenn nicht alle Zeichen trügen«, gab er zur Antwort.

Sie verstand ihn. Er gebrauchte wieder eine bedingte Redeweise; die ernste Sorge, die ihn

seiner kleinlichen Vorsicht untreu gemacht hatte, war geschwunden.

Am Morgen erst erfuhr Hermann, daß sein Söhnchen in Lebensgefahr gewesen sei und daß es

gerettet war.

Dir gerettet, dachte Maria, zu deinem Troste, wenn ich nicht mehr bei dir sein werde. Sie war

im reinen mit sich. Gott erhörte sie nicht, überantwortete sie der Verzweiflung, so faßte sie

denn einen Entschluß der Verzweiflung.

Ein schöner Spaziergang im Walde führte bequem zu einer Burgruine hinan, welche die

Felsenspitze eines bis weit über die Mitte mit Schmuck-Edeltannen bewachsenen Berges krönte.

Man konnte jedoch von der entgegengesetzten Seite auf einem viel kürzeren Wege zu der Ruine

gelangen. Dieser ging über einen schmalen, geländerlosen Steg und mündete am Fuße des beinahe

senkrecht abfallenden Felsens, unweit von halbzerbröckelten, in den Stein gehauenen Stufen.

Ein kühner und geschickter Kletterer durfte sie immerhin noch benützen, um zur Kuppe zu

gelangen; wenn er nämlich schwindelfrei war. Sonst konnte ihm ein Blick zurück in die Tiefe

gefährlich werden. Dasselbe Flüßchen, das einige hundert Schritte weiter zwischen Wiesen

dahinglitt als friedliches, mit Kähnen befahrbares Gewässer, wurde in der Enge zum Wildbach.

Kochend und brausend stob der Gischt, bildete Wirbel, drehte und drehte sich kreisförmig,

trichterförmig, stieg auf in Säulen aus Schaum, warf sich wieder wie toll in sein steiniges

Bett und lockte herab zur Teilnahme an seiner sprudelnden, unerschöpflichen Lebenslust.

In ihrem ersten Ehejahre hatte Maria die Ruine besucht. Angewandelt von einer Regung der

unbezähmbaren Freude an der Gefahr, von der sie in früher Jugendzeit gar oft ergriffen worden,

war sie die Felsentreppe herabgestiegen und hatte den Steg festen und sicheren Ganges

überschritten.

Hermann, dem sie ihr Wagnis eingestanden, war erst durch ihr förmliches Versprechen, es nie zu

wiederholen, zu beruhigen gewesen. – Nun mußte das gegebene Wort gebrochen werden.

Mit peinlich erfinderischer Genauigkeit malte Maria sich alles aus, sah sich den Fuß setzen

auf den Steg und wandern und langsam mit Bedacht ausgleiten an der rechten Stelle … wanken,

sinken, zerschellt werden an den ewig blanken, ewig feucht glänzenden Klippen, die aus dem

Wasser herausragten. Vorahnend gab sie sich Rechenschaft von dem Schmerze Hermanns, er würde

nicht frei sein von Groll – und das war recht. Ein reines Andenken zu hinterlassen, hatte die

Schuldige nicht verdient.

Sie bereitete sich vor auf die entsetzliche Trennung von ihrem kleinen Kinde, das der Mutter

noch so sehr bedurfte, nahm Abschied von ihm Tag um Tag. Morgen geschieht’s, sagte sie sich,

bis der Morgen kam, an dem sie begriff, daß sie nicht sterben könne, ohne einen zweifachen

Mord zu begehen.

Und davor schauderte sie zurück. Wohl lohte es in ihr auf: Begrabe die Frucht des Frevels mit

dir!… Aber töten, um zu sühnen? – Noch war sie fromm und gläubig und fragte in ihrer

Seelenqual: Wie würdest du die Kindesmörderin empfangen, ewiger Richter, Herr, mein Gott?

Der mächtigste Instinkt im Weibe erhob seine gewaltige Stimme … Vielleicht auch rang der nun

verzweifachte Lebenstrieb – ihr unbewußt – gegen die Vernichtung.

Sie kam wieder auf den Ausweg zurück, der ihr zuerst als der selbstverständliche, der einzige

erschienen war: Hermann alles zu gestehen, ihm zu sagen: So bin ich, behandle mich, wie ich es

verdiene. Ich ertrage deine Güte nicht mehr, ich lechze nach Strafe, nach Buße. Die strengste

wird die beste sein, gönne sie mir, gönne mir das Labsal, zu büßen. Sei unbarmherzig, nur

verehre mich nicht mehr.

Und während sie in Gedanken also zu ihm sprach, rief ihr Verstand ihr zu: Phrasen, hohle

Worte! Du weißt es wohl, daß er dich nicht verstoßen, dich nicht der Geringschätzung

preisgeben wird; er wird, auch wenn sein Glück den Todesstreich durch dich empfangen, den Fuß

nicht auf deinen Nacken setzen, Gesunkene. Er wird unerschütterlich bleiben in seiner Langmut.

Von dir getrennt, dir im Innersten entfremdet, wird er von anderen noch Achtung für dich

verlangen. Dann hast du eine neue Last der Dankbarkeit auf dich geladen und vergeblich das

Beste zerstört, woran sein Herz sich erquickt und seine Seele sich erbaut. Du hast nichts zu

verlieren, er alles. Du hättest ihn umsonst unselig gemacht … Du darfst es nicht! – So tat sie

das, wogegen alles Frühere nicht zählte. Sie vollzog den Betrug, der die Schande zu bemänteln

hatte. Hermann mußte getäuscht werden. Das war so leicht und darum gar so schlecht … Und

geschah, und Maria duldete die Erniedrigung, die sie für unausdenkbar gehalten hatte, die

ganze! Nichts ward ihr geschenkt – nicht der Freudenausbruch, mit dem der hintergangene Mann

die in tiefdunkler Nacht gestammelte Kunde aufnahm, nicht seine erhöhte Zärtlichkeit, nicht

Wilhelms gutmütige Scherze, nicht Helmis treue Teilnahme, nicht Gräfin Agathens feierliche

Segenswünsche.

Maria spielte eine jammervolle Komödie, heuchelte Interesse an gleichgültigen Dingen, Freude

an den harmlosen Vergnügungen, den Landpartien und Waldfesten, die Hermann und Wilhelm

veranstalteten, um sie zu zerstreuen. Nicht immer, aber doch meistens ließ Hermann sich

täuschen. All sein Glück ging von dem Bilde aus, das er sich von ihrem Glücke machte.

Sie aber lebte in der Liebe zu ihrem Kinde, pflegte eifrig ihre Kunst, die sie nie schöner und

hinreißender als jetzt ausgeübt hatte, und grübelte sich allmählich in eine eigentümliche

Sophistik hinein. Die Sühne, nach der sie rief, lag gewiß in der Einsicht, daß es ihr verwehrt

sei zu sühnen. Der verdammende Schicksalsschluß, der über sie gefällt war, lautete: Du liebst

die Wahrheit, wandle in der Lüge.

12

Im Sommer kamen Graf Wolfsberg und seine Schwester mit ihrer Gesellschaftsdame, Fräulein

Annette Nullinger, nach Dornach. Beinahe auf dem Fuße folgte ihnen, ohne eingeladen zu sein,

ohne sich angesagt zu haben, die kleine Gräfin Felicitas Soltan. Sie kam, um zu fragen, ob

Tessin, wie er vor seiner Abreise versprochen, an Gräfin Dolph geschrieben habe, wie es ihm

gehe, und besonders – ob er sie grüßen lasse.

Aber noch war kein Brief von ihm eingetroffen, und nur durch Zeitungstelegramme wußte man, daß

er auf seinem Posten angelangt und festlich empfangen worden war.

An einem schwülen Sonntagnachmittag hatten sich die Schloßbewohner in einem breiten offenen

Zelte am Ufer des Teiches versammelt. Dichtes Buschwerk umgab ihn ringsum, und hinter diesem

ragten das hellgrüne malerische Gezweig einzelner Tulpenbäume und aus weiterer Entfernung die

dunkeln Gipfel eines Balsamtannenhaines in das gleichförmige, ruhig leuchtende Himmelsblau

empor.

Alle im Zelte Anwesenden, Fräulein Nullinger und Hermann junior ausgenommen, rauchten. Annette

hatte nach und nach ihren Sessel bis zum Eingang vorgerückt; dennoch schwebte tückischer

Tabaksqualm ihr nach und machte sie hüsteln, was Gräfin Dolph unabweislich rügte. Sie saß in

der Tiefe des Zeltes in einem ausgefütterten Strandsessel und hatte eine Haube auf, die

ungemein an die häusliche Kopfbedeckung der französischen Könige im 15. Jahrhundert erinnerte.

»Nulle«, sprach sie – »Ich heiße Nullinger«, berichtigte das Fräulein, ohne sich umzuwenden.

»Nun denn, Nullinger, zwingen Sie sich doch nicht zu husten – aus purer Affektation.«

Annette zuckte die Achseln und preßte die Flächen ihrer feuchten Hände aneinander; ihre roten

aufgeworfenen Lippen hatten das ihnen eigentümlich nervöse Beben.

Fee nickte ihr bedauernd zu und seufzte: »Ach, welche Hitze! Ist es immer so heiß bei Ihnen,

Graf Dornach?« Sie wiegte sich in ihrem Schaukelstuhle, hatte die Augen halb geschlossen und

ließ wie todmüde die Arme an beiden Seiten ihres schlanken und zierlichen Körpers herabhängen.

Graf Wolfsberg, den zu amüsieren sie sich vorgenommen, war heute ein undankbares Publikum. Er

hatte nicht einmal bemerkt, daß sie sein Lieblingskleid angezogen, das weiße, gestickte, mit

der rosafarbigen Bébéschleife. Bei Tische, als sie, nur um ihm Spaß zu machen, die heiligsten

Geheimnisse ihres Herzens auskramte, von ihren unbezahlten Rechnungen gesprochen, von ihrem

Glauben an die Zukunft des Spiritismus als Staatsreligion, von allerlei Skrupeln, die sie sich

machte – intim, ganz intim! –, hatte er kaum zugehört. Und nun saß er seit einer Stunde ernst

und schweigsam neben ihr, und sie verzweifelte endlich daran, ihn seiner üblen Laune zu

entreißen.

Hermann und Maria kannten den Grund seiner Verstimmung. Er war, indes die anderen sich in der

Kirche befanden, auf den Friedhof gegangen und hatte Wolfis Grab besucht.

»Wozu? warum tut er solche Sachen, die ihn viel zu sehr angreifen?« hatte Dolph ihrer Nichte

geklagt. Auch sie trachtete ihn zu zerstreuen und suchte dabei die wirksamste Unterstützung,

die des kleinen Hermann; sie war aber in diesem Augenblick nicht zu haben. Das Knäblein mühte

sich gar eifrig, Steinchen, die es gesammelt und auf den Schoß seiner Mutter gelegt hatte, mit

ihrer Hilfe ins Wasser zu werfen. Seine Antwort auf die Einladung der Großtante, zu ihr zu

kommen, lautete entschieden verneinend, und die aufrichtigste Abneigung sprach aus dem raschen

Blicke, den er der alten Frau von unten herauf zuwarf.

Gräfin Dolph machte ihrem Unmut über die Vergeblichkeit der Liebesmüh, die sie seit langem an

dieses schöne und entzückende Kind verschwendete, dadurch Luft, daß sie plötzlich von den

Unannehmlichkeiten zu sprechen begann, die das Landleben für sie mit sich brächte.

»Etwas Schreckliches zum Beispiel«, sagte sie, »ist die Kontrolle, unter der man mit seinen

Kirchenbesuchen steht. Man kann sich keinen einzigen schenken, und ich sag euch, noch ein

Hochamt wie das heutige, und ihr könnt mich gleich dabehalten in eurer Familiengruft. Und Sie,

Nulle, das bitte ich mir aus, placieren Sie sich am nächsten Sonntag nicht wieder in das

Oratorium uns gegenüber. Sie stören mich, Sie rauben mir das bißchen Andacht, das ich noch

habe, mit Ihren Ekstasen, vermischt mit Übelkeiten.«

Dieser Ausfall wurde von Fräulein Annette mit ungewohnter Kaltblütigkeit zurückgeschlagen.

Wenn eine Andacht durchaus unter der anderen leiden müsse, sagte sie, möge es nur immerhin die

minderwertige – die der Gräfin sein.

Fee klatschte ihr Beifall zu und gab ihr die Versicherung, sie sei die gescheiteste Nullinger,

die jemals hienieden gewandelt; dann stieg die kleine Frau, von Hermann, der herbeitrat,

unterstützt, in den am Ufer befestigten Kahn. Losgemacht durfte er nicht werden. Sie wollte da

bleiben, sich schaukeln auf der kühlen Flut und hören, wie sich die Konversation des Grafen

Wolfsberg – von weitem macht.

Er ließ sich endlich herbei, ihr einen Scherz zuzurufen, den sie ebenso schlagfertig wie

unpassend erwiderte. Der von ihrer Seite munter geführte Kampf, der sich nun zwischen ihnen

entspann, wurde durch das Eintreffen des Postpakets unterbrochen.

Maria verteilte die Zeitungen und die Briefe.

»Ist etwas für mich da?« – »Für mich?« fragten Fee und Gräfin Dolph.

»Ja.« Maria schob der letzteren ein großes Schreiben zu.

»Von Tessin«, sprach die Gräfin. »Von Tessin«, wiederholte sie lauter und schwenkte den Brief

in der Luft. »Fee, sieh her.«

»Für Fee«, sagte Maria, und Hermann übernahm aus ihrer Hand eine ganze Ladung Modejournale und

Zeitschriften, die er in den Kahn reichte.

»Das sind Ihre unbezahlten Rechnungen«, rief Wolfsberg. »Geben Sie acht, Gräfin, Ihr Dampfer

versinkt unter der Last.«

Felicitas war beim Nennen des Namens Tessin so rasch aufgesprungen, daß ihr kleines Fahrzeug

in bedenkliches Schwanken geriet. Sie sank zurück, schrie und warf sich so ungestüm von einer

Seite zur andern, als ob sie es darauf abgesehen hätte, den Kahn umkippen zu machen.

Hermann zog ihn mit der breiten Seite dicht ans Land und sagte, halb lachend, halb

verdrießlich: »Ihr Leben ist gerettet, steigen Sie aus.«

Die Übermütige sträubte sich: »Noch nicht! noch nicht! – ich will, daß man Tessin schreibt,

ich sei fast ertrunken vor Freud, wie es geheißen hat, daß ein Brief von ihm gekommen ist. Sie

sind Zeuge, Fräulein Nullinger, schwören Sie darauf, ich bitte um einen ordentlichen Eid – ich

bitte!«

»Ei, ei, Frau Gräfin, einen Spaß mit so heiligen Dingen verstehe ich nicht«, rügte das

Fräulein.

»Nicht? – o weh! dann schwören also Sie, Graf Wolfsberg.«

Mechanisch antwortete der Graf: »Ja, ja.« Seine ganze Aufmerksamkeit war von Maria in Anspruch

genommen.

Sie hatte einen Brief vor sich hingelegt, einen zweiten Brief von Tessin, noch größer und

gewichtiger als der an Gräfin Dolph gerichtete, und war in der Betrachtung der kräftigen,

leicht geformten Züge der Aufschrift versunken. In ihrem Gesichte malte sich starres

Entsetzen. Wenn diese wenigen Zeilen Tod und Verderben verkündet hätten, sie würde nicht

anders auf sie niedergeblickt haben.

Nun schien sie zu fühlen, daß die Augen ihres Vaters auf ihr ruhten, erhob die ihren, sah ihn

an – und senkte langsam das Haupt.

Dieses kurze stumme Gespräch zwischen Vater und Tochter wurde von niemandem beobachtet. Gräfin

Dolph schwelgte im Genusse der geistvollen Epistel ihres Horace Walpole; Fräulein Nullinger

verfolgte teilnehmend das Schauspiel der »Rettung« Fees durch Hermann. Trotz aller Possen, die

dessen Heldin trieb, kam es glücklich zum Abschluß.

Hermann trat ins Zelt, blieb hinter dem Sessel Marias stehen, und über ihre Schulter blickend,

las er von seinem Platze aus die Adresse des zweiten Briefes Tessins: »Herrn Wolfgang

Forster«.

Es entspann sich eine Verhandlung darüber, was mit dem Briefe zu geschehen habe.

»Er ist so dick«, meinte Fee, »es stecken gewiß noch ein paar andere drin, die der Herr

Forster hat übergeben sollen. Man muß ihn aufmachen.«

Gräfin Dolph bestätigte: »Man muß ihn aufmachen, natürlich.«

Hermann jedoch erklärte, so gar natürlich käme ihm das nicht vor. »Was sagst du, Maria?«

fragte er und strich mit der Hand über ihren Scheitel.

Sie wandte sich, ergriff diese Hand und drückte sie an ihre Lippen. Das war genug, um die

heftigste Eifersucht des kleinen Hermann auf den großen zu wecken. Das Kind schrie und strebte

zu ihr empor, und sie hob es auf ihre Knie und drückte ihr Gesicht an das seine.

Noch hatte sie ihn, noch hatte sie eine Liebe, deren ganzen Wert sie zu erkennen begann,

nachdem sie sich ihrer unwert gemacht – die Liebe des besten Mannes. Noch hatte sie die

Achtung aller guten Menschen … Eine kleine Weile, ein Riß durch die dünne papierne Hülle da

auf dem Tische – und alles ist vorbei, und vor ihr öffnet sich die Hölle der Schande.

Ihr Knäblein schlingt die Arme um ihren Hals und sie die ihren um ihn. Doch diese heiligste

Umarmung schützt sie nicht. Sie hört nicht das zärtliche Geflüster der süßen Kinderstimme –

sie hört eine andre, entsetzliche, die ihr zuruft: Was schauderst du? – doch nicht vor dem,

was im Gefolge der Wahrheit kommt, nach der du geschmachtet hast und gelechzt? Da ist sie –

begrüße sie. Tu’s, Armselige … Oder war es doch nicht der Betrug, wovor du am bängsten

gezittert hast?… Wo ist jetzt dein Abscheu vor ihm?… Noch empfind ich ihn, dachte Maria, küßte

das Kind und stellte es auf den Boden.

»Ich bin dafür«, vernahm sie nun – Gräfin Dolph sprach –, »den Brief aufzubrechen, um

nachzusehen, ob er nicht wirklich andere enthält, wie Felicitas glaubt. Wenn ja, verteilt man

sie, wenn nein, schicken wir dem Freunde morgen seine zwölf Seiten, ›eng und zierlich, ein

kleines Manuskript‹, ungelesen, weil wir schon so hyperdiskret sind, zurück. Einverstanden,

Hermann?«

»Nein«, lautete die Antwort, »ich öffne keinen Brief, der nicht an mich gerichtet ist.« Er

nahm ihn, reichte ihn dem Grafen Wolfsberg und sagte leise zu ihm: »Nimm ihn zu dir, mache mit

ihm, was du willst, nur sei nicht mehr die Rede davon. Alles, was Maria an Wolfi erinnert,

greift sie furchtbar an. – Es ist drückend heiß hier im Zelt«, setzte er, an seine Frau

gewendet, hinzu. »Komm ins Freie, Maria.«

Er nahm ihren Arm, den sie ihm willenlos überließ, und geleitete sie hinweg.

Nach dem Abendessen las Gräfin Dolph der Gesellschaft das Schreiben Tessins ganz meisterhaft

vor. Etwas von allem war darin enthalten, Ernst und Scherz, anschauliche Schilderungen von

Land und Leuten, ein kräftiger und rührender Ausdruck des Heimwehs, das ihn peinigte.

Fee zog sich, sobald die Lektüre beendet war, in ihre Gemächer zurück. Kurz darauf begab sich

auch Gräfin Dolph, von Hermann und Fräulein Nullinger geleitet, zur Ruhe.

Graf Wolfsberg blieb mit seiner Tochter allein.

»Hermann hat immer recht«, sprach er nach einer langen Pause. »Auch mir hat es widerstrebt,

den Brief an den unglücklichen Forster zu öffnen. Ich habe ihn Tessin zurückgeschickt.«

»Ich danke dir, Vater«, erwiderte Maria mühsam und stockend. »Ich hätte aber gewünscht, daß

Graf Tessin gebeten würde, es bei diesem Versuch, mir Nachricht von sich zu geben, bewenden zu

lassen.«

»Das soll geschehen.«

Sie hatten vermieden, einander anzusehen; nun plötzlich begegneten sich ihre Blicke. Eine

große Zärtlichkeit, ein großes Mitleid sprach aus dem seinen. Er streckte ihr die Hand

entgegen, er wollte reden.

Marias Mund verzog sich schmerzlich, und sie machte eine flehend abwehrende Gebärde.

Sehr lange hielt es Graf Wolfsberg in Dornach nie aus. Die werktätige Barmherzigkeit, auf die

seine Tochter sich ganz verlegte, widerstrebte ihm. Es war ihm zu unangenehm, sagte er, an die

Enttäuschungen zu denken, die sie erfahren werde, nicht jetzt, nicht in den nächsten Jahren,

doch in fünf, in zehn; und nicht durch den Undank, der unausbleiblich sei – Dank erwarte sie

ja nicht –, sondern durch die Erkenntnis, daß ihr Bestreben, das materielle und sittliche

Elend der Leute zu verringern, nutzlos und in manchen Fällen schädlich gewesen sei. Jedes

Bestreben aber, dessen Resultat negativ bleibt, ist ein unvernünftiges und demoralisierendes.

»Diese Leute« – wenn er die Worte sprach, biß er die Zähne zusammen, und Haß und Grausamkeit

blitzten aus seinen Augen – »sind faul, heimtückisch, unverbesserlich. Es ist noch jeder

gescheitert, der glaubte, im Guten auf sie einwirken zu können. Ich habe ja nicht von Anfang

an die Hände in die Taschen gesteckt und zugesehen, wie einer der Dummköpfe nach dem andern

zugrunde geht … Sie haben mich von meiner christlichen Barmherzigkeit kuriert, sie selbst!«

»Weißt du, Vater, warum ihnen das gelang? – Darf ich’s sagen?« fragte Maria.

»Nur zu!«

»Weil du sie nicht liebst und sie das fühlen.«

»Wohl mir und ihnen. So bin ich sicher vor einem Girondistenlose und sie vor einer neuen

Gelegenheit, zu zeigen, wie sie Liebe vergelten. Laß es gut sein!« kam er dem Einwand zuvor,

den sie erheben wollte, »wir zwei werden einander in dieser Sache nicht überzeugen.«

Der Sommer war vorbei; auch Gräfin Dolph und Felicitas hatten Dornach verlassen. Die Zeit

verging still und ereignislos. Maria, oft unwohl, erlaubte nicht, daß Rücksicht darauf

genommen werde. Sie wußte, daß ihr nur eines frommte: sich selbst vergessen, ihre Leidenskraft

stählen, indem sie die Leiden der anderen milderte. »Meine Wohltäter«, nannte sie die

Hilfeheischenden. Das Laster, das Unrecht, die Torheit fanden in ihr eine hartnäckige

Bekämpferin. Ihrer unerschöpflichen Langmut fehlte es nie an Gelegenheiten, sich zu üben. Und

nicht immer war es die Bürde schweren Ungemachs, die mitzutragen sie eingeladen wurde; es

befand sich auch sehr leichtes Gepäck darunter und lächerliche, willkürlich aufgehalste Last.

An einer solchen schleppte Lisette und machte unangemessene Ansprüche an die Teilnahme »des

Kindes«. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, was Doktor Weise hindere, um sie anzuhalten, sei

die Angst vor einem Korbe.

»Er ist ein so zurückgezogener Mann und kommt zu nichts«, vertraute sie ihrer Gebieterin.

»Niemand schaut auf ihn. Seine Manschetten sind immer zerdrückt, und den Hemdkragen hat er

neulich gar umgekehrt eingeknöpfelt gehabt.«

Außer dem Wunsche, das Recht zu erwerben, für die Manschetten und Hemdkragen Weises zu sorgen,

hatte sie noch den sehr großen, »Frau Doktorin« genannt zu werden. Das ewige »Fräulein

Lisette«, Fräulein hin und Fräulein her, war ihr schon so zuwider, sie konnte es nicht mehr

hören. »Geh, sprich du mit ihm, leg’s ihm nah, daß ich ihn nehmen möcht«, mit dieser Bitte

schloß sie regelmäßig ihre Herzensergießungen und erhielt jedesmal den Bescheid, daß ihr

Wunsch unerfüllbar sei.

So blieb Lisetten am Ende nichts übrig, als eigenmächtig einzugreifen in ihr und des Doktors

Geschick. Sie ersuchte ihn eines Morgens, sie mitzunehmen in seinem Wagen, in dem er jetzt

täglich zu einem Patienten nach dem nahen Städtchen fuhr; sie habe dort einige

Weihnachtseinkäufe zu besorgen.

Weise war dazu bereit: »Es ist mir schmeichelhaft«, sagte er, als Lisette im Pelzmantel und

Capuchon neben ihm Platz nahm. »Wo darf ich Sie absetzen?« Dabei lächelte er, aber nicht aus

Wohlgefallen an ihrer äußeren Erscheinung, sondern über den Einfall, daß ihm noch nie eine

Person vorgekommen sei mit einem so ausgesprochenen Jahrmarktspuppengesicht.

Auch Lisette lächelte. »Denken Sie jetzt schon ans Absetzen? Das ist ja gar nicht schön von

Ihnen.« Ihre Oberlippe zog sich in die Höhe, und es kamen kleine Mauszähne zum Vorschein, die

sehr gut gepflegt, aber ziemlich abgenützt waren. Sie wurde nach und nach ganz deutlich in

ihren Anspielungen und der Zaunpfahl, mit dem sie winkte, keulenartig.

Dem Doktor stiegen, wie er sich selbst gestand, gewisse Apprehensionen auf, und er rückte so

weit als möglich von ihr fort.

Sie sah darin eine Aufforderung seiner Gastfreundschaft, sich’s recht bequem bei ihm zu

machen, lehnte sich zurück und betrachtete sein Profil. Der Rand seines weit hinausragenden

Mützenschirms und die Spitze seiner Nase standen in senkrechter Linie. Mund und Kinn hingegen

wichen, wie aus Respekt vor dem bedeutenden Gesichtsvorsprung, jäh zurück. Da fand die

verwünschte Zaghaftigkeit, mit der Lisette heute einmal fertigwerden wollte, ihren Ausdruck.

Nach einigen einleitenden Reden meinte sie den Streich führen zu dürfen. Sie tat es – der

Doktor stellte ihr dieses Zeugnis aus, als er sich von dem erlittenen Angriff erholt hatte –

mit hochgradiger Dezenz, indem sie ihn fragte, ob er nie daran gedacht habe, sich zu

verändern.

»Doch, doch, vor Jahren einmal«, seufzte er und zog, ohne es zu wollen, die Zügel des

lammfrommen Schecken an, der sogleich stehenblieb, sich aber auf den Zuruf: »Allons, Allons!«

wieder in Bewegung setzte.

»Und seitdem nicht mehr?… Das ist schad, und dann ist es auch traurig.«

Sie blinzelte schalkhaft zu ihm hinüber, was ihn empörte und beängstigte. Er kam sich so

hilflos und ihr preisgegeben vor in unendlicher Einsamkeit. Soweit das Auge reichte, war

nichts zu sehen als Schnee und Schnee und nichts Lebendiges wahrzunehmen als der Scheck,

einige Krähen und das Frauenzimmer, das ihm »Avancen« machte.

Sie sprach viel, und alles, was sie sagte, war entweder schmeichelhaft für ihn oder für sie,

und ihm blieb nichts übrig als entweder: »Das Fräulein sind zu gütig«, zu murmeln oder: »Das

Fräulein haben recht.«

»Ein solcher Mann«, sprach sie nun milde, »und hat keinen Herd.«

»Entschuldigen, habe, habe, o einen vorzüglichen, neuester Konstruktion.«

»Einen häuslichen, mein ich. Ein solcher Mann – und hat keine Frau.«

»Oh, bitte, bitte – die habe ich auch.«

Fräulein Lisette neigte sich so rasch zur Seite, daß man es ein Sich-zur-Seite-Werfen hätte

nennen können. »Sie – Sie haben – eine Frau?«

»Ja freilich, eine wunderhübsche.«

»Wo?«

»Bei ihren Eltern habe ich sie. Ich habe sie ihren Eltern aufzuheben gegeben.«

»Das heißt«, berichtigte Lisette, der plötzlich alles Zartgefühl abhanden gekommen war, »Sie

haben sie fortgejagt?«

»Bitte, bitte!… Eine so undelikate Maßregel ergreift man nicht gegen eine Dame, die man

ohnehin unglücklich gemacht hat, indem man ihr etwas höchst Fatales eingeflößt.«

Seine Zuhörerin erschrak tödlich, sie dachte an Gift.

Er aber flüsterte: »Antipatheia.«

»Jesus! was ist denn das?« rief Lisette.

»Ein inkurables und darum so perniziöses Leiden, weil es den Menschen um seine schönste

Illusion bringt, um die des freien Willens. – Denken Sie sich eine von den besten Absichten

für ihren Eheherrn beseelte Frau, die im Augenblick, in welchem sie dieselben betätigen soll,

von der heftigsten Versuchung ergriffen wird, ihm etwas an den Kopf zu werfen … und derselben

nur selten zu widerstehen vermag. – Dabei süßer Empfindungen durchaus nicht unfähig – o nein!

wenn es auch dem Betreffenden nicht beschieden war, sie zu wecken, außer – auf Distanz. In je

weiterer Entfernung er sich von ihr befand, eine desto hingebendere Gattin wurde sie ihm. So

sprach er denn eines Tages zu ihr, indem er sich an einen Dichter lehnte: ›Wie gut wäre es,

Carissima, wenn du, um mich mehr zu lieben, dich für immer von mir entferntest!‹ – Sie tat es,

und seitdem führen wir die musterhafteste Ehe. Haben vor kurzem brieflich unsere silberne

Hochzeit gefeiert.«

Das Fräulein wollte ein etwas spöttisches Bedauern über »diese Gattung von Verhältnis« äußern

– der Doktor aber meinte: »Ein Gutes ist jedenfalls dabei: dem Manne, der schon im Besitz

einer Frau ist, kann niemand mehr zumuten, eine zu nehmen.«

Lisette machte unerhört alberne Augen und sprach nicht ein Wörtchen mehr. Sie war so

vernichtet, daß sie ihre sämtlichen Einkäufe in der Stadt besorgte, ohne zu handeln. Drei

Wochen mußten vergehen, ehe sie sich von ihrer Enttäuschung erholen konnte. Dann wurde »das

Kind« wieder der Mittelpunkt ihrer Interessen und das angebetete Opfer ihrer engherzigen

Liebestyrannei.

Wie am vorigen Jahresschlusse fand sich auch an diesem Gräfin Agathe in Dornach ein. Sie half

die Christbäume schmücken für jung und alt, für arm und reich, in der Halle und im Saal.

Dem Entzünden der Lichtlein stand aber sie allein vor.

Maria konnte nicht Zeuge der Freude sein, die vorzubereiten seit Wochen und Wochen ihr

hauptsächliches Bemühen gewesen war. In der heiligen Weihnacht gab sie einem zweiten Sohne das

Leben. Er war so schmächtig und klein, wie der erste groß und stark gewesen. Mit banger,

unausgesprochener Besorgnis sah Hermann seine Mutter an, als er mit ihr an die Wiege des

Neugeborenen trat.

»Nein«, sagte sie, »er ist nicht schwach, nur zart. Er wird leben – zu meiner Freude. Das wird

der meine sein unter deinen Kindern.« Weich, wie man sie nie gesehen, versenkte sie sich in

den Anblick des Knäbleins und hielt die Hand segnend über ihn ausgestreckt. »Er hat schwarze

Augen, Hermann, die Augen deines Vaters, und soll Erich heißen wie dein Vater.«

Maria kränkelte lange, sie konnte dieses Kind nicht nähren; sie hatte für dasselbe nicht

soviel Liebe wie für das ältere. Sie verlangte nicht nach ihm, widersetzte sich nicht, wenn

man es forttrug aus ihrem Zimmer, und es beunruhigte doch niemanden und stellte unerhört

geringe Anforderungen an seine Umgebung. Es lag oft lange ganz still mit weit geöffneten

Augen.

»Fremde Augen hat’s und das Gesicht der Mutter«, entschied die Wärterin, wenn jemand

herauszubringen suchte, wem es ähnlich sehe. – Eine Spur von der Seelenpein, die sein Werden

begleitet hatte, spiegelte sich wider auf seinem kleinen Angesicht, und traurig staunend

schien es zu fragen: So also sieht es aus in eurer Welt?

An Liebe litt es nicht Mangel. Hermann zerfloß vor ihm in überquellendem Erbarmen; alle Frauen

im Hause schwärmten für das Kind, das etwas »ganz eigenes« hatte; sein Bruder verteidigte es

wie ein kleiner Löwe vor den Ausbrüchen ihrer Zärtlichkeit und brachte es gleich darauf in

Gefahr, von dem Ungestüm der seinen erdrückt zu werden.

Der Winter verfloß; Maria blieb müde und erschöpft. Alle herbeigerufenen Ärzte rieten, wie

Doktor Weise es längst getan, zu einem Aufenthalt von mehreren Monaten in Italien.

Die Kranke sträubte sich gegen eine Entfernung von daheim, aber zum ersten Male setzte Hermann

dem Willen seiner Frau entschiedenen Widerstand entgegen, und sie mußte sich fügen.

Gräfin Agathe kam nach Dornach, um die Kinder in Abwesenheit der Eltern zu betreuen; Hermann

und Maria reisten. – Sie hatte schon vor Jahren mit ihrem Vater das Land der Sehnsucht jedes

künstlerisch Fühlenden besucht und fand nun im Genusse der Wunder einer märchenhaft reichen

Natur und einer Welt, in der »Sterbliche Unsterbliches geschaffen haben«, die Empfindungen

ihrer Mädchenzeit wieder. Wie oft atmete sie auf, frei und leicht, und sah ihr eigenes Bild so

rein, wie die Seele ihres Mannes es widerspiegelte. Ihre wankende Gesundheit befestigte, ihr

erschütterter Mut stählte sich.

Es war krankhaft, dachte sie, zu glauben, die Verirrung eines Augenblicks könne nicht gesühnt

werden durch ein ganzes Leben der Rechtschaffenheit und Pflichterfüllung. Fort mit den

Gespenstern einer abgeschworenen Vergangenheit. Sie sind die Feinde eines Glückes, das

ungetrübt zu erhalten ihre wichtigste Aufgabe war, vor der alles andere zurücktrat, des

Glückes Hermanns. Mit hoher Freude erfüllte sie der Anblick der seinen. Ihm aber durchsonnte

ihre Heiterkeit die Seele, er lebte von ihrem Leben.

»Wir sind auf unserer Hochzeitsreise«, sagte er.

Die Frau, die Mutter seiner Kinder kam ihm jetzt oft vor wie eine Braut, doch nicht wie die

kühle, stolze, die sie einst war – wie eine liebende Braut.

Und da kniete er vor ihr nieder und betete sie an. Einmal rief er aus: »Ich bin zu glücklich,

ich verdien es nicht. Ich habe eine Schuld abzutragen, aber statt sie einzufordern, überhäuft

mich das Schicksal mit immer neuen Gnadengeschenken.«

»Du hättest eine Schuld abzutragen?« fragte Maria. »Die schwerste – einen Frevel an dir. Ich

habe um dich geworben, dein Ja erbettelt, obwohl ich wußte, freudig gibst du es mir nicht. Den

ersten Kuß, Geliebteste, hat ein Ungeliebter auf deine Lippen gedrückt. Es war ein Verbrechen

an dir – ein unsühnbares.«

Sie schrak zusammen bei diesem Wort. Er nahm ihre Hände zwischen die seinen: »Maria, wann

werde ich, wie werde ich dafür bestraft werden?«

»Nie, gar nicht«, stammelte sie verwirrt und drückte ihren Kopf an seine Brust.

Sie kehrten zurück. Es war Abend, als sie ankamen. Die Kinder schliefen. Hermann blies die

Wangen auf und hatte die Fäustchen fest geballt. Er war groß und stark geworden, ein Knäblein

wie ein junger, kräftiger Baum. – Das kleine unechte Reis, auf den reinen Stamm Dornach

gepfropft, Erich, lag in leichtem Schlummer, zuckte und öffnete die Augen, als seine Mutter

ihm nahte. Sie war betroffen und befangen von dem geheimnisvollen Reiz, der dieses Kind umwob,

wandte sich rasch und trat an das geöffnete Fenster.

Würzige Düfte erfüllten die Luft, melodisch rauschte es in den Bäumen, durchsichtige Schleier

breiteten sich über die Wiesen, leichter Rauch lag auf den Höhen.

Weit herüber von der Straße, die zum Dorfe führte, vernahm man den Gesang heimkehrender

Feldarbeiterinnen. Nah und näher kamen die Klänge einer schwermütigen slawischen Volksweise.

Schon konnte man die letzten Worte des Liedes unterscheiden:

Schönheit, dein Prangen,

Liebe, dein Glück,

Alles vergangen,

Kehrt nicht zurück.

Ewig treu,

Immer neu

Bleibt die Reu,

Bleibt die eisgraue Reu. –

13

In der Nähe von Dornach, auf dem seit langem unbewohnten Gute Rakonic, hatten sich zwei junge

Ehepaare angesiedelt. Die Männer waren Brüder, die Frauen Schwestern. Sie gehörten den

vornehmsten Gesellschaftskreisen an und betrieben den Sport als Beruf, mit angeborenem und

energisch ausgebildetem Talent. Überdies gab es in etwas verwickelten Ehrensachen keinen

höheren Richter als die Grafen Clemens und Gustav und im Punkte echter Eleganz keine

nachahmungswürdigeren Vorbilder als die Gräfinnen Carla und Betty Wonsheim. Es gab auch in der

weiten Welt nicht wieder vier Menschen von so vollkommener Übereinstimmung in ihren

Lebensanschauungen, ihren Verhältnissen, ihrer Bravheit, ihrer kindlichen Unwissenheit. Den

Brüdern sah man ihre nahe Verwandtschaft sofort an. Beide waren mittelgroß und breitschultrig,

ihre Scheitel schon etwas gelichtet; sie hatten ein äußerst gelassenes Wesen, sprachen langsam

und in derselben bedächtigen Art. Im Äußeren der Schwestern hingegen herrschte die größte

Verschiedenheit. Carla, die ältere, schlank und blond, glich der Schwindischen Melusine.

Betty, braun, klein, neigte zur Fülle und unterzog sich infolgedessen einem ziemlich strengen

Training. Sie rühmte sich, nie anders als mit dem Springgurt geritten zu sein. »Was hat man

denn für einen Rapport mit dem Pferd«, fragte sie, »wenn man auf so einer Maschin von einem

Sattel oben sitzt?« Ihre Lebhaftigkeit bildete einen angenehmen Gegensatz zu dem gemessenen

Benehmen ihrer Angehörigen. Sie war sehr verliebt in ihren Clemens, und er ließ sich ihre

Zärtlichkeit gefallen und hatte, obwohl seit einem ganzen Jahre verheiratet, noch nicht eine

Untreue an seiner kleinen Frau begangen. Gustav und Carla hingegen verkehrten miteinander mehr

wie zwei gute Gesellen denn als ein junges Ehepaar. Jedes brave eheliche Verhältnis endet mit

Freundschaft; sie ersparten sich den Umweg und fingen gleich bei der Freundschaft an.

Sobald die Fahnen auf den Türmen des Schlosses Dornach die Anwesenheit des Herrn und der Frau

vom Hause verkündeten, fanden Wonsheims sich dort ein und wurden oft und gern gesehene Gäste.

Sie verlangten aber auch Erwiderung ihrer Besuche, Teilnahme an ihren Interessen. Es verdroß

alle, wenn eine ihrer Einladungen von Maria ausgeschlagen wurde, weil sie »zu tun« hatte. –

Und was? – Krippen errichten, ein Versorgungshaus bauen, ein Spital, »und immer machen, als ob

sie dabeistehen müßt – wenn das nicht Affektationen sind«, meinten sie, »dann kennen wir uns

überhaupt in solchen Sachen nicht mehr aus«.

Sie waren einmal von einem betrunkenen Taugenichts angebettelt worden, der ihnen auf die

Frage, woher er sei, geantwortet hatte: »Aus Dornach.«

»Wie – daher? Gibt’s denn noch arme Leut in Dornach? Dort is ja der Himmel für die Armen.«

Der Taugenichts zwinkerte schlau und sprach in kläglichem Tone: »Für den armen Herrn

Spitalsverwalter und Aufseher, und wie die liebe Bagage sich titulieren läßt … für die wird’s

wohl der Himmel auf Erden sein, die liegen auf der faulen Haut und fressen sich an. Ein

wirklich Armes hat’s in Dornach grad so schlecht wie überall.«

Das war Wasser auf die Mühle der Wonsheim, und sie fragten nicht, ob es aus trüber Quelle

floß.

Eines Tages, als wieder eine verneinende Antwort aus Dornach eintraf, schnellte Betty den

Brief, der die Absage enthielt, durch das offene Fenster, daß er weithin flog, die Luft mit

der Kante durchschneidend. »Der vierte Korb, den die langweilige Person uns gibt!« rief sie,

und Clemens versetzte: »Ihr seids aber auch wie die Wanzen. Laßt sie in Ruh!«

»Just nicht! Sie darf nicht fort im Spital sitzen und sich mopsen. Man muß sie ein bissel

aufmischen.«

Bettys Meinung drang durch.

»Mischen wirs auf«, erwiderten Gustav und Carla, und schon am nächsten Morgen, in aller

Gottesfrüh, kam die Familie in Dornach angesprengt, um Hermann und Maria zu einem Spazierritt

aufzufordern.

Es war ein hübscher Anblick, als sie im Schloßhof hielten, die stattlichen Herren und die

anmutigen Frauen auf ihren schönen Rossen, an denen jede Sehne Kraft und jeder Blutstropfen

Adel war. In ihrer Begleitung befanden sich Flick und Flock, ihre Doggen, die ernsten, klugen,

die den Pferden wie angebunden im jeweiligen Tempo dicht an den Hufen folgten. Sie sahen nicht

rechts noch links, sie kümmerten sich weder um einen aufschwirrenden Vogel noch um einen

aufgescheuchten Hasen; aber einen Blick, einen freundlichen Zuruf ihrer Herren beantworteten

sie mit Wonnegeheul und Freudensprüngen. Jetzt waren sie verdrießlich über die Unterbrechung

ihres Morgenrennens.

Verdammte Dahockerei! Wie lang soll’s noch dauern? sagte Flick zu Flock.

Riech nur, riech! erwiderte der, da kommen ja schon die Hunde mit ihren Menschen. Den Boxl,

den möcht ich durchbeuteln, daß er nicht mehr wüßt, wo sein grauslicher Kopf ihm steht. Er

knurrte, seine Haare sträubten sich.

Boxl lief auf ihn zu, klein und frech, der ganze Hund eine impertinente Frage: Was habt ihr

bei uns zu suchen?

Die Spuren meiner Zähne in deinem Fell, du Ratte, und Flock wollte auf ihn losfahren. Aber

sein Herr befahl: »Kuschen!« So drückte er denn die Augen halb zu, leckte die Schnauze und

wandte dem Händelsucher, der nicht aufhörte, ihm die größten Unannehmlichkeiten zuzukläffen,

den Rücken.

Flick setzte sich dicht an seine Seite, und die beiden streckten die Hälse, wedelten mit den

Schwänzen, öffneten die gewaltigen Rachen und gähnten laut und herausfordernd.

Inzwischen war die Einladung der Wonsheim angenommen worden. Maria ging, sich umkleiden zu

lassen, die Pferde wurden vorgeführt: Hermanns brauner Wallach und Marias in letzter Zeit arg

vernachlässigter Liebling Hadassa.

Fünfjährig, mit feinem Kopf, schlankem Bug, breiter Brust, breitem Kreuz, – tanzte sie einher

auf elastischen, makellosen Füßen. Sie war wie grauer, wolkiger Marmor und rabenschwarz ihre

spärliche Mähne und ihr an der Wurzel spitz zulaufender Schwanz. Als sie die fremden Pferde

erblickte, warf sie den Kopf empor; ihre dunkelbraunen, aus dem mageren Gesicht vorquellenden

Augen sprühten; sie blies die Nüstern auf, wieherte drohend und stieg plötzlich auf den

Hinterbeinen in die Höhe, daß der kleine Groom, der sie fest an den Zügeln hielt, in der Luft

baumelte wie ein Taschentuch.

Alle lachten. Maria trat heran und streichelte den Hals der Stute. Hadassa jedoch, ihr Gebiß

kauend, im Sande scharrend, wich verdrossen vor der Gebieterin zurück.

»Nervos?« fragte die und schwang sich mit Hermanns Hilfe in den Sattel.

Sie hatte nicht daran gedacht, den Tag mit einer Unterhaltung zu beginnen, sich heute

besonders viel vorgesetzt, war im ersten Augenblick unzufrieden gewesen mit der eingetretenen

Störung. Bald jedoch schien sie ihr eine Wohltat. Erfrischend, belebend wirkte auf sie die

rasche Bewegung in der tauigen Kühle des Morgens. Die Nebel sanken, die Sonne stieg hinter den

Laubwäldern empor, die der Herbst schon bunt gefärbt hatte, und überglänzte ihr geschminktes

Sterben.

Die Reiter nahmen ihren Weg durch den Park. Sie kamen an dem Aussichtspunkte vorbei, wo Marias

erste Unterredung mit ihrem Bruder stattgefunden, wo sie die ersten Worte mit ihm getauscht,

der dem Verbrechen den Pfad zu ihr gebahnt hatte.

Vorbei – vorbei … Trag mich hinweg, Hadassa! und sie führte unüberlegt einen Streich mit der

Gerte über die Schulter des aufgeregten Tieres. Hadassas Empörung war grenzenlos. Sie bockte,

schlug und gab ein Beispiel trotziger Unbotmäßigkeit, das bei den anderen Pferden Nachahmung

zu finden begann.

»Nichts mit ihr zu machen. Ich muß sie allein haben«, sagte Maria. »Wir treffen uns beim

Jägerhause.« Und sich jede Begleitung, auch die Hermanns, verbittend, lenkte sie vom Wege ab

auf das nahe Sturzfeld, in dessen weichem, tiefem Boden Hadassa sich müde rennen sollte. Ein

grüner Wiesengrund begrenzte das Feld und bildete das Ufer des klaren, wasserreichen

Flüßchens. Es war dasselbe, das droben in den Bergen zu Füßen der Burgruine so prächtig

übermütig durch die Felsenriffe tobte.

Von weitem schon sah Maria seine glatte Oberfläche blinken. Dort, auf sanfter Bahn, im

seichten Bette, hatte es ausgestürmt.

Siehst du, Hadassa, für noch ganz andere Wildheit als die deine gibt’s nach dem Auf- und

Abwogen der Hochflut die ruhige Ebbe des Gleichgewichts. Du glaubst nicht an deine Zähmung, du

Tolle? Warte nur, du mußt erst müde werden. Vorgeneigt bis auf den Hals der Stute, ließ sie

ihr die Zügel. Ein rasender, ein wonniger Ritt, ein Flug über Gräben und Hecken. – Hadassa

spürt nicht mehr den Boden unter ihren Hufen. Hadassa ist ein Adler, ist der Sturm; von ihr

getragen zu werden und soviel Leben, Kraft, Feuer deiner Laune unterworfen fühlen, dem Drucke

deiner Hand – das ist Seligkeit. – Leugne sie, wer sie nicht kennt … Marias Herz öffnete sich

ihr mit Entzücken. Sie atmete erquickt und frei; sie war einmal wieder glücklich und ruhig,

und in ihrem Innern war Frieden … …

Wo hatte sie den gesucht? – in der Pflichterfüllung, im Wohltun, in ihrer mit Begeisterung

ausgeübten Kunst. Alles vergeblich. Der Frieden der Seele ist zu finden auf dem Rücken

Hadassas, im wilden Genuß eines sinnlosen Rennens und Jagens. Das schäumende Roß, die glühende

Reiterin sind von demselben Rausche erfaßt. Hadassa ist nicht zu ermüden, nur zu erhitzen,

Maria ihrer Herrschaft über sie nicht mehr so sicher wie früher. Um so schöner – es lebe die

Gefahr! Aug in Aug mit ihr wird das Vergessen am tiefsten …

Da war es gedacht und der Zauber gebrochen. Des Vergessens gedenken heißt ja sich erinnern.

Der Brust Marias entstieg ein Schrei und gellte unheimlich durch die Stille. – Aber horch, es

kam Antwort. Ein dumpfes, einförmiges Geräusch, das aus der Ferne herüberdrang, gab sie. Dort

am Ausgange der Waldschlucht stand eine Mühle, und rastlos drehte sich ihr riesiges Rad,

getrieben vom stürzenden Bach … Vorwärts! auf sie zu … Hadassa biegt nicht aus. Ein herbes

Lächeln verzog Marias Lippen. – Armselig sogar an Erfindung ist das Leben. Alles wiederholt

sich. Das ist ja wie vor Jahren, als sie, fast noch ein Kind, demselben Tod, dem sie jetzt

entgegenjagt, entgegengetragen wurde. Einem häßlichen Tod zwischen schwarzen, triefenden

Speichen, und damals graute ihr vor ihm – heute graut ihr nur noch vor dem häßlichen Dasein …

Bleich, die Augen weit geöffnet, näherte sie sich mit entsetzlicher Geschwindigkeit ihrem

Ziele.

Da erfuhr sie etwas Seltsames. Ist das immer so vor dem Ende? – In alle Seelentiefen fällt

unendliches Licht; die Wurzeln des Fühlens und Tuns sind enthüllt. Seines täuschenden

Schimmers entäußert, erscheint das Blendwerk der Sinne und der Phantasie als ein häßliches

Zerrbild. Aber die reine, von ihm zurückgedrängte Empfindung prangt in herrlichem Glanze.

– Nun wandeln zwei mutterlose Kinder die wohlbekannten Wege entlang, nun ist das Herz des

besten Mannes verwaist … Warum? warum? Es hätte nicht sein müssen. – Schade um das vernichtete

Glück!

»Maria!« übertönte eine Stimme das Rauschen der Fluten, »Maria!« und sie, plötzlich

zurückgerufen in das Bewußtsein der Wirklichkeit, fuhr zusammen und riß die Zügel an.

Hadassa bäumte sich, dann stand sie gestreckt mit rauchenden Nüstern, mit zurückgelegten

Ohren. Wo war sie hingeraten in ihrem närrischen Lauf? Was für ein wasserspeiendes Ungeheuer

war das, dem sie im Begriff gewesen in den Rachen zu springen?…

Sie erschrak, und zugleich freute sie sich, denn aus dem Winkel, wo das brausende Scheusal

sein Wesen trieb, kam ihr guter Kamerad und Stallnachbar, der braune Bob, einher-getrabt.

Auch er war aufgeregt, sein Reiter aber ganz ruhig, und der rief: »Was gibt’s, ist sie

durchgegangen?«

Maria stammelte ein undeutliches »nein«. Ihr war zumute wie einem auf der Flucht ereilten

Verbrecher. Mitten in fast übermenschlichem Ringen nach Selbstbeherrschung erzitterte sie, von

Schauern durchfröstelt. Die Augen desjenigen, dem ihre letzten Gedanken gegolten, ruhten auf

ihrem Angesicht. Spiegelte es die Kämpfe wider, die sie eben durchgemacht?…

Hermann hatte sein Pferd gewendet und ritt nun neben ihr an der Mühle vorbei. Er neigte sich

zu Maria, legte seine Hand auf die ihre und sagte: »Du bist ganz blaß.«

»Wirklich?« Sie zog ihr Taschentuch und preßte es an ihre Stirn.

»Mir war bang, Hadassa – sie hat heute einen bösen Tag – könnte an der Mühle nicht allein

vorüber wollen. So bracht ich einen Begleiter.«

»Aber wie kommst du hierher?«

»Quer übers Feld. Du machtest einen Bogen, ich habe dir den Weg abgeschnitten.«

»Und noch Zeit behalten, mir in erhabener Bedächtigkeit entgegenzutraben? Auch eine Leistung.

Bravo, Bob!« Sie klopfte den Hals des schweiß- und schaumbedeckten Pferdes: »Ich liebe dich.«

Hermann lachte sie an: »Der Glückliche, sein Herr beneidet ihn.«

»Hat keinen Grund dazu«, sagte sie ernst und warm.

Er drückte ihre Hand, die er noch immer in der seinen hielt: »Das sagst du ja, als ob es dir

leid täte«, versetzte er im früheren Tone. Aus seinem Blicke sprach lautere Seligkeit und

weckte einen Widerschein in der Seele Marias.

Was ihr vorhin gedämmert hatte, es durchdrang sie jetzt mit dem Lichte und mit der Kraft

sonnenklarer Überzeugung. Das Beste und Höchste an ihr, das, worin alle edlen Eigenschaften

ihres Wesens gipfelten, war die langsam gereifte Liebe zu diesem Manne.

14

Von nun an ließ sich Maria nicht mehr lange bitten dabeizusein, wenn »etwas los« war bei

Wonsheim. Aus der Rolle einer Zuseherin ging sie bald zu der einer Mitwirkenden und endlich

einer Anführerin über. Schwungvoll wie eine Kunst, nicht mit der Nüchternheit eines Handwerkes

wollte sie den edlen Sport betrieben sehen. Den der Jagd zum Beispiel, an dem Carla und Betty

leidenschaftlich Anteil nahmen. Was man so vortrefflich auszuüben versteht, soll auch schön

ausgeübt werden.

»Machen wir ihnen eine Freude«, sagte sie zu Hermann, »lassen wir für ein paar Tage das

Goldene Zeitalter der Jagd wieder aufleben, zaubern wir uns an den Hof Augusts des Starken

oder nach dem Jagdschloß Blankenburg. Veranstalten wir ein Fest, bei dem einmal gezeigt wird,

was das Haus Dornach vermag; denke nur, daß ich selbst es noch nie in seinem Glanze gesehen

habe.«

»Ein schweres Versäumnis«, erwiderte er, »aber wir wollen es gutmachen.«

Die öden, immer verhangenen Prunksäle wurden dem Licht und der Luft geöffnet, und es zog wie

ein Erwachen durch die Räume. Ein leises Knistern erhob sich in dem alten Schnitzwerk und

Getäfel der Wände, ein plätscherndes Geräusch in den meergrünen, goldbefransten, vom Winde,

der durch die Fenster drang, geblähten Vorhängen und Draperien. Die Prismen der kristallenen

Kronleuchter schlugen lustig aneinander mit feinem, hellem Klang. Und erst auf dem Orchester

im Tanzsaale, wie ging es da zu! Da wurde gestimmt und geübt und Straußische Musik

einstudiert. Eine stürmische Auferstehung für die Streich-und Blasinstrumente, die geruht

hatten in ihren Särgen, seitdem sie der längst vergessenen Weise eines Menuets à la reine ihre

Stimmen geliehen. Der greise, immer mürrische Schloßwärter, der sich als der eigentliche

Schloßherr betrachtete, griff ungern genug auf Hermanns Befehl nach seinem Schlüsselbund. Und

die eisenbeschlagenen Eichenschränke in der Silberkammer lieferten die Schätze aus, die ihr

Hüter sorgsam pflegte und geizig verbarg vor der Neugier der Laien. Da kamen sie hervor und

schmückten die Tafel im großen Speisesaal, die phantastischen Aufsätze und Trinkschiffe, die

Nautilusschalen, die romanischen Pokale und die gotischen mit ihren kleinen durchbrochenen

Türmen, Spitzbogen und Fialen. Kannen, Becher, Schüsseln in bewunderungswürdig getriebener

Arbeit, mit Figurenreliefs, eingeschmolzener Emaillierung, eingesetzten Edelsteinen, Triumphe

der Goldschmiedekunst, die Hand Jannitzers, Eisenhoidts, Dinglingers verratend, dieser

bescheidenen Meister einer Kleinkunst, aus deren Werkstätten so viele große Künstler

hervorgegangen sind.

Die Einladungen zu dem Feste waren im Stile des 18. Jahrhunderts verfaßt. Die »Cavaliere und

Dames« wurden gebeten, nach dem Kesseltreiben, das an der Stelle des historischen

Fuchsprellens abgehalten werden sollte, »in grünsammetener, mit Silber verschamerierter

Kleidung« beim Mahle zu erscheinen. Zur Jagd selbst kamen die Gäste natürlich in beliebigem

Kostüm: »Je schäbiger, je schickiger!«

Carla und Betty Wonsheim, die das Wort erfunden hatten, brachten es zu Ehren, sahen jedoch

nicht vorteilhaft aus in ihren zerdrückten Hüten, ihren alten Paletots, kurzen Röcken und

abgetragenen Schnürstiefeln.

Wenn aber die Herren mit ihren ledernen Jagdhosen die Zimmer putzen lassen, um ihnen jeden

Schein von Neuheit zu benehmen, dürfen die Damen nicht zurückbleiben, und auch ihre

Ausstaffierung muß die Spur von hundert blutigen Schlachten gegen Haar-und Federwild tragen.

Als die Gäste versammelt waren, fand, frei nach Döbel, der Aufzug statt, den Willy, Wilhelms

Erstgeborener, mit dem bloßen Hirschfänger in der Rechten anführte. Ein ergötzliches

Schauspiel, bei dem weder die Schar der Leute im »wilden Mannshabit« noch der Künstler, der

den »pohlnischen Bock« pfeifen konnte, noch der Waidmann fehlte, der das Parforcehorn

musikalisch zu blasen verstand.

Die Gesellschaft spendete reichlichen Applaus und bestieg in bester Stimmung die Wagen, die

sie nach dem Revier brachten, wo der erste Trieb stattfand. Der letzte sollte die Jäger am

Nachmittag in die Nähe des Schlosses zurückführen, und diesen versprach Maria, den Bitten

aller nachgebend, mitzumachen.

Zur bestimmten Stunde verließ sie das Haus. Es war kalt, ein scharfer Nord hatte sich erhoben,

fegte den dünnen, harten Schnee in die Gräben und Mulden und blies von Zeit zu Zeit einen

Schauer feiner Eisnadeln über die Felder.

Still und schweigend kamen die Jäger heran, die flügelführenden an der Spitze. Der Ordner

befahl Halt, und nun teilte sich der Zug. In gleicher Entfernung von dem anderen ging je ein

Schütze zwischen zwei Treibern seinem Stande zu.

Seit ihrer Kindheit hatte Maria nicht mehr an einem Kesseltreiben teilgenommen und nur einen

verworrenen Eindruck davon behalten. Nun schritt sie neben Clemens, dem sie schon am Morgen

ihre Begleitung zugesagt hatte und der ihr ganz merkwürdig vorkam. Eine heftige Aufregung

spiegelte sich in seinem sonst so phlegmatischen Gesicht; aber er blieb stumm.

Der Kreis war geschlossen, die Jäger begannen vorzurücken.

Alles noch regungslos da drin in dem seichten, leicht beschneiten Ackergrunde, der sich

gleichmäßig senkt und dann wieder erhebt bis zur Einhegung des Parkes.

»Die Hasen waren klug«, sagte Maria. »Sind alle fort, im Walde.«

»Sind da, ducken sich nur«, antwortete Clemens.

Die Treiber begannen ihre Klappern zu rühren. Ein zerlumpter Junge in durchlöcherten Socken

sprang vor Maria her, offenbar in der Absicht, von ihr bemerkt zu werden. Er jagte auch

wirklich einen Hasen auf. Dann rückten drei andere nach, vier, sechs … Der erste Schuß

knallte, ein großer, fetter Hase stürzte und blieb auf der Stelle.

»Das war die Betty«, murmelte Clemens, und ein Ausdruck leidenschaftlichen Neides umzuckte

seinen Mund. Seine Hände zitterten, er schoß und fehlte, schoß wieder und traf, aber schlecht.

Auf drei Läufen sprang sein Opfer dem nächsten Nachbarn in den Schuß. Nun nahm er sich

zusammen, nun war er wieder er selbst. Wohl dem Meister Lampe, der ihm kam, er hatte nicht

lange zu leiden.

Der Kreis wurde immer enger, es wimmelte von Wild. – Aus der Erde schien es zu wachsen, erhob

sich aus jeder Furche, sprang hinter jeder Scholle hervor, wandte alle seine Finten vergeblich

an, stürzte herum im Wahnsinn der Angst, schrie, daß es einen Stein erbarmt hätte – und Jägern

Vergnügen machte. Und erst dem Volke! Welchen Feiertag begeht heute das Volk!

Das feigste Tier, das völlig wehrlose zusammentreiben auf einen Fleck, damit es dort lustig

niedergeknallt werde, nachhelfen mit dem Stock, wenn das Gewehr sein Werk nur halb getan,

totmachen, so recht nach Herzenslust und noch Geld dafür kriegen, das ist ein Gaudium für den

armen Mann und für sein Kind eine Schule, in der es etwas lernen kann.

Der letzte Trieb, der schönste Trieb. Wer hätte das erwartet! Die meisten Herren und alle

Damen wurden von einem Rausch ergriffen. Angesichts solcher Massen Wildbrets wird der

kaltblütigste Jäger hitzig. Das Abc der Wissenschaft geht ihm verloren; er zielt kaum mehr,

kümmert sich nicht darum, ob »das Material« zuschanden geschossen wird.

Die Strecke bedeckt sich mit totem, verendendem, verstümmeltem Getier. Es düngt den Boden mit

seinem Schweiße; es wird geknickt, erwürgt; die Treiber binden ihm die Hinterläufe zusammen

und beladen ihre Stöcke mit der noch zuckenden Beute.

Maria hatte weggeblickt. Widerwillen, Ekel, ein großes Staunen erfüllte sie: die sich da

ergötzen an den Qualen eines armseligen Geschöpfs, das sind lauter gute Menschen.

»Gräfin, schauen S’ her«, rief Clemens mit seinem heitersten Lachen.

Auf zehn Schritte von ihm hatte ein alter blinder Hase sich hingepflanzt und machte ein

Männchen. Beide Löffel waren ihm abgeschossen, und die Farbe lief über seine erloschenen

Lichter. Er wischte sie mit den Vorderläufen langsam ab, schüt-telte sich, loste nach rechts

und nach links, senkte traurig seinen kugelrunden Kopf und sah unglaublich dumm aus.

»Den Gnadenstoß, ich bitte um den Gnadenstoß für ihn«, sprach Maria.

Clemens gab Feuer. Der Hase lag und – unweit von ihm der kleine Treiber, der aus vollem Halse

schrie und ein Bein in die Höhe streckte.

»Patzer!« rief Betty herüber.

Im selben Augenblick gab der Hornist das Zeichen zum Schluß.

Maria war auf den Verwundeten zugeeilt, Clemens folgte ihr langsam nach. Doktor Weise kam mit

Riesenschritten heran. Er trug eine Mütze mit Ohrklappen, stak in einem Pelze, der ihm die

Form eines Schilderhauses verlieh, und war mit doppelt soviel Jagdrequisiten behangen, als er

hätte verwenden können. Mühsam kniete er neben dem Jungen nieder, untersuchte ihn genau und

sprach: »Ich konstatiere, daß dieser adolescentulus an der sura des linken Beines von einem

Schrot gestreift worden ist.«

»Das ist alles, wirklich alles?«

Weise nickte: »Alles.«

Nun erhob der Bursche ein Geschrei, gegen das sein früheres nur ein Säuseln genannt werden

konnte. Er tobte und kreischte: »Ich hab eins, der Herr Doktor vergunnt mir’s nit, der Herr

Doktor lugt. Ich hab eins, ich hab ein Schrot und krieg fünf Gulden!«

»Immer die alte Komödie«, sagte Clemens.

Der Doktor aber sprach, nachdem er dem Patienten eine Maulschelle verabreicht und sich mit

Hilfe zweier Jäger aufgerichtet hatte: »Verzeihen, das ist Ihre Schuld, Herr Graf. Wenn man

jedem angeschossenen Treiber fünf Gulden fürs Schrotkorn bezahlt, darf man dann nicht staunen,

daß sich die Leute auf so leichte Art etwas verdienen wollen.«

In drei Sälen des Schlosses wurden die Gäste »magnifique traktieret«. Hermann erhob sich und

leerte sein Glas »auf aller braven Jäger Gesundheit«. Die Hifthörner bliesen, und zum Finale

ließen die Jägerburschen das Waldgeschrei ertönen.

Es war das stilvollste Fest, das man denken konnte, und mit weit mehr historischer Treue

ausgerichtet, als der größte Teil der Gesellschaft zu würdigen verstand. Doch freute sich

jeder an der entfalteten Pracht, am Reichtum und Geschmack der Kostüme.

Besondere Bewunderung erregte Carla Wonsheim, die entzückend aussah in ihrem grünen, mit

weißem Atlas ausgeschlagenen Sammetgewand und dem dunkeln Federbarett auf ihrem hübschen

Kopfe. Sie schien in einem Diamantenregen gestanden zu haben, denn sie war vom Scheitel bis zu

den Füßen mit einzelnen dieser funkelnden Edelsteine wie übersprüht.

»Wen stellen Sie vor?« fragte eine junge, schlanke Landedel-frau mit auffallend schönen Augen,

Baronin Wlasta Wynohrad. Die Damen Wonsheim waren ihr wie Sterne aufgegangen an ihrem

beschränkten Horizont, und sie kannte keinen höheren Ehrgeiz, als in der Nähe ihrer Idole

geduldet zu werden.

»Wen ich vorstelle? – das weiß die Frau vom Haus«, gab Carla zur Antwort, »die hat unsere

Kostüme vorgeschrieben.«

»Das meine nicht! Ich lasse mir nichts vorschreiben. Ich bin die Pfeife, nach der bei mir

alles tanzt. 18. Jahrhundert, Jagdkostüm – va bene. Das weitere ist meine Sache.«

Carla ließ einen »unvertrauten« Blick über die Toilette der Baronin gleiten und dachte: Nicht

recht präsentabel, die brave Frau.

Diese zog ihre mageren Schultern in die Höhe, streckte den langen Hals und ließ die

Freudenbotschaft von ihren Lippen schweben, daß sie den nächsten Winter in Wien zubringen

werde.

»So?« sprach Carla.

»Ja, ja, und ich werd schon oft zu Ihnen kommen und Sie bitten, daß Sie sich meiner annehmen.

Die Wiener Société ist sehr unfreundlich gegen neue Erscheinungen.«

»Nur, wenn sie un-comme-il-faut sind.«

»Na, das ist natürlich – gegen die bin ich geradeso … Aber je, da schauen Sie her! die

Wilhelmischen fangen schon an zu tanzen. Komm … Oh weh!« unterbrach sie sich, »jetzt hab ich

mich wieder versprochen, ich bitt um Verzeihung!«

Ihre Entschuldigung wurde mit einem Kopfnicken quittiert. Sie ließ sich dennoch nicht

abschrecken. »Gehen wir in den anderen Saal«, sprach sie und schob zutunlich ihren Arm unter

den der Gräfin.

»Der Tausend«, lachte die, »wir sind ja sehr intim, wir zwei! Davon hab ich noch gar nichts

gewußt.«

Wlasta errötete bis an die Ohren, und Carla fuhr unbarmherzig fort: »Warum denn nicht? als

Nachbarn auf dem Lande;das hat keine Konsequenzen – in der Stadt, mein ich. Man ist dort

schrecklich in Anspruch genommen. Ich könnt Ihnen, sehen Sie, liebe Baronin, nicht einmal eine

Stunde geben, zu der ich zu treffen bin.«

Die Baronin war nahe daran, von einem Herzkrampf ergriffen zu werden. Sie rang nach Atem und

brachte mit niedergeschlagenen Augen und gebrochener Stimme die Worte hervor: »Ich bin eine

geborene Zastrisl.«

»Nein, was Sie sagen!« erwiderte Carla mit heiterem Erstaunen über diese blendende Enthüllung.

Dann ging sie, gefolgt von ihrem sehr düster gewordenen Schatten, auf Maria zu, die, umringt

von einigen äußerst beflissenen Herren, auf einem Sofa, der offenen Tür des Tanzsaales

gegenüber, saß.

»Die Baronin«, sprach sie, »möchte wissen, wen ich vorstelle.«

»Du bist«, lautete die Antwort, »die lebendige Nachbildung eines Porträts der Gemahlin des

Herzogs Rudolf von Braunschweig-Lüneburg.«

»Lüneburg? Hab mein Lebtag nichts von dem Neste gehört.«

»Ich auch nicht, aber jetzt merk ich mir’s«, sprach Betty, die gleichfalls herangetreten war

und die Hand auf Marias Schulter legte. »Man wird so gelehrt in Dornach. Es geschieht alles

mögliche für die Bildung der Gäste. Das heutige Fest, zum Beispiel, hast du, wett ich, nur

arrangiert, um uns hinterrücks etwas aus der Geschichte beizubringen und aus der Geographie.«

»Solche Lektionen kann man sich schon gefallen lassen«, fiel Carla ein, und Betty rief: »Oh,

wie hab ich mich unterhalten! Es war furchtbar lustig.«

»Und was denn am lustigsten?« fragte Maria.

»Die Jagd natürlich. Ich hab einunddreißig Hasen geschossen und einen Fuchsen, den mir

übrigens mein schußneidiger Mann abdisputieren will. Und du hast dich doch auch unterhalten?«

»Auf der Jagd nicht.«

Die kleine Frau war außerordentlich erstaunt: »Wie kann das sein?«

»Es ist mir eingefallen, daß wir uns an Qualen ergötzen. Der Anblick der jämmerlich

zugerichteten Tiere hat mich verstimmt.«

»Entschuldigen Sie, Gräfin, das ist Empfindelei«, sprach ein jugendlicher, etwas affektierter

Diplomat.

»Behauptet die Gedankenlosigkeit«, versetzte Maria halblaut, wie zu sich selbst redend.

In ihm aber brodelte es vor Unwillen; fast wäre er aufgefahren. Gestern erst hatten einige

seiner hier anwesenden Freunde von Marias Unnahbarkeit gesprochen, und er hatte sich in die

Brust geworfen und mit offenkundiger Absicht gesagt: »Ja, ja, ihr zu gefallen ist nicht

leicht. Man muß eben geistreich sein.«

Und jetzt, und noch dazu in Gegenwart der Zeugen seiner Prahlerei: Gedankenlosigkeit! Er

wollte eine schlagende Antwort geben, da ihm aber nichts besonders Passendes einfiel,

entschloß er sich zu schweigen. Die kleine Beschämung, die er erlitten hatte, war verschmerzt,

als Carla sich mit den Worten zu ihm wandte: »Ich bin Ihnen noch einen Walzer schuldig vom

Fasching her. Soll ich bezahlen?«

Sehr geschmeichelt erhob er sich und wirbelte mit ihr davon.

Vetter Wilhelm aber, der bei Wonsheim in hohen Gnaden stand, mußte mit Betty tanzen, um zu

büßen für den schmachvollen Verdacht, den er geäußert hatte, daß sie müde sei.

»Was? müd – ich?… Ich bestell mir ein Pferd her um sechs Uhr früh und mach noch einen Ritt von

ein paar Stunden.«

Wilhelm lachte: »Ganz wie ich, damals, als ich noch Leutnant war bei Kaiser Nikolaus-Husaren.«

Maria blickte sinnend, mit immer unbeweglicher werdenden Augen, in das Gewühl fröhlicher,

geputzter Menschen, und was sie sah, war seltsam. – Das glänzende Bild goldbetreßter Herren,

von Juwelen strotzender Damen, des altertümlichen Prunkgemachs, worin sie sich bewegten, wurde

durchscheinend und verschwand schemenhaft von einem tief dunklen Hintergrunde. In dem war ein

Brausen und Grollen, wie es dräut im sturmgepeitschten Meer. Die Wellen türmten sich bis zum

Himmel, stürzten in unermeßliche Tiefen, stiegen wieder empor, um wieder zu sinken, ein ewiges

Auf und Nieder.

Und ein Wehgeheul entrang sich diesem grausen Getümmel gejagter, jagender, verschlingender,

verschlungener Wellen: denn sie bestanden aus Tier- und Menschenleibern; sie waren das

gequälte Geschlecht der Lebendigen, und der Ozean, der diese Fluten rollte, war ein Ozean des

Leidens …

Manchmal erglänzte hoch am Horizont ein blinkender Stern, und Millionen von Menschenherzen

erhoben sich, sehnsüchtige Augen tranken lechzend sein zitterndes Licht. Aber nicht lange, und

sie wußten: Der ihnen dort erglommen, der verheißende Schein, war nur ein Widerschein des

Trostverlangens, der Hoffnung – in ihrer eigenen Brust.

Und weiter rollt der Ozean des Leidens seine stöhnenden Fluten.

Aber sieh! – was kommt auf ihnen dahergeschwommen?… In bewimpeltem Schifflein eine lustige

Schar übermütiger Männer und Frauen. Sie scherzen, sie spielen, sie liebeln und fahren

sorgenlos hin – demselben Ende zu, das der Gepeinigten wartet …

»Woran denkst du?« fragte plötzlich eine sanfte Stimme. Maria schrak auf wie aus einem Traume.

Helmi stand neben ihr.

Und andere kamen, und der Diplomat machte ihr auf Tod und Leben den Hof, und Clemens Wonsheim

fühlte mit Mißbehagen, daß er einmal wieder im Begriff sei, sich in die Frau eines seiner

Bekannten zu verlieben, und sagte sich selbst: Unsinn, dabei schaut wirklich nix heraus.

Einmal im Laufe dieser Nacht trat Maria an die Glaswand des Altans und schob den Vorhang

zurück. Da lag vor ihr die weite, beschneite Landschaft, weißschimmernd, heller als der

Himmel. Oh, diese anbetungswürdig schöne und doch peinerfüllte Erdenwelt … Dein Werk, du

unbegreiflicher, unbekannter Gott … Sie besann sich eines Spruchs, den sie in einem alten Buch

gelesen, und der lautete:

Als Vorsehung magst du ihn hassen,

Den Künstler mußt du gelten lassen.

Einst hatten diese Worte ihr religiöses Gefühl verletzt … Einst!

15

Das Fest in Dornach rief eine Reihe mehr oder minder glücklicher Nachahmungen hervor. Es gab

Bälle auf allen Schlössern der Umgebung, sogar bei Wilhelms wurde getanzt, zum ersten Male,

seitdem sie Haus hielten. Später kam der Eissport in Aufschwung, und man huldigte ihm auf das

eifrigste. Da zeigte sich Gustav Wonsheim in seinem Glanze.

»Wenn’s friert«, sagte Carla, »dann kommt mein Mann in Feuer.«

Er fuhr wie ein Norweger auf dem Schneeschuh bergab und bergan; er verstand die Eispike zu

gebrauchen wie ein Holländer; auf dem Eislaufplatz beschämte er den Amerikaner Haynes. Seine

Unermüdlichkeit im Veranstalten immer neuer Wintervergnügungen im Freien war erstaunlich.

Im Dezember dieses Jahres gewann er, ohne Notiz davon zu nehmen, die Herzen von sechzehn

benachbarten Damen;doch wandten sie sich im Februar fast alle von ihm ab, als ihn Hermann bei

einem tollkühnen Schlittenrennen glorreich besiegte.

Die Zeit verrann. Von Woche zu Woche wurde in Dornach und in Rakonic die Abreise nach Wien

verschoben und endlich ganz aufgegeben. Die Balzjagden hatten begonnen, die Herrschaften

fuhren fort, sich auf dem Lande prächtig zu unterhalten.

Maria führte ein eigentümliches Doppelleben. Heute eine zweite Elisabeth von Thüringen, morgen

eine Vollblut-Sportslady, die das starke Geschlecht oft übertraf an Kühnheit und »Schneid«.

»Ein Mordsweib, die Dornach«, sagte Clemens seufzend zu seinem Bruder. Und Gustav erwiderte

zwischen zwei Zügen seiner Zigarette: »Das weiß der Teufel!«

Clemens ließ sich in seinem Fauteuil hinabgleiten, streckte die Beine weit aus und legte den

Kopf zurück. »Wie sie gestern so scharf hereingfahren is!« sprach er. »Auf einmal ruft die

Betty sie an. Ein Ruck – und die Braun’ stehn wie die Mauern.«

»Ich sag’s ja, als four-in-hand-Kutscher kommt ihr keiner nach.«

»Das Aug, die Hand und – die Ruh.«

»Der Kerl, der Hermann, der hat ein Mordsglück mit der Frau.«

Dem Beneideten indessen schien das, was die hohe Zustimmung der Nachbarn erweckte, ein

unheimliches Wunder. Er suchte sich die leidenschaftliche Zerstreuungssucht Marias als einen

Rückschlag gegen ihre frühere Melancholie zu erklären. Pendelschwingungen der Seele, von dem

Äußersten zu jenem, die nichts sind als Vorbereitungen zur Rückkehr in ihre schöne, wohltuende

Gleichmäßigkeit.

Eines Morgens kam Maria heim nach wildem Ritte durch die kaum wegsam gewordenen Wälder. Aus

ihren schweren Flechten, die sich nicht völlig unter den Hut hatten zwängen lassen, standen

die Spitzen der Haare hervor, glänzend wie Seide; unbändige Löckchen kräuselten sich über den

aufgeregt funkelnden Augen, die schlanken Nasenflügel zitterten, zwischen den leicht

geöffneten Lippen blinkten die weißen Zähne hervor. Hastig berichtete sie von einer neuen

Verabredung mit Wonsheims für den Abend.

Eine Regung der Eifersucht durchzuckte das Herz ihres Mannes; doch machte er sich sogleich

einen Vorwurf daraus. »Du hast dich unterhalten?« fragte er.

»Oh, königlich!« gab sie zur Antwort, und er strich leise über ihre geröteten Wangen: »Den

nächsten Winter verleben wir in der Stadt, wenn es dir recht ist. Auf dem Lande haben wir zu

wenig Ruhe, was meinst du?«

»Was du meinst«, gab sie zur Antwort, und seine unausgesprochene Rüge verfehlte nicht ihre

Wirkung.

Maria besann sich auf sich selbst. Ein Wort Hermanns hatte sie aus dem Rausche geweckt, in dem

sie eine Art von Frieden gefunden.

Nun wollte sie mehr als seinen Schein, sie wollte ihn selbst wiedergewinnen, den echten

Frieden, ohne den das Leben nutzlos und töricht ist.

Sie begann ihn zu suchen im Buch der Bücher, in den Worten der Schrift, die sich nicht an die

kalte Tugend wenden, die für den reuigen Sünder gesprochen sind. Ihm gelten diese

Verheißungen, dem armen Zöllner, der büßenden Magdalena öffnen sich Vaterarme.

Maria erflehte und erhielt Entsühnung durch den Mund eines ehrwürdigen Priesters und blieb vor

sich selbst – unentsühnt.

»Was hilft Ihre Verzeihung, mein Vater, wenn ich mir nicht verzeihen kann?« fragte sie, und

der alte Seelenhirt erwiderte:

»Hat meine Tochter vergessen, daß es die Verzeihung des Allbarmherzigen ist und nicht die

meine, die sie in der heiligen Beichte empfängt?«

»Wenn es die Verzeihung Gottes ist, warum fühle ich ihre Segnungen nicht? Warum trete ich von

dem Tische des Herrn mit so schwerem Herzen hinweg, als ich ihm nahte?«

Ihr Gewissensrat holte vergeblich Trostgründe ohne Ende aus dem unerschöpflichen Born des

Glaubens hervor, dessen treuer Bekenner er war.

Sie lag vor ihm auf den Knien im Beichtstuhl der Schloßkapelle, das Angesicht mit den Händen

bedeckt, und schluchzte.

Der Priester ließ einen Blick voll Wehmut über die Ringende gleiten und sagte nach langem

Besinnen: »Die Wege des Herrn sind unerforschlich. Es ist schon vorgekommen, daß ein reiner

Mensch mit Zulassung Gottes in der Versuchung unterlegen ist. Das geschieht, damit dieser

Mensch sich nicht überhebe in seiner Tugend. Er fiel, ja, aber – dem Allgütigen zu Füßen,

dessen er im Frevelmute vergessen und zu dem die Reue ihn zurückgeführt. Dort liegt er fortan

in Demut und Zerknirschung, einer von denen, die dem Herzen des Ewigen näherstehen als hundert

Gerechte.«

Er gab ihr seinen Segen. Sie erhob sich stumm, und nie wieder klagte sie ihm ihr Leid.

Der alte Geistliche aber beugte seinen kahlen Scheitel in frommer Einfalt vor dem Bilde des

Gekreuzigten bis zur Erde und sprach ein heißes Dankgebet: Sei gepriesen, daß du auf die

Lippen deines unwürdigen Dieners die Worte legtest, die eine Seele vor der Verzweiflung

gerettet haben.

Maria ging von nun an ihren Weg allein und suchte nicht mehr nach Betäubung oder Stütze.

Äußeren Gleichmut hatte sie endlich errungen, der half ihr die schwere Seelenpein verbergen,

ja, er wuchs mit ihrem Streben nach Vervollkommnung. Sie war nachsichtslos gegen sich selbst,

wenn es die Erfüllung auch der geringsten Pflicht galt – und hatte gegen ihre erste und

höchste gesündigt. Sie trug das verfeinertste Rechtsgefühl in der Brust, und – neben ihr wuchs

die Frucht des Unrechts auf; ein Eindringling, ein kleiner Dieb, der genoß, was ihm nicht

zukam. Über ein schmerzliches Mitleid ging die Empfindung Marias für das Kind nicht hinaus.

Aber Hermann, Vater und Sohn, schienen ihm die Zärtlichkeit ersetzen zu wollen, die seine

Mutter ihm versagte. Der vierjährige Majoratserbe, ein großer, stämmiger Junge, der so kühn

und stolz einherging, als ob die Erde ihm gehörte, zerschmolz vor dem »Kleinen« in Liebe und

Ergebenheit. Seiner Natur nach kriegerisch und immer aufgelegt, zum Schlage auszuholen mit

seinen Fäustchen, entfaltete er jeder Laune seines Nachgeborenen gegenüber eine erstaunliche

Geduld. Er parierte seine hölzernen Pinzgauer im sausendsten Galopp, wenn Erich mit Tränen in

der Stimme rief: »Genug, die Pferde sind schon müd.«

Überlegen lächelnd sah Hermann zu, wie sein Bruder die Gäule unter einer Gartenbank vor ihm

versteckte, sie fütterte und sie zudeckte mit dem Taschentuch.

Der Große beschützte den Kleinen bei hundert Gelegenheiten; dieser beschützte die Hunde vor

Hermanns derben Zärtlichkeiten. In solchen Fällen gab es Püffe; doch immer war’s der Schwache,

der sie versetzte.

Ein festes Band zwischen den Geschwistern war die Freude am Erzählen des einen, die Freude am

Zuhören des andern. Es glänzte etwas wie Verehrung in Erichs Augen, wenn er den Geschichten

seines Bruders lauschte. Diese hatten eine merkwürdige Ähnlichkeit untereinander und handelten

immer wieder von der Wüste, vom Sturm und von den Löwen. Manchmal, wenn sich die Wüste so

unermeßlich dehnte, daß sie größer wurde als die Wiese drüben hinter dem Bach, und wenn der

Sturm es zu wild trieb und die Löwen zu blutdürstig wurden, da überlief’s den Kleinen; sein

Gesichtchen zog sich in die Länge, er verschränkte seine Finger krampfhaft über den Knien und

ließ den Kopf auf die Brust sinken.

Glücklich über den Erfolg seiner Erzählungskunst, warf Hermann den Kopf in die Höhe und rief:

»Und ich werd hingehen und die Löwen totschießen!«

Das war der Höhepunkt seines Triumphes, und er genoß ihn ungestört, bis eines Tages der Kleine

aufsprang, die Arme ausbreitete und völlig begeistert sprach: »Und Erich wird zuerst hingehen

und wird den Löwen zu essen geben.«

Von Stund an begann er, den Gedanken an die Reise zu den Löwen mit einer weit über seine Jahre

gehenden Beharrlichkeit nachzuhängen. Der Richtung zugewandt, die Hermann als diejenige

bezeichnet hatte, in der die Löwen wohnen, konnte er ganz in Gedanken versinken und still und

freudig lächeln, als ob die schönsten Bilder vor ihm auftauchten.

Seine Mutter bekämpfte den Hang zur Träumerei in dem Knäblein. Sie lehrte ihn spielen; sie

zürnte, wenn sie ihn müßig fand. Doch selbst ihr Zürnen war ihm Glück und Gnade, sie

beschäftigte sich ja mit ihm. Er hörte ihr zu, stand wie ein Bildsäulchen und blickte mit

seinen strahlenden Augen andächtig zu ihr empor.

Maria hielt den liebewerbenden Blick des Kindes nicht lange aus.

Sie trat fort von ihm, sie fragte sich schaudernd: Sieht denn niemand außer mir diese

entsetzliche Ähnlichkeit? – Niemand, antwortete ihr die Unbefangenheit der Ihren, der Fremden,

eines jeden, der dem Kinde nahte und in Bewunderung des reizumwobenen Geschöpfchens ausbrach.

Sein besonderer Verehrer war der Doktor, obwohl er sonst gesunden Kindern keine Beachtung

schenkte. »Der Herr Graf Erich soll, wie ich höre, geistlich werden«, sagte er zu Lisette, die

lange mit ihm geschmollt, es aber zuletzt aufgegeben hatte, weil er so gar nichts davon

bemerkte. »Da prophezeie ich Ihnen, aus dem macht man keinen Domherrn. Der bleibt nicht im

Lande – der wird ein heiliger Reisender, ein Missionär. Schon jetzt ein Menschen- und

Tierfreund und dazu einen unwiderstehlichen Zug hinaus ins Universum.«

Die gute Helmi und Wilhelm sagten oft, daß sie sich einen Neunten gefallen ließen, wenn er ein

Seitenstück zu Erich wäre: »So poetisch schöne Kinder sind gewöhnlich kränklich, dieser aber

sieht aus und befindet sich wie ein Cherub.«

Den Vergleich hatte zuerst Gräfin Agathe angewendet. Sie entriß sich des bevorzugten Enkels

wegen früher als sonst ihrer klösterlichen Einsamkeit. Den scherzenden Vorwurf Hermanns, er

hätte nie geahnt, daß sie so schwach und nachsichtig sein könne, wie sie es gegen seinen

zweiten Sohn war, ließ sie sich gern gefallen. – Er erinnerte eben an seinen Großvater.

Die Gräfin hatte das festgestellt, und es blieb für die Mitglieder der beiden Häuser Dornach

ein Familiendogma, was soviel heißt als ein Satz, an dem der gesunde Menschenverstand und die

tiefste Einsicht zuschanden werden.

Als der Fasching heranrückte, mahnte die Mutter Hermanns ihn und Maria von neuem an ihre

Pflichten gegen die Gesellschaft. Graf Wolfsberg, mit Geschäften überhäuft und dadurch an Wien

gebunden, sehnte sich nach seiner Tochter. Gräfin Dolph schrieb:

»Ihr seid noch zu jung, um ganz zu verlandeln. Kommt, obwohl hier nicht viel los ist. Die

Menschen werden immer dümmer und ihre Manieren immer schlechter. Früher wußte ich genau, ob

ich mit einem Fiaker rede oder mit einer Komteß, jetzt irre ich mich alle Augenblick. Ob es

noch junge Herren gibt, werdet wohl Ihr erfahren; eine alte Frau, bei der man etwas Geist, den

Erbfeind dieser Rasse, vermutet, kann sie für ausgerottet halten. – Ich gehe mit dem Gedanken

um, literarische Abende zu veranstalten, aber – die Literaten sind sämtlich Atheisten – meine

Nulle ist dagegen. Um diese Seele sind wir im Streite, der liebe Gott und ich. Ich glaube, ich

werde sie ihm überlassen.

Euere Wonsheim haben mich besucht. Beide Männer sind in Dich verliebt, Maria, zwei Waschbären,

die den Morgenstern anschmachten. Sobald von Dir gesprochen wird, schnappen ihre Gesichter in

die Falten der Demut ein.

Die besseren Hälften Wonsheim fangen an sich zurückzuziehen. Aus Gründen, die man –

wahrscheinlich um über ihre bitterliche Prosa hinwegzutäuschen – interessante nennt.

Liebes Kind, mein Horace Walpole beschämt sein Urbild;er schreibt mir nicht nur

bewunderungswürdige und ergötzliche, sondern auch liebevolle Briefe. Freilich wagt er nicht

viel dabei, auf diese Entfernung. Das ist mein Schicksal. Der einzige gescheite Junggeselle

auf Erden und – Meere zwischen uns. Immer die alte Geschichte, alles Wiederholung auf dieser

Erde, die ja selbst keine Originalschöpfung des lieben Herrgotts, sondern nach einem vom

Teufel verfertigten Modell ausgeführt ist. Ich hab’s aus sicherer Quelle.

Und nun sage ich Euch nochmals: kommt! reißt Euch los von Eueren Iffländern, Wilhelm und

Helmi, die ich grüße, und von Euerem Euer Geld, Euere warmen Suppen und Jacken liebenden

Volke.

Zuletzt die Tagesneuigkeit: Alma ist in Wien. Wir hörten, daß sie einschrumpfe vor Langeweile

auf ihrer Burg im Wald. Da schrieb ihr Dein Vater die Barmherzigkeitslüge: ›Ihre Freunde

vermissen Sie, warum halten Sie sich fern?‹ Sie antwortete: ›Ich werde mich ewig fernhalten‹,

und – war da.«

»Wirst du sie sehen?« fragte Hermann.

Maria errötete bis an die Stirnhaare: »Ja.«

»So kannst du ihr verzeihen?«

»Ich?… Wie käme es mir zu … Und irgendwem?« verbesserte sie sich, in Verlegenheit gebracht

durch sein Befremden über diese Worte. »Wer ist so rein, wer steht so hoch, daß er sich

anmaßen dürfte zu sagen: Ich verzeihe fremde Schuld.«

Wenige Wochen später begegnete sie Alma auf einem Balle, begrüßte sie zuerst, empfing am

folgenden Tage ihren Besuch und erwiderte ihn.

Fürstin Tessin dankte mit Tränen in ihren noch immer schönen Augen.

Die Freundschaft Marias war der stolze Besitz gewesen, auf den sie sich berufen konnte in

ihrem Kampfe zwischen ihrer Furcht vor der Meinung der Welt und ihrer Liebe zu Wolfsberg. Zwei

starke Empfindungen in einem schwachen Herzen, das nicht vermochte, der einen zu trotzen oder

die andere aufzugeben. So hatte sie sich durchs Leben gewunden, überaus höflich, überaus

gütig, in jedem, der ihr nahte, einen Richter sehend, den sie zu bestechen suchte. Als Maria

begonnen hatte sie zu meiden, da war ihr, als ob die letzte Hülle gerissen worden wäre von

ihrem durchsichtigen Geheimnisse. Jetzt aber hatte ihre Beschützerin sich wieder eingefunden,

und sie fühlte sich nach Möglichkeit neu hergestellt in den Augen der Menschen, deren Urteil

bei ihr die Stelle des Gewissens vertrat.

Graf Wolfsberg äußerte sich über die Wiederanknüpfung des Verkehrs zwischen seiner Tochter und

Alma weder zustimmend noch mißbilligend. Man geriet langsam in die alten Geleise zurück.

Wolfsberg spöttelte zeitweilig ein bißchen über »die gute Fürstin«; Maria verteidigte sie,

wenn auch nicht so warm wie einst.

Die Wahrnehmung Tante Dolphs erwies sich als richtig;beide Wonsheim liebten, gänzlich

hoffnungslos, die Frau Nachbarin vom Lande. Diese hatte seit einiger Zeit bedeutend

»ausgespannt«, aber trotzdem war und blieb sie – in der Stadt, wo sich unzählige Gelegenheiten

zu Vergleichen boten, sah man das erst recht – schön, elegant und sympathisch wie niemand.

Die Brüder gingen einzig und allein ihretwegen in die Welt. Betty und Carla, kürzlich Mütter

geworden, hüteten das Haus. Glückwünsche zu ihrer jungen Vaterschaft wiesen die Wonsheim

zurück: »Ich bitt Sie, es sind ja nur Mädeln.«

Der gute Kerl, der Hermann, bekam einen Sohn nach dem anderen, und sie bekamen – Mädeln. Sie

suchten Trost für dieses klägliche Resultat in allerlei Zerstreuungen.

Zu denen gehörte »der Spaß«, den der Umgang mit Fee ihnen machte. Sie waren ihre Vertrauten,

sie erzählte ihnen alles und das übrige. Zum Beispiel, daß sie eine überseeische Korrespondenz

führe und das Leben jetzt sehr ernst nehme, ja sogar, wie ein gewisser Jemand, der ihr

maßgebend war – von der Schokoladenseite. Daß sie mit dem Gelde umgehen lerne und ihre

Rechnungen nicht selten mit eigener – natürlich behandschuhter – Hand bezahle. Den Kurszettel

lese sie Tag für Tag. Es könne auf einmal dazu kommen, daß man gezwungen sei, Obligationen zu

verkaufen, um die Kosten einer weiten Reise, die vielleicht gar eine Hochzeitsreise sein

werde, zu decken.

Gräfin Dolph, bei der Fee den größten Teil ihrer Zeit zubrachte und die ebenso tief in ihre

Geheimnisse eingeweiht war wie die Brüder Wonsheim, machte ihr keinen Vorwurf aus ihrer

Plauderhaftigkeit.

»In der Welt, die nur eine erweiterte Familie ist, weiß ohnehin jeder alles von jedem«, sagte

sie eines Abends zu Fee in Marias Gegenwart.

»Glaubst du das wirklich?« fragte diese. »Ich meine, die Welt und die Familie wissen so gut

wie nichts von ihren Mitgliedern. Ich wenigstens«, brach sie plötzlich aus, »habe eine

Vorliebe für ihre Zurückgesetzten und eine heilige Scheu vor ihren Vergötterten.«

»Dann mißtraue dir selbst«, erwiderte Dolph.

»Vielleicht tu ich’s«, sprach Maria.

Die Tante zuckte die Achseln, scheinbar gleichgültig, in ihrem Innersten jedoch regte sich ein

stiller, immer wieder auftauchender unbequemer Zweifel: Sollte Tessins Liebe nicht unbelohnt

geblieben sein?… Pah! wer dem Unwiderstehlichen nicht widersteht, ist entschuldigt, setzte sie

in Gedanken hinzu und sprach: »Das sind, verzeih, krankhafte Übertreibungen.«

Selten nur ließ sich Maria zu dergleichen Äußerungen hinreißen. Sie wurden ihr von der Angst

ihres Herzens erpreßt, von der verzweifelten Versuchung: Komm der Entdeckung zuvor – jede

Stunde kann sie herbeiführen – der Zufall, der geheimnisvolle Weltbeherrscher, den keine Macht

der Erde abzuwenden vermag.

Das waren schwere Augenblicke, aber Maria hatte doch auch Zeiten des inneren Friedens –

diejenigen, in denen es ihr gelang zu vergessen. Mit weisem Bedacht, mit unendlicher Mühe übte

sie sich im Erlernen dieser großen, für so manchen seelenbefreienden Kunst.

Sie lebte in der Gegenwart, der Linderung des Leids, das ihr nahte, der schüchternen Liebe zu

ihrem Manne, der mit Wonne und Qual ausgeübten Sorgfalt für ihre Kinder. Oft wiederholte sie

sich das Trostwort: Ein ganzes Dasein der Rechtschaffenheit muß eine Stunde der Verwirrung

aufwiegen können … Können? – erhob der peinigende Zweifel in ihrer Brust seine Stimme –,

vielleicht, wenn dieses Dasein nicht so süß wäre, wenn die Folgen der Verirrung nicht

verkörpert atmeten.

16

Im Laufe des Winters hatte Gräfin Agathe öfters den Wunsch ausgesprochen, ihre Kinder und

Enkel unmittelbar nach ihrem Aufenthalt in der Stadt bei sich zu sehen. Sie kamen, und die

Gräfin verlangte immer von neuem eine Verzögerung der Abreise ihrer Gäste. Erichs wegen – das

Kind hatte es ihr angetan. Oft blickte Hermann ihr nach, wenn sie, viel älter aussehend, als

sie war, steif und feierlich dahinschritt, den Kleinen an der Hand, den sie ins Herz

geschlossen hatte und dem gegenüber sie es so bitter empfand, daß ihr die Gabe, mit Kindern

umzugehen, versagt geblieben.

Dem Kinde war unheimlich zumute bei dieser stummen Liebe. Was sollten die Spaziergänge, die

nirgends hinführten und während welcher nicht einmal eine Geschichte erzählt wurde? Erich

machte schwache Versuche, seine Hand aus der der Großmutter zu lösen, aber dann sagte sie:

»Bist du nicht gern bei mir, Erich?«

Er unterdrückte aus Angst das Nein, das ihm auf den Lippen schwebte, und fragte nach einer

Weile ganz verlegen: »Und was werden wir jetzt spielen?« worauf die alte Dame, nach einigen

mißlungenen Versuchen, sein Interesse auf einen vorbeischwirrenden Vogel oder auf eine Blume

am Wege zu lenken, ihn zur Kinderfrau zurückführte.

Es war schon Sommer, als die Familie endlich in Dornach eintraf. Auf den Wiesen trocknete die

erste Mahd. Betäubend fast dufteten die blühenden Linden; die Saaten standen hoch, die Vögel

flogen zu Neste.

Aus dem Wagen, in dem die letzte Strecke zurückgelegt wurde, riefen die Kinder jedem

Vorübergehenden jubelnd zu: »Wir sind da, wir sind wieder da!«

Ein eggendes Bäuerlein riß sein Gespann zusammen, daß die Kummete den Pferden bis an die Köpfe

rutschten, und schwenkte freudig den Hut. Weiber, die Gras sichelten am Raine, richteten sich

auf und grüßten unbeholfen: »Kommt ihr einmal nach Haus? – Wir haben schon geglaubt, wir sehen

euch nimmer«, sprach eine kleine, schiefe mit langen Armen. Und eine bildhübsche, schlanke zog

das Kopftuch über die Augen, stemmte die Fäuste in die Seiten und wand sich vor Lachen – aus

lauter Vergnügen. Die Schule spie eben ihren ganzen Inhalt an männlichen und weiblichen

Besuchern aus. Ein ohrenzerreißendes Geschrei erhob sich, Mützen flogen in die Luft, am

Ausgange des Vorgärtchens entstand ein großes Gedränge. Der Herr Katechet fuhr aus der Haustür

wie aus der Mündung einer Bombe mitten hinein in die lärmende Schar. Mit geübter Hand teilte

er rechts und links Klapse aus und grüßte dazwischen auf das ehrerbietigste zu den

Herrschaften hinüber.

Hermann befahl anzuhalten, man wechselte einige Worte, die ganze Schule wurde für den nächsten

Sonntag zu einem Kinderfest im Parke geladen, und die Equipage fuhr davon. In ihrer Begleitung

ritt seit der Ankunft auf der Bahnstation ein Einjährig-Freiwilliger vom zwölften

Dragonerregimente. Ein schöner, großer Mensch, hellblond, blauäugig, mit gutmütigem

Kindergesicht. Es war Willi, Wilhelms Ältester, auf einem mächtigen Braunen, einem Geschenk

Hermanns.

Der junge Mann hatte im Vorjahre ein glänzendes Zeugnis der Reife erworben, stationierte jetzt

in der Nachbarschaft und sollte im Herbst unter der strengen väterlichen Zucht von der Pike

auf anfangen in der Wirtschaft zu dienen. Ihm kam es zu, einzuspringen für seinen Vater, im

Falle dem heute oder morgen die Kraft versagen sollte, den Unterhalt zu schaffen für die

Seinen. Und mehr als den Unterhalt, nach Wilhelms Begriffen sogar den Wohlstand. Immer waren

seine Kinder satt vom Tische aufgestanden, immer ward jedem der acht Rangen Gelegenheit

geboten zu lernen, von früh an schon in die Bahn einzulenken, auf die seine Neigung und sein

Talent ihn trieben. Und die Urheberin der Möglichkeit, ihnen soviel zu bieten, das war die

gute heimatliche Erde, die alles hergab, was ein getreuer Sohn und Pfleger von ihr verlangen

durfte.

In schweren Zeiten, die dem Landwirt nicht erspart bleiben, hatte sich Wilhelm manchmal dazu

bequemen müssen, die mit erfinderischer Delikatesse dargebotene Hilfe seines Vetters

anzunehmen. Aber es geschah so widerstrebend, daß Hermann immer die Geduld verlor: »Was soll

das? Du beleidigst mich … Meine brüderliche Liebe nimmt er an, ja; meine armseligen Groschen –

ah, Gott bewahr’s, nein, die nicht! da wird protestiert. Warum, möcht ich doch wissen, warum?«

»Weil ich den nicht mag, dem ich etwas schuldig bin«, antwortete Wilhelm und bekam einen

blauroten Kopf. »Nicht mag, hol ihn der Kuckuck, ich sag’s, wie’s ist! Wenn mir einer unter

die Arme greift, komm ich mir vor wie ein Bub. So bin ich. Mach mich anders, wenn du kannst.«

Das allerdings konnte Hermann nicht, und ganz gut und herzlich wurde Wilhelm erst wieder,

nachdem er die bei seinem nächsten Verwandten und besten Freund eingegangene Schuld abgetragen

hatte. Ja, er war unverbesserlich und Hermann der letzte, der zum Prediger in der Wüste, zum

Prediger überhaupt taugte. Wenn etwas seinen Spott reizte, war’s der Hang zur Hofmeisterei,

von dem die meisten Leute erfüllt sind, den sie aber ins Gewand einer Tugend kleiden und für

Teilnahme ausgeben. Hermann vermochte nicht einmal einen Fehler, unter dem er litt, an

Menschen, die er wert hielt, zu rügen.

So schwieg er auch lange dazu, daß Maria ihr liebliches zweites Söhnchen auffallend gegen den

älteren, den selbständigen, von Kraft strotzenden Knaben zurücksetzte, und verbarg ihr sein

schmerzliches Befremden bei jedem Zeichen der Ungleichheit in ihrer Empfindung für ihre

Kinder.

Sie ahnte vielleicht nichts davon. Die Veränderung in ihrer ganzen Art und Weise, wenn sie

sich von dem Kinde zu jenem wandte, ging vor – ihr selbst unbewußt. Wenn aber unbewußt, warum

geschah es dann, daß Maria eine manchmal dem Kleinen gespendete Zärtlichkeit wie einen an

ihrem Erstgeborenen begangenen Raub anzusehen schien, den sie hundertfach zu vergüten suchte?

Danach fragte er sie endlich doch, und ihre Antwort war ein so peinlich verwirrter Blick, daß

Hermann dachte: Sie gibt sich Rechenschaft von ihrer Ungerechtigkeit, bekämpft gewiß das

Gefühl, das sie dazu treibt, und wird es auch besiegen.

Um diese Zeit übersiedelte Fee, die sich kürzlich im Gefolge Tante Dolphs in Dornach

eingenistet, zu ihren Freunden Wonsheim.

»Prächtige Leut, die da drüben«, sagte sie, »es is aber vor Langerweil bei ihnen nicht

auszuhalten. Immer nur die Familie Wilhelm, immer nur Eintracht, immer nur Liebe – und noch

dazu eine, bei der man nicht beteiligt is … Nein, ich dank!«

Die Brüder gaben zu überlegen, ob es nicht recht praktisch wäre, abermals aufzumischen. Ein

Versuch, der gemacht wurde, fand jedoch wenig Anklang. Es stellte sich bald heraus, daß die

amüsanteste Person im Hause Dornach in diesem Augenblicke »die alte Dolph« war. Sie hatte

wenigstens eine gehörige Leidenschaft für das Lawn-Tennis, den einzigen Sport, den die »fad«

gewordenen Nachbarn nicht aufgehört hatten zu pflegen. Ihre Kopfschmerzen quälten sie auf dem

Lande weit mehr als in der Stadt; unter allen Dingen, die sie anfeindete, nahm die Zugluft

einen hervorragenden Platz ein, trotzdem aber konnte sie beim Tennis stundenlang ausdauern in

ihrer Rolle als Schiedsrichter, als drakonisch strenger Umpire.

Weil sie dabei Gelegenheit findet zu seckieren, dachte Fräulein Nullinger.

Wenn die Gesellschaft Wonsheim in ihrer Stage-coach zum Spiel nach Dornach fuhr, mußte sie

sich’s nicht selten gefallen lassen, der unwissenden Bevölkerung zum Gegenstand einer nicht

schmeichelhaften Aufmerksamkeit zu dienen. Die Herren in ihren hohen weißen Filzhüten, weißen

Jongleuranzügen, weißen Zwirnhandschuhen, die Damen schürzenumgürtet wie die kleinen Schmiede

von Demavend, den Brustlatz geschmückt mit grellfarbigen heraldischen Emblemen, wurden oft für

eine Truppe Seiltänzer gehalten.

Natürlich waren sie samt und sonders im Tennis von einer Stärke, die sie berechtigt hätte, die

englische Partie mitzuspielen. Hermann und Maria gaben ihnen wenig nach, und da kamen denn

Serien vor, die kein Ende nahmen. Sogar die Gegner mußten einander bewundern, nur der Umpire

war nie ganz zufriedenzustellen.

Trotzdem mit unvergleichlicher Grazie haarscharf über das Netz serviert, mit fast nie

fehlender Sicherheit aufgenommen wurde, ein Ball oft dreißigmal hin und her flog, bevor er zu

Boden fiel, ließ sich Tante Dolph dennoch nur zu einem bedingten Lobe herbei.

»Recht gut, meine Kinder; für eine einheimische Leistung gar nicht übel. Im Auslande würdet

ihr abblitzen … Schreit nur, ich kann euch nicht helfen. Ganz kürzlich hatte ich den Besuch

eines Fräuleins van Nieuwenhuis-Kabeljau, die erste Tennisspielerin der Welt. Die trägt einen

Handschuh Nr. 61/2 an der linken, einen Handschuh Nr. 8 an der rechten Hand und ist, sage ich

euch, so schief wie eine im Umkippen begriffene Treck-Schuite vor lauter Raketenschwingen. Das

nenn ich Übung, und nur so erlangt man die Meisterschaft.«

»Und einen Buckel«, erwiderte Fee; »der möcht mich doch genieren.«

»Dilettantin! diese Jufvrouw ist stolzer auf ihn als ein Held auf seine Narben.«

»Hat auch alle Ursach«, erklärte Betti Wonsheim, betrachtete ihre rechte Hand und schmeichelte

sich im stillen: Etwas größer als die linke ist sie, Gott sei Dank, doch schon.

Vor der Abfahrt der Gäste wurde noch Verabredung für den morgigen Nachmittag genommen, an dem

ein Waldfest stattfinden sollte. Gräfin Dolph gab es am Marienfeiertag im August.

Sie fand nötig, sich dankbar zu erweisen für die vielen Freundlichkeiten, die sie bereits in

der Gegend genossen hatte. »Meine Einladung zu einem Pläsierchen, wie man vorzeiten in Wien

sagte, ist nichts anderes als eine Retourchaise, meine Herrschaften Wilhelm und Wonsheim; sie

soll euch einen kleinen Teil des Vergnügens wieder hereinbringen, das mir eure

Liebenswürdigkeit schon bereitet hat.«

Groß und klein versprachen sich Wunder. Das Waldfest – Fee hatte der guten Nullinger das

Geheimnis herausgelockt – bildete nur einen Vorwand, um Hermann und Maria für eine Weile vom

Schlosse zu entfernen. Bei der Rückkehr wartete ihrer eine großartige Überraschung,

zauberhafte Beleuchtung des Schlosses und des Gartens, Feuerwerk, von Stuwer in Person

angeordnet.

Ort und Stunde des Stelldicheins wurden bestimmt. Man beschloß, um vier Uhr nachmittags beim

ehemaligen Vogelherd zusammenzutreffen. Die meisten wollten einen Umweg durch den Wald nehmen

und zuerst die Burgruine ersteigen. Tante Dolph und Helmi zogen es vor, bei den Kindern zu

bleiben, die mit ihrer Begleitung direkt zum »Uhuhaus« geschickt werden sollten.

Es war ihr Lieblingsplatz im Walde und zu Wagen in einer halben Stunde leicht erreichbar. Die

verlassene, von Schlingpflanzen überwucherte Vogelhütte erweckte das große Interesse Hermanns

und Erichs. Sie rüttelten an der verschlossenen Tür, sie guckten mit heißer Neugier und

leisem, köstlichem Gruseln durch die winzigen, hinter Drahtgittern halb erblindeten

Fensterscheiben. Wer recht lange und recht aufmerksam schaute, wer den Augenblick erwischte,

in dem der Wind das Gezweige der Bäume bewegte und ein Sonnenstrahl durch das geborstene Dach

in den dunklen Raum dringen konnte – der sah etwas: die Trümmer eines Ofens und eines

Lerchenspiegels, Netze, von Mäusen zernagt; sah ein Wiesel, das von einem Loch in der Wand zum

anderen huschte, und auf einer morschen Stange einen Uhu. Und der böse Raubvogel hatte nur

noch einen Flügel und ein Glasauge, und das war fürchterlich und sandte gelbe Blitze aus,

sooft ein Streiflicht darüber hinglitt … Oh, die Hütte unter den Erlen barg Erstaunliches! –

nur zum Glück keine Gefahr mehr für Finken und Meisen und Rotkehlchen, und wie sie alle

heißen, die kleinen Sänger. Getrost durften sie sich jetzt niederlassen auf die Zweiglein, die

auf und ab schaukelten unter der leichten Last. Singt, trillert, jubelt und schwingt euch

wieder auf, durchschneidet die Lüfte und kehrt heim zu euren Jungen. Ihr habt nicht mehr den

Tod oder die Gefangenschaft zu fürchten.

Die Hütte lag wunderschön, von Waldungen umringt und nur gegen Morgen frei. Da breitete sich

ein grüner Wiesengrund, da sah man den klaren, breiten Bach erschimmern und durch die

Felsschlucht als Wildbach toben; da stiegen rechts von der Schlucht die bemoosten Steinriesen

empor, deren einer die alte Burg trug. Heute noch, in ihrem Verfall, erhob sie sich stolz und

herrschend.

Die Wonsheim waren bereits fortgefahren, als Fräulein Nullinger müd und abgehetzt erschien.

Sie war zweimal zur Post gelaufen, hatte im Auftrage ihrer Gräfin neun Telegramme gewechselt

mit Sacher & Demel und eben erst die Versicherung erhalten, daß alles Bestellte aufgegeben sei

und morgen pünktlich eintreffen müsse. Als sie erfuhr, daß eine Partie nach der Burg

stattfinden werde, erklärte sie, dabeisein zu wollen.

»Ich habe mich längst gesehnt, das Schloß zu besuchen«, sprach sie zu ihrer Gebieterin, »Sie

kennen meine Vorliebe für das Mittelalter.«

»Sagen Sie doch: Schwärmerei. Sie stellen sich das so poetisch vor, wie die edlen Ritter mit

wehenden Helmbüschen über reisende Kaufleute herfielen, sie erschlugen und beraubten. Wie sie

sengend und brennend das Land durchzogen, dem Bauer die Pferde vom Pfluge wegstahlen und ihm,

wenn er sich wehrte, die Haut über den Kopf zogen. Wie sie das Haus des schwächeren Nachbarn

zerstörten, sein Weib an den Türpfosten hingen, seine Töchter entführten, wenn sie schön waren

natürlich, und in ihr verruchtes … hm, hm«, sie räusperte sich, »schleppten. – Sie wären

vielleicht auch entführt und geschleppt worden. Nulle.«

»Frau Gräfin«, fiel ihr diese ins Wort, »ich muß mir verbitten …«

»Nichts da! Sie hätten sich nichts verbeten. Sie hätten Schärpen gestickt für Ihren

schwarzgelockten Ritter und hätten an seiner Seite, der Minne pflegend, gesessen vor dem

Burgverlies, aus dem das Gewinsel der auf faulem Stroh verfaulenden Gefangenen zu Ihnen

gedrungen wäre.«

Das Fräulein erhob sich: »Es ist genug, Frau Gräfin, ich sage sogar, es ist zuviel.«

»Da haben wir’s, jetzt ist sie beleidigt«, seufzte Dolph; »ja, meine Liebe, Sie dürfen nicht

schwärmen für die Ritterzeit. Dazu ist die Haut Ihres Herzens zu fein geraten.«

Bei Einbruch dieser Nacht wurde in Dornach und dessen Umgebung gar heiß gebetet.

Lieber Gott, flehte Fee, auf den Knien liegend vor ihrem Bette, lieber Gott, du weißt alles,

du weißt auch, daß Tante Dolph heute einen Brief von Tessin bekommen hat. Gib, lieber Gott,

daß in dem Briefe steht: Ich hab immer eine Schwäche für die Kleine gehabt und will sie

heiraten.

Lieber Gott, murmelte Fräulein Nullinger, knüpfte ihre Nachthaube fest und zog die Decke über

die Ohren, lieber Gott, Heilige Jungfrau, alle heiligen Märtyrer, gebt mir Geduld mit meiner

Gräfin. Sie ging noch weiter und verlangte, sogar etwas Liebe für ihre Peinigerin empfinden zu

können. Aber diese Bitte wurde selbst im Himmel indiskret gefunden und blieb unberücksichtigt.

Inbrünstig gestaltete sich das Abendgebet der Jüngsten im Hause Wilhelm. Der sechsjährige Rudi

sprach es vor: Du bist so gut für die Kinder, lieber Gott, gib, lieber Gott, weil du so gut

bist, daß morgen ein schöner Tag ist.

Bis in die Nacht hatte drückende Hitze geherrscht; jetzt erhob sich, erst sanft, dann immer

kräftiger, eine kühle nördliche Strömung. In den Wipfeln der Bäume begann es zu rauschen,

allerlei Stimmen sprachen durcheinander; es stöhnte wonnig und lachte im Geäst und stieß laute

Schreie aus. Labung, Labung! flüsterten die wehenden Zweige. Massige Wolken, die sich bequem

hingelagert hatten rings am Horizont, stoben plötzlich aus ihrer Ruhe auf. Aus dicken Knäueln

in lange Strähne verwandelt, jagten sie zuletzt ganz dünn und durchsichtig davon.

In unbestrittener Herrlichkeit stand der Mond am Himmel, als Willi sich einige Stunden nach

Mitternacht der elterlichen Behausung näherte. Er ritt im Schritt über den gepflasterten Hof.

In den niederen, mit Schindeln gedeckten Stallungen an beiden Seiten schliefen noch Menschen

und Tiere. Ein Hund, der auf einer Schwelle ganz zusammengerollt lag, knurrte im Traume; dann

schwieg wieder alles; sogar das Brünnlein vor dem sogenannten Schlosse hatte sein Rauschen

eingestellt. Das tat dem jungen Soldaten weh. Hatte er doch die Zulage, die sein Onkel Hermann

ihm gab, auf die Anschaffung einer neuen, schönen steinernen Muschel für das Brünnlein

verwendet. Und jetzt war’s versiegt. – Die Wasserleitung einmal wieder schadhaft geworden,

sagte er zu sich selbst, und kein Geld da, um sie herstellen zu lassen.

Armes Brünnlein, armes, geliebtes Vaterhaus! Selbst im alles verklärenden Mondlicht wollte

sich’s nicht hübsch machen mit seinen kahlen Mauern, dürftigen Bogenfenstern und dem steilen,

Wellenlinien bildenden Dach. Als einziger Schmuck diente ein hölzerner Balkon, dessen schiefe

Säulen und wackeliges Geländer sich unter üppig wucherndem wildem Wein verbargen.

Leise pochte Willi ans Tor, um niemanden außer den auch Portiersdienste versehenden Gärtner zu

wecken, übergab ihm das Pferd und trat ein.

Am nächsten Morgen begrüßten seine jubelnden Brüder einen Tag von unerhörter Pracht und wußten

wohl, wem zuliebe er so geworden war.

In Dornach lief der kleine Hermann vom Vater zur Mutter und von der Mutter zum Vater. Er hatte

nirgends Ruhe und war entzückend in seinem Eifer und seiner Ungeduld. »Weißt du, Erich«,

sprach er, ihn stürmisch umarmend, »wir gehen heut so spät schlafen wie die großen Menschen.

Wir gehen zum Uhu.« »Und was wirst du dort tun?« fragte Tante Dolph.

»Ich werd halt schauen.«

»Und dann?«

»Dann werd ich laufen, laufen auf der Wiese, so geschwind, daß man mich gar nicht sieht … so

geschwind –« er machte große Augen, hob die Arme über den Kopf und strengte sich an, einen

drastischen Vergleich zu finden, »so geschwind –«

»Wie der Teufel«, kam die Tante ihm zu Hilfe, er aber machte eine geringschätzige Gebärde und

sagte: »Oh, viel schneller!«

Sie klopfte ihm lachend die Wange; sie, die Kinder nicht leiden konnte, weil sie Lärm machen

und die Türen offen lassen, hatte eine Schwäche für diesen Großneffen. »Das echte

Aristokratenkind«, erklärte sie. »Aus reiner, gesunder Rasse, vom ersten Atemzuge an gut

genährt, gut bewohnt, gut gewaschen, weiß nicht, was Furcht ist, und nicht, was Geiz ist,

schlägt drein, wenn’s gilt, und gibt, wenn’s gilt, das Hemd vom Leibe. Mut, Wohlwollen, Güte –

er hat alle Tugenden, die mir fehlen – darum lieb ich ihn.«

Fräulein Nullinger blickte sie ganz verdutzt an und dachte: Merkwürdig, sie hat doch bisher

kein Herz gehabt, sollte ihr eines gewachsen sein?

17

Am Saume des Kiefernwaldes, durch den ein breiter Weg zur Ruine führte, trafen Hermann und

Maria, begleitet von Fräulein Nullinger, die Wonsheim mit Fee und Wilhelm mit Willi und den

zwei nächsten Anwärtern. Den letzteren hatten ein paar tüchtige Ackergäule den Gefallen

erwiesen, sie hierherzutragen in einem Galopp, der ringsum den Boden lockerte.

Die Damen waren bereits aus dem Wagen gehüpft, Wilhelm und seine Söhne abgestiegen, nur Gustav

und Clemens saßen noch zu Pferde und parlamentierten mit ihren Frauen, die es nötig gefunden,

als Touristinnen zu erscheinen. Sie trugen leichte Hüte mit blauen Schleiern, fußfreie Kleider

aus Sommerloden, Schnürstiefel aus Juchten, dicke Strümpfe aus Ziegenhaaren und über den

Schultern Gummimäntel aus lichtgelbem Oriental-India-Cloth.

»Schaun’s her, Gräfin«, sagte Clemens zu Maria, nicht ohne geheimen Stolz, »wie die sich

anglegt haben. Und was ihnen nicht wieder einfallt. Jetzt wollens auf dem schlechten Fußsteig

zur Burg hinaufkraxeln.«

»Weil man von dort so eine schöne Aussicht hat«, sagte Carla.

»Und weil’s gefährlich ist«, fiel Betty ein.

»Und so poetisch, nicht wahr, Fräulein Nullinger? Das ist etwas für Sie«, sprach Fee mit

gutmütigem Scherze. »Ich biet Ihnen meinen Arm, ich bring Sie hinauf, ich schwör’s!«

Fräulein Nullinger machte einen Bückling, so tief, als ob sie sich niedersetzen wollte, und

nahm, in nervöser Dankbarkeit zerfließend, den gütigen Vorschlag an.

Der Kutscher mit dem Wagen, die Reitknechte mit den Pferden wurden nach dem Versammlungsplatz

geschickt. Wilhelm erteilte seine Befehle in ungewohnt mürrischer Art und brummte dazwischen

vor sich hin: »Unsinn! was das für ein verfluchter Unsinn ist … sich einen solchen Weg

auszusuchen, das ist keinem anderen eingefallen als dem Willi …«

»Voraus, Einjähriger! Sie führen an«, sprachen die Damen, winkten den Zurückbleibenden einen

Gruß zu und traten ihre Wanderung an.

Wilhelm zögerte einen Augenblick, dann folgte er ihnen, um seinen Willi zu überwachen. – Der

verdammte Bursch hüpft herum wie auf Springfedern; schneidet, scheint mir, schon die Cour …

Und gleich dreien auf einmal. Wart, Kerl, dir geh ich nicht von der Seite.

»Und was machen denn Sie, Gräfin?« fragte Gustav.

»Ich gehe auch zu Fuß, aber auf dem guten Wege«, antwortete Maria heiteren Tons und nahm den

Arm ihres Mannes.

»Da werden wir halt langsam vorausreiten.« Und sie setzten sich in Bewegung auf ihren zwei

berühmten Vollblutrappen.

»Alle auf und davon. Gibt’s etwas Unhöflicheres als unsere Gäste?« scherzte Hermann.

»Wir sind’s; wir lassen sie gar so ungehindert ziehen.«

»Und bleiben allein, was das Schönste ist auf der Welt«, begann er nach einer kleinen Weile

wieder. »Wenn ich denke, daß es Leute gibt, die sagen: die Liebe vergeht – und glauben sie zu

kennen, die Narren! Die meine ist heute, was sie in der Stunde war, in der ich dir zum ersten

Male begegnete und von dir nichts wußte als deinen Namen.«

Er umschlang sie fest; Seite an Seite schritten sie dahin. Die Reiter waren ihren Blicken

entschwunden; eine großartige Einsamkeit herrschte, eine zauberhaft belebte Stille. Über den

Häuptern der Bäume webte glühender Sonnenschein, kühle Schatten wallten zu ihren Füßen.

Unabsehbar schien der Wald sich zu breiten, ein heiliger, ein geweihter Raum, der, von

Liebenden betreten, sie frei macht von dem störenden Gedanken an die Außenwelt, von dem

Bewußtsein der verrinnenden Zeit.

Maria hatte sich sanft losgemacht; sie trat vor Hermann hin und blickte ihm ernsthaft in die

Augen. »Ich aber«, begann sie plötzlich, »liebe dich alle Tage mehr. Und meine Liebe – sieht.«

»Im Gegensatz zu der meinen, die wohl blind ist?«

»Unleugbar«, versetzte sie und zog ihn wieder an sich.

Da rief er aus: »Es lebe meine blinde Liebe! Die Nacht, mit der sie mich umgibt, ist nicht wie

eine andere; ‘s ist eine hellschimmernde Nacht. Sie zeigt mir den guten Geist meines Hauses,

die Trösterin des Betrübten …«

»Und so weiter!« unterbrach sie ihn mit erzwungenem Lachen. »Lassen wir das, ich bitte dich,

Hermann –«

»Nun denn, nein; kein Wort zu deinem Preise. Wie fang ich’s aber an, zu verschweigen, wovon

mein Herz voll ist? Du forderst von mir Verstellung, du immer und unverbrüchlich Wahrhaftige!«

Er ergriff ihre beiden Hände, sie zitterten in den seinen: »Was bewegt dich so? – sag es

deinem besten Freunde … Sieh, manchmal – ich will dir’s gestehen, manchmal ist mir – wenn du

wie jetzt meinen Blick vermeidest, bei meiner Berührung erbebst, als ob deine Seele ein

Geheimnis berge, ein rätselhaftes Gefühl, eine schmerzliche Erinnerung – was weiß ich?… Ist

das Täuschung, Maria, Torheit, Frevel an dir? – – Gib Antwort.«

Sie stand wie versteinert. Aufrecht die königliche Gestalt, den Kopf erhoben, als biete sie

ihn dem niederzuckenden Blitzstrahle dar, kaum atmend, die Lider gesenkt, ein

unausgesprochenes Wort auf den leise zuckenden Lippen.

Und sie war schön in dieser feierlichen Regungslosigkeit, mit diesem demütig stolzen Ausdruck

einer gefolterten Heiligen.

Der Mann, der sie vergötterte, starrte sie beschämt und reuig an. War das nicht ein Zweifel an

ihr, den er mit seiner lange unterdrückten und nun unbedacht hingeworfenen Frage ausgesprochen

hatte?

»Und wenn du recht hättest?« sagte Maria in einem Tone, so herb gewürgt, als ob er ihr die

Kehle zerschnitte.

»Worin? – Du hast mich mißverstanden …«

»Nimm an, daß ich schuldig wäre gegen dich«, fuhr sie fort, mühsam und unterdrückt wie früher.

»Nimm es an.«

»Was soll ich annehmen – das Unmögliche?… Erst doch verrückt werden …« Er schlug sich mit der

Faust vor die Stirn. »Ich begreife dich nicht … Warum diese unnötige Grausamkeit?… Auf welche

entsetzliche Probe stellst du mich?«

»Probe?« wiederholte sie. »Würde deine Liebe sie bestehen, die schwerste, schrecklichste … Und

wenn geschehen wäre – wovon ich sprach – was tätest du?«

Sie blickte unverwandt zur Erde nieder; sie fühlte nur, daß er seine Hand mit festem Drucke

auf ihren Arm legte. – Und nun sprach er, und seine Stimme hatte wieder ihren tiefen, sanften

Klang, und seine Worte kamen aus dem unerschöpflichen Borne seiner Güte: »Wenn geschehen wäre,

was du nicht einmal zu nennen vermagst, dann wäre mir genommen, was meinem Dasein den Wert

gibt; aber lieben würde ich dich doch, und zu dieser unüberwindlichen Liebe käme noch ein

grenzenloses Bedauern. Ich kenne dich und weiß, daß du zugrunde gehen müßtest am Bewußtsein

einer Schuld.«

O dieser Glauben, so stark und treu wie das Herz, das ihn hegte und das sie brechen gewollt,

um das ihre zu erleichtern! – Du darfst nicht! schrie es in ihr auf. Du hast betrogen – lüge!

Dein Recht auf Wahrheit ist verwirkt.

»Komm«, sagte Hermann, indem er sich auf einen moosüber- wachsenen, im weichen Waldboden halb

versunkenen Stein niederließ. »Du mußt erst ausruhen und wieder heiter werden, ehe wir den

anderen folgen. Da ist eigens für uns ein wunderbares, sammetnes Kissen ausgebreitet. Komm zu

mir!«

»Da bin ich«, sagte sie, ließ sich vor ihn hingleiten, legte die gefalteten Hände auf seine

Knie und warf sich an seine Brust. »Laß mich, es tut mir wohl, in Demut zu dir aufzublicken.«

»Wir haben einander recht gequält, und ich bin schuld an allem mit meinen törichten

Grübeleien«, sagte er. »Verzeih!«

»Ich – dir? Mein Freund, mein guter Engel, daß du mir einmal einen Grund dazu geben könntest!

Tu es doch. Lehre mich die Wonne kennen, dir etwas verzeihen zu dürfen.«

»Ich danke dir für die vortreffliche Absicht«, rief er mit komischer Bestürzung; »ich will ihr

Gelegenheit geben, sich zu betätigen … will wenigstens einen Versuch machen.«

»Er wird mißlingen.« Sie umfing ihn mit ihren Armen und verschränkte ihre Finger um seinen

Nacken. »Sieh mich an, deine Augen sind wie deine Seele. Sieh mich an mit diesem segnenden

Blick. Wie fromm bin ich! der Wald wird zum Tempel, und ich bin ein armes Menschenkind, und du

bist der Priester, der es zum Heile führt an seiner starken Hand.«

18

Auf der Burg herrschte schon ein sehr reges Treiben, als Hermann und Maria herannahten.

Fräulein Nullinger, die röter aussah denn je und vor Erhitzung förmlich geschwollen, war die

erste, die sie erblickte.

»Da sind sie, da ist das reizende Paar«, rief sie. »Bitte, den Herrn Grafen zu betrachten. ›Es

ist hold zu sehn, wie die Sonnen seines Herzens ihm im Auge untergehn.‹ Und wie er heute

wieder dem Bilde, das wir uns von Held Siegfried machen, ähnlich sieht!«

»Ja, ja, Sie haben nicht unrecht, seine Frau ist aber nicht die Kriemhild, sondern die

Isolde«, sagte Fee und lief den Ankommenden entgegen, die sich bald darauf in Gesellschaft

ihrer lustigen Gäste befanden und mit ihnen die Großtaten anstaunen konnten, zu denen Willi

durch die Gegenwart dreier junger und schöner Damen begeistert wurde.

Er spazierte eben von der Zinne eines Turmes zur anderen auf einem zu deren Stütze

angebrachten Sparren. Seine Brüder, angeeifert durch sein Beispiel, kletterten wie Katzen an

den alten Mauern empor.

Wilhelm stand unten und ballte die Fäuste. »Alle meine Buben haben den Teufel im Leib, wenn es

heißt, sich produzieren vor einem weiblichen Publikum«, sprach er zu Hermann. »Gar nicht gut

so was. Aus solchem Holz schnitzt man Schürzenknechte.«

Hermann klopfte ihm auf die Schulter: »Das glaubst du ja selbst nicht, Alter«, und die

Wonsheim lächelten und sahen den tollkühnen Unternehmungen der Burschen mit Beschützermienen

zu. Betty jammerte, daß sie kein Mann geworden, was doch einzig und allein das richtige sei;

Fräulein Nullinger schwelgte in Entzücken, machte sich nichts daraus, daß ihr buntes

Musselinkleid bei der »Aszension« sehr gelitten hatte, und baute in Gedanken die ganze Burg

wieder auf. Die zerstörten Zingel stiegen aus dem Boden und umfaßten wie einst die Tore, den

Zwingolf, die Zugbrücke, den Burhurdierplatz, auf dem geharnischte Ritter Lanzen brachen. Sie

stellte die Pforte wieder her und die zum herrlichen Palas hinaufführenden Greden.

Carla und Gustav, denen sie versicherte, die »dames châte-laines« hätten alle ausgesehen wie

die blonde Gräfin Wonsheim, hörten ihr aufmerksam zu. Gustav staunte über soviel »Gelahrtheit«

und wußte nicht, ob er sie lächerlich finden oder bewundern sollte. Obwohl von der Richtigkeit

aller Aussagen Annettens überzeugt, widerstrebte es ihm, das merken zu lassen, und so sprach

er zwischen jeder Pause, die sie machte: »Gehen S’ weg!«

»Ach, und diese Luft! dieses Ozon!« schwärmte das Fräulein. »Daß ich mich hier etablieren

könnte!«

»Etablieren Sie sich, soviel Sie wollen«, erwiderte Fee, die hinzugetreten war. »Aber rechnen

Sie nicht auf mich beim Aufstieg. Sie sind siebenzehnmal ausgerutscht – ich hab’s gezählt.

Mein rechter Arm, an den Sie sich angekrampelt haben wie eine Ertrinkende, ist kaputt. – Sie

werden fett, mit Respekt zu sagen.«

Fräulein Nullinger zog den Atem ein und streckte sich, um schlanker auszusehen: »Wenn ich Fett

ansetze, kann es nur vor Kummer sein. Das geschieht, jawohl – ich bin der lebende Beweis«,

sagte sie nicht ohne Bitterkeit.

Fee entschuldigte sich: »Nun, nun, nehmen Sie mir’s nicht übel.«

Die Gesellschaftsdame schwor, daß sie eher sterben als der Frau Gräfin etwas übelnehmen würde,

worauf Fee sie umarmte und sprach: »Sie sind halt nicht verwöhnt, Sie gute Haut, Sie liebes,

altes Nullerl.«

Clemens war inzwischen auf einen Felsvorsprung getreten und rief, auf die Wiese jenseits des

Baches deutend: »Daher kommt’s, da hat man eine schöne Aussicht, auf die Tante Dolph, auf

deine Buben, Wilhelm, die dort herumwimmeln, und auf die Jausen.«

»Und auf einen wackeligen Steg«, fiel Hermann ein. »Wie oft habe ich den schon abreißen

lassen, immer wird er wieder aufgerichtet, sogar jetzt bei Hochwasser.«

»Das änderst du nicht, solange der Holzschlag dauert oben im Gebirg«, sprach Wilhelm. »Den

Umweg von zweihundert Schritten über die Brücke macht dir ein Holzknecht nie.«

»Ich würde ihn auch nicht machen«, rief Fee, »besonders wenn jemand, der mir lieb ist, am

anderen Ufer stehen möcht. Aber schauts nur, schauts, die Aussicht ist wirklich der Müh wert.

Lassen wir uns unterdessen die Aussicht schmecken.«

Alle umringten sie. Auf der Wiese trafen einige Diener unter der Leitung Helmis Vorbereitungen

zu einem ungemein reichlichen five o’clock tea. Die Gefräßigen unter den jungen Herren

verfolgten diese Tätigkeit sehr aufmerksam, während die anderen die Seltsamkeiten zu erspähen

suchten, welche der Vogelherd barg.

Gräfin Dolph war am schattigen Waldesrand im Wagen sitzengeblieben. Sie freute sich, ihren

Liebling Hermann die Läuferkünste ausführen zu sehen, die er ihr bereits angekündigt hatte. Er

rannte bis zu den Weiden am Ende der Wiese und wieder zurück, die Kreuz und die Quer, recht

wie ein Füllen, das seine junge Kraft austoben will.

Auf einmal blieb er stehen, hob den Kopf, sah zur Burg empor, und als er dort oben auf dem

Berge seine Eltern erblickte, streckte er ihnen die Arme entgegen und warf ihnen Küsse zu:

»Ich seh euch, Vater, Mutter, ihr seid kleinwinzig«, er maß an seinem Finger, »so klein!«

Seine Stimme drang nicht bis hinauf; man sah nur die herzigen Gebärden, unter denen er sich

dem Ufer näherte, rühmte den »Prachtbuben«, winkte ihm Grüße zu. Clemens machte ein Sprachrohr

aus seinen Händen und rief: »Komm her, wenn’s d’ Courage hast.«

Plötzlich stieß Maria einen Ruf des Schreckens aus, und Hermann, über den Abgrund gebeugt,

schrie aus allen seinen Kräften: »Fort vom Wasser … Geh zurück!«

Das Kind schien einen raschen Entschluß gefaßt zu haben, es lief dem Stege zu. Die alte

Wärterin, die sich in seiner Nähe gehalten hatte, hinter ihm her, stolpernd, keuchend.

Die übrigen Kinder waren aufmerksam geworden. Ein und derselbe Impuls durchzuckte alle. – Dem

Hermann nach zum Steg … Und fort stoben sie, Wilhelms siebenjähriger Hansel an ihrer Spitze.

Es dauerte einige Zeit, bevor Helmi mit Hilfe der Bonne und der Diener die Flüchtlinge wieder

eingefangen. Eben auch hatte die Wärterin sich Hermanns zu bemächtigen gewußt; der Widerstand,

den er ihr entgegensetzte, schien bereits überwunden, als es ihm gelang, sich mit einem

heftigen Ruck loszureißen und zu entrinnen.

»Ich hab Courage! Vater, Mutter, ich komm zu euch!« Er lief und lief, und alle, die ihm von

der Wiese her nachgeeilt kamen, blieben weit hinter ihm zurück.

Nun schimmerte sein weißes Kleidchen durch die Zweige der Weiden, und nun erschien er auf dem

Steg.

Im selben Augenblick stürmte Hermann der Felsentreppe zu und die jähe Steile ihrer

verwitterten Stufen hinab.

Lautlos folgte ihm Maria, und rasch wie ein Pfeil war Willi an ihrer Seite.

Aber auch von den übrigen besann sich keiner, den schwindelnden Pfad zu betreten. Keiner

dachte an das, was er wagte. Ein Gefühl nur durchzitterte alle, dieselbe Angst, derselbe

Wunsch … Sie glitten, sie wankten, fanden das Gleichgewicht wieder und rannten weiter. Eines

Pulsschlags Dauer hielten sie inne in ihrem kühnen Beginnen.

Sorglos schreitend war das Kind bis zur Mitte des Steges gelangt, triumphierte laut und

forderte seine Verfolger heraus:

»Jetzt fangt mich, jetzt!« sah sich um, beschleunigte seinen Lauf, strauchelte, stürzte – Alle

anderen überholend, erreichte Hermann das Ufer. Den Blick unverwandt auf das Kind gerichtet,

das, ohne unterzusinken, von der Strömung fortgerissen wurde, warf er den Rock ab, stürzte

sich in die Flut und hatte im nächsten Augenblick den Kleinen erfaßt.

Hermann auf dem Fuße waren Wilhelm und Clemens gefolgt. Der erste voll Geistesgegenwart,

wissend, was er wollte, der zweite halb wahnsinnig vor Bestürzung über die Folgen seines

verhängnisvollen Scherzes.

Wilhelm lief mit Blitzesschnelle der Brücke zu. Neben dieser war ein Kahn ans Land gezogen,

junge Baumstämme lagen da aufgeschichtet, zur Herstellung der Vogelhütte bestimmt. Nach einem

von denen griff Wilhelm, ließ ihn aber fallen, als Clemens einen Floßhaken entdeckte und an

sich nahm, der im Kahn geborgen oder vergessen worden. Rascher, als Worte schildern, eilten

beide zurück und langten glücklich an der Stelle an, wo sich Hermann mit übermenschlicher

Kraft gegen die andringenden Fluten behauptete.

»Näher! um Gottes willen, näher!« schrien Wilhelm und Clemens ihm zu, und jeder hielt die

Stange fest mit beiden Händen, und sie reichten sie ihm hin, soweit sie konnten. Er griff nach

ihr – verfehlte sie …

Da sprang Clemens ins Wasser, kämpfte sich vor bis ans äußerste Ende der von Wilhelm allein

nur mühsam im Gleichgewicht erhaltenen Stange und wagte einen verzweifelten, einen

vergeblichen Rettungsversuch. Schon hatte die Riesenschraube des Wirbels Vater und Sohn

umklammert und riß sie hinunter und warf sie mit wildem Toben wieder empor, keuchend,

schaumbedeckt … Ein letztes, ein grausiges Ringen. – – Erschöpft, überwunden, erbarmungslos an

die Riffe geschleudert, suchte Hermann noch sein Kind mit seinem Leibe zu decken.

An beiden Ufern drängten Leute zur Unglücksstätte heran;diesseits alle, die Hermann nachgeeilt

waren, jenseits seine Diener, Kutscher, Lakaien, zufällig vorüberkommende Arbeiter. Nicht

einer unter ihnen, der nicht helfen möchte, der es nicht versucht mit leidenschaftlichem

Eifer.

Nur Maria, Hermanns Namen auf ihren Lippen, ihm nachstrebend mit rasender Sehnsucht in die

Todesgefahr, blieb regungslos. Ihre ganze Seele war in ihren unnatürlich weit geöffneten

Augen, in dem Blick, mit dem sie ihm nachstarrte … Auf einmal war ihr, als sei es Nacht

geworden – ihre Pulse stockten, sie wankte und lag in zwei fest um sie geschlungenen Armen. –

Carla Wonsheim hielt sie aufrecht, Betty lag schluchzend zu ihren Füßen und umklammerte ihre

Knie. – Jemand betete laut – aus der Feme drang verworrenes Geräusch von Stimmen.

Dorthin – aus halber Bewußtlosigkeit erwachend – eilte Maria. Menschen, immer mehr Menschen

liefen zusammen. Einige trugen eine schwere Last und legten sie hin – – o wie sanft und

vorsichtig …

Nun ist’s, als ginge eine freudige Bewegung durch die Menge: »Der Doktor!« schreit ein atemlos

daherrennender Diener, »der Heger bringt ihn, er war bei dessen krankem Kinde.«

Beim Nahen Marias tritt lautlose Stille ein. Alle Leute treten stumm vor ihr zurück … Ein

einziger, halb entkleidet, triefend, kommt an sie heran, windet sich winselnd und stöhnend. Er

faßt den Saum ihres Kleides: »Treten Sie auf mich! Ich hab’s getan, ich hab ihn gerufen, ich

Verdammter, dumm wie ein Tier … Zertreten Sie den hohlen Schädel, zertreten Sie mich!« heulte

er und grub sein Gesicht in das Gras zu ihren Füßen.

Maria wich ihm aus. Sie hatte die Leblosen erblickt, die klaffende Wunde auf Hermanns Stirn,

das fahle Angesicht ihres Knaben. Da bäumte sie sich zurück, hob die gerungenen Hände gen

Himmel und sank nieder mit einem entsetzlichen Wehelaut:

»Tot?… Beide tot?«

Niemand gab Antwort, und sie raffte sich zusammen, und über Hermann gebeugt, bedeckte sie

seine Brust mit ihren Küssen und rief: »Er lebt, Doktor – sein Herz schlägt, ich hab es

gefühlt …«

Der Arzt, der, wenn auch völlig hoffnungslos, noch nicht aufgehört hatte,

Wiederbelebungsversuche an dem Kinde vorzunehmen, antwortete mit einer verneinenden Gebärde.

Sie aber drückte ihren Mund auf den des Entseelten und hauchte ihm ihren Atem ein, bis er

versagte, ohne die leiseste Regung des seinen zu wecken. Und nun begriff sie, daß sie ihn

verloren hatte. Wieder stürzte sie sich über ihn … aber plötzlich, gestemmt auf seine

Schulter, hob sie den Kopf empor und schoß einen Blick voll bebender Scheu nach ihrem Sohne …

»Der auch?« stöhnte sie mit einer Stimme, in der alles zusammengepreßt schien, was die

Menschenseele an Schmerz zu fassen vermag: »Mein Kind auch!«

Dem Wahnsinn nahe, betete sie, bettelte um ein Wunder.

Als sie heimkehrten, die vor wenigen Stunden froh und glücklich das Haus verlassen hatten,

funkelten ihnen Hundert-tausende farbige Lämpchen entgegen. In einem Meer von Licht prangend,

empfing Schloß Dornach seinen toten Herrn.

19

Maria hielt allein die erste Nachtwache bei ihren Toten. Man hatte die Hand des Kindes aus der

seines Vaters nicht zu lösen vermocht, und so ruhten sie nebeneinander auf einem Lager und

sollten auch in einem Sarge ruhen. Ihre bleichen Gesichter trugen keine Spur des letzten

schweren Kampfes. Maria hielt die beiden umfangen. Sie lag an sie geschmiegt, bleich und stumm

wie sie, aber ohne ihren Frieden. Einen Trost nur hatte sie in ihrer Vernichtung und empfand

ihn, während sie ihr Haupt an das stille Herz drückte, an dessen lebensfreudigem Schlag all

ihr Glück gehangen.

Wohl ihr, daß ihm das Bitterste erspart, daß sein Glaube an sie unerschüttert geblieben war

bis ans Ende. Dank der geheimnisvollen Kraft, die das Wort, das ihn elend gemacht hätte, sooft

sie es aussprechen wollte, zurückgedrängt in ihre Brust. Nun war er eingegangen zur ewigen

Ruhe, unerschüttert in seiner seligen Zuversicht.

Im anstoßenden Zimmer befand sich Lisette und unterdrückte ihr Schluchzen, um von der Herrin

nicht gehört und fortgewiesen zu werden. Einmal wagte sie sich leise bis zur Tür heran und

spähte durch das Schlüsselloch.

Maria saß neben dem Bette, unbeweglich in den Anblick der Ihren versunken, mit einem Ausdruck

von so herzzerreißender Trauer, daß Lisette zurückfuhr. – Nein, das ertrug sie nicht, das

konnte sie nicht sehen …

Am Morgen endlich pochte sie und trat, als nach einer Weile keine Antwort kam, ungeheißen bei

ihrer Gebieterin ein, rief sie an und sagte: »Es ist Tag!«

Maria schreckte auf: »Schon Tag?«

»Ja, mein armes Kind; und du mußt fort. Die Herren sind da … Du weißt – und der Graf Wilhelm.«

Der hatte mit Helmi an der Tür gestanden. Seine Augen waren rot und geschwollen, seine Lippen

zuckten. Er konnte nicht sprechen und lehnte sich hilflos an seine Frau. Der Doktor und Willi

kamen, und hinter ihnen trat schüchtern Erich ein, der mit beiden Händen einen großen Strauß

weißer Rosen festhielt.

»Der Gärtner hat mir gesagt, ich soll das dem Hermann bringen«, sprach er zu seiner Mutter.

»Hermann, da hast du.«

Er legte die Blumen auf das Bett, und auf dessen Rand gestützt, hob er sich, so hoch er

konnte, und streckte den Hals und spitzte die Lippen, um seinen Bruder zu küssen. Doch

erreichte er ihn nicht und fragte: »Warum hast du heute nicht bei mir geschlafen?« – Jetzt

erblickte er den Vater, der sich auch nicht rührte, dessen Augen auch geschlossen waren …

Ganz bestürzt trat er zurück. »Warum schlafen sie so lange?« rief er plötzlich aus. »Sie

sollen aufwachen, Mutter, sag ihnen, daß sie aufwachen sollen!«

Maria beugte sich zu ihm nieder und schloß ihn in ihre Arme. Die ersten Tränen, die sie seit

gestern geweint hatte, fielen auf das Haupt ihres Söhnchens.

Wilhelm nahm es auf sich, Gräfin Agathe die Kunde des furchtbaren Verlustes, den sie erlitten

hatte, selbst mitzuteilen. Helmis Bitten brachten ihn dazu. Sie wollte ihn fort haben von der

Unglücksstätte, ihn zwingen, in der Ausübung einer schweren Pflicht Herr seines Schmerzes zu

werden.

Früher, als man gedacht hatte, kehrte er zurück. Er war Tag und Nacht gefahren, teils

Lokalbahnen benutzend, teils mit Bauernpferden, und meldete die Ankunft der Gräfin für den

nächsten, den Morgen der Beisetzung an.

»Wie hast du sie gefunden?« fragte Maria abgewandten Blickes.

»Rätselhaft – eine Heilige oder ein Stein«, erwiderte Wilhelm und erzählte, daß die Gräfin

noch in der Kirche war, als er um neun Uhr früh in Dornachtal ankam. Der neue Beichtvater, ein

junger, hochgewachsener, streng aussehender Herr, empfing ihn und nahm seine Unheilsbotschaft

mit kaltem Erstaunen auf. Er hatte den Herrn Grafen nicht gekannt, nur von ihm gehört. In dem

Moment haßte ihn Wilhelm; im nächsten hätte er ihm um den Hals fallen mögen, weil er sich

anbot, die alte Dame auf die Nachricht des Unglücks, das sie getroffen hatte, vorzubereiten.

Wilhelm wartete im Zimmer des Geistlichen, der ihn rufen lassen sollte, sobald es Zeit war …

Das geschah nach einer halben Stunde … Großer, guter Gott! – Sie saß ruhig in einem

hochlehnigen Fauteuil, der Geistliche auf einem Sessel neben ihr, die Augen gesenkt, ein

triumphierendes Lächeln auf seinen kargen Lippen. Die Gräfin, weiß wie ein Linnen, hielt einen

Rosenkranz zwischen ihren Fingern, die völlig leblos aussahen.

»Dank«, sprach sie, »daß du dich selbst hierherbemüht hast«, ließ Maria bitten, sie zu

erwarten, und ersuchte ihn, sich nicht aufzuhalten, sie wisse, wie notwendig er in Dornach

sei. Ihr Wagen, der ihn nach dem Frühstück zur Bahn bringen solle, sei bereit.

Kein Wort von ihrem Sohne, von ihrem Enkel. Erst als Wilhelm Abschied nahm, fragte sie nach

Erich und flüsterte mit einem dankbaren Aufschlagen der Augen zum Himmel: »Den hat mir Gott

gelassen!«

Bei diesen Worten zuckte Maria zusammen und schlug die Hände vor das Gesicht.

Bald nach Wilhelm war Graf Wolfsberg eingetroffen, gebeugt, gealtert. Wenige Menschen durften

sich rühmen, seine Liebe zu besitzen; die beiden, die morgen begraben werden sollten, hatte er

geliebt. Aber auch die Veränderung, die mit seiner Tochter vorgegangen war, ergriff und

erschütterte ihn. Er hörte nicht auf sie angstvoll zu betrachten, erwies sich hilfreich, stand

ihr bei in ihrem traurigen Totendienst. Einmal zog er sie plötzlich an sein Herz, so zärtlich

wie am Tage vor ihrem Scheiden aus dem Vaterhaus: »Lebe«, sprach er, »du hast auf Erden noch

etwas zu tun.«

Sie erhob den Blick zu ihm und erwiderte entschlossen: »Ja, Vater, ja!«

Gräfin Agathe wurde von Wolfsberg und Maria unter dem Portal erwartet. Sie stieg aus dem Wagen

und nach stummer Begrüßung, jede Unterstützung abwehrend, die Treppe hinauf. Oben wandte sie

sich geradenwegs dem Kapellenzimmer zu, in dem seit Jahrhunderten die Grafen von Dornach ihre

letzte Rast hielten.

Der schwarz ausgeschlagene Raum war dicht gefüllt mit weinenden, schluchzenden Menschen. Als

die alte Dame eintrat, war’s, als ob ein Eishauch die Luft durchwehe; alle Tränen stockten,

nicht eine Klage mehr wurde laut.

Aufrechten Ganges, hoheitsvolle Ergebung in den strengen Zügen, wohnte die Gräfin den

Trauerfeierlichkeiten bei. Erstarrt in ihrem Gram, klagte sie nicht, verlangte nicht nach

einer Schilderung des Ereignisses, das ihr den Sohn und den Enkel geraubt hatte. »Der Herr hat

sie gegeben, der Herr hat sie genommen, der Name des Herrn sei gelobt«, war alles, was sie

sich und ihrer Schwiegertochter zum Troste sagte. Aber sie setzte hinzu: »Der gleiche Schmerz

verbindet.« Sie ließ Maria fühlen, daß die geliebte Gattin ihres Sohnes ihr auch nach dessen

Tode wert geblieben war.

Tante Dolph hatte sich in den jüngstverflossenen Tagen unsichtbar gemacht. Doktor Weise mußte

ihr absolute Ruhe und Luftveränderung verordnen.

In ihr ging etwas Ungewöhnliches vor – sie wurde bei der Erinnerung an den kleinen Hermann von

Wehmut erfaßt, nicht heftig allerdings, aber doch beängstigend für die alte Egoistin, wie ein

Unwohlsein für einen Menschen, der immer gesund war. Sie gestand es ihrem Bruder und verhehlte

ihm auch nicht ihren leisen Groll gegen Maria, deren Unglück das Mitleid herausforderte – ein

der Gräfin unbequemes Gefühl.

»Mich mitzufreuen, nicht mitzuleiden bin ich da. Warum soll die Traurigkeit sich ausbreiten?…

Ich weiche ihr aus. Wenn das abscheulich gefunden wird, muß ich mich darein fügen. Kann ich

für meine Natur? Die Rebe weint, die Distel nicht«, sagte sie und reiste ab.

In dem schwer heimgesuchten Hause, dem sie den Rücken gekehrt, gab es aber doch einen

Glücklichen. Das war Erich; selig ging er umher wie ein aus der Verbannung in das ersehnte

Heimatparadies Zurückgekehrter. Seine Mutter liebte ihn jetzt, wie sie den armen Hermann

liebte, der noch immer schlafen mußte. Sie hob ihn auf ihren Schoß und überhäufte ihn mit

Zärtlichkeiten.

Und das Kind, in wonniger Überraschung, ein wenig verlegen, ließ in stillem Entzücken all

diesen Liebessegen über sich ergehen.

Einmal nahm sie ihn mit in die Gruft, und vor der mit Kränzen behangenen Nische, die den Sarg

ihres Mannes und ihres Erstgeborenen barg, kniete sie nieder.

»Erich«, sprach sie, seine beiden Händchen in ihre Hände fassend, »Erich, du wirst groß werden

und gut und gescheit. Dann sollst du an deine Mutter denken und an das, was sie dir heute

sagt.«

Der Kleine lehnte seine Stirn an ihre Wange: »Was sagt sie?«

»Sieh dich um. Wo sind wir?«

»In der Gruft.«

»Und wer schläft in der Gruft?«

»Mein Vater und mein Bruder.«

»Und noch viele, viele ihnen verwandte, gute Menschen. Merke dir, Erich, vergiß es nicht,

erinnere dich, wenn du groß sein wirst, wo und wann deine Mutter dir gesagt hat: Verzeih mir,

mein Kind … verzeihe mir! – Wirst du dir das merken, Kind?«

Erich schlang seine Arme um ihren Hals und antwortete fest und zuversichtlich: »Er merkt

sich’s.«

Als sie ins Schloß zurückkehrten, kam Wolfsberg ihnen entgegen.

»Es ist Zeit«, sagte er zu Maria. »Deine Schwiegermutter und Wilhelm erwarten dich. Wenn du

aber nicht stark genug bist …«

Sie unterbrach ihn: »Ich habe mir Stärke geholt«, übergab den Knaben der seiner harrenden

Wärterin und ging mit ihrem Vater nach den Zimmern der Gräfin.

Das Testament des Verstorbenen war vor der Beerdigung in Gegenwart Wilhelms und Wolfsbergs mit

den üblichen Förmlichkeiten eröffnet worden. Sein Hauptinhalt war eine Huldigung für Maria,

und Wolfsberg hatte gezögert, ihr den ergreifenden Wortlaut dieser letzten Botschaft

mitzuteilen. Heute, am dritten Tage nachdem Hermann zur ewigen Ruhe bestattet worden, sollte

es geschehen. Seine Mutter hatte den Wunsch ausgesprochen, Zeugin zu sein.

Die Gräfin empfing Maria und Wolfsberg im Salon ihrer Witwenwohnung im Schlosse. Ein hohes

Gemach mit gelblichen Stuckwänden, großen Marmorkaminen, bis zur Decke reichenden Spiegeln in

kannelierten Goldrahmen und steifer Empireeinrichtung. Die Fenster, die einen weiten Ausblick

über den Park gewährten, standen offen, und hereindrang das Licht der untergehenden Sonne und

die würzige Luft, die vom Walde hergestrichen kam.

Einen düsteren Gegensatz zu diesem freundlichen Raume bildete die alte Dame mit ihren

schwarzen schleppenden Gewändern, mit dem aschfahlen Angesicht, dem die Leiden und

Seelenkämpfe der letzten Tage tiefe Spuren eingeprägt hatten.

Sie erhob sich ein wenig aus ihrer Sofaecke, als Maria auf sie zukam, und streifte dabei ein

kleines Bauer mit einem ausgestopften Vögelchen auf den Boden hinab. Ehe jemand ihr

zuvorkommen konnte, hatte sie sich danach gebückt und das Spielzeug wieder auf seinen früheren

Platz gestellt.

»Erich hat es herübergebracht«, sprach sie, »und vergessen, als du ihn rufen ließest.«

Maria ergriff die Hand, die sie ihr reichte, beugte sich tief, küßte sie innig und heiß und

zog sie immer wieder an ihre Lippen, als ob es ein schweres Scheiden gelte.

»Nun, mein Kind, nun«, ermahnte die Gräfin, »Fassung, ich bitte dich. Wir wollen die Worte des

teuern Vorangegangenen hören, standhaft wie Glaubende und Hoffende.«

Wilhelm hatte die Zeit über stumm dagesessen, in das Schriftstück vertieft, das er vorlesen

sollte.

»Beginne«, sagte die Gräfin.

Er rückte seinen Sessel näher zu ihr. Ihm gegenüber hatte sich Maria niedergelassen. Ihr Vater

nahm Platz an ihrer Seite.

Wilhelm las mit bewegter, leiser Stimme, und der greisen Zuhörerin neben ihm bemächtigte sich

allmählich ein lange nicht mehr gekanntes Gefühl, eine sanfte und wehmütige Rührung.

Vor vielen Jahren hatte ein Unvergessener in seinem Letzten Willen so von ihr gesprochen, wie

Hermann von dem Weibe seines Herzens sprach. Mit dem gleichen Vertrauen hatte er sie geehrt,

indem er ihr so viele Rechte über den Sohn, soviel Freiheit in der Verwaltung des Vermögens

gewahrt, als das Gesetz nur irgend zuließ. Fast mit den Worten seines Vaters schrieb Hermann:

»Weil ich das wahre Wohl meiner Kinder im Auge habe, unterwerfe ich sie in allem und jedem den

Bestimmungen ihrer Mutter. Sie sind damit einer Vorsehung anbefohlen, die weise ist, gerecht

und treu.«

Ein qualvolles Wimmern rang sich aus Marias Brust.

Wilhelm hielt inne.

»Weiter«, sagte die Gräfin nach einer kleinen Pause.

Mit erstickter Stimme fuhr er im Lesen fort und warf von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Blick

nach Maria. Sie rang die Hände auf ihren Knien, aus ihren marmorblassen Zügen sprach

rettungslose Verzweiflung.

Wilhelm war zu Ende gekommen. Am Schlusse hieß es:

»Je besser und tüchtiger meine Kinder werden, mit je hellerem Blick sie die Welt und die

Menschen beurteilen lernen, desto festere Wurzeln wird in ihnen die Überzeugung schlagen: Es

gibt auf Erden eine höchste Einsicht und Güte – in unserer Mutter hat sie sich verkörpert.

Ich lebe gern und hoffe noch lange zu leben und zu meinen Söhnen noch manches Wort sprechen zu

können. Dir aber, Maria, ob ich jung, ob alt sterbe, dir werde ich immer nur eines zu sagen

haben: Ich danke dir!«

Die Augen Gräfin Agathens hatten sich leicht gerötet; teilnehmend wandte sie sich Maria zu.

Die Frau, die eine solche Liebe besessen und verloren hatte, stand ihr nahe und sollte ihr

immer nahestehen. »Meine Tochter«, sagte sie zu ihr, »ich teile den Glauben meines Hermann.

Sein teuerstes Vermächtnis, sein liebes Kind, ist geborgen in deiner Hut. Gott stärke dich und

segne unsern kleinen Majoratsherrn.« Sie streckte die Rechte aus, um sie auf den Scheitel

Marias zu legen.

Diese sprang auf. »Was tust du? Ich verdien es nicht … Behandelt mich, wie ich es verdiene«,

rief sie leidenschaftlich aus, stockte einen Augenblick und setzte dann herben Klanges hinzu:

»Erich ist nicht erbfähig.«

»Maria!« – stießen die anderen hervor. Derselbe Gedanke war allen zugleich gekommen …

»Nein, nein, ich bin nicht wahnsinnig, ich weiß, was ich rede. Ich kann die Lüge nicht mehr

ertragen. Der ist tot, dem zuliebe ich es getan habe.«

Außer sich faßte Wolfsberg ihre Schulter mit eisernem Griff: »Was getan?«

»Geheuchelt – mich halten lassen für das, was ich nicht war:für treu.«

Er stieß sie von sich und sprang auf; auch die Gräfin stand da, emporgerichtet in ihrer ganzen

Höhe.

»Nicht treu? eine Dornach nicht treu?… Nein, keine Dornach. Du bist nicht aus unserem Blut –

Ehebrecherin!« schleuderte sie Maria zu und führte unwillkürlich das Taschentuch an ihre

Lippen, die sie beschmutzt fühlte, nachdem sie das Wort ausgesprochen hatten … »Erich nicht

der Sohn meines Sohnes … und ich – und ich!…« Mit einem grellen, kurzen Lachen sank sie in die

Kissen zurück, halb ohnmächtig, stumm und starr.

»Du lügst, Maria!« rief Wilhelm. Bebend vor Wut trat Wolfsberg vor seine Tochter hin: »Deine

Entschuldigung?« fuhr er sie an.

Sie sah ihm ruhig in die zornig flammenden Augen, und aus den ihren sprach eher ein Vorwurf

als eine Abbitte. Ich hatte mich gerettet aus eigener Kraft, hätte sie ihm antworten können.

Da riß mich die Hand deines Sohnes ins Verderben.

»Deine Entschuldigung?« rief er von neuem, dieses Mal leiser, dringender, sehr betroffen über

ihre wunderbare Gelassenheit. »Du hast eine Entschuldigung.«

»Keine«, erwiderte sie.

»Unmöglich«, fiel Wilhelm ein. »Wenn du gefehlt hast, hätte ein Engel gefehlt und …« plötzlich

hielt er inne.

Die Tür neben dem Sofa war geöffnet worden. Aus dem Zimmer Gräfin Agathens kam Erich heraus

und auf sie zugelaufen. »Großmutter, wo ist der kleine Vogel?« fragte er und legte seine

gekreuzten nackten Ärmchen auf ihren Schoß.

In ihrem Herzen erglomm ein letzter Funken der Liebe zu diesem holdseligen Kinde, sie sah ihn

mitleidsvoll an; dann wies sie ihn hinweg.

Er aber forderte ungestüm: »Den kleinen Vogel! Großmutter, gib! gib!« und klammerte sich an

sie.

Da schüttelte sie ihn ab, wie wenn etwas Unreines sie berührt hätte. »Geh!« befahl sie hart.

Ihr Gesicht war verzerrt, ihre Hände ballten sich krampfhaft: »Geh!«

Erich, erstaunt, bestürzt, wurde über und über rot; seine Mundwinkel zogen sich herab; er sah

noch von der Seite nach dem Vogelbauer und rang mit dem Weinen, in das man ihn ausbrechen

hörte, sobald er das Zimmer verlassen hatte.

Maria blieb regungslos. Ihr Vetter Wilhelm beobachtete sie in unsäglicher Spannung und wartete

sehnlich, daß sie sprechen und die Verleumdung zurücknehmen werde, die sie gegen sich selbst

ausgestoßen hatte … Aus welchem Grunde? was bezweckte sie damit?… Die Gedanken wirbelten

durcheinander in seinem brennenden Kopf, es hämmerte in seinen heißen Schläfen. Nach Kühlung

ringend, trat er ans Fenster.

Lau strömte die Luft ihm entgegen und weckte ein flüsterndes Geräusch in den Wipfeln der

Bäume. Schwalben umkreisten das Haus. Weiße Tauben schwangen sich von einem Pilasterkapitäl

schwirrenden Fluges auf und verschwammen im Blau wie Flöckchen.

»Wilhelm!«

Er sah sich um, die Gräfin hatte seinen Namen gerufen.

»Der alte Stamm Dornach ist erloschen«, sprach sie feierlich und erbleichte unter dem

Eindruck, den ihre eigenen Worte in ihr hervorriefen. »Gott schütze den jüngeren Stamm und vor

allem dich, dessen Haupt.«

Er taumelte zurück: »Ich!… Ich?…«

»Du hast den nächsten Anspruch. Ist dir das neu?« fragte Wolfsberg voll Bitterkeit.

»Ich werde ihn nicht geltend machen, nie!«

»Als ob du die Wahl hättest.«

»Du wirst tun, was deine Pflicht ist und was du tun mußt«, sagte die Gräfin.

»Muß?« erwiderte er heftig, »und was wir jetzt gesprochen haben, muß weltbekannt werden – und

zu der Erklärung, die hier abgegeben worden ist, muß das Gesetz seinen Segen geben –« Er hielt

inne, ein erlösender Gedanke war in seinem Geiste aufgestiegen: »Das Gesetz gibt ihn nicht!…

Vor dem Gesetz ist das in der Ehe geborene Kind rechtmäßig und sein Erbe unantastbar.«

Gräfin Agathe fuhr auf: »Sein Erbe?… das Gesetz?… Es gibt ein Gesetz, welches das Kind der

Sünde beschirmt, wenn es die Hand ausstreckt nach fremdem Gut?«

»Ohne Sorge!« fiel Wolfsberg ein. Er war blaß geworden, Schweißtropfen perlten auf seiner

Stirn. »Das Kind wird Dor-nachisches Eigentum nie berühren, es wird erzogen werden, wie es ihm

zukommt, und einst, mündig geworden, seine Verzichtleistung unterschreiben mit dem Bewußtsein,

es vollziehe eine leere Förmlichkeit. Dafür steh ich.«

»Und ich«, sprach Maria, und Wilhelm rief ganz außer sich:»Und du!… So gibst du deinen Namen

der Lästerung preis. Hast du das auch bedacht?«

Sie hatte ein trostloses Lächeln: »Guter Wilhelm, du wirst doch mich nicht schonen wollen –

eine Schuldige, die mehr als überwiesen, die geständig ist … Ich habe jahrelang Liebe und

Ehrfurcht erduldet mit dem Bewußtsein meines Unwerts – – das war schwerer …«

»Worte, leere Worte«, versetzte starr, unerbittlich die Gräfin. »Wenn es dem Ewigen gefallen

hätte, meinen Sohn zu erhalten, würdest du weitergelebt haben in Lüge und Trug.«

»Nicht mehr lange«, sprach Maria mit sanftem, eindringlichem Beteuern, »glaube mir. Der

kleinste dem – – dem unrechtmäßigen Kinde gewährte Anspruch hätte mir die Zunge gelöst, und

dann wäre ich vor Hermann gestanden, wie ich jetzt vor seiner Mutter stehe, und hätte gefragt

–« ihre Stimme wurde fast unhörbar: »Darf ich dir Lebewohl sagen?«

Eine ablehnende Gebärde war die Antwort der Gräfin, Wilhelm aber ging auf Maria zu und sagte

vorwurfsvoll: »Lebewohl? Du willst uns verlassen; was fällt dir ein? – Wir lieben dich –

meiner Helmi bist du wie eine Tochter – bleibe bei uns, zieh zu uns in unser schlichtes Haus –

bleibe bei uns!« Er klopfte auf seine Brust. »Du hast einen Freund, der dich verehrt und noch

mit seinem letzten Hauche wiederholen wird: Wo die gesündigt hat, da wäre ein Engel gefallen.«

Maria drückte dankbar seine Hand. »Wir sehen uns wieder«, brachte sie mühsam hervor, »in

Wolfsberg, wo mein Vater mich und das Kind aufnehmen wird. Nicht wahr, Vater?«

»Ich komme nicht mehr nach Wolfsberg«, erwiderte er rauh. In dieser Stunde verleugnete sich

seine Liebe zu ihr.

»Maria!« rief Wilhelm, »wir werden jeden Tag segnen, den du uns schenkst. Bleibe bei uns!«

»Es kann nicht sein – du wirst das einsehen«, sagte sie. Ihre Wangen hatten sich langsam

gefärbt und glühten nun fieberhaft.

Zum zweiten Male wandte sie sich an ihren Vater: »Nimm uns dennoch auf!«

Er zuckte mit den Achseln und antwortete: »Was bleibt mir anderes übrig?«

20

Das Stammschloß Wolfsberg war ein schwerfälliges steinernes Bauwerk mit düsteren Bogenhallen,

feuchten Gängen, klafterdicken Mauern. Der Graf hatte es einst mit großem Aufwand bewohnbar

machen und einen Teil davon in altertümlichem Stile einrichten lassen, während der andere

allen Anforderungen entsprechen sollte, die heutzutage an den Landaufenthalt reicher und

gastfreier Leute gestellt werden. Später, nach dem Tode seiner Frau, bereute er die

romantische Laune, die ihn verleitet hatte, seinen Wohnsitz in einer unwirtlichen Gegend zu

nehmen, in der Nachbarschaft einer Dorfbevölkerung, der alle Laster der Armut anhafteten. Er

ließ Dolph und Maria monatelang allein; seine Besuche wurden immer kürzer, und nach der

Verheiratung seiner Tochter kam er überhaupt nicht mehr nach Wolfsberg.

Das Schloß erhob sich auf einem stumpfen Hügel, der noch zu Anfang des Jahrhunderts dicht

bewaldet gewesen war. Ein geldbedürftiger Vorfahr hatte die Bäume fällen und den Grund nicht

mehr aufforsten lassen. Wasserrisse bildeten sich, die fruchtbare Erde wurde von Regengüssen

fortgeschwemmt und der tonige Sandstein, der nun zutage kam, allmählich von einer kümmerlichen

Vegetation bedeckt. Hie und da ragte der schiefe und narbige Stamm einer Föhre mit graugrünen

Nadelbüscheln an den dürren Zweigen aus dem Gestein hervor, und wo ein Quellchen rieselte, gab

es üppig wuchernde Moose. Wurzeltriebe der uralten Steineichen, die oben vor dem Pförtnerhause

standen, schmückten sich mit Blättern. Kampanellen und Eriken wuchsen aus dem Schutt.

Daß die Wasseräderchen nicht ganz versiegten, dankte man dem Baumreichtum des Schloßgartens.

Hinter seiner weitläufigen, vieleckigen Einfassungsmauer, die sich stellenweise bis zur halben

Höhe des Hügels zog, breiteten sich herrliche Wiesen, und sogar von Blumen und von

Gewächshäusern, in denen sie überwinterten, erzählte man im Dorfe. Ein Verkehr zwischen diesem

und dem Schlosse bestand nicht. Unfrieden herrschte zwischen beiden, seitdem die Gemeinde die

ersten Wohltaten, die der Graf ihr erwiesen, mit Undank gelohnt hatte. Was sich an Nörgeleien

erdenken läßt, das tat man einander an.

Dem Grafen, in dessen Sinne die Gutsverwaltung sich dem Volke gegenüber benahm, weihte es

seinen vollsten Haß, während das Andenken der verstorbenen Herrin in Ehren gehalten wurde. Ein

Gemisch von Wahrheit und von böswilliger Erfindung hatte sich als Tradition in der Gegend

erhalten. Niemand bezweifelte, daß die Gräfin den Mißhandlungen erlegen war, die sie von ihrem

Gatten erdulden mußte, und jetzt wandelte sie als Gespenst durch die Gänge, schlich an seine

Tür und lauschte. Eines Nachts hatte er ihr geisterhaftes Auge gesehen, wie es durchs

Schlüsselloch spähte. Nun verfolgte ihn dieses Auge und starrte ihm entgegen aus jedem Winkel

des Hauses. Kein Wunder, daß er es nicht aushielt in Wolfsberg; kein Wunder, daß seine frechen

Diener sich nach und nach gebärdeten als Herren im fremden Eigentum.

Das Telegramm des Grafen, welches das Eintreffen Marias zu längerem Aufenthalte ankündigte,

entthronte mit einem Schlage ein halbes Dutzend Usurpatoren und entfesselte einen Sturm von

unwilligen Fragen: »Was hat sie hier zu suchen? Warum bleibt sie nicht dort, wohin sie

gehört?«

Keinem willkommen, kehrte Maria mit Erich und ihrem kleinen Gefolge in die Heimat zurück.

Die windbrüchige Akazienallee, die zum Schlosse führte; das Muttergottes-Kapellchen daneben am

Fuße der Anhöhe, von vier Winterlinden umgeben; den weiten Ausblick, den man im Steigen über

die Felder und Hutweiden gewann, bis zu dem Steinbruche, und tief im Hintergrunde den dunkeln

Nadelwald – das alles hatte sie geliebt. – Und wie kahl, welch ein Ausbund von Traurigkeit

erschien es ihr jetzt!

»Wo sind denn die Wiesen, wo sind denn die Berge?« rief Erich, als er am Morgen nach der

Ankunft aus dem Fenster blickte. Er ging mit Lisette in das Dorf und kehrte ganz entrüstet

zurück.

»Sie sind hier sehr unartig«, erzählte er, »sie geben keine Antwort, wenn man sagt: Guten

Morgen, und ein Bub hat mir«, er senkte die Stimme und flüsterte seiner Mutter ins Ohr: »die

Zunge herausgestreckt.«

»Sie kennen dich noch nicht«, erwiderte sie ihm; »warte nur, bald werden sie so freundlich mit

dir sein wie die Kinder in Dornach.«

Aber diese Prophezeiung erfüllte sich nicht. Im Gegenteil; als der Grund der Entfernung Marias

aus Dornach bekannt wurde, ließen es auch die Erwachsenen, besonders die Weiber, an

Gehässigkeiten gegen das Kind nicht fehlen. Ein Schimpfwort wurde ihm zugerufen, sooft er sich

zeigte, nach dessen Bedeutung er zu Hause vergeblich fragte, und als er mit seiner Mutter

davon sprach, traten Tränen in ihre Augen. Sie hatte gemeint, nach dem Scheiden von Dornach

könne ihr nichts mehr weh tun, und nun gab es doch noch Stacheln, die vermochten, ihr ins Herz

zu dringen.

Als sie nach Geringschätzung gedürstet, hatte sie nicht bedacht, daß ihr schuldloses Kind sich

mit ihr darein werde teilen müssen.

Sie begann zu werben um die Gunst der Elenden und Mitleidlosen. Sie brachte Hilfe und ließ

sich nicht abschrecken durch das Mißtrauen und durch den kaum verhehlten Hohn, mit dem ihre

Gaben aufgenommen wurden. Wenn Erich über die Bauernkinder klagte, wies sie ihn ab: »Sie

können nicht dafür, bedauere sie; niemand sagt ihnen: seid gut.«

»Wär auch schad drum, mit denen müßt man eine andere Sprache reden!« fiel Lisette

zornschnaubend ein. – Sie hätte so gern jede Beleidigung, die Maria oder das Kind erfuhren,

mit Feuer und Schwert gerächt. – Ihres Respekts vor dem Grafen Wolfsberg entledigte sie sich

nach und nach vollständig und äußerte ungescheut, wie es sie empöre, daß er nicht kommt, sich

seiner Tochter anzunehmen und »dem schlechten Beamten- und übrigen Volk den Standpunkt

klarzumachen – mit der Hundspeitsche!« schrie sie und schlug auf den Tisch.

Es war ihr unfaßbar, daß die flehentlichen Bitten Wilhelms und seiner Frau, Maria besuchen zu

dürfen, von ihr unerhört blieben, und sie wurde nicht müde, ihren Unwillen darüber kundzutun.

»Glaube mir«, erhielt sie endlich zur Antwort, »es würde mich verwöhnen, mich weich machen.«

Maria preßte die flachen Hände an ihr Gesicht, dann hob sie den Kopf in ihrer alten stolzen

Weise. »Ich aber muß standhaft bleiben.«

Sie bewahrte einen unerschütterlichen Gleichmut; sie schien blind und taub, wenn sie

herausfordernden Mienen begegnete, wenn sich bei ihrem Anblick ein beleidigendes Zischeln

erhob.

Eines Tages im Spätherbste führte ihr Weg sie zu einer einzeln stehenden Hütte, deren uralte

Bewohnerin von aller Not befreit war seit der Anwesenheit der Gräfin in Wolfsberg. Gekrümmt

wie ein Bogen saß sie auf der Bank an ihrer Tür und lud Maria ein, neben ihr Platz zu nehmen.

Sie begann damit, sich zu beklagen, daß die Kleidungsstücke, die sie aus dem Schloß erhalten

hatte, nicht ganz nach ihrem Geschmack ausgefallen waren, sagte aber zuletzt doch einige Worte

des Dankes.

Auf ihren Stock gestützt, blickte sie zu Maria hinauf, die, von Abscheu ergriffen vor der

affenartigen Häßlichkeit der Alten, unwillkürlich die Augen schloß.

»Ja, was Sie jetzt anders geworden sind, daß Sie sich um uns kümmern«, sprach die Greisin;

»wie Sie noch zu Haus waren, ist Ihnen so was nicht eingfallen …« Sie lächelte schadenfroh.

»Na, wir werden Ihnen schon losbeten, meine Tochter und ich; den anderen können Sie schenken,

soviel Sie wollen, die beten doch nicht für Sie … die schimpfen nur … Was die aber selber tun,

das sollen Sie von mir hören, hochgräfliche Gnaden, damit, wenn sich einer getraut, Ihnen

etwas ins Gesicht zu sagen, Sie ihm’s tüchtig zurückgeben können.«

Sie erzählte. Sie lieferte die Geheimnisse der Bewohner ihres Dorfes aus. Es war eine

haarsträubende Sittengeschichte, und die alte Sibylle erfand nicht. Ihre Enthüllungen trugen

das Gepräge der Wahrheit, einer Wahrheit freilich, die Schritt hielt mit den dunkelsten und

ausschweifendsten Phantasiegebilden.

Maria unterbrach das Weib im schönsten Fluß ihrer Rede und erhob sich. – Welche Greuel, dachte

sie; nein, so hättet ihr nicht werden müssen, ihr Bejammernswerten! Ihr hättet nicht in diesen

Sumpf zu geraten brauchen, in dem ihr jetzt versinkt. Nur wenige Einsichtige und Barmherzige

unter denen, die durch Jahrhunderte unumschränkt über euch geherrscht, und sie würden euch zur

Erkenntnis des Guten geführt haben. Sie besaßen die Macht, warum nicht auch die Gerechtigkeit,

die Uneigennützigkeit, das liebreiche Herz?

Als ein Kind ihres Stammes fühlte Maria sich mitschuldig an dem himmelschreienden Versäumnis

und war doch die letzte, die Ersatz dafür zu leisten vermochte. Sie konnte schenken – raten,

belehren, bessernd einwirken konnte sie, die Bemakelte, nicht. Um die Menschen zu ihrem wahren

Heile zu führen, bedarf es einer reinen Hand.

Sie eilte hinweg wie gejagt und durchwachte die Nacht ruhelos und fiebernd. In dem großen,

kapellenartig gewölbten Schlafgemach, das sie mit Erich bewohnte, hingen zwei Meisterwerke

Benczurs, die Bilder Hermanns und seines Sohnes. Gräfin Agathe hatte sie für ihre

Schwiegertochter malen lassen, und sie waren das erste gewesen, das Wilhelm seiner verehrten

Base nachzuschicken befahl aus Dornach. Die geliebten Gestalten schienen lebendig aus ihren

Rahmen zu treten; ihre treuen, freundlichen Augen die Augen Marias zu suchen und ihr zu

folgen, wohin sie sich wandte. Sie sank an ihrem Bette zusammen; ihre ganze Seele flammte auf

in der verzehrenden, ewig empfundenen, ewig vergeblichen Sehnsucht all der Unglücklichen, die

ihr Liebstes überleben: Einmal nur noch deine Stimme hören, einen Kuß auf deine Lippen

drücken, nur einmal noch.

Oh, dieses immer geforderte, nie erlangte, nie verschmerzte eine letzte Mal!

Alles still im Haus und auch draußen alles still. Ausnahmsweise hatte der Sturm seine Flügel

gefaltet und sein wildes Lied verstummen lassen. An dem Geiste Marias zogen die stillen Tage

ihres ersten, noch unbewußten Glückes vorbei. Sie versenkte sich in die Erinnerung an jede im

Verkehr mit ihrem Gatten, ihrem Freunde, verlebte Stunde.

Er hatte sein bei der Verlobung gegebenes Wort treulich gehalten, was sie für ihn tat, immer

als Gnade angesehen, was er für sie tun durfte, als sein bestes Glück. Und seine Art und Weise

gegen sie war nur der höchste Grad dessen, was er allen Menschen zuteil werden ließ. Sie erhob

ihre Augen und ihre Hände zu seinem Bilde und tat einen stummen Schwur: Die Welt soll dich

nicht ganz verloren haben, deine Güte, deine Langmut sollen fortleben; ich will dienen um das

Recht, sie auszuüben in deinem Sinn; ich will mir das Vertrauen der Leidenden und Irrenden

verdienen.

In diesem Jahre kam der Winter besonders früh und streng mit seinen kurzen Tagen, seinem

dämmerigen Lichte, mit Eis und Schnee. Wochenlang von dem Verkehr mit der Außenwelt

abgeschnitten, suchte Maria, wenn ein Postpaket endlich ins Schloß befördert werden konnte,

immer zuerst nach Briefen von ihrem Vater – und nicht selten umsonst. Fürstin Alma, Carla und

Betty schrieben voll Zärtlichkeit; Wilhelms wiederolten immer inniger ihre stehende Bitte,

sprachen immer wärmer ihre Sehnsucht nach einem Wiedersehen aus. Tante Dolph sandte unpassend

schneidige Berichte über das Treiben in der Gesellschaft, während Wolfsbergs Briefe so

unpersönlich als möglich nur Fernliegendes berührten.

Am Abend, wenn Sturm und Frost Maria im Hause ge-fangenhielten, setzte sie sich ans Klavier

und spielte, und sehr oft kam Erich, rückte einen Sessel herbei, stieg hinauf und hörte

unendlich aufmerksam zu. Das Kind schien eine Ahnung zu haben von der Schönheit der

Phantasien, die unter den Fingern seiner Mutter hervorquollen. Sein dunkler, leuchtender Blick

ruhte mit ehrfurchtsvollem Staunen auf ihr und senkte sich fast scheu, wenn sie zu ihm hinsah.

Einmal plötzlich hielt sie inne, nahm ihn auf ihren Schoß und drückte ihn an sich. Er

streichelte und küßte ihre Wangen, wollte sprechen, würgte aber die Frage, die ihm schon auf

den Lippen schwebte, wieder hinunter.

»Was hast du? Was willst du?« sprach Maria.

»Ich möcht so gern … so gern möcht ich …« er stockte wieder und fuhr nach einer Weile zögernd

fort: »Ich weiß, Mutter, wie man nach Dornach geht. Vom Schlafzimmer sieht man den Weg,

Lisette hat mir ihn gezeigt … Sie hat gesagt, das arme Dornach ist ganz verlassen und wird

noch lang verlassen bleiben. Ist es weit nach Dornach, liebe Mutter?«

Sie nickte schweigend: »Ja.«

»Ich möcht aber doch nach Dornach«, begann er wieder, entschlossener werdend. »Hermann wird

mir von den Löwen erzählen. Dornach ist nicht so weit wie die Löwen.«

»Doch!« rief sie mit schneidendem Schmerzensklang. »Dornach ist weiter als alles, ist

unerreichbar!«

Am folgenden Morgen, da Lisette beim Eintreten in das Zimmer der Gebieterin ausrief: »Wie blaß

du bist, wie übel du aussiehst!« mußte Maria eingestehen, daß sie sich müde und unwohl fühlte.

Lisette bemerkte nur: »Es muß arg sein, wenn du’s selber sagst«, aber sie setzte etwas ins

Werk, was sie schon seit längerer Zeit geplant hatte, und vertraute im Laufe des Tages dem

Stubenmädchen, daß sie heute »einen Coup« ausgeführt, einen ausgezeichneten »Coup«.

Die Kränkung Marias über das Wegbleiben des Grafen, die wenigstens sollte ein Ende nehmen.

Lisette wußte recht gut, was sie zu tun hatte, um ihn ins Bockshorn zu jagen.

In der Stunde, in der Maria ihr schweres Geständnis abgelegt, hatte ihrem Vater ein

schreckliches Bild von dessen möglichen Folgen vorgeschwebt. Der Name seiner Tochter der

Schmach preisgegeben, nie wieder genannt, ohne die Erinnerung an einen Skandal zu wecken … Und

er mit hineingerissen in die Schande, seine glänzende Stellung vernichtet.

Aber siehe! als er sich anschickte, die große Welt als ein Ausgestoßener zu fliehen, kam sie

ihm entgegen, huldvoller denn je. Seltsamerweise hatte Maria die öffentliche Meinung gewonnen

durch die heroische Geringschätzung, die sie ihr bewies. Die große Welt verzieh, statt zu

verdammen, sie tat ein übriges – sie bewunderte. Tonangebende Damen erklärten, Gräfin Dornach

werde stets in ihrem Hause willkommen sein.

»Was der Teufel, willkommen!« rief Betty Wonsheim aus, »kniend würde ich sie auf meiner

Schwelle empfangen.«

Und wie stimmte Carla ihr bei! und welches unaussprechliche Mitleid erfüllte die Seele Fürstin

Almas und wagte nicht, sich laut zu äußern, aus Furcht vor dem Schein einer begreiflichen

Sympathie mit der Schuldigen und mit der Schuld. Fee, die sich einen famosen Reisewagen hatte

bauen lassen – Gott weiß, wo, Gott weiß, wann man ihn brauchen wird! –, konnte es nicht

erwarten, ihn zu probieren. Eine Fahrt über Land, mit eigenen Pferden, mit vielmaligem

Einkehren und wunderbarem Schlußeffekt: plötzlichem Sturz in die Arme ihrer überraschten,

ihrer liebsten, ihrer angebetenen Freundin – das wäre etwas gewesen, recht nach dem Herzen der

kleinen Fee.

Die strengsten Richter fand Maria in ihrer Familie.

»Bei mir hat sie abgewirtschaftet«, sagte Gräfin Dolph geradeheraus zu Fräulein Nullinger.

Die Gesellschafterin erwiderte nicht ohne geistlichen Hochmut: »Darüber wird sie sich trösten

– im Himmel, der die große Büßerin erwartet.«

»Was Sie sagen – der Himmel?… Kann sein übrigens. Es gibt ja einen für die Einfältigen. Sie

hat eine Dummheit gemacht, um einen Fehler zu reparieren; das mag dort Anerkennung finden.«

Das Fräulein spielte alle Farben von Dunkelrot bis zu Violett: »Mein ganzes Innere ist empört

…«

»Gegen mich?« fragte Gräfin Dolph mit souveränem Lächeln. »Oh, wie grausam! – nein, ich bitte

Sie, kein Wort mehr, haben Sie Erbarmen, ich weiß ja, daß meine Empfindungen nur Hunde sind

gegen die Ihrigen.«

So scharf ihr eigenes Urteil über Maria war, die Härte ihres Bruders suchte sie zu mildern,

weil er darunter litt. »Was nimmst du ihr im Grunde übel?« sagte sie einmal – »daß dein Blut

und das Blut ihrer Mutter in ihren Adern rinnt. Nun, Verehrtester, ich kann den Gebrauch, den

sie davon gemacht, nicht unbescheiden finden. Sie hat geheiratet, überlege nur, mit der

Neigung zu Tessin im Herzen, sie hat – ich kenne sie – jeden Gedanken an ihn von sich

gewiesen. Aber die abgewiesenen Erinnerungen und Gefühle, das ist bei Leuten eueres Schlages

wie zurückgeschobener Sand oder Schnee; es häuft, es häuft sich, es wird ein Berg und stürzt

euch bei der ersten Gelegenheit über dem Kopf zusammen.«

»Diese Frau«, murmelte Wolfsberg, »und – dieser Mann!«

Gräfin Dolph verzog den Mund mit unbeschreiblichem Spotte:

»Soll ich alte Jungfer dir sagen, daß die Krone der Liebe nicht wie die von Mazedonien ›dem

Würdigsten‹ bestimmt ist? – Das wäre eine langweilige Welt, in der nur Tugendhelden

Eroberungen machen würden. Ich bitte dich, hör auf dich zu quälen. Ewig zürnen kannst du

nicht, und einen Groll, den man endlich doch fahren lassen muß, soll man je eher je lieber

aufgeben.«

Die Zeit verfloß, die ersten Frühlingstage kamen, der Verkehr zwischen Vater und Tochter

beschränkte sich immer noch auf einen spärlichen Briefwechsel.

Da erschien eines Vormittags Gräfin Dolph im Arbeitszimmer ihres Bruders. Ihr linkes Auge war

zusammengezogen und zwinkerte trüb und matt. Sie hatte ihre März-Rheumatismen, die ganz

besonders bösen, in der Stadt herumkutschiert und kam von einem Abschiedsbesuch bei Wonsheims.

Es ging nicht gut in dem Hause. Auf den dringenden Rat ihrer Ärzte verreisten die zwei

Ehepaare für längere Zeit. Clemens brauchte Zerstreuung um jeden Preis. Der Arme war seit dem

entsetzlichen Unglück, das er verschuldet, als er sinn- und gedankenlos den Ehrgeiz eines

Kindes zum unseligsten Wagnis aufgestachelt, in ernster Gefahr, gemütskrank zu werden.

»Er denkt natürlich nicht daran, Maria vor Augen zu treten, die beiden Frauen aber möchten

unbeschreiblich gern Abschied von ihr nehmen. Geht das, was meinst du?« fragte die Gräfin.

»Ich weiß nicht«, gab er zur Antwort.

»Sie ist etwas unwohl.«

»Wer?«

»Nun, Maria.«

»Hat sie geschrieben?«

»Nicht sie. Lisette, der alte Angstwurm, hat hinter ihrem Rücken einen Brief an Doktor Hofer

ergehen lassen, und der ist sofort nach Wolfsberg abgereist.«

Der Graf saß an seinem Schreibtisch, hielt eine Feder in der Hand und tippte heftig mit der

Spitze auf ein bereits ausgefertigtes Schriftstück: »Was das für Übertreibungen sind!«

»Er hat sich nicht lange aufgehalten, war heute schon bei mir und voll Ingrimm über die

schlechten Verkehrsmittel bei uns zulande.« Sie rückte näher an den Kamin, in dem ein

Holzfeuer brannte. »Drei Patienten haben mit dem Sterben auf ihn gewartet; sobald sie

expediert sind, kommt er zu dir.«

»Er hätte gleich kommen sollen«, versetzte Wolfsberg ungeduldig. »Warum bin ich der letzte,

der von alledem etwas erfährt?«

»Damit du dir nicht unnötige Sorge machst … ganz unnötige! Es ist nichts von Bedeutung.« Die

Hälfte von dem, was der Arzt ihr gesagt, hatte sie vergessen, vergessen wollen, und von der

anderen Hälfte verschwieg sie ihrem Bruder das meiste. Ihre Schmerzen waren fast unleidlich

geworden. »Leb jetzt wohl«, sprach sie, »ich muß anticipando ausruhen, habe Gesellschaft heute

abend, die ganze Menagerie, wie Madame de – de, wie hieß sie nur? sage, nun, die im 18.

Jahrhundert, als Paris noch an der Spitze der Kultur stand und das Kaffeehaus Europas war –

die … ich hab vergessen, wie sie hieß, mein Gedächtnis geht flöten. Auch eines der vielen

Anzeichen des hereinbrechenden Greisentums. – Ja, mein Lieber, halte dich an die Nachkommen,

die Zeitgenossen sterben einem weg. Du kannst über Nacht ein Bruder ohne Schwester sein.«

Sie fand für gut, das zu sagen, wäre jedoch sehr erstaunt gewesen, wenn man ihr geglaubt

hätte.

Als sie fort war, fuhr Wolfsberg ins Ministerium, präsidierte einer Sitzung, empfing Besuche –

alles wie immer. Und dabei hatte er unaufhörlich die Empfindung eines Zusammenpressens der

Kehle. Gegen Abend kam er heim, begann rastlos auf und ab zu wandern in seinem Zimmer und

horchte jedem Glockenzeichen. Eine schwere, alt machende Stunde verschlich. Da endlich wurde

die Tür vor dem Herrn Professor aufgerissen.

Er war ein Mann in den Fünfzigen, kräftig und untersetzt, mit ansehnlicher Glatze, aber noch

dunklen Haaren. Der treuherzige Ausdruck seines schönen, glattrasierten Gesichtes, sein

gerades Wesen gewannen ihm auf den ersten Blick ein Vertrauen, das er durchs Leben hindurch zu

rechtfertigen wußte.

Der Graf ging ihm entgegen und reichte ihm beide Hände: »Lieber Herr Professor, Sie Getreuer –

Sie waren dort – ich danke Ihnen.«

»Nix z’danken«, erwiderte Hofer trocken – er bediente sich manchmal durchaus ernsthaft des

Wiener Dialekts – und seine kleinen braunen Augen fest auf Wolfsberg richtend, fuhr er fort:

»War meine verdammte Schuldigkeit, mich nach ihr umzusehen, wäre – mit Verlaub – auch die

Ihre, Herr Graf. Sie und ich, wir kennen sie gleich lang, und wir könnten es wissen, daß die

Frau einige Aufmerksamkeit verdient.«

Wolfsberg wischte sich die Stirn. »Es hat sich viel verändert, Freund. – Zur Sache! Wie geht

es ihr?« Er lehnte mit dem Rücken am Fenster, der Arzt stand vor ihm.

»Merkwürdige Frage«, sagte er. »Nein, daß auch für Sie die alte Regel paßt: Willst du Genaues

erfahren über deine Allernächsten, so frage nur bei fremden Leuten an. Hm, hm! – Hat zuviel

ausgestanden, die Frau. Wissen Sie was, Herr Graf? Hören Sie jetzt auf zu schmollen, es könnte

Sie sonst reuen«, er klopfte ihm auf den Arm.

»Doktor, Herr Professor … mich reuen … Sie sehen zu schwarz … Ihr einziger Fehler.«

»Ich sehe, was Sie sehen werden. Reisen Sie morgen, machen S’ a bisserl an Ordnung auf Ihrem

Rittergschloß, bleiben Sie aber nicht lang und kommen Sie dann nicht zu bald wieder hin. Auch

Ihre Besuche würden die Kranke …«

»Die Kranke?«

»… aufregen, und jede, selbst die geringste Gemütsbewegung kann von den schlimmsten Folgen für

sie sein. Es ist ja ganz gut, sie so hinduseln zu lassen und zu beschränken auf den Umgang mit

ihrem Kind. Wenn sie recht haushält mit ihren Kräften, wird es vielleicht möglich werden, sie

im Herbst nach dem Süden zu bringen. Aber«, er erhob drohend den Zeigefinger, »das Bewußtsein

muß sie haben, daß ihr niemand etwas nachträgt. Ihr gebührt Bewunderung. Wer die Frau kränkt,

begeht eine Todsünde. Das sage ich Ihnen.«

Eine halbe Stunde später kündigte der Graf seiner Schwester an, daß er mit dem Nachtzuge nach

Wolfsberg abreise, und ließ packen. Das Essen, das ihm in seinem Zimmer serviert wurde, blieb

unberührt. Er schickte einige Zeilen an seine Behörde und warf die Antwort ungelesen auf den

Tisch. In seinem Sessel zurückgelehnt, starrte er vor sich hin. Da, auf dieser Stelle hatte

sie gekniet, den Kopf an seinem Herzen … Plötzlich, unwillkürlich falteten sich seine Hände.

Der Mann, dem der Glaube nur als ein Kappzaum galt für die Menge und als unentbehrlicher Trost

für die Enterbten dieser Erde, betete zu dem Gott der Liebe und des Erbarmens, dessen er in

Jahren nicht gedacht. Erhalte sie mir, schrie er zu ihm empor. Das war alles, was er zu sagen

wußte in seiner Pein – Anfang und Ende seiner Beredsamkeit: Allmächtiger, erhalte sie mir!

Am nächsten Tage traf er in Wolfsberg vor dem Telegramm ein, das ihn ankündigen sollte. Die

Überraschung der Dienerschaft, das Geschrei Lisettens, die eben in den Hof trat, als er

hereinfuhr, belehrten ihn darüber.

»Der Herr Graf! das ist aber etwas!« rief die Alte, tat aufs äußerste verwundert und

beantwortete seine Frage nach Maria mit den hastig gesprochenen Worten: »Bei den Pinien … im

Garten … ich muß nur bitten … ich will sie vorbereiten …«

Er hörte sie nicht an. Während im Schloß und im Beamtenhaus alles durcheinanderrannte und die

feindlichsten Elemente sympathisch zusammentrafen in dem Verdruß über seine Ankunft, schritt

er eilig der großen Baumgruppe am südlichen Ende des Gartens zu. – Wie war alles verwildert!

Die Wege grasüberwuchert, die Wiesen von Unkraut zerfressen, die Gebüsche unbeschnitten; ihre

kahlen, schwachen Stämmchen in die Höhe gewachsen, lauter Lichtungen statt der ehemaligen

schattigen Gänge. Von weitem schon erblickte er seine Tochter. Sie saß auf einer Moosbank

unter den mächtigen Stämmen – durchsichtig blaß, schmal in ihrem schwarzen, eng anliegenden

Kleide – und sah dem Kinde zu, das sich eifrig mit dem Bau einer kleinen Grotte beschäftigte.

Ihr Vater war schon nahe bei ihr, als sie seine Schritte knistern hörte auf dem mit dichten

Schichten abgefallener Nadeln bedeckten Grunde und den Kopf erhob.

»Maria!« rief er aus, und Tränen traten ihm in die Augen.

Sie stand auf, wollte sprechen, auf ihn zueilen, sank aber stumm zurück mit einem unendlich

dankbaren Lächeln.

Er neigte sich zu ihr herab und drückte einen langen Kuß auf ihre Stirn. Sie flüsterte etwas

Unverständliches, ihre Nasenflügel bebten, ihre Lippen waren halb geöffnet, sie zogen die Luft

hörbar atmend ein.

Wolfsberg setzte sich zu ihr. »Hätte ich doch gewußt …« sagte er, »warum nicht ein Wort

schreiben … Wie unrecht.« Von Rührung übermannt, zog er ihre Hände an seinen Mund und küßte

sie und sprach leise: »Niemand liebt dich, wie ich dich liebe, und niemand hat dir so weh

getan.«

Alles war ihm Vorwurf, ihr abgehärmtes Aussehen, ihr verwahrloster Wohnort, das Fremdtun

Erichs, der sein Spiel unterbrochen hatte und ihn ernst und fragend ansah, ohne ihn zu

begrüßen.

Auf einmal blitzte es freudig auf in den Augen des Knäbleins. Er trat an seine Mutter heran.

»Schau dorthin«, sagte er, legte sein Händchen flach an ihre Wange und zwang sie, den Kopf zu

wenden. Die Sonne ging unter; ihre letzten waagerechten Strahlen schimmerten durch die Stämme

der Bäume, das Angesicht des Kindes flammte in ihrem Widerschein; goldene Lichter spielten auf

seinen dunkeln, leicht gelockten Haaren.

Wolfsberg betrachtete ihn mit schmerzlicher Bewunderung. »Nun, was ist mit dir?« begann er.

»Du siehst mich ja gar nicht an. Kennst du mich nicht mehr?«

»O ja – o ja!« gab Erich zur Antwort, senkte den Kopf und wandte seine ganze Aufmerksamkeit

einem Käfer zu, der an einem Grashalm emporzuklimmen suchte.

Auch Maria wagte nicht aufzublicken. Die Erinnerung an den Abscheu, mit dem Gräfin Agathe das

Kind von sich gestoßen hatte, durchzitterte sie, und sie murmelte: »Verzeih ihm, er ist so

scheu geworden in der Einsamkeit.«

»Wir wollen ihn schon zutraulich machen«, sagte ihr Vater und streckte dem Knäblein die Rechte

entgegen. »Schlag ein, kleiner Wolfsberg, schlag ein, mein Enkel. Auf gute Freundschaft!«

Der Graf blieb einige Zeit daheim, und alle, die in seinem Dienste standen, erfuhren, wie

begründet ihr Schrecken über seine Ankunft gewesen war. Er ging streng ins Gericht; seinen

unverschämtesten Ausbeutern, seinen aufgeblasensten Würdenträgern brach der Angstschweiß aus,

als er, ohne die Stimme zu erheben, mit geschlossenen Zähnen zu ihnen sprach: »Weh euch, wenn

ich bei meiner Wiederkehr nicht jedes Versäumnis eingebracht finde, hundertfach.«

Seine Abreise verschob er von Tag zu Tag. Er hatte Erich liebgewonnen; er beschäftigte sich

mehr mit ihm, als er mit Maria getan, da sie noch in so zartem Alter stand. Halbheit war seine

Sache nicht. Er wollte den Enkel, den er anerkannt, von aller Welt anerkannt sehen und ihn für

eine glänzende Zukunft erziehen. Als er jedoch seine ehrgeizigen Pläne vor Maria entwickelte,

traf er auf Widerstand. Sie strebte für Erich das Gegenteil von allem an, was ihrem Vater

wünschenswert erschien; ja, sie forderte von ihm das feierliche Versprechen, daß ihr die

entscheidende Verfügung über ihr Kind bewahrt bleibe im Leben und im Tode.

Zweifelnd und erschrocken sah er sie an, aber eine andere Antwort als »ja« hatte er auf einen

von ihr geäußerten Wunsch nicht mehr.

Ihre unerschütterliche Gelassenheit bewegte ihn in allen Seelentiefen. Es schien ihm die

Gelassenheit einer halb Abgeschiedenen, die nicht mehr wünscht noch hofft. Ihre Mutter, in

ihrem letzten Lebensjahre, hatte in ruhigen Stunden denselben Ausdruck stiller Trostlosigkeit

gehabt. Maria war jetzt das vollkommene Ebenbild der unglücklichen Frau, und Wolfsberg

schauerte manchmal zusammen, wenn sie ihm unerwartet entgegentrat.

Am Abend vor seiner Abreise waren sie aus dem Salon, in dem der Tee genommen worden, in den

anstoßenden Erker getreten. Aus seinen hohen schmalen Fenstern sah man über die Bäume des

Gartens, über das Dorf hinweg auf eine von Trümmern, die aus dem Steinbruch herabgerollt,

teilweise bedeckte Hutweide. Die Dämmerung war eingebrochen, und in ihrem täuschenden Scheine

meinte man einen ungeheuren Friedhof vor sich zu sehen. Wolfsberg blickte lange gedankenvoll

hinaus. Ein letztesmal suchte er Maria zu überreden, ihren düstern Aufenthalt mit dem auf

einem seiner Güter in Tirol oder in Österreich zu vertauschen: »Wo du mir leichter erreichbar

wärest und auch Tante Dolph, der die Reise hierher zu beschwerlich ist, dich besuchen könnte.

Und die anderen, die vielen, die dich lieben. Was mir nur die kleine Fee alles aufgetragen

hat! Sie droht, wenn du ihr durchaus nicht erlaubst zu kommen, es ohne deine Erlaubnis zu

tun.«

»Gib es nicht zu!« rief Maria flehend aus. Eine tiefe Röte spielte auf ihren Wangen. »Ich kann

niemanden sehen, lieber Vater. Laß mich hier vergraben, tot für alle sein, nur so ertrage ich

das Leben.«

Zur Abfahrt Wolfsbergs versammelten sich seine Angestellten mit ihren nicht immer »besseren«

Hälften im Schloßhofe. Auch der Vorsteher der Gemeinde war da. Der Graf hatte derselben einen

Teil ihrer Schulden abgenommen, gegen seine Überzeugung, aber auf Marias Fürbitte. – Er kam

mit ihr und mit Erich die Treppe herab, beantwortete die devoten Kratzfüße und Knickse der

seiner Harrenden mit einer ablehnenden Gebärde, umarmte seine Tochter, küßte und segnete

seinen Enkel und sprang in den Wagen.

Maria blieb regungslos stehen und sah ihm nach. Plötzlich bemerkte sie, daß auch die übrigen

sich nicht vom Flecke gerührt, sondern in untertäniger Haltung erwarteten, von ihr entlassen

zu werden. – Die freche Feindseligkeit hatte sich in eine kriechende verwandelt.

Ein Jahr nach dem Tode Hermanns schrieb Tessin an Maria. Seine Versetzung auf einen höheren,

wieder überseeischen Posten sollte noch im Laufe des Jahres erfolgen; er kam, bevor er ihn

antrat, für einige Zeit in die Heimat zurück. In bewegten, tiefe, unwandelbare Liebe atmenden

Zeilen bat er um die Gunst eines Wiedersehens und knüpfte daran eine Hoffnung, die vielleicht

zu kühn war, um in Erfüllung zu gehen. Doch lebe er von ihr, und auf sie verzichten müssen

wäre sein Untergang.

Maria las mit Schrecken und Grauen. So war die Vergangenheit nicht begraben? So streckte sich

die Hand des Urhebers ihrer unsühnbaren Schuld noch immer nach ihr aus? Die Stunde der

Erniedrigung stieg wieder auf vor ihrem geistigen Auge – unfaßbar, ein höllisches Rätsel … Ihr

Herz stand still, ihre Zähne schlugen zusammen … Mit dem Aufgebot aller ihrer Kraft trat sie

zum Schreibtisch und richtete hastig einige Zeilen an ihren Vater:

»Antworte für mich – du weißt alles … Hilf, rette mich vor diesem Menschen, schütze mich vor

der Gefahr, jemals wieder von ihm zu hören.«

Sie schloß den Brief Tessins in den ihren und schickte damit einen Reitenden, dem sie selbst

die größte Eile auftrug, nach der Post.

In Gedanken begleitete sie ihren Boten. Jetzt konnte er beim Steinbruch sein und jetzt an der

Brücke, und wenn er tüchtig jagte, kam er noch zurecht zur Abfahrt des Postkarrens. – Und der

brauchte dann vier Stunden, bis er zur Eisenbahnstation gelangte. Vier volle Stunden … Wenn

nur die vorüber wären, sie würde leichter atmen.

Jetzt also, dachte sie, ist der Brief auf der Bahn, als die Schloßuhr zehn schlug.

Sie hatte die Leute zur Ruhe geschickt und ging nun rastlos in ihrem Schlafzimmer auf und ab,

bis sie endlich todmüde auf ihr Lager sank, neben dem das kleine Bett Erichs stand. Er schlief

fest und sah gescheit und lieblich aus. Seine Mutter schöpfte Mut und Kraft aus seinem

Anblick, ihre Besorgnisse schienen ihr mit einem Male töricht. Was lag daran, ob die Antwort

auf den Brief, der ihr zugeflogen war wie ein Pfeil aus dem Busche, einen Tag früher oder

später kam? – – Was lag daran? – Sie sprach sich Vernunft zu; sie schalt die Schwäche des

Willens, der nichts vermochte über das Treiben aufgeregter Nerven, über das tolle Pochen des

Herzens. Gegen Morgen fiel sie in leisen, durch wirre Träume gestörten Schlaf und erwachte, in

kalten Schweiß gebadet. Sie stand mühsam auf und schickte Erich mit seiner Wärterin in den

Garten. Zu Mittag kam er wie gewöhnlich zur Unterrichtsstunde in das Erkerzimmer, wo Maria ihn

erwartete.

»Mutter«, rief er, »es ist jemand angekommen, ein Herr, mit den Schimmeln vom Postmeister, und

der eine hinkt.«

Sie war aufgefahren, hatte einen raschen Blick nach der Tür geworfen, als ob sie entfliehen

wollte, und war dann auf ihren Platz zurückgesunken. »Jemand angekommen«, wiederholte sie.

»Weißt du wer?«

Nein, er wußte es nicht.

Aber sie wußte es … Tessin hatte ihre Antwort nicht abgewartet – er war gekommen.

Die Tür, die vom Gang in das Nebenzimmer führte, wurde aufgerissen. Man vernahm Lisettens

kreischenden Ausruf: »Jesus! Herr Jesus!« – »Ich darf niemanden vorlassen«, sprach ein Diener

laut.

»Mutter«, rief Erich, »warum schreien sie so da draußen?« Er breitete seine Arme aus und

stellte sich schützend vor sie hin:

»Fürchte dich nicht!«

Und jetzt polterte sehr aufgeregt Lisette herein: »Nein, denk dir nur … Graf Tessin nennt er

sich, und ich schwöre darauf, es ist derselbe … Aber was ist dir denn?…«

Maria war aufgestanden; ihr Gesicht hatte einen fremden Ausdruck angenommen. Finster und kalt

sah sie den eintretenden Tessin an, der bei ihrem Anblick totenblaß wurde.

Erich stürzte ihm entgegen: »Fort, du, fort, wir wollen dich nicht …« und drohend erhob er die

Faust.

Die Lippen Tessins verzogen sich; er lächelte das Kind an mit einem Gemisch von Verlegenheit

und Spott; er wünschte sich weit weg von hier, er verfluchte seine Ungeduld.

In liebevoll gehegter Erinnerung hatte er Maria immer nur so vor sich gesehen, wie sie war in

der süßesten und siegreichsten Stunde seines Lebens. Er hatte die schönste Frau in Gedanken

tausend- und tausendmal in seinen Armen gehalten. Das wahnsinnige Verlangen nach ihr, das ihn

oft in der Fremde ergriffen, wuchs von Minute zu Minute, seitdem er den Boden der Heimat

betreten hatte. Er zweifelte nicht – sie liebte ihn noch; sie hatte immer nur ihn geliebt; sie

wartete seiner mit ebender Sehnsucht, mit der er ihr entgegengestrebt – –

Und nun war’s erreicht; er stand am Ziel, und was es ihm bot, war eine grausame Enttäuschung,

die zu verbergen ihm die Fassung fehlte. Langsam trat er näher und verbeugte sich stumm.

Maria winkte Lisetten, den Knaben fortzuführen. Er sträubte sich, mußte aber gehorchen. Am

Ausgange noch wandte er sich um und warf einen Blick voll Trotz und Mißtrauen auf Tessin.

21

Maria sah dem Kinde nach. Funken flimmerten vor ihren Augen; ihr war, als ob die Wand, an der

sie lehnte, schwankte; als ob die kleinen runden Scheiben der Erkerfenster wie Kreisel

wirbelten, platzten wie Seifenblasen … Sie biß sich in die Lippen, sie wollte standhaft

bleiben, sie wollte die Herrschaft behaupten über ihre schwindenden Sinne. – Einmal wieder

rief ihr die Erinnerung das alte Zauberwort zurück: Nur ruhig!

»Wie dürfen Sie es wagen?« stieß sie plötzlich hervor. »Was wollen Sie?… Warum haben Sie meine

Antwort nicht abgewartet?«

»Welche Frage …« erwiderte er, betroffen über diesen unerwarteten Empfang. »Aus Ungeduld, aus

Sehnsucht.«

»Nach dem, was Sie hier erwartet?… Oh!«

»Was mich hier erwartet? Sie meinen den Schmerz, Sie leidend zu finden« – und furchtbar

verändert, setzte er in Gedanken hinzu.

Die widersprechendsten Gefühle kämpften in ihm, Mitleid, Groll, Trotz und Wehmut. Ihm schien

jede Gunst erreichbar und jedes Glück – sollte er das seine nun suchen im Besitz einer

verwelkten Frau?… Aber – es war doch sie! sie, die ihm die heftigste Leidenschaft seines

Lebens eingeflößt hatte … Er fühlte von neuem ihren bestrickenden Einfluß und überließ sich

ihm. Das Bewußtsein eines begangenen Frevels an diesem armen Weibe erwachte und zugleich – nur

Lügner behaupten, daß er großmütiger Regungen unfähig sei – der Vorsatz, seine Schuld

wiedergutzumachen.

Noch immer hatte er dagestanden, den Hut in der Hand, und nahm jetzt unaufgefordert Platz,

Maria gegenüber. Allmählich fand er die Züge, die ihm so teuer gewesen, in diesem bleichen

Gesichte wieder. Es trug die Spuren von schweren Seelenqualen, die um ihn erduldet worden …

ein nicht geringes Genüge für seine Eitelkeit. – Tessin sprach einige Worte der Rührung und

des Bedauerns; sich selbst jedoch sagte er: Sie ist jung, sie wird genesen, sie wird wieder

aufblühen in meinen Armen; ich will der Gott sein, unter dessen Hauch ihre Wangen sich von

neuem färben, ihre Lippen lächeln werden, der sie auferweckt und zurückführt zu allen

Daseinswonnen.

Er begann ihr seine unveränderte Liebe zu beteuern; er erzählte von der Kunst, die er

angewendet hatte, um sich immer in Kenntnis von allem zu erhalten, was sie betraf. So wußte er

denn auch von ihrer »hochherzigen Verzichtleistung« und schwur, daß er den Anspruch, der ihm

daraus erwuchs, geltend machen werde.

Mit einer Art stumpfer Ergebung ertrug Maria seine Nähe, seinen unverwandt auf sie gerichteten

Blick. Der ihre blieb so abwesend, so leer, daß sich Tessin eines Zweifels an der leichten

Ausführbarkeit seiner göttlichen Sendung nicht erwehren konnte. In gereiztem, unwillkürlich

herausforderndem Tone schloß er: »Sie haben Ihrem Sohne den Namen genommen, der ihm vor dem

Gesetz zukam; das kann nur in der Absicht geschehen sein, ihm dafür den Namen zu geben, der

ihm in Wahrheit gehört – den meinen.«

Jetzt machte sie eine heftig abwehrende Bewegung: »Ihm Ihren Namen geben und Ihnen dadurch ein

Recht auf das Kind – Ihnen?« Sie beugte sich vor. In ihren Augen hatte sich eine Flamme der

Verachtung entzündet, die ihn traf wie ein glühender Pfeil.

Er zuckte zusammen, er rang nach Fassung und rief dennoch fassungslos aus: »Gräfin … Maria,

Sie haben mich geliebt!«

Sie neigte den Kopf, eine brennende Röte flog über ihre Wangen: »Ich habe geglaubt, Sie zu

lieben, und Sie – sind schlau gewesen, Sie haben es verstanden, einen Brand des

Schuldbewußtseins gegen Sie in meine Seele zu werfen … Dann haben Sie sich einen Spießgesellen

geworben, und mit seiner verräterischen Hilfe sind Sie gekommen und haben mich überrascht,

gemeiner, ehrloser als ein Dieb, und ich habe mich an Sie weggeworfen … Und nachdem das

Unwiderrufliche geschehen, nachdem die Schuld begangen war … eine Schuld, die von den Tränen

der Reue so wenig weggespült werden kann wie der Fels von der Welle, die zu seinen Füßen

brandet … dann ist mir der Mann, neben dem ich bisher hingegangen war wie eine Blinde, teurer

geworden von Tag zu Tag … Er hat mich die Liebe kennengelehrt, die ewig ist; er, in dessen

Seele die reinste Güte und Treue vereinigt waren … Und diese Empfindung in einem Herzen, das

seiner unwürdig geworden … Das seltenste, köstlichste Glück vergeudet – um welchen Preis!« Ein

Schauer des Ekels durchrieselte ihre Glieder.

Im Innersten entrüstet, äußerlich jedoch starr und unbeweglich, hatte Tessin ihr zugehört. Wie

er sie jetzt haßte, die Törin, die sich – um ein geringes zu spät – in ihren Mann verliebt

hatte; wie er sie lächerlich fand mit ihrer Sentimentalität und ihrer krankhaften Reue! Eine

kleine Abkühlung tat not, und so murmelte er denn höhnisch: »Wie müssen Sie mir geflucht

haben.«

»Nur mir … Sie sind ohne Rechtsgefühl; ich hatte es und täuschte dennoch das edelste

Vertrauen, betrog – – um Sie!«

Ihr Blick glitt über ihn hin, und er spürte ihn wie etwas Körperliches, das von ihm

herunterwischte: allen Wert, alles Selbstbewußtsein, alle eingebildete Herrlichkeit … Er

knirschte, er meinte Notwehr üben zu müssen, und dazu war ihm jedes Mittel gut.

»Sie regen sich auf«, sprach er frostig. »Wollen Sie sich töten?«

»Nein, ich will leben, um mein Kind zu erziehen … Ich will es lehren, rechtschaffen sein und

wahr und stark; ein Feind alles dessen, was glänzt und scheint und lügt … Er soll …« ihr

keuchender Atem stockte.

»Sagen Sie es doch kurz heraus«, rief Tessin mit bitterem Lächeln. »Er soll das Gegenteil von

dem werden, wofür Sie mich halten … Glück auf, Gräfin – möge die Erziehung gelingen. Nur rate

ich Ihnen: seien Sie nicht zu rüde – manche Lektion schlägt deshalb nicht an, weil sie in gar

zu schonungsloser Weise gegeben wurde.«

Maria hatte ihr Haupt gesenkt, sah vor sich hin und nickte nur zerstreut zu seinen Worten. –

»Er soll auch –« begann sie, »nie erfahren, daß Sie sein, sein –« es war ihr unmöglich, es

auszusprechen. »Sie bleiben immer für ihn ein Fremder!… Das fordere ich, darüber werde ich

wachen, dabei muß es bleiben, wenn ich nicht mehr da bin, ihn zu beschützen vor Ihrem Einfluß,

Ihrem Beispiel … Ein Fremder. Schwören Sie mir – – oder nein – versprechen Sie mir … Aber

nicht, wie euresgleichen einer Frau etwas verspricht, einer Frau, der gegenüber Ehrlosigkeit

nicht entehrt … Warum? warum? – Vielleicht weil sie euch nicht zur Rechenschaft ziehen kann.«

Sie zitterte und bebte, und es schien, daß er eine gewisse Befriedigung empfand über ihre

maßlose Aufregung. Er war die gelassene, kaltblütige Überlegenheit selbst, er war kräftig und

gesund, seine Nerven waren von Stahl.

»Gräfin«, sagte er in ermahnendem Tone, »Sie wollen etwas von mir und hören nicht auf, mich zu

beleidigen. Ist das klug?«

Maria griff mit beiden Händen an ihre Stirn. »Unklug!« jammerte sie, »ganz töricht und unklug

… Verzeihen Sie mir …« Es klang schrill, wie ein der innersten Natur, dem widerstrebenden

Willen mit übermächtiger Gewalt abgerungener Schrei: »Verzeihen Sie mir und erfüllen Sie meine

Bitte.«

Er tat, als wenn er sich besänne, und sagte nach einer Weile:

»Es soll geschehen.«

Maria fiel rasch ein: »Bei allem, was Ihnen – – aber was ist Ihnen heilig?« setzte sie

entmutigt hinzu.

Jetzt wurde seine Miene ernst und überzeugt: »Die Erinnerung an die Stunde, die Sie aus Ihrem

Leben tilgen möchten und die ich nicht tauschen würde gegen alle Erdengüter. Bei dieser

Erinnerung verspreche ich’s.« Er stand langsam auf. Ein wilder Wunsch, sie an sich zu reißen,

sie noch einmal an seine Brust zu pressen, ergriff ihn.

Da erhob sich auch Maria, und sie standen Aug in Auge.

Später, als er alles, was er je angestrebt, errang, das Glück sich an seine Fersen heftete,

Unternehmen und Gelingen für ihn eins geworden schien, gedachte er manchmal jenes seltsamen,

stummen, kurzen Kampfes zwischen ihm und einer zarten, sterbenden Frau – in dem er unterlegen

war.

Sie hatte nach der Tür gewiesen, und er hatte sich bezähmt und Gehorsam geleistet.

Maria blieb aufrecht … sie mußte aufrecht bleiben. – Wenn sie sich jetzt verriete, sie sich

selbst, welche Torheit wäre das … Nein, sie tut es nicht, sie will nicht, sie ist stark.

Die Tür öffnet sich wieder, Erich kommt hereingelaufen. »Mutter!« ruft er, »der Herr ist schon

fortgefahren.«

»Ja – jawohl – –«

Und jetzt spricht Lisette, die dem Kind gefolgt ist: »Merkwürdig, nein, wie merkwürdig!… Felix

Tessin – den Namen kenn ich nicht, aber den Menschen … Was hat der nur gewollt? Ich möcht

darauf schwören, daß es derselbe ist, der zuletzt beim armen Wolfi war.«

»Es wird so sein –« stammelte Maria unverständlich –, »Bruder und Schwester durch ihn gemordet

–« und sie stürzte leblos zusammen.

Lange Zeit verging, bevor ihr Bewußtsein wiederkehrte. Im jähen Schrecken hatte Lisette an den

Professor, an Wolfsberg, an Wilhelm telegraphieren lassen: »Gräfin erkrankt, gleich kommen.«

Halb sinnlos raufte sie sich die Haare und hörte nicht auf zu schreien: »Sie ist tot, mein

Kind ist tot!« Bei dem ersten Zucken jedoch, das durch den Körper der Ohnmächtigen lief, bei

dem ersten Aufschlagen ihrer Augen machte Lisettens Verzweiflung der unerschütterlichsten

Zuversicht und Hoffnungsfreudigkeit Platz.

Mit Mühe sprach Maria einige Worte: »Laß Wilhelm und Helmi kommen, gleich, hörst du? –

gleich!« Eine erdrückende Angst schien auf ihr zu lasten: sie verlangte nach dem Kinde, und

als man es ihr brachte, erkannte sie es nicht und hielt es für den kleinen Hermann. »Da bist

du«, murmelte sie, »das war ein tiefer Schlaf … Oh, wie habe ich mich nach meinem

Erstgeborenen gesehnt!«

Es wurde Nacht; die Kranke lag regungslos Ein Eiskübel war an ihr Bett gestellt worden;

Lisette und Klara erneuerten abwechselnd die Umschläge auf ihrer Stirn.

»Sie sieht uns nicht, seien Sie sicher, Fräulein«, flüsterte das Kammermädchen. »O Gott, und

ihre Augen! – wie blaue Flammen mit Schleiern davor.«

Auf dem Tische stand eine verdeckte Lampe; der schwache Lichtkreis, den sie an die Decke warf,

fesselte den Blick Marias. In dem bleichen Schimmer bildeten sich flutende Wellen, und ein

weißer Schwan zog über sie hin, und in den Lüften erklang eine liebliche Musik. Die verstummte

plötzlich; ein Stern war vom Himmel gefallen, und der Stern war ein Weib, und entsetzliche

Ungeheuer zerfleischten es … Hunderte von Fratzen, Köpfe ohne Leiber schwebten heran, Augen

ohne Köpfe, die vielen Augen, die sich in die ihren bohrten. Sie fürchtete sich nicht, sie

fand das alles natürlich. Natürlich auch, daß sie auf ihrem Bette lag und zugleich dort oben

stand in dem webenden Schein an der Seite Hermanns. Er deutete auf sie und sagte: Ich seh dein

Herz, es blutet, und es hat einen schwarzen Fleck, einen kleinen, kleinen Fleck, der

verfinstert die Welt.

Draußen heulte der Sturm, umpfiff das Haus, schleuderte Regengüsse gegen die Scheiben der

Fenster, rüttelte an den Angeln, warf sich gegen das Tor, das stöhnend Widerstand leistete.

Lisette sprach: »Das verwünschte Wetter! Es hält dich wach, mein armes Kind!«

»In Dornach ist es still«, versetzte Maria – und nach einer Pause: »Glaubst du? – glaubst du

es, liebe Alte?«

»Was soll ich glauben? was wünschest du, das ich glauben soll?«

»Daß sie mich dort dulden werden in der Gruft?«

»Wie du nur sprichst!«

»Staub bei Staub, aber – wie wunderbar …« Sie machte einen Versuch, sich zu wenden: »Der eine

ist gekommen –«

»Wer denn? ich verstehe dich nicht.«

»Du hast ihn doch selbst gebracht«, erwiderte sie leise mit einem Schatten von Ungeduld, »sein

Vater schickt ihn, er soll mich nach Dornach führen … meinem lieben Dornach –« sie lächelte

glückselig, als sie den Namen nannte –, »zu meinem Hermann … dahin, wo er jetzt ist … Wir

werden liegen, Hand in Hand, hinter den Steinen. Nicht ein Laut wird zu uns dringen, nicht

eine Stimme … nicht einmal die Stimme des Gewissens …«

»Sie phantasiert, und ich sage Ihnen, man muß um den Geistlichen schicken«, flüsterte Klara

Lisetten zu. Von der wurde sie rauh angelassen.

»Ja, just phantasieren wird sie! das fällt ihr ein. – Sie spricht aus dem Schlaf, hat’s von

klein auf getan.«

Maria versank in einen dumpfen Halbschlummer, aus dem sie von Zeit zu Zeit auffuhr, um nach

Wilhelm und Helmi zu rufen. Gegen Morgen wurde sie ruhiger, und so fand sie der herbeigeholte

Bezirksarzt. Als er hörte, daß Professor Hofer stündlich erwartet werde, äußerte er den

Wunsch, mit dem berühmten Arzt zusammenzutreffen, und nahm sich vor, später wiederzukommen.

Seine Meinung über den Zustand der Kranken behielt er für sich; etwas zu verordnen, fand er

überflüssig.

Lisette triumphierte. Gab dieses Benehmen des Doktors ihr recht oder nicht? Wäre er so

fortgegangen, ohne sich auszusprechen, ohne nur ein Rezept aufzuschreiben, wenn er die

geringste Besorgnis hätte?

Sehr gelegen kam ihr in dieser Stunde ein Antworttelegramm aus dem Hause des Professors,

welches meldete, er sei für drei Tage verreist. So hatte sie noch Zeit, ihre Aufforderung zu

widerrufen, und brauchte sich nicht wieder von ihm »die alte Furchtputzen« schelten zu lassen.

Der Optimismus Lisettens besaß eine mitteilende Kraft. Im ganzen Schlosse herrschte

Fröhlichkeit. Der Kastellan setzte die unterbrochenen Singlektionen seines Zeisigs wieder fort

und werkelte ihm unermüdlich das Liedchen vor: »Wenn ich am Morgen früh aufsteh …« Die Männer

traten wieder fest auf, die Frauen schlugen lärmend die Türen zu; alles kehrte ins alte

Geleise zurück.

Maria hatte sich auf das Ruhebett tragen und dieses an das Fenster rücken lassen. Sie war

erschöpft und halb betäubt und glaubte immer den Wagen, der Wilhelm und Helmi brachte,

hereinrollen zu hören.

»Nimm doch Vernunft an«, ermahnte Lisette, »sie können noch nicht da sein, trotz der Relais,

die der Verwalter geschickt hat; außer es wäre ein Wunder geschehen, oder – sie hätten einen

Extrazug genommen.«

Eine dieser Möglichkeiten mußte eingetreten sein, denn gegen Abend waren die Ersehnten da,

begleitet von Doktor Weise. Mit heiteren Mienen liefen ihnen die Diener entgegen und

verkündeten, es gehe besser, es gehe gut.

Lisette kam die Treppe herabgestürzt; sie warf sich beinahe auf die Knie vor dem Ehepaar und

umarmte beinahe den Doktor. »Das vergelte der liebe Gott den Herrschaften, daß Sie sich so

beeilt haben … Jetzt wird sie glücklich sein.« Unablässig zum Vorwärtsschreiten anspornend,

machte sie den Wegweiser über die Treppen und Gänge.

»Sie gehen zuerst«, sprach Wilhelm zum Doktor, »und bestimmen, ob die Gräfin uns sehen darf.«

Er ließ die Einwendungen Lisettens nicht gelten; sie mußte sich bequemen, Weise anzumelden,

der auch sofort vorgelassen wurde, während Wilhelm und Helmi im Nebenzimmer warteten. Er

völlig verstört, sie sorgenvoll, gebeugt, mit blassen Wangen. Die tröstlichen Versicherungen,

mit denen sie empfangen worden, flößten ihnen wenig Vertrauen ein. Sie erbebten, als Lisette

endlich erschien.

»Nur kommen, nur kommen! Sie fragt nach den beiden Herrschaften und nach niemandem sonst«,

rief sie und entfernte sich diskret.

»Nun denn in Gottes Namen«, sagte Wilhelm, und Helmi legte sachte die Hand auf die Klinke. Da

trat ihnen Weise aus der Tür entgegen.

»Nichts zu machen«, flüsterte er tief betrübt, »eine Herzruptur, worunter man sich freilich

nicht vorstellen darf – nun, mit einem Wort: es ist aus.«

Wilhelm taumelte, wie wenn ihn jemand vor die Brust gestoßen hätte.

»Aber – sie lebt noch …«

»Noch, ja, noch«, und Weise schob den Türflügel zurück.

Maria lag gerade ausgestreckt. Das letzte Tageslicht warf seinen bleichen Glanz über ihre von

der erhabenen Majestät des Todes schon verklärten Züge. Umflossen von der goldigen Pracht

ihrer Haare ruhte ihr Haupt in den Kissen, und sie machte eine vergebliche Anstrengung, es zu

heben, als Wilhelm und Helmi eintraten. Diese strich mit zitternden Fingern über die Hand der

Kranken.

»Dank, daß ihr kommt … Dank und eine Bitte –« sprach Maria. »Ihr seht, ich darf nicht leben

für das Kind … ich darf auch nichts abtragen von meiner Schuld …«

»Du hast sie gesühnt, o Gott im Himmel, wie gesühnt!« rief Helmi.

»Gebüßt, nicht gesühnt – das hätt ich nie gekonnt … Schwer ist mit solchem Bewußtsein das

Leben … und schwer der Tod …«

Wilhelm begann leise, dann brach es wie ein Schrei aus seiner Brust: »Nein, nein, du wirst

nicht sterben!«

»Doch – und ihr, gute Eltern, ihr habt um einen Sohn mehr – den meinen … Ja?« Beide

schluchzten: »Ja.«

Helmi bettete den Kopf der Kranken etwas höher, und Marias Blick ruhte auf ihr mit einem

Ausdruck wie aus einer andern Welt.

Und nun ließ sich durch die tiefe Stille das Herannahen eines Wagens vernehmen. Hufschlag und

Peitschenknall erschallten vor dem Tor; es wurde zurückgeschoben in seinen eisernen Schienen,

und dröhnend rollte ein wuchtiges Gefährt herein.

Maria hatte aufgehorcht. »Der Vater … mein armer Vater«, sagte sie. Angst und Sorge malten

sich in ihrem sterbenden Gesichte, ein banges Flehen war in ihrer Stimme: »Wilhelm, Helmi – in

meinem Schreibtisch – ein Brief an euch – enthält mein Testament … das Kind bewahren vor jedem

anderen Einfluß – vor jedem … Schwört mir –«

»Sei ruhig«, sprach Wilhelm, und jetzt klang sein Ton sicher und fest, »wir übernehmen, wir

allein, die Verantwortung für diese Seele.«

»Mein armer Vater!« wiederholte Maria. »Das Glück ist nicht, wo er es sucht. Gut sein ist

Glück, einfach, selbstlos und gut, wie Hermann, wie ihr … Erich soll dereinst in Wolfsberg das

Werk fortsetzen, das ich hier im Geiste meines Hermann begonnen habe … in dem ich unterbrochen

ward … er soll … Wo ist Erich?« fragte sie laut.

Da erscholl ein helles Lachen. »Er kommt, und wer noch?« sprach jemand, die Schwelle

überschreitend – und ins Zimmer flatterte Fee, Erich an der Hand: »Da ist sie, da ist deine

kleine Fee; jetzt wirf sie hinaus, wenn du’s übers Herz bringst.« Sie war an das Ruhebett

herangetreten, prallte plötzlich zurück und stöhnte: »Oh! – Oh!«

Maria sah sie an, ein mattes Lächeln irrte um ihren Mund und begrüßte diese Abgesandte des

Lebens, die da hereingedrungen war, so lieblich, so frisch und rosig mit ihrem Lachen wie

Lerchenschlag.

Von einer feigen Regung ergriffen, wollte Fee entfliehen, aber sie bemeisterte sich, sie

blieb, hob Erich zu seiner Mutter empor, nahm sanft und zärtlich ihren Arm, legte ihn um den

Hals des Kindes und stammelte: »Du hast ihn gerufen.«

»Kleine Fee«, sagte Maria, »leb wohl, liebe kleine Fee.«

Nun war es vorbei mit der Fassung der jungen Frau. Sie warf sich ungestüm an Marias Brust und

brach in einen Sturm von Klagen und Tränen aus. Wilhelm machte die Sterbende frei von ihr, er

wollte Fee hinwegführen; sie riß sich los, sank auf ein Kissen am Ende des Zimmers, wo sie

sich wand in krampfhaften Bemühungen, ihr Schluchzen zu unterdrücken.

Lisette kam, Erich zu holen, und empfing den Dank ihrer Herrin »für lange Treu. – Auch du bist

diesen edlen Menschen empfohlen … sie werden dich nicht trennen von dem Kinde … Hab es nicht

zu lieb … wie du dein großes Kind gehabt hast, arme Alte.«

»Niemanden mehr so lieb«, und sie küßte die teure Hand ihrer einen und einzigen mit heißen,

bebenden Lippen. Jeder Nerv an ihr zuckte; sie hielt es nicht aus, nahm Erich, der, stumm und

bestürzt, kaum zu atmen wagte, und trug ihn fort.

Helmi war niedergekniet: »Maria, Vielgeliebte«, flehte sie leise, »geh nicht unversöhnt aus

dem Leben, erfülle deine Christenpflicht … Bereite dich vor, an das Herz des Allgütigen zu

sinken.«

»Des – Allgütigen?«

»An den du glaubst – –«

»An den ich glaube?…« sehnsüchtig hauchte sie es nach. – »Alles verloren, Helmi – den Glauben

an die Vorsehung … den Glauben selbst an meinen freien Willen … Und doch nur einen Wunsch …«

Ihre letzte Kraft erschöpfte sich in den Worten: »Oh, hätte ich nie ein Unrecht getan!«

Das an Wolfsberg abgesandte Telegramm wurde ihm nach dem Gute Gräfin Dolphs, wo er sich zu

kurzem Besuche eingefunden hatte, nachgeschickt. Dort traf es ihn am späten Abend. Er reiste

sofort ab. Ein Schnellzug brachte ihn auf die erste Station der Lokalbahn, die ihn

weiterbefördern sollte. Da begann die Qual des Wartens von einem Bettelzug zum andern, des

Einherhumpelns hinter einer kriechenden Lokomotive. – Wolfsberg kam in Versuchung,

hinauszuspringen und nebenherzulaufen, um wenigstens das Gefühl zu haben: Es geht vorwärts!…

Dann wieder griff es ihm wie mit eisernen Klammern in die Brust: Warum so eilig? Wonach

hastest du? – Er hatte die Gewißheit, daß ihn ein Leid erwartete, dem er nicht gewachsen war.

Gefoltert von Angst und Ungeduld, kam er mittelst einer elenden Fahrgelegenheit auf der

letzten Post vor Wolfsberg an. Dort konnte ihm nur noch ein abgejagter Reitgaul zur Verfügung

gestellt werden. Auf den schwang er sich, trieb ihn wütend an und ließ an dem unglücklichen

Tier seine zornige Verzweiflung aus.

Es dunkelte, als er im Dorf ankam. Das einförmige Gebimmel des Totenglöckleins schallte ihm

entgegen. Leute standen in Gruppen beisammen, ein ganzer Zug wandelte über den Feldweg dem

Schlosse zu … Noch ein Stockhieb auf die Flanke des erschöpften, keuchenden Pferdes; es griff

aus, fiel, sprang auf und brach im nächsten Augenblick völlig nieder. Der Reiter machte sich

los aus den Bügeln. Ein stechender Schmerz am Fuße hemmte seine Schritte, er schleppte sich

dem Zuge nach. Vier Lichter schwankten an dessen Spitze, und weißliche Rauch-wölkchen

umqualmten sie. Wolfsberg verbiß seinen Schmerz, strebte weiter mit grimmigem Bemühen und

rief: »Halt! halt! Komm einer und helfe mir!«

Seine Stimme blieb ungehört von den ihre Kirchengebete murmelnden Wallern. Am Gartentor waren

die Lampen entzündet worden. Der Geistliche im Ornat, Kirchendiener und Chorknaben mit

Laternen und Weihrauchfässern schritten vorüber in den Hof.

»Wartet! Helft mir!« röchelte Wolfsberg todesbang.

Dieses Mal wurde er gehört. Der Zug hielt, die Leute sahen sich um; sie konnten lange nichts

unterscheiden in der Dunkelheit, bis plötzlich ein Bursche sprach: »Es is der Graf, dort beim

Feldstein steht er, dem is was gschehn.«

Einer flüsterte es dem andern zu – doch mehr tat keiner. Endlich erbarmte sich ein alter,

krüppelhafter Mensch, ging hin und stützte und führte ihn.

Beinahe zugleich mit dem Priester trat Wolfsberg in das Sterbezimmer. Die Zimmer waren weit

geöffnet. Am Himmel schwebte eine finstere Wolke; sie glich einem riesigen Vogel mit weit

ausgespreizten Flügeln. Der von ihr verhüllte Mond warf eine Fülle silbernen Lichtes über eine

Stelle am Horizont. Auf dieser ruhten Marias schon gebrochene Augen. Dort, wo es hell war, wo

der verklärende Schimmer sich breitete – lag Dornach.

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Marie von Ebner-Eschenbach – Nach dem Tode

admin am Jan 26th 2012

Marie von Ebner-Eschenbach

Nach dem Tode

»Still, mein guter Fürst! Sie wissen, ich halte die Liebe für das grausamste von allen Mitteln, welche die zürnende Gottheit erfunden hat, um ihre armen Geschöpfe heimzusuchen. Wäre sie jedoch, wie Sie behaupten, das Schönste, das es auf Erden gibt, dann würde es Ihnen in meiner Gegenwart vollends verboten sein, ein Glück zu preisen, das ich niemals kennengelernt habe.«

Fürst Klemens stieß einen Seufzer aus, der ein minder kaltblütiges Wesen als Gräfin Neumark gewiß gerührt hätte; er blickte zum Plafond empor und gab, aus scheinbarem Gehorsam, dem Gespräch eine andere Wendung: »Was halten Sie von Sonnbergs Bemühungen um Thekla?« fragte er. »Ich bin von dem Ernste seiner Absichten überzeugt. Machen Sie sich darauf gefaßt: dieser Tage – morgen vielleicht – kommt er, wirbt um Ihre Tochter, und im Frühjahr fliegt das junge Paar über alle Berge.«

»Möglich, möglich.«

»Und – Sie?«

»Und ich fahre nach Wildungen.«

»Sie werden sich dort sehr verlassen fühlen!« rief der Fürst triumphierend aus. »Sie werden zum erstenmal die Langeweile, am Ende sogar die Sehnsucht kennenlernen. Sie werden sich sagen, daß Sie eines Wesens bedürfen, das Ihrer bedarf, und« – er richtete sich auf – »die Hand ergreifen, die ich Ihnen, wir wollen nicht fragen wie oft, angeboten habe. Seien Sie aufrichtig –« setzte er hinzu: »Könnten Sie wohl etwas Vernünftigeres tun?«

»Vernünftigeres«, wiederholte die Gräfin langsam »- schwerlich.«

»Nun denn!«

»Nun denn? Sie sprachen vorhin von Liebe, und jetzt sprechen Sie von Raison? Das sind Gegensätze, lieber Freund.«

»Keineswegs! Gegensätze lassen sich nicht verbinden, Liebe und Raison hingegen sehr gut; wir wollen es beweisen – Sie und ich!«

Marianne hob das Haupt und richtete ihre glanzvollen Augen auf ihn; unter diesem Blicke fühlte Klemens seine Zuversicht schwanken; einigermaßen verwirrt und ohne rechten Zusammenhang mit seiner früheren Rede schloß er: »Früh oder spät, auch Ihre Stunde kommt.«

»Beten Sie zu Gott, daß sie ausbleibe!« entgegnete die Gräfin munter. »Wenn eine alte Frau anfängt zu schwärmen, dann geschieht es gewiß zu ihrem Unglück und zu ihrer Schmach, für irgendeinen undankbaren Phaon, irgendeinen flüchtigen Aeneas. Stellen Sie sich vor, wie Ihnen zumute wäre, wenn Sie mich fänden in Verzweiflung wie Sappho oder – wie Dido, im Begriffe, den Scheiterhaufen zu besteigen. Stellen Sie sich das vor!«

»Das kann ich mir nicht vorstellen«, sprach der Fürst.

»Es wäre Ihnen zu gräßlich. Aber Sie können ruhig sein. Keine falschere Behauptung als die, jeder Mensch müsse im Leben wenigstens einmal lieben. Im Gegenteil, die wahre, die furchtbare Liebe gehört zu den größten Seltenheiten, und ihre Helden sind an den Fingern herzuzählen wie überhaupt alle Helden. Mit jener Liebe hingegen, die wir kleinen Leute fähig sind zu


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Marie von Ebner-Eschenbach – Meine Kinderjahre

admin am Jan 26th 2012

Marie von Ebner-Eschenbach

Meine Kinderjahre

Biographische Skizzen

Les souvenirs des vieillards a-t-on

sont une part d’héritage qu’ils doi

vent acquitter de leur vivant.1

G. Lenôtre

Vorwort

Die Geschichte des Erstlingswerkes, die K.E. Franzos vor zwölf Jahren herausgegeben hat,

brachte auch einen Beitrag von mir. Alles, was darin ausgesagt ist, unterschreibe ich heute

noch, einen Irrtum aber muß ich berichtigen. Meine Erinnerungen an die Kinderzeit, meinte ich

damals, sind nicht besonders lebhaft, und erfahre nun, daß sie, um es zu sein, nur geweckt zu

werden brauchten. Es unterblieb zu jener Zeit; denn so alt ich schon war, lag doch noch etwas

wie Zukunft vor mir, und auf sie, nicht zurück zur Vergangenheit, lenkten sich meine Gedanken.

Nun stehe ich am Ziel, der Ring des Lebens schließt, Anfang und Ende berühren sich. Mit einer

Macht des Erinnerns, die nur das hohe Alter kennt, lebt die Kindheit vor mir auf. Aber nicht

wie ein kräftig ausgeführtes Gemälde auf hellem Hintergrund, in einzelnen Bildern nur, die

deutlich und scharf aus dem Dämmer schweben. Die Phantasie übt ihr unbezwingliches

Herrscherrecht und erhellt oder verdüstert, was sie mit ihrem Flügel streift. Sie läßt manches

Wort an mein Ohr klingen, das vielleicht nicht genauso gesprochen wurde, wie ich es jetzt

vernehme; läßt mich Menschen und Begebenheiten in einem Lichte sehen, das ihnen eine an sich

vielleicht zu große, vielleicht zu geringe Bedeutung verleiht. Ihrer über das Kindergemüt,

dessen Entfaltung ich darzustellen suchte, ausgeübten Macht wird dadurch nichts genommen. Das

Schwergewicht liegt auf dem Eindruck, den sie hinterlassen haben, und ihn bestimmt die

Beschaffenheit des Wesens, das ihn empfing. Dieses Wesen ist treu geschildert, buchstäblich

und im Geiste.

Rom, Januar 1905

Unter den Augen der Meinen, unter dem Einfluß ihrer verwöhnenden Liebe sind diese Skizzen

entstanden. Ein Reflex der Teilnahme, die sie erweckten, fiel auf sie, und ich dachte: Ihr

seid etwas.

Jetzt bin ich allein und bin in Rom, und hierher werden sie mir nachgesandt, wenn auch erst im

Negligé der Korrekturbogen, doch schon als »Drucksache« und vorbereitet zur Fahrt in die

Fremde. – Meine Kleinen, ihr kommt mir recht armselig vor mit eurem Geplauder von Puppen und

Ammenmärchen. Mich beschäftigen andere Dinge als eure Geringfügigkeiten. Die Weltgeschichte

spricht zu mir, ich lebe an der Stätte, an der Jahrhunderte hindurch ihr mächtiger Puls

geschlagen hat, und bin da, ein dankbarer Gast, fortwährend zu hohen Festen und großartigen

Schauspielen geladen … Ich kann durch den Steineichenhain auf die Höhe in der Villa Medici

wandeln und die Sonne untergehen sehen hinter dem Janiculus. Majestätisch ist das Tagesgestirn

versunken; in den feurigen Himmel ragt die Kuppel von Sankt Peter, und durch die Lüfte

gleiten, andachtweckend, auf tönenden Schwingen die silbernen Klänge ihrer Glocken … Der graue

Streifen, der links am Horizont emporzusteigen scheint, das ist das Meer, das Tyrrhenische,

das auf seiner ruhelos wogenden Brust die Flotten Roms getragen hat, zur Eroberung

vergänglicher Reiche und unvergänglicher Kunst … Und bei der Tassoeiche kann ich stehen und

ihrem Gestöhn im Winde lauschen. Quercia del Tasso! Der Blitz hat sie getroffen und ihren

Stamm zerspellt, der Sturm hat wild in ihrem Geäste gehaust, aber noch begrünt sich

alljährlich ihr gelichteter Wipfel. Sie strotzte in Kraft, war jung und reich bekleidet, als

der Poet sich todesmatt zu ihr herüberschleppte von Sankt Onofrio, wo er »im Verkehr mit den

heiligen Vätern den Verkehr mit dem Himmel begonnen hatte«. Was galten ihm noch seine höchsten

Erdenwünsche, die Dichterkrönung auf dem Kapitol, die Huld der angebeteten Frau? … Aber der

Mai war nahe, in Duft und in Blüte stand die Welt, und Sehnsucht nach dem herben Glück der

letzten Abschiedsgrüße zog ihn hierher in den Schatten seiner Eiche. Seine sterbenden Augen

haben auf dem Bilde geruht, das vor uns liegt, und der Gedanke verleiht der traumhaften

Schönheit des Anblicks eine wehmütige Verklärung. Ein Hauch ewigen Frühlings weht über den

Geländen der holden Berge, aber der Monte Gennaro besinnt sich, daß Winter ist, und trägt

seine Tiara aus Schnee … Und in der Tiefe liegt die Stadt, die heute noch keine Fabriken hat

mit rauchenden Schlöten und keine berußten Dächer, und selbstleuchtend erscheinen im

Abendlichte ihre schimmernden Mauern. Wie tot liegt sie da, die soviel verbrochen und soviel

erduldet hat. Kein Laut dringt herauf, vernehmbar nur dem inneren Ohr ist ihre feierliche

Sprache des Schweigens.

Mein stilles Fest auf dem Janiculus habe ich gestern begangen und heute auf dem Forum einige

Stunden zugebracht, geleitet von einem liebenswürdigen und gar zuverlässigen Führer, dem

jüngsten Buche meines verehrten Freundes, Professor Hülsen. Doch was sind einige Stunden auf

dem Forum! Nicht mehr als ein eiliges Vorüberwandeln an Stätten, die durch herrliche Taten

geweiht, durch entsetzliche Greuel gebrandmarkt worden. Von der Basilika Julia bin ich zum

Heiligtum der Juturna gewandert, zu Santa Maria Antiqua, zum Atrium Vestae und hinauf zur

Velia, zum schönsten der römischen Triumphbogen. Und dann auf dem Rückweg betrat ich die Sacra

Via und meinte den Boden unter meinen Füßen erzittern zu fühlen und dröhnen zu hören vom

Marsche der Legionen. Eine Riesenschlange, die Reiche erdrückt hat in ihren gewaltigen Ringen,

bewegt sich der Siegeszug zum Kapitol, umbraust vom Zuruf der Menge. Goldene Beutestücke

funkeln, die Ketten der Gefangenen klirren. Sie kommen am Tullianum vorbei, und dort, in seine

»abschreckende Dunkelheit« hinabgeschleudert, verschwinden Heerführer, Fürsten, Könige.

Niemals staut der Zug, unaufhaltsam strebt er vorwärts, dem Triumphwagen nach zur Höhe, auf

der Jupiter in seinem Heiligtume thront …

Noch ganz erfüllt von den Eindrücken, die ich Tag für Tag empfange, hier in diesem großen Rom,

kehre ich in meine Behausung zurück und sollte meine Skizzen vornehmen, auf die

Druckfehlerjagd ausziehen und entgleisten Sätzen auf die Beine helfen. Das wird mir schwer.

Mein Glauben an euer Etwas ist mir entschwunden, ihr armen Blätter. Weil ihr aber eure

papiernen Flügel schon entfaltet habt, so fliegt denn, so gut ihr könnt. Heimwärts, rate ich

euch, dorthin, wo ihr geboren seid und wo immerwache Liebe euch empfängt. Indessen wird Rom

den Purpurmantel seiner Rosen umgetan haben, und bei uns zu Hause werden an Bäumen und

Sträuchern die Knospen schwellen und Schößlinge in Unzahl hervorsprießen. Das ist dann auch

für das grüne Seelchen, dessen Geschichte ihr erzählt, der richtige Augenblick, sich ans Licht

zu wagen.

Meine Schwester Friederike war vierzehn Monate, ich war vierzehn Tage alt, als unsere Mutter

starb. Dennoch hat eine deutliche Vorstellung von ihr uns durch das ganze Dasein begleitet.

Ihr lebensgroßes Bild hing im Schlafzimmer der Stadtwohnung unserer Großmutter. Ein Kniestück,

gemalt von Agricola. Er hat sie in einem idealen Kostüm dargestellt, einem bis zum Ansatz der

Schultern ausgeschnittenen dunkelgrünen Samtgewand mit hellen Schlitzen und langen, weiten

Ärmeln. Der Kopf ist leicht gewendet und etwas geneigt; der Hals, die auf der Brust ruhende

Hand sind von schimmernder Weiße und gar fein und schön geformt. Das liebliche Gesicht atmet

tiefen Frieden; die braunen Augen blicken aufmerksam und klug, und aus ihnen leuchtet das

milde Licht eines Geistes so klar wie tief.

Zu diesem äußeren Ebenbilde stimmten die Schilderungen, die uns von dem Wesen, dem Sein und

Tun unserer Mutter gemacht wurden. So einhellig wie über sie habe ich nie wieder über irgend

jemand urteilen gehört. Wenn die Rede auf sie kam, hatten die verschiedensten Leute nur eine

Meinung. Und gern und oft wurde von ihr geredet. Besonders hoch in Ehren stand ihr Gedächtnis

auf ihrem väterlichen Gute Zdißlawitz, wo der größte Teil ihres Lebens verflossen war.

Ich glaube, daß meine Liebe zu den Bewohnern meiner engsten Heimat ihren Ursprung hat in der

Dankbarkeit für die Anhänglichkeit und Treue, die sie meiner Mutter über das Grab hinaus

bewahrten. Die Diener sprachen von ihr, die Beamten, die Dorfleute, die Arbeiter im Garten.

Ein alter Gehilfe nannte ihren Namen nie, ohne das Mützlein zu ziehen: »Das war eine Frau,

Ihre Mutter! … Gott hab sie selig.« Da wurde mir immer unendlich stolz und sehnsüchtig zumute:

»Ich seh ihr ähnlich, nicht wahr? Geh, sag ja!« – Er zwinkerte mit den Augen und schob die

Unterlippe vor: »Ähnlich? Ähnlich schon, aber ganz anders.« Es sollte sich niemand mit ihr

vergleichen wollen, nicht einmal ihre eigene Tochter. – »Ja«, fuhr er nach einer Pause fort,

»blutige Köpfe hat’s gegeben bei ihrem Begräbnis; geschlagen haben sie sich um die Ehre, ihren

Sarg zu tragen. – Das war eine Frau!«

Man hatte uns die Überzeugung beigebracht, daß sie vom Himmel aus über uns wache und uns als

ein zweiter Schutzengel umschwebe in Stunden der Krankheit oder der Gefahr. Ich vergesse nie,

mit welcher Zuversicht und mit welcher geheimnisvollen Glückseligkeit das Bewußtsein ihrer

Nähe mich oft erfüllte.

In einem Punkte hatte ich dasselbe Schicksal erfahren wie sie. Auch ihr Leben war um den Preis

des Lebens ihrer Mutter erkauft worden, und auch ihr war die auserlesene Schicksalsgunst

zuteil geworden, für den schwersten Verlust den denkbar besten Ersatz zu finden – die

liebreichste und gütigste Stiefmutter. Die ihre, unsere vortreffliche Großmutter Vockel,

erreichte, unserer Kindheit zum Heile, vorgerückte Jahre. Sie blieb bei uns nach dem Tode

ihrer Tochter; sie verließ uns auch dann nicht, als unser Vater sich wieder verheiratete.

In Wien bezog sie eine Wohnung im ersten Stock seines Hauses, dem sogenannten »Drei-Raben-

Haus«, auf dem damals sogenannten »Haarmarkt«. Wir bewohnten den zweiten Stock. Im Sommer

lebte sie mit uns auf dem Lande.

Sie war klein und mager und hatte einen für ihre zarte Gestalt etwas zu großen Kopf. Ihr

Gesicht blieb noch im Alter schön. Ein edel und kräftig gebautes Gesicht. Die Stirn von

klassischer Bildung, die Nase schlank und leicht gebogen, mit feinen, beweglichen Flügeln. Der

Mund schmal und gerade, die Lippen fest geschlossen – so charakteristisch für die vereinsamte,

stolze, schweigsame Frau. Ihre großen, tiefdunkeln Augen hatten einen schwermütigen Ausdruck.

Ich habe ihn manchmal sich wandeln gesehen in einen schmerzlich-geringschätzigen; zu einem

verachtungsvollen, verdammenden wurde er nie. Sie wunderte sich nicht leicht über ein Unrecht,

das sie begehen sah; durch eine hochherzige Handlung, deren Zeugin sie war oder von der sie

hörte, konnte sie so freudig überrascht werden wie durch ein unerwartetes selbsterlebtes

Glück. Ein solches, ein eigenes, war ihr gleichsam nur im Vorübergehen zuteil geworden. Unser

Großvater und sie hatten geheiratet aus Liebe – nicht zueinander, sondern zu einem Kinde, zu

seinem Kinde. Und in dieser Liebe erst hatten sie sich gefunden, und ihr anfangs

geschwisterliches Verhältnis reifte langsam zu einem schönen ehelichen heran.

Der Tod löste den Bund und nahm auch bald darauf der Verwitweten die einzige vielgeliebte

Tochter. Diese hatte in ihrem Testamente ihren Gatten zum Herrn auf Zdißlawitz eingesetzt. So

war nun unsere Großmutter ein Gast geworden in ihrem ehemaligen Haus und Heim. Sie beschied

sich. Sie wünschte nichts mehr, als nur in der Nähe der Kinder ihres Kindes leben zu dürfen.

In der kleinen Erzählung Die erste Beichte habe ich eine Skizze von der herrlichen Frau

entworfen. Die eigentümliche Art ist erwähnt, in der sie, die kaum je eine Besorgnis,

geschweige denn eine Klage aussprach, Klagen aufnahm. »Alles geht vorüber, alles wird gut«,

sagte sie halblaut vor sich hin. Und wenn es in ihrer Macht lag, das Üble und Traurige

gutzumachen, dann wurde es gut.

Ausgesprochen hat sie es nicht, im stillen soll sie aber sehr gelitten haben, als unser Vater

sich wieder vermählte und an die Stelle unserer Mutter eine jüngere und schönere Frau trat,

»Maman Eugénie«, eine geborene Freiin von Bartenstein. Das erste Kind, das sie zur Welt

brachte, war ein Knabe und das zweite wieder ein Knabe, während die Verstorbene ihrem Gatten

nur Töchter geboren hatte. Nun würden wir nichts mehr gelten, besorgte die Großmutter.

Zurückgesetzt würden wir werden und zu fühlen bekommen, daß es eigentlich uns, den Älteren,

zugestanden hätte, männlichen Geschlechts zu sein.

Die Besorgnisse der lieben alten Frau erwiesen sich als ganz ungerechtfertigt. Unsere junge

Mama schloß uns ebenso innig ins Herz wie ihre eigenen Kinder, die kleinen Brüder und das

holde Schwesterlein, das ihnen nachfolgte. Wir ließen es uns sehr wohl sein unter der milden

mütterlichen und großmütterlichen Herrschaft, und unser Übermut wäre allmählich stark ins

Kraut geschossen, wenn ihn die Hand der temperamentvollen Kinderfrau nicht niedergehalten

hätte.

Sei gesegnet noch in deinem Grabe, in dem du seit so langen Jahren ruhst, du brave Josefa

Navratil, genannt Pepinka! Du hast dir ein unschätzbares Verdienst um uns erworben. Du hast

uns zu einer Zeit, in der die weisesten Vorstellungen keinen Weg zu unserem Verständnis

gefunden hätten, durch eine rechtzeitig angebrachte demonstratio directa bewiesen, daß der

Schuld unerbittlich die Strafe folgt. Gewiß trifft das auch im Leben ein, aber oft so spät und

in so verhüllter Weise, daß menschliche Augen den Zusammenhang nicht mehr entdecken. In

unserer Kinderstube ging die Sache rasch und einfach vor sich. Wenn eine Tür heftig zugeworfen

wurde, wenn es beim Spiel allzu lautes Geschrei oder arge Streitigkeiten gab, kam Pepi daher

auf ihren großen, weichen Schuhen und hielt Gericht. Ohne erst zu fragen, wer der Schuldigste

sei, teilte sie – darin ein ganz getreues Bild des Schicksals – ihre Schläge aus. Wir nahmen

sie ohne Widerspruch in Empfang und liebten unsere Pflegerin und Richterin. Wir fürchteten sie

nicht einmal sehr, so laut sie manchmal auch zankte und so zornig sie uns anfunkeln konnte mit

ihren feurigen schwarzen Augen.

Hatte eine erziehliche Maßregel unserer Schicksalsgöttin sehr hart getroffen, dann ging man zu

Anischa, meiner ehemaligen Amme, und weinte sich bei ihr aus. Sie war der lichte Stern unserer

Kinderstube und immer freundlich und gut. Auch bildhübsch war sie und lieblich anzusehen in

ihrer heiteren hannakischen2 Tracht. Sie verwandte viel Sorgfalt auf ihr Äußeres, sie schlang

das bunte Tuch mit den langen Fransen kunstvoll um ihren Kopf, trug immer nur schimmernd weiße

Halskrausen, seidene, mit Flittern benähte Leibchen und tadellos gesteifte und geplättete

Röcke.

Pepinka brummte sie manchmal an: »Was putzen Sie sich so auf? Er kommt heute doch nicht.«

Die arme Anischa wurde jedesmal feuerrot und antwortete leise und demütig: »Heute nicht und

morgen nicht.«

Er kam auch nicht. Hingegen erschien alljährlich im Herbste eine ältliche Frau, die wir, dem

Beispiel Anischas folgend, »pani kmotrenka3« nannten, in Zdißlawitz. Ein derber Junge in

schmucker hannakischer Tracht begleitete sie. Er stand im selben Alter wie ich, und Pepi

sagte, daß er eine Art Bruder von mir sei. So erwiesen wir ihm denn alle geschwisterlichen

Ehren, fütterten ihn, beschenkten ihn, luden ihn ein, an unseren Spielen teilzunehmen. Er aß,

was man ihm auftischte, er nahm, was man ihm anbot, aber er dankte nicht, er lächelte nicht;

er verhielt sich uns gegenüber trotzig wie ein Bock. Leichten Herzens sagten wir ihm Lebewohl,

wenn er sich wieder empfahl. Anischa begleitete ihren Besuch zum Wägelchen, das ihn vor dem

Dorfwirtshaus erwartete. Sie hatte rote Augen, wenn sie zurückkam, war aber nicht mehr so

bedrückt und befangen wie tagsüber während der Anwesenheit des wortkargen Bäuerleins.

Ein anderes Ereignis wiederholte sich gleichfalls alljährlich, dieses aber im Frühjahr und

fast unmittelbar nach der Ankunft auf dem Lande. Da war es gewöhnlich unsere Großmutter, die

eines Morgens eintrat und sagte: »Pepi, der Bader ist da«, worauf Pepi ihrem Schranke ein Pack

Wäsche entnahm und das Zimmer verließ. An einem solchen Tage sahen wir sie nicht mehr; sie kam

erst am folgenden wieder, hatte einen verbundenen Arm und speiste uns mit einer ausweichenden

Antwort ab, wenn wir fragten, wo sie gestern gewesen sei und warum sie einen Verband trage.

Einmal aber schlichen Adolf, der ältere der Brüder, und ich ihr nach bis zum ersten Absatz der

Treppe, und von dort aus sahen wir sie in eines der sonst immer verschlossenen ebenerdigen

Zimmer treten.

Wir schlichen weiter bis zum nächsten Absatz und bis zum dritten und endlich bis zur Tür,

hinter der Pepi verschwunden war. Drinnen im Zimmer wurden Sessel gerückt, es wurde Wasser in

Gläser und in Lavoirs geschüttet, und eine fremde Männerstimme sprach höhnisch: »Fürchten S’

Ihnen? Recht haben S’. Warten S’ nur, was Ihnen heut geschieht!«

Du lieber Gott, was ging da vor? Von Angst und von Helfedrang ergriffen, warfen wir uns gegen

die Tür. Sie war verschlossen. Wir schrien und klopften und hörten Papa klagen: »Jesses, die

Kinder!«

»Ruh geben! Draußen bleiben!« wetterte die Männerstimme.

In starrem Entsetzen schwiegen wir eine Weile. Endlich wurde die Tür von innen aufgesperrt,

geöffnet, und heraustrat das Stubenmädchen und hielt in der Hand eine große Schale voll Blut.

Nun überstieg unsere Bestürzung alle Grenzen. Blut! Blut! Soviel Blut! Von wem das viele Blut?

»Von der Pepi«, antwortete das unbegreifliche Mädchen ganz gleichgültig. »Der Doktor hat ihr

zur Ader gelassen. Und jetzt seien Sie still, sonst wird der Doktor auch Ihnen zur Ader

lassen.«

»Zur Ader gelassen! Was ist das? Wie ist das? Muß man sterben, wenn man zur Ader gelassen

bekommt?«

Sie lachte und riet uns, gleich hinaufzugehen, wenn wir nicht noch gestraft werden wollten für

unsere Neugier.

Die Neugier blieb vorläufig ungestillt, aber unsere Seelenruhe wurde uns zurückgegeben, denn

drinnen in der Stube erhob die Stimme Pepinkas sich in alter Kraft und befahl den

»verdunnerten Kindern«, sogleich zur Anischa zu gehen.

Wir gehorchten und hatten dann noch einen sehr guten Tag fast uneingeschränkter Freiheit, und

am Abend erzählte uns Anischa, viel länger als ihr sonst erlaubt wurde, schöne, wundervolle

Märchen.

O welch ein Erzählertalent war unsere Anischa! Wie verstand sie zu schildern, zu spannen, ihre

Phantasiegebilde klar und lebendig hinzustellen, sie aufsteigen, vorüberschweben, entschwinden

zu lassen! Jammervoll nüchtern erscheint mir die Kinderstube, aus der die Märchenerzählerin

»grundsätzlich« verbannt ist. Wir haben das Glück genossen, uns nach Herzenslust in einer

Wunderwelt ergehen zu dürfen, sowohl als kleine wie später als größere Kinder. Es war uns ein

stolzes Vergnügen, eine Menge zu hören und zu sehen, was andere nicht hörten und nicht sahen:

im Gurgeln des Brunnens am Ende des Gemüsegartens die Stimme des Wassermanns; im Glanz, der im

Hochsommer über die Ähren fliegt, huschende Lichtgeister, und Elfchen im Laube, wenn es leise

zu rascheln beginnt. Diese Elfchen, wußte Anischa, sind zu Mittag nicht größer als Libellen.

Aber sie wachsen sehr, sehr geschwind, und um Mitternacht sind ihre Flügel wie Adlerflügel,

und das Laub stöhnt, wenn sie mit Windeseile hindurchfegen.

»Ja, gewiß! ja, es stöhnt!« Wir alle behaupteten es. Jedes von uns wollte einmal um

Mitternacht wach gewesen sein und das Stöhnen vernommen haben. Nur unsere Sophie, die nicht;

die wußte noch nichts von Wassermännern, Irrwischen und Elfen. Sie schlief schon lang, diese

Kleine, zur Stunde des Märchenerzählens, und Anischa saß neben ihrem Bettchen, und wir saßen

auf Schemeln zu ihren Füßen.

Ganz anders arg und grausig als das Stöhnen des Laubes beim Wehen leiser Lüfte waren die

schrillen Schmerzenslaute, die sich erhoben, wenn ein heftiger Sturm die Ecke des Hauses, die

wir bewohnten, umrauschte. Es brach aus ihm wie Schluchzen, flüsterte wie hastiges Flehen,

glitt über die Fensterscheiben mit tastenden Fingern …

»Hört ihr?« fragte dann eines von uns die andern, »das ist Melusine, die ihre Kinder sucht,

nach ihnen ruft, um ihre Kinder jammert und weint.« Melusine … Grad ist sie vorbeigeflogen;

meine Schwester hat ihren weißen Schleier erblickt und sagt ganz leise: »Lösche das Licht,

Anischa, daß sie uns nicht sieht; sie glaubt vielleicht, wir sind ihre Kinder, und holt uns.«

Ein Märchen gab’s, das erzählte Anischa nur mir allein, weil ich so couragiert war. Meine

Schwester, die kleinen Brüder durften nichts hören von der »zlá hlava«; sie hätten lang nicht

einschlafen können und schwere Träume gehabt.

Diese »hlava«, das war ein Kopf, nichts weiter als ein Kopf, ohne alles Zubehör. Er hatte

struppige Haare und einen struppigen, feuerroten Bart, Teufelsaugen und Ohren so groß, daß er

sie als Flügel gebrauchen konnte. Aber nicht lange, weil er sehr schwer war und bald wieder zu

Boden plumpste. Der Kopf war ein König und hatte ein Heer, und im Kriege rollte er ihm voran,

eine fürchterliche Kugel, und biß den Menschen und den Pferden in die Füße, daß sie

reihenweise tot hinfielen. Er hatte auch eine Königin, die neben ihm schlafen mußte auf

demselben Polster und vor Schrecken über seinen Anblick ganz weiß wurde, immer weißer und

endlich selbst ein Gespenst.

Greuliche Untaten beging die »hlava«, und eine ihrer schlimmsten war, daß sie der Großmutter

Anischas, als diese einmal des Nachts von einem Botengang heimkehrte, auf der Hutweide

nachgerollt kam … Die Großmutter hörte sie pusten, knirschen und schnauben und rannte! rannte!

Bis zu ihrem Hause rannte sie; dort aber stürzte sie zusammen und wußte nichts mehr von sich,

eine Stunde lang – o länger als eine Stunde! Am nächsten Tag ging der Großvater und mit ihm

das halbe Dorf auf die Hutweide, und an der Stelle, wo die Großmutter das Scheuel zuerst

pusten, knirschen und schnauben gehört, lag ein großer, runder, weißer Stein, den – man schwor

darauf – noch niemand da gesehen hatte. Nur der Hirtenbub behauptete steif und fest, daß der

Stein von jeher da gewesen sei. Aber der Hirtenbub war dumm und ein halber Trottel. Der Stein

wurde eingegraben, und heute noch machen die Leute einen Umweg, wenn sie an dem Platz, wo er

liegt, vorüberkommen.

Ich nahm natürlich Partei gegen den Hirtenbuben. Ich wäre am liebsten gleich nach Trawnik, wo

Anischa zu Hause war, gefahren, hätte die Hutweide besucht und den gespenstischen Stein

ausgegraben. Und je entsetzter Anischa sich stellte über meine Tollkühnheit, desto mehr fühlte

ich sie wachsen und verstieg mich zu den Versicherungen: »Ach, ich möchte, ich möchte, daß die

hlava einmal mir nachgerollt käme! Ich würde nicht davonlaufen, o nein! o nein! Ich würde

stehenbleiben – ich! Ich würde mich umsehen und der hlava dreimal nacheinander recht ins

Gesicht das heilige Zeichen des Kreuzes machen. Da wäre sie gleich weg. O ich fürchte mich

nicht – ich weiß nicht, wie das ist, sich fürchten; ich hab eine große Courage!«

Es war viel Geflunker bei dieser Behauptung. Ich wußte sehr gut, was Furcht sei, denn in der

Furcht vor dem Papa waren meine Schwester und ich aufgewachsen. Man hatte sie uns in der

Kinderstube eingeflößt durch eine Drohung, die sich nie erfüllte, stets aber wirksam blieb:

»Wartet nur, ich sag’s dem Papa, und dann werdet ihr sehen!«

Was wir sehen würden, blieb in ein Dunkel gehüllt, das unsere Phantasie mit Schrecknissen

bevölkerte. Kein Wunder. Den Zorn unseres Vaters zu erfahren wäre entsetzlich gewesen. Nicht

nur kleinen, auch erwachsenen Leuten leuchtete das ein. So liebenswürdig Papa in guten Stunden

sein konnte, so furchtbar in seinem unbegreiflich leicht gereizten Zorn. Da wurden seine

blauen Augen starr und hatten den harten Glanz des Stahls, seine kraftvolle Stimme erhob sich

dräuend – und vor diesen Augen, dieser Stimme hätten wir in den Boden versinken mögen, wenn

wir uns auch nicht der geringsten Schuld bewußt waren.

Zum Schaden unseres Verhältnisses zu ihm ließ sich Papa in gereizter Stimmung manchmal zu dem

unglückseligen Ausspruch hinreißen: »Nicht geliebt will ich sein, sondern gefürchtet!« Wie

sehr er sich damit täuschte, lernten wir später einsehen; als Kinder nahmen wir die Sache als

ausgemacht an und taten ihm den Willen, weit über seine eigene Erwartung. Wir zwei Schwestern

zitterten und bebten vor ihm; die Brüder waren in seiner Nähe viel unbefangener, obwohl Pepi

mit ihrer Drohung, sie der Strenge Papas zu überliefern, gegen sie besonders freigebig war.

Ich erinnere mich eines Tages, an dem meine Schwester das Mißgeschick erfuhr, beim Spielen mit

dem Balle eine Fensterscheibe einzuschlagen. Nun war uns die peinlichste Sorgfalt für alles

Zerbrechliche, das uns umgab, zum Gesetz gemacht worden, und die arme Kleine, die sich so

schwer daran vergangen hatte, geriet in sinnlose Verzweiflung.

»Der Papa! Der Papa!« rief sie in Todesangst, kniete auf den Boden nieder, rang die Händchen,

faltete sie und schluchzte herzzerreißend.

Wir umstanden sie betroffen und ratlos. Großmama, die neben uns wohnte, war auf Fritzis

Geschrei herbeigeeilt, und sie und Pepinka sprachen der Armen Trost zu und bemühten sich, sie

zu beruhigen. Ganz umsonst. Sie war schon blau im Gesichte, stoßweise rang sich der Atem aus

ihrer Brust, in Bächen rannen die Tränen über ihre Wangen.

Großmama, sehr besorgt, tauschte leise einige Worte mit Pepi. Dann, nach einem neuen,

vergeblichen Versuch, ihre kummervolle Enkelin zu beschwichtigen, verließ sie das Zimmer. Bald

darauf betrat sie es wieder, und wer kam hinter ihr hergeschritten? Der unbewußte Urheber all

dieses Leids und Schreckens – der Papa.

Lautlose Stille empfing ihn. Fritzi verstummte. Keines von uns regte sich. Der Blick des

Vaters glitt über die Gruppe seiner bestürzten, angsterfüllten Kinder und blieb auf der

kleinen Knienden haften. Sie war wie versteinert. Ihre prachtvollen braunen Augen starrten

weitgeöffnet zum Vater empor; nur die Lippen des schmerzverzogenen Mundes zuckten. Und jetzt

ließ sich eine überaus sanfte Stimme schmeichelnd, ja bittend vernehmen: »Fritzi, meine

Fritzi, weine nicht! Meine Fritzi soll nicht weinen, meine Fritzi ist ja brav. Ich hab ja

meine Fritzi lieb!« Und auf einmal sahen wir unsere Älteste hoch über uns erhoben in den Armen

Papas und hörten sie wieder schluchzen, aber bei weitem nicht mehr so heftig wie früher.

Der Papa lachte: »Dummheit! Dummheit! Die Fritzi hat ein Fenster zerschlagen; das macht

nichts. Der Papa ist ja gar nicht bös – der Papa … Schau her, Fritzi, schau, was der Papa

tut!«

Er ließ sich ihren Ball reichen und schleuderte ihn durch das nächste Doppelfenster, dessen

beide Scheiben er, wie aus der Pistole geschossen, durchflog. Eine Sekunde schweigender

Überraschung, und dann lag an die Schulter des Papas geschmiegt Fritzis selig lächelndes

Gesichtchen. Sie weinte noch, aber Tränen heller Freude und Dankbarkeit. Und Papa tanzte mit

seinem Töchterchen in den Armen im Zimmer herum, und wir jauchzten und jubelten ihm zu.

Ich indessen, gelehrig wie ich nun einmal war, machte mir eine Nutzanwendung aus dieser

Begebenheit.

Unser Frühstück bestand aus Milch und aus Königskerzentee, von uns Himmelbrandtee genannt. Die

Blüten, aus denen er bereitet wurde, sammelten wir auf unsern Spaziergängen selbst und fanden

das Getränk köstlich. Leider wurde uns der Genuß dieser Delikatesse sehr vergällt durch den

Anblick der Kannen, in denen man sie auftrug. Sie gehörten zu den Überbleibseln eines Vieux-

Saxe-Käferservices, das heute ein Vermögen wert wäre. Damals hatte der Fluch des Veralteten

sie getroffen. Auf der »herrschaftlichen Tafel« prangte modernes englisches Steingutgeschirr;

die Tische der Dienerschaft und der Kinder besetzte man mit beschädigtem Vieux-Saxe. Ich fand

das unwürdig, ich fand, daß auch wir etwas Modernes haben sollten, ich feindete besonders

unsere Teekanne an mit ihrem defekten Schnabel und ihren grauslichen fliegenden Käfern. Der

Moment schien mir, nach der Erfahrung, die wir gestern gemacht hatten, äußerst günstig, um ihr

den Untergang zu bereiten.

So wartete ich nur, bis unsere Tassen alle gefüllt waren; dann holte ich aus … Ein Schlag –

die alte Kanne wankte, stürzte, und die Käfer taten ihren letzten Flug – auf den Boden.

Nun aber gestalteten sich die Folgen ganz anders, als ich es mir ausgedacht hatte. Meine

Erwartung, daß Papa geholt werden und daß er sofort auch die Milchkanne zerschlagen würde,

erlitt eine bittere Enttäuschung. Es kam unserer Pepinka dieses Mal nicht in den Sinn, eine

höhere Instanz anzurufen. Sie wählte zur Bestrafung meines Angriffs auf die Sicherheit des

Porzellans – das standrechtliche Verfahren.

Den ersten Unterricht im Lesen und Schreiben erteilte uns Herr Volteneck, der Verwalter von

Zdißlawitz. Er hatte eine rundliche Gestalt und einen an den Schläfen eingedrückten,

länglichen Kopf und nahm sich von weitem aus wie ein Zylinder mit einer kleinen Gurke darauf.

Seine Leibfarben waren Braun und Gelb, braun die klugen, sanften Augen, das schlichte

Perückchen, die Umgebung der unaufhörlich nach Schnupftabak verlangenden Nase und die

Fingerspitzen, die ihr den aromatischen Staub zuführten. Gelb waren die kleinen Hände und das

kleine Gesicht.

Die Seelenfarbe dieses Mannes aber kann nur das zarteste Apfelblütenrosa gewesen sein.

Schon unter meinem Großvater hatte er die Stelle der amtierenden Gerichtsperson auf dem Gute

redlich und ehrenhaft versehen und genoß allgemeine Hochachtung. Dabei war er das Stichblatt

schlechter Witze, die besonders unter den Schloßleuten unkrautmäßig wucherten. Er hatte eine

eigene Manier, von Zeit zu Zeit seinen Rock an der Brust mit beiden Händen zu fassen und gegen

den Nacken hinzuschieben. Die Gewohnheit, behauptete man, ist ihm vom Kuttentragen geblieben,

denn die Kutte hat er getragen, er ist ein entlaufener Kapuziner.

Und nun hätte er seinen ganzen Lebensgang wahrheitsgetreu darstellen, hätte urkundlich

nachweisen können, daß er nie einen Tag im Kloster zugebracht, geistliche Kleidung nie

getragen hatte – alles umsonst! Sie wären nicht zu erschüttern gewesen in ihrer Überzeugung;

er ist und bleibt ein davongelaufener Kapuziner.

Zum Unglück hatte der reizlose, ältliche Mann den Mut gehabt, eine hübsche junge Frau

heimzuführen, die nicht gerade pedantisch gewesen sein soll im Festhalten an der ehelichen

Treue. Darüber wurde oft gespöttelt, in verhüllter Weise sogar in seiner Gegenwart. Wir wußten

natürlich nicht, um was es sich handelte; aber wir sahen, daß er ausgelacht wurde, und unsere

Empörung darüber war groß, denn wir liebten diesen guten, alten Menschen und langmütigen

Lehrer. Wir liebten ihn schon um seiner herrlichen Schrift willen. Da war keine, von der

einfachen Kurrent bis zur Kyriliza, die er nicht hingemalt hätte in unsere Zensurenbüchlein,

leicht und schwungvoll, daß die Feder hinschwebte in kleinen und großen Linien, Kreisen und

Ovalen, wie durstige Schwalben spielend über dem Wasser schweben.

Im Zensurenbüchlein meiner Schwester wimmelte es von »ausgezeichnet«; ich brachte es selten zu

einem »sehr gut«, und auch dieses war meist ganz mager hingehaucht, gleichsam der Schatten

eines »sehr gut«. Dabei ging es vollkommen gerecht zu. Meine Schwester konnte schon geläufig

lesen, während ich noch die Kunst des Buchstabierens nicht völlig innehatte.

Papa pflegte sich selten und auch dann nur oberflächlich nach dem Fortgang unserer Studien zu

erkundigen. Ein kurzes: »Brav sein!« war alles, was er mir sagte, wenn er auf seine Frage

»Sind sie fleißig?« die Antwort erhalten hatte: »Fritzi sehr, und Marie wird es auch werden.«

Einmal aber, wie es bei ihm meist geschah, machte etwas, das er oft übersehen und überhört

hatte, ganz plötzlich Eindruck auf ihn.

»Werden? Oho, erst werden?« wiederholte er das letzte Wort, das Mama gesprochen hatte, wandte

den Kopf und sah mich an.

Es war bei Tische. Obenan saß unsere liebe Mama, unsere Großmutter zu ihrer Rechten, unser

Vater zu ihrer Linken. Dann war ein langer Zwischenraum an dem großen ovalen Tische, und dann

kamen wir zwei, meine Schwester und ich.

»Kann sie vielleicht noch nicht lesen? Hat im Frühjahr angefangen, lernt jetzt schon den

ganzen Sommer und kann noch nicht lesen?« setzte Papa sein Verhör fort, und ein Strafgericht

drohte aus seiner Stimme.

Eine Verhandlung zwischen ihm und Mama folgte. Unsere Großmutter schwieg; sie mischte sich nie

in eine Beratung der Eltern, die uns betraf.

Es ist mir später klargeworden, daß Papa die »Methode« des Herrn Verwalters angezweifelt und

den Besitz einer besseren – sich selbst zugeschrieben hat. Zu meinem Entsetzen, zur – ich

bemerkte es wohl! – stillen Unzufriedenheit Großmamas befahl er mir, morgen früh zu ihm zu

kommen. »Allein«, schloß er nachdrücklich.

Das war ein Wort!

Wir betraten immer nur in corpore die Zimmer Papas zum Guten-Morgen- und zum Gute-Nacht-Sagen.

Damals war nur ein Flügel an das Schloß angebaut; in dem befand sich unsere Wohnung. Die Papas

lag am andern Ende der langgestreckten Front. Ihre Zimmer mündeten auf einen geschlossenen

Gang, den wir täglich zweimal durchwanderten. Seine Fenster sahen auf den Hof; der Blumenhof

hieß er, und er verdiente seinen Namen, denn er war von Blumengruppen und von hohen, mit

blühenden Topfpflanzen besetzten Gestellen umschlossen. Aus dem Hofe führte ein breites Tor,

das immer weit geöffnet blieb, in eine tiefschattige, von vier Reihen herrlicher Lindenbäume

gebildete Allee. Als ich ein Kind war, da strotzte noch ihr Gezweige von Saft, da waren ihre

Blätter hellgrün und weich wie Samt und ihre Blüten voll süßen Duftes. Damals prangten sie in

ihrer Vollkraft. Aber Höhe ist Wende. Heute wehren ihre Wipfel den Sonnenschein nicht mehr

völlig ab. Er dringt durch das dünn gewordene Laub und wirft den dunklen Stämmen goldige

Lichter vor die Füße, wie spielend, wie übermütig fragend: Seht ihr? da sind wir nun doch! –

Einst, wenn der Wind sich durch die Unzahl der Blätter drängte, da gab’s ein weiches Rauschen,

ein sanftes, harmonisches Flüstern. Anders ist das jetzt. Anders als in den jungen spielt der

Wind in den alten Bäumen. Die Stimmen sind rauh, die er in ihnen erweckt. Ein Knistern und

Knarren durchläuft das Geäst; da und dort zerbricht ein dürrer Zweig und fällt …

Auf dem Wege zu Papa begleitete uns die Kinderfrau und wartete im Vorzimmer auf unsere

Rückkehr.

Wenn wir in der Frühe bei unserem Vater eintraten, saß er an seinem Schreibtisch, mit dem

Rücken gegen die Tür, hatte große Wirtschaftsbücher vor sich liegen, rechnete und schrieb. Wir

wurden meistens freundlich empfangen, küßten ihm eines nach dem andern die Hand, beantworteten

seine Frage: »Seid’s brav?« immer bejahend und so auch bald die darauffolgende: »Ist die Pepi

da? Gut also, also geht.«

Manchmal durfte er in seiner Arbeit nicht unterbrochen werden. Da hieß es: »Seid ruhig,

wartet.« Man wartete, rührte sich nicht und hatte Zeit, sich mit schüchterner Neugier im

Zimmer umzusehen. Es kam mir größer vor als alle anderen im Hause, und jeder Gegenstand darin

hatte etwas Eigentümliches und erregte mein ganz besonderes Interesse. Wie merkwürdig war

schon der Lüster, der an vergoldeten Ketten von der Decke niederhing! Eine flache, mattgrüne,

mit Arabesken aus Bronze geschmückte Schale. Aus ihr heraus streckten sich sechs magere,

sehnsüchtige Arme und trugen in ihren Händen tulpenförmige kleine Urnen, aus denen vergilbte

Wachskerzen emporragten. Einen sehr ernsten Eindruck machten die schwarzen Möbelgestelle, der

umfangreiche, schwarze Schreibtisch und die Schwärze der ganzen Gesellschaft von Schränken und

Etageren.

Über dem Kanapee, das rechts an der Längswand stand, hing ein Bild, das ich mit dem Blick eben

nur zu streifen wagte, weil mir sonst heiße Tränen in die Augen schossen.

Es war eine schöne Radierung und stellte einen Invaliden der Grande Armée vor, einen alten

Mann in verbrauchter Uniform. Er saß auf einem Bänkchen vor einer niedrigen Hütte. Sein kahles

Haupt war gebeugt, seine Arme lagen auf den ausgespreizten Knien; er hielt sein Taschentuch in

den Händen und ruhte aus von einer traurigen Arbeit. An der Wand neben ihm lehnte die

Schaufel, mit der er eine Grube gegraben hatte für einen treuen Gefährten – seinen Hund. Der

lag zu seinen Füßen, das gebrochene Auge noch auf den Herrn gerichtet. – Ich habe dich schwer

verlassen, schien es zu sagen, aber ich mußte fort; es war ja hohe Zeit. Sieh mich nur an,

lieber Herr. Bin ich nicht zum Kinderspott geworden, so alt und abgezehrt und häßlich? Mut,

lieber Herr, steh auf und lege mich in die Grube, die du für mich gegraben hast. Ich werde da

schlafen, und – Hunde träumen ja, weißt du – träumen, daß wir wieder jung sind, wir zwei, und

schön und gesund. Entschließ dich, lieber Herr …

Endlich wird der Invalide doch aufstehen, nach der Schaufel greifen und den guten Hund

begraben und dann keinen Freund und keinen Kameraden mehr haben und nichts mehr auf der Welt …

Noch andere Bilder hingen an den Wänden, Radierungen und Kupferstiche, lauter Erinnerungen an

die Feldzüge gegen Frankreich, die unser Vater mitgemacht hatte, an Erzherzog Karl und an

Napoleon. Und auf dem Schreibtisch befand sich ein Aquarellbildchen und stellte drei hübsche

Offiziere in Uniform, drei junge Hauptleute, dar: unseren Vater und seine zwei Brüder, und

diese seine zwei Brüder waren vor dem Feinde geblieben.

»Vor dem Feinde geblieben.« Ich hörte das sagen und fragte mich, was es bedeuten sollte. Es

schien etwas Trauriges und Schönes zu sein. Papa sprach es immer in sehr ernstem und sehr

stolzem Tone aus. Und auch das wirkte ergreifend auf mich und trug dazu bei, die ehrfürchtige

Scheu zu erhöhen, mit der ich in seinem Zimmer stand.

Und nun galt’s, wie Papa gestern befohlen hatte, mich allein in sein imponierendes Bereich zu

begeben. Mama begleitete mich bis zur Schwelle des Eingangszimmers, blieb dort stehen und

machte mir, als ich mich nach einigen Schritten umwandte und ihr Lebewohl zuwinkte, ein

Zeichen, vorwärts zu gehen und dann anzuklopfen. Ich tat’s, und: »Herein!« tönte es mir laut

und barsch entgegen.

Ein ermutigender Empfang wurde mir nicht zuteil. Papa reichte mir zwar die Hand zum Kusse,

ließ aber vom Moment meines Eintretens an fortwährend seinen Blick forschend und streng auf

mir ruhen und fragte endlich: »Was ist dir denn? Was machst du für ein Gesicht? Mir scheint,

du fürchtest dich. Du hast ein schlechtes Gewissen. Wer kein schlechtes Gewissen hat, fürchtet

sich nicht.«

Nun war das Unglück fertig.

Nun mußte ich ja überzeugt sein, daß ich ein ganz elendes Gewissen hatte, denn wahrhaftig, ich

zitterte vor Angst.

Ach, es war danach! Alles war danach. Was lag auf dem großen, schwarzen Schreibtisch, auf dem

Platze, den sonst die Wirtschaftsbücher einnahmen? Eine Fleißarbeit Papas. Bewunderungswürdig

im Grunde. Viereckige Blättchen von gleicher Größe aus Kartenpapier. Man sah ihnen die

Sorgfalt und militärische Pünktlichkeit an, mit der sie zugeschnitten und reihenweise in

gleichen Abständen voneinander geordnet worden waren. Jedes einzelne von ihnen trug ein dick

und deutlich ausgeführtes Zeichen. Ein gut gekanntes und gut gehaßtes Zeichen – einen

Buchstaben.

»Was ist das?« fragte Papa und wies, nicht ohne Wohlgefallen, auf das kleine papierne Pikett

vor ihm.

Ich meinte, es seien Buchstaben.

»Ja, ja, Buchstaben, natürlich. Aber das Ganze da – das Ganze!«

»Buchstaben … viele Buchstaben …« Bei den Buchstaben blieb ich. Wie die Familie heißt, wenn

sie vollzählig versammelt ist, wußte ich nicht. Ich wußte überhaupt bald gar nichts mehr,

nicht einmal ein A von einem I zu unterscheiden und auch nicht, ob ich lachen oder weinen

sollte, als Papa ein geringschätziges: »I! A!« ausstieß.

Der einzelnen Vorgänge bei diesem denkwürdigen Examen kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur

einer großen Verwirrung, die in den Reihen der schnurgerade aufmarschierten Kärtchen eintrat,

entsinne ich mich: sie wanden sich wie Schlangen, sie tanzten, bildeten Gruppen, stoben davon

nach allen Richtungen. Und dabei deutete Papas Finger unbeweglich auf eine Stelle, die für

mich abwechselnd von einem A, einem B, einem C besetzt war. Einen Buchstaben um den andern

nannte ich, riet und riet und erriet nicht. Die Qual dauerte lang. Mein armer Papa, der

Selbstbeherrschung doch so ungewohnt, nahm sich zusammen, wiederholte dieselbe Frage mehrmals,

ohne die Stimme allzusehr zu erheben. Die meine aber wird wohl zuletzt gar keinen Laut mehr

gehabt haben. Ich vermochte trotz aller Anstrengung nicht, auch nur ein vernehmliches Wort

über die Lippen zu bringen, und nahm in hilfloser Bestürzung das Urteil entgegen, daß ich –

ein großes Mädel von fünf Jahren – mich mit Schande beladen habe. Der kurze Spruch Papas

schloß mit dem Befehl: »Hinaus!«

Ich besorge sehr, ihn mit unanständiger Geschwindigkeit und ohne Abschiedsgruß erfüllt zu

haben.

Noch hatte ich auf meinem Rückzug das Eingangszimmer nicht durcheilt, als Papa mir nachkam,

die Tür vor mir öffnete, mich hinausschob und mit einem raschen Wurf das ganze Alphabet über

mich ausstreute. Dann flog die Tür hinter ihm zu, und ich kauerte auf dem Boden, sammelte

hastig die Kartenblättchen in meine Schürze und lief, so rasch ich konnte, davon.

Und nun muß ich sagen: Dieser Buchstabensprühregen, den mein Vater mir damals nachschickte,

ist die einzige »Gewalttat« gewesen, die ich je durch ihn erfuhr. Seine Hand hat mich nie

unsanft berührt, er hat seine Stimme nie laut gegen mich erhoben, dieser fürchterliche, liebe,

gute Papa.

Wie oft höre ich junge Leute und Kinder sogar behaupten: »Bei mir richtet man nur mit Güte

etwas aus, aber mit Strenge nichts.« Das kommt mir vor, wie wenn eins sagte: »Vom

schmeichelnden Lüftchen lasse ich mich allenfalls dirigieren, dem Orkan trotze ich.«

Du armes Reislein!

Ein Zornesausbruch unseres im Grund der Seele so guten Vaters schloß jeden Gedanken an

Widerstand aus. Ob sich ein solcher Ausbruch zu dem, was ihn veranlaßt hatte, in einem

halbwegs erklärlichen Verhältnis befand, die Frage stellten wir uns nicht. Wir meinten, daß

man an der Handlungsweise seines Vaters Kritik nicht üben kann. In späteren Jahren verwandelte

das »kann« sich in ein »darf«. – Einem jungen Menschen von heute muß es schwerfallen, unsere

Empfindungsweise zu begreifen. Es gibt ja kaum etwas, das sich in einer Zeit, die ich zu

überdenken vermag, so verändert hätte wie die Art des Verkehrs zwischen Eltern und Kindern.

Wenn unsere Großmutter von ihrer Mutter sprach, sagte sie »unsere Allergnädigste« und neigte

leise das Haupt. Unsere Mutter sagte »Sie« zu ihrem Vater. Er war ihr geistiger Führer, ihr

alleiniger Lehrer. Von ihrer Hand beschriebene Hefte, die sich bei uns zu Hause in der

Bibliothek erhalten haben, geben Zeugnis von dem Ernst und der Gründlichkeit der Studien, die

er sie treiben ließ. Aus jeder Zeile ihrer auch noch vorhandenen Briefe an ihn spricht

unbegrenzte Ehrfurcht. Wir standen mit unserem Vater auf dem Duzfuße; er war aber ungefähr von

der Sorte, auf dem sich das russische Bäuerlein mit dem Väterchen in Petersburg befindet. Von

einer Seite ein unbeschränktes Machtgefühl, von der anderen Unterwürfigkeit. Heute ist das

anders. Die Jugend steht obenan; sie wertet und entwertet. Das Alter sieht bewundernd oder

grollend zu. Ich staune nur, wie rasch es abdiziert hat. Komisch fast ist die Eilfertigkeit,

mit der es sich in die Ecke drückt, um dem vorbeibrausenden Zug der Jugend nur ja nicht im

Wege zu sein. Dankbarkeit erhellt die Gesichter der Eltern, wenn ihre Söhne oder ihre Töchter

auf der Jagd nach Brot, nach Glück, nach Ruhm einen Augenblick haltmachen, um den Alten einen

Lappen ihrer kostbaren Zeit zu schenken. Und auch gute moderne Kinder haben dabei doch das

Gefühl eines Zugeständnisses, das sie den unmodernen Eltern machen.

Es ist so, und je tiefer ins Greisenalter ich hineingerate, um so mehr Hochachtung bekomme ich

vor dem, was ist. Mein Vater hätte sich zu ihr nie bequemt; was in seinen Tagen für das einzig

Rechte und Gehörige galt, sollte in allen Tagen dafür gelten. Er hatte von Kind auf

Subordination geleistet, hatte sie von seinem Jünglingsalter an pflichtgemäß zu fordern

gehabt. Gehorsam! Wie ferner Donner rollte das R am Schluß der zweiten Silbe, wenn er dieses

Wort befehlend aussprach.

Wie seine beiden Brüder, Josef und Fritz, war unser Vater Zögling der Theresianischen

Ritterakademie gewesen und hatte sie verlassen, um Kriegsdienste zu nehmen. Josef, den

Ältesten, traf bei Dresden 1813 die tödliche Kugel. Der Jüngste, Fritz, fand vor Parma 1814

einen Heldentod. Unser Vater, bei einer glänzenden Waffentat in der Nähe von Cléry an der

Loire schwer verwundet, geriet in französische Gefangenschaft. Im Jahre 1816 trat er, noch

nicht völlig hergestellt, in den Ruhestand. Das militärische Wesen, die gerade Haltung, den

strammen Gang behielt er bis ins höchste Alter bei. Mit einem großen Vorrat an positivem

Wissen hatte er sich nicht beladen und lebte in dieser Beziehung sozusagen von der Hand in den

Mund. Doch litt er dabei keinen Mangel. Sein guter, klarer Verstand, sein Schönheitssinn,

seine Schlagfertigkeit und Beobachtungsgabe ließen ihn nie im Stiche. Er verzichtete gern auf

vieles, das sich erlernen läßt, weil er reich war an vielem, das sich nicht erlernen läßt. Er

hatte Sinn für Poesie und war ein Freund der Musik; nur durfte sie nicht zu ernst sein. Vor

allem aber war er ein Freund des Theaters, und für ihn wie für so viele ist das Burgtheater

ein mächtiges Bildungsmittel gewesen. Bis kurz vor seinem Tode blieb er ein treuer Besucher

des geliebten alten Hauses. Die Aufführung eines klassischen Stückes »in der Burg« versäumte

er nie und verließ seine Loge nicht, bevor das letzte Wort gesprochen und der Vorhang gefallen

war. Dabei schämte er sich aber durchaus nicht, zu gestehen, daß kein noch so großes

»Vergnügen an tragischen Gegenständen« ihm die Wonne aufwog, ein Theaterstück Raimunds

aufführen zu sehen. Raimund stand von allen Dramatikern seinem Herzen am nächsten. Und wieviel

von seiner liebe- und verständnisvollen Sympathie für das Wesen, für das Schaffen, für den

ergreifend wehmütigen Humor unseres altösterreichischen Dichters hat er uns vererbt! Lange

bevor wir ins Theater geführt wurden, hatten wir die Bekanntschaft des Verschwenders, des

Herrn Rappelkopf, des Barometermachers auf der Zauberinsel gemacht und verdankten sie den

Erzählungen unseres Vaters, die er so gern und so oft wiederholte. Sein Reichtum an

Geschichten und Anekdoten war unerschöpflich. Es gab ihrer von allen Sorten, lustige und

traurige. Es gab auch lange komische Gedichte, von denen wir nie mehr als den Anfang zu hören

bekamen. Das Schönste, uns Liebste blieben aber doch immer die Erzählungen Papas von seinen

Erlebnissen während der Kriegsjahre. Schlicht, einfach und klar brachte er sie vor, mit edler

Bescheidenheit. Der Ausdruck seines Gesichtes wurde mild und weich, und seine Augen, die er

fest auf einen Punkt in der Ferne richtete, trübten sich, wenn er seiner Brüder gedachte. Ich

habe im Ohr noch den Klang der Stimme, mit dem er von dem letzten Zusammentreffen mit ihnen

sprach, das ihm beschieden gewesen war. Der nächste Morgen trennte sie; in wenigen Tagen

standen sie alle vor dem Feinde. Josef, schon mehrmals verwundet und nur notdürftig geheilt,

hatte Todesahnungen. Fritz sprach übermütig: »Die Kugel, die mich trifft, ist noch nicht

gegossen!« Mein Vater forderte beide zu einem feierlichen Gelöbnis auf: »Der zuerst fällt,

gibt den Überlebenden ein Zeichen. Wenn eine Möglichkeit dazu vorhanden ist, geschieht’s.« Sie

schworen es sich zu: Der fällt, grüßt die Überlebenden. Aus dem Jenseits grüßt eine Liebe, die

stärker ist als der Tod.

Zwei der Brüder waren hinübergegangen, und der dritte hatte gehofft und geharrt und sich nach

dem verheißenen Zeichen gesehnt. Es kam nicht – es konnte nicht gegeben werden … Den

Behauptungen eines Verkehrs mit Verstorbenen setzte mein Vater den schroffsten Unglauben

entgegen: »Es führt kein Weg von drüben zu uns, sonst hätten meine Brüder ihn gefunden«, sagte

er.

Unter den vielen »Geschichtchen«, an denen wir uns nicht satt hören konnten, zeichnete sich

besonders das von dem kleinen französischen Herrn mit dem blauen Mantel aus. Sein Schauplatz

war Troyes. Dort hielt an einem kalten Märzmorgen der Zug der Gefangenen, die man nach der

Normandie brachte, eine kurze Rast. Viele Leute eilten herbei, um ihn zu sehen; die

Verwundeten erregten besondere Aufmerksamkeit. Der Leiterwagen, in dem man meinen Vater mit

anderen Blessierten auf Stroh gebettet hatte, wurde umdrängt; Neugierige kamen herbei, Männer

und Frauen – auch junge, hübsche. Peinlich für einen, der gewöhnt war, jungen Frauen ganz

andere als mitleidige Gefühle einzuflößen. Und gerade er sah wohl unter allen Leidensgefährten

am bedauernswürdigsten aus. Marodeure hatten ihn ausgeplündert, als er bewußtlos auf dem

Schlachtfelde lag. Seine Wunden schmerzten, Fieberfröste schüttelten ihn, mühsam richtete er

sich auf. Sein Blick wandte sich von den Leuten, die ihn umgaben, ab und begegnete dem eines

kleinen alten Herrn, der in einiger Entfernung am Eingang eines Hausflurs stand. Er trug einen

blauen Mantel mit schwarzem Kastorkragen, der am Halse mit einem Kettchen aus Stahl

geschlossen war. Langsam löste der kleine alte Herr das Kettchen, schritt auf meinen Vater zu,

nahm den Mantel von den Schultern und reichte ihn dem freudig Überraschten mit dem einzigen

Worte: »Tenez!«

Er wartete den Dank nicht ab, er war gleich wieder in seinem Hausflur verschwunden.

Das war eine Wohltat, dieser fadenscheinige Mantel, dessen Eigentümer nicht danach aussah, als

hätte er viele überflüssige Kleidungsstücke zu verschenken. –

Lieber kleiner alter Herr aus Troyes, dein Geschenk war königlich, deine ärmliche Spende so

reich! Im Lichte bleibt dein Andenken für uns, die wir als Kinder dich verehren lernten.

Die Gefangenen kamen am Hauptquartier Napoleons vorbei. Sie sahen den Imperator. Er war zu

Pferde, sehr blaß, prachtvoll sein Cäsarengesicht, die Gestalt schwer und aufgedunsen. Mit

einigen der Unglücklichen im Zuge sprach er und ließ ihnen Geld reichen. Mein Vater erhielt

dreihundert Francs, die ihm sehr zugute kamen während seiner Internierung in Caen. Dort fand

er sich vortrefflich aufgehoben bei einem braven alten Ehepaare. Auch für diese beiden Leute

hegte er eine unaussprechliche Dankbarkeit und konnte die soupe à l’oignon nicht genug loben,

die zu kochen seine Hausfrau verstand. Als seine Wiederherstellung fortschritt und er auch

feste Nahrung zu sich nehmen durfte, kaufte er ein Messer, mit dem er Brot in die Suppe

einschnitt, ein großes Taschenmesser mit grauer Hornschale und mehreren Klingen. Es hat immer

auf seinem Schreibtisch gelegen, und man brauchte es nur mit der Fingerspitze leise anzutippen

und zu sagen: »Nicht wahr, Papa, das hast du in der Normandie gekauft?« Alsbald waren die

alten Erinnerungen alle geweckt, und er ließ sie vor uns aufsteigen in deutlichen, farbigen

Bildern. Wir sahen den Hauptmann Dubsky für tot auf dem Kampfplatz bei Cléry liegen, sahen die

Marodeure herankommen, die ihn ausplünderten und ihn ganz tot gemacht hätten, wenn er nicht

auf einige Worte, die sie an ihn richteten, in ihrer Sprache geantwortet hätte. »Laisse le

vivre, il parle français«, sagte einer zum andern. Dann wurde er auf einen Wagen gehoben und

fortgeführt in Feindesland. – Oh, wie litten wir mit ihm und sorgten jedesmal von neuem, daß

es ihm nun schlecht ergehen werde! Aber bald kam trostreich der blaue Mantel zum Vorschein und

imponierend der Anblick des Kaisers Napoleon und endlich zur Erquickung die soupe à l’oignon.

Wie unser Vater hielten auch wir seine Erinnerungen hoch in Ehren und stimmten ihm von Herzen

bei, wenn er eine summarische Verurteilung der Franzosen nicht duldete. Er sprach immer mit

der größten Anerkennung von ihnen, gegen die er jahrelang im Felde gestanden hatte. Es war

damals allgemein so üblich: man schoß den Feind tot, aber man verleumdete ihn nicht.

Mein Vater besaß in hohem Grade die männliche Tugend der Gerechtigkeit. Eigensinn kannte er

nicht. Wenn er, hingerissen von seinem leidenschaftlichen Temperament, ein zu hartes Urteil

gefällt, eine zu strenge Strafe diktiert hatte, ruhte er nicht, bevor es ihm gelungen war,

seine Schuld glänzend gutzumachen. Die Lüge verabscheute er, und daß man feig sein könne,

begriff er nicht. Nicht einmal den Frauen verzieh er Furchtsamkeit, und was andere in

Schrecken versetzt, löste bei ihm eine Wallung des Zornes aus. Viele starke und überzeugende

Beispiele wüßte ich davon zu geben, doch will ich nur ein kleines anführen, weil es so

charakteristisch ist.

In Zdißlawitz wurde das Eintreffen eines Trupps ungarischer Ochsen erwartet, die zur Mast

eingestellt werden sollten. Wir Kinder hatten uns im Meierhof eingefunden, um ihren Einzug mit

anzusehen. Papa beorderte uns auf die Rampe den Stallungen gegenüber und blieb mit den Beamten

in der Nähe des breiten Hoftores stehen. Eine Staubwolke kündigte das Herannahen der

Fußreisenden an. Sie kamen, geleitet von ihren Treibern, wegmüde, die ganze Herde mit den

riesigen, spitzen Hörnern, den breiten Köpfen, mageren Leibern, eingefallenen Flanken. Der

Burggraf, ein großer, stattlicher Mann, trat an die Tiere heran, rief den Treibern, den

Stalleuten Befehle zu. Auf einmal hörte man ihn ein Angstgebrüll ausstoßen und sah ihn

entfliehen … Die übrigen Beamten stoben auseinander wie Spreu, in die ein Windstoß fährt. Ein

Ochse war wild geworden und stürzte schnaubend, den Kopf gesenkt, den Schwanz emporgereckt,

auf den Platz zu, den sie früher eingenommen hatten und auf dem mein Vater jetzt allein stand.

– Er aber, empört über die Frechheit des Gastes, sprang ihm entgegen, schwang das

Spazierstöckchen und rief mit drohender Stimme: »Na – du!«

Uns stockte der Atem. Die erschrockenen Treiber schrien und ließen ihre Peitschen knallen. Der

aufgeregte Sohn der Steppe besann sich, bog aus und schloß sich wieder seinen Gefährten an.

Noch eine Eigenschaft darf ich meinem Vater nachrühmen: die Treue. Wer seine Liebe errungen

hatte, dem blieb sie ein unverlierbarer Besitz. Seine Frau war für ihn die einzige in der

Welt. Leicht mochte er freilich auch der geliebtesten das Leben nicht gemacht haben; dazu war

er zu sehr Kampfnatur, dem raschen Wechsel seiner Stimmungen zu sehr unterworfen. Die

Ausgeglichenheit fehlte und auch der feine Blick für die Vorgänge im Gemütsleben selbst derer,

die ihm am nächsten standen. Aber – nehmt alles nur in allem – er war ein Mann mit warmem

Herzen, stark an Leib und Seele.

Im Jahre 1825 verheiratete sich mein Vater mit der verwaisten Tochter des in Österreich

unvergessenen, um unsere Kunstindustrie hochverdienten Freiherrn von Sorgenthal. Die Ehe war

von kurzer Dauer. Seine anmutige kleine Frau verließ ihn bald.

Er hat sie, dankbar für die schwärmerische Liebe, die sie ihm entgegenbrachte, innig

betrauert, ein volles Glück aber doch erst in der Verbindung mit seiner zweiten Frau, meiner

Mutter, gefunden. Liebreich und sorgsam hat sie alles Gute und Edle in ihm gehütet und

entfaltet, hat mit kluger, sanfter Hand die Mängel seines Wesens in den Schatten gedrängt und

seine Rauhigkeiten zu mildern gesucht. Die Jahre, in denen sie an seiner Seite gestanden,

bildeten die Krone seines Lebens, und er hat die Erinnerung an sie heilig gehalten.

Nach ihrem Tode, der völlig unerwartet eintrat, rang er mit der Verzweiflung und wollte dem

Leben ein Ende machen, das ihm fortan unerträglich erschien. Ein Zufall, die Dazwischenkunft

eines Verwandten, der ihm die schon geladene Pistole entwand, vereitelte den unseligen

Entschluß. Einige Wochen nach dem furchtbaren Verluste schrieb mein Vater an seine Schwester

nach Wien: »Wie überglücklich bin ich gewesen! Sichtbarlich vom Himmel begünstigt, hatte ich

alle Ursache zu fragen: Gibt es wohl einen glücklicheren Menschen auf dieser weiten Erde denn

mich? Anders sieht es nun in mir aus. Aus allen meinen Himmeln geworfen, kann ich nun fragen:

Wo ist wohl mehr Schmerz, Kummer und Leiden zu finden als in meinem Herzen, welches statt des

ihren hätte aufhören sollen zu schlagen, da für meine armen Kinder der Verlust des Vaters

gegen jenen einer solchen Mutter, wie meine Marie war, sowohl in der Gegenwart wie in der

Zukunft bei weitem weniger empfindlich gewesen wäre!«

Die Zeit verging und übte ihre unwiderstehliche Macht aus. Der Daseinswille, die Sehnsucht

nach einer Häuslichkeit erwachten von neuem; er kam zu dem Schlusse: »Wenn der Himmel mir mein

Haus niederreißt, muß ich es mir wieder aufbauen.« So hat er denn auch das seine wieder

aufgebaut, und abermals wurde es ihm nach kurzer Zeit zerstört. Erst seinem vierten Ehebunde

war eine lange Dauer beschieden.

Er stand in hohem Greisenalter, als ihm sein Daheim mit grausamer Raschheit noch einmal

verödet wurde. Und wenn dieser letzte schmerzvolle Schlag ihn auch in allen Seelentiefen

erschütterte, fand der schwer Heimgesuchte allmählich doch seine Fassung und seine Kraft

wieder. Sie wankte keinen Augenblick, als die Anzeichen des herannahenden Endes sich

einstellten. Er hatte dem Tod in Jünglings- und in Mannesjahren so oft ins Auge geblickt; mit

großer Ruhe, in tiefem Frieden sah er ihm nun entgegen. Als treuer Hausvater nahm er mit guten

Worten Abschied von jedem einzelnen seiner Angehörigen und von jedem seiner Diener.

Der Priester, der ihm die letzte Wegzehrung gereicht hatte, wandte sich vom Sterbebette zu uns

und sprach: »Ihr Vater stirbt wie ein braver Soldat.«

Von diesem, in wenigen Zügen nur entworfenen Bilde eines Starken wende ich mich wieder den

kleinen Erlebnissen seiner Kinder zu.

Als meine Schwester ihre Wanderung ins sechste und ich die meine ins fünfte Lebensjahr

zurückgelegt hatte, sollten wir eine Gouvernante bekommen.

Es war Spätherbst, und wir waren in Wien, und schon seit längerer Zeit hatte Pepinka ihre

Drohungen mit den Strafgerichten Papas in Drohungen vor den Strafgerichten der Gouvernante

umgesetzt.

»Wartet nur, was euch die Gubernante tun wird!« hieß es jetzt beim geringsten Anlaß zur

Unzufriedenheit, den wir ihr gaben.

Kein Wunder, daß wir der Ankunft der neuen Machthaberin ohne Begeisterung entgegensahen.

Zu dem großen Ereignis wurden geziemende Vorbereitungen getroffen.

Unser wartete eine Art Proserpina-Schicksal. Schlafen sollten wir nach wie vor bei der

Kinderfrau, tagsüber jedoch bei der Gouvernante bleiben in ihrem eigens für sie eingerichteten

Zimmer. Es war kein Prachtgemach! Es hatte die Aussicht auf einen mit Glasfenstern versehenen

Gang, der das Haus auf der Hofseite umlief. Nicht der geringste Ausblick ins Freie bot sich

dem Fräulein; Zerstreuung konnte ihr nur die Betrachtung ihrer neuen Möbel bieten. Unter ihnen

zeichnete sich ein großes Kanapee aus, das durch eine kunstreiche und zu jener Zeit noch

ungewöhnliche Einrichtung spielend leicht in ein bequemes Bett umgewandelt werden konnte.

Ach, du lieber Gott! Auf diesem Kanapee werden wir neben der »Gubernante« sitzen müssen den

ganzen Tag. Und den ganzen Tag wird sie uns erziehen, und wir werden von allem, was sie zu uns

sagt, kein Wort verstehen, denn sie spricht nur Französisch, so eine »Gubernante«. Das alles

sagte Pepinka, um uns recht angenehm vorzubereiten zum Empfang ihrer Nachfolgerin.

Sie kam, und als Mama uns zur Begrüßung zu ihr führen wollte, machte ich eine Szene, schrie

und heulte und mußte über die kleine Stiege, die aus der Kinderstube ins Gouvernantenzimmer

führte, getragen werden.

Wie freudig bin ich seitdem alle Morgen die fünf Stufen derselben kleinen Treppe hinabgehüpft,

um gleich nach dem Frühstück zu Mademoiselle Hélène zu eilen! Wie bald haben wir sie

liebgewonnen, diese Dritte im Bunde der Vortrefflichen, die unsere Kindheit schön und

glücklich gemacht haben. Einige Jahre unserer Kindheit, sollte ich sagen, denn gar bald haben

zwei von ihnen uns verlassen.

Mademoiselle Hélène Hallé war unsern Eltern durch die Gräfin Saint-Aulaire, die damalige

französische Botschafterin, empfohlen worden. Sie stammte aus gutem Hause und war eine äußerst

sympathische Erscheinung. Eine große junge Dame mit durchsichtigem, rosigem Teint, rötlich-

blonden Haaren und sanften blauen Augen. Sanft und ruhig war auch ihre liebe Art und Weise.

Sie gewann, ohne im geringsten darum zu buhlen, das Wohlwollen aller Hausgenossen, sogar das

unserer eifersüchtigen Pepinka. Reinste Freude bot uns der Umgang mit ihr; eine »leçon« war

helle Unterhaltung. Nach kurzer Zeit konnten meine Schwester und ich Französisch reden und

lesen. Im Herbste noch, noch in Zdißlawitz, war es mir plötzlich und fast mit Leichtigkeit

gelungen, den Inhalt deutscher Bücher zu enträtseln. Die Unterrichtsstunde bei Papa hatte doch

wunderbar rasch gute Früchte getragen, und so standen nun geöffnet vor mir die Pforten zweier

Weltliteraturen.

Aber nicht bloß Gelehrsamkeit galt es zu erwerben – auch mit »weiblichen Handarbeiten« sollte

ich mich befassen: ich sollte stricken lernen. Warum mir das als eine Schmach erschien, ist

mir heute noch unerklärlich. Ich wehrte mich heftig und lange, doch wurde mein Widerstand

endlich besiegt. Der Abscheu, den ich vor der Strickkunst empfand, endete mit der Herstellung

von Strumpfbändern für meine geliebte Mama. Sie waren das Mißratenste, was je auf diesem

Gebiete geleistet worden; aber die größten Meisterwerke hätten nicht freudiger empfangen

werden können als das klägliche Paar. Mit welcher Zärtlichkeit schloß mich Mama in ihre Arme

und wischte mir die Tränen ab, die ich vergoß, indem ich ihr das Zeichen meiner Unterwerfung

auf den Schoß legte!

Das Weihnachtsfest war nahe, wir konnten die Tage bis zum 24. Dezember schon an den Fingern

abzählen, als sich etwas begab, das uns in die größte Aufregung versetzte. Vor unsern Nasen

gleichsam verschwanden unsere Puppen. Auf einmal waren alle fort. Eine vollständige

Puppenauswanderung hatte stattgefunden.

Das Bett, in das Fritzi gestern noch ihre älteste Tochter, die große Christine, schlafen

gelegt hatte – leer. Die Angehörigen Christinens hinweggefegt, als ob sie nie dagewesen wären.

Meine blonde Fanchette, die freilich von der Blondheit nur noch den Ruf besaß – denn eine

geduldige Friseurin war ich nicht –, ebenfalls unauffindbar. Wir kramten vergeblich nach ihr

in unsern Laden, durchforschten alle Schränke und Winkel. Wir liefen ins Kinderzimmer und

klagten die armen kleinen Brüder des Raubes unserer Puppen an. Daß wir auch im vorigen Jahre

kurze Zeit vor Weihnachten denselben Jammer erlebt und dann unter dem Christbaum ebenso viele

Puppen, als wir vermißt hatten, mit glänzend lackierten Gesichtern, reichem Gelock und schön

gekleidet sitzen sahen, fiel uns nicht ein. Oh, wir waren dumme Kinder! Ich glaube nicht, daß

es heutzutage noch so dumme Kinder gibt.

Pepinka, ärgerlich über die Nachgrabungen, die wir nun auch in dem von ihr beherrschten Reiche

zu unternehmen begannen, ließ sich zu einem unvorsichtigen Worte hinreißen. »Geht, geht! sucht

eure Puppen dort, wo sie sind.«

»Weißt du, wo sie sind? … Ja, ja, du weißt es! Wo sind sie?« Wir ließen nicht nach, gaben ihr

keine Ruhe, bis sie endlich, um uns loszuwerden, sagte: »Die kleine Greislerin hat sie

gestohlen. Grad ist sie mit der Christine über die Gasse gelaufen.«

Gestohlen also! unsere Kinder gestohlen! durch die kleine Greislerin – oh, das leuchtete uns

ein. Der konnte man alles Schlechte zutrauen. Ihre Mutter hatte einen Laden, gerade unter

einem der Fenster des Kinderzimmers. Wir kauften dort die Glas- und Steinkugeln, mit denen wir

eine Art Kriegsspiel spielten. Von der Mutter erhielten wir immer fünf Stück für einen

Kreuzer, von der Tochter nur drei. Genügte das nicht, um uns ein Licht aufzustecken über das

ganze Wesen dieser Person? Sie, natürlich, war die Puppenentführerin, sie lief herum mit der

Christine, an ihr mußte Rache genommen werden. Es mußte! Ich war Feuer und Flamme dafür, und

es gelang mir, meine Schwester davon zu überzeugen. Auch die sanfteste Mutter kann grausam

werden, wenn es Kindesraub zu bestrafen gilt. Am liebsten würden wir die Missetäterin

durchgeprügelt haben – woher aber die Gelegenheit dazu nehmen? Sie bei der Frau Greislerin

verklagen? Ach, die tut ihr nichts, die fürchtet sich selbst vor ihr. Was also soll geschehen?

Was für ein Gesicht soll unsere Rache haben? Ein schwarzes! machten wir endlich aus. Es war

beschlossen, was der Diebin geschehen soll: Wir werden ihr Tinte auf den Kopf gießen.

Pepi war ins Nebenzimmer zu den Kleinen gegangen und hatte die Tür geschlossen; wir glaubten

unser nichtsnutziges Vorhaben ungestört ausführen zu können. Ich holte eilends das Fläschchen

herbei, das unsern Tintenvorrat enthielt; wir schoben in das Fenster, unter dem der

Greislerladen sich befand, einen Schemel und bestiegen ihn. Fritzi öffnete den inneren

Fensterflügel und mit Mühe nur ein wenig den äußeren, und ich steckte den mit der

Tintenflasche bewaffneten Arm durch den Spalt. Jetzt – hinunter mit dem Guß! Hinunter auf die

Greislerin, die natürlich nichts Besseres zu tun hat, als dazustehen und ihm ihr schuldiges

Haupt darzubieten.

Die spanische Armada war einst nicht siegesgewisser ausgezogen als wir zu unserer Unternehmung

– und ihr Schicksal teilten wir. Die Elemente erhoben sich wider uns. Es stürmte an dem Tage

im Rotgäßchen wie anno 1588 auf dem Atlantischen Ozean, und noch dazu gab’s ein Gestöber von

weichem Schnee. Ein Windstoß entriß meiner Schwester den Fensterflügel und schlug ihn gleich

darauf so schnell wieder zu, daß ich kaum Zeit hatte, meinen ausgestreckten Arm zurückzuziehen

und das Tintenfläschchen vor dem Sturze zu retten. Sein Inhalt übersprühte die Glasscheibe,

tropfte, mit Schnee und Regen vermischt, vom Fenstersimse herab, umhüllte meine Finger mit der

Farbe der Trauer.

Laut und lebendig gestaltete sich der Schluß des ganzen Abenteuers. Pepinka mußte etwas von

unserm Treiben vernommen haben, denn plötzlich stürzte sie herbei. Ihr Antlitz glich dem rot

aufgehenden Monde, ihre Haubenbänder flogen – ich weiß noch recht gut, daß sie eidottergelb

waren.

»Ihr Verdunnerten!« rief sie. »Jesus, Maria und Josef! Fenster aufreißen, mitten im Winter!

Was fällt euch ein, ihr, ihr …« Der Rest sei Schweigen. Mögen die Ehrentitel, mit denen sie

uns ausstattete, der Vergessenheit anheimfallen. Sie bildeten eine relativ milde Einleitung zu

den in prophetischem Tone ausgesprochenen Worten: »Ihr könnt euch freuen. Gleich wird die

Polizei über euch kommen!«

Da war mit einemmal alles erloschen, jeder Funke des Hasses gegen die Greislerin und bis aufs

letzte Flämmchen unsere lodernde Racheglut. Nur noch einen heißen Wunsch hatten wir, nur mit

einer Bitte bestürmten wir Pepinka: Nur die Polizei nicht hereinlassen! Nur der Polizei nicht

erlauben, daß sie komme, uns »einzuführen«!

Der Winter verrann, das Frühjahr war nahe; wir begrüßten die ersten wärmeren Tage mit Freude

und hofften auf unsere baldige Abreise nach Zdißlawitz. Sehr angenehm und wie ein Gruß aus der

Heimat mutete es uns an, als wir eines Morgens einen schönen Hannaken im blauen Mantel auf dem

Gange stehen sahen. Er schien zu warten, und bald kam denn auch Papas Jäger, von dem er sich

vermutlich hatte anmelden lassen, und holte ihn ab. Wir liefen eiligst ins Kinderzimmer, um

dort zu verkünden, daß der Franz soeben einen Hannaken zu Papa geführt habe. Pepi empfing

unsere Nachricht ohne Überraschung. Anischa saß auf einer Fußbank neben dem Tischchen, an dem

unsere kleinen Brüder spielten, und hatte die Augen voll Tränen. Als wir auf sie zutraten,

nahm sie unsere Hände und küßte sie mit innigster Zärtlichkeit; aber unsere Frage, warum sie

geweint habe, wollte sie nicht beantworten. Pepi schaffte uns bald und auffallend gebieterisch

fort. Auch war die Zeit zur Unterrichtsstunde da. Nachher wurde der gewohnte Spaziergang auf

die Bastei unternommen, dann Toilette gemacht und Schlag vier Uhr zu Tisch gegangen. Am

Nachmittag, als wir mit Mademoiselle Hélène »die Kleinen« besuchen kamen, was sahen wir? –

Sophiederl auf dem Arme eines fremden Mädchens, das mit ihr herumtanzte, während Pepi mit den

Buben Verstecken spielte. Das tat sie sonst nie, das war Anischas Amt.

»Wo ist Anischa?« riefen meine Schwester und ich, von einer bösen Ahnung ergriffen. Pepi

machte zuerst Ausflüchte, vertröstete uns, versicherte, Anischa sei nur für kurze Zeit

weggegangen und würde bald wiederkommen. Wir brachten ihren Versicherungen den größten

Unglauben entgegen. »Weggegangen?« – Anischa ging nie weg, ging nur am Sonntag in die Kirche,

und heute war gar nicht Sonntag.

Auf einmal durchblitzte es mich … Wie pflegte Pepi, wenn sie ein wenig böse war, zu sagen? »Er

kommt heute nicht.« Und wie pflegte Anischa zu antworten? – »Heute nicht und morgen nicht.«

Jetzt aber, ganz gewiß, jetzt war »er« gekommen und hatte sie hinweggeführt; denn »er«, das

war kein anderer als der Hannak, den wir am Morgen gesehen hatten. Gern war sie nicht mit ihm

gegangen; sie hätte sonst nicht so arm und verweint auf dem Fußschemel gesessen bei den

Brüdern, sie hätte uns nicht so inbrünstig die Hände geküßt … Die Liebe! die Geliebte! Da

hatte sie Abschied von uns genommen … Und wir nicht von ihr … warum hat man uns nicht Abschied

nehmen lassen von ihr? Warum? fragte ich und wollte doch die Gründe nicht hören, die Pepinka

dafür angab. Ich wollte auch nicht glauben, daß Anischa wiederkommen werde … Belogen und

betrogen fühlte ich mich. Nein, nein! sie würde nicht wiederkommen, nie! Der grausliche Hannak

würde sie nie mehr hergeben. Entrüstet klagte ich ihn an und Pepi, die ihm Anischa überliefert

hatte, und benahm mich recht wie ein Unband beim Einzug des ersten bitteren Schmerzes in mein

Leben.

Im Laufe des Sommers erkannte ich dann mit freudiger Beschämung, wie unrecht es von mir

gewesen war, an einem Wiedersehen mit Anischa zu verzweifeln. Die schwer Entbehrte besuchte

uns und brachte allerlei Eßwaren mit, die uns vortrefflich schmeckten. Sie lobte ihren Mann,

ihren Sohn, ihre zwei braven Kühe und sah gut und zufrieden aus. Nur waren ihre Hände sehr

abgearbeitet.

Manches Jahr hindurch ist sie so gekommen zur Sommerszeit, und bis zu ihrem Tode bin ich mit

ihr im Verkehr geblieben. Meinerseits im schriftlichen; ihre Antworten auf meine Briefe

bestanden in einigen Zeilen, die sie dem Herrn Pfarrer diktierte. Sie setzte nur ein kleines,

meist recht schiefes Kreuz darunter, denn schreiben konnte die vortreffliche Erzählerin nicht.

Auf dem letzten Zettel, den ich von dem geistlichen Herrn bekommen habe, fehlte Anischas

kleines Kreuz. Dafür stand ein anderes, ein größeres, auf einem Hügel des Friedhofs ihres

Dorfes, und unter ihm ruhte die Getreue.

Mademoiselle Hélène hatte kaum zwei Jahre bei uns zugebracht, als es auch von ihr scheiden

hieß. Ihre Familie rief sie nach Frankreich zurück. Sie trennte sich nicht leicht von uns

Kindern; am schwersten aber, wir konnten uns darüber nicht täuschen, trennte sie sich von

Mama. Sie schien von einer großen Besorgnis erfüllt und bat dringend und wiederholt, ihr nur

gewiß in einiger Zeit Nachricht geben zu lassen … nur ganz gewiß! … Mama versprach’s, umarmte

sie, und beide hatten feuchte Augen.

Der Wagen war schon angemeldet worden, der Mademoiselle Hélène zum Postgebäude auf dem Alten

Fleischmarkt bringen sollte. Von dort aus setzte sich die Diligence in Bewegung. Wöchentlich

ein paarmal kam sie dick und gelb herbeigerasselt und fuhr über den Haarmarkt dahin, mit

Reisenden besetzt, die sich auf dem Wege nach fremden, fernen Ländern befanden.

Heute trug sie uns einen köstlichen Besitz davon. Fritzi und ich knieten auf Stühlen am

offenen Fenster. Mama stand zwisdien uns und hatte ihre Arme um uns gelegt. In höchster

Spannung blickten wir auf die Straße hinab, und leise begann in mir die Hoffnung sich zu

regen: Vielleicht kann Mademoiselle Hélène sich doch nicht entschließen, von uns fortzugehen …

Vielleicht kommt sie wieder zurück …

Nun rollte er heran, im Trabe zweier kräftiger Pferde, der breite, schwere Kasten, ein rosiges

Gesicht neigte sich aus dem Schlage … und wir hatten die letzten Grüße getauscht mit unserer

guten Hélène Hallé.

Als wir zurückkehrten in ihr verlassenes Zimmer, fiel eine große Traurigkeit uns aufs Herz.

Die Möbel hatten ihre imposante Feierlichkeit für uns verloren, und wir meinten auch ihnen die

Bekümmernis darüber anzusehen, daß sie der besten Mademoiselle nicht mehr dienen sollten. Auch

die kleinen Brüder fragten betrübt nach ihr; von allen wurde sie schwer vermißt.

Was wir an ihr verloren hatten, die uns den Gehorsam zur Freude, das Lernen zum Genuß, das

Leben leicht und heiter gemacht hatte, das ermaßen wir aber erst völlig, nachdem ihre

Nachfolgerin eingetroffen war. Grausamer für uns hätte ein Tausch kaum ausfallen können.

Wer Mademoiselle Henriette unsern Eltern empfohlen hatte, wußten wir nicht, doch davon waren

wir überzeugt: Beim Jüngsten Gericht wird er darüber zur Rechenschaft gezogen werden.

In seinem Zorne hatte Gott Mademoiselle Henriette zur Gouvernante geschaffen. Sie war schön

und jung; darin bestand die einzige Ähnlichkeit, die sie mit Hélène Hallé hatte. In allem

übrigen war sie ihr Widerspiel.

Äußerlich eine mittelgroße, schlanke Brünette, mächtiges Dunkel im Haar, Feuer in den Augen.

Innerlich – ein Drache. Eine treue Anhängerin der Moral, die unsere Modernen erfunden zu haben

glauben, eine Dienerin der Pflicht, »sich auszuleben«. Sehr unwillkürlich bildeten ihre

Zöglinge dabei doch einige Hindernisse, und als solche hat sie uns herzlich gehaßt. Es regnete

Strafen. Die ärgste diktierte sie mir, als ich einmal in offenen Aufruhr gegen sie geriet,

weil sie statt les Autrichiens »les autres chiens« gesagt hatte. Hoch angerechnet soll

übrigens der leidenschaftlichen Dame eines werden, und ihr zum Ruhme muß ich es besonders

hervorheben: wohl hat sie uns hungern, hat uns bis zur Erschöpfung im Winkel stehen, viele

Seiten aus Noël et Chapsal auswendig lernen lassen, von denen wir kein Wort verstanden –

geschlagen hat sie uns nicht. Die Note fehlte in der Symphonie ihres Erziehungsprogramms.

Trotzdem lernten wir durch sie aufs gründlichste erfahren, wie tief unglücklich Kinder sein

können, die sich wehrlos einer böswilligen Macht überantwortet fühlen.

Wir würden nicht lange unter den Launen der Tyrannin gelitten haben, wenn Mama sich damals um

uns hätte kümmern können. Aber sie konnte nicht, sie war krank und unsere Trennung von ihr

durch mehrere Wochen eine vollständige.

Im Vorfrühling gab sie einem Kindlein das Leben, das sich sehr beeilte, auf alle Vorteile

dieses Geschenks zu verzichten. Es brauchte keine Wiege, nur einen Sarg. Einige Wochen

verflossen, und endlich durften wir zwei Großen zuerst, die drei Kleinen nach uns die arme,

kranke Mama wieder besuchen und täglich ein bißchen länger, wenn auch nicht stundenlang wie

sonst, bei ihr bleiben.

Und einmal wurde mir eine große, unaussprechlich große Freude zuteil. Mamas treue Pflegerin,

Tante Helene, die Schwester unseres Vaters, brachte eine wundervolle Nachricht: Doktor Wierer

hatte der Mama erlaubt auszufahren, und sie ließ sagen, daß ich, ich, die Marie, sie begleiten

werde. Das war mir ein Glück, vom Himmel gefallen, das war mir die pure Seligkeit. Mich wollte

sie mitnehmen bei ihrer ersten Ausfahrt, keines von meinen Geschwistern, nur mich, mich

allein! So hat sie mich denn, machte ich sofort aus, am liebsten von uns allen.

Günstlingsgefühle erfüllten mich. Daß Fritzi erstaunt und betrübt dreinsah, daß die Brüder

schrien: »Auch ausfahren mit der Mama!« ließ mich ganz gleichgültig. Mochten sie nur

Spazierengehen auf der Bastei, ich fuhr mit Mama, denn ich – ich war ihr Liebling. Oh, sehr

oft war es mir schon so vorgekommen. Jetzt wußte ich’s.

Wir fuhren zum Belvedere. Papa hatte die noch schwache Rekonvaleszentin über die Stiege

getragen und in den Wagen gehoben; er war unter der Einfahrt stehengeblieben, als der Schlag

geschlossen worden, und hatte mir lächelnd zugerufen: »Achtgeben auf die Mama!«

Im Garten des Belvederes machte sie nur einige Schritte bis zur ersten Bank des großen

Parterres und blieb dort sitzen und sprach nicht. Ich lief vor ihr hin und her, ich ahmte,

entschlossen, sie zu zerstreuen, das Summen und Brummen der Mücken und der Fliegen nach, ich

setzte mich zu ihr und schwatzte ihr allerlei vor und besaß doch sonst das Geheimnis, sie

lachen zu machen. Heute versagten alle meine Unterhaltungskünste. Wohl nickte sie mir

liebreich zu, blieb aber schweigsam und traurig, schlug den pelzverbrämten Mantel fester um

ihre schmale Gestalt und fröstelte, obwohl die Sonne, die im Scheitel stand, so glühende

Strahlen niedersandte, daß die Blumen ihre Köpfchen verdrießlich neigten und das junge Gras

förmlich versengt aussah.

Am Abend, als wir durch das Kinder – in unser Schlafzimmer gingen, fanden wir dort Tante

Helene im Gespräch mit Pepi, beide sehr aufgeregt. Pepi perorierte in ihrer heftigen Weise:

»Ich hab’s ja gesagt … … Ausfahren lassen … Jetzt schon ausfahren! Gleich umbringen wäre

gescheiter.« Sie schimpfte über Doktor Wierer, und als wir wissen wollten, was denn geschehen

sei, bestand ihre Antwort in einem neuen heftigen Ausfall gegen den Arzt.

Und nun war’s, wie es schon wochenlang gewesen: Mama war wieder krank. Der Eingang, durch den

man aus dem Gouvernantendepartement zu ihr gelangte, blieb wieder verschlossen, das

Speisezimmer blieb wieder unbenutzt. Es stieß an ihr Schlafgemach und befand sich wie dieses

an der Vorderseite des Hauses. Ebenso der Salon und die Wohnung Papas.

Wenn unser Drache am Morgen Billette schrieb auf rosenfarbigem Papier, mit einem Blümchen in

der Ecke, schlichen meine Schwester und ich uns davon, leise und gebückt über den Gang an den

Fenstern Mademoiselles vorbei und weiter ans Ziel unserer Wünsche, in die Nähe Mamas, ins

Speisezimmer.

Auf zweien der Stühle, die dort in langer Reihe an der Wand links vom Eingang standen, nahmen

wir Platz und – warteten.

Worauf? Nun, daß Mama uns rufen lasse. Sie würde uns doch gewiß einmal rufen lassen, und da

wollten wir gleich bei der Hand sein. Wir saßen ganz still und rührten uns nicht, aus Furcht,

weggeschickt zu werden.

Manchmal ging Papa an uns vorbei mit unhörbaren Schritten und mit gesenktem Haupte. Er öffnete

vorsichtig die Tür des Krankenzimmers und trat auf ein Zeichen, das ihm von dort gegeben

wurde, ein oder kehrte wieder zurück in seine Gemächer, ebenso lautlos, wie er gekommen war.

Oder er trat an ein Fenster, lehnte die Stirn an die Scheiben und blieb so stehen, lang, lang,

endlos schien es uns.

Regelmäßig zur selben Morgenstunde kam Doktor Wierer, den Pepi von jeher angefeindet hatte und

den auch wir nicht liebten, weil er uns beim geringsten Unwohlsein auf schmale Kost setzte,

auf »einen Spinat und eine Ponade«.

Unsere Großmutter Vockel war auch täglich da und holte Erkundigungen nach der Kranken ein. Und

»Grandmaman« Bartenstein, Mamas Mutter! – Wenn sie erschien, brachte sie Trost und Zuversicht.

Sie sprach nie eine Besorgnis, immer eine Hoffnung aus. Immer lag der Widerschein heldenmütig

bewahrten Seelenfriedens auf ihrem durchsichtig blassen Gesichte, dem das ihrer Tochter so

ähnlich war. Immer schritt sie gerade aufgerichtet, schmal wie eine Gerte, in ihrer tiefen

Witwentrauer dahin, und keiner vermochte wahrzunehmen, welch eine schwere Sorgenlast auf ihren

zarten Schultern ruhte.

Voll Angst, weggeschickt zu werden, lehnten wir uns zurück auf unsern Stühlen, sooft jemand

eintrat, mucksten nicht und spielten uns auf die Unsichtbaren hinaus. Wenn aber eine unserer

Großmütter kam, standen wir auf und küßten ihre Hände. Sie würden uns nicht fortwinken, diese

lieben, alten Hände, das wußten wir. Auch die gute Tante Helene hatte nichts gegen unser

Dableiben einzuwenden; sie brachte uns manchmal sogar einen Gruß von Mama. Eines

unvergeßlichen Tages kam sie aus dem Krankenzimmer sorgenvoller und bekümmerter denn je. Mama

sandte meiner Schwester eine zärtliche Umarmung, und mich – es kam merkwürdig zögernd heraus

–, mich ließ sie zu sich rufen. Ich jauchzte auf, ich wollte zu ihr stürzen. Die Tante hielt

mich an beiden Schultern fest. Merkwürdig ernst und fast feierlich sprach sie zu mir. Sie

stellte mir vor, daß Mama das Fieber habe und sich infolgedessen manches einbilde, das gar

nicht sei. So bilde zum Beispiel die arme Mama sich jetzt ein, daß ich ein großes Unrecht

begangen habe. Dafür wolle sie mir einen Verweis erteilen, und was sie wolle, müsse geschehen;

sie dürfte um keinen Preis durch einen Widerspruch aufgeregt werden. Der Doktor habe es

strengstens verboten. Und so müsse ich, weil sie durchaus darauf bestand, zu ihr kommen, müsse

die Vorwürfe, die sie mir machen würde, schweigend anhören, um Verzeihung bitten und dann

sogleich fortgehen. Dringend legte mir die Tante das alles ans Herz, und ich versprach gern,

es zu tun. Ach, unsagbar gern! Was lag mir daran, von Mama ausgezankt zu werden, wenn ich sie

nur wiedersehen durfte!

Zitternd vor Glückseligkeit betrat ich ihr Zimmer und wollte auf sie zueilen. Da streckte sie

den Arm abwehrend aus.

Sie lag auf dem Ruhebette, in einen Schal gehüllt, eine Decke über den Knien. Ihr Kopf war in

die Kissen zurückgelehnt, und mit Schrecken sah ich, daß ihr schönes, ihr geliebtes Gesicht

ganz klein und auch seltsam verändert, fast fremd geworden war. Ihre weichen braunen Haare,

die sich sonst in weichen Locken an die Schläfen schmiegten und die Wangen umspielten, waren

glatt gescheitelt und von einer kleinen, weißen Haube bedeckt.

Am ungewohntesten aber war der Ausdruck der Augen, die mich mit unruhig gequälten Blicken

ansahen. Sie sprach mühsam, mit klangloser Stimme, und – klagte mich einer Lüge an. Einer

Lüge, des, wie man uns immer sagte, Schimpflichsten? … Das war ja gar nicht möglich, das war

ein grausamer Scherz, und wenn mir nicht ein Schluchzen die Kehle zugeschnürt hätte – ich

hätte gelacht.

Ein Wort stieß ich heraus, oder vielmehr, es kam von selbst, es drängte sich auf meine Lippen:

»Mama!« und obwohl Tante Helene, die hinter das Ruhebett getreten war, mir Zeichen machte zu

schweigen, wiederholte ich doch immer: »Mama«, als wäre sie es nicht, neben der ich da stand,

als müsse ich sie herbeirufen können. Mich zu verteidigen fiel mir nicht ein; ich dachte nicht

einmal daran, daß mir unrecht geschah. Ich fühlte einen dumpfen Schmerz, eine grenzenlose

Betroffenheit und hatte zugleich die Empfindung: Es muß ausgehalten werden, es geht vorbei.

Auf einmal wird meine Mama mich in ihre Arme nehmen, und alles wird gut sein.

Immer wieder rief ich sie an, mit dem einen angstvoll ausgestoßenen Worte. Sie wollte nicht

hören, sie wies mich zurück, sooft ich nähertrat und ihre Hand zu fassen suchte.

Ohne Erbarmen wurde ich zuletzt fortgeschickt.

Ich bin damals im siebenten Jahre gewesen und bin heute im fünfundsiebzigsten. Wenn aber die

Erinnerung an jene Stunde lebhaft vor mir aufsteigt, erwacht noch ein Reflex der Qual, die

damals mein Kinderherz zerriß. Damals, als ich, nach der Ausweisung aus dem Zimmer Mamas, mich

nicht entschließen konnte, seine Schwelle zu verlassen, nicht zu rufen, nicht zu pochen wagte,

nur den Mund an den Türspalt preßte, an dem meine Tränen herunterliefen, und hineinhauchte,

leise und jammervoll: »Verzeih! Verzeih!«

Dieses Wiedersehen mit meiner viel-, vielgeliebten Mama blieb das letzte.

Von Tag zu Tag stiegen die Besorgnisse um sie. Der furchtbare Ausspruch: »Keine Hoffnung

mehr!« wurde getan, und eines Morgens kamen Großmama Vockel und Tante Helene verweint und

übernächtigt zu uns und brachten die Trauerbotschaft.

In der Nacht, während wir schliefen, hatte Mama uns für immer verlassen … Für immer? – das

ließ sich nicht begreifen. Wie hatte sie uns für immer verlassen können, die uns so

liebgehabt?

Unser Vater ließ sagen, daß er uns sehen wolle, und wir gingen zu ihm.

Im Speisezimmer trafen wir »Grandmaman« Bartenstein. Sie trat aus dem Gemach ihrer

entschlafenen Tochter uns entgegen. Wir blieben stehen. Ich erinnere mich der fast scheuen

Ehrfurcht, die mich bei ihrem Anblick ergriff. Auf den Mienen meiner Geschwister malte sich,

bewußt und unbewußt, dasselbe Gefühl. Es lag in dem Augenblick etwas Überirdisches in der

Erscheinung dieser Frau. Ein so großartiges Bild der Resignation hat sich mir nie wieder

dargeboten.

Man sagte uns, sie sei am Morgen gekommen, einige Stunden, nachdem sie die Meldung vom Tode

Mamas erhalten hatte. Sie sei niedergekniet am Bette und habe gebetet, das Gesicht in den

Händen, lautlos, tränenlos. Kein Beben durchlief ihre Glieder, kein Schluchzen hob ihre Brust,

aber allen Anwesenden war, als wohnten sie einer feierlich ergreifenden Andachtsübung bei.

Endlich hatte sie sich erhoben, hatte einen langen Kuß auf die Stirn der Toten gedrückt und

war hinweggeschritten, aufrecht wie immer.

Jener fernen Vergangenheit mußte ich gedenken, als diese stille Heldin vor nun auch schon

vierzig Jahren nach Zdißlawitz kam zur Hochzeit ihrer Enkelin, unsrer Sophie. Da besuchte sie

zum erstenmal das Grab ihrer Tochter. »Laßt mich dort allein!« sprach sie mit einer

Bestimmtheit, der niemand entgegenzutreten wagte. Nicht einmal auf dem Wege zur Gruft wollte

sie begleitet sein. –

Unser Vater hemmte nicht den Ausbruch seines Schmerzes. Der starke Mann war völlig gebrochen,

seine Stimme versagte, als er mit uns sprechen wollte, und er weinte mit seinen Kindern wie

ein Kind.

Wir aber – wie bald stellte sich die Reaktion ein gegen alle die dunkeln und herzzerreißenden

Eindrücke, die wir an diesem Tage empfangen hatten! – Wir spielten am Abend ganz vergnügt in

den Zimmern der Kleinen. Plötzlich entsann ich mich dessen, was geschehen war, und sagte zu

meiner Schwester: »Jetzt ist diese beste Mama gestorben, wir werden sie nie wiedersehen –

warum sind wir denn nicht traurig?«

»Warte nur«, erwiderte sie, »wenn erst die schwarzen Kleider kommen, dann werden wir schon

traurig sein.«

So spät wie noch nie traten wir die Reise nach Zdißlawitz an. Sie nimmt heute sechs Stunden in

Anspruch; damals dauerte sie anderthalb, und wenn das Wetter schlecht war, zwei Tage. Im

Reisewagen, uns gegenüber, auf dem Platze, den sonst Mama an der Seite unseres Vaters

eingenommen hatte, saß Tante Helene. Schwermütiger Ernst an der Stelle erquickender

Heiterkeit. Die traurige Jugend, die sie durchkämpft und durchduldet hatte in Mühsal und Leid,

warf einen Schatten über ihr ganzes Leben.

Es war kein geringes Opfer, das sie ihrem Bruder brachte, als sie sich entschloß, die Leitung

seines Hauses und der Erziehung seiner Kinder zu übernehmen. Sie gab damit ihre Unabhängigkeit

auf und den Frieden ihres kleinen, mit kunstvoller Sorgfalt geführten Haushalts, um an die

Spitze eines großen zu treten, in dem die verschiedensten Elemente sich geltend machen wollten

und dessen Herr ein unglücklicher, schwerlebiger Mann war.

Als ein langes Fest war uns sonst die Reise erschienen, und die Vorbereitungen zu ihr schon so

angenehm. Das Einpacken, besonders das der Unterrichtsgegenstände, die immer zuerst in den

Koffern verschwanden, welch ein Genuß! Und die Fahrt selbst, das Rollen über die Landstraße,

an den Pappelbäumen vorbei, durch Ortschaften und Dörfer. Das Wechseln der Pferde auf den

Poststationen, das lustige Trompetengeschmetter, mit dem die Postillone uns gern ergötzten,

denn sie wußten: »fürs Blasen« gibt’s ein Extra-Trinkgeld.

Zuletzt dann, die Krone des Ganzen, die Ankunft in Zdißlawitz. War das ein Drängen im

Schloßhof, wenn unsere Wagen hereinfuhren! War das ein Willkommenrufen und Versichern, man

hätte die Stunde, die uns wiederbringen sollte, kaum erwarten können! Nicht minder herzlichen

Willkomm als die Menschen bot die traute heimische Natur, boten die Felder, die Wiesen, die

blütenüberschneiten Bäume am Rande der Wege und im Garten jeder Halm und jeder Strauch. Kein

schöneres Wiedersehen aber als das mit unserer Lindenallee, unserem liebsten Spielplatz an

heißen Sommertagen – o wie herzlich habe ich oft gewünscht, ein Riese zu sein mit ungeheuern

Armen, um alle diese Wipfel umfassen und an mein Herz drücken zu können!

Nicht heiter wie sonst gestaltete sich nach dem Tode Mamas unsere Ankunft auf dem Lande. Nur

ernste Mienen, nur Kundgebungen der Teilnahme empfingen uns. Unser erster Weg führte in die

Gruft, wo eine Nische mehr zugemauert worden war. Wir kannten diese Stätte des Friedens gar

gut. Sie lag jenseits der Straße in einem schattigen Parke, den wir Kinder täglich besuchten.

Meine Schwester und ich traten oft in den stillen, kühlen Raum, um dort andächtig unserer

Toten zu gedenken. Nun kamen auch die »Kleinen« mit uns, und wir beteten zusammen, denn neben

unserer unbekannten-wohlbekannten Mutter schlief jetzt auch die ihre: unser aller vielgeliebte

Mama.

Unsere Unterrichtsstunden beim Herrn Verwalter wurden nicht wieder aufgenommen. Meine

Schwester und ich waren nun des Lesens und – wie man so sagt – des Schreibens kundig. Auch

einige Begriffe vom Rechnen und von der Geographie hatte im Laufe des Winters ein mit Geduld

reichlich ausgestatteter Lehrer uns in Wien beigebracht. Mademoiselle Henriette gewährte sich

und ihren Schülerinnen spärliche Einblicke in die Geheimnisse der französischen Grammatik und

gab uns täglich eine Anzahl Verse und eine halbe Seite Prosa zum Auswendiglernen auf.

Die Grammatik hätte unsertwegen ihre Geheimnisse für sich behalten können. Das allmähliche

Auswendiglernen einer Anthologie, die Fabeln von Lafontaine und viele hübsche Gedichte

enthielt, machte uns Vergnügen.

Eine sprudelnde Quelle des Glückes aber wurde mir die Histoire universelle von Louis Richard

dit Bressel. Es gibt nicht viele Menschen, deren Umgang mich erfreut und bereichert hat wie

mein Umgang mit diesem Buche. Dickleibig, großoktav, eng bedruckt auf dünnem Papier, in blau

und grün marmoriertem Pappendeckel – so präsentierte es sich. Aber welchen Schatz barg das

Innere dieser schlichten Erscheinung: eine Wünschelrute, die mich auf einen Wink in

Sagenwelten versetzte, in dunkle, in sonnighelle, die ältesten Zeiten in rätselhafter Ferne

vor mir auftauchen, mich die alten miterleben ließ. Bis zum Untergang des römischen

Kaiserreichs führte sie, und ich folgte ihr, ob leidend, schmerz- und haßerfüllt, ob in

jubelnder Bewunderung – immer voll brennender Spannung.

Es gab eine Zeit, da konnte man das Werk meines Historikers wo immer aufschlagen, mir einen

Satz vorlesen und mich auffordern, weiter fortzufahren, ich versagte nicht. Und bis heute ist

so manche Stelle dieses lieben Buches meinem Gedächtnis eingeprägt geblieben.

Felsenfest stand meine Freundschaft mit dem biederen Bressel, als ein Wundermann sich unserem

Bunde anschloß.

Er hieß Perrault.

Nach der Sage und der Geschichte fand eine neue Bereicherung meines Daseins, das holde

Märchen, sich ein. Und auch dieses reizumflossene Wesen ließ allen seinen Schimmer und all

seine Pracht einem ärmlichen Schreine entsteigen. Die jetzigen Kinder denken’s nicht, wie

kümmerlich die Hüllen gewesen sind, in denen unsere größten Reichtumsspender sich uns

darstellten. Perraults Märchenhort, von Madame Foa für kindliche Leser eingerichtet, bildete

den Inhalt von einigen unscheinbaren gelben Bändchen. Hie und da erschien im Texte ein

schwarzer Fleck, und wenn man recht aufmerksam hinsah, ließen Konturen sich erblicken. Ein

Kopf kam zum Vorschein, eine Gestalt, die man als zu ihm gehörend vermuten durfte, und – o

welches Entzücken, wenn man in ihr einen winzigen, aber ganzen Prinzen Percinet entdeckte! Ein

paar Seiten weiter, und da stand eine Dame im Schleppkleid, hatte die Form einer Stangenbohne

und statt des Gesichts einen Patzen Druckerschwärze, war aber in unseren Augen die Prinzessin

mit den goldenen Haaren und schön wie das Morgenrot.

Ja, damals war er noch ein ganz junges Bübchen, saß auf dem Schoße seiner Mutter, und sie

erzählte ihm die Märchen, die er später versinnbildlichen sollte mit seinem begnadeten

Griffel, der Genius Gustave Doré.

Wir hatten ihn noch nicht zum Führer und Lenker. In vollster Freiheit waltete unsere Phantasie

und wurde da schöpferisch, wo sie heute nur eine Nachempfinderin zu sein braucht. Meine

Illustrationen zu Bressel und Perrault malte ich mir selbst in die Lüfte.

Es waren schöne Stunden der Kunstbetätigung, und sie schlugen mir in der Zeit, die ich an

Sonn- und Feiertagen bei meiner Großmutter nach ihrer Rückkehr aus der Kirche zubrachte.

Die Fenster ihres Zimmers sahen links auf den Gruftgarten und rechts über die Felder und die

Wiesen. Weit gedehnt auf hügeligem Boden, senkten und hoben sie sich wie mit müdem, sachtem

Schwunge der fernen Bergkette zu, aus der, nur bei ganz klarem Himmel wahrnehmbar, der Hostein

majestätisch emporragt.

In der Vertiefung des einen Fensters stand auf zarten geschwungenen Beinen der Arbeitstisch

unserer Großmutter und davor ihr Stühlchen, eine ganz eigentümliche Sitzgelegenheit mit

niedrigen Seitenlehnen und ohne Rückenlehne. Über dem Arbeitstische hing das Bild der

verstorbenen Levrette. Als sie noch ein schmales Hündlein gewesen war, hatte sie ihren

Ruheplatz auf dem Stühlchen hinter ihrer Herrin erhalten und das Recht, sich dort

breitzumachen, im Sinne des Wortes rücksichtslos ausgeübt. Sie betätigte ihre Ausdehnungskraft

zuletzt derart, daß unsere arme Großmutter sich dos-à-dos mit ihr nur noch halb im Schwebesitz

behaupten konnte. Jetzt hatte Dame Levrette das Irdische längst gesegnet und saß, in Öl »auf

Leinwand verewigt«, ihrer ehemaligen Lagerstelle gegenüber.

Immer fleißig, häkelte und strickte die Großmutter schöne Bettdecken, feine Strümpfe für uns,

warme, dauerhafte Kleidungsstücke für die Armen im Dorfe. An Sonn- und Feiertagen arbeitete

sie nicht. Da holte sie einen Band der Stunden der Andacht von Zschokke aus dem Schranke und

vertiefte sich in dieses Lebenswerk des schweizerischen Schulmannes und Dichters. Es stammte

von unserem Großvater, der Protestant gewesen war, und seine gut katholische Witwe erbaute

sich daran.

Während sie ihre sonntägliche Feier abhielt, war ich abgereist nach dem Land der Träume.

In der Ecke neben dem zweiten Fenster befand sich ein großer Fauteuil. Vor ihn stellte ich

zwei fausthohe Pferdchen aus Pappe, türmte alle Polster des Diwans auf ihn, erklomm den hohen

Sitz, und nun – leb wohl, Vaterhaus, leb wohl, Heimat! Meine Pferde werden lebendig, ihnen

wachsen schimmernde, rauschende Flügel, der alte Fauteuil wird eine goldene Muschel mit weißen

weichen Seidenkissen und breiten Schleiersegeln, und ich fliege schneller als die schnellste

Schwalbe über die Berge und über ein weites Meer in mein himmlisch lichtes Märchenland.

Von den Abenteuern, die ich dort bestand, von den Wundertaten, die ich dort ausführte, habe

ich viele Jahre später – es ist nun auch schon lange her – einem kleinen Neffen erzählt, von

mir dabei in der dritten Person. So stark sein Glaube auch war – daß die kleine, alte Tante

selbst die Heldin all der Märchenromane gewesen, bei denen ihn oft gruselte, hätte er

vielleicht doch bezweifelt.

Manchmal, wenn es besonders lang still geblieben war in meiner Ecke, wandte die Großmutter

sich nach mir um und fragte: »Bist du noch da? Was tust du?«

Scheinbar tat ich nichts. In Wirklichkeit hatte ich eben einen Drachen getötet oder die

greuliche Stiefmutter Grognon in ein Faß voll giftiger Schlangen geschleudert.

Der Sommer und der Herbst vergingen. Wir fuhren wieder nach Wien, und dort wurden zwei neue

Lehrkräfte für uns bestellt. Ihre Aufgabe war, bei meiner Schwester und mir Talente

auszubilden, von denen ich keines besaß. Während Fritzi bald zu den besten Schülerinnen des

Tanzmeisters Monsieur Minetti gehörte, erlebte er keine Freude an mir. Jaleo de Xeres! du Kind

des stolzen Spaniens, welch ein Schmerzenskind warst du für mich! Deine Posen und Pas

studierten wir ein beim Geklapper unserer Kastagnetten und bei den Mißklängen der Gitarre, die

am Halse Herrn Minettis an einem Bande hing, das einst himmelblau gewesen war. Am 24. Februar,

dem Geburtstage Papas, sollten wir ihn und eine kleine gebetene Gesellschaft mit der

Aufführung des iberischen Tanzes ergötzen. Aber schon im Jänner raufte Minetti seine grauen

Lockenhaare und bombardierte den Plafond mit grimmigen Blicken. Ein Fiasko prophezeite er mir

und sich statt eines »Divertissements«, das wir darbieten sollten. Dabei fuhr er mit dem

breiten Daumen so wild über die Saiten seines armen Klimperkastens, daß er dröhnte. Manchmal

stampfte er auch mit dem Fuße, doch nicht ohne Zierlichkeit.

Nur der Mühe, die meine Schwester sich mit mir gab, nur der unerschöpflichen Geduld, mit der

sie mich anhielt, den unseligen Jaleo immer von neuem mit ihr einzuüben, dankte ich den

kleinen Erfolg, den ich schließlich im Schatten ihres großen Erfolges errang.

Indessen – meine Leiden beim Tanzunterricht zählten nicht im Vergleich zu denen bei den

Klavierstunden, die eine Frau Krähmer uns erteilte. Eine strenge Lehrerin und nicht bloß gegen

mich, die musikalisch völlig Unbegabte, sondern auch gegen meine Schwester, die, talentvoll

und fleißig, eine freundliche Behandlung verdient hätte. Doch erlitten auch ihre Finger harte

Zurechtweisungen mittels eines Stabes aus Elfenbein, den Frau Krähmer immer bei sich führte

und meisterhaft zu gebrauchen verstand. Seine Aufgabe war, die Noten anzuzeigen, auf die man

eben seine Aufmerksamkeit zu richten hatte, aber er trieb mit Eifer eine Nebenbeschäftigung.

Er sauste mit einer Sicherheit, die nie verfehlte, und einer Kraft, die nie versagte, auf den

Finger nieder, der sich einer Abirrung von der richtigen Taste schuldig machte. Er traf den

Knöchel so hart, daß es klapperte, und flog gleich wieder zu den Noten empor, und die hätte

man genau unterscheiden sollen, wenn einem die Augen in Tränen schwammen? Einen Einwand zu

erheben, wagten wir nicht; dazu war Frau Krähmer viel zu imposant. Nur eine der anderen

vertrauten wir an, daß wir doch recht arme Kinder wären mit einem Drachen als Gouvernante und

einer mitleidslosen Klaviermeisterin.

Ganz regelmäßig schloß mein Morgengebet mit dem dringenden Flehen: »Lieber Gott, mache, daß

Frau Krähmer heute nicht kommt!« Daran fügte ich ein Direktiv für unseren lieben Herrgott.

Nicht etwa weil ein Unglück sie getroffen hat, weil sie vielleicht auf der Straße überfahren

worden ist. Nein, nichts Böses soll ihr geschehen sein, im Gegenteil, etwas sehr Angenehmes,

aber nur etwas, das sie abhält, heute zu kommen. Wie ein richtiger Bettler sorgte ich nicht

über das Heute hinaus.

Mein Gebet wurde nie erhört. Jeden Morgen mit dem Glockenschlag der zehnten Stunde sahen wir

von unserem Fenster aus die Gefürchtete pflichttreu und pünktlich auf den Gang treten. Sie

trug einen großen schwarzen Hut mit weit ausladendem Schirm, der unter dem Kinn festgebunden

war und den sie nie ablegte. Ihr edles, schmales Gesicht sah aus seinem Hintergrunde hervor

wie aus der Tiefe einer sehr schattigen Laube. Auch von ihren unförmlich großen und dicken

grauen Handschuhen trennte sie sich nicht. Nur den dunkeln Tuchmantel, der mehrere Kragen

hatte, wie zu jener Zeit die Mäntel der Fiakerkutscher, zog sie aus. Seltsam war’s, wenn sich

aus dieser weitläufigen Umhüllung eine mittelgroße, feine Gestalt herausschälte, der man die

Kraft nicht zugetraut hätte, eine so schwere Last zu schleppen. Mit augendienerischer

Beflissenheit suchten wir uns dabei unserer Lehrerin nützlich zu machen. Dann nahm eine von

uns beiden Platz am Klavier, die andere setzte sich ans Fenster, faltete ein Blatt ihres

Grammaireheftes vierfach zusammen und trug in die so hergestellten Abteilungen die Conjugaison

eines Verbes gedankenlos und mechanisch ein.

Beim Fortgehen ermahnte uns Frau Krähmer, fleißig zu üben, und trabte fort auf Stiefeln, in

ihrer Art ebenso wuchtig wie der Mantel. Mademoiselle spöttelte ihr nach, sie trage die

Kleider ihres verstorbenen Gatten zum Andenken an ihn. Dieser unwürdigen Zuhörerin hatte sie

erzählt, daß ihr Mann ein ausgezeichneter Musiker gewesen, vom Unglück aber immer verfolgt

worden war. Seine Familie blieb, als er starb, in Armut zurück. Seitdem erwarb die Mutter das

tägliche Brot für sich und für ihre fünf Kinder. Um auch nur zu ahnen, was das heißt, waren

wir nicht gescheit genug. Zwei ihrer Söhne wollten auch Musiker werden. »Der ältere ist ein

Genie«, sagt Madame Krähmer, »und wird ein großer Künstler und sehr berühmt und reich werden.«

Bis dahin muß sie aber »courir le cachet« und Unterricht geben im Klavier, das noch dazu gar

nicht »son instrument« ist. Ihre Meisterschaft übt sie aus auf der – man denke! –, auf der

Klarinette! Mademoiselle fand kein Ende mit Witzeleien über diese Klarinette. Es war ja doch

»le comble du ridicule«, daß eine Frau sich’s einfallen ließ, anders als zum Spaße mit

gespitzten Lippen in ein hölzernes Rohr hineinzublasen. Wirklich, einer solchen

Geschmacklosigkeit war nur eine Deutsche fähig! Wir in unserer Abneigung gegen Frau Krähmer

gingen gern auf diese Scherze ein und freuten uns wie auf eine große Ergötzlichkeit, als

Großmama uns eines Tages ankündigte: »Frau Krähmer gibt ein Konzert im Musikvereinssaale, und

ihr dürft mich dahin begleiten.«

Viel zu früh kamen wir; unsere Ungeduld hatte sich nicht bändigen lassen. Fast noch leer

gähnte der Saal uns an, als wir eintraten, und füllte sich nur langsam. Kleine Füße kamen

angetrippelt; die Schüler und Schülerinnen der Konzertgeberin erschienen unter der Obhut ihrer

Eltern oder des Erziehungspersonales. Ehrenplätze nahmen einige ältere Herren ein, die von

vielen jungen Männern und jungen Fräulein respektvoll begrüßt wurden.

»Das sind die Professoren«, sagte die Großmama.

Du lieber Gott, wenn man vor so einem spielen sollte!

Von den Darbietungen derer, die bei diesem Konzerte aus Gefälligkeit mitgewirkt haben, weiß

ich nichts mehr. Aber vor mir schwebt deutlich, unvergeßlich ein ergreifendes Bild: Frau

Krähmer zwischen ihren beiden Söhnen. Der jüngere, ein Jüngling von etwa fünfzehn Jahren,

handhabte seine Viola mit Ruhe und erstaunlicher Sicherheit, stillvergnügt in der Ausübung

seiner Kunst. Der ältere, der Violinspieler, war hoch aufgeschossen, hager und hatte

auffallend rote Flecke auf den Wangen. Er wandte die leuchtenden dunkeln Augen nicht von

seiner Mutter. Fragend, erratend ruhten sie auf ihr, und aus ihnen sprach Vergötterung. Ja,

ich habe das gesehen! – oder vielmehr damals nur geahnt. Die größte Zärtlichkeit, die ein

Menschenherz empfinden kann, die hervorgeht halb aus Begeisterung, halb aus Erbarmen,

leuchtete aus diesem Sohnesblick.

Und sie, seine Mutter … Schüchtern fast war die gefürchtete Meisterin vor ihre Schüler

getreten und stand da, eng umschlossen von einem schwarzen Seidenkleide, das in spärlichen

Falten an ihr niederhing. O gewiß! wenn Kleider sprechen könnten, das ihre hätte gesagt: Was

zerrt ihr mich aus meiner Dunkelheit ans Tageslicht, das zum Verräter wird an meinem

Gebrechen? Eine ähnliche Sprache hätte wohl das kleine Spitzentuch geführt, das über der Brust

Frau Krähmers gekreuzt war. Auf dem Kopf trug sie eine weiße unter dem Kinn gebundene Haube,

und jetzt sah man erst, wie schön braun ihre glatt gescheitelten Haare noch waren und wie rein

das Oval ihrer Wangen sich erhalten hatte. Und ihre Hände, die wir heute zum erstenmal ohne

Hülle erblickten, mußte man bewundern. Schlanke Hände mit seelenvollen Fingern. Ihre Spitzen

berührten abwechselnd eine oder die andere der blanken Klappen des Instruments, aus dem die

Meisterin wie mit leisen Küssen liebliche Töne hervorlockte.

Heitere Melodien erklangen; manchmal glaubte man das silberne Lachen eines Kindes zu hören. Es

hob sich hell ab von dämmeriger Begleitung. Die Stimmen der Viola und der Violine schmiegten

sich ihr an, trugen sie, blieben immer voll Hingebung dienend und untertan, ob ihr tiefernster

Gesang in breitem Strome flutete und brauste, ob er kristallklar dahinglitt mit seidiger

Geschmeidigkeit.

Es war traumhaft schön. Man konnte eine Landschaft vor sich hinzaubern unter grauem Himmel mit

weitem Ausblick in die Ferne; alle Umrisse unbestimmt, die Farben ineinander verschmolzen.

Aber verborgen in den Zweigen eines Baumes hatte sich ein Vogel – der sang. Sang Licht und

Duft und Farbe in die graue Landschaft hinein … O du gebenedeites Kehlchen! Gebenedeit vor

allem, die uns von seinen Wundertönen träumen läßt – die Klarinette Frau Krähmers.

Mit fanatischer Bewunderung sah ich zu der genialen Künstlerin im dürftigen Gewand empor, mit

derselben Empfindung, meine ich, mit der ihr Sohn sie ansah. Auch in meine Bewunderung mischte

sich ein namenloses Mitgefühl. Ich bin ja damals nur ein unwissendes Kind gewesen, aber davon

hatte ich gehört: Todesrosen nennt man die roten Flecke, die auf den eingefallenen Wangen

junger, hagerer Menschen brennen. Sah die Mutter die Rosen auf den Wangen ihres Lieblings,

ihrer Hoffnung, ihres Stolzes, nicht?

Beim Nachhausekommen wurden wir von Fräulein Henriette mit Gespöttel über den Genuß, den wir

gehabt hatten, empfangen. Sie schrieb unsere Versicherungen, daß es herrlich gewesen sei,

einem esprit de contradiction zu, den sie versprach uns auszutreiben. Meine Schwester schwieg

und bat auch mich zu schweigen. An dem Tage schluckte ich denn meinen Ärger hinunter; als

Mademoiselle aber am nächsten wieder anfing, sich über das Konzert Frau Krähmers lustig zu

machen, brach ich los. All mein Groll und Haß gegen sie machte sich Luft, ich tobte, ich ließ

mich durch ihre Drohungen nicht einschüchtern. Schwören möchte ich nicht darauf, fürchte aber

sehr, daß ich ihr eine Ohrfeige angetragen haben dürfte. Und als sie, nicht minder zornig als

ich, zu Papa zu gehen und mich bei ihm zu verklagen drohte, riß ich, tollkühn vor Wut, die Tür

auf und rief: »Gehen Sie! Gehen Sie!«

Sie machte von meiner Einladung keinen Gebrauch; sie fühlte sich doch nicht so ganz im Rechte;

aber eine Reihe von Strafen kündigte sie mir an, die damit anfing, daß ich in die Ecke treten

und dort stehen mußte, bis Frau Krähmer zur Stunde kam.

Wir hatten ausgemacht, meine Schwester und ich, daß wir auf sie zugehen und ihr die Hand

küssen würden. Doch verging uns bei ihrem Anblick der Mut dazu. Wir brachten nur stammelnd

heraus, daß es gestern so schön gewesen wäre – so schön. Sie wies uns kurz ab; sie war nicht

mehr die herzbezwingende Künstlerin, sie war wieder die strenge Lehrerin. Emsig wie immer flog

der Elfenbeinstab vom Notenblatt herunter auf die Knöchel meiner Finger. Indessen – das große

Mitleid ist eine große Kraft, eine, die doppelt wirkt. Sie beschützt den, der sie erregt, sie

macht den unverletzlich, der sie empfindet. Die Klapse taten nicht mehr weh.

Diese Unterrichtsstunde war eine der letzten, die Frau Krähmer in unserem Hause erteilt hat.

Der Frühling brach an, und wir verließen Wien. Nach unserer Wiederkehr sollten die

Klavierlektionen wieder aufgenommen werden. Die Lehrerin wurde berufen. Sie kam nicht. Sie

war, sagten ihre Hausleute, nach dem Tode ihres älteren Sohnes verreist. Wohin wußten sie

nicht, vermuteten nur: nach Deutschland. Einige ihrer Schüler hatten schon Erkundigungen

eingeholt, aber nichts von ihr erfahren können.

Weil sie tot ist, weil sie ganz gewiß tot ist, bildete ich mir ein und malte mir aus, wie

traurig ihr Sterben gewesen sein mußte, in der Fremde, in Armut und Einsamkeit. Ich dachte oft

an sie, träumte von ihr, sah sie vor mir stehen im Konzertsaale auf dem Podium zwischen ihren

Söhnen. Und die Erinnerung an diesen ergreifend wehmütigen Anblick ist zum Ereignis geworden

in meinem Leben. Sie hat dazu beigetragen, es auf die Tonart zu stimmen, in der es sich

abspielen sollte. Ein Begriff war mir aufgegangen von dem Leiden, das in der Welt ist und

neben uns hergeht mit erhobenem Haupte und geschlossenen Lippen, von einer Armut, die darbt

und ringt, ohne je zu sagen: Gib! Hilf! Ganz unbestimmt noch, eben nur als leises Vorgefühl,

war ein trotziges und selbstsüchtiges Mitleid in mir erwacht, ein Wille zum Leiden. Nicht weil

die anderen etwas davon haben, sondern weil mein Leiden mir das ihre erleichtert.

Im Frühjahr 1839 begleitete ein neuer Hausgenosse uns auf das Land: Just Dufoulon, ein

neunzehnjähriger bildhübscher Franzose – ein Erzieher für unsere Brüder in Gestalt eines guten

Kameraden. Seine Mutter war mit ihm von Paris nach Wien gekommen und dort unser täglicher Gast

gewesen. Sie wünschte die Familie kennenzulernen, an die sie den einzigen Sohn hingab. Es

bestand eine Ähnlichkeit zwischen ihrem Schicksal und dem der Frau Krähmer; auch Madame

Dufoulon war Witwe, auch sie setzte auf das Haupt eines geliebten Kindes alle ihre Hoffnungen

– und ebenso schmerzvoll sollten sie getäuscht werden.

Vom ersten Tage an erschien »Monsieur Just« uns Kindern wie ein älterer Bruder. Der Respekt

war da, aber die Liebe überwog.

An Liebe hat es ihm überhaupt bei uns nicht gefehlt, und nur allzu heiße brachte ihm ein Herz

im Sturme dar, denn es war ein gar feuriges, es war das Herz seiner Kompatriotin.

Monsieur Just wurde der Anführer aller unserer Spiele und mein besonderer Freund, obwohl meine

Eitelkeit oft schwer durch ihn litt. Er behauptete regelmäßig den Sieg beim jeu de barre und

beim Wettlauf, und schlug er mich einmal nicht, dann war meine Demütigung erst recht groß.

Dann fühlte ich mich von ihm als ein albernes Kind behandelt, das man gewinnen läßt, und dann

strafte ihn mein entrüstetes: »Monsieur, vous trichez!«

Ich hatte im Garten einen Umkreis ausgemittelt, den ich in zehn Minuten zu umlaufen vermochte.

Ich allein, niemand sonst, nicht einmal Mademoiselle. Doch mußte ich meinen Ruhm mit

Seitenstechen bezahlen, die sich nach vollbrachter Heldentat einstellten.

Und nun begab es sich, daß Monsieur Just, dem ich eine Wette angeboten hatte, denselben Weg in

fünf Minuten zurücklegte.

Tief betrübt und beschämt sah ich ihn an. Er war sehr rot, und auf eine kleine Genugtuung

hoffte ich doch noch und fragte: »Monsieur, avez vous des picotements?«

Er lachte nur, er war herrlich bei Atem, und meine Brüder, diese miserablen Kleinen,

bejubelten ihn, bejubelten den Sieg ihres jungen Galliers über die hannakische Atalante.

Bald danach war aber Monsieur Just in Gefahr, sein Ansehen bei ihnen einzubüßen.

In dem kleinen Park, wo die Gruftkapelle sich erhebt, breitet ein üppiger Wiesengrund, von

prachtvollen Kastanienbäumen und dichten Gebüschen umsäumt, seinen blumendurchwirkten Teppich

aus. Dorthin hatten wir an einem heißen Sommernachmittag unsern Spielplatz verlegt. Ein

»Cinquante et un« war eben im besten Gange, als plötzlich in dem Geäste und Gezweige über uns

kreischendes Vogelgezwitscher laut wurde. Todesbang und kriegerisch zugleich, ein

verzweifelter Schlachtruf, pflanzte es sich weit und weiter fort. Hunderte von kleinen Stimmen

waren laut, piepsten, pfiffen, kleine Flügel rauschten, das gefiederte Völkchen schoß umher

wie toll. Man kennt den Grund eines solchen Aufruhrs. »Ein Raubvogel! Ein Raubvogel!« riefen

wir und rannten ins Freie, auf die Wiese hinaus.

Und richtig, wir sahen ihn. Ruhig und majestätisch und scheinbar regungslos schwebte auf

ausgebreiteten Schwingen der Gefürchtete, der Gehaßte, der den jungen Vögeln im Neste die

Mutter raubt, Wachteln würgt und Rebhühner und unsere armen Tauben … ein riesiger Geier.

Monsieur Just, die Brüder wurden wie von einem Fieber ergriffen. – Ein Gewehr … O Gott, wer

eines hätte und den Übeltäter herunterschießen könnte! Ein Gewehr … Ach, der Papa hat so viele

Gewehre – aber niemand würde wagen, eines nur anzurühren ohne seine Erlaubnis …

Monsieur Just, Adolf, der schöne, starke, rotwangige Junge, sind ratlos; dem kleinen Viktor

kommt ein Gedanke. Im Bedientenzimmer, da hängt an der Wand ein altes Geschütz, ein Tromblon,

und ist immer geladen. Er weiß das. Also vorwärts! Her damit! Monsieur Just rennt, stürzt dem

Schlosse zu, die beiden Büblein ihm nach … Sie kommen nicht weit, er ist schon hinter der

Kapelle verschwunden, während sie kaum die Mitte der Wiese erreicht haben. Dort stehen sie und

warten und »fippern« vor Spannung und Ungeduld, und wir stehen bei ihnen und warten und

»fippern« auch. Der Geier hat einen Stoß nach abwärts gemacht, spreizt sich völlig

herausfordernd: Zielt nur, trefft! Die Aufregung der Brüder ist unbeschreiblich. Adolf glüht

vor Blutdurst, Viktors bis zur Pein gesteigerte Spannung gibt ihm einen Stich ins Gelbe; er

möchte seine schmächtige Gestalt bis zum Geier hinaufdehnen können, er streckt sich, er hüpft

ratlos bald auf der einen, bald auf der anderen Fußspitze. Mademoiselle ist dieses Mal eines

Sinnes mit uns und verkündet jubelnd die Rückkehr Monsieur Justs … sie hat ihn zuerst erblickt

auf dem Wege vom Schlosse her. Nur unsere Älteste will nicht, daß geschossen werde, und

verstopft sich die Ohren. Aber da hilft nichts mehr, der Schütze kommt gestoben, rennt wie ein

Verfolgter und ist es auch – es sind Leute hinter ihm her, sie schreien ihm nach, sie drohen …

Mademoiselle Henriette versteht etwas Deutsch, etwas Böhmisch, sie ist auf die Warnungen

aufmerksam geworden, die Monsieur Just zugerufen werden. Wir haben ihn mit Ausbrüchen der

Begeisterung empfangen. Er steht da, den unförmigen Schießprügel in den Händen, sieht sieghaft

empor, legt an … Da fällt Mademoiselle ihm in den Arm und schreit: »Au nom du Ciel, ne tirez

pas!«

»Halt!« lassen sich nun schon aus der Nähe die Stimmen des Zimmerwärters und anderer Diener

vernehmen. »Nicht schießen! Das alte Zeug platzt Ihnen in der Hand!«

Voll Entsetzen erklärt Mademoiselle dem jungen Mann, an den sie sich herandrängt, die

Bedeutung dieser Worte. Er wehrt sie ab, zögert aber doch …

Und nun stürzt der kleine Viktor vor Monsieur Just auf die Knie. Er hebt die Arme zu ihm

empor, er verschlingt krampfhaft die Finger und keucht und fleht: »Tirez! Je vous aimerai! je

vous adorerai! Tirez! tirez!«

Der heiße Wunsch seines Kinderherzens blieb unerfüllt. Monsieur Just ließ sich überzeugen, daß

es Unsinn wäre, die Muskete in Gebrauch zu nehmen, die soviel Neigung zeigte, aus Ärger

darüber, daß man ihr eine Anstrengung zugemutet hatte – zu bersten.

»Aber der Geier! der Geier!« schreien die Buben. Die Leute beruhigen sie: »Geduld! Der Franz«

– das war Papas Büchsenspanner – »kommt schon, wird gleich dasein, der holt ihn herunter.«

Der Franz! … Nun stehen alle unsere Hoffnungen auf dem Franz. Zum größten Glück läßt er nicht

auf sich warten. Meine Brüder und ich, wir laufen ihm entgegen. »Hierher! da, sehen Sie, da!«

Wir rufen alle durcheinander, jedes weiß den Platz am besten, auf dem Franz sich aufstellen

soll. – »Da?«

Franz schaut in die Höhe, schaut und schaut und murmelt etwas, das einem Fluch zum Verwechseln

ähnlich ist.

Der stolze Vogel hatte seine Feindesschar mit einem leichten Flügelschlag gegrüßt, in ruhiger

Majestät einen großartigen Kreis umschrieben und war dann plötzlich wie ein abgeschossener

Riesenpfeil am Himmel hingeflogen und verschwunden.

Viktor ballte sein Fäustchen gegen Monsieur Just. »Poitron, va!« sagte er.

Und noch von einem an Gemütsbewegung nicht minder reichen Erlebnis aus jener Zeit weiß ich zu

berichten; von einer Begegnung mit einer Katze.

Von klein auf hatte ich einen Abscheu gegen das ganze Geschlecht dieser samtpfötigen

Raubtiere, dieser Vogelmörder mit dem unhörbaren Schritt, den widerwärtig weichen Bewegungen,

den falschen phosphoreszierenden Augen. Mich überlief’s bei ihrem Anblick, Hände und Füße

wurden mir eiskalt, ich zitterte am ganzen Leibe, wenn meine Geschwister ein Kätzchen ins

Zimmer brachten. Das kam übrigens selten vor, auch mein Vater liebte diese Tiere nicht, man

hielt sie nicht im Hause und verjagte sie aus dem Garten.

Eines Tages ging ich über den Hof, der Lindenallee entgegen an den hohen Blumengestellen

vorbei. Zwischen einem von ihnen und den Gebüschen, die seine Rückwand verdecken, befand sich

ein Bottich mit Wasser zum Begießen der Blumen. Da, wie gesagt, ging ich vorbei und vernahm

plötzlich ein Kratzen und Plätschern, wie wenn sich etwas aus dem Wasser herausarbeiten wollte

und immer wieder hineinplumpste; dazwischen, dünn und schrill, ein angstvolles,

hilfeheischendes Miauen. Es durchblitzte mich … Eine Katze! Eine Katze ist ins Wasser gefallen

– oder hineingeworfen worden … Es gibt böse Menschen, die so etwas tun, die grausam sein

können gegen Tiere … Haben wir nicht unlängst eine Fledermaus gesehen, eine jämmerliche! Der

Sohn des Gärtners hatte ihre Flügel an ein Brett genagelt … Wie sie pfiff, wie ihr kleiner

Körper bebte, wie sie rang … Oh, herzzerreißend! – und dort die Katze, die krallt und miaut,

ringt auch um ihr Leben … und das muß qualvoll anzusehen sein … Ich wandte mich und eilte

vorbei. Aber bald regte sich das Gewissen und auch – die Eitelkeit. Soll ich sie zugrund gehen

lassen, weil sie mir zuwider ist? Es wäre schlecht, es wäre feig! … Ich werde doch nicht feig

sein – ich!

Also zurück durchs Gebüsch und mutig hinzugetreten an die Stätte des Grauens … Mutig, ja, das

war ich im Vorsatz, in der Tat elend vor Angst. Es wurde schlimmer, je näher ich dem Bottich

trat, es wurde Entsetzen, als ich, mich auf die Fußspitzen stellend, ein scheußliches Ding

gewahrte, ein mit dunklem, struppigem Fell überzogenes Skelett … Es haut um sich mit langen,

dürren Beinen, es krümmt einen fürchterlichen Rücken … Wie Knoten in einem Stricke stehen die

Knorpel hervor … Und danach die Hand ausstrecken, es anrühren, das sollst du, das willst du? …

Ich tu’s! … Vom Fieber des Abscheus geschüttelt, ergreife ich das Ding und hebe es in die

Höhe. – Aber da ringelt sich sein fadendünner Schwanz, da faucht es mich an, setzt an zum

Sprung in mein Gesicht … Oh, du Miserables! Empört und schaudernd werfe ich es auf den Boden

und laufe davon und bilde mir ein, daß es mir nachläuft … ja, ja, ich höre es, es faucht, es

ist schon nahe, es wird mich erreichen, an mir hinaufspringen … Und ich renne mit klopfendem

Herzen, mit versagendem Atem, ich Heldin, vor einem eingebildeten Verfolger durch Gartengänge,

über Wege und Wiesen, bis meine Füße versagen und ich in Angstschweiß gebadet niederstürze …

Ich weiß die Stelle gar gut, und wenn ich an ihr vorbeikomme, gedenke ich noch oft lächelnd

jener Schreckensstunde.

Am nächsten Tage fragte ich den alten Gartengehilfen: »Sag mir, wer wirft denn da bei uns

Katzen ins Wasser?«

Ob ich das Vieh in dem Bottich meine? Ja, das hatte er hineingeworfen. Aber es krabbelte sich

heraus, und da schlug er es tot.

Totgeschlagen hatte er’s! Und womit denn? – »Ja, mit der Schaufel; mit der da. Was eine Katze

ist, wird nicht geduldet im Garten. Und das war nicht einmal eine rechte, war so was Halbes.«

»Und was war denn die andere Hälfte? vielleicht ein Ratz?«

Er gab darüber keine Auskunft, und ich war im stillen ganz zufrieden mit dieser Lösung der

Dinge, betrachtete aber doch das Mordinstrument mit Gruseln und auch ihn, der etwas erschlagen

hatte.

Wie zur Rechtfertigung wiederholte er, daß Katzen im Garten durchaus nicht geduldet werden

dürfen.

»Nicht einmal halbe?«

»Oh, die schon gar nicht!«

In dem Gedichte in Prosa Schattenleben gab ich Rechenschaft von einer eigentümlichen

Vorstellung, mit der ich meine ganze Kindheit hindurch gespielt habe.

Da hat es mich denn sehr überrascht, als ich kürzlich in einer von Tolstoi erzählten

Geschichte seiner Jugend die Schilderung der ganz gleichen Erscheinung fand. Auch er hat unter

ihrem Banne gestanden, und ich habe seitdem gehört, daß es sich damit nicht um etwas

Exzeptionelles bei Kindern handelt. So manche sollen von dem Zweifel an der Wirklichkeit

dessen, was sie umgibt, heimgesucht sein. Bei mir hatte der Zweifel sich allmählich zur

Überzeugung herangebildet.

Der Himmel, zu dem ich emporsah, die Sonne, der Mond, die Sterne und die Landschaft, die mich

umgab, und was sie belebte oder vielmehr zu beleben schien, das alles war nicht. Meine Augen

nur zauberten es hin. Wohin mein Blick fiel, wölbte sich das Firmament, breitete ein Stück

Erdenwelt sich aus. Wohin aber mein Blick nicht drang, da war das Nichts, die Leere. Vor mir

die Welt, hinter mir das schreckliche Nichts, grau, stumm, tot. Oh, wie brannte ich darauf,

ihm einmal auf die Spur zu kommen, diesem Nichts! Unheimlich war’s und häßlich, sich immer

sagen zu müssen: Es gähnt hinter dir her, macht sich breit in seiner grenzenlosen Armut und

unaussprechlichen Langweiligkeit.

Nein, ich wollte mich nicht beständig von ihm narren lassen, ich wollte es entlarven und ihm

auf sein schnödes Geheimnis kommen.

Und ich rannte, so schnell ich nur konnte, in den Garten tief hinein bis an den Zaun, und

dort, rasch wie ein Blitz, sah ich mich um … Aber da war schon wieder alles aufgestellt, die

Gesträuche, die Bäume, Blumenbeete und Wiesen. Meine Augen waren immer zu langsam gewesen,

kamen immer zu spät.

Manchmal faßte ich kühne Entschlüsse. Wenn die Menschen nicht sind, wenn ich sie mir nur

einbilde, will ich sie mir so einbilden, wie sie sein müßten, um mir bequem und angenehm zu

sein. Ich will mir einen Papa einbilden, den ich nicht fürchte, und eine Gouvernante, die mich

nicht quält. Und einem in dieser Weise umgestalteten Papa, einer Mademoiselle Henriette, die

eitel Liebe und Güte war, begegnete ich dann mit einer unbefangenen Vertraulichkeit, die

äußerst mißfälliges Staunen erregte und mir manche Strafe zuzog. Das war gleichsam der

stimmende Akkord zu der Erfahrung, die ich im späteren Leben so oft machen sollte. Über keines

der Wesen, die ihre Existenz wirklich nur unserer Einbildungskraft verdanken, haben wir

unumschränkte Macht. Wir können sie ins Leben rufen, sie aber nicht handeln lassen nach unserm

bloßen Gefallen. Sind es Menschen, die den Namen verdienen, dann haben sie ihre eigenen

Gesetze, müssen tun nach ihrer eigenen Natur und sich aus diesem Tun ihr Schicksal bereiten.

Zu jener Zeit, in der die irdische Welt mir zu einer Sinnestäuschung herabgesunken war, hatte

ich mir eine andere, eine so schöne hergestellt, wie eine Kinderphantasie sie nur jemals

erschuf. Sie befand sich weit drüben jenseits der Berge und eines großen Meeres. An heißen

Sommertagen, wenn die Sonne im Scheitel stand und die Sonnenstäubchen glitzerten wie Diamanten

– wenn ich da recht lang zum Himmel hinaufblickte, da glaubte ich in der leuchtenden Bläue

mein Land sich spiegeln zu sehen. Seine Wälder blieben immer dicht, immer blühten seine Blumen

und reiften seine Früchte. Die Männer waren hohe Göttergestalten, die Frauen alle wie

Feenköniginnen. Die Hauptsache aber waren die unzähligen Kinder, von denen mein Land wimmelte.

Sehr verschiedene Kinder und durchaus nicht alle gut und schön, aber alle so vollkommen frei

wie junge Füllen auf unabsehbaren Weiden. Ich malte mir ihr buntes Treiben, ihre Spiele und

ihre Kämpfe aus, ich dachte mich in sie hinein, ich war sie. Einmal die, einmal der, einmal

das mit allen Tugenden geschmückte opferdurstige kleine Mädchen, einmal ein übermütiger,

wilder Junge. Nicht immer konnte ich dann die Gestalt, in der ich eben einhergewandelt war,

sofort ablegen. Es blieben Überreste von ihr an mir haften. Und wieder überraschte ich meine

Umgebung durch ein Gebaren von ganz besonderer Art. Gewöhnlich holte meine Schwester mich

herab von einem Gipfel der Vollkommenheit oder strafte mein keckes und bubenhaftes Benehmen,

indem sie ein sehr trauriges Gesicht machte, mich mit schmerzlicher Mißbilligung ansah und

sagte: »Du bist aber heute wieder so kurios!«

Damit brachte sie mich augenblicklich zu mir, denn »kurios« sein wollte ich um keinen Preis.

Es erschien mir, ohne daß ich einen Grund dafür hätte anführen können, sehr schimpflich.

Allmählich genügte es mir nicht mehr, nur in Gedanken in meinem Lande zu weilen, und ich

eröffnete eine Korrespondenz mit seinen Bewohnern. Ich schrieb kleine Briefe auf das feinste

Papier, das ich auftreiben konnte, und übergab es den Lüften zur Besorgung. So wurde Uhlands

guter Rat: »Gib ein fliegend Blatt den Winden« von mir befolgt, bevor er mir zur Kenntnis kam.

Glückwünsche zu dem beseligten Leben, das meine fernen Freunde führten, Ausbrüche der

Sehnsucht und Grüße bildeten den Inhalt meiner Briefe. Ich schrieb jeden mehrmals ab, bevor er

mir endlich würdig schien, seine Reise anzutreten. Wenn er aber so weit gebracht war, dann

kannte meine Ungeduld, ihn abzuschicken, keine Grenzen. Da gab’s nur noch einen Wunsch: den

günstigsten Augenblick erspähen, in dem ich ihn seinen Flug unbemerkt antreten lassen konnte.

Eine Stelle war dazu auserwählt; sie befand sich in der südöstlich gelegenen Ecke, die der

Garten gegen die Fahrstraße und die Felder bildet. Ein Erdhügel ist dort aufgeschichtet, der

einem Gartenhause zum Postament diente, einem hölzernen, weiß angestrichenen Rundbau mit rotem

Kuppeldache. Die kleine Anhöhe bietet an sonnigen Sommertagen eine freundliche Aussicht auf

die wellige, fruchtbare Landschaft, auf das in weichen, warmen Tönen schimmernde Marsgebirge,

auf den abgestumpften Kegel des Klum, der jetzt bewaldet ist, auf dem aber damals nur ein paar

einzelne Bäume standen.

Für uns knüpft sich an ihn eine Erinnerung, die mir etwas Ergreifendes hat.

Im Jahre 1829 kehrte unser Großvater Vockel aus Pyrmont, wo er vergeblich Heilung von einem

Brustleiden gesucht hatte, zurück. Auf dem Gipfel des Klum ließ er den Reisewagen halten,

stieg aus und überblickte zum letztenmal die Stätte seiner langjährigen und erfolgreichen

Tätigkeit. Ein verwahrlostes Gut hatte er übernommen, ein sorglich und weise gepflegtes, das

seine Freude geworden war, schickte er sich an für immer zu verlassen. Klein mußte von dort

oben das Bereich seines Strebens und Wirkens ihm erscheinen und nur wie ein weißer Strich im

Grün sein geliebtes Haus. Aber sagen durfte er sich, daß er in diesem kleinen Bereich zum

Segen gewaltet hatte und daß sein Wohnort für die Hütten in seiner Nähe Schutz und Schirm

gewesen war.

Und nun, nicht ganz zwei Jahrzehnte später, stand die törichte Enkelin dieses Edlen und Weisen

dem Klum gegenüber und hielt einige mit großer Kinderschrift beschriebene Papierstreifen in

der Hand: ihre offenen Briefe an unbekannte Empfänger.

Sogar an – bei uns seltenen – windstillen Tagen war das Gartenhaus auf seinem Hügel von

unermüdlich spielenden Lüften umweht. Immer war ich sicher, dort den Boten bereit zu finden,

der mein Sendschreiben übernehmen und befördern sollte. Am schönsten war’s bei heftigem

Sturme, wenn die Wetterfahne, die in Gestalt eines Blätterkranzes das Dach bekrönte, sich

knarrend drehte und das Ährenmeer auf den Feldern große Wellen schlug.

Dem Sturm vertraute ich mit Entzücken meine papiernen Brieftauben an, hielt sie hoch empor,

war glücklich, wenn er sie mir entriß und sie bald nur noch wie weiße Pünktchen vor meinen

Augen aufblitzten im Sonnenlicht … flogen, flogen – und meine Gedanken ihnen nach. Wer wird

sie finden? Ein Mann, eine Frau, ein Kind? und sich wundern, sich freuen und fragen: Wer

schickt mir diesen Gruß! Wer schreibt mir so schöne, liebe Sachen?

Nie trat die Versuchung mich an, von meinem Verkehr mit den Freunden jenseits der Berge und

Meere gegen irgendwen auch nur die geringste Erwähnung zu tun. Vielleicht leitete mich dabei

eine unbestimmte Angst vor einem Zweifel, einem Spott, der den Filigranbau meiner Träume

erschüttert oder mir seinen Schimmer, wenn auch nur mit einem Hauch, getrübt hätte.

Zdißlawitz hat keine eigene Kirche; die Gemeinde ist in dem benachbarten Dorfe Hostitz

eingepfarrt. Die Fahrstraße, die beide Orte verbindet, läuft bergab und bergan im Bogen

zwischen Obstbäumen, Feldern und Hainen. Die Sehne dieses Bogens bildet ein Fußsteig, auf dem

unsere Dorfleute in zwanzig Minuten aus ihren Behausungen zur Kirche gelangen. Bei gutem

Wetter nämlich; denn bei schlechtem, wenn der Regen unsern lehmigen Boden durchweicht und

kniehoch in einen zähen Brei verwandelt, dann gibt es keine Berechnung der Distanzen mehr, und

das Anlangen auch des besten Schreiters an seinem Bestimmungsorte wird zur problematischen

Sache.

In Hostitz, in der kleinen Lokalei, die heute den Titel einer Pfarrei führt, ohne deshalb

stattlicher geworden zu sein, lebte unser allerbester Freund, der hochwürdige Herr Pater

Borek. Er hatte meine Eltern getraut, mich getauft, unsere Mutter zu Grabe geleitet. Er hat

meiner Schwester und mir die Lehren eines milden Christentums vermittelt. Zweimal wöchentlich

kam er zur Unterrichtsstunde am Vormittage, blieb zu Tische bei uns, und wenn er den Heimweg

antrat, gaben wir Kinder ihm das Geleite.

Meine Schwester und ich hatten es nie besonders eilig und wichtig, die Vorbereitungen zu einer

Lektion zu treffen. Wenn aber die Religionsstunde in Sicht kam, da entwickelten wir eine

ameisenhafte Tätigkeit im Herbeischleppen der unnötigsten Dinge. Ein Tintenzeug, das nie

gebraucht wurde, Schreibhefte, deren blütenhafte Unschuld immer unberührt blieb, ein Polster

für den Stuhl des geistlichen Herrn, das er immer hinwegtat, bevor er sich setzte. Auf dem

Kanapee Platz zu nehmen, konnten wir ihn nicht bewegen. »Was Ihnen einfällt! Das schöne

Kanapee … Das ist doch nicht zum Draufsetzen da?« – Schön? Nun, wenn er’s sagte! Es stand am

Pfeiler zwischen den zwei Fenstern, hatte plumpe, mit Holz eingefaßte Lehnen und trug ein

Wollkleid von unerklärlicher Farbe. Eine Art Gelbgrün, über das ein grauer Hauch hinwehte. Ihm

gegenüber, an der Langseite des Tisches, ließ Pater Borek sich nieder; wir zwei, die eine

rechts, die andere links von ihm, nahmen die Schmalseiten ein. Wenn beim »Aufsagen« des

Katechismus oder der biblischen Geschichte eine Stockung eintrat, wartete unser gütiger

Religionslehrer und schwieg und sah ins Gelbgrau hinein mit seinen kleinen geduldigen Augen,

die immer trauriger wurden, je länger die Stockung dauerte. An der Wand, gerade vor mir,

machte ein niedriger Schrank sich breit, auf dem unsere Menagerie in stattlicher Reihe

paradierte. Zu jedem Geburts- und Namenstage bekamen meine Schwester und ich ein Tier aus

Carton-pierre, ein wildes oder ein zahmes, zum Geschenk. Famose Geschöpfe! nur – etwas

heimtückisch. Wie sie es anstellten, wer weiß es? Gewiß aber ist: sie verstanden nie, sich so

interessant zu machen als während der Religionsstunde. Förmlich in einem neuen Lichte

erschienen sie, es war ein Genuß, sie anzusehen. Der Elefant entwickelte eine ungewohnte

Anmut, die Tigerin lächelte hold. Wir müssen ihnen einmal gar zuviel Aufmerksamkeit zugewendet

haben, denn der Herr Lokalist, dieses Urbild der Langmut, sah sich zu der Warnung genötigt, er

werde ein Tuch breiten lassen über unsere Tiere, wenn ihr Anblick uns zerstreue.

Wir blieben starr. Ein Ereignis ohne Beispiel: der geistliche Herr drohte mit einer Strafe!

Ich weiß nicht, was in diesem Augenblick größer gewesen sein mochte, unsere Beschämung oder

der Wunsch, uns in seiner Meinung zu rehabilitieren.

Am Abend, nachdem man uns zu Bette gebracht – wir zwei Großen hatten jetzt unser eigenes

Schlafzimmer –, wurde Rat gehalten und das Mittel bald gefunden, dem guten Pater zu beweisen,

wie zweckmäßig die Maßregel gewesen wäre, die er uns in Aussicht gestellt hatte.

Als er wiederkam, empfingen wir ihn mit siegreichen Mienen und nahmen hastig unsere Plätze am

Tische ein. Dabei gab’s ein unterdrücktes Gekicher, ein Hin- und Herschießen von Blicken an

Pater Borek vorbei, ein verstohlenes Gucken nach der Menagerie. Wird er es endlich merken? –

Vivat! Endlich merkte er etwas. Er wandte sich, seine Augen folgten der Richtung der unseren,

und nun sah er, daß wir seine Worte in Ehren gehalten und unsere Tiere eigenhändig verhüllt

hatten mit unseren Umhängtüchern. Sie waren leider nur etwas zu klein, und von einer Seite

guckte ein halber Dachshund, von der anderen ein halber Löwe aus dem Versteck hervor.

Meine Schwester sprach, mit wichtiger Miene auf die mangelhafte Umkleidung deutend: »Wissen

Sie, Hochwürden, damit unsere Tiere uns nicht zerstreuen.«

Er seufzte: »Aber! Aber!« und blickte ratloser denn je ins Gelbgraue. Unsere ausgebreiteten

Umhängetücher, der halbe Dachshund, der halbe Löwe zerstreuten uns viel mehr, als der

vollständige Aufzug der Vierfüßler jemals getan hatte.

Vom achten Geburtstage Fritzis an wurden wir mitgenommen, wenn man sonntags nach Hostitz zur

Kirche fuhr. Gut vorbereitet durch den geistlichen Herrn, wohnten wir der Messe mit

inbrünstiger Andacht bei.

Der Anblick der vielen Betenden, der Ausdruck ihrer Gesichter, ihr Gesang rührte und ergriff

mich in der Seele. Ich liebte sie, ich fühlte mich mit ihnen verwandt, weil ich auf derselben

Erdscholle wie sie geboren war. Erhebend wirkte auf mich der Klang der Orgel, und mit einem

Entzücken, das kein Wort zu schildern vermag, flatterte und bebte mein ganzes Herz der

Erscheinung unseres Herrn entgegen, und jubelvolle Demut erfüllte mich, wenn der Glockenklang

feierlich seine Ankunft verkündete. Der Herr des Himmels und der Erde ließ sich nieder zu uns,

kam zu uns in unsere kleine, schmuckarme Kirche, erfüllte uns mit den süßen und heiligen

Schauern seiner göttlichen Gegenwart …

Aufmerksam verfolgte ich jede Bewegung und jeden Schritt des Priesters am Altare, merkte mir

genau seine laut gesprochenen und den Tonfall seiner nur gemurmelten Worte.

Beim Nachhausekommen holte ich dann eine Schachtel herbei, die ein vollständiges Meßgerät aus

Zinn enthielt, und versuchte nun selbst die Messe zu lesen. Meine Schwester ministrierte, wenn

auch ungern, und mußte sehr gebeten werden, bevor sie sich dazu herbeiließ. »Ich weiß nicht,

ich weiß nicht«, sagte sie, »es scheint mir nicht ganz recht.« Aber ich wußte sie zu

überreden: ich machte ihr klar, daß wir dem Pater Borek eine neue, viel schönere Überraschung

als die letzte bereiten würden, wenn wir einmal unser kleines Meßopfer vor ihm darbrächten. Da

sieht er doch, wie wir achtgeben in der Kirche und wie gut wir uns alles, was dort vorgeht,

merken.

Sie blieb zwar bei ihrem: »Ich weiß nicht, ich weiß nicht«, beugte sich aber, wie gewöhnlich,

meinem Willen.

Eines Nachmittags wurde denn der geistliche Herr eingeladen, in das Zimmer Großmamas zu

treten, die ins Geheimnis gezogen war. Er und sie nahmen Platz vor einer Doppeltür in der

Tapete. Ihr äußerer Flügel stand offen, von innen war sie weiß ausgelegt, und in ihrer

Vertiefung hatten wir unseren Altar errichtet. In feierlicher Stimmung erschienen wir, meine

Schwester das Glöcklein schwingend, ich hinter ihr, den verdeckten Kelch in den Händen, ganz

Andacht und Versunkenheit. An unsere kleine Gemeinde dachten wir nicht während der unbefugten

Darbringung unseres Opfers. Aber als wir, die Konsekrierende und die Ministrierende, ernst,

wie wir gekommen waren, von dannen schritten, sah ich den geistlichen Herrn erwartungsvoll an

und rechnete auf einen freundlichen, beifallspendenden Blick. Statt dessen begegnete ich einem

sehr befremdeten. Pater Borek sah traurig und fast wie verlegen aus. Wir hatten ihm mit der

unbefugten Ausübung einer heiligen Handlung kein Vergnügen gemacht.

»Siehst du, es war nicht recht«, sagte meine Schwester, als wir in unser Zimmer zurückkehrten.

Sie legte das Kamisölchen ab, das sie angetan hatte, um aufs Haar einem Sakristan zu gleichen;

ich entledigte mich der zwei Schürzen, die, eine nach vorn, die andere nach rückwärts

gebunden, ein Meßgewand vorstellen sollten. Langsam räumten wir das Meßgerät wieder in seine

Schachtel ein, recht mit dem Gefühl: zum letztenmal und für immer.

Bald darauf sollte mein treuer Seelsorger noch weit Schlimmeres durch mich erfahren.

Er bereitete uns in seiner mild eindringlichen Weise zur ersten Beichte vor, und ich malte mir

gar deutlich die Wonne aus, die mich ergreifen würde nach der Lossprechung von allen meinen

Sünden. Sie sind ausgelöscht, sind wie nie begangen: ich werde keine Gewissensbisse mehr

haben, weil ich unhöflich war gegen das Stubenmädchen, voll Streitlust gegen meine Brüder,

weil ich so heiß gewünscht habe, ein tüchtiger Prügel möge aus den Wolken niederfahren und der

Mademoiselle blaue Flecke schlagen. In engelhafter Reinheit werde ich aus dem Beichtstuhl

treten, und engelhafte Freude wird mein Herz erfüllen.

Diese Aussicht war entzückend, aber furchtbar die Angst, früher oder später doch wieder in

meine alten Fehler zu verfallen und den Glanz meiner Seelenschönheit zu trüben. Ach – wer

sterben könnte, gleich nachdem er sündenfrei geworden ist! Er wäre gerettet, er würde

pfeilgerade auffliegen in den Himmel und von dessen Bewohnern empfangen werden wie ein

Heimgekehrter von den Seinen.

Aus dem brennenden Wunsche nach einem so herrlich erlösenden Tod keimte und reifte auch sehr

bald der Entschluß, ihn herbeizuführen. Das konnte ich ja, das war ja kinderleicht; es kostete

nur einen Schritt oder vielmehr einen Sprung – einen Sprung aus dem Fenster. Wer sterben will,

springt aus dem Fenster, und diese Art, ins Jenseits zu entfliehen, sollte die meine sein. Daß

unser Haus nur ein Stockwerk hatte und daß mein Sturz durchaus nicht todbringend sein mußte,

erwog ich nicht; ich war dem Nächstliegenden entrückt, schwebte schon in himmlischen Sphären,

der Nähe Gottes entgegen, in die geöffneten Arme meiner Mutter. Ahnungen der Glückseligkeit

erfüllten mich, kein Zweifel an der Vortrefflichkeit meiner Tat störte mich, kein Gedanke an

den Abschied von den Meinen fiel mir aufs Herz …

In der Kapelle war mittels eines Fauteuils und eines Betschemels ein Beichtstuhl improvisiert

worden. Sehr gut erinnere ich mich, daß ich beim Eintreten dem geistlichen Herrn zulächelte

und daß er mich ernst ansah und ein weißes Tüchlein, das er in der Hand trug, emporhob und vor

sein Gesicht hielt.

Meine Schwester legte zuerst ihre Beichte ab; ich folgte, ich tat mein Schuldbekenntnis mit

heißer Reue und vernahm in tiefster Zerknirschung die Ermahnungen meines priesterlichen

Freundes und in unsagbarer Spannung der leise gemurmelten Lossprechung. –

Von dem unmittelbar darauf Folgenden gibt mein Gedächtnis mir keine Rechenschaft. Ich finde

mich erst im Zimmer meiner Großmutter wieder, auf ihrem Arbeitsstuhle stehend am offenen

Fenster, sehe mich hastig und in Angst, überrascht zu werden, das Fensterbrett ersteigen. Nun

ein rascher, heftiger Satz, ein Schlag vor die Stirn, ein Funkenstieben vor den Augen … Ich

stürzte – aber nicht hinab in den Garten – zurück ins Zimmer. Mein Sprung hatte mich zu hoch

getragen; ich war an das Fensterkreuz angeprallt und lag halb betäubt auf dem Boden, als die

Tür sich öffnete und Pater Borek eintrat.

Im Saal hatten sich alle zum Frühstück versammelt; nur eines seiner Beichtkinder fehlte. Er,

von einer unbestimmten Angst erfaßt, ging, es zu suchen, und fand es und sah, wie es sich bei

seinem Anblick entsetzt aufraffte und nun vor ihm stand, verstört, verwundet … Wohin waren

plötzlich meine Träume von Engelsunschuld und Himmelsherrlichkeit gekommen? Nach den ersten

Fragen schon, die der geistliche Herr an mich stellte, bei der Mühe und dem Schmerz, die es

mich kostete, sie zu beantworten, wußte ich: Ein schweres Unrecht war, was ich im Sinne

gehabt, und ich hatte eine Sünde begehen wollen, viel größer als die Sünden, deren ich mich in

der Beichte angeklagt.

Mein Freund, mein Vertrauter, mein Lehrer sah traurig zu mir herab, seine gütigen Augen wurden

immer trüber, die Kummerfalten längs der Wangen vertieften sich immer mehr … Er streckte die

Hand aus, drückte die Schwurfinger an die Beule auf meiner Stirn und sagte: »Da hat Ihr

Schutzengel ›Merk’s, Tölpel!‹ draufgeschrieben.«

Er hat mir auch später keine Vorwürfe über meine mißlungene Himmelfahrt gemacht. Vorwürfe zu

machen war so wenig die Sache unseres lieben geistlichen Herrn! Strenge lag ihm fern; er

wandte sie sogar da nicht an, wo sie sehr am Platze gewesen wäre. Das schadete aber seinem

Ansehen in der Gemeinde nicht. »Er ist eben ein Heiliger«, sagten die Leute, »und meint, alles

in Güte schlichten zu können.«

Zwei Jahre früher, anno 1836, als in unserer Gegend die Cholera wütete, da hatte der stille

und einfache Mann sich in seiner Glorie gezeigt. Die Seuche raffte Tag für Tag neue Opfer mit

grauenhafter Plötzlichkeit hinweg. Sie überfiel die Menschen und ließ nicht mehr ab von ihrer

Beute. Unaufhörlich klang der traurige Schall des Zügenglöckleins vom Dorfe herüber. Tag und

Nacht stand Pater Borek im schweren Dienste seines Priesteramtes. Von Sterbebett zu Sterbebett

rief es ihn. So manches Mal konnte er zu dem Kranken, dem er die letzten Tröstungen brachte,

nur gelangen, indem er über Leichen wegschritt, die auf dem Boden hingestreckt lagen. An den

Fenstern des Schlosses rasselte sein Wägelchen immer und immer wieder vorbei. Wir hörten es

von weitem kommen, knieten nieder und beteten für eine scheidende Seele.

Im ersten Schrecken hatten sich die armen Menschen widerstandslos der unbekannten Feindin

überantwortet. Man mußte sie erst lehren, daß es möglich sei, gegen sie anzukämpfen.

Auch bei uns war die Seuche eingekehrt. Einige der Diener wurden von ihr ergriffen. Maman

Eugénie und unser kleiner Viktor erlitten schwere Anfälle des furchtbaren Übels. Mama erholte

sich langsam, das schwächliche Kind schien verloren. Sogar die freudige und trostvolle

Zuversicht des Arztes, Doktor Engel, geriet endlich ins Wanken. Er war ein noch junger Mann,

ein großer, dunkelbärtiger Jude, und kam täglich aus der kleinen Stadt Kremsier von einem

Dorf, von einem Schloß zum andern gefahren und bemühte sich um den ärmsten seiner Kranken mit

der gleichen Sorgfalt wie um den wohlhabendsten. Von Pater Borek unterstützt, leitete er die

Anstalten, die getroffen wurden, um das Elend, von dem wir umgeben waren, zu lindern und neuem

Unglück womöglich vorzubeugen. Morgens und abends standen im Schloßhofe große Pfannen voll

dampfender Rumforder Suppe. Die Leute kamen mit Töpfen und Kannen und holten eine gute,

gesunde Nahrung für sich und ihre Kinder, Massen von Unterkleidern wurden verteilt. Am

eifrigsten von unserer Großmutter, die sich nie genug tat, wenn es zu geben und zu helfen

galt. Wo sie war, da war Hochherzigkeit und Güte, da – wenigstens uns Kindern gegenüber – war

aber auch große Nachsicht und etwas Schwäche. Sie brachte es nicht übers Herz, uns sogleich

davonzujagen, wenn wir uns heranschlichen, um zuzusehen bei der Suppen- und Kleiderverteilung.

Sie drückte ein Auge zu, wenn wir der Köchin oder einer Küchenmagd den Schöpflöffel

abschwatzten, um ihre Tätigkeit am Suppenkessel nur ein bißchen, nur ein klein wenig ausüben

zu dürfen. Allerdings kannte man damals die feige Angst vor Ansteckung noch nicht, die heute

herrscht. Noch waren die unsichtbaren Feinde nicht entdeckt, die in scheinbar reiner Luft

hausen und jeden Atemzug zur Lebensgefahr machen können. Unsere Unwissenheit war unsere

Stärke. Es fiel weder unserem Vater noch einem andern Gutsbesitzer in der Umgebung ein, die

Flucht zu ergreifen, wenn im angrenzenden Dorfe eine ansteckende Krankheit ausgebrochen war.

Man blieb daheim, teilte das Mißgeschick der kleinen Nachbarn, fand das selbstverständlich und

setzte es nicht auf Rechnung seiner Humanität.

Einmal, an einem schönen Sommervormittag, gerade nach der Ausspeisung der Dörfler, bei der wir

uns wieder überflüssig machten, kam das Kindermädchen in den Hof gelaufen und rief uns zu:

»Die Mama läßt Ihnen sagen, Sie sollen hinaufschauen zu dem Fenster!« und dabei deutete sie

auf das letzte des Seitenflügels, in dem die jetzt zum Krankenzimmer verwandelte Kinderstube

sich befand. »Sie werden etwas sehen, was Sie schon lange nicht mehr gesehen haben.«

Nun brach ein unaussprechlicher Jubel aus. Etwas sehen, das wir lange nicht mehr gesehen

hatten, und dort am Fenster? Es war leicht zu erraten, was das sein konnte. Der Kleine! der

Kleine – und vielleicht auch die Mama! Wir standen und guckten und guckten empor in brennender

Erwartung. Und jetzt wurde der innere Flügel des Fensters, das wir anstarrten, geöffnet, und

dicht an den äußeren trat Mama und mit ihr unsre alte Pepi mit einem Wesen auf dem Arme, bei

dessen Anblick wir weinten und lachten. Er war’s, es war unser armes Brüderlein. Aber sein

Gesicht war gelb wie eine Zitrone und förmlich zusammengeschrumpft. Der kläglich verzogene

Mund versuchte uns zuzulächeln, und ein müdes Händchen hob sich und winkte grüßend zu uns

herab. Adolf fing an zu tanzen und drehte sich wie ein Derwisch; unsere Kleinste jauchzte. Und

alle sandten unzählige Küsse zu unseren Genesenden empor. Ein Wunder, daß die Sehnsucht uns

nicht wie an Stricken zu ihnen hinaufzog.

In vollster Festfreude fand uns Papa, der mit Doktor Engel aus dem Hause trat. Er warf einen

raschen Blick auf uns, wandte sich dem Arzte zu und umarmte ihn. »Kinder«, sprach er, »dankt

dem. Der heißt nicht nur Engel, der ist ein Engel.«

Er wiederholte diese Worte regelmäßig, wenn er später jener schweren Zeiten gedachte, und

versäumte dann auch nie, unseren getreuen Seelsorger zu preisen: »Ja, der jüdische Arzt und

der katholische Geistliche, allen Respekt! Beide waren Helden.«

Meine Zweifel an dem wirklichen Bestehen all dessen, was mich umgab, meldeten sich allmählich

immer seltener. Der Glaube an die Schöpferkraft meines Auges erlosch. Zugleich wurden die

Bilder meiner erträumten Welt in der unerreichbaren Ferne immer undeutlicher. Die lange und

eigensinnig genährte, immer getäuschte Hoffnung auf ein wenn auch noch so schwaches Zeichen

»von drüben« entschwand am Ende doch. Auch eine mütterliche Liebe für meine Verse und meine

Prosa begann sich in mir zu regen, und statt sie den Lüften auszuliefern, schrieb ich sie

sauber und nett in ganz kleine Hefte, die ich selbst verfertigte und von denen ich immer

mehrere Exemplare in meiner Tasche trug. Wenn mir eine besonders tönende Strophe zum Preise

Gottes, der Heiligen Jungfrau oder eines Helden, den ich heiß verehrte, gelungen war, dann

ging mein Mund über von dem, was mein Herz erfüllte. Ich deklamierte und sang meine Hymnen; da

säuselte und brauste es nur von »voile« und »étoile«, »gloire« und »espoir« und so weiter!

Manchmal wurde meine Schwester aufmerksam und sagte: »Das ist schön; wo hast du das gelesen?«

– Aber wenn ich voll Stolz erwiderte: »Das hab ich selbst gemacht!« war es vorbei mit der

Bewunderung, und sie bat in ihrer sanften Art: »Ach geh, mach doch keine Gedichte!« – Und nun

konnte ich noch so dringend fragen, was sie gegen mein Versemachen einzuwenden habe, immer

lautete ihre Antwort ausweichend und unbestimmt.

Es kam ihr »halt so kurios« vor. Ich glaube, daß eine dunkle Empfindung ihr verriet,

Versemachen sei eine gefährliche Sache, mit der man sich lieber nicht befassen sollte. Sie

forderte mich nie auf, eines meiner Gedichte zum zweiten Male herzusagen, und wich jedem

Gespräch darüber ängstlich aus. Von dem Schmerz und dem Groll, den diese stumme Ablehnung mir

verursachten, habe ich nie etwas verraten, und wie oft sollte ich sie erleiden! Alles

wiederholt sich im Leben. Der Grundton, auf den das Schicksal des Größten wie des Kleinsten

gestimmt ist, kommt immer wieder hervor. Die stumme Ablehnung, die mein erstes poetisches

Gestammel durch eine Getreueste und Geliebteste erfuhr, wurde meiner Schriftstellerei bis ins

reifste Alter durch andere Vielgetreue und Vielgeliebte zuteil.

Allverehrte, auch von den Meinen anerkannte Autoritäten hatten mir längst ein Talentchen und

die Berechtigung, es auszuüben, zugesprochen, und immer noch bewahrten die mir teuersten

Menschen über meine per nefas geborenen Geisteskinder ein rücksichtsvolles Schweigen.

Als meine Schwester ihr zehntes und ich mein neuntes Jahr erreicht hatte, wurden wir von Zeit

zu Zeit ins Theater mitgenommen. Im jetzigen Karl- damals noch das Kasperl-Theater genannt,

ergötzten wir uns an der Aufführung einiger urwienerischer Possen, die genial gespielt wurden.

Einen hinreißenden Eindruck aber machte mir Raimunds Mädchen aus der Feenwelt (wenn ich nicht

irre, im Theater an der Wien dargestellt). Völlig berauscht kam ich nach Hause; die Richtung,

in der meine Phantasie fortan ihre Flüge nehmen sollte, war bestimmt. Ich wurde unerschöpflich

in der Erfindung von Theaterstücken, die ich nicht aufschrieb, sondern nur meiner Schwester

und unsern Freundinnen und Altersgenossinnen erzählte. Gegen diese Art der Produktion wendete

Friederike nichts ein; sie übernahm sogar eine Rolle, wenn die Aufführung meiner Komödie

beschlossen wurde. Und das war keine so leichte Sache, denn die Schauspielerinnen mußten die

Reden improvisieren. Es geschah mit Feuereifer und gänzlich unbefangen. Auf ein Publikum

brauchten wir nicht Rücksicht zu nehmen; das fehlte, ging uns aber nicht ab. Die Gouvernanten,

die es hätten bilden können, saßen im Nebenzimmer und schwatzten. Uns selbst zu erfreuen und

zu gefallen war der Zweck unserer künstlerischen Leistungen, und sie erfüllten ihn glänzend.

Da – in der Zeit ihrer hohen Entfaltung, schien eine noch höhere ihnen bevorzustehen. Eines

Sonntags erfuhren wir die merkwürdigste Überraschung. Unsere feinste Darstellerin, sie, die

mit meiner Schwester in den Rollen der unschuldig Verfolgten abwechselte, erschien, Triumph im

rosigen Gesichtchen, in den zarten Händen ein Manuskript, und verkündete uns, daß sie ein

Theaterstück gedichtet und aufgeschrieben habe.

Nein, war’s möglich? Aufgeschrieben, ein ganzes Theaterstück? – Nein, diese Fanni, wer hätte

ihr das zugetraut! Sie lächelte stillvergnügt, setzte sich an den Tisch und begann mit leiser,

bewegter Stimme ihr Werk vorzulesen. Wir hörten mit gespannter Aufmerksamkeit zu; es gefiel

uns außerordentlich; es war etwas Neues. Bisher hatten wir uns im Heroischen oder im Lustigen

bewegt. Fanni brachte etwas Sentimentales. Die Rollenverteilung machte keine Schwierigkeiten;

wir einigten uns rasch. Am zufriedensten war wohl ich. Mir war die Darstellung eines alten

Onkels anvertraut, der zankt und poltert, sich aber zuletzt als der weichste Gemütsmensch

entpuppt und eine rührende Rede hält.

Der Abend wurde damit zugebracht, die Rollen auszuschreiben. Um sie auswendig zu lernen,

benutzten wir die Woche hindurch jeden freien Augenblick. Am nächsten Sonntag fand die Probe,

am übernächsten die Aufführung statt; nicht bei uns, sondern im Hause der Mutter unserer

Dichterin. Ein kleines Theater war aufgestellt, ein kleines Publikum war eingeladen, die

Vorstellung ging wie am Schnürchen. Alle Personen, die auftraten, wurden ernst genommen und

erhielten Applaus; bloß der alte Onkel erregte immer nur Heiterkeit. Seine Zornesausbrüche

wirkten komisch, und als er am Schlusse rührend werden wollte, brach das Publikum in Gelächter

und der Mißverstandene in Tränen aus. Und nun kam der bitterste Tropfen im Leidenskelche

dieses Abends. Für sein mühsam unterdrücktes Schluchzen, für die heißen Tränen, die ihm in den

grauen Bart liefen, erntete der alte Onkel lauten, grausamen Beifall.

Am nächsten Sonntag stellte unsere Freundin sich an der Spitze eines zweiten Theaterstückes

ein, das sie uns auch vorlas. Es war – wieder eine Neuerung – in deutscher Sprache

geschrieben. Ihm aber geschah Unrecht von Anfang an. Man wollte sich nicht mehr mit dem

Ausschreiben der Rollen und mit dem Memorieren plagen. Überdies sagte der Stoff des neuen

Dramas uns nicht zu. Es war ein biblischer: Abrahams Opfer. Willkürlicherweise hatte die

Dichterin die Erzmutter Sarah in den Vordergrund gestellt. Sie spionierte, entdeckte und

erlauschte alles, was ihr Gatte sann, war, sichtbar oder unsichtbar, immer auf der Bühne. Sie

hatte sich durch ihr zudringliches Wesen schon recht mißliebig gemacht, schon manches: »O je,

die Sarah! ist sie wieder da?« war laut geworden, als die Vorleserin zu der Stelle kam: »Sarah

tritt auf. Sie wirft ihre Augen in eine Allee …« Weiter ging es nicht. Ein Schrei der

Entrüstung erhob sich. Das hätte man wissen mögen, wie das zu machen war. Man bat um

Erklärungen; man verhöhnte jede, die versucht wurde; man brach den Stab über das Opfer

Abrahams.

Dieser unselige Mißerfolg riß auch mich ins Verderben. Unsere besten Kräfte entdeckten

plötzlich, daß die Komödienspielerei sie eigentlich langweile. Meine in hellem Enthusiasmus

erdachten Theaterstücke teilten das Schicksal meiner Gedichte – niemand wollte sie mehr

anhören. So wurden denn meine kleinen Hefte abermals meine einzigen Vertrauten. Längere Zeit

hindurch half mir eine trotzige Resignation, über ihren Inhalt Schweigen zu bewahren.

Ebensogut hätte ich aber eine Brut Singvögel mit mir herumtragen und sie bewegen können, stumm

zu sein. »Hat er es einmal aufgeschrieben, will er, die ganze Welt soll’s lieben.« Mir vertrat

meine Schwester diese ganze Welt, die »es« lieben sollte. Sie jedoch war erschrocken und

betrübt, als ich ihr wieder mit meinen Gedichten kam. So hatte ich denn meine unglückliche

Kuriosität noch nicht abgetan? Wie unzufrieden wären der Papa und die Großmutter und die

Tante, wenn sie etwas von ihr erführen! – Ich gestand mir, daß sie recht haben könne, wollte

es aber nicht zugeben und berief mich auf das Beispiel der Mutter Fannis, die sich freute, daß

ihre Tochter Theaterstücke machte. – Ja, es war eben anders bei uns, und ich hatte mich zu

fügen. Wenn man weiß, daß man etwas nicht tun soll, läßt man’s bleiben. Das ist ganz einfach.

Sie hielt mir eine ihrer hübschen, wehmütigen Predigten, die dem Tiefsten ihres warmen,

frommen, liebevollen Herzens entquollen. Dabei wurde sie so traurig und brach endlich in so

heiße Tränen aus, daß ich, gerührt und ergriffen, einen heroischen Vorsatz faßte und ihr

versprach, nicht mehr davon zu reden, wenn »es« in meinem Kopf wieder anfangen würde zu

dichten, auch nie mehr etwas aufzuschreiben und, wenn die Versuchung dazu mich anträte, innig

zu beten um die Kraft, ihr zu widerstehen.

So tat ich mit heißer Inbrunst, und die Gebete, die ich im frommen Selbstbetrug zum

allgütigen, allmächtigen Vater und Schöpfer emporsandte, waren nichts anderes als ein armes,

kindisches Versgestammel.

In der Stadt begleiteten wir zwei Ältesten unsere Großmutter am Sonntag in die

Ruprechtskirche, und nach der Messe durfte dann immer eine von uns noch eine Weile bei

Großmama bleiben. Da war denn einmal wieder mein Sonntag, und ich stand am Fenster und genoß

die wohlbekannte Aussicht. Unser Haus hatte die Form eines langgeschwänzten Klaviers; sein

schmales Ende zog sich vom Haarmarkt herüber durch zwei kleine Gassen bis zum sogenannten

»Rabenplatzl«. Dort überragte es turmartig seine beiden Nachbarn zur Rechten und zur Linken,

uralte, umfangreiche Häuser. Das Gegenüber bildete ein gelbes, plumpes Gebäude, das uns nur

seine Ecke zuwandte und immer im Begriff schien, auf dem abschüssigen Terrain des Platzl zur

Donau hinabzugleiten, der auch die beiden Gassen, die neben ihm hinliefen, entgegenstrebten.

Sehr heiter und belebt war es hier herum nicht, am wenigsten des Sonntags, wenn die Kaufleute

die Läden geschlossen hatten. An diesem einen Sonntags-, einem Frühlingsmorgen, aber

erschimmerte alles, worauf meine Augen sich richteten, im Reflex des Glanzes, der mir die

Seele erfüllte. Ich freute mich am Sonnenlicht, das auf fremden Fensterscheiben blinkte – zu

den unseren drang es nicht. Ehrwürdig und lieb sogar erschienen mir auf den Dächern die

plumpen Rauchfänge mit ihren schiefen Hüten, denen der blaue Himmel einen leuchtenden

Hintergrund abgab.

In der Kirche war ich heute besonders andächtig gewesen, hatte die heilige Messe eifrig

nachgebetet aus dem Büchlein Nouvelles heures à l’usage des enfants, das ich seit meinem

siebenten Jahre besaß. Den krönenden Schluß meiner Sonntagsfeier bildete immer das Genießen

des poetischen Anhangs, der dem kleinen Buche beigegeben war und unter anderem die Méditation

sur la mort von Pierre Corneille enthielt. Sie erschien mir als das Höchste, zu dem ein

Dichtergeist sich aufschwingen kann, sie machte mein Entzücken aus und mein Leid; denn meine

eigenen Poesien erschienen mir so fahl und nichtig wie Staub im Vergleich zu diesen

prunkvollen Versen. Sie klangen damals, als ich am Fenster stand und den Himmel und die

Rauchfänge bewunderte, in mir nach. Ich sagte sie leise vor mich hin, so lang, bis ich,

hingerissen von meiner Begeisterung, dem Wunsche, sie geteilt zu sehen, nicht mehr widerstehen

konnte. So trat ich denn zu Großmama, die auf dem Kanapee saß und strickte, und begann, jetzt

aber laut:

»Pense, mortel, à t’y résoudre,

Ce sera bientôt fait de toi.

Tel aujourd’hui donne la loi,

Qui demain est réduit en poudre.«

Sie sah etwas befremdet von ihrer Arbeit auf, sie lächelte; der gütige Ausdruck, mit dem ihre

Augen auf mir ruhten, ermunterte mich fortzufahren. Und öfters, während ich sprach, nickte sie

mir Beifall zu, und als ich zum Schlusse gekommen war, lobte sie das Gedicht und mich – weil

ich es auswendig gelernt hatte. Ihr Lob, mit dem sie so sparsam war wie mit Tadel, berauschte

mich, und noch mehr davon zu erlangen begehrte meine geschmeichelte Eitelkeit.

Auswendig gelernt? Ach was! Ich hatte es nicht auswendig gelernt … Es hatte sich von selbst

meinem Gedächtnis angeklebt. Alle Verse, die ich las, klebten sich ihm an, fielen mir wieder

ein beim Spazierengehen oder beim Spielen. Die Verse kamen zu mir, weil ich selbst Verse

machen konnte. Ja, ich mußte es der Großmama anvertrauen … Auf einmal waren meine guten

Vorsätze, war alles vergessen, was ich meiner Schwester versprochen und mir selbst

zugeschworen hatte. Ich wußte nur noch, daß alles gesagt und gesungen werden müsse, was mir im

Herzen klang und tönte, andern zur Freude, mir selbst zum Heile. Hastig und konfus werde ich

es vorgebracht haben, aber meinen wirren Reden entnahm Großmama doch die Neuigkeit, daß ich

»Poesien« machte. So schöne noch nicht wie Pierre Corneille, aber das wird kommen, später,

ganz gewiß, wenn ich eine erwachsene Dichterin sein werde … Du lieber Gott! In der Schilderung

dieses ruhmvollen Zukunftsbildes kam ich nicht weit. Großmama unterbrach sie mit einer

Strenge, die ich noch nie von ihr erfahren hatte und die mir bis zum heutigen Tage

unerklärlich geblieben ist. Warum hat die sonst Gütigste und Nachsichtigste mein Geschwätz

nicht wie eine kindische Torheit, sondern wie ein Unrecht behandelt und hart zurückgewiesen?

Bevor ich mich besonnen und den Mut zu einem Wort der Entschuldigung gefunden hatte, war ich

fortgeschickt worden und befand mich unter der Obhut Josefs, Großmamas altem Diener, auf dem

Heimweg in den zweiten Stock. Das war eine Reise! Das war ein Emporsteigen mit einer Last auf

dem Gewissen, die schwerer wurde mit jeder Stufe, die ich sonst lustig hinaufhüpfte und jetzt

so mühsam erklomm. Wie oft blieb ich stehen; wie brannte mir die Lüge auf den Lippen: Josef,

ich bitte Sie, kehren wir um; ich hab etwas vergessen.

Aber ich brachte es nicht heraus. Wir gingen weiter; wir langten an. – Nun war keine Hoffnung

mehr. Ich würde keine Gelegenheit mehr finden, mich zu rechtfertigen – es wenigstens zu

versuchen. Großmama kam, ich wußte das wohl, auf eine einmal erteilte Rüge nie wieder zurück.

Die Sache war für sie abgetan, und meine Absicht, eine Dichterin zu werden, blieb in ihren

Augen etwas Unrechtes und Sündhaftes. Ihre Entrüstung hatte es mir gezeigt. Ach, wenn der

Himmel sich meiner erbarmen und mich erlösen wollte von dieser Sündhaftigkeit, oder was es

denn sein mochte. Erlöse mich! erlöse mich! rief ich den Allmächtigen an, und bei ihm und bei

meiner Getreuesten, meiner Schwester, suchte ich Hilfe in meiner mit Verzweiflung recht nahe

verwandten Ratlosigkeit. Aber Hilfe wußte meine Schwester nicht zu bringen. Sie meinte immer

nur: »Sprich nicht davon; dann vergeht’s vielleicht.«

Vielleicht! Ihre Zuversicht war dahin; sie begann mein Übel als ein unheilbares anzusehen. Wir

beteten ein wenig und weinten viel, und ich wünschte mir ehrlich und heiß, bald zu sterben, um

nicht noch mehr unwillkürliche Schuld auf mein Haupt zu laden. Gut bei diesem Verfahren der

Meinen war bloß die Absicht. Gewollt haben sie mein Bestes und, ohne zu wissen, was sie taten,

mir das peinvoll demütigende Gefühl eines angebornen geheimen Makels aufgebürdet.

Mit der Zeit wandte sich das Blatt, jedoch nicht zum Besseren. Woraus mir ein Vorwurf gemacht

wurde, das war etwas Unentrinnbares und ohne mein Wissen und Wollen durch eine höchste,

göttliche Macht über mich verhängt. Die Leiden, die ich dadurch erduldete, und leiden wollte

ich ja! erschienen mir nicht wie gewöhnliche, sondern wie besonders schöne und erhabene, wie

die eines Märtyrertums, und aus diesem Bewußtsein schöpfte ich eine große Widerstandskraft; es

erweckte aber auch in mir ein tüchtiges Maß Hoffart.

Gegen die Schreckensherrschaft unseres Drachen in Gouvernantengestalt hatte sich allmählich

eine kleine Partei gebildet. Wenn er gar zu arg wetterte, erschien unversehens Pepinka oder

unser feines, braves Stubenmädchen Apollonia und machte dem Tanz ein Ende. Ja, wenn es hier

»einen solchen Spektakel« gibt, muß der Papa gerufen werden, hieß es mit vielsagenden Blicken

nach der Mademoiselle. Sogleich legte sich der Sturm, und wir merkten wohl, auf wen die

Drohung gemünzt war. Auch Tante Helene fand sich oft ein, holte uns ab und nahm uns mit in ihr

Zimmer.

Sie bewohnte dasselbe, in dem Maman Eugénie gestorben, und wir sprachen von jüngstvergangenen

glücklichen Zeiten, in denen sie noch bei uns gewesen war. Aber auch längst vergangene und

sehr traurige Zeiten ließ Tante Helene vor uns aufleben, ihre freudlose, sorgenvolle Jugend.

Sie war in Armut aufgewachsen; sie hatte ihren Bräutigam und zwei Brüder in den Kriegen gegen

Frankreich verloren. Über den dritten – unseren Vater – war sie lange in quälendem Zweifel

geblieben, ob er tot oder gefangen sei. Viel Leiden hatte die Tante erfahren müssen, bis ihr

endlich ein Glück erblühte. Ihrer Ehe mit einem ausgezeichneten, allverehrten, aber weit

älteren Manne entsproß ein Söhnchen. Nun lernte sie das Beste und Höchste kennen, was das

Leben dem Weibe zu bieten hat. Ihr Kind wurde ihre Freude, ihr Licht. Zu einem Loblied

gestaltete sich ihre Rede, wenn sie von ihm sprach, und mit Spannung hörten wir zu; denn alles

war interessant, und am interessantesten die Kindheit des Onkel Moritz.

So titulierten wir unseren Vetter, nicht wegen des Unterschiedes im Alter, sondern wegen des

großen Ansehens, das er bei uns genoß. Seine Mutter verwahrte in ihrem Schreibtisch einen

Schatz: alle Zeugnisse, die der »Onkel« sich verdient hatte, als kleiner Junge in der

Privatschule Kudlig, später im Theresianum, wo er den Gymnasialunterricht erhielt, und endlich

in der Ingenieurakademie, die er als Armeeleutnant verließ.

Eine lange Kette der Ehren.

Für uns war die Zeit, in der Onkel Moritz als kleiner Junge das Institut Kudlig besucht hatte,

die interessanteste seines ganzen Lebens. Dieses unglaublich merkwürdige Institut befand sich

nämlich auf dem Hohen Markt und dort auch – man denke! – das Polizeihaus. Meisterlich

verstanden wir das Gespräch in seine unheimliche Nähe zu lenken, von wo immer es auch

ausgegangen sein mochte. Und dann hob ein Fragen an, so dringend und so neugierig, als hätten

wir von der Antwort, die kommen würde, keine Ahnung gehabt: »Was hat manchmal dort gestanden,

dort, beim Polizeihaus? Vor dem Balkon und vor der großen Figur mit der Waage in der Hand?«

»Was dort gestanden hat? Nun, ihr wißt ja, der Pranger ist manchmal dort aufgerichtet worden.«

»Ja, ja, der Pranger. Wie der nur aussehen muß, so ein Pranger? Und wie das sein muß, wenn man

oben ist, und alle Menschen schauen hinauf … Und einmal, nicht wahr, hat der Onkel Moritz auch

hinaufgeschaut?«

»Ja, einmal, weil die Magd, die ihn im Institut abholte, ihn nicht rasch vorbeigeführt hat,

wie sie sollte, sondern ihm erlaubt hat stehenzubleiben.«

»Und da waren just zwei Frauen oben auf dem Pranger, eine alte und eine junge, und was haben

die getan? Erzähl! erzähl!«

»Ihr wißt es ja ohnehin. Die alte hat geweint, und die junge hat geschimpft und die Leute

angegrinst.«

»Auch den Onkel Moritz?«

»Auch ihn.«

»Ach, die muß grauslich gewesen sein! Und was hat er gesagt?«

»Was soll er gesagt haben? Nichts. Abends aber hat er nicht einschlafen können aus Angst, sie

kommt und grinst ihn an.«

Der kleine Onkel Moritz von damals stand jetzt – 1840 – im siebenundzwanzigsten Jahre, war

Oberleutnant im Geniekorps und kürzlich auf seine Bitte von Olmütz nach Wien transferiert

worden, um an der Ingenieurakademie die Professur der Naturwissenschaften zu übernehmen.

Tante Helene lebte auf nach seiner Ankunft. Man kann sich ein innigeres, schöneres Verhältnis

nicht denken als das zwischen dieser Mutter und diesem Sohne. Dafür mußte bei unserem Vater

und seinem Neffen die gegenseitige Zuneigung und Wertschätzung ihre Kraft bewähren, um die

Kontroversen, in die beide Männer oft gerieten, friedlich ausklingen zu lassen. Der ältere

verteidigte seine Ansichten mit sprudelnder Lebhaftigkeit, der junge die seinen gelassen und

nachdrücklich. Am Ende eines solchen Streites war es immer Papa, der die Hand zur Versöhnung

bot. Er hatte ein starkes Emotionsbedürfnis und liebte Versöhnungen ebensosehr, wie er den

Kampf liebte. Ihm, der als sechzehnjähriger Jüngling der Theresianischen Akademie und ihren

Schulen Valet gesagt hatte, um sich dem Kriegsdienst zu widmen, war es nicht recht

begreiflich, wie ein Soldat sich auf die Wege der »Gelahrten« begeben konnte. Der Gelahrten!

Durch das Vertauschen des zweiten e in diesem Worte mit einem a glaubte er seine geringe

Meinung von dem Stand, den es bezeichnet, an den Tag zu legen. Sie tragen einen Fluch an sich,

diese Menschen; sie sind unpraktisch und finden jedes Stühlchen, auf dem sie beim Mahle des

Lebens Platz nehmen möchten, immer schon besetzt. Papa hatte vor Jahren zu gleicher Zeit mit

Hegel die Kur in Karlsbad gebraucht und von der äußeren Erscheinung des berühmten Philosophen

einen befremdlichen Eindruck erhalten. Sie blieb für ihn das Urbild der Gestalt, in der die

Leuchten der Wissenschaft auf Erden wandeln. Er versäumte nie, wenn er von seiner Begegnung

mit Hegel sprach, dessen vermeintes Wort zu zitieren: »Ich habe nur einen Schüler gehabt, der

mich verstanden hat, und auch der hat mich mißverstanden.« Ebenso brachte er gern ein Kommando

in Erinnerung, das während Bonapartes ägyptischen Feldzuges vor jedem Zusammenstoß mit dem

Feinde gegeben wurde. Da hieß es zur Sicherung der notwendigen wie der überflüssigen Begleiter

des Hauptquartiers: »Les ânes et les savants au milieu!«

Diese Spötteleien ließen Onkel Moritz sehr kühl. »Ich fühle mich nicht betroffen«, sagte er;

»ich bin kein ›savant‹. Ich komme mir vor wie ein Schwamm, sauge mich an in den Vorlesungen

Ettinghausens und Schrötters und presse mich am nächsten Tage in meiner eigenen Vorlesung

aus.«

An seinem freien Tage, am Sonntag, speiste er regelmäßig bei uns und erwies uns vor dem Diner

manchmal die Ehre eines Besuches im schoolroom. Es befriedigte unsere Eitelkeit gar sehr, daß

er Mademoiselle Henriette nicht mehr Beachtung schenkte, als die Höflichkeit gebot, und

deutlich merken ließ, er sei nicht ihret-, sondern unsertwegen gekommen. Gewiß aber nicht, um

uns Komplimente zu machen. Er belächelte unser seit Frau Krähmers Scheiden gänzlich in Verfall

geratenes Klavierspiel und unser fortwährendes Französischparlieren. Eines Tages machte er

sich darüber lustig in Gegenwart Mademoiselles. Sie nahm es übel – was ihr freilich nicht zu

verargen war –, schleuderte ihm einige zornige »Mais Monsieur!« zu und stolzierte aus dem

Zimmer. Uns schwebten die Folgen vor Augen, die aus der bedrohlich gewordenen Stimmung unserer

Gouvernante erwachsen würden. Onkel Moritz fuhr fort, uns zu hänseln. Er bedauerte die arme

deutsche Wissenschaft, weil wir so gar keine Notiz von ihr nahmen. Wohin man auch blickte,

weit und breit war kein deutsches Lehr- oder Lesebuch zu erschauen. Und unsere Hefte, die auf

dem Tische lagen, die er zur Hand nahm und durchblätterte! Sie trugen die Aufschriften:

Grammaire; Calligraphie; Dictée; Dictée; Calligraphie; Grammaire. Die Abwechslung war gering.

Nun aber, zu meinem Entsetzen, kam ihm ein Heftchen in die Hand, das ich, von Mademoiselle am

Lehrtisch beim Dichten überrascht, in eines meiner großen Hefte geschoben und dort vergessen

hatte. Er schlug es auf und las: Ode à Napoléon – mein letztes Gedicht. Etwas grandios

Heroisches, das der Nachwelt, wenn es ihr erhalten geblieben wäre, erst den rechten Begriff

vom Genie des Imperators gegeben hätte. Den Schluß bildete ein cri de haine an die Adresse des

perfiden Albion, dem ich schmachvollen Untergang auf Erden, im Jenseits die ärgste Höllenpein

verhieß.

»Von wem ist denn das?« fragte Onkel Moritz in einem Tone, bei dem mir heiß und kalt wurde und

der so wegwerfend war, daß meine Schwester sich in meiner Ehre gekränkt fühlte. Die Getreue,

der meine Dichterei doch so herzlich zuwider war, nahm sie einem andern gegenüber in Schutz

und sagte mit allerliebster Würde, als ob von etwas Respektablem die Rede sei: »Es sind

Gedichte von der Marie.«

Er lachte, las weiter und verzog während des Lesens keine Miene, und ich hatte die Empfindung,

daß mich jemand würgte und daß mir dabei hunderttausend Ameisen über die Wangen liefen und

über den ganzen Körper, mit kalten, hastigen Füßchen.

Nach einer Zeit, in der ich mir einbilden konnte, daß ein Begriff der Ewigkeit mir aufgegangen

war, legte Onkel Moritz das Heftchen auf den Tisch zurück. Gleichgültig, wie wenn es ein

Knäuel Zwirn oder irgendeine andere Geringfügigkeit gewesen wäre. Ich wagte nicht, ihn

anzusehen, und noch weniger, ihn zu fragen: Hat es dir denn gar nicht gefallen? Was wir

gestern gelitten haben, ist nichts; was wir heute leiden, ist alles. Die Abfertigung, mit der

Großmama mich vor einigen Jahren so unglücklich gemacht hatte, erschien mir bei weitem weniger

grausam als das Schweigen des ersten Lesers meiner von Flammen der Begeisterung durchloderten

Ode.

Im Laufe der Woche erhielt ich eine hübsche, mit einem Seidenband umwundene Rolle zugeschickt.

Sie enthielt sehr gutes Zuckerwerk und einen Briefbogen. Auf den hatte der Onkel in seiner

beneidenswert klaren, gleichmäßigen Schrift das Loblied auf den Rhein aus dem Waldfräulein von

Zedlitz hingesetzt. Vom Anfang:

O Rhein, wie klingt dein Name hold,

Gleich einer Glocke, hell von Gold,

O fließe fort in stolzer Ruh,

Taufwasser deutschen Volkes du!

bis zum Schlusse:

Es singen die Sänger zur Harfe laut,

Was sie im Nebel der Lüfte geschaut!

Sie singen fort bis diese Stund,

Noch ist geschlossen nicht ihr Mund;

Sie werden singen vom stolzen Rhein,

Solang er fließt in das Meer hinein!

Nun aber folgte ein Epilog:

Oh, sing auch du, du deutsche Maid,

Nicht fremden Ruhm in fremdem Kleid!

Du bist ein Sproß aus gut germanschem Blut,

Was deutsch du denkst, hab deutsch zu sagen auch den Mut.

Diese Verse galten mir! An mich waren sie gerichtet, und ich fühlte mich dadurch hochgeehrt

und ausgezeichnet. Und wie leuchtete ihr Inhalt mir ein und erhellte mir das Herz! Ich durfte

sagen, was ich dachte, wenn ich es nur in deutscher Sprache sagte. Ein sehr Gestrenger

sanktionierte mein Dichten unter dieser Bedingung. Aber – »was deutsch du denkst …« Es kam mir

nicht vor, daß meine Gedanken gebürtige Deutsche wären. Als kleine Kinder hatten wir fast nur

Böhmisch und später dann fast nur Französisch gesprochen – und die Sprache, die wir reden, ist

doch die, in der wir denken. Eine strenge Selbstüberwachung begann. Meine Einfälle wurden auf

ihre Nationalität geprüft. Innerlich fand meine Umgestaltung aus einer französischen in eine

deutsche Dichterin geschwinder statt, als je die Verwandlung einer Raupe in einen – sagen wir

– Kohlweißling stattgefunden hat. Von der Notwendigkeit, mir die deutsche Sprache als meine

Denksprache anzugewöhnen, war ich sofort überzeugt, und keinesfalls hat meine

Sangesfreudigkeit eine lange Störung erlitten. Der Hymnus an den Rhein bekam eine zahlreiche

Nachkommenschaft. Mit ganz besonderer Wonne schwelgte ich im Wohlklange des Verses: »Es singen

die Sänger zur Harfe laut …« Die Harfe bildete denn auch die köstlichste Bereicherung meines

neuen poetischen Hausrats, und bald begann es in meinen Liedern von Harfenklängen zu tönen.

Doch vertauschte ich oft das musikalische Rüstzeug der Barden mit der Laute der Minnesänger,

weil sich auf »Laute« soviel mehr und lieblichere Reime finden lassen als auf das stolze,

herbe »Harfe«.

Der Winter des Jahres 1841 war verflossen, ein stiller, fast trübseliger Winter. Wir hatten

alle ein dumpfes Bewußtsein davon, daß sich im Hause ein außerordentliches Ereignis

vorbereite. Etwas Erwartungsvolles, Spannendes lag in der Luft, die Stimmungen unseres Vaters

wechselten noch rascher als sonst; er schien in einem schweren Kampfe mit sich selbst

befangen. Wir fanden ihn oft, wenn wir zu Tante Helene kamen, in ein Gespräch mit ihr

vertieft, das bei unserem Eintreten abgebrochen wurde. Auch Großmama nahm an diesen Beratungen

teil, die – wir sahen es wohl – einen quälenden Eindruck auf sie machten. Die glostende

Aufregung, in der die Spitzen der Familien sich befanden, warf Reflexe nach allen Richtungen.

Die Dienstleute zischelten untereinander und schwiegen plötzlich, wenn eines von uns in ihre

Nähe kam. Sie machten geheimnisvolle Gesichter; sie nahmen uns gegenüber ein liebevoll-

bedauerndes, beschützendes Wesen an. Das Seltsamste aber war die Veränderung, die mit

Mademoiselle Henriette vorging. Sie bemeisterte sich, mäßigte ihre Zornesausbrüche und ganz

besonders ihre Großmut im Erteilen von Strafen. Alle Hausgenossen schienen einen Grund zu

haben, uns ungewöhnliche Rücksichten zu erweisen; nur Monsieur Just blieb immer gleich

unbefangen, immer derselbe gute, heitere Kamerad.

An einem regnerischen Sonntagnachmittage dieses Frühjahrs waren wir alle fünf bei Tante Helene

versammelt und spielten eifrigst »Schwarzer Peter«, als Papa eintrat. Er blieb eine Weile am

Tische stehen, wechselte einige Worte mit der Tante, wandte sich dann an uns und fragte:

»Kinder, was würdet ihr sagen, wenn ich euch eine neue Mama brächte?«

Die drei Kleinen sahen verständnislos zu ihm empor, Fritzi wurde über und über rot, senkte den

Kopf und schwieg. Mir kam eine Erleuchtung. Das also war’s – darüber beriet sich unser Vater

mit Großmama und mit der Tante, darüber zischelten die Leute – wir sollten eine Stiefmutter

bekommen. Alle bösen Stiefmütter, die in den Märchen ihr Wesen treiben, standen mir vor Augen,

und es fiel mir nicht ein, daß Maman Eugénie auch eine Stiefmutter gewesen war und daß es

demnach unaussprechlich gute Stiefmütter geben könne. Ohne mich lang zu besinnen, rief ich

aus: »Bring uns keine neue Mama; wir brauchen keine!«

Wenn ich mich recht erinnere, überhörte Papa diesen kühnen Protest; am nächsten Tag aber

machte seine Verlobte ihren ersten Besuch in unserem Hause. Sie kam in Begleitung ihrer

Mutter, die eine imponierende Dame mit noch außerordentlich schönen Gesichtszügen war.

Von der ersten Begegnung mit ihr und ihrer Tochter hielt unsere Großmama Vockel sich fern, nur

Tante Helene nahm teil daran. Das Benehmen der drei Damen gegeneinander hielt sich in den

Grenzen einer kühlen Höflichkeit, und auch uns bezeigte die zukünftige Stiefmutter keine

besondere Freundlichkeit, was recht und ehrlich war. – Ich übernehme euch, wie man Pflichten

übernimmt, sagten ihre lichten, blauen Augen, und wie gut verstanden wir sie! Meine Schwester

teilte mein Gefühl einer gewissen peinlichen Beschämung dieser hohen Erscheinung gegenüber,

die uns bald so nahe stehen sollte. Als wir verabschiedet und in unser Zimmer zurückgeschickt

wurden, sagte Fritzi schwerbetrübt: »Wenn wir nur nicht fünf wären!«

Die neue Mama war ebenso imponierend wie ihre Mutter, hatte das dreißigste Jahr schon

zurückgelegt und neigte zur Fülle. Ihre Haare waren blond, ihr Teint war rosig, ihr Mund,

nicht klein, aber fein geschnitten, hatte schön geschwungene Lippen und war geschmückt mit den

herrlichsten Zähnen. Im ganzen bot sie ein Bild blühender Gesundheit und selbstbewußter Kraft.

Der ersten Begegnung mit ihr folgte bald eine zweite, die den herben Eindruck der früheren

bedeutend milderte. Und nun machten wir zusammen auch gleich aus, daß sie am Ende noch sehr

gut mit uns sein werde.

Wirklich erfuhren wir bald darauf durch sie eine große Wohltat. Fremde Leute hatten ihr die

Augen geöffnet über Mademoiselle Henriette, und sie verlangte deren Entfernung aus dem Hause

und sorgte zugleich für einen Ersatz. Es war der beste, der sich hätte finden lassen. Das

Fräulein, dem jetzt unsere Erziehung anvertraut wurde, hieß Marie Kittl und war eine

Deutschböhmin, die Tochter eines Fürstlich-Schwarzenbergischen Hofrates und Schwester des

damaligen Direktors des Prager Konservatoriums. Wir kamen bei diesem Regierungswechsel aus der

Hölle in den Himmel. Ich wüßte keine gute und vortreffliche Charaktereigenschaft zu nennen,

die unser Fräulein Marie nicht besessen hätte. Geboren für ihren Beruf, war sie eine

Kinderfreundin ohnegleichen und begabt mit dem innigsten Verständnis für alle Vorgänge in der

Kinderseele. Sie kannte keine Rücksicht auf ihr eigenes Interesse, ihr Behagen, ihre

Gesundheit, wenn es sich um unser Wohl handelte. Wie viele Nächte hat sie an unseren

Krankenbetten durchwacht, wie sorgsam uns betreut in der Rekonvaleszenz, wie klug und

geschickt uns lernen gelehrt, mit welcher Hingebung an unseren Spielen teilgenommen!

Daß wir sie nicht von der ersten Stunde an vergötterten, daran trug ihr Äußeres schuld, das

nichts besonders Einnehmendes hatte. Im Gegensatz zu unseren früheren, groß und schlank

gewachsenen Gouvernanten war ihre Gestalt und waren auch ihre Hände und Füße etwas ins Breite

geraten. Sie stand in den Zwanzigen, schien aber viel älter. Ihrer Hautfarbe fehlte die

Frische, ihre Bewegungen waren ohne Anmut, ihre Nase … doch nein, ich will nicht detaillieren.

An jedem einzelnen ihrer Züge hätte sich etwas aussetzen lassen, während der Gesamteindruck,

den die Physiognomie und das Wesen unseres Fräuleins Marie machten, höchst sympathisch war.

Ein feiner, nobler, etwas schwärmerischer Geist sprach aus ihren kurzsichtigen Augen, und bald

wurde es uns zur Ehrensache, sie beifallspendend auf uns ruhen zu sehen. Sie war eine tüchtige

Musikerin und sang besonders Lieder sehr hübsch, mit angenehmer, gut geschulter Stimme.

Wirklich ergreifend trug sie eine der Kompositionen ihres Bruders, das liebenswürdige Lied Der

Vogelsteller, vor. Wer kennt es heute noch? Wer kennt noch Kittls Oper Die Franzosen vor

Nizza, die in den vierziger Jahren vom Prager Publikum mit großem Beifall aufgenommen wurde?

Wer auch schwärmt heute noch für den Dichter Egon Ebert? Marie Kittl tat es aus vollem Herzen,

und wir, getreu unserer Manie, angenehme Überraschungen zu bereiten, fanden uns eines Tages

feierlich als Deklamatricen bei ihr ein. Wir wollten etwas im geheimen Auswendiggelerntes

vortragen: ein Gedicht von Ebert, das die Sage von dem Mönche behandelt, den ein Wunder zum

Glauben an die Ewigkeit bekehrt. Er war gegen Abend in den Wald gegangen, hatte sich ins Moos

gelegt unter einen Baum, in dessen Zweigen ein Vöglein lieblich sang, war eingeschlafen und

mochte wohl eine Stunde geschlafen haben; denn als er erwachte, glitten schon dunkle Schatten

über den Waldesgrund, und die Kirchenglocke rief zur Hora. Der Mönch erhob sich und schritt

dem Kloster zu. Er ging den wohlbekannten Weg, und seltsam verändert kam ihm der vor, seltsam

verändert alles um ihn her, die Sprache, die Tracht der Menschen, denen er begegnete;

fremdartig sogar mutete die Gegend ihn an und völlig fremd das Kloster, das er nun betrat. Das

ist sein altes, kleines Kloster nicht mehr, das ist ein Prachtbau, in Marmorglanz schimmernd,

mit riesiger Pforte, mit breiten Gängen. Er steht im Treppenhaus und

Sieht hinan die hohen Stufen,

Sieht hinan die hohen Hallen,

Schlägt die Hände bang zusammen:

Gott, o Gott! Was ist geschehn?

Mönche kommen, ihm alle unbekannt, scharen sich um ihn, fragen ihn, was er wünscht, wen er

sucht. Seine Freunde möchte er sehen, seine Genossen:

Ruft mir doch den Vater Bernhard

Und den weisen Cyprianus,

Daß sie mir das Dunkel klären

Und das Rätsel lösen mögen.

Seine Worte erregten Staunen und Grauen:

Liegt ja doch der Vater Bernhard

Und der weise Cyprianus

Schon dreihundert Jahr im Grabe.

So erfährt der Mönch, daß er im Walde nicht ein Stündlein, sondern drei Jahrhunderte

verschlafen hat, und die Ahnung einer unendlichen Zeitdauer steigt in ihm auf.

Nun aber drohte unserer Unternehmung eine Gefahr. Fritzi sollte das Gedicht sprechen bis zu

der Stelle: »Und das Rätsel lösen mögen«, dann war’s an mir fortzufahren. Ja – wenn die Namen

der zwei Patres nur nicht für uns die Quintessenz alles Komischen enthalten hätten! Wenn es

nicht schon in Fritzis Gesicht gezuckt und geblitzt hätte, sobald der Moment, sie über die

Lippen zu bringen, nahte, wenn ich mich nur vor verhaltenem Lachen nicht gekrümmt und gewunden

hätte, während sie losbrach und die guten Mönche silbenweise und kreischend herbeirief. Als

dann ich sie übernahm, um sie für dreihundert Jahre ins Grab zu legen – da war es Fritzi, die

sich krümmte und wand und ich, die laut auflachte.

So ging es bei den Proben, so bei der Vorstellung, die kläglich mißraten wäre ohne die Langmut

unserer Zuhörerin. Marie wartete ruhig, bis unser Lachanfall überstanden war, und blickte uns

dabei nachsichtsvoll an mit ihren kleinen Augen, aus denen eine Güte leuchtete, so groß wie

die Welt (mathematisch würde ich das beweisen, wäre ich Sophie Germain). Sie kannte das junge

Kindervolk; sie fragte nicht nach dem Warum seines Lachens oder Weinens, sie wußte:

Sensationen, das sind seine Gründe. Wir empfanden dankbar die Wohltat ihres Verstehens und

fühlten uns glücklich in ihrer sicher geleitenden Hand.

Einmal, ganz besonders gerührt durch neue Beweise ihrer geduldigen Liebe, baten wir sie, uns

gegenüber nicht das steife »Sie« zu gebrauchen, sondern uns wie die kleinen Geschwister, die

wir darum beneideten, »du« zu nennen. Sie forderte dasselbe von uns, und nun war das

freundschaftliche Verhältnis auf den Ton gestimmt, in dem es sich erhalten sollte durchs ganze

Leben. Wie eine kleine Insel der Seligen ragt die Erinnerung an die Zeit, die wir damals

verlebten, vor mir empor. Sie war die schönste, friedlichste meiner ganzen Kindheit.

Seit Anfang Mai befanden wir uns auf dem Lande unter der Obhut unserer Großmutter und Tante

Helenes. Papa war in Wien zurückgeblieben, wo am 21. Juni seine Vermählung stattfand. Zwei

Tage später sollte er mit seiner jungen Frau in Zdißlawitz eintreffen. Nach seiner Berechnung,

wenn auf der Reise alles klappte, wenn nicht Regen eintrat und die Wege völlig ruinierte, in

den Nachmittagsstunden. Empfangsfeierlichkeiten waren streng verboten; im Hause fand keine

Veränderung statt. Tante Helene zog aus den Zimmern Maman Eugénies, die sie benutzt hatte, in

eine Gastwohnung zu ebener Erde – das war alles.

Wir hatten uns bis jetzt wenig mit dem Gedanken an die neue Stiefmutter beschäftigt; als es

aber hieß: Morgen ist sie da! gerieten wir in die gespannteste Erwartung. Daß Großmama stiller

und ernster war denn je und Tante Helene besonders traurig, bemerkten wir kaum. Vom Wetter

hing die rechtzeitige Ankunft der Reisenden ab – es gab also nichts Interessanteres als das

Wetter. Und das war schlecht. Am Abend schon begann es zu regnen, und es regnete fort die

ganze Nacht und auch den ganzen Morgen! Im Hause herrschte Ratlosigkeit. Die Beamten kamen und

halfen sie vergrößern. Der Regen hielt an – was tun? Gestern waren Relaispferde

entgegengeschickt worden; sollte man noch andere nachschicken? Wenn sie überflüssig waren,

gab’s Verdruß; wenn sie gebraucht wurden und fehlten, gab’s auch Verdruß. Der Verwalter

konstatierte das unter frenetischem Tabakschnupfen; der Burggraf, dem daran lag, nicht alle

seine Pferde auf die Landstraße zu schicken, prophezeite gutes Wetter. Und richtig, es machte

sich! Zu Mittag lag ein silberner Schimmer über dem Himmel, am Nachmittag schien die Sonne. Da

zog man unserer Kleinsten ihr weißes Kleidchen an und auch uns weiße Kleider und unseren

Brüdern ihre neuen blauen Blusen, und für jedes von uns brachte der Gärtner ein Bukett. Die

Kleine sollte das ihre mit einigen begrüßenden Worten zuerst übergeben, und der Anblick dieses

engelhaft schönen Kindes, das für sich und für seine Geschwister um ein bißchen mütterliche

Liebe bat, mußte die neue Mama gewinnen und rühren. Nun waren wir zu ihrem Empfang bereit, und

so würde sie denn gleich kommen. Wir standen im Hofe, und alle Augenblicke wollte das eine

oder das andere das Rollen eines Wagens gehört haben, der den Berg heraufgefahren kam und nur

der ihre sein konnte.

»Oh, mir klopft das Herz!« rief eines der fünf und ein anderes: »Und erst mir, fühl nur!« –

»Meins klopft noch stärker.« Jedes wollte im Besitze des stärksten Herzklopfens sein.

So verging der Nachmittag. Das Wetter trübte sich wieder; wir wurden ins Haus zurückgerufen,

lungerten herum, schlichen von einem Fenster zum anderen und spähten hinaus. Die Kleinste

hatte vor Schläfrigkeit schon ganz verglaste Augen, wollte aber durchaus nicht zu Bett gehen

und weinte bitterlich, als Pepinka sie in die Arme nahm und unter den zärtlichsten

Liebkosungen ins Kinderzimmer trug. Dann gelang es Monsieur Just mit vieler Mühe, die beiden

Büblein, die vor Schläfrigkeit nur noch lallten, aber doch wie die großen Schwestern

aufbleiben wollten, in ihre Stuben zu locken. Endlich, ganz spät, ließ die Tante das Souper

auftragen. Niemand aß; erschöpft von der Aufregung, in der der Tag zugebracht worden war,

verlangten wir nach nichts anderem mehr als nach Ruhe. Still saßen wir bei Tische und hörten

mit stumpfer Gleichgültigkeit den Regen unablässig niederströmen und prasselnd an die Fenster

schlagen.

Es wurde elf Uhr. Nun legte Großmama ihr Strickzeug, das sie mechanisch vorgenommen hatte,

fort, und: »Schlafen gehen!« hieß es für uns. Aber die Leute sollten doch noch eine Weile auf

den Beinen bleiben und der Nachtwächter in der Nähe des Hoftores seines Amtes walten.

Wir lagen in unseren Betten im ersten tiefen Schlafe, als Großmama uns weckte. Sie war in

Nachttoilette, ganz eingehüllt in ein umfangreiches braunes Seidentuch, und trug einen

Leuchter mit brennender Kerze in der Hand. »Kinder, sie sind da!« rief sie. Ihre Stimme

zitterte, und auch die Hand zitterte, in der sie den Leuchter hielt.

Das Haustor knarrte, Pferdehufe trappelten auf dem Holzpflaster der Einfahrt, ein schwerer

Wagen rollte langsam herein … Einige Augenblicke, und aus der Tür des Nebenzimmers traten die

neue Mama und unser Vater. Sie begrüßten die Großmama, kamen zu uns heran und küßten eine nach

der anderen. Papa erzählte von den Widerwärtigkeiten der Reise. Besonders arg war es auf der

letzten Strecke gewesen. Nur Schritt für Schritt kamen die Pferde auf den elenden Wegen

vorwärts; die Finsternis wurde fast undurchdringlich. Gar oft mußte der Jäger absteigen, mit

einer Wagenlaterne vorausgehen und leuchten … Und die Xaverine! Eine solche Ängstlichkeit wie

die ihre war dem Papa noch nie vorgekommen – geschrien, alle Heiligen angerufen … sie hatte

keine Courage, seine Frau.

Es war bald wieder dunkel und still um uns her, aber einschlafen konnten wir lange nicht.

Wie feucht das Kleid Mamas an ihr niederhing, und auch ihr Gesicht war ganz feucht; wir hatten

es bemerkt, als sie uns küßte. Sie hatte geweint. – »Natürlich, weil sie sich gefürchtet hat«,

meinte Fritzi, die das innigste Verständnis besaß für jede wie immer geartete Ängstlichkeit.

Nach einer Weile – ich hatte gedacht, sie schliefe schon – begann sie wieder: »Eine

Hochzeitsreise … Es ist traurig, eine solche Hochzeitsreise!«

Ich wunderte mich sehr. War das eine Hochzeitsreise? Das Wort schon hatte einen so heiteren

Klang; man stellte sich darunter etwas ganz Helles, Angenehmes vor … Konnte man denn weinend

ankommen von einer Hochzeitsreise?

Die erste Empfindung, die Mama Xaverine uns einflößte, war ein großes Bedauern. Wir fanden sie

oft in Tränen. Sie litt an Heimweh, sie litt unter den Schwierigkeiten ihrer Stellung. Auf

einen Schlag mit fünf Kindern gesegnet, die vierte Frau eines ältlichen, ihr fast fremden

Mannes sein, durch ihre Umgebung, durch alles, was sie vor Augen hatte, an ihre Vorgängerinnen

gemahnt werden, Vergleiche hervorrufen, die nicht immer das Wohlwollen anstellt, und nie

seinen guten Mut verlieren – dazu hätte viel gehört. Überdies wirkte gar befremdlich auf sie

der Einblick in einen musterhaft geführten Haushalt. Alles festgefügt und ineinandergreifend,

strenge Ordnung und durchsichtige Klarheit, nirgends ein Winkel, in dem unlauteres Getriebe

und betrügerisches Wesen sich verbergen konnten. Eine atmende, fühlende Maschine, die ihre

Tagesarbeit munter und gelassen verrichtete, an der aber auch das kleinste Rad und die

kleinste Schraube glänzte vor Vergnügen an ihrer treuen Pflichterfüllung und der Anerkennung,

die ihr dafür zuteil wurde.

Im Geiste dieses genialen Pedantismus weiterzuwirken lag nicht in der Absicht und nicht in der

Fähigkeit der neuen Gebieterin. Sie suchte vor allem unserem Hause den etwas bürgerlichen

Anstrich abzustreifen, der ihm eigen war, trotz des soliden Wohlstandes, der in ihm herrschte,

der vielen Diener, der hübschen Livreen, der eleganten Equipagen. Der Verwandten- und

Bekanntenkreis Mamas stand auf der sozialen Leiter um eine Sprosse höher als der unsere und

sollte allmählich der tonangebende werden.

Ohne Frage zog mit der neuen Stiefmutter ein frischerer Geist bei uns ein. Sie besaß, was man

»des talents d’agrément« nannte, sang mit angenehmer Stimme und nettem Ausdruck französische

Romanzen, und wir waren glücklich, sie auf dem Klavier begleiten zu dürfen. Ebensosehr freute

es uns, ihr zuzuhören, wenn sie, was sie regelmäßig tat, im Herbste, als die Abende länger

wurden, vorlas. Grüns edles Gedicht Der letzte Ritter, Kenilworth, Godwie-Castle, auch manches

gute Buch von Friederike Bremmer und Emilie Flygare-Carlèn lernten wir durch sie kennen mit

einem Genuß, für den ich nie aufhören werde ihr dankbar zu sein. Wir gewannen sie bald sehr

lieb und bewunderten, außer ihrem Gesang und ihrer Vorlesekunst, auch ihre Malereien. Kleine

Ölbilder, die sie unter der Leitung ihres Lehrers gemalt hatte, würden vor einer strengeren

Kritik als die unsere bestanden haben. Besonders reizvoll aber fanden wir Aquarelle, die in

einem Album versammelt und von Mama ganz allein gemalt waren: Darstellungen aus dem Leben, das

sie daheim geführt hatte, ihre Lieblingsplätze im Garten und im Schlosse – alles höchst

interessant, und heute müßte man mir mit einem Rudolf oder Franz Alt kommen, um mich so zu

erfreuen, wie die Bilder der guten Mama mich erfreut haben. Sie zeichnete kühn und naiv und

lebte mit der Perspektive auf demselben Fuße wie Giotto. Da gab es zum Beispiel in ihrem Album

ein Bild, das den Titel führte Mein Zimmer und das Aussehen eines aufgerichteten Schachbretts

hatte. An dem hingen mehrere Möbel und ein kleiner Hund. Nach oben verjüngte sich das Brett,

und auf seiner schmalen Kante stand an einem offenen Fenster eine Dame vor einem Blumentopf. –

Wenn die nur nicht herunterrutscht! dachte man. Weil sie aber am nächsten Tage noch dastand,

verging die Sorge, und die Heiterkeit des Anblicks blieb.

Im Laufe des Sommers verließ uns unsere liebe Tante Helene, und schwer wurde ihr und uns der

Abschied, obwohl die Trennung nur kurze Zeit dauern sollte. Sie fuhr nach Wien, um im dritten

Stock des Rabenhauses eine Wohnung für sich und Onkel Moritz einzurichten, dieselbe, die sie

schon innegehabt hatten, als er noch ein Kind war, und die später er und ich durch viele Jahre

bis zu seinem Tode bewohnt haben. Sie war nicht groß, und durch keines ihrer Fenster drang je

ein Sonnenstrahl. Ihm aber durchleuchtete die Erinnerung an seine glückliche Kindheit und an

Mannesjahre voll reicher geistiger Tätigkeit ihre bescheidenen Räume. Er hat den Abbruch des

alten Gebäudes nicht mehr erlebt.

Nun ist es hinweggefegt. An einer Ecke des Platzes, den es wuchtig und breit eingenommen hat,

erhebt sich ein schmuckes Haus mit schmalem Eingangstor, schmaler Treppe, niedrigen, schmalen

Gängen und niedrigen Zimmern. Nach englischer Mode heißt es, die aus der Not eine Tugend

macht. Der Rest des Baugrundes ist Straßengrund geworden. Wagen und Automobile rasseln, Ströme

von Menschen schreiten über den Boden, in den einst die »Drei Raben« ihre mächtigen Fundamente

senkten.

Eine zweite Vielgetreue schied im Laufe des Winters. Die alte Pepinka trat in Pension. Mama

Xaverine sah ihrer Niederkunft entgegen und hatte für das Kindchen, das zur Welt kommen

sollte, eine andere, jüngere Wärterin gewählt. Pepinka schlich sich nicht leise davon wie

Anischa, stürmisch und tränenreich war ihr Abschied von dem Hause, in dem sie fünf Kinder mit

grenzenloser Pflichttreue und Hingebung aufgezogen hatte. Besonders schwer fiel ihr die

Trennung von ihrem Liebling, von unserer Ältesten. Und diese hörte ich am Abend desselben und

manchen folgenden Tages noch lange schluchzen, nachdem man uns zu Bette gebracht hatte. Ich

kannte die Ursache ihres Grams. Ihn erweckte der Gedanke: Jetzt geht auch Pepinka schlafen und

hat niemand, der ihr gute Nacht sagt. In ihrer Unermüdlichkeit nahm Fräulein Marie die Obsorge

über unsere Kleine auf sich, die damals noch mehr ins Kinder- als ins Gouvernantenzimmer

gehört hätte. Aber sie befand sich in bester Hut, und für meine Schwester und mich war es ja

doch ein auserlesenes Vergnügen, das »Sophiederl« jetzt immer in der Nähe zu haben und mit

beaufsichtigen zu dürfen.

Unter dem Einnuß Mamas erfuhr nach und nach unser ganzes Unterrichtswesen eine Umgestaltung.

Vom Gediegenen hüpften wir zum Gleißenden hin. Ein neuer Klavierlehrer setzte uns bald

instand, unserem Vater Potpourris aus verschiedenen Opern vorzuspielen. Zu seinem Geburtstage

konnten wir ihm »reizende« Aquarelle darbringen, in denen sich stellenweise eine erstaunliche

Routine verriet, die wir mit dem besten Willen nicht für selbsterworben halten konnten.

An die Stelle des altmodischen Herrn Minetti trat eine elegante Französin, die den

Tanzunterricht damit begann, daß sie uns gehen, stehen, sitzen lehrte und in den Salon

eintreten und den Salon verlassen und grüßen – je nach Gebühr. Der Praxis ließ sie die Theorie

vorangehen. Man hätte ihre Definitionen der verschiedenen Arten zu grüßen bei einem Haare

geistvoll nennen können. Zum Schluß kamen dann, oft wiederholt, die Worte: »Oh, meine jungen

Damen, genau muß das wissen, wer gute Manieren haben will! Gute Manieren, meine jungen Damen,

sind sehr viel, sind beinahe alles. Wenn Napoleon gute Manieren gehabt hätte, wäre er ein ganz

großer Mann gewesen.«

Mit einem lieben Hausgenossen, mit Monsieur Just, war eine Zeit nach der Ankunft unserer

Stiefmutter eine traurige Veränderung vorgegangen. Seine kindliche, immer gleichmäßige

Fröhlichkeit, sein inniges Interesse für jedes einzelne von uns, seine eifrige Teilnahme an

unseren Spielen – alles vermindert, alles wie verwelkt und erloschen.

Im Sommer schon war es uns oft aufgefallen, daß er dasitzen konnte ohne Bewußtsein dessen, was

um ihn vorging. Wenn wir ihn in einem solchen Augenblick anriefen, fuhr er auf und starrte uns

an, verwirrt und fragend, wie plötzlich geweckt aus tiefem Traume. Manchmal rannte und rannte

er im Garten herum, bis ihm der Atem versagte und er halb bewußtlos auf eine Bank niedersank.

Unserem Vater gegenüber war er immer völlig unbefangen gewesen, hatte nie die geringste Furcht

vor ihm gezeigt, hatte auch keinen Grund dazu gehabt, denn Papa hielt ihn wert und ergriff

jede Gelegenheit, ihn zu loben und ihn unseren Brüdern als Muster aufzustellen. Jetzt aber

ging Monsieur Just ihm aus dem Wege, sooft es ihm nur möglich war. Wir bemerkten, daß er eine

ganz andere Stimme hatte als sonst, wenn er mit unserem Vater sprechen mußte, der doch immer

gleich gut gegen ihn war und dem sein seltsames Wesen Besorgnis zu erregen schien. Auch die

Gegenwart Mamas setzte den armen Monsieur Just in große Verwirrung; er wurde rot und blaß und

geriet völlig außer Fassung. Warum nur? Sie behandelte ihn ja nicht um ein Haar anders als

uns, ebenso freundlich und mütterlich.

Einmal geschah’s, daß sie bei Tische eine Frage an ihn stellte und er zusammenfuhr, die Augen

auf sie richtete, erbleichte, wankte und – ohnmächtig zu Boden stürzte.

Wir weinten und jammerten und hielten ihn für tot. Er aber, eine Stunde später, lachte über

uns und über seinen Unfall und versicherte, daß ihm nichts fehle, gar nichts, und daß es sehr

gesund sei, manchmal ein bißchen ohnmächtig zu werden.

Der kleine Victor ließ sich über das Unheimliche der Sache nicht so leicht beruhigen und

fragte unaufhörlich: »Mais pourquoi avez-vous été mort, Monsieur Just? Pourquoi avez-vous été

mort?«

Mit Fräulein Marie hatte Just lange Unterredungen. Sie schien ihm tröstend, beschwichtigend

zuzusprechen. Einmal glaubten wir zu hören, daß sie ihn beschwor, auf die Bitten unserer

Eltern Rücksicht zu nehmen, und daß er darauf erwiderte: »Ich kann nicht, es ist unmöglich,

ich muß fort!«

Im Spätherbste dann, bald nach unserer Rückkehr in die Stadt, begab es sich, daß er vom

Abendessen wegblieb, das immer gemeinsam für uns in unserem Lehrzimmer aufgetragen wurde. Erst

als es für die Brüder Zeit war schlafenzugehen, holte er sie ab. Er brachte ihre Mäntel, legte

sie ihnen um, sagte meiner Schwester und mir gute Nacht, ging auf Fräulein Marie zu und

drückte ihr die Hände herzlich und lange, konnte aber nicht sprechen. Wir sahen voll

Bestürzung, daß er schwer mit seinen Tränen rang, und erhielten keine Antwort auf unsere

besorgten Fragen, was ihm sei und warum er weine. Er schob die Knaben bei den Schultern vor

sich her der Tür zu, die sich bald darauf zum letztenmal hinter diesem lieben Menschen schloß.

Am nächsten Morgen kamen die Brüder weinend zu uns herüber. Monsieur Just war fort. Er hatte

ihnen Lebewohl gesagt und uns alle noch, alle, vielmals grüßen lassen.

Mama war den Knaben auf dem Fuße gefolgt, bemühte sich, uns zu trösten, und versicherte,

Monsieur Just werde wiederkommen, er habe jetzt nur für kurze Zeit zu seiner Mutter nach

Frankreich reisen müssen. Und dann bat sie die gute Marie, heute auch die Buben zu

beaufsichtigen und mit der ganzen Kindergesellschaft im großen Familienkobel – das war ein

weitläufiger, viersitziger Wagen – in den Prater zu fahren. Für abends hatte Papa eine Loge im

Kasperltheater genommen, wo Döbler seine Taschenspielerkünste vorführte.

Vierzehn Tage hindurch hatten wir Ferien. Man ließ uns nicht Zeit, dem Schmerz um unseren

Freund nachzuhängen. Wir undankbaren, leichtsinnigen und eitlen Kinder genossen jedes

dargebotene Vergnügen aus dem Grunde und bildeten uns viel ein auf die Mühe, die unsere Eltern

sich gaben, uns zu zerstreuen.

Einmal fuhren wir nach einer Vorstadt, in der sich eine vielgerühmte Erziehungsanstalt für

Knaben befand. Unser Besuch mußte angekündigt gewesen sein, denn der Vorsteher und seine Frau

erwarteten uns auf der Schwelle ihres Hauses. Wir wurden durch all seine Räume geführt, auf

die Ordnung und Reinlichkeit, die in ihnen herrschten, auf die Zweckmäßigkeit jeder

Einrichtung, auf jeden Vorzug des mustergültigen Instituts aufmerksam gemacht. Unsere Eltern

waren voll der Anerkennung und des Lobes.

Aus dem Hause ging’s in den Garten, dessen Größe gerühmt wurde und der uns sehr klein

erschien. Einige Dutzend Knaben und Jünglinge spazierten herum, spielten oder turnten. Alle,

die vom Vorsteher-Ehepaare angesprochen wurden, antworteten je nachdem mit einem kindlichen:

»Ja« oder »Nein«, »Mutter« oder »Vater«.

Am nächsten Tage bei Tisch ergingen sich unsere Eltern im Preise der Anstalt, ihrer Leiter,

des blühenden und zufriedenen Aussehens der Zöglinge. Fräulein Marie und auch wir Kinder

wurden aufgefordert, unsere Meinung zu sagen. Wie das Urteil der anderen ausgefallen ist, weiß

ich nicht mehr, ich weiß nur, daß ein Gelächter sich erhob, als ich erklärte, Mutter zu sagen

zu einer fremden Frau würde ich meinen Kindern nie erlauben!

Bald darauf standen die Brüder im Speisezimmer, eingeknöpft in ihre kleinen Paletots, die Hüte

in der Hand, zum Fortgehen bereit. Aus den hellblauen Augen des jüngeren sprach eine

schmerzliche Betroffenheit. Sollte mit ihm nicht etwas geschehen, das eigentlich unmöglich

war, sollte er nicht fort von zu Hause? Der ältere hatte den Kopf von ihm abgewandt, er wollte

ihn nicht ansehen, sein Anblick hätte ihm zu weh getan. Wir kannten ihn, Fritzi und ich, wir

wußten, was in ihm vorging. Er hatte jetzt nur eine Sorge. Wie wird es dem Kind ergehen im

Institute? Unter allen Buben, die dort sind, wird er der jüngste und schwächste sein, und sein

starker Bruder wird vielleicht nicht immer zurechtkommen können, um ihm beizustehen, wenn er

sich in Händel einläßt, der leicht gereizte, streitbare Kleine. Keiner der beiden sprach, und

auch wir brachten kein Wort heraus, und es war, als ob die Scheidenden uns fast schon

entfremdet wären. Wir betrachteten sie von einer Fenstervertiefung aus, und der Druck einer

beängstigenden Befangenheit, eines peinlichen Zwiespalts lag auf uns.

Warum schickt man sie fort, diese zwei Kinder, die ein gutes Daheim, die Eltern und

Geschwister haben? Ist es nicht grausam, sie fortzuschicken unter fremde Menschen? Aber die

Eltern tun es, und was sie tun, hatten wir von klein auf gehört, ist immer das Rechte.

Der Wagen wurde angemeldet, Papa kam aus seinem Zimmer, und aus dem ihren, von der

entgegengesetzten Seite, kam Mama. Sie umarmte die beiden kleinen Buben und ermahnte sie,

recht brav zu sein, sie würden dann schon am nächsten Sonntag wiederkommen dürfen.

»Und dableiben?« Ich glaube, wir riefen das alle zugleich wie aus einem Munde, und die

Enttäuschung war bitter, als es dann hieß: »Ja, ja, den ganzen Tag.«

Papa schritt der Ausgangstür zu. »Sagt adieu und kommt!« sprach er, und es war leicht, aus

seinem strengen Tone eine unterdrückte Rührung herauszuhören.

Von einigen der Notizbüchlein, die ich damals immer nebst Bleistift und Federmesser in meiner

Tasche herumtrug, sind noch Rudera erhalten. Ein ganz schief mit Bleistift liniiertes

Blättchen kam mir neulich in die Hand, auf dem, kaum noch zu entziffern, geschrieben steht:

»Die Brüder sind heute fort. Ich habe einen Schmerz in meinem Herzen. Der ist viereckig und

hat Ränder, die sind scharf. Er hat auch Spitzen.«

Am nächsten Sonntag hatten die Knäblein wirklich »Ausgang«. Papa holte sie selbst im Institute

ab. Sie waren traurig und gedrückt, und der Kleine vertraute mir geheimnisvoll an: »Was dort

für Buben sind! … Wie die sind! Das kannst du nicht denken, wie die sind!«

Ihre Ferienzeit brachten die Brüder in Zdißlawitz zu, und wir verlebten gute Tage mit ihnen.

Einer der Vorsteher der Anstalt, Herr Hönig, hatte sie begleitet. Er war mit Monsieur Just an

Liebenswürdigkeit, Lustigkeit, an Erfindungsgabe bei den Spielen nicht zu vergleichen, aber

ein vortrefflicher Mensch, ein wahrer Freund seiner Zöglinge. Sie hatten leider bald das

Mißgeschick, auch ihn zu verlieren; er trat, wenn ich nicht irre, eine Professorstelle an

einem Gymnasium an. Sein besonderer Schützling, der kleine Victor, war ganz untröstlich und

schrieb an Papa: »Ich hab drei Tage um Herrn Hönig geweint.«

Im September, an meinem Geburtstage, erlebte ich das für mich vielleicht denkwürdigste

Ereignis meiner Kinderjahre: Mama schenkte mir Schillers sämtliche Werke in einem Bande. Ein

großes, dickes, prächtiges Buch, eng gedruckt, ein Reichtum, nicht zu erschöpfen, und wenn ich

hundert Jahre alt würde. In den ersten Tagen, im ersten Rausche des Besitzes, war von

systematischem Lesen nicht die Rede. Ich glaube, daß es eine der Balladen gewesen ist, die

mich umfing wie eine feurige Umarmung und mich erhob in ein Bereich nie geträumter

Herrlichkeit. Das gibt’s? – das gibt’s – Das ist eingefangen da auf diesen Blättern, und wenn

man seine Augen auf ihnen ruhen läßt, steigt es herauf, durchtränkt die Seele, prägt sich dem

Gedächtnis ein, und man hat es, man kann es vor sich hersagen und sehen, was er gesehen hat,

dieser Dichter, und uns darstellt mit prunktvollen Worten, wie nur der eine, einzige sie

sprechen konnte! Das Titelbild, ein Stahlstich nach der Schillerstatue von Thorwaldsen,

stellte mir den Dichter in edelster Erscheinung dar. So mächtig, so voll Größe und Kraft und

das schöne Haupt doch gebeugt unter der Last des schweren Kranzes. Selbst errungen, der

überreiche, der ihn nun bedrückte. Klar wurde es mir freilich nicht, daß der Bildhauer

vielleicht diesen Gedanken hatte ausdrücken wollen; nur als etwas Unbestimmtes, unsagbar

Anziehendes kam es mir zum Bewußtsein. Marie und meine Schwester fanden mich einmal in die

Betrachtung des Bildes meines vergötterten Dichters versunken, und ich machte sie auf sein

unter dem Kranze gesenktes Haupt aufmerksam. Da legte Fritzi ihre Hand auf meinen Scheitel und

sagte: »Sie glaubt gewiß, daß auch sie einmal einen solchen Kranz auf ihrem Kopf haben und so

dastehen wird.«

Sie hatte das liebreich, mit ganz harmlosem Spotte gesprochen und mich trotzdem schwer

beleidigt. Gerade jetzt meldete »es« sich nicht mehr. Seitdem ich im Besitze meines Schiller

war, lebte ich nur in ihm, und seine Gedichte unermüdlich herzusagen machte jetzt mein Glück

und meine Freude aus. Wie oft mußten die alten, vertrauten Lindenbäume unserer Allee den

Eichwald brausen hören! Wie oft rief ich ihnen, die gewiß darüber staunten, zu: »Ich habe

gelebt und geliebet!«

Alles wiederholt sich im Leben, weil wir selbst uns immer wiederholen, und wie ich einst mit

allen meinen Gedanken und Gefühlen in der Haut eines kühnen Drachentöters oder eines armen,

verfolgten Stieftöchterleins gesteckt hatte, so war ich jetzt abwechselnd eine oder die andere

Heldengestalt Schillers und nahm zum Erstaunen meiner Umgebung plötzlich laut Abschied von

meinen geliebten Triften oder forderte mit ungestümem Pathos Gedankenfreiheit.

Böse Stunden der Reaktion stellten sich allerdings auch ein, ich konnte auch Entrüstung

empfinden über meinen Abgott. Er hatte mir mit der matten Limonade und mit verschiedenen

Grobheiten, die der alte Miller seiner Frau sagt, Kabale und Liebe verunstaltet, und sehr

lächerlich kamen die Gedichte an Laura mir vor. Ich erlaubte mir sogar, eines von ihnen zu

travestieren, und wurde dafür von Marie tüchtig gezankt. Sie bedauerte, daß Mama mir ein

Kleinod in die Hand gegeben habe, dessen Wert zu schätzen ich noch ganz und gar nicht vermöge.

Ich würde mir sonst eine Kritik nicht erlauben – aus Pietät. Zur Pietät aber fehle mir die

Reife.

Sie fehlte mir freilich auch zur Würdigung dieser Strafpredigt. Viel später erst ging ein

Verständnis des innigen Zusammenhanges zwischen Unreife und Mangel an Pietät mir auf. Aus

Tausenden von Lehren, die das Leben uns erteilt, aus täglichen Erfahrungen können wir es

schöpfen. Pietät ist immer nur die Frucht der edlen Ausgeglichenheit, die man Reife nennt. Die

Jugend weiß nichts von ihr, und ewig unerreicht bleibt sie den Halbgebildeten, den

Vorurteilsvollen, den Parteilichen.

Daß meine Stiefmutter unrecht gehabt hat, mir, dem elfjährigen Kinde, die Werke Schillers zu

schenken, kann ich heute noch nicht einsehen. Ich werde es meinen Eltern auch immer danken,

daß sie im Laufe des folgenden Winters meine Schwester und mich an jedem ihrer Logentage ins

Burgtheater mitnahmen. Wir sahen alle klassischen Stücke, die auf der damals Ersten deutschen

Bühne zur Aufführung kamen. Wir sahen Das Leben ein Traum und fühlten uns in den Himmel

getragen von dem Schwung seiner Verse, wir sahen Wallenstein mit Anschütz in der Titelrolle,

Maria Stuart, Hamlet, wir sahen den Prinzen in Emilia Galotti von Fichtner so hinreißend und

liebenswürdig dargestellt, daß wir herzlich wünschten, der alte Edoardo möge doch ihm seinen

Segen geben zur Vermählung mit Emilia. Von einem weniger soliden Bunde wußten wir nichts und

fanden überdies den Grafen Appiani einen recht steifleinenen Herrn. Minna von Barnhelm mit

Fräulein Enghaus als Minna, Lucas als Tellheim, Wilhelm als Werner, La Roche als Just gespielt

zu sehen war ein feinster, unauslöschlicher Kunstgenuß. Und nun erst Egmont mit Löwe in der

Titelrolle und Julie Rettich als Margarete. Da, und als Mutter der Makkabäer und später dann

als Marfa im Demetriusfragment, hat diese Frau, die eine Herrschernatur war und ihre Kunst wie

eine Priesterschaft ausübte, dank ihrer geistigen Überlegenheit und echten Seelengröße eine

Höhe erreicht, zu der stärkere, aber auf minder edlem Boden stehende Talente nie gelangen.

Wie die Märchen Perraults, wie die Geschichte und die Sagen des Altertums, so wurden uns auch

die Kunstgenüsse im Burgtheater in ärmlicher Ausstattung geboten. Meine verehrte Freundin,

Gräfin Schönfeld, ehemals Luise Neumann, und ich erinnern uns oft lächelnd des Rüstzeugs, mit

dem die großen Schauspieler jener Tage versehen wurden, um ihre glänzenden Siege zu erringen.

Der ganze Dekorationsapparat der Ersten deutschen Bühne entfaltete sich innerhalb der Grenzen

äußerster Sparsamkeit. Besonders hart übte sie ihre Gesetze dem feinen Lustspiel gegenüber

aus. In den vornehmen Häusern saßen die Damen auf einem mit Rohrgeflecht überspannten Kanapee,

im bürgerlichen Haushalt gab es nur Holzsessel. Eine Zimmerdekoration, eine besonders gute

alte Bekannte, war in jungen Tagen rosenfarbig gewesen, zwei Landschaften, Grau in Grau

gemalt, zierten ihre Mittelwand. Bevor sie selbst erschien, schwebte ihr der ganzen Breite

nach ein Streifen sehr schmutziger Fransen voran, in die sich allmählich ihre untere Partie

aufgelöst hatte. Während sie niederrollte, kamen rechts und links je zwei Diener, die je einen

glatten, viereckigen Tisch auf die Bühne stellten. Sie trugen auch einige Sessel herbei, und

wenn ein Paar von diesen vor das Souffleurhüttchen gestellt wurde, ahnten wir, daß ein

wichtiges Gespräch zu erwarten war, und spitzten die Ohren. Es kam; die Zuhörer genossen es

und verstanden jede feine Wendung und freuten sich jeder Pointe, und unsere

Herzensangelegenheit war’s, die man dort verhandelte. Wenn ein Liebling des Publikums auftrat,

ging’s wie ein leises, freudiges Atmen durch das Haus; ein beifälliges Gemurmel, ein kurzes,

herzliches Klatschen dankte für besonders vortreffliches Spiel. Unsere Mimen verstanden die

Innigkeit unseres Dankes und die Treue zu schätzen, die ihrer nie vergessen und die Nachwelt

zwingen werde, ihnen Kränze zu flechten.

Unser altes Burgtheater! Es war für mich, und wird es gewiß für viele gewesen sein, ein Quell

edler Freude, ein Bildungsmittel ohnegleichen. Ihm verdanke ich die Grundlage zu meiner

ästhetischen Erziehung, die damals begann und heute – noch lange nicht beendet ist.

Die Glückseligkeit, in die mich die Vorstellung versetzte, wurde immer etwas getrübt durch das

Fallen des Vorhangs nach den Aktschlüssen. Es riß mich aus der Bezauberung und mahnte, daß ein

Teil der mir so köstlichen Stunden vorüber sei.

Der Nachgenuß aber war etwas Vollkommenes. Ich wandelte einher wie auf dem Kothurn, ja, es kam

mir in die Füße! Ich schritt gleich den hochgestellten Persönlichkeiten bei feierlichen

Aufzügen auf der Bühne, heroische Gefühle erfüllten mein Herz, der Wille zum Leiden erwachte

in seiner ganzen Stärke und mit ihm die brennende Sehnsucht nach einem großartigen Martyrium.

Neben den klassischen Stücken waren aber die Schau- und Lustspiele, die bei den Meinen

besonders in Gnaden standen, auch mir sehr willkommen. Zwei Damen, zwei dramatische

Schriftstellerinnen, gelangten um jene Zeit sehr oft zu Worte. Die Prinzessin Amalie von

Sachsen mit dem Oheim, dem Landwirt, der Stieftochter, Frau von Weißenthurn mit zahlreichen

Dramen. Die Erinnerung an sie ist erloschen; ich entsinne mich nur dunkel des einen, das

Pauline hieß und in dem Luise Neumann die Hauptrolle spielte.

»Ach, die liebe, gute Frau von Weißenthurn, wenn wir sie nicht hätten!« sagte Börne, und sie

hätte erwidern dürfen: Ach, der liebe, gute Börne, der destruktive Kritik so meisterhaft übt –

wenn ich den nicht hätte! Er nimmt mich mit in seine – Vielleicht-Unsterblichkeit; wer würde

ohne ihn nach einem halben Jahrhundert noch etwas wissen von meinem Schauspiel Agnes van der

Lille und von meinem Lustspiel Beschämte Eifersucht?

Der Winter 1842 brachte dem Burgtheater drei Ereignisse: die erste Aufführung von Friedrich

Halms Der Sohn der Wildnis, den Abschied Johannas von Weißenthurn vom Burgtheater, dem sie

durch zweiundfünfzig Jahre angehört hatte, die Feier von Korns vierzigjährigem

»Dienstjubiläum«.

Dem Sohn der Wildnis stand ich ratlos gegenüber. Das »romantische Drama« feierte Triumphe, ich

hörte nur Aussprüche des Lobes und der Bewunderung, während mir einige Szenen geradezu Pein

verursachten. Einen großen Teil der Schuld daran schob ich Julie Rettich, der Darstellerin der

Parthenia, zu. Der edlen Frau und Künstlerin fehlte der Zauber der Anmut. Wenn sie, im zweiten

Akte von den wilden Tektosagen gefangengenommen, sich hinsetzte und Kränze wand, entwickelte

sie diese unwahrscheinliche Tätigkeit mit verletzend eckigen Bewegungen. Man mußte wirklich

ein Barbarenhäuptling sein, um nicht Anstoß an ihnen zu nehmen. – Aber dann … Als Ingomar,

angewidert durch die Niedertracht des Kulturvolkes, dessen Genösse er geworden, sich losreißt,

um in seine Wildnis zurückzukehren, holt Parthenia sein ihr anvertrautes Eigentum, sein

Schwert, herbei. – Er will es ihr abnehmen. – Nein. Sie wird es tragen – ihm nach.

»Wohlan denn«, sagt er, »bis zum Markte –«

Und sie:

»Bis zum Markt –

Nein, noch ein Stückchen weiter – bis ans Tor –

Noch weiter, bis zum Meer und übers Meer

Hinaus, und über Berg und Tal und Ströme,

Nach Ost und West, wohin dein Lauf sich kehrt.

Wohin dich irrend deine Schritte tragen,

Solang mein Herz pocht, meine Pulse schlagen,

Solang ich atme, trag ich dir dein Schwert!«

Da meinte man Glockenklang zu vernehmen, siegreich und unwiderstehlich flutete der Wohlklang

dieser Verse durch das Haus, getragen von einer Stimme, die gleich einer Naturgewalt mächtig

blieb, ob sie dräute oder schmeichelte, brauste oder lispelte.

Gar oft haben wir den Sohn der Wildnis aufführen gesehen, und jedesmal brach an dieser Stelle

des Gedichtes jubelvoller Beifall los, in den mein Vater einstimmte und auch ich aus allen

meinen Kräften. Leid tat mir nur, daß der Sieg des Barbaren über die unerträglich nörgelnde

Griechin kein vollständiger war. Sein Bärenfell hätte er wieder umhängen, in seine Wälder

hätte er die merkwürdigerweise Geliebte mitnehmen und wieder Häuptling seiner Tektosagen

werden sollen, ein Feind und Schrecken der verruchten Stadt Massalia, nicht ihr friedlicher

Bürger. So meinte ich als Kind, und bei der Meinung bin ich geblieben und habe sie viele Jahre

später dem Dichter mitgeteilt, der mein treuer Freund und Lehrer geworden ist.

Er hat mir nicht ganz unrecht gegeben.

Der Abschied Frau von Weißenthurns von der Stätte ihrer langjährigen Tätigkeit gestaltete sich

zu einem Burgtheater-Familienfeste. Unter fast ununterbrochenem zustimmendem Gemurmel des

Publikums und so vielem Applaus, als sich halbwegs passend anbringen ließ, wurden zwei von der

dichtenden Schauspielerin verfaßte Stücke aufgeführt. Dann, stürmisch gerufen, trat sie an die

Rampe und erzählte umständlich ihren ganzen Lebenslauf. Sehr andächtig hörte man ihr zu, und

als sie mit Worten innigen Dankes schloß, erntete sie Dank, sehr warmen, aber völlig

platonischen. Kein Lorbeerregen, keine Auffahrt von Blumenarrangements; nichts von fanatischen

Huldigungen, die jetzt unseren Bühnengrößen dargebracht werden und – wer weiß – vielleicht

einen Mangel verbergen. Gibt man heute soviel, weil man morgen nichts mehr zu geben hätte?

»Dableiben! Dableiben!« riefen wir alle, ehe der Vorhang sich senkte, der guten Frau von

Weißenthurn zu, der es nicht einfiel fortzugehen. Wir sahen sie gar oft noch im dritten Stock

des Burgtheaters in der Schauspielerloge sitzen. Wenn eines ihrer Werke aufgeführt wurde,

fehlte sie nie und belohnte bei den rührenden Stellen ihre ehemaligen Kollegen durch strömende

Tränen für ihr vorzügliches Spiel.

Wie das Jubiläum Korns gefeiert wurde, davon vermag ich nicht mehr Rechenschaft zu geben; ich

weiß nur, daß wir erschraken, als wir erfuhren, er gehöre dem Burgtheater seit vierzig Jahren

an. Da hatten unsere Großmütter schon für ihn geschwärmt, und er wäre ein alter Mann? … Und

neulich erst hatte er uns so gut gefallen als Admiral in den Fesseln, und Fritzi war tief

gekränkt gewesen, als Papa sagte: »Der arme Korn hat keine Stimme mehr.« Und nun mußte man’s

ganz natürlich finden, daß er keine Stimme mehr hatte, dieser bejahrte Liebling. Übrigens –

Liebling blieb er, trotz seiner Heiserkeit, die sich nicht mehr geben wollte. Löwe war ja

herrlich und kam uns in manchen Rollen, zum Beispiel als Siegfried in Raupachs Nibelungen, wie

ein Halbgott vor und Fichtner stets wie das Urbild der Liebenswürdigkeit. Auch Lucas konnte

äußerst gewinnend sein in seiner gehaltenen, noblen, etwas feierlichen Weise; aber Korn blieb

der Feinste, der unumschränkte Beherrscher schöner Form, die nur das Sichtbargewordene des

schönsten geistigen Inhalts sein konnte. Korn blieb der siegreichste Herzensbezwinger. Einmal

erhielt er einen Beweis davon, der ihm gewiß mehr Freude machte als der lauteste Applaus und

die schmeichelhafteste Rezension. Er hatte seinen unvergeßlichen Hauptmann Klinger gespielt,

stand als gütige Vorsehung der ganzen Gesellschaft mitten unter glücklichen Brautpaaren, sah

sich um und fragte: »Und mich will niemand heiraten?« – »Ich!« antwortete ihm laut eine

Mädchenstimme. Aus einer Loge des ersten Ranges kam der Ruf spontan, mit unwillkürlicher

Hingerissenheit. Korn lächelte, wollte aber nichts gehört haben; das Publikum lachte

wohlwollend; einige »Bravo!« ließen sich hören, einige Parterrebesucher grüßten hinauf zu der

Loge, in der eine anmutige junge Gräfin sich bestürzt hinter ihre bestürzten Eltern zurückzog.

Kaum zwei Jahre hatten wir unter der Obhut unserer guten Marie gestanden, als sie nach Prag

berufen wurde, wo ihr Vater und ihr Bruder an Typhus erkrankt waren. Sie fand die Ihren in

einem fast trostlosen Zustand. Er besserte sich zwar allmählich, unter allen Umständen aber,

schrieb unsere Freundin, müßten wir uns auf eine lange Trennung gefaßt machen; vorläufig wäre

der Tag ihrer Rückkehr noch nicht abzusehen.

So blieb denn nichts übrig, als sich dem bedenklichen Auskunftsmittel einer provisorischen

Regierung zu bequemen, und unser Haus wurde der Schauplatz eines seltsamen

Gouvernantenfestzuges. Eine schöne, hochgewachsene Deutschböhmin, die in Paris erzogen worden

war, eröffnete ihn. Ihr Benehmen konnte man nur vortrefflich nennen; sie war weder verlegen

noch anmaßend, grüßte schön, aß schön. Aber bei der Wahl ihres Berufes hatte sie

danebengegriffen und zog deshalb vor, ihn nur nominell auszuüben. Sie hatte reiche

dunkelblonde Haare, die sie nach der damals herrschenden Mode vorne abgeteilt und in Locken

trug. Den Morgen brachte sie damit zu, den goldigen Kopfschmuck auf dem Lockenholz zu glätten

und zu blänken, und den Abend damit, ihn in Papilloten zu wickeln. In der Zwischenzeit lag sie

auf dem Kanapee und las Romane aus der Leihbibliothek. Der Müßiggang, dem die

Interimsgouvernante uns überließ, wurde sehr bald langweilig. Es verdroß uns auch, daß sie

sich um unsere Jüngste gar nicht bekümmerte. Die kleine Sophie aber lernte ihr etwas ab. Sie

hatte feine, von Natur gelockte Haare und fing an, dem Beispiel des Fräuleins folgend, eine

der seidenweichen Strähnen nach der andern um ein Kipfel zu winden, das sie eigens zu dem

Zwecke vom Frühstück aufbewahrt hatte. Sie saß auf einem Schemel, schaute vor sich hin, sprach

nicht und wand ihre Locken auf und ab und hätte stundenlang so dasitzen mögen, wenn wir es

geduldet hätten.

Mama täuschte sich nicht über die Unzulänglichkeit der wohlerzogenen Dame. Eines Tages

verschwand sie samt ihren Romanen und ihrem Lockenholz, und ihre Stelle wurde durch eine

kleine, dicke, rotbäckige Französin eingenommen. Das war nun die Gutmütigkeit in Person,

dieses abermalige Fräulein. Schon nach den ersten Unterrichtsstunden, die sie uns gab,

bemerkte ich, daß sie mich an Ignoranz weit übertraf. Ihre Bekanntschaft mit Geographie und

Geschichte war von komischer Dürftigkeit. Die Sprachlehre kannte sie nur dem Namen nach. Sie

mußte, um unser Diktando auszubessern, das Buch, aus dem sie vorgesagt hatte, zu Hilfe nehmen.

Ich fragte sie, ob sie nicht auswendig korrigieren könne, und sie antwortete unbefangen: »Ma

foi, non!«

Mon Dieu! Es war ihr nicht an der Wiege gesungen worden, daß sie Gouvernante werden sollte. In

Wohlhabenheit aufgewachsen, hatte sie selbst eine Gouvernante gehabt, eine vernünftige, von

der sie nicht geplagt wurde mit dem Studium gelehrter Bêtisen. Auch gute Eltern hatte sie

gehabt; nur ein bißchen verschwenderisch waren sie und hinterließen, als sie starben, ihren

schon erwachsenen Kindern, einem Sohn und einer Tochter, sehr beträchtliche Schulden.

Les pauvres vieux! Sie werden sich Sorgen genug gemacht haben! Ihre Kinder grollten ihnen

nicht. Der Sohn diente in der österreichischen Armee, hatte es bis zum Hauptmann gebracht und

seine Schwester kürzlich nach Wien berufen. In Frankreich durfte sie sich als garde d’enfants

placieren, in Wien nur als Gouvernante. Pensez donc – die Schwester eines Hauptmanns! Wir

lernten auch ihn kennen, Papa lud ihn oft zu Tische. Er hatte große Ähnlichkeit mit seiner

Schwester, liebte sie sehr, nahm sie oft mit auf »Elitebälle« und ließ ihr dort zwei Portionen

Gefrorenes geben. Oh, ihr Bruder, der Hauptmann, der kargte nicht! Der war die Krone der

Brüder, der Hauptleute, der Menschen überhaupt! Sie geriet in Begeisterung, wenn sie von ihm

sprach, schob die Bücher und Hefte fort, sprang auf und schlug uns eine Partie »au loup« vor.

Im Augenblick waren Fritzi und ich von Angstfrösteln durchrieselt. Mademoiselle hob die kleine

Sophie auf ihre Schulter und zog sich in die Ecke hinter dem Ofen zurück. Ein bedrohliches

Brummen, Knurren, Knirschen begann daraus hervorzudringen … Der Loup war da … Vorsichtig

schlichen wir heran, und wenn es uns gelang, an der Höhle des Raubtieres dreimal nacheinander

vorbeizuhuschen, ohne gefangen zu werden, dann hatten wir gewonnen. Aber das kam fast nie vor.

Es erhaschte uns; unter einem Indianergeschrei der kleinen Schwester fletschte es seine Zähne,

wir fühlten uns schon zerfleischt und zerrissen – und das war ein großer Genuß.

Daß der gegenwärtige Zustand nicht von Dauer sein konnte, verstand sich von selbst und war uns

auch ganz recht; denn wir sehnten uns nach unseren Beschäftigungen, nach einem Unterricht, wie

Marie ihn erteilt hatte, zurück. Wir waren so gut im Zuge gewesen, hatten uns der

Fortschritte, die wir machten, gefreut. Und nun waren sie jählings unterbrochen worden, und

unser kaum erwachter Wissensdurst blieb ungestillt. Allerdings erhielten wir »Stunden«; doch

wurden besonders die im Klavierspielen und Zeichnen recht oberflächlich gegeben und genommen.

Die einzige Ausnahme in all dem dilettantenhaften Wesen machte der Unterricht, den eine

Engländerin uns in ihrer Muttersprache erteilte, eine hübsche, etwas nervöse Frau, an den

Associé eines englischen Geschäftshauses in Wien verheiratet. Daheim war sie Lehrerin an einem

angesehenen »College« gewesen und suchte nun wieder ihre freie Zeit auszufüllen. Sie brauchte

Beschäftigung und Zerstreuung, denn ach, der Himmel versagte ihr, die sich so schmerzlich

danach sehnte, das Mutterglück. Sie hatte kein Kind, dem sie ihre Sorgfalt widmen konnte. Wenn

sie unsere Sophie erblickte, war die zurückhaltende und gern absprechende Frau wie verwandelt,

war ganz Hingebung und Entzücken. Sie küßte und herzte die Kleine, gab ihr die zärtlichsten

Namen und brach zuletzt in heiße Tränen aus.

Die »englische Lehrerin« war uns schon deswegen wert, weil Fräulein Marie Kittl sie empfohlen

hatte; von einem förmlichen Strahlenglanz schien sie uns aber umgeben, als wir hörten, daß sie

auch einer unserer gefeiertsten Burgtheatergrößen, Luise Neumann, Unterricht erteilte. Wir

staunten ein Wesen, das mit ihr in persönlichem Verkehr stand, wie ein Weltwunder an. Wir

wollten wissen, ob sie ihr Glück denn auch ganz ermaß und Luise Neumanns Hefte mit gehörigem

Respekt durchsah. Und wie waren diese Hefte beschaffen, und befand sich nie ein Fehler darin?

Und warum lernte Luise Neumann Englisch? Wozu braucht sie, die alle Welt bezaubert, auch noch

Englisch zu lernen? »Ja«, bekamen wir zur Antwort, »sie ist eben sehr gescheit; sie weiß, wer

die englische Sprache beherrscht, überragt in jeder Hinsicht alle, die sie nicht beherrschen.

Und wie sie lernt! und wie sie die schwersten Worte ausspricht! Da könnten Sie sich ein

Beispiel nehmen, meine kleinen Misses.« – Natürlich wurde es sofort ein Ziel unseres

Ehrgeizes, Luise Neumann an Eifer und Fleiß zu erreichen, und wenn wir einmal

Außerordentliches geleistet hatten, nahm die Lehrerin zur Belohnung einen Brief mit, den wir

an unsere Vielbewunderte gerichtet und den sie ihr zu übergeben versprach. Er wurde mit

vereinten Geisteskräften aufgesetzt, bevor ich ihn ins reine schrieb; unter welcher

Gemütsbewegung, das weiß Gott. Zu dieser Korrespondenz konnten doch nur hochfeine Bögelchen

verwendet werden. Weh mir, wenn ich eines verdarb; sie waren so teuer, und wir hatten so wenig

Geld! Von den schmalen Einkünften, die wir am Ersten jedes Monats bezogen, mußte unsere

Armenpflege bestritten, mußten an den Namenstagen der Hausleute kleine Geschenke für sie,

mußten überdies unsere Handschuhe gekauft werden. Je nun – Schwärmerei und Liebe verrichten

Wunder; das Briefchen war geboren, schmuck und zierlich, meistens rosenfarbig, und versank ins

Ledertäschchen der Mistreß, dessen Bügel sich mit einem triumphierenden Schnapper über ihm

schloß. Wir konnten das Wiedererscheinen der Lehrerin kaum erwarten und bestürmten sie mit

Fragen nach dem Gelingen ihrer Mission. Ließ denn Luise Neumann uns gar nichts sagen? Schickte

sie uns nicht einmal einen kleinen Gruß? »Nein, heute nicht, sie hatte keine Zeit – vielleicht

ein nächstes Mal.«

– Keine Zeit, einen Gruß zu schicken? Das wollte mir doch nicht recht einleuchten.

Eines Tages war die Engländerin mit Schnupfen behaftet und hatte mehr Sacktücher in ihr

Täschchen gestopft, als dem behagte. Doch fügte es sich in sein Schicksal, tat seine Pflicht

und hielt alles ihm Anvertraute hartnäckig fest. Der Not gehorchend, wollte seine Besitzerin

ihm plötzlich von seinem Inhalt etwas entreißen; es widerstand – sie brauchte Gewalt – da,

voll Grimm und Tücke, spie es die sämtlichen verschluckten Güter auf den Tisch und auf den

Boden aus. Gebrauchte und nichtgebrauchte Taschentücher kamen zum Vorschein und zugleich –

unsere Briefe an Luise Neumann. Alle! Die Briefe alle, »all die lieben, kleinen …« Ja, ich

hatte etwas davon gewittert, daß unser Vertrauen getäuscht wurde; daß es aber in solchem Grade

geschehen könne, hätte ich nicht für möglich gehalten, und ohne den geringsten Rückhalt sprach

ich der falschen Mistreß meine Meinung aus. Die Unglaubliche, auf einer langen Reihe von

Wortbrüchen ertappt, kam nicht einen Augenblick außer Fassung. Sie kehrte sogleich den Spieß

um und behauptete, sie schäme sich unserer Albernheit. Wie hatten wir nur glauben können, daß

sie einer berühmten Künstlerin zumuten werde, ihre Zeit mit dem Lesen von Briefen zu

verlieren, die Kinder an sie richteten!

So endete in einem Gefühl nagender Pein eine ganze Menge großer Gemütsbewegungen. Und dieser

Reichtum und soviel Liebe und Begeisterung hatten sich entfaltet – um nichts.

Es fiel mir schwer aufs Herz und beschäftigte meine Gedanken: Wie kann etwas in der Welt

gewesen sein – um nichts?

Und doch war’s hier der Fall, und etwas war geschehen, was eigentlich nicht geschehen kann. Es

erschien mir als ein Widersinn und als eine Grausamkeit.

In späteren Jahren habe ich das kleine Erlebnis in anderem Maßstab und in anderer Form sich an

mir und um mich zahllose Male wiederholen gesehen. Die Bewegung, mit der du ein Steinchen ins

Rollen bringst, pflanzt sich fort, Gott weiß wie weit. Was aber dein Innerstes erbeben machte

in Zorn und Qual, in Wonne und Entzücken – kann erlöschen und sterben, ohne die geringste

Wirkung nach außen geübt zu haben. –

Wie kleine Tote, die ihr Geheimnis ins Grab mitnehmen, lagen unsere zerknitterten Briefchen

vor mir, und ich besang den Eindruck, den ihr Anblick mir machte, in einem Gedicht, das ihr

Los geteilt hat.

Jetzt hätte meine Freundin Marie dasein müssen! Jetzt wäre ihre Anwesenheit mir segensreich

gewesen. Ihr durfte ich alles sagen; mit allen meinen Zweifeln und Bekümmernissen durfte ich

ihr kommen. Das Unbedeutendste, das in meiner kleinen Gedankenwelt vorging, war ihr wichtig.

Sie nahm alles ernst, was ich selber ernst nahm, wenn es auch noch so töricht war. Die Waffe

des Spottes, die Erwachsene nur zu gern gegen Kinder gebrauchen, hat sie nie angewendet. Um

meine Reue über die Parodie auf »Laura am Klavier« kundzutun, hatte ich sie noch kurz vor

ihrem Scheiden mit einem Siegeshymnus auf das Liebespaar Friedrich und Laura überrascht, in

den ich die Chöre der Seraphim und Cherubim einstimmen ließ. Marie lächelte nicht einmal; sie

fand einzelnes sogar recht hübsch und entfesselte mit ihrem Lobe eine Flut von

Herzensergießungen. Immer schmerzlicher vermißte ich jetzt die Vertraute meiner Dichterleiden,

bestürmte sie mit immer heißeren Bitten: »Komm! komm! wir verwildern. Komm! komm, oder ich

lasse mich verhungern!«

Ich begriff nicht, warum ihre Antworten auf meine Beschwörungen und Drohungen kühl

beschwichtigend lauteten und warum die Pausen zwischen ihnen immer länger wurden. Meine Klagen

langweilten Mama endlich so sehr, daß sie sich entschloß, mir mitzuteilen, Fräulein Kittl

werde nicht mehr zu uns zurückkehren. Sie habe die Ihren in ansteckender Krankheit gepflegt,

und ihre Nähe könne gefahrbringend sein. Nach Jahren hat meine Stiefmutter mir gestanden, daß

sie ihre übertriebene Ängstlichkeit oft und sehr bitter bereut habe, nachdem vielfache

Erfahrungen sie belehrten, daß eine Erzieherin wie Marie Kittl gefunden zu haben ein

Glücksfall sei, der sich nicht leicht wiederhole.

Als wir hörten, wie die Dinge standen, war die Trauer meiner Schwester groß, und ich hatte

Anfälle von Verzweiflung. Wußten denn die Menschen nichts Besseres, als uns zu belügen und zu

betrügen? Wie durfte man uns so hinhalten, uns ein ganzes Jahr hindurch von der Hoffnung auf

die Rückkehr unserer Freundin leben lassen, während sie uns längst entrissen war? Vollkommen,

unwiederbringlich, denn sie hatte die Stelle als Gouvernante bei einer jungen Prinzessin

Arenberg in Paris angenommen und befand sich schon seit einiger Zeit dort, indessen wir, da

alle unsere letzten Briefe unbeantwortet blieben, uns eingeredet hatten, sie wolle uns

überraschen. Plötzlich, wenn wir am wenigsten daran dächten, werde die Tür aufgehen, und sie

werde dastehen in ihrer Mantilla, der wir nachsagten, daß sie etwas Spanisches habe, obwohl

sie aus Prag stammte. Und auf ihrem Kopfe würde ihr Hut mit frischgekräuselten Federn thronen,

und in den Rüschen, die sein Inneres schmückten, würden unserer Freundin dünne Locken,

eigensinnig wie Schwächlinge einmal sind, sich verfangen … Oh, die Liebe! Dastehen werde sie,

die Arme ausbreiten und nicht sprechen können vor Rührung. Meine Schwester mochte ihr dann nur

entgegenstürzen, jauchzend, in Freudentränen gebadet. Was mich betraf, ich war entschlossen,

mich zu beherrschen, der schroffsten Spartanerin zum Trotz, und nichts von meiner

Glückseligkeit zu verraten. Bei der ersten Lektion aber wollte ich unserer Ersehnten in

großartiger Weise erklären, daß ich jede Stunde, die sie nicht bei uns zugebracht hatte, als

eine verlorene ansah. Und sie sollte wissen: Die ist’s, die scheinbar Gleichgültige, die mich

am liebsten hat.

Und nun waren mir nicht nur die vielen vergangenen Stunden, sondern auch alle, die noch kommen

sollten, verloren. Was ich in dieser langen Zeit aufgespeichert hatte an unausgesprochenen

Einfällen und Empfindungen, um es ihr mitzuteilen, der ganze knospende Reichtum mußte nun

zurückgedrängt werden und lag, gleichsam zusammengeballt, mir schwer wie ein Stein auf dem

Herzen. Ich war sehr unglücklich und viel zu kindisch, um nicht grausam zu sein, und trotz des

Heroismus, den ich mir zuschrieb, viel zu schwach, um mein Unglück still zu tragen. So ließ

ich es eine an ihm völlig Unschuldige entgelten: die bedauernswürdige Nachfolgerin der

Mademoiselle »au loup«.

Ein junges, schüchternes Mädchen, selbst noch gewöhnt, geleitet zu werden, kam sie direkt aus

dem Erziehungsinstitut zu uns. Mit meiner Schwester hatte sie leichtes Spiel, ich war ihr

gegenüber ein kleiner Teufel. Dabei bewunderte ich mich noch, weil mein nichtsnutziges

Benehmen gegen sie die Treue bekunden sollte, die ich unserer Freundin Marie bewahrte.

Fräulein Karoline war edel und gut, sie hat mir alles verziehen. Sie hat der Erwachsenen nicht

nachgetragen, was das Kind ihr angetan. Ich aber fühle mich durch ihre Großmut nicht entsühnt.

Heute noch treibt mir die Erinnerung an die bösen Streiche, die ich einem harm- und hilflosen

Wesen gespielt habe, die Schamröte ins Gesicht, und fast bin ich dann geneigt, dem Franzosen

beizustimmen, der sagte: »Les enfants sont des petites bêtes malfaisantes.«

Fräulein Karoline besaß tüchtige Kenntnisse in Sprachlehre, Geographie und Geschichte, und ich

hätte alle Ursache gehabt, mich ihrer Leitung zu unterwerfen. Statt dessen gab ich dem

bösartigen Wunsche nach, ihr beständig etwas am Zeuge zu flicken oder sie auf einem Irrtum zu

ertappen. Mit müßigen Kontroversen ging viel Zeit verloren. Aus Widerspruchsgeist trat ich

jeder Behauptung unserer unglücklichen Lehrerin entgegen. Wenn sie das Mittelalter mit dem

Untergang des Weströmischen Reiches beginnen ließ, schwor ich darauf, daß es durch den Anfang

der Völkerwanderung bezeichnet werde und daß es in der ganzen Welt nichts Wichtigeres gebe,

als das zu wissen. Für Alarich offenbarte ich eine fanatische Bewunderung, die durch Platens

Gedicht entzündet worden war und durch die Vorliebe Fräulein Karolinens für Stilicho genährt

wurde. Sie bevorzugte die Hermunduren und Friesen; natürlich hatte ich deshalb schon für diese

friedlichen Viehzüchter und Ackerbauer nur Geringschätzung übrig und fand kein Ende in

Lobpreisungen der kriegerischen Langobarden, Goten und Vandalen.

Zu heißen Kämpfen führte unter anderem die Verschiedenheit unserer Ansichten über Karl den

Großen. Je mehr das Fräulein diesen Heros pries, desto entschiedener erklärte ich, ihm meine

Hochachtung durchaus versagen zu müssen. Für mich war es eine ausgemachte Sache, daß er seinen

Bruder hatte töten lassen. Und seine Frau, warum verstieß er sie? Weil er sich des Thrones

ihres Vaters bemächtigen wollte. Endlich seine entsetzliche, schauderhafte Tat, die Ermordung

von 4500 Sachsen, Überwundenen, die um ihre Freiheit und ihren Glauben gekämpft hatten und die

jetzt um Gnade flehten … Nein, einen Mann, der das getan hat, nenne ich nicht den »Großen«.

Bei einem besonders lebhaften Wortgefechte ließ ich mich dazu hinreißen, Kaiser Karl auch als

Bekehrer anzugreifen, und nannte Widukind und Albion, die aus seiner blutgetränkten Hand das

Christentum angenommen hatten, Feiglinge und Heuchler. Was konnten sie von einer Religion

halten, die ihren Bekennern Untaten verzieh, wie Kaiser Karl sie an den Sachsen begangen

hatte?

Dieser frevelhafte Ausbruch entsetzte Fräulein Karoline. Sie war ganz verstört, sie faltete

die Hände unter dem Tische. Meine Schwester sank in sich zusammen und flüsterte: »Um Gottes

willen, jetzt versündigt sie sich gar gegen die Religion!«

Ihre Worte erschreckten mich. Wir befanden uns in Zdißlawitz; unsere Religionsstunden waren

wieder aufgenommen worden, ich dachte an die Betrübnis Pater Boreks, wenn meine »Versündigung«

ihm hinterbracht würde. So leitete ich denn Friedenspräliminarien ein, indem ich das Fräulein

versicherte, daß es mir ferngelegen habe, einen Angriff auf die Religion zu unternehmen.

Karoline hatte sich von ihrem Schrecken noch nicht erholt. Fassungslos starrte sie mich an,

übersprang in ihrer Gemütsbewegung Zeiten, Könige, Kaiser und große historische Umwälzungen

und sprach mit bebender Stimme: »Aber Karl V. werden Sie doch gelten lassen?« – Nun, ich sah

wohl, auch ihn hatte sie in Protektion genommen, und Pflicht gegen mich selbst wäre es

gewesen, ihn zu verunglimpfen. Aber in Rücksicht auf meine bedrängte Lage, und doch auch weil

– abermals Platen! – der Pilgrim von St. Just mir mitten im Herzen saß und weil endlich Karl

V. und ich uns in der Liebhaberei für Uhren, die mich seit meiner frühen Kindheit beseelt,

teilten, ließ ich ihn in Gottes Namen gelten. Fräulein Karoline atmete auf. Meine

Nachgiebigkeit, an die ich sie so wenig gewöhnt hatte, war Balsam für sie. Die Gute lobte

mich, sie dankte mir beinahe, was mich doch sehr beschämte; ich war mir ja bewußt, daß die

Furcht vor einer Denunziation den Hauptgrund meines Rückzugs bildete. Eine vorübergehende

Rührseligkeit ergriff mich, meine Kampflust löste sich in Reue und Wehmut auf, und unter ihrem

Einfluß trug ich dem überraschten Fräulein das freundschaftliche »Du« an.

Wir haben nur einen Tag Gebrauch davon gemacht. Mama verbot mir mit Recht die vertrauliche

Ansprache. Es sollte nicht eine Schranke mehr des Respektes vor meiner Erzieherin

niedergerissen werden. Auch herrschte bald wieder Unfrieden zwischen uns.

Wir zankten uns durch das ganze Mittelalter hindurch. Wenn ich mich in dieser großen, Kulturen

zerstörenden und Kulturen verbreitenden Epoche heute noch leidlich auskenne, verdanke ich’s

dem Kampf, den ich mit meiner jungen Lehrerin um eine selbständige Meinung über Menschen und

Begebenheiten jener Zeit führte. Gut bestellt mußte es mit meinen Kenntnissen sein, wenn ich

eine Ansicht erfolgreich verteidigen wollte. Fräulein Karoline wünschte mir ebenso wehrhaft

entgegenzustehen. Der Abriß aus der Weltgeschichte, der uns zur Verfügung stand, genügte uns

nicht. Sie nahm ihre Zuflucht zu Tillier, mein Gewährsmann war der Abt Millot. Onkel Moritz

hatte mir einige Bände von dessen Universalhistorie alter, mittlerer und neuer Zeiten in der

Übersetzung Christianis geliehen, und: »Hie Tillier! Hie Millot!« lautete unser Kampfruf.

Wie Fräulein Karoline es mit ihrem Orakel, in dessen Heiligtum sie mir keinen Einblick gönnte,

gehalten hat, weiß ich nicht. Was mich betrifft, ich war im Auslegen der Urteile des meinen

gewissenlos, drehte und wandte jedes so lang, bis ich es in Gegensatz zu einer Äußerung meiner

armen Erzieherin gebracht hatte. Dann feierte ich erbärmliche Triumphe, Zwei Jahre hat

Fräulein Karoline es bei uns ausgehalten, dann aber, als ihr eine Lehrerinnenstelle an einer

staatlichen Mädchenschule angeboten wurde, rasch zugegriffen. – Dort waltete sie, geliebt und

verehrt, durch viele Jahre ihres Amtes. Von ihrer vorgesetzten Behörde wurden ihr immer nur

Zeichen der Hochachtung und der Anerkennung gespendet. Mit aller Hochachtung und Anerkennung

versetzte man sie dann, zwölf Monate vor Ablauf der Zeit, die ihr das volle Gehalt als Pension

gesichert hätte, in den Ruhestand. Wie am Anfang, erfuhr sie am Ende ihrer Laufbahn

Grausamkeit. Doch klagte sie nicht und klagte nicht an. Ihre tiefe Frömmigkeit lehrte sie

verzeihen, und Seelenfrieden ward ihr statt des Glückes. Sie verlebte ihre letzten Tage in

Wien mit ihrer Schwester. Diese hatte es in einem anspruchslosen Berufe besser getroffen. Dank

der Großmut der Kaiserin Karolina Augusta, deren treue Kammerfrau sie gewesen, gestaltete sich

ihr Alter sorgenfrei und behaglich.

Nun aber ein papierenes Denkmälchen für einen lieben Freund. Ja, wir haben ihn immer sehr

liebgehabt und immer ein bißchen über ihn gelacht, den Herrn Direktionsadjunkten bei dem k.k.

hofkriegsrätlichen Einreichungsprotokoll zu Wien Josef Fladung.

Ich stand im dreizehnten Jahre, als er durch Mama in unser Haus eingeführt wurde, und damals

schien mir, daß er dem Alter nach ein Methusalem sein könnte. Doch sollte dieser vortreffliche

Mensch sich noch durch mehr als zwei Jahrzehnte seines Daseins erfreuen. Er hatte sich stets,

besonders seitdem er in Pension getreten war, mit dem Studium der Naturwissenschaften und der

Altertumskunde beschäftigt, in diesen Fächern es aber nur zu einem immerhin anerkennenswerten

Dilettantismus gebracht. Hingegen hatte er als Mineraloge Tüchtiges geleistet. Sein Buch

Versuch über die Kenntnis der Edelsteine wurde sehr geschätzt. Seine kleine, aber vortrefflich

zusammengestellte und fortwährend vervollständigte lithologische Sammlung würdigten Kenner und

Gelehrte ihrer Aufmerksamkeit. Wenn er seiner Neigung hätte folgen dürfen, wäre er Lehrer

geworden. Im Erteilen von Unterricht fand er sein höchstes Glück. Anderen Dank, als daß ihm

Aufmerksamkeit geschenkt werde, forderte er nicht. Und es war so bequem für die Mamas, nicht

erst lang nach einem Professor der »höheren Gegenstände« suchen, sich nicht erst erkundigen zu

müssen: Wie steht’s mit seinen politischen Ansichten, seiner Moralität, seiner Religiosität?

Alles perfekt! succus expressus des Perfekten! Ein ehrenwerter, alter Herr, immer

liebenswürdig und wohlwollend und immer bereit, einem Wunsch oder einer Bitte womöglich

zuvorzukommen. Dabei sehr würdig und gewöhnt, mit den Spitzen der oberen Zehntausend

umzugehen, ohne Demut und ohne Selbstüberhebung. Er war ein stets freudig begrüßter Gast, ob

er sich im Winter in der Stadt beim Mittagstische einfand, ob im Sommer zu längerem Aufenthalt

auf dem Lande. Auf sein Äußeres verwandte er große Sorgfalt und war immer sehr nett gekleidet.

Zum Diner kam er nie anders als im Frack, gewöhnlich im schwarzen, bei besonderen

Gelegenheiten im blauen mit gelben Knöpfen. Mit diesen Fräcken mußte er einen Pakt auf

Unsterblichkeit geschlossen haben. Solange wir sie kannten, ist uns keine besondere Spur des

Alterns an ihnen aufgefallen. Seine Erscheinung war höchst vertraueneinflößend, ein

ehrwürdiges Bild der Rechtschaffenheit, Solidität und Feinheit; die Gestalt untersetzt, der

Gang das Gegenteil von leicht. Auf den breiten Schultern saß ein kurzer Hals, der einen

schönen Kopf trug, edel gewölbt, mit hoher, völlig faltenloser Stirn und immer rosig

angehauchten Wangen. Deshalb, und weil sein kahler Scheitel halbmondförmig von einem Kranze

schimmernd weißer Haare umgeben war, nannten wir ihn den beschneiten Rosenhügel. Sehr viel

Platz nahm in seinem Gesichte die kühn gebogene Adlernase ein. Er scherzte oft über ihre Größe

und behauptete, sie habe nur eine Rivalin in Wien, die des berühmten Orientalisten Freiherrn

Hammer von Purgstall. Eine der beiden Anekdoten, die wir oft von ihm hörten, handelte von

diesen beiden Nasen. Ihre Träger sollten einst, auf allgemeines Verlangen, aus der

Blumenausstellung entfernt worden sein. Der köstliche Duft, der in ihr herrschte, wurde von

den gewaltigen Gesichtsvorsprüngen der beiden Herren gänzlich aufgesogen, und die anderen

Besucher hatten sich beschwert, daß nichts davon für sie übrigbliebe.

Die zweite Anekdote handelte von Perlen und war nicht erfunden.

Der Fürstin Melanie Metternich, der Gattin des Staatskanzlers, waren aus Paris einige so

vorzüglich nachgemachte Perlen zugeschickt worden, daß kein Juwelier sie von echten zu

unterscheiden vermochte, natürlich ohne sie zu berühren und auf ihr Gewicht zu prüfen. Diese

Gelegenheit, Fladungs Kennerschaft, die für unfehlbar galt, auf die Probe zu stellen, wurde

von der Fürstin ergriffen. Sie legte drei Perlen vor ihn hin und sagte:

»Zwei davon sind falsch. Wenn Sie die echte herausfinden, gehört sie Ihnen.«

Welch eine Verheißung! Die Perle wäre jedenfalls ein beneidenswerter Besitz gewesen, aber hier

handelte es sich um mehr, um etwas, das, einmal verloren, nicht wiederzugewinnen ist: den Ruf

der Unfehlbarkeit. Er kämpfte, er wollte um Entschuldigung bitten. »Perlen schlagen ja doch

nur auf einem weiten Umweg in mein Fach«, erklärte er uns, »gewissermaßen nur als wertvolle

Schmuckgegenstände. Aber trotzdem fuhr ich fort, die drei liebevoll zu betrachten, denn sie

waren entzückend schön. Und heiß ist mir geworden, und immer habe ich gedacht: Mein Ruf! mein

Ruf! … Nun, ich will Sie nicht auf die Folter spannen. Eine von den dreien war etwas weniger

makellos in der Form, hatte etwas weniger Orient … und doch … ja, von ihr ging eine eigene

Anziehung aus … Und plötzlich war mir’s klar: Die ist’s … Sie war’s, und mein Ruf war

gerettet, und sie wurde mein!«

Freund Fladung war der erste überzeugte Beschützer meines schriftstellerischen Gestammels, von

dem ich ihm einige Proben vorgelegt hatte. Aus eigenem Antrieb, ohne mein Wissen, sprach er

mit meinen Eltern, machte sie aufmerksam, daß er Talent zur Poesie in mir entdeckt habe, und

riet, es zu pflegen.

Hätten sie doch gefragt, wie sie das anfangen sollten, und mir dann seine Antwort mitgeteilt!

Da wüßte ich, wie die meine in ähnlichen Fällen zu lauten hätte. Das Kind, das Talent zu einer

darstellenden Kunst besitzt, schickt man in eine Schule, in der sie gelehrt wird. Für das

schriftstellerisch veranlagte Kind gibt es, Gott sei Lob und Dank! noch keine in Mauern

eingeschlossene, mit Lehrsälen und Professoren ausgestattete Schule. Nur das Handwerk seiner

Kunst könnte ihm beigebracht werden, und dieses lernt jeder am besten allein. Bücher, die vom

Erlernbaren handeln, stehen ihm in Hülle und Fülle zur Verfügung; er mag aus jedem nehmen, was

ihm entspricht und was er verwenden kann. Es wird nicht viel sein. Jede Dichterindividualität,

wenn sie auch nicht zu den großen gehört, hat von Natur aus ihr eigenes Gepräge und gibt es

der Form, in der sie sich in oft schwerem Ringen auszugestalten sucht. Der Geist baut sich

selbst sein Haus; was er von fremden Baumeistern lernen kann und soll, ist nur das Alphabet

der Kunst.

So meine ich, und so habe ich allmählich ein großes Mißtrauen gegen die »Pflege eines

schriftstellerischen Talentes« durch andere gefaßt, besonders durch Familienmitglieder, die

selbst nicht ein paar gereimte Zeilen zusammenbrächten und das Kind, das Verse aus dem Ärmel

schüttelt, für ein gottbegnadetes Wesen halten, dessen Genie aufgepäppelt werden muß.

In den hinterlassenen Memoiren meines Mannes findet sich eine völlig ungerechte Selbstanklage.

»Der Vetter, der gelehrte Studien trieb«, sagt er, »wollte das geringe Wissen seiner kleinen

Base, deren Phantasie goldene Brücken über den Abgrund schlug, der das Wollen vom Können

trennt, bereichern und benahm sich dabei höchst albern und ungeschickt.«

Gegen diesen Ausspruch protestiere ich aus allen meinen Kräften. Der geliebte und verehrte

Vetter hat das einzig Rechte getan, er hat mich den Wert der Bildung ermessen gelehrt und den

heißen Wunsch in mir erweckt, die klaffenden Lücken der meinen auszugleichen. Es war die

größte Förderung, die er mir angedeihen lassen konnte, und nur zu danken habe ich. Nicht nur

ihm, auch allen, die meinen Bestrebungen Hindernisse in den Weg legten. Sie ahnen nicht, wie

oft mein Gedanke sie segnet. Selbst daß ich mich im Kampfe um ein höchstes Gut zu manchem

Irrtum und mancher Übertreibung verleiten ließ, hat schlechte Früchte nicht getragen. Die Zeit

heilte und half und wandte zum Guten, was sich anfangs als verfehlt dargestellt hatte. Je

härter und widerwilliger der Boden war, in dem das Bäumchen meiner Kunst Wurzel schlagen

mußte, desto fester stand es, und je grausamer die Mißerfolge gewesen sind, die jeden Schritt

am Beginn meiner Laufbahn bezeichnet haben, desto enger schloß sich das Bündnis zwischen mir

und meinem vielbestrittenen Talent.

Der Sommer des Jahres 1843 war der letzte, den unsere Großmutter Vockel noch mit uns in

Zdißlawitz verlebte. Meine Schwester und ich hatten uns an sie viel inniger angeschlossen seit

dem Austritt Marie Kittls aus unserem Hause. Sie war – das bemerkten wir, obwohl sie nie auch

nur eine Silbe darüber verlor – mit der neuen Gouvernantenwahl, die Mama getroffen hatte,

nicht zufrieden. Ich fühlte deutlich, wie genau unsere Ansichten in diesem Punkte

zusammentrafen, und bewahrte dabei dasselbe Schweigen wie sie. Aber die Stille des

Einverständnisses zwischen der Großmutter und der Enkelin befestigte nur ihr Bündnis. Weniger

Worte sind zwischen zweien, die einander lieben, wohl nie gemacht worden, und nie haben zwei

sich besser verstanden. Immer mit der einen einzigen Ausnahme: weder von meinen Gedichten noch

von meinen Theaterstücken durfte ich vor meiner Großmutter etwas verlauten lassen. Wohl faßte

ich mir einmal ein Herz und sagte ihr:

»Weißt du, Großmama, ich schreibe noch immer«, und wartete gespannt auf den Eindruck, den mein

Bekenntnis machen würde. Er schien gering zu sein und äußerte sich bloß durch ein Achselzucken

und durch die mit leiser Ungeduld ausgesprochenen Worte: »Nur gescheit!«

Sie sagte das oft und in der verschiedensten Weise. Liebreich, indem sie mir mit ihren feinen

Fingern über die Wangen glitt, streng, wenn sie unzufrieden mit mir war. Lob und Tadel,

Aufmunterung und Warnung vermochte sie in die zwei Worte zu legen: »Nur gescheit!«

So hatte ich nun doch den abscheulichen Druck vom Herzen, den das Bewußtsein mir verursacht

hatte, im stillen etwas zu tun, das sie mißbilligte.

In jenen Tagen verschlang meine Korrespondenz mit Marie Kittl den größten Teil der Zeit, die

ich der Ausübung meines »schriftstellerischen Berufes« widmen konnte. Meine Briefe sind – so

hoffe ich wenigstens – nicht erhalten. Die ihren befinden sich, vom ersten bis zum letzten, in

meinem Besitze. Ich durchblättere sie nicht ohne Grauen. Wieviel verwegenen Unsinn muß ich

vorgebracht haben, um meine geduldige Freundin in solche Angst und Bangigkeit zu versetzen!

Sie legte meinem Vertrauen übergroßen Wert bei; sie wollte es durch Zurechtweisungen nicht

preisgeben. Je besorgter um mein Wohl sie sich aber zeigte, desto ärger werde ich es mit

meinem Geflunker getrieben und die lächerlichsten Gedanken und Gefühle an den Tag gelegt

haben. Wie die Melodie auch anhob, das Ende vom Lied dürfte doch immer gewesen sein: Staune in

mir ein Kind von außerordentlichen Gaben und Fähigkeiten an, das zu großen Dingen bestimmt

ist. Wie aus einem Spiegel blickt dieses Wunderkind mir aus den Briefen meiner oft ratlosen

Führerin entgegen. Ich sehe einen kleinen Affen, der sich vor Vergnügen darüber nicht kennt,

daß seine Grimassen ernst genommen werden. Womit habe ich nicht renommiert! Mit welcher

Belesenheit habe ich geprunkt, um Fräulein Marie zu dem Geständnis zu veranlassen, daß meine

»Literatur« ihr Sorge mache. Welcher tollkühnen Reiterstücke habe ich mich gerühmt, um den

gelinden Tadel zu erfahren: »Je vous admire dans vos exploits, mais je suis loin de les

approuver.« Sie fürchtet nicht nur, daß ich mir den Hals breche beim Reiten und Kutschieren,

sondern auch, daß ich durch das Führen der Zügel die Ruhe und Leichtigkeit der Hand verliere.

Und wie sehr brauchte ich sie, um die Gemälde, an denen ich arbeitete, auszuführen!

Die leiseste Mißbilligung, zu der meine Freundin sich aufgerafft hat, begräbt sie sogleich

wieder unter einem Blumenregen von Zärtlichkeiten und Schmeicheleien. Einem: »Ma petite

Maritscherl a aussi ses défauts«, folgt sogleich ein entschuldigendes: »Les défauts de son

âge.« In den Augen der Übernachsichtsvollen bin ich »une petite styliste, une jeune personne

délicieuse, intelligente«, und man darf es ihr sagen, weil sie viel zu gescheit ist, um sich

dadurch verwöhnen zu lassen.

Ja, dieser Ton gefiel mir, der tat wohl! Von mir aus dürfte denn auch das Mögliche geschehen

sein, um mir die Bewunderung und die Teilnahme meiner gläubigen Getreuen zu sichern.

Auf Kosten der Wahrheit? – Ohne Frage. Und doch würde ich mich sehr gewundert haben, wenn mich

jemand eine Lügnerin genannt hätte. Zu allem anderen bildete ich mir auch noch ein, daß mein

Vater, der sich den »Ritter der Wahrheit« nannte, seine heiße Wahrheitsliebe im vollen Maße

auf mich übertragen habe. Auch log ich im Grunde nicht, ich erlebte ja, während ich schrieb,

alles, was meine Briefe von meiner interessanten Persönlichkeit aussagten.

In einer wundervollen Novelle4 erzählt Isolde Kurz die Geschichte eines Knaben, mit dem

umzugehen seinen Altersgenossen verboten wird, weil er für einen Lügner gilt. Alle Kinder

halten sich von ihm fern; nur ein junges Mädchen schließt sich ihm an und schenkt ihm Glauben,

als er ihr verspricht, sie in ein schönes, geheimnisvolles Reich zu führen, zu dem er den

Zugang entdeckt hat. Die beiden begeben sich oft auf den Weg dahin, ohne je ans Ziel zu

kommen. Nach einiger Zeit trennt sie das Leben, der Knabe stirbt, und viele Jahre später steht

seine ehemalige Spielgenossin an seinem Grabe. Längst entschwundene Erinnerungen leben auf,

und sie sagt sich: Auf diesem Denkmal sollte stehen: Hier ruht ein Dichter.

Eine Analogie ist da zwischen diesem Knaben und dem großsprecherischen Kinde, das ich gewesen

bin. Wir spiegelten den anderen vor, was unsere Phantasie uns vorgespiegelt hatte.

Von langer Dauer sollte meine erträumte Herrlichkeit aber nicht sein. Ich stand am Morgen der

bittersten Tage in meiner Kinderzeit.

Ehe wir Wien verließen, hatte Freund Fladung meiner Schwester und mir seine beiden letzten

Werke geschenkt. Fritzi erhielt eine kleine römische und griechische Götterlehre, ich einen

Leitfaden der Astronomie. Das Büchlein war hübsch eingebunden; ich stellte es neben meinen

Schiller auf den höchst einfachen Tisch, den ich mit dem Namen »mein Sekretär« dekoriert

hatte, und beeilte mich, Fräulein Marie mitzuteilen, daß ich jetzt auch Astronomie studiere.

Um mich vor mir selbst nicht zu sehr schämen zu müssen, schlug ich den zierlichen Band auch

wirklich auf.

Was las ich da gleich auf der ersten Seite? Nicht so, wie der Katechismus es lehrte, war die

Welt erschaffen worden. In Perioden von unermeßlicher Dauer erst hatte unsere Erde sich aus

einem feuerflüssigen Ball, der die Sonne umflog, zu dem schönen Planeten gestaltet, den wir

bewohnen. Der Katechismus irrte und auch die kleine Bibel, die wir auswendig gelernt hatten

und in der es hieß: »Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag

regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch Sterne. Und Gott setzte sie

an die Feste des Himmels, daß sie schienen auf die Erde …«

Nein, nein, dazu nicht! Die waren nicht geschaffen, damit wir uns an ihrem Anblick erquicken

und erbauen. Die waren für sich selbst erschaffen und die meisten von ihnen soviel größer als

die Erde, wie sie größer ist als ein Stäubchen, das im Sonnenstrahle tanzt.

Und auf diesem Stäubchen, was bin dann ich? Ein tödlicher Schmerz ergriff mich bei der Frage,

auf die ein Gefühl trostloser Verlassenheit, völligen Vernichtetseins antwortete.

Der alte liebe Freund, der mir sein Büchlein so arglos in die Hand gelegt, hatte nicht geahnt,

welchen Sturm es erregen würde. Auch war es nicht das erstemal, daß ein Begriff der

Unermeßlichkeit des Weltalls mir hätte aufsteigen können. Wenn Onkel Moritz uns in Zdißlawitz

besuchte, stellte er an hellen Abenden ein Fernrohr auf, das sonst wohlverwahrt in Papas

Zimmer ein nutzloses Dasein führte, und ließ uns den Mond betrachten, den Saturn mit seinem

Ringe, den Jupiter mit seinen Satelliten. Er hatte uns auch gesagt, daß unsere Erde an der

Sonne und am Monde Bilder ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft vor sich habe. War ich damals

noch zu kindisch, um mir über diesen Ausspruch Gedanken zu machen? Habe ich nicht gefragt, hat

mein Vetter mir nicht Rede gestanden? Ich wußte es nicht mehr, klar wurde mir nur: Wenn ich

mich seiner Worte auch entsann, ihre Bedeutung begriff ich erst jetzt. Die Erde wird sterben,

wie der Mond gestorben ist. War sie denn nicht dein Lieblingskind, mein Gott, weil du deinen

eingeborenen Sohn geschickt hast, um die Menschen zu erlösen … Die Menschen? was sind die?

Dasselbe jeder, was ich bin: ein Hauch, über ein Stäubchen geweht, ein Nichts in der

Unendlichkeit. Wie hatte ich mich gefühlt, als ich noch zum gestirnten Himmel emporsah und

dachte: Auch mir zur Erquickung und Freude hat euch Gott der Herr ans Firmament gesetzt, ihr

blinkenden Lichter, Edelsteine aus seiner Krone, himmlische Smaragde, Rubine und Diamanten!

Und jetzt kreisten sie dort oben, in Zahlen nicht auszudenken, in unermeßlichen Fernen und

furchtbarer Größe – kalt, hoffärtig und fremd. Ihn aber, der dies Unermeßliche geschaffen

hatte, wie durfte ich wagen, ihn Vater zu nennen? Er war mir entrückt, und mitten im Gebet

bedrängte mich die Frage: Gelangt meine Stimme bis zu ihm? Weiß er von mir? Habe ich einen

allmächtigen, gütigen Vater, der die Haare auf meinem Haupte gezählt hat, der meine Leiden

kennt, dem ich danken darf für jede Freude? … Danken, das ist das Schönste … Wie oft, wie oft

hatte ich innegehalten, mitten im Spiele, mitten im Jagen und Tollen, um, erfüllt von einem

unaussprechlichen Glücksgefühl, wortlos Gott zu danken für dieses Glücksgefühl, für die Bäume,

die Blumen, den Sonnenschein, für alle Schönheit, alles Licht, das er über seine Welt, meine

Welt ergossen hatte … Und nun sollte es aus sein? – Kein Dank mehr! Mein Dank drang ja nicht

zu ihm – er wußte nicht von mir … Bei Tage wurde ich Herr über meine schweren Gedanken, zu

schwer für einen Kinderkopf. Wenn ich aber des Nachts erwachte und sie kamen, da war ich ihre

Beute. Oft konnte ich mir nicht helfen und schrie laut im Schmerze meiner Zweifel. Meine

Schwester, aus dem Schlafe gerissen, fuhr erschrocken auf und wollte wissen, was mir sei. Und

ich beruhigte sie: »Nichts, gar nichts – ich habe nur von etwas Schrecklichem geträumt.« Da

wußte ich im voraus: gleich wird meine geliebte Furchtsame den Kopf unter die Decke stecken

und rufen: Erzähl mir’s nicht! Erzähl mir’s nicht!

Am Morgen sah ich dann blaß und elend aus, und Fritzi sagte: »Sie hat wieder einen so bösen

Traum gehabt.«

Nicht bei ihr und bei keinem konnte ich Hilfe holen in meiner Seelenqual. Ich glaubte jedes

Wort zu hören, das sie, das jeder der Meinen mir entgegnen würde, wenn ich versuchen wollte

auszusprechen, was mich beängstigte und verwirrte. Und den Brief, den ich von meiner Marie

bekäme, nachdem ich sie eingeweiht hätte in meine Bekümmernisse, den meinte ich auch

ungeschrieben lesen zu können.

So blieb denn nur mein geistlicher Führer – Pater Borek.

Zu ihm kam das Kind, das ihm schon von der ersten Beichte an Sorge bereitet hatte. Nicht

losgestürmt kam es. Leise und zagend kam es heran. Hohe Röte stieg ihm in die Wangen, und die

Zunge klebte ihm am Gaumen, als es fragte, ob Hochwürden auch wisse, daß Gott die Erde nicht

in sechs Tagen geschaffen, sondern dazu ungeheuer lange Perioden gebraucht habe.

Nein, wirklich, davon wußte Hochwürden nichts; aber woher mir diese Kenntnis kam, hätte er

gern erfahren.

Ich holte den Quell herbei, aus dem ich meine Gelehrsamkeit geschöpft hatte, Fladungs

Leitfaden der Astronomie. Pater Borek las nur den Titel und sagte lächelnd, dieses Buch hätte

ein Mensch geschrieben; es sei besser, sich statt an menschliche an die göttliche Weisheit zu

halten. Was wir zu wissen und zu glauben haben, hat uns Gott durch seine Propheten in den

heiligen Schriften geoffenbart. Daß er sich einem Gelehrten geoffenbart hätte, war dem

geistlichen Herrn nicht bekannt, und ihm auf diesem Wege beizukommen unmöglich. Er glaubte an

die Heilige Schrift, nicht an die Astronomie, und er tat sie ab mit dem einen Worte:

»Menschenwerk.« Nun hatten sich zu meinen Zweifeln an der biblischen Schöpfungsgeschichte noch

andere gesellt. Ach sie kamen in Scharen! Außer den Nouvelles heures à l’usage des enfants

besaß ich jetzt auch einen kleinen, bilinguenen Paroissien Romain, der mich instand setzte,

unserem Pater Borek, wenn er uns die Bedeutung der einzelnen Vorgänge bei der heiligen Messe

rekapitulieren ließ, die betreffenden Stellen in der majestätischen und melodischen Sprache

der Kirche herzusagen.

Da waren viele, die mir zu denken gaben, vor allem die Worte bei der Konsekration: »Deus, qui

humanae substantiae dignitatem mirabiliter condidisti …« Ich konnte es nicht verstehen. Wenn

die ersten Menschen wirklich vorzüglich gewesen wären, wie hätten sie sündigen können, wie

hätten sie den unbegreiflichen, unentschuldbaren Ungehorsam gegen Gott begehen können? Er

hatte ihnen das Paradies geschenkt, war zu ihnen gekommen, die Glückseligen hatten sein

Angesicht gesehen und seine Stimme gehört … Und mehr als dem, was diese göttliche und

liebevolle Stimme ihnen sagte, hatten sie dem Gezisch einer elenden Schlange geglaubt und über

ihrem scheußlichen Anblick den des Allgütigen vergessen? Die das vermochten, die waren nicht

in einem Zustande der Vollkommenheit geschaffen worden; das war ein Widerspruch, über den ich

nicht hinwegkam, so dringend Pater Borek mich auch beschwor, das unselige Grübeln aufzugeben.

Ich aber hatte gar nicht das Bewußtsein, daß ich grübelte. Ich dachte ja nur nach, und dann

kamen die Zweifel von selbst; sie fielen mich an, ich empfand einen physischen Schmerz dabei,

wie neulich während der Wandlung … Da war es entsetzlich gewesen, da hatte es mich ergriffen:

Bist du bei uns, mein Heiland? Es sind auf der Erde Millionen Kirchen, und in hunderttausend

wird vielleicht in diesem Augenblick zur Wandlung geläutet, und überall sollst du in

Brotgestalt erscheinen. Bist du auch bei uns? bist du da, mein Heiland? Und warum fühl ich’s

nicht? warum fühle ich nicht deine Nähe?

Pater Borek hörte diese Bekenntnisse in stiller Ergebung an; er zürnte mir nicht, aber traurig

hatte ich ihn wieder gemacht. Meistens nahm er dann seine Zuflucht zu dem Wunder und

wiederholte eindringlich: »Mein Kind, wir sollen das Wunder verehren, an das Wunder glauben,

aber nicht fragen: Wie kann das sein? Wäre es denn ein Wunder, wenn es sich erklären ließe?«

Nie ein hartes Wort, kaum je ein tadelndes. Nie eine Andeutung, daß es außer der guten Macht

auch eine böse gebe, einen unheimlichen Versucher, der frevelhafte Gedanken in uns erwecke,

unsere Andacht störe und irrezumachen suche in unserem Glauben – nie eine Warnung vor dem

Teufel.

»Mein Kind, ich werde morgen in der heiligen Messe recht andächtig für Sie beten.«

So sah seine Strenge aus.

Wenn ich dann am Sonntag in die Kirche kam und ihn, der für mich beten wollte, an den Altar

treten sah, war’s vorbei mit Grübeln und Zweifeln. Da war ich nichts anderes als ein demütiges

kleines Geschöpf, das auf den Knien lag in Anbetung des Herrn der Welten. Ich freute mich der

Kämpfe und Leiden, die der schönen Stunde vorangegangen waren, mit denen ich sie vielleicht

hatte erkaufen müssen: Schick mir nur Leiden, ich will ja leiden, klang mein Gebet immer aus.

Daß meine angeborene und unverwüstliche Fröhlichkeit sich auch während jener Werdetage bei mir

eingefunden hat, muß ich der getreuen nachsagen. Sie kam höchst überraschend, manchmal in ganz

unpassenden Augenblicken, und sie ließ sich nicht verleugnen wie die Verzweiflungsanfälle. Und

wenn meine Schwester mich erstaunt fragte, warum ich heute gar so lustig sei, konnte ich ihr

keine Ursache dafür angeben. Ich hatte ein herrliches Gefühl von Glück – ich hatte es – »halt

so«; es war das beste, das es gibt, das grundlose.

Ein Glück, das Grund hat,

Geht mit ihm zugrunde stündlich,

Und nur ein grundlos Glück

Ist tief und unergründlich.

sagt Hieronymus Lorm so weise wie schön.

Die Zeit der Schulferien war da und brachte uns unsere Brüder heim. Der ältere entwickelte

sich zu dem, was man bei uns einen »Prachtbuben« nennt; der jüngere, immer gleich schmächtig

und gleich kampffreudig, hatte an dem Erstgebornen einen Schutzengel, der ihn nie aus den

Augen ließ, für ihn einstand, den kleinen hitzigen Angreifer auch im ungerechtesten Streite

verteidigte. In diesem Jahre wurden die Knaben von einem alten Herrn begleitet, einem

emeritierten Erzieher und großen Kinderfreund. Er war von hoher, hagerer Gestalt und zu

gebrechlich, um an unseren Spielen teilzunehmen, bildete aber einen wohlwollenden Zuschauer

und Kampfrichter. Sehr gern wohnte er auch dem Reitunterrichte bei, den Papa, der selbst ein

vorzüglicher Reiter war, uns erteilte.

»Sie machen das gut, Sie machen das gut«, bekamen wir dann oft von ihm zu hören, und dabei

bewegte er die langen Zeige- und Mittelfinger der längsten Hand, die ich je gesehen habe, vor

unseren Gesichtern auf und ab. »Ja, wenn Sie alle Lektionen mit solchem Eifer nehmen würden,

da hätten Ihre Lehrer bessere Zeiten.«

Unseres Fräuleins Karoline nahm er sich väterlich an, verwies mir meinen Übermut und ihr ihre

Gereiztheit; während seiner Anwesenheit herrschte immer Frieden zwischen uns.

Traurig, daß die Tage, die unsere Brüder in Zdißlawitz zubrachten, nur – das war genau

ausgerechnet! – nur zwölf Stunden hatten. Sie verflogen doppelt so schnell wie alle anderen

Tage. Gar so bald war der Morgen wieder da, an dem die angehenden Gymnasiasten ins Institut

zurückkehren mußten. Sie haben dort keine besonders guten Zeiten verlebt, aber nicht geklagt,

denn sie waren tapfere kleine Buben. Trotzdem wußten Fritzi und ich genau, wie ihnen ums Herz

war, wenn sie in den Wagen stiegen, der sie zur Bahnstation bringen sollte. Noch ein

Händedruck, noch eine Umarmung, noch ein tröstendes Wort Papas: »Wir sehen uns bald wieder!«

und fort waren sie … Wir standen noch eine Weile im Hofe und winkten mit den Taschentüchern,

wenn der Wagen aus dem Tore fuhr, im Bogen am Gartengitter vorbei, und nun rasch auf der

abwärts führenden Straße hinunterrollte. Dann liefen wir, und die kleine Sophie mit uns, in

das Zimmer Großmamas, an das Fenster, an dem ihr Arbeitstischchen vor dem Bild der

hingegangenen Levrette stand, und begleiteten die Reisenden in Gedanken. Jetzt sind sie am

Ende des Schloßberges angelangt, jetzt geht es links eine Strecke auf ebenem Wege zwischen

Feldern und Obstbäumen am Wassergraben vorbei, an dem die jungen Pappeln stehen, an der Wiese,

auf der die vielen Gänse weiden. Und jetzt kann man den Wagen noch im Flug erblicken, und die

Brüder sehen vielleicht gar uns am offenen Fenster. Die kleine Sophie meint, wenn sie uns

sehen, können sie uns auch hören, und ruft: »Adieu, meine Brüder!« und schwenkt wieder ihr

Tüchlein. Noch ein zweitesmal wird der Wagen sichtbar, ganz klein, ganz fern, wenn er den Berg

hinauffährt, den letzten, auf dem wir eine Fahrstraße noch auszunehmen vermögen. Und die uns

dort entschwinden in der Ferne, die beiden, die wenden sich jetzt gewiß noch einmal zurück und

sagen zueinander: Da sieht man’s noch, das Schloß … Grüße fliegen hin und her durch die Luft,

Grüße einer Liebe, die felsenfest gestanden hat in der verrinnenden Zeit, unwandelbar im

wechselvollen Leben.

Es war eine epochemachende Neuerung, daß jeder, der in Zdißlawitz einen Brief erwartete, ihn

täglich erhalten konnte. Erst seit wenigen Jahren befand sich ein Postamt in unserer Nähe.

Früher mußte der Bote vier Stunden weit nach dem Städtchen Wischau pilgern, um die für das

Dorf und das Schloß bestimmten Postsendungen abzuholen. Er setzte sich nur zweimal wöchentlich

in Bewegung, und was er dann regelmäßig außer einem Räuschchen mitbrachte, das waren einige

Nummern der Wiener und der Brünner Zeitung. Wenn auch Briefe eintrafen, galt das schon als ein

kleines Ereignis. Papa öffnete sie nie vor Tische. Er muß das Lesen von Briefen als etwas

Appetitverderbendes angesehen haben. Beim schwarzen Kaffee erst nahm er die Schriftstücke zur

Kenntnis, nachdem er ihr Äußeres sorgfältig geprüft hatte. Einmal kam ein schmaler

schwarzgesiegelter Brief auf dünnem Papier aus Paris. Die Adresse war mit einer feinen

Perlschrift geschrieben, die dem Papa nicht ganz fremd schien; es konnte wohl die Madame

Dufoulons sein. »Lies«, sagte er, reichte Mama den Brief, und sie las eine Weile schweigend. –

»Nun, was schreibt sie?« – »Es wird euch traurig machen«, war die Antwort, »und tut auch mir

sehr leid. Der arme Just, das arme Kind – und seine noch viel ärmere Mutter!«

Madame Dufoulon teilte die Nachricht vom Tode ihres lieben Sohnes mit. Ein Nervenfieber hatte

ihn dahingerafft, wenige Monate, nachdem er so glücklich gewesen war, eine Stellung zu finden,

die ihn instand gesetzt hätte, seiner Mutter und seiner Schwester eine kräftige Stütze zu sein

… Das war eine grausame Verschärfung der Bitternis dieses Verlustes. – Ich kam von der Frage

nicht fort: Was wird geschehen, was wird man tun?

Es wird geschehen, man wird tun, was in solchen Fällen das Gewöhnliche ist. Man wird, von

Mitleid erfüllt, einen ungemein warmen und herzlichen Brief schreiben, man wird noch einige

Male sagen: Der arme Just, seine arme Mutter, was wird sie jetzt wohl anfangen? und dann –

vergessen. Man wird … ich werde! Mit peinlichem Selbstvorwurf ergriff mich der Gedanke an Frau

Krähmer. Wie lange hatte ich mich ihrer nicht mehr erinnert, die dasselbe Schicksal gehabt wie

Madame Dufoulon. Auch sie hatte alle ihre Hoffnung auf den Sohn gesetzt, der ihr weggestorben

war, bevor sein verheißungsreiches Leben sich zur Blüte entfalten konnte.

Es war Spätherbst geworden, und vor unserer Abreise wollten wir noch etwas ausführen, was

meiner Schwester als eine Pflicht gegen unseren Freund und Spielgefährten erschien.

Eine Viertelstunde weit vom Schlosse, aber schon zum angrenzenden Dorf gehörend, befand sich

eine Schlucht. Sie war von einem dünnen Wasserfaden durchzogen und mit Buschwerk dicht

überwachsen, aus dem einzelne schlanke Bäume hoch emporschossen. In ihrer Eile, der niedrigen

Umgebung zu entragen, hatten sie sich nicht Zeit genommen, unterwegs Zweige auszusetzen; all

ihren Blätterschmuck entfalteten sie erst in der Krone, und die wurde ihnen manchmal zu

schwer. Wenn ich sie ansah, mußte ich an meinen Schiller denken mit seinem Kranz. Ganz gerade

stand keiner von ihnen; nach verschiedenen Richtungen hin hatte der Wind sie gebogen. Mitten

in der Schlucht ist ein kleiner freier Platz, und da befindet sich ein kapellenartig

übermauertes Brünnlein. Zwei steinere Stufen führen durch den schmalen Eingang zu seinem

Wasserspiegel. Im Dunkel sieht das Wasser so schwarz wie Tinte aus; ins Glas geschöpft, ist es

kristallklar, und ihm wird die Kraft zugeschrieben, Augenleiden zu heilen.

Einige Schritte von dem Fußsteig entfernt, auf dem man vom Felde aus steilab zum Brünnlein

gelangt, steht eine Buche …

Du alte Königin, weißt du von dem munteren Zeug, das grünt und lebt und sich vermehrt und

nichts verlangt, als seines Daseins froh zu werden zu deinen Füßen und unter deinem Schutze?

Weißt du von den Emporstrebenden, die der Ehrgeiz treibt, dir in deinen erhabenen Wipfel zu

schauen und seine Geheimnisse auszuspähen? – Du alte Königin, du Herrscherin, wie du dastehst

vor meinem geistigen Auge in deiner Schönheit, deinem Stolze, deiner Kraft, so könnte dich mir

zu Dank kein Maler malen, kein Dichter beschreiben. Vor dir, zwischen zweien deiner mächtigen

Wurzeln, haben kleine Menschen ein kleines hölzernes Standbild aufgerichtet: die heilige Anna,

die ihr Töchterchen lesen lehrt. Kein Kunstwerk und – mehr als ein Kunstwerk für die Armen,

die Betrübten, die hierher beten, die Glücklichen, die Genesenden, die danken kommen.

Die Schlucht, in der der wundertätige Quell sich befindet und die herrliche alte Buche sich

einst befand, hatte ihren Namen von dem kleinen Standbilde erhalten. Zur »Svatá Anna«

wanderten wir als Kinder oft, brachten dort manchen Sommernachmittag zu, und einmal schnitt

Monsieur Just seinen Namen in den Stamm der Buche ein. Mit großen Buchstaben, tief durch die

dicke Rinde bis aufs Lebendige. Von weitem konnte man lesen, gelbweis herausleuchtend aus

dunkler Umrahmung: Just.

Das dürfe man nicht so lassen, meinte Fritzi; jetzt, weil er tot sei, müsse ein Kreuz über den

lieben Namen gesetzt werden. Wir bewaffneten uns mit unseren schärfsten Taschenmessern und

begaben uns eines trüben Novembermorgens zu der Buche bei der »Svatá Anna«. Eifrig mühten und

streckten wir uns, soviel wir konnten, um zu der Höhe hinaufzureichen, in der unser Kreuz

angebracht werden sollte. Es war vergeblich, wir mußten uns bequemen, das Zeichen des ewigen

Friedens unter den Namen unseres entschlafenen Freundes einzuschneiden.

Heute steht die kleine »Svatá Anna« nicht mehr unter dem Schutze der Buche. Sie haben die

Herrliche gefällt und auch die schlanken Bäume in ihrer Nähe und alles Gebüsch fortgeputzt, um

mehr Platz zu schaffen für Rüben und Getreide. Gewiß wird bei dem Standbild der Heiligen noch

immer fromm gebetet, gewiß noch an die Heilkraft des Wassers im Brünnlein geglaubt. Ich aber

meide diese Stelle und habe sie nicht mehr betreten, seitdem die alte Riesin ihren noch grünen

Wipfel, der wonneschauernd das erste Morgengrauen begrüßte, der feierlich den letzten

Sonnenkuß empfing, zu Boden senken mußte.

Nachdem Fräulein Karoline uns verlassen hatte, fand man Fritzi und mich alt genug, um fortan

in Freiheit dressiert zu werden; nur für die kleine Sophie wurde eine Gouvernante aufgenommen:

Madame Vaxelaire, die weibliche Hälfte eines Ehepaares, das sich dem Erzieherfache gewidmet

hatte. Zu der Zeit, als die Gattin unserem Schwesterchen ihre Sorgfalt widmete, was sie treu

und redlich tat, war der Gatte Hofmeister eines Knaben, von dem er stets erzählte, dessen

ungewöhnliche Begabung und edle Eigenschaften er rühmte und dem er eine glänzende Zukunft

vorhersagte. Er hat recht behalten, denn dieser Knabe hieß: Graf Hans Wilczeck.

An Madame Vaxelaire hatten wir eine äußerst angenehme Hausgenossin. Sie war eine kräftige,

wohlwollende Frau, im Besitze des unschätzbaren Vorzuges einer immer gleichmäßig guten Laune.

Sehr gesund, nicht mehr jung, machte sie mit ihren roten Wangen und dem gelbbraunen Teint den

erfrischenden Eindruck eines schönen Oktobertages. Sie hatte unsere kleine Sophie sehr lieb

und nahm sich auch unser freundlich an, obwohl sie gegen Fritzi und mich keine andere

Verpflichtung hatte als die, uns täglich auf dem Spaziergang zu begleiten.

Das Stadtleben ging den gewohnten Gang, unsere Lehrer und Lehrerinnen fanden sich wieder ein;

nur trat ein neuer Zeichenmeister an den Platz des früheren. Dieser hatte sich leider zu einer

kleinen Taktlosigkeit hinreißen lassen. Er wartete eines Vormittags wie gewöhnlich auf uns im

Speisezimmer, das während der Zeichenstunde unser Atelier vorstellte. Wir erschienen –

ebenfalls wie gewöhnlich – in Begleitung von Mamas Musterkammerjungfer, Fräulein Josefine. Sie

hatte die Aufgabe, den Herrn Lehrer zu beaufsichtigen, und nahm die Sache sehr ernst. Als wir

an jenem verhängnisvollen Vormittage eintraten und ihn grüßten, kam er uns entgegen, blieb vor

meiner Schwester stehen, stemmte den Arm in die Seite und sprach: »Sakerlot, Komteß Fritzi,

was haben Sie für Augen! Nein wirklich, mirakulös schöne Augen!«

Wir hätten dem biederen Oberösterreicher diesen Ausdruck einer gerechten Bewunderung

verziehen. Die Kammerjungfer hielt es für ihre Pflicht, ihn höheren Ortes anzuzeigen, und wir

erhielten einen Zeichenlehrer, noch um ein Jahrzehnt älter als der frühere, der auch kein

Jüngling war. Der Nachfolger hatte einen Beethovenkopf. Ich lernte in ihm eines der größten

Originale kennen, die mir im Leben begegnet sind. Ein ganz ungelehrter Mensch, der sich in den

Wunsch verrannt hatte, Entdeckungen auf wissenschaftlichem Gebiete zu machen, und nicht die

geringste Freude an der Ausübung des braven Malertalents fand, mit dem er begnadet war. Er

überließ seine kleinen Ölgemälde – treffliche Genrebildchen – zu guten Preisen einem

Kunsthändler, der sie zu noch viel besseren nach England verkaufte. Der Mann quälte ihn mit

seinen Bestellungen, er aber ließ die Arbeit stehen und beschäftigte sich mit abenteuerlichen

Entdeckungen. Von ernsten Studien war er ein Feind, er las wenig. »Die Bücher«, war eine

seiner Lieblingsbehauptungen, »bringen uns um die Originalität. Auch verdirbt es mir ja die

Freude an einem eigenen Einfall, wenn ich erfahre, daß ein anderer ihn vor mir gehabt. Oder

vielleicht nicht? was?«

Es war komisch, unseren Zeichenlehrer, während er eine Aufgabe korrigierte, sagen zu hören,

daß wir nichts anderes seien als lebendige Leydener Flaschen. Wir meinten, das müsse in

irgendeiner Beziehung zur Zeichenkunst stehen; es stand aber in Beziehung zur Physik. »Ja, der

Cunäus«, pflegte er seinen Vortrag zu eröffnen, »ein großer Mann – aber er ist bei der

Flaschenelektrizität stehengeblieben, bis zur menschlichen nicht vorgedrungen. Und wir sind

mit Elektrizität doch ebenso angefüllt wie seine stanniolbeklebten Glasgefäße, und was die

Entladung betrifft, für die ist gesorgt. Wenn der Mensch zum Beispiel erschrickt oder wenn er

sich zum Beispiel plötzlich verliebt.« Bei dem Worte spitzte Fräulein Josefine die Ohren und

ließ ein deutliches Räuspern vernehmen. Er bemerkte es nicht und fuhr fort: »Das wären jähe

Entladungen. Allmähliche finden ununterbrochen statt. Sie können sich davon selbst überzeugen.

Gehen Sie spazieren durch mehrere Tage nacheinander immer auf demselben Weg. An jedem Tage

wird er Ihnen kürzer vorkommen als am vorhergehenden. Warum? Sie haben am ersten am meisten

Elektrizität abgegeben an die Erde, die ein mittelmäßiger Leiter ist; am zweiten finden Sie

den größten Teil abgegebener Elektrizität auf dem Wege wieder, verbrauchen also weniger von

der Ihren, werden also weniger müde, der Weg kommt Ihnen also kürzer vor. Ist das richtig?

Oder vielleicht nicht – was?«

Er sah uns dabei so streng an, daß wir es immer richtig fanden.

Ein zweites Steckenpferd bestieg er auch fürs Leben gern. Er schrieb sich – gewiß ohne je eine

Zeile von oder über E.T.A. Hoffmann gelesen zu haben – die Fähigkeit zu, Farben zu riechen und

zu hören. Blau klingt wie ein Mollton, Rot ist Dur. Farbenempfindung, Tonempfindung werden

durch den gleichen Reiz erregt, einfache Farben, einfache Töne. Mit halben Farben, mit

allerlei Schattierungen lassen sich Terzen, Quarten, Quinten darstellen. Eines Tages brachte

er uns ein gemaltes Farbenklavier mit mehreren Oktaven. Ich war geblendet und freute mich,

demnächst vor meinem Vetter Moritz mit den physikalischen Kenntnissen zu prunken, die ich bei

der Zeichenlektion erworben hatte. Sie machten aber keinen besonderen Eindruck, und ich erfuhr

den Schmerz zu hören, daß die vermeinte Entdeckung des Künstlers, der sich führerlos auf

wissenschaftlichen Pfaden umhertrieb, keine sei. »Ein Farbenklavier ist schon zusammengestellt

worden«, sagte mein Vetter.

»Schon zusammengestellt – und durch wen?«

»Durch Castel.«

»Und wann?«

»Vor mehr als hundert Jahren.«

Vor so langer Zeit! eine so alte Geschichte hat das Farbenklavier? O Gott! der arme Herr

Lehrer wird arg enttäuscht sein, wenn er hört, daß er nicht der alleinige Entdecker dieses

mysteriösen Instrumentes ist … Ich versetzte mich in seine Lage und machte im voraus alle

Qualen der Beschämung mit ihm durch – zum Glück unnötigerweise; denn er war viel zusehr

beschäftigt mit seinen eigenen wissenschaftlichen Leistungen, um von denen anderer Notiz zu

nehmen.

Einige Tage später fragte mich mein Vetter, ob es mich interessieren würde, etwas zu hören von

den Versuchen, die gemacht worden sind, um die Harmonie zwischen Farben und Tönen

nachzuweisen. In seiner klaren und anschaulichen Art beschrieb er den Apparat, den Ruete

zusammengestellt hat, um den Eindruck von Farbenakkorden hervorzubringen. Er sprach von

Kontrastharmonien, von den Farben, die nur stimmen, wenn sie durch Grau oder Weiß eine

Unterbrechung erlitten haben. Solange er sprach, war ich überzeugt, alles gut zu verstehen,

was er mir erklärte. Als ich aber darüber nachdachte und es mir zurechtlegen wollte in meinem

Kopfe, da merkte ich, daß die neuen Erkenntnisse nicht hineingedrungen waren. Draußen

schwebten sie umher als klang – und farbenreiche undeutliche Gebilde.

Mein Zeichenmeister hatte es besser; ihm tönte, wenn er den großen, mit bunten Streifen

bedeckten Bogen betrachtete, den er sein Farbenklavier nannte, das Gott erhalte entgegen.

In den Briefen meiner treuen Mentorin finde ich einen recht trüben Reflex des Glanzes, in dem

ich mich ihr als angehender Shakespeare des 19. Jahrhunderts vorstellte. Sie begann ernstlich

besorgt um mich zu werden und schlug einen strengen Ton an. In Bücher gebunden liegen alle

ihre Briefe vor mir; wohlverwahrt und ungelesen sind sie jahrelang im Schranke geblieben. Ich

habe sie erst wieder hervorgesucht, um sie dem Freunde zur Verfügung zu stellen, der die

Geschichte meines Werdegangs mit feiner und liebevoller Hand aufgezeichnet hat.

Jetzt blättere ich oft in den inhaltreichen Bänden, und was mich dabei mit schmerzvoller

Wehmut erfüllt, ist das Schicksal ihrer Verfasserin, von dem sie Zeugnis geben.

Marie Kittl ist die erste der vielen gewesen, die mir, je weiter ich fortschritt auf meinem

Lebenswege, desto öfter begegnen sollten – der Opfer eines eingebildeten

Schriftstellerberufes. Es wurde allmählich meine ständige Qual, mit ansehen zu müssen, wie

diese Bedauernswerten, von ihren Aspirationen getrieben und genarrt, taub werden für die

dringendste Bitte, den ehrlichsten Rat und wie sie dem widerwilligen Verzichten, mit einem

anderen Wort: – der Verzweiflung entgegengehen.

Ich kenne ihre Sehnsucht und weiß, daß sie ebenso unüberwindlich ist wie die der echten

Begabung, mit der die ihre noch manche andere Ähnlichkeit und wahrscheinlich denselben

Ursprung hat; aber sie leidet an Unzulänglichkeit. Denn nur von Unzulänglichkeit kann die Rede

sein. Etwas Talent ist immer vorhanden, ohne Talent macht man gar nichts, nicht einmal etwas

Miserables. Aber das vorhandene Fünkchen, ja sogar der Funke wird noch lange nicht genügen,

ein Licht daran zu entzünden, das über den Tag hinausleuchten kann. Und nun steht vor mir der

ganze Jammer, der sich da vorbereitet, der wachsen und wuchern und traurige Früchte reifen

wird. Das peinvoll hastige Streben der Ohnmacht, die mit jeder neuen Arbeit neu aufflackernde

Hoffnung, die blutige Enttäuschung nach langem Warten und Harren, endlich die Trostlosigkeit

und Erbitterung. Die Menschenliebe erlischt; wie soll man die lieben, die uns nicht gelten

lassen? Das Interesse und das Wohlwollen für Mitstrebende verwandeln sich in Gleichgültigkeit

und, wenn ihnen ein Glückssternchen aufblinkt, in Mißgunst. Da ist der, und da ist jener, die

haben Minderwertiges geleistet und Anerkennung gefunden. Man wägt und vergleicht und legt

einen seltsamen Maßstab an; nicht am Großen mißt man sich, nein – am Kleinen. Hat man einmal

einen anderen Kleinen oder – wenn ein besonders glücklicher Zufall es fügt – einen Großen

scheitern gesehen, dann erwacht die Bettlerin unter den Freuden – die Schadenfreude. Kein

wirklicher Balsam und Trost, denn sie entspringt dem Giftquell des Neides, dieses moralischen

Gebrechens, dessen fressender Qual sogar der »fanfaron du vice« sich nicht rühmen mag.

Lächelnd verbeißt ihn jeder, den er foltert, wie der Spartanerknabe seine Schmerzen verbiß,

als ihm der gestohlene Fuchs, den er unter dem Mantel verbarg, die Brust zerfleischte.

Marie Kittl hat allerdings weder Erbitterung noch Neid gekannt, aber unglücklich machten sie

ihre immer gescheiterten Versuche, sich schriftstellerisch zu betätigen. Sie stand in reifen

Jahren, hatte die Erziehung der jungen, mütterlicherseits verwaisten Fürstin Arenberg

vollendet und ihren geliebten Zögling noch zum Altar geleitet. Bald darauf war sie einer

Einladung nach Brüssel gefolgt und hatte dort die Stellung einer Gouvernante bei der

hochbegabten Tochter König Leopolds, der Prinzessin Charlotte, eingenommen und später die der

Vorleserin der Herzogin von Brabant. Es waren sonnige und schöne Jahre, die sie am belgischen

Hofe verlebte. Der Wirkungskreis, der sich ihr eröffnet hatte, sagte ihr in jeder Weise zu; er

brachte äußere Ehren, für die sie nicht ganz unempfänglich war, und bot ihr Befriedigung ihres

innigen Herzensbedürfnisses, die Anhänglichkeit und Liebe ihrer Umgebung zu gewinnen. Auch ihr

lang genährter Wunsch, weite Reisen zu unternehmen, erfüllte sich unter den denkbar

angenehmsten Verhältnissen. All das Gute erfuhr sie bei der Ausübung ihres wirklichen Berufes,

und sie fand ihr Glück in ihm, bis der falsche sein Lügenhaupt erhob und sie umstrickte mit

allen Zaubern und Lockungen, über die das Blendwerk verfügt.

Sie begann nach Freiheit zu lechzen, um schreiben zu können, soviel sie wollte. »Meine

Flügel«, teilte sie mir mit, »haben sich geregt.« Und sie kamen nicht wieder zur Ruhe, die

verhängnisvollen Flügel, deren kümmerlicher Schlag gerade genügte, um ihre Besitzerin

hinzuschleifen über Dornen und Gestein. Ihre Geschwister und ich bewunderten, was sie schrieb,

weil sie es geschrieben hatte – alle übrigen schwiegen. In ihrem Kreise entstand, wie wir

hörten, Verlegenheit, wenn sie kam, der oder jener Hoheit ein neues Werk zu überreichen. Auf

eigene Kosten war es gedruckt und prächtig eingebunden und wurde mit höflichem Lächeln

hingenommen, denn man achtete Madame Kittl zu hoch, um ihr Lobsprüche über Arbeiten zu

erteilen, die ihrer so wenig würdig waren. Sie hat es mir nie gesagt, doch vermute ich, daß

der Mangel an Anerkennung für ihre Reisebeschreibungen und Novellen sie bestimmte, den Hof zu

verlassen. Diesen Entschluß führte sie unerwartet rasch aus, um den Einwendungen zu entgehen,

die sich gegen ihr Scheiden erhoben hätten. In London, wo sie ihren Wohnsitz nahm, erhielt sie

den Beweis der treuen Gesinnung, die man ihr am belgischen Hofe bewahrte. König Leopold setzte

der Erzieherin seiner Tochter aus eigener Initiative ein ansehnliches Jahresgehalt aus. Marie

Kittl befand sich in behaglichen Verhältnissen und konnte leicht einen Teil ihrer Ersparnisse

daran wenden, von Zeit zu Zeit einen neuen, hübsch ausgestatteten Band in kleiner Auflage

erscheinen zu lassen und einige Exemplare an Freunde zu verschenken. Der Rest stapelte sich

auf in den Magazinen ihres Verlegers, und oft klagte sie: »Er tut zu wenig für meine Bücher.

Ich finde sie nirgends angezeigt.« So ging es fort, bis die Ersparnisse aufgezehrt waren. In

schonendster Weise bemühten sich die ehrlichen unter den Freunden und Verehrern der

unermüdlich Strebenden, sie zu bewegen, die Schriftstellerei nur noch als Hausindustrie zu

betreiben. Davon jedoch wollte sie nichts hören. Manuskripte gehen mit der Zeit verloren,

Bücher, die lange unbeachtet blieben, kommen manches Mal doch ans Licht, und dann wundern sich

die Menschen, daß dieser Schatz erst so spät gehoben wurde.

So dachte sie vielleicht im stillen, ich aber hatte die Erkenntnis gewonnen: Für diese Werke

gibt es so wenig ein Morgen wie ein Heute. Es ist mir ein Rätsel geblieben, wie meine

Freundin, die soviel Lebensweisheit besaß, die ein so richtiges Urteil für fremde literarische

Leistungen hatte, über ihre eigenen mit völliger Blindheit geschlagen sein konnte. Sie

erzählte vortrefflich, sobald sie aber ans Niederschreiben des Erzählten ging, zerflossen die

Begebenheiten, Gestalten, Landschaften wie feuchte Flecke auf Löschpapier. Von ihrer Sprache

sagte sie selbst: »Ich weiß, sie ist international.« Daß sich eine kleine Kur vornehmen ließe,

davon wollte sie nichts hören. Man hat seinen Stil, wie man seinen Buckel hat, schien sie

anzunehmen und wollte Ruhe haben vor der Orthopädie. Das Ende war Entmutigung und doch auch –

und darüber kann ich nicht hinwegkommen – ein Zweifel an meiner Hilfstätigkeit. Er hat ihre

Freundschaft und Liebe zu mir nicht verringert; aber er war da, ich fühlte ihn. Sie brachte

die letzten Jahre ihres Lebens in Wien zu und nahm oft meine Vermittlung bei Redakteuren und

Verlegern in Anspruch. Alle Briefe, mit denen ich ihre Manuskripte zurückerhielt, konnte ich

ihr nicht zeigen, und doch wollte sie jeden sehen. – Ich wußte oft nicht, welche Notlüge

ersinnen, um zu erklären, warum es mir unmöglich sei, ihr die Zuschrift mitzuteilen, die ich

in Begleitung einer wieder abgelehnten Einsendung erhalten hatte. Immer schwerer entschloß ich

mich, die Botin des abermaligen Scheiterns einer frohen Erwartung zu sein.

»Nicht angenommen? Auch das nicht? Und ich hielt es doch für mein Bestes.«

Mehr sagte sie nicht – aber ich ermaß den Schmerz, den diese heroisch kühlen Worte verbargen.

Und ich sah mich im Zimmer um – und ich war anwesend bei ihrem Mittagessen, und ich wußte, sie

empfindet bitter die Dürftigkeit, die aus jedem Winkel dieses Raumes schreit, aus jedem

Schüsselchen, das ihr die Hausmagd auf den Tisch stellt. Durch Jahrzehnte hat sie in

königlichen Schlössern gewohnt und an königlicher Tafel gespeist. Sie mußte ja leiden, sie

mußte! unter dem Kontrast zwischen einst und jetzt …

Nun, sie verriet es nie. – Die Übergütige, die sich zu einem strengen Wort gegen mich nie

hatte aufraffen können, wies jede Andeutung an das Glück, das es mir gewähren würde, ihr

Dasein behaglicher gestalten zu dürfen, energisch zurück.

»Ich bin ganz zufrieden, ich brauche nichts, schicke mein Manuskript jetzt nur an einen

anderen Verleger.«

Und sobald es eine neue Reise angetreten hatte, stiegen die Hoffnungen wieder empor. Eines

ihrer Bücher würde ja doch einmal »einschlagen« und dann alle übrigen zu Ehren bringen. »Denke

nur, wie lange du gerungen hast um deinen ersten Sieg!«

Sieg! Mir war leicht, ihr zu beweisen, daß es nicht weit her sei mit diesem »Sieg«. Sie hatte

hundert Einwendungen, aber ein bißchen wohl tat es ihrem wunden Herzen doch zu hören, daß ihre

Schülerin sich nicht in ungetrübtem Ruhmesglanze sonnte.

Sie hat das Bitterste erlitten, das ich weiß: sie hat einen brennenden und unerfüllbaren

Wunsch in der Seele getragen. Und noch einen zweiten, einen weniger heißen, aber sehnlichen,

hatte sie und betete täglich um dessen Gewährung, die ihr auch zuteil wurde. Ihr Tod war sanft

und schmerzlos. Ohne vorhergegangene Krankheit ist sie eines Nachts, nachdem sie sich am Abend

zuvor wohlauf und gesund zur Ruhe begeben hatte, aus dem zeitlichen in den ewigen Schlaf

gesunken. – Im Traume, im schönen, lichtverklärten Traume, so hoffe ich, du gute Träumerin!

Es war wieder Frühling geworden. Die Kastanienbäume im Prater standen im hellsten Flor, auf

den Wiesen, die grünten und dufteten, fanden reiche und arme Kinder sich beim Blumenpflücken

ein, die einen zum Vergnügen, die anderen zum Erwerb. Es war hauptsächlich auf Veilchen

abgesehen. Von denen banden die Mütter der armen Kinder einige Dutzend an einen kleinen Stab,

legten ihnen ein Efeublatt als Stehkragen um und boten die Sträußchen zum Preise von drei

Kreuzern Konventionsmünze in den Straßen der Stadt aus. Der aufmerksame Gatte brachte der Frau

ein »Büscherl« heim, der Bräutigam legte es der Braut zu Füßen, das Kind den Eltern, und

welche Freude bereitete das bescheidene Geschenk! – Ihren beliebtesten Standort hatten die

Verkäuferinnen am Graben vor dem Trattnerhof, und dieser Alte, mein Gegenüber, mit dem ich von

meinem Fenster aus gern Zwiesprache pflege, versichert mir, die kleinen »Praterveigerln«

hätten bis zu seinem zweiten Stock hinauf geduftet. Die großen »wällischen Veilchen« hingegen

könnten haufenweise an ihm vorbeigetragen werden, er röche nichts davon.

Ich möchte das Körbchen einer Blumenfrau von einst gar zu gern neben dem tragbaren

Blumenmagazin einer ihrer Kolleginnen von heute stehen sehen! In dem einen kleine dunkle

Urbilder der Lieblichkeit, des Segens, den sie ausströmen, unbewußt, in dem andern alle

Farbenglut und Formenpracht südlicher Flora in Glanz und Reichtum prangend. Was hätten die

einander zu sagen, die beiden! Kulturgeschichte würden sie reden.

Die Zeit verfloß, die Tage wuchsen und mit ihnen unsere Sehnsucht nach der Rückkehr auf das

Land. Sie war für Mitte Mai festgesetzt und allmählich in so nahe Aussicht gekommen, daß man

begann, die Koffer vom Boden herunterzuschaffen. Auch die unseren erschienen, und wir machten

uns an die köstliche Arbeit des Einpackens und sangen dazu aus vollem Halse nach der Melodie

des Volksliedes Da droben auf dem Bergerl mein selbstverfaßtes Reiselied:

Adieu nun, du Wien,

Wir fahren hinaus,

Nicht weit in die Fremde,

O nein, nach Zuhaus.

Dort steht’s auf dem Bergel

So traurig und denkt:

Wann werden die Kinder

Mir wiedergeschenkt?

Sei froh jetzt, mein altes,

Sie sind schon ganz nah,

Gott grüß dich, sie kommen,

Die Kinder sind da!

Wohl hatte Fritzi gefunden, das Liedchen passe nicht mehr für uns, und so hatte ich eins für

erwachsene Mädchen gedichtet. Das war aber ohne Schwung und sang sich nicht von selbst wie das

erste. So blieben wir bei dem.

Unser Festjubel erfuhr eine jähe Störung, die Abreise mußte verschoben werden, denn Großmama

war plötzlich erkrankt.

»Nichts von Bedeutung«, versicherte der Arzt, ein Homöopath, der damals in Wien großes Ansehen

genoß. »Eine leichte Lungenentzündung; in vierzehn Tagen ist die alte Frau wieder gesund, und

dann fahren Sie mit ihr, je eher, je besser, aufs Land!«

In vierzehn Tagen! in vierzehn Tagen erst? – das ist ja so lang, nicht auszudenken, wie lang,

das ist ja nicht zu erleben, das Ende dieser vierzehn Tage. Wir waren über diese Verzögerung

unserer Abreise so unglücklich, daß wir ihre Veranlassung im ersten Augenblick kaum erwogen.

Als aber zwei Tage vergingen, an denen wir die Großmama nicht sehen durften, als es noch am

dritten hieß: »Sie hat Fieber, sie hustet und muß Ruhe haben«, begann uns angst zu werden.

Auch Papa war besorgt und äußerte Zweifel an der Unfehlbarkeit des berühmten Arztes. Am

vierten Tage hatten wir beim Nachhausekommen vom Spaziergang angeläutet an Großmamas

Wohnungstür, waren, als sie geöffnet wurde, ins Vorzimmer gedrungen und bestürmten die

Kammerjungfer mit Bitten, uns zu melden. Sie brauche nur zu sagen, daß wir da seien, sonst gar

nichts. Vielleicht, man könne ja nicht wissen, vielleicht würden wir doch vorgelassen.

Die Kammerjungfer mahnte zur Geduld. Unsere Eltern und der Arzt, die sich schon eine Weile bei

Großmama befänden, würden gleich kommen und dann bestimmen, was zu geschehen habe. Als sie

eintraten und wir unser Anliegen vorbrachten, wies der Doktor uns barsch ab. Er war in

schlechter Laune und fuhr ungeduldig heraus, als Papa Besorgnisse um die Kranke äußerte:

»Sehen Sie denn nicht? Es geht ja besser. Ganz gesund wird man in dem Alter doch nicht von

einem Tag zum andern!«

Beide Eltern fragten noch: »Also wirklich keine Gefahr?«

»Wenn ich Ihnen sage: nicht die geringste.«

Das war denn schön und beruhigend. Von den vierzehn Tagen, die überstanden werden sollten,

bevor Großmama reisen durfte, waren vier vorbei. Zehn noch dazu, und wir sind wieder in

unserem lieben alten Neste … Die Lindenbäume wiegen ihre blühenden, duftenden Zweige und die

Fichten ihre in die Wolken strebenden Wipfel; wie von einer unsichtbaren Riesenhand

gestreichelt, wallen und schmiegen sich wohlig die Millionen Ähren auf den Feldern, die

mütterliche Heimaterde qualmt, die Sonne leuchtet, freundliche Augen lachen, und alle, alle

sagen: »Grüß euch Gott!«

Nun war der fünfte Tag gekommen – ein Maitag mit Sommertemperatur, auf dem Lande wonnig, in

der Stadt für mich ein Kopfschmerzenausbrüter. Sie hatten sich heftig eingestellt, und als die

Eltern am Vormittage mit uns ausfahren wollten, bat ich, zu Hause bleiben zu dürfen.

Die Meinen waren kaum fort, als Madame Vaxelaire herbeigeeilt kam, um mir zu sagen, daß

Großmama heraufgeschickt habe … Sie wollte Fritzi und mich sehen … und schrecklich –

schrecklich – jetzt sei Fritzi nicht da! –

Die Erregung, mit der die gute Frau sprach, entsetzte mich. Was hat das zu bedeuten? Was gab

es denn? Ich war aufgesprungen, ich rannte auf den Gang. Dort stand der alte Josef, der

gekommen war, uns abzuholen, uns beide, und jetzt mich allein über die Stiege geleitete.

»Nestesti, Nestesti5!« war alles, was er auf meine hastigen und angstvollen Fragen erwiderte.

Die Kammerjungfer erwartete mich – tief bekümmert, von Zweifeln und Sorgen zerquält. Sie wußte

nicht, ob es recht von ihr sei, mich zur Großmama zu führen. In der Früh, als der Arzt

dagewesen war, hatte er unsere Bitten um Einlaß grimmig abgewiesen. Aber die Frau Baronin

wolle uns sehen, habe den Befehl, uns zu holen, so bestimmt gegeben – da müsse man ihr doch

gehorchen.

Wir gingen in das Speisezimmer und leise auf den Fußspitzen zur Tür des Schlafzimmers. Sie war

nur angelehnt und gab meinem zaghaften Drucke nach.

Ich blieb auf der Schwelle stehen.

Die zwei Fenster rechts, die in das Rotgäßchen sahen und zwischen denen am breiten Pfeiler das

Bild meiner Mutter hing, waren ganz, das Fenster der Tür gegenüber bis zur halben Höhe

verhängt. So konnte die Kranke ein Stückchen Himmel sehen von ihrem Bette aus, das die Mitte

der Längswand zur Linken des Eingangs einnahm. Nie anders als eilig und freudig war ich in

dieses stille Gemach getreten, und nun bannte eine schwere, beklemmende Bangigkeit mich auf

meinen Platz. Von ihm aus sah ich die hochgetürmten Polster, deren Stickereien das Kopfende

des Bettes überragten, sich ein wenig bewegen, und nun hörte ich die Stimme Großmamas. Sie

fragte: »Die Kinder – kommen sie?«

Da faßte ich mir ein Herz, da lief ich zu ihr, und plötzlich und wonnig ergriff mich die

Freude des Wiedersehens. Ganz ungetrübt. Großmama machte mir nicht den Eindruck einer Kranken.

Sie saß fast aufrecht in ihrem Bette, an ihre Schultern schmiegte sich ihr weicher, feiner

Schal mit den bunten Blümchen, den sie so gern hatte. Sie war auch frisiert wie gewöhnlich,

trug eine reich garnierte weiße Haube und an jeder Seite der Stirn drei braune Seidenlocken.

Was liegt einem Kinde an der Schönheit alter Leute? Ich hatte nie darüber nachgedacht, ob

meine greise Großmutter schön sei oder nicht. Jetzt aber sagte ich mir und war sehr glücklich

und stolz darüber: Sie ist ebenso schön, wie sie lieb ist und gut!

Sie hatte mir zugenickt. »Fritzi?« fragte sie, und ihre Stimme war arm und heiser.

Ich versicherte, daß Fritzi gleich kommen werde, und begann, ohne selbst zu wissen warum, eine

lebhafte Beredsamkeit zu entfalten. Genau entsinne ich mich, wie jeder Einzelheit dieser

letzten mit meiner Großmutter verlebten Stunde, daß ich von Zdißlawitz erzählte, und wie

mich’s freue, daß sie wieder fast gesund sei, weil wir jetzt bald abreisen könnten.

Sie lächelte – sehr traurig, kam mir vor – und machte mir ein Zeichen, mich auf einen Sessel

zu setzen, der an ihrem Bette stand, mit der Lehne gegen das Fenster. Ich gehorchte, war aber

durch Großmamas Schweigen und durch ihr trauriges Lächeln aus meiner zuversichtlichen Stimmung

und in Verlegenheit geraten. So verhielt ich mich denn ganz ruhig und wagte nicht mehr, mich

zu rühren. Großmama hatte die Augen geschlossen, und ihrem schweren und hörbaren Atem glaubte

ich zu entnehmen, daß sie schliefe.

Alles still rings um uns. Manchmal nur rollte ein Wagen durch das Gäßchen und über den

Rabenplatz. Die Sonne mußte nun im Zenit stehen, der Himmel leuchtete in purpurner Bläue.

Durch den unverhangen gebliebenen Teil der Fenster fiel goldiges Licht in das Zimmer und

bildete einen breiten hellen Streifen an den Wänden. Sie waren glatt, mit grüner Farbe bemalt.

Von meinem Platze aus sah ich gerade auf die Stelle hin, an der, vor nun auch schon acht

Jahren, mein Kinderbett durch längere Zeit gestanden hatte. Meine Schwester war an den Masern

erkrankt, wir wurden getrennt, und Großmama nahm mich in ihre Obhut. Mein kleines Lager war in

ihrem Schlafzimmer aufgeschlagen, und wenn ich früher als sie erwachte, stellte ich mich

sachte auf und begann die Farbe von der Wand loszulösen. Eine angenehme Morgenbeschäftigung.

Die Farbe, die sehr dick aufgetragen war, bildete hie und da Blasen, und wenn man sie

eindrückte, sprangen sie ab wie Glas, und wie Glas ließ sich auch ihre nächste Umgebung vom

lichten Grund abheben. Ein wenig weiter kam dann wieder ein Bläschen, und wieder wurde es

eingedrückt, und nach ein paar Wochen war mitten im Grün ein weißer, vielfach ausgebuchteter

Fleck zu sehen, der sich wie ein Ozean auf einer Landkarte ausnahm. Die Kammerjungfer hatte zu

dem Unfug länger geschwiegen, als ihr leicht wurde, und machte ihren Bedenklichkeiten endlich

Luft. Sie stellte sich mit gerungenen Händen vor den Ozean und gab die bestimmtesten

Versicherungen ab, daß sie nicht ahne, was jetzt mit der so übel zugerichteten Wand anzufangen

sei. Großmama, die mir eben Unterricht im Häkeln gab, antwortete gleichmütig: »Man wird sie

frisch anstreichen lassen.«

Ich hatte nie wieder daran gedacht – jetzt fiel es mir ein, und dem leisen Anstoß folgend,

stieg nach und nach ein Zeichen ihrer still waltenden Liebe ums andere vor mir auf, eine

unendliche Reihe, die sich im Unbewußtsein der Kindheit verlor … Und diese Liebe, die immer

gab, sich nie erschöpfte, hatte ich besessen und hingenommen wie etwas ganz

Selbstverständliches, das mir gebührte, mich nie besonnen, daß ich ein göttliches Geschenk

genoß, und noch weniger, daß es mir je genommen werden könnte … Immer würde ich sie haben, die

mir jede Freude bereitet hatte, die sie mir bereiten konnte, immer eine Entschuldigung für

mich gewußt, mir alles verziehen hatte, zuletzt sogar die Dichterei. Und wie wird es erst

sein, wenn ich Großes geleistet haben werde und sie stolz auf mich sein wird? … Als ich, diese

stumme Frage auf dem Herzen, zu ihr emporsah, begegnete mein Blick ihren weit geöffneten

Augen, die mit unsagbarer Zärtlichkeit auf mir ruhten. Es glitt wie ein lichter Schein über

ihr Gesicht, und sie wies nach einem Tisch, den man in die Nähe ihres Bettes gerückt hatte.

Dort standen allerlei Schächtelchen mit Hustenbonbons, die ich sonst sehr zu würdigen wußte.

»Nimm dir«, sagte sie.

Mir aber war auf einmal jäh und schrecklich die Ahnung einer grausamen Möglichkeit

aufgegangen: Wenn sie stürbe! Wenn wir unsere Großmutter nicht mehr hätten! … Ich sprang auf,

ich stürzte mich über ihre Hand und küßte sie viel-, vielmals …

Sie zog diese liebe Hand zurück, legte sie auf meinen Kopf, als ich aufschluchzend mein

Gesicht in die Decke preßte, und sprach: »Nur gescheit! Nur gescheit!«

Am nächsten Tage knieten meine Schwester und ich am Bett der toten Großmutter mit tief

gesenkten Häuptern. Wir wagten nicht, emporzusehen. Eine Leiche – das muß etwas furchtbar

Trauriges sein. Man hätte uns sonst, als unser kleines Schwesterchen starb, nicht so ängstlich

von ihm ferngehalten und es nicht so rasch fortgetragen. Nach langem Gebete stand Fritzi auf

und ließ einen scheuen Blick über das Angesicht der Toten gleiten … »Oh!« sagte sie plötzlich

und faltete die Hände in frommer, freudiger Überraschung: »Oh – schau!« Nun stand auch ich

auf, und meine Augen folgten der Richtung der ihren, und auch meine Hände falteten sich … Wie

heilig war unsere Großmutter, wie herrlich und heilig! Der schwermütige Zug um den Mund, den

wir an ihr gekannt hatten, war verschwunden, die stummen Lippen, deren Sprache ich immer

verstanden hatte, sagten: Jetzt ist alles gut. Ein unaussprechlicher, unendlicher Frieden lag

auf ihren stillen Zügen und wehte uns entgegen, eine himmlische Tröstung und Erhebung, ein

letzter Gruß ihrer Liebe. Wir konnten uns von ihr nicht losreißen und – weinten nicht. Man

soll nicht weinen in der Nähe von Toten, es tut ihnen weh. Ich weiß nicht, wieso wir zu dieser

Überzeugung gelangt waren. Erst als Tante Helene und Vetter Moritz kamen, sie laut klagend, er

von tiefstem Leid erfüllt, brach meine Schwester in Schluchzen aus und vermochte ihren Schmerz

nicht mehr zu bemeistern. Am Abend fieberte sie, und nachdem man sie zu Bette gebracht hatte,

schluchzte sie noch im Schlafe.

Es wurde uns nicht erlaubt, das Sterbezimmer ein zweitesmal zu betreten. Wir sollten die Tote

nicht mehr sehen, es griff uns zu sehr an. Bei der Einsegnung nur waren wir zugegen, als

unsere Großmutter im geschlossenen Sarge lag, bereit zur letzten Reise nach unserem »Zuhause«.

Wie irrten alle, die glaubten, daß ich sie jetzt nicht sähe, daß die Wände ihrer metallenen

Behausung für mich nicht durchsichtig wären!

Die Verstorbene hatte unseren Vater zum Vollstrecker ihrer letztwilligen Anordnungen bestellt,

und dadurch wurde unser Aufenthalt in Wien neuerdings verlängert. Ich erhielt den Auftrag,

diese Zeit zu benützen, um einen Katalog der Bücher meiner Großmutter anzufertigen. Sie waren

mein und meiner Schwester Eigentum geworden und sollten im Sommer verpackt und nach Zdißlawitz

geschickt werden. Ich ging mit Eifer an meine Arbeit, hatte keine Ahnung davon, was das heißt:

»einen Katalog anzufertigen«, meinte aber diese Aufgabe zu lösen, indem ich ein Buch nach dem

andern aus dem Schranke holte, den Titel desselben in ein Heft eintrug und es dann wieder an

seinen früheren Platz stellte.

Das Zimmer, in dem die kleine Bibliothek Großmamas sich befand, war ihr Toilettezimmer

gewesen, stieß an das Schlafgemach und hatte wie dieses die Aussicht auf das sogenannte

»Rabenplatzl«. Die Wand zunächst am Fenster nahm der Bücherschrank ein, und wenn ich seine

Flügel öffnete, breitete sich das helle Licht sonniger Junivormittage über eine auserlesene

Gesellschaft.

Sie bewohnte fünf Geschosse und bildete in jedem eine stattliche Reihe von vornehm in braunen,

roten und grünen Saffian gekleideten Buchpersönlichkeiten. Ihre Anführerin war die Bibel. Ich

kannte den Band; er hatte meinem Großvater gehört, und es waren viele Zeichen von seiner Hand

darin eingelegt. An einer Stelle befand sich außer dem Zeichen ein Bleistiftstrich. Die Stelle

lautete: »Und ich hörete eine Stimme vom Himmel zu mir sagen: Schreibe: Selig sind die Toten,

die in dem Herrn sterben, von nun an. Ja, der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit,

denn ihre Werke folgen ihnen nach.«

Oh, das verstand ich! Der Anblick meiner entschlafenen Großmutter hatte es mich gelehrt:

»Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben.« Und wo hatte ich diese Stelle gefunden, die

mir so hell einleuchtete? In der Offenbarung Johannis, der heiligen, rätselhaft verschleierten

Schrift, deren Geheimnisse noch niemand durchdrungen hat. Nicht einmal der große Newton, der,

wie mein Vetter mir unlängst erzählt, die letzten Jahre seines Lebens dem Studium und der

Erklärung der Apokalypse gewidmet hatte … Und ich – es mutete mich an wie ein Wunder –, ich

verstand sie! Mir war’s gegeben, mir, einem Kinde! … In unaussprechlichem Jubel schwoll mein

Herz, ich glaubte, daß eine himmlische Erleuchtung mir zuteil geworden sei.

Mit zitternden Fingern blätterte ich zurück vom vierzehnten zum ersten Kapitel, und was ich

las, Vers um Vers, war ein schönes, seltsames Gedicht. Aber je weiter ich kam, je dunkler

wurde mir der Sinn des Gelesenen. Da half kein Kopfzerbrechen. Einzelne Bilder nur schwebten

vor mir, sehr klar und in großer Pracht, so wie der Heilige sie geschaut hatte, als er »war im

Geiste«. Blendend die Vision von dem Einen, den er nicht nennt und der anzusehen war wie

Jaspis und Sardis und vor dessen von einem Regenbogen wie Smaragd umgebenen Thron die Ältesten

ihre goldenen Kronen niederlegten. Ich sah die vier Lebendigen und sah das Buch mit den Sieben

Siegeln in der Rechten des Einen und glaubte, eine Ahnung davon zu haben, was für ein Buch das

war, und die Namen der vier Lebendigen nennen zu können. Damit ging meine Weisheit zu Ende.

Von nun an gab es keinen Lichtschein mehr, der mir einen Pfad zu neuem Begreifen und Erkennen

gewiesen hätte … Nein, ich war das gottbegnadete Kind nicht, das in Einfalt findet, »was kein

Verstand des Verständigen sieht«.

Enttäuscht und beschämt brachte ich das Buch der Bücher wieder an seinen Platz und bemerkte

jetzt: außer an der einen Stelle, die ich zuerst aufgeschlagen hatte, war in der ganzen

Apokalypse kein Zeichen eingelegt.

Zunächst an die Heilige Schrift schmiegte sich das Werk ihres frommen und milden Apostels,

Thomas a Kempis, und er hatte Herder zum Nachbarn, und dann kam Lessing. Neben seinen Werken

stand seine Biographie in drei Bänden, von K.G. Lessing. Ich las die ersten Kapitel und wurde

dabei in meinen eigenen Augen so klein, wie ich nicht einmal als Auslegerin der Offenbarung

Johannis geworden war. Meine hohe Meinung von meiner Begabung, meinem Lerneifer, meinem

Wissensdrang erfuhr eine jämmerliche Einschränkung durch den Vergleich zwischen mir und dem

Kinde Gotthold Ephraim. Wie kam ich mir vor, ich Dreizehnjährige, von Zweifeln Gequälte, wenn

ich las: »Im vierten und fünften Jahre wußte er schon, warum und wie er glauben sollte.« Und

weiter: »Als ein Maler ihn im fünften Jahre mit einem Bauer, in dem ein Vogel saß, malen

wollte, erfuhr dieser Vorschlag seine ganze kindische Mißbilligung. ›Mit einem großen, großen

Haufen Bücher‹, sagte er, ›müssen Sie mich malen, oder ich mag lieber gar nicht gemalt sein.‹«

Und da er auf die Fürstenschule nach Meißen gebracht wurde, »mußte man ihn um ein Jahr älter

machen, weil keiner unter dem dreizehnten Jahre angenommen werden soll.« Auf der Schule

studierte er sogar in den freien Stunden, und Klassiker, deren Namen ich nicht einmal hatte

aussprechen hören, »waren seine Welt«.

So sind die Kinder beschaffen, aus denen große Menschen werden – so war ich nicht. Ich konnte

mir nicht einmal recht vorstellen, wie dem beneidenswerten Gotthold Ephraim zumute gewesen

sein mußte im Besitze seines großen Reichtums. Alles gäbe ich darum, nur einen Tag, nur eine

Stunde lang so zu sein wie er, umgehen zu dürfen mit unsterblichen Menschen wie mit Freunden

und einzudringen in ihre leuchtende Gedankenwelt.

Es war eine bittere Zeit der Selbsterkenntnis, voll Sehnsucht und Kümmernis, diese erste, die

ich Aug in Auge mit den Bewohnern des Bücherschrankes meiner Großmutter zubrachte.

Zur Unterstützung meines Gedächtnisses habe ich Lessings Biographie, die seitdem in meinem

Besitze ist, zur Hand genommen und finde auf dem Schutzblatte des ersten Bandes die Zeilen

eingeschrieben:

Ich bin ein Nichts für meinen Gott,

Für meinen Nächsten bin ich klein,

Mir selber dien ich nur zum Spott,

Wie könnt ein Mensch noch ärmer sein?

Allmählich trat Erholung von dieser Depression ein. Wenn auch nicht ein Lessing, konnte doch

etwas anderes Gutes aus mir werden. Nur lernen mußte ich zuerst, alles kennenlernen, was es

Schönes gab in diesen Büchern, die nun ich zu meiner Welt machen wollte. So feierte ich wahre

Leseorgien und fand die Vormittage, die vermeintlich mit Katalogisieren ausgefüllt wurden,

immer zu kurz. Voll Heißhunger verschlang ich, was ich vorfand an Dramen von Shakespeare,

Racine, Corneille, Goethe, Kleist, und bedauerte nur, daß meine arme Großmutter nicht ein

einziges Werk der Klassiker besessen hatte, in die Lessing sich versenkte, als er in meinem

Alter stand. Er freilich, er lernte sie in ihrer Sprache kennen, der Glückliche. Weil er ein

Bub war, durfte er das, er mußte sogar Griechisch lernen und Latein. Von seinen Lippen tönte

die Sprache, in der Themistokles, Demosthenes, Cäsar, Titus geredet haben. Zum Ruhme gereichte

ihm sein Glück … Wofür würde ich angesehen werden, wenn ich anfangen wollte, Griechisch und

Latein zu lernen? Ganz einfach für verrückt. Ich war ja nur ein Mädchen. Was gehört sich alles

nicht, schickt sich alles nicht für ein Mädchen! Himmelhoch türmten sich die Mauern vor mir

empor, zwischen denen mein Dichten und Trachten sich zu bewegen hatte, die Mauern, die mich –

umfriedeten.

Kein gutes Wort in dieser Anwendung! »Umfrieden« paßt nur für den Kirchhof, in dem die Toten

liegen; die Lebendigen kommen um den Frieden, wenn man ihnen enge Grenzen setzt … Sie werden

fortwährend suchen, sie zu durchbrechen, immer gegen sie anrennen und glauben: Dieses Mal

weichen sie mir!

Das dürften ungefähr die Gedanken gewesen sein, die damals meinen jungen Kopf durchschwirrten

und denen ich in zahllosen Gedichten Worte gab; es ist von den stürmischen und hoffärtigen,

deren ich mich später schämte, nichts übriggeblieben. Nur einige friedliche Verslein ließ ich

bestehen. Als den letzten aus den Kinderjahren möge ihnen hier Unterkunft gewährt sein.

Was hör ich in der Dämmerung?

Wie Glöcklein hell es klinget.

‘s ist wohl der Tag, der licht und jung

Ein goldnes Liedchen singet.

Wenn ich als Kind zum Himmel geschaut,

Hat drohen mein Land geblinkt und geblaut.

Jetzt ist der Himmel geworden so leer,

Ich sehe mein Land, mein liebes, nicht mehr.

Der sogenannte Katalog war fertig; ich hatte nun angefangen ihn abzuschreiben, weil ich einen

Grund haben mußte, um meine Vormittage noch immer in der Wohnung Großmamas zubringen zu

dürfen. Da herrschte jetzt Grabesstille; die Küche sowie das »Frauenzimmer« waren leer. Die

Köchin und die Kammerjungfer hatten sich in ihre Heimat begeben, um dort ihren Ruhestand und

ihr Ruhegehalt zu genießen. Nur der alte Josef war noch anwesend und sollte, bevor er uns auf

das Land nachfolgte, die Verpackung der Möbel überwachen. Mit treuer Liebe zu seiner

langjährigen Tätigkeit hielt er die Zimmer der verstorbenen Herrin so nett und blank wie je.

Doch standen jetzt alle Türen weit offen, und ich konnte, ohne eine Klinke zu berühren, von

der Küche aus bis in den großen Salon gehen. Daß auch seine Tür offenstand, mutete mich

besonders fremdartig an. Wir Kinder hatten ihn nie betreten; er wurde auch nur benutzt, wenn

unsere Großmutter eine Gesellschaft gab, was selten geschah. Immer nur verstohlen hatten wir

hineingeguckt, wenn Josef darin gravitätisch seines Amtes waltete mit Staubbesen und

Flederwisch. Der Salon machte uns einen feierlichen Eindruck. Seine weiß lackierten, durch

vergoldete Stäbe in Felder eingeteilten Wände verbreiteten einen majestätischen Glanz, und die

Mahagonimöbel mit Intarsien und Beschlägen aus Bronze hatten jedes eine eigene noble

Physiognomie. Der hellgelbe Seidenstoff, mit dem die Polsterung des Kanapees, der Stühle und

Sessel überzogen war, schimmerte so prächtig, wie ich nie wieder einen hellgelben Seidenstoff

habe schimmern gesehen.

Und dieses imposante, mit dem Reiz des Geheimnisvollen umkleidete Gelaß, da stand es nun

erschlossen, jedem zugänglich, und war eben nur ein Zimmer wie ein anderes.

Wie merkwürdig kamen meine Wanderungen mir vor durch die Räume, denen die zurückgeschlagenen

Türflügel das Gepräge grenzenloser Ödigkeit verliehen. Ich wollte sie mir beleben, wollte mir

einbilden, daß der Schatten der Entschlafenen vor mir herschwebe und Gestalt annehme und daß

ich sie sehen werde, an ihrer Toilette sitzend oder am Fenster im Schlafzimmer; und wenn da

nicht, im nächsten, vielleicht im Speisezimmer, an dem Tische, an dem wir so oft ihre Gäste

gewesen waren. Ich ging von Tür zu Tür, ganz sachte, voll Sehnsucht und doch ein wenig bange,

schloß die Augen und öffnete sie plötzlich und hoffte: Jetzt – jetzt muß sie dir erscheinen …

Aber da war nichts. Ihr Platz blieb unbesetzt; die Stuben blieben leer …

Der Tag vor der Abreise von Wien und vor dem Scheiden von den lieben Räumen, die mir mit jeder

in ihnen verlebten Stunde teurer und heiliger geworden, war gekommen, und ich veranstaltete

eine kleine Abschiedsfeier. Ich holte zwei Bücher aus dem Schranke, nahm Platz am

Arbeitstische meiner Großmutter und überdachte innig und ließ durch meinen Kopf und durch mein

Herz ziehen, was diese beiden Bücher mir geschenkt hatten. Es war soviel!

Das eine, der erste Band der Mémoires pour servir à l’histoire d’Anne d’Autriche, épouse de

Louis XIII, roi de France, par Madame de Motteville, hatte mir einen herrlichen Dramenstoff

geschenkt, den ich im Laufe der Zeit immer reicher ausgestaltete. Alles, was in mir lebte an

Vergötterung des Schönen, an Verachtung und Haß des Schlechten und Gemeinen und nicht zum

mindesten an übermütigem Humor, mit dem ich oft verletzte und Anstoß erregte, alles ließ sich

da hineinschütten wie in eine eigens mir zu Lieb und Ehr geformte goldene Schale.

Cinq-Mars war mein Held, der junge, leichtsinnige, leichtgläubige Günstling Ludwigs XIII., der

seinen Herrn von der erdrückenden Tyrannei des allmächtigen Ministers Richelieu befreien will,

im tollkühn unternommenen Kampfe mit dem Riesen unterliegt und nach einem Augenblick des

Verzagens prachtvoll stirbt.

Und was für Gestalten gruppieren sich um ihn! Ludwig XIII., den mit kühnen Strichen

hinzuzeichnen die reine Wonne sein wird, der sich fühlbar unter die Hand des Bildners

schmiegt. Eine königliche Erscheinung, von einer kleinen Seele belebt; treulos wie die

Schwäche, hart wie die Engherzigkeit. In einem Gefühl nur bleibt er unwandelbar, im Hasse

gegen den Gewaltigen, der sich rühmen darf: »Ich habe meinen König zu meinem Diener gemacht

und diesen Diener zum größten Monarchen der Welt.«

Sein Herr verabscheut ihn und kann ihn nicht entbehren, sein Herr ist im geheimen das Haupt

jeder Verschwörung gegen ihn, und sobald eine neue mißlingt, kriecht der »Herr« grollend und

knirschend zu Kreuze und liefert, ein Kronzeuge, seine Mitschuldigen dem Sieger aus. Und

endlich einmal bietet, ja bietet! er seine beiden Söhnchen dem triumphierenden Kardinal zum

Pfande völliger Unterwerfung an. Aber da bäumt die Königin sich auf und bewahrt »die Kinder

Frankreichs« vor der Schmach, die ihnen droht. Ich liebte Königin Anna von Österreich und

wollte schon dafür sorgen, daß jeder, der sie durch mich kennenlernte, sie ebenfalls lieben

müßte. Als die Heldin sollte sie geschildert werden, die kühn und stolz den verliebten Löwen

abgewiesen hatte, da er sich vermaß, um ihre Frauengunst zu werben. In allen Stunden ihres

Lebens litt sie unter seiner unersättlichen Rachgier, erlitt Demütigungen und Grausamkeiten

ohne Zahl und unterwarf sich nicht … Und wie viele tauchten neben ihr auf und waren voll Kraft

und voll Leben und mir in ihren geheimsten Regungen und verborgensten Motiven durchsichtig wie

die Luft.

Aber die Krone des Ganzen sollte doch die Figur Richelieus werden. Der Reichtum, den sie der

Phantasie bot, war unerschöpflich. Wo man antippte, gab’s Funken. Diese rätselhaften

Kontraste! Der Mann, der sein Frankreich an die Spitze aller Staaten der Erde gestellt, die

Hugenotten besiegt, den mächtigen, rebellischen Adel unterworfen hatte, der die Vertreter der

Parlamente mit den Fingern seiner Rechten wie Marionetten an Drähtchen hüpfen ließ – buhlte um

literarischen Ruhm. Es fraß ihm am Herzen, daß die Pariser den Tragödien des jungen Corneille

zujauchzten und die ihres alten Ministers mit so wenig Geräusch als möglich zu Grabe –

gähnten. Der Kirchenfürst und Heerführer, der den Purpurmantel des Kardinals über der

Stahlrüstung trug, wollte auch als Tänzer glänzen. Die Bewunderung, die seine Größe der

Königin nicht abgewann, versuchte er ihr durch seine Grazie abzugewinnen. Oh, die Sarabande,

mit der er sich zweihundert Jahre früher vor der Majestät und ihrem Hofstaat lächerlich

gemacht, wie oft hat er sie mir aufgeführt im Schlafzimmer meiner Großmutter! Und wie viele

andere herrliche Szenen! Die letzte zum Beispiel des ersten Aufzuges: der König ist im Lager

vor Perpignan, umringt von Feinden des Kardinals, und der liegt krank und gebrochen in

Tarascon, weiß sich verraten und verkauft, weiß von dem Vertrag mit Spanien, der ihn stürzen

soll, und vermag nicht, ihn in seine Hand zu bekommen.

Da plötzlich verwandelt sich seine Trostlosigkeit in wilden Triumph. Einer seiner Späher ist

zurückgekehrt und legt einen ausgehöhlten Wanderstab vor ihn hin. Er enthält eine Rolle – den

Vertrag. Nun hat er sie – da stehen sie, die ihn unterzeichnet haben: Gaston von Orleans, des

schwachen Königs elender Bruder, der Herzog von Bouillon, der Großstallmeister Cinq-Mars. –

Sie sind zu hoch emporgeschossen, Monsieur le Grand! Man wird Sie um einen Kopf kürzer machen.

– Von neuer Lebenskraft beseelt, erhebt der kranke Kardinal sich vom Pfühl. Zu Pferde seine

Garden! Das Gefolge rüste, ein Zug voll Glanz und Pracht ordne sich! Es geht zu Hof; es geht

mit fürstlichem Gepränge ins königliche Lager nach Perpignan!

Dort sollte der zweite Aufzug spielen, und ich dachte ihn mir sehr bewegt. Wir lernen Cinq-

Mars kennen in seinem liebenswürdigen und blinden Glauben an sein Glück und seinen Freund de

Thou und Fontrailles, der die Verhandlungen mit Spanien geleitet hat. Gerüchte, der Kardinal

sei sterbend, sind aufgetaucht; Gaston von Orleans meint, Katzen hätten ein zähes Leben, man

solle nachhelfen.

»Seht den König an«, sagt er zu Cinq-Mars, »er macht mir Sorge, er war gestern wieder sehr

krank. Wenn er vor seinem Minister stürbe, würde es euch schlecht ergehen.« Cinq-Mars weist

den Gedanken an den nahen Tod seines Herrn mit Schaudern zurück. Wie kann man einen solchen

Gedanken nur haben, nur fassen? – »Versucht’s!« erwidert Gaston, »und erinnert euch dann

meines Mittels. Ich bleibe der Herzog von Orleans auch nach dem Tode meines Bruders. Ihr seid

dann nur noch – der Feind des Kardinals.« Cinq-Mars schlägt den abscheulichen Rat des Herzogs

und die Warnungen de Thous in den Wind. Er und seine Anhänger blicken mit seliger Zuversicht

dem unausbleiblichen Sturze Richelieus und kommenden schönen, ruhmvollen Tagen entgegen. – Im

Lager wird gespielt, getanzt, musiziert; es herrscht tolle Lustigkeit … Nun, auf einmal,

tritt, als sei plötzlich etwas Unheimliches aufgetaucht, da und dort Stille ein; sie

verbreitet sich weiter und weiter, auch die Kühnsten halten den Atem an; die sangen und

schrien – sie lauschen. Zwei Worte erschüttern die Luft und erfüllen die fröhlichsten Herzen

mit Grauen: »Seine Eminenz!« –

Richelieu betritt das Lager wie der Tod den Ballsaal.

Wundergut gefiel mir dieses Ende des zweiten Aufzugs, und im dritten sollte es noch viel

schöner kommen. Da sollte im Zelte des Königs die Begegnung zwischen ihm und dem Kardinal

stattfinden. Ganz unhistorisch, aber daran lag mir nichts. Ich sah es, deutlich zum Greifen –

so war es denn!

Sie saßen einander gegenüber, und mit kaum bezähmtem Wohlgefallen spürte einer in den Zügen

des andern jedem Zeichen schweren Siechtums nach. Den Blick in die Augen des Königs gesenkt,

unverwandt, unerbittlich, berichtet sein treuer Diener dem Ahnungslosen, daß er schändlich

hintergangen wird … Er legt ihm den Vertrag mit Spanien vor und ist voll Entsetzen über die

Gefahr, in der das Land und der Monarch gestanden haben. Sein Herz blutet, eine Rührung

ergreift ihn, wenn er sich fragt: »Wer sind diese Verräter?« und antworten muß: »Die Nächsten

seinem Thron, seinem Vertrauen, seiner Liebe, es sind die, denen mein König im Begriffe war,

seinen einzigen Getreuen zu opfern.« Kaum noch bewahrt Ludwig einen Schein der Fassung, kaum

noch verbirgt der Kardinal seinen knirschenden Zorn hinter der Maske süßlicher Heuchelei und

erlangt alles, was er will, wie er es will – demütig angeboten … Eine vortreffliche Szene, und

genial würden Laroche und Löwe sie spielen.

Reiche Handlung stand mir auch für den vierten und fünften Akt zur Verfügung:

Die Auslieferung de Thous, den keine andere Schuld traf, als daß er der Freund eines Feindes

Richelieus gewesen, an den Kardinal.

Cinq-Mars’ leichtsinniges Spielen mit dem Verhängnis, das über ihm schwebt.

Die Fahrt Richelieus auf der Rhône. In purpurumhangener Barke liegt der Sterbende, und von

seinem stolzen Fahrzeug wird ein ärmlicher Kahn geschleppt. Seine Opfer befinden sich darin,

zwei Menschen, kraftvoll und jung, in blühender Gesundheit. Und er, der vielleicht seinen

alternden Schattenkönig nicht mehr überlebt, die beiden wird er überleben. Der Gedanke zaubert

ein Lächeln auf sein düsteres Gesicht und legt ihm grauenvolle Worte auf die Lippen.

Den Tod meines jungen Helden. Seinen Abschied von der großen Prinzessin, die ihm ihr Herz

geschenkt hatte, und von seiner berückenden Geliebten Marion Delorme … Wie mit dem Fuße stößt

er dann ein Leben von sich, in dem seine ehrgeizigen Träume sich nicht erfüllen sollten.

Entsühnt durch den Priester, erbaut durch die Frömmigkeit des Freundes betritt er den Weg zur

Richtstätte. Zu dem letzten Gang hat dieser Mann, dieses Kind sich schmücken lassen wie zu

einem Gang nach Hofe. Diese heroische Eitelkeit war mir unaussprechlich rührend und kostete

mich viele Tränen.

Lange Jahre hindurch sollte ich mich mit diesem Stoffe, von dem ich gemeint hatte, daß er sich

von selbst zum Drama gestalten werde, herumschlagen. Zuletzt stand ich an der Spitze einer

kleinen Armee von Manuskripten, von denen nur die ersten den Titel Cinq-Mars, die letzten aber

den Titel Richelieu führten. Seine Gestalt wuchs und wuchs riesenhaft vor mir empor, bis sie

mir – entwuchs und ich begriff, daß ich aus meiner Blindheit über ihre Größe den Mut geschöpft

hatte, sie darzustellen. Allmählich waren die Augen mir aufgegangen, ich wußte: Mit all meiner

Begeisterung, all meinem Fleiß habe ich nur ein Pfuschwerk zustande gebracht.

Durchaus nicht in einem Verzweiflungsanfall, ganz ruhig schichtete ich dann meine Cinq-Mars

und Richelieus im Ofen sorgfältig und nett zu einem Scheiterhaufen zusammen und zündete ihn

an.

Er rauchte erst sehr stark, dann lohten schöne Flammen auf. Die Blätter – viele von ihnen

waren kalligraphiert und illustriert – wanden und krümmten sich wie in Schmerzen, Fünkchen –

Klosterfrauen, die in ihre Zellen eilen, nennen sie die Kinder – huschten über den Zunder. Nun

lag ein unförmiger Pack schwarzer, schmutziger Fetzen da – als Frucht so vieler Mühen. Hätte

eine Vision mich dieses Ende sehen lassen, als ich in den ersten zärtlichen Verkehr mit dem

vortrefflichen »Stoffe« trat, für den ich Madame de Motteville so dankbar segnete, würde ich

die Arbeit, die zu diesem Resultate führte, unternommen haben?

Fast glaube ich: ja.

An jenem Junimorgen aber vor nun einundsechzig Jahren trübte nicht die leiseste Furcht vor der

Möglichkeit eines Mißlingens meine freudige Zuversicht. »Mein Stück« leuchtete vor mir im

reinen Glanze eines Phantasiegebildes, an das die gestaltende Hand noch nicht gelegt wurde.

Noch war es geistiger Natur, noch haftete keine Werdequal und keine der Widrigkeiten ihm an,

mit denen jede Geburt eines Lebendigen sich vollzieht.

Das zweite Buch, das ich mir zu meinem Abschiedsfeste eingeladen hatte, enthielt die Oden

Klopstocks. Ich kannte von ihnen allen nur eine, diese aber kannte ich gut. Sie hieß Die

Frühlingsfeier und war mir entgegengekommen, als ich ihre alte braune Behausung ein wenig

durchmustern wollte. Immer öffnete sie sich da, wo die Frühlingsfeier stand. Wie oft mußten

andere vor mir sie dort aufgesucht haben, und wer mochte es gewesen sein – meine Großmutter,

mein Großvater oder vielleicht meine Mutter?

Vielleicht sind sie alle es gewesen, und diese noch sichtbare leise Spur führte ein Kind,

dessen Dasein dem ihren entsprossen war, aus seinem bangen Tasten und Suchen auf den Weg, den

sie gegangen waren.

Nicht in den Ozean der Welten alle

Will ich mich stürzen –…

Nur um den Tropfen am Eimer,

Um die Erde nur will ich schweben und anbeten –…

Wer sind die Tausendmaltausend, wer die Myriaden alle,

Welche den Tropfen bewohnen und bewohnten? Und wer bin ich?

… mehr wie die Erden, die quollen,

Mehr wie die Siebengestirne, die aus Strahlen zusammenströmten!

Mehr – weil ich weiß, wie wenig ich bin: – ein verwehender Hauch auf einem Stäubchen im All …

Aber der Atem Gottes lebt in diesem Hauche. Um das zu begreifen, bedurfte ich einer Gnadengabe

des Unendlichen, eines Lichtstrahls von seinem Geiste. Er hat ihn mir gespendet, seinem

Geschöpf, und ich darf »mein Vater« zu ihm sagen.

Als ich auf der Schwelle stehenblieb und noch einmal zurückblickte in den stillen Raum, aus

dem ein teures und köstliches Leben entschwunden und in dem ich so oft allein mit meinen

Gedanken gewesen war, überkam es mich: Eine andere, als ich ihn betreten, verlasse ich ihn.

Meine Sehnsucht, zu denken und zu leiden, sollte sich fortan nicht nur von dämmernden Träumen

nähren, sie begann sich zu erfüllen. Eine kleine Vergangenheit lag schon hinter mir. Ich hatte

gedacht und gelitten – ich war kein Kind mehr.

Fußnoten

1 Hat sie irdische Schwächen besessen, Blick in ihr Antlitz, sie sind alle vergessen.

2 Hanna, zwischen der March und ihrem Zufluß, der Hanna, gelegener Landstrich in Mähren.

3 Frau Gevatterin.

4 Werthers Grab.

5 Unglück, Unglück!
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Marie von Ebner-Eschenbach – Meine Erinnerungen an Grillparzer

admin am Jan 26th 2012

Marie von Ebner-Eschenbach

Meine Erinnerungen an Grillparzer

Daß andere Dinge tun, die uns ganz unbegreiflich erscheinen, darüber wundert und – tröstet man

sich. Aber selbst einmal etwas getan haben, das wir heute unbegreiflich, verwegen und

lächerlich finden, das ist eine Quelle beständiger Pein.

Ich weiß das aus Erfahrung. Wie war’s möglich? Wie hast du es nur tun können? frage ich mich,

und so uralt ich bin, steigt mir die Schamröte ins Gesicht.

Ist es eine bei einer Frau im reifen Alter, die ich zu Anfang der sechziger Jahre des vorigen

Jahrhunderts doch schon war, unerhörte Naivität gewesen oder die ungeheuere Überschätzung

eines eben geborenen papierenen Kindes, genug, es ist geschehen: ich habe Grillparzer, den ich

erst vor kurzem persönlich kennengelernt hatte, gefragt: »Herr Hofrat, darf ich Ihnen ein

Theaterstück, das ich geschrieben habe, vorlesen?«

Ob er ein Zeichen des Unwillens gegeben, ob er mich nur erstaunt angesehen hat, weiß ich nicht

mehr. Aber die Erlaubnis, vorzulesen, erhielt ich und erschien denn auch schon am folgenden

Tage mit meinem Manuskript.

Und nun, nicht um einen Hauch weniger deutlich als damals, sehe ich ihn vor mir am

Schreibtisch sitzen, klein und schmal in seinem alten Lehnsessel, mit dem Rücken gegen das

Fenster. In seinem ehrwürdigen Gesicht alle Zeichen überstandener Leiden, einer schmerzvollen

Ergebung. Mit ein paar gütigen Worten hatte er mich ermutigt anzufangen, und ich las und las

und wagte kein einziges Mal, ihn fragend anzusehen. Er hatte ein blaues Taschentuch in seinen

feinen, schlanken Händen, mit dem er sich fortwährend beschäftigte, das er auf den Schoß

legte, entfaltete, zusammenknüllte, wieder entfaltete. Und gerade nur bis zu diesem

Taschentuch erhoben sich manchmal meine Augen. Aber mein Herz schwoll vor Entzücken, wenn er

von Zeit zu Zeit »gut« oder sogar »sehr gut« sagte. Mehr als einmal fragte ich, ob ich ihn

nicht ermüde und aufhören solle. Nein, er wollte das Ganze hören. Am Schluß schlug er einige

geringe Veränderungen vor, fällte aber ein Urteil über die Arbeit nicht.

Mit sehr gemischten Gefühlen trat ich den Heimweg an. Sehr bald aber gab es keine Mischung

mehr. Die Reue über das Wagnis, das ich unternommen hatte, stellte sich nicht langsam ein, sie

kam plötzlich, stürzte über mich her wie ein wildes Tier über einen träumend Dahinwandelnden.

Grillparzer hatte mein Stück gewiß miserabel gefunden, und es ist ja miserabel. Wie konnte ich

darüber in Zweifel sein? … Ich weiß, daß ich jeden Bettler, dem ich begegnete, um sein gutes

Bewußtsein beneidete. Ihm wäre es doch nicht eingefallen, dem größten jetzt lebenden Dichter

ein selbstverfaßtes Drama vorzulesen.

Große Menschen, die größten, Goethe an der Spitze, haben gegen die Reue geeifert. Dennoch wage

ich meine kleine Stimme zu erheben und zu sagen: Heil dem


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Marie von Ebner-Eschenbach – Mašlans Frau

admin am Jan 26th 2012

Marie von Ebner-Eschenbach

Mašlans Frau

Michael Vanka, der alte Doktor von Raudnowitz, saß auf der Bank vor seinem kleinen,

ebenerdigen Hause, las eine tschechische Kampfzeitung und kränkte sich. Soviel Haß,

Verdächtigung, Verleumdung! Wer nicht zu meiner Partei gehört, ist ein Schuft, sprach mehr

oder weniger deutlich aus jeder Zeile.

Seufzend legte der Doktor das Blatt zusammen, schob es auf das Fenstergesimse und überließ

sich der Betrachtung seines Gärtchens und des anstoßenden Hühnerhofes. Vanka war stark im

Auffinden überraschender Vergleiche und verglich denn jetzt den edlen Frieden, der zwischen

den verschiedenen Nationalitäten der Tauben, Enten, Gänse, der Kotschinchina – und der

gemeinen Haushühner herrschte, mit dem tollwütigen Kampf, den die vielerlei Volksstämme in

seinem Vaterlande gegeneinander führten.

»Da nehmt euch ein Beispiel«, murmelte er, schon halb im Schlafe. Er war müde, hatte bis zum

Morgengrauen beim Müller Matej Mašlan gewacht. Wenn einer Pflege so dringend braucht wie der

Mann und keine hat, bleibt dem Arzt nichts übrig, als den Krankenwärter zu machen.

»Armer Teufel! Dummer Teufel!« Der Alte lehnte sich zurück und schloß seine kleinen, blauen

Augen, die immer in Tränen zu schwimmen schienen. Seine eingesunkene Brust begann sich in

tieferen Atemzügen zu heben, seine Hände verschränkten sich im Schoße, sein faltenbedecktes,

juchtenfarbiges Gesicht nahm den traurigen Ausdruck an, den alte Leute meistens im Schlafe

haben.

Plötzlich fuhr er auf. Jemand war an den Gartenzaun getreten und hatte gerufen: »Guten

Nachmittag, Herr Doktor!«

»Guten Nachmittag«, erwiderte er mechanisch, fügte aber rasch hinzu: »Ah, der neue Herr

Pfarrer sind’s!« und sah gleich wieder so würdevoll freundlich aus, wie es sich für einen Mann

seines Standes gehört. »Belieben einzutreten. Woher, wohin?«

Der ›neue‹ Pfarrer, ein noch junger, großer, breitschultriger Herr im langen Priesterrocke,

öffnete das Gitterpförtchen. Ein paar Schritte nur, und er stand in seiner ganzen energischen

und imponierenden Erscheinung vor dem kleinen, verschlafenen Doktor: »Woher, fragen Sie? Aus

der Waldmühle. Wohin? Ins Dorf. Unterwegs wollte ich mich aber bei Ihnen aufhalten. Es ist mir

lieb, daß ich Sie finde, Herr Doktor. Sagen Sie mir, wie steht’s mit Ihrem Patienten, dem

Müller Matej Mašlan?«

»Schlecht, Hochwürden.«

»Ist Gefahr? Dringende Gefahr?«

»Je nun, wissen«, er zog die Augenbrauen in die Höbe, daß sie beinahe an die Wurzeln der

starken, stahlgrauen Haare stießen, die ihm tief in die niedere Stirn wuchsen, »das ist, wie

wenn einer auf einer geborstenen Planke über den Abgrund geht. Trägt sie ihn, werd ich mich

wundern; trägt sie ihn nicht, werd ich mich nicht wundern. Aber vielleicht trägt sie ihn.«

»Der Mann ist verheiratet, wie ich höre«, versetzte


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Marie von Ebner-Eschenbach – Lotti, die Uhrmacherin

admin am Jan 26th 2012

Marie von Ebner-Eschenbach

Lotti, die Uhrmacherin

1

Fräulein Lotti war soeben erwacht. Die Repetieruhr, die an einem zart geschweiften Schnörkel

am rechten Kopfende des altertümlichen, reich geschnitzten Bettes hing, schlug mit zartem

Klange sechsmal an. Gleich darauf begann die deutsche Stockuhr, eine solide Arbeit Meister

Anton Schreibelmeyers, von der Kommode am Pfeiler aus, die Morgenstunde zu verkünden. – Auf!

auf! befahl ihre gebieterische Stimme, an die Arbeit! der Tag beginnt! – Ihre Glocken hatten

kaum ausgezittert, als auch schon die französische Wanduhr, in aller Bescheidenheit, eilig und

leise zu melden begann: Sechs! sechs! gehorsamst zeig ich’s an.

Eine kleine Pause – und am linken Kopfende des Bettes erhob das Seitenstück der Repetier-,

eine Spieluhr, ihre Silberstimme und gab ein Schäferliedchen zum besten, so lieblich, als

hätten kleine Engel es gesungen.

Mit unendlichem Wohlgefallen lauschte das Fräulein dem Konzerte, das ihre Uhren abhielten, und

hätte in den Schlußgesang beinahe mit eingestimmt, so fröhlich war ihr zumute. An dem Lichte,

das durch die herabgelassenen Vorhänge in das Zimmer drang, erkannte sie, daß es heute einen

schönen Tag gebe – war das nicht genug, um den reichen Quell von Heiterkeit in ihrer Seele zum

Überströmen zu bringen?

Sie stand auf und kleidete sich an; sehr sorgfältig zwar, aber ohne dabei mehr, als durchaus

nötig war, in den Spiegel zu sehen, denn – sie war sich kein angenehmer Anblick. Die Zeit, in

welcher sie ihren Mangel an Schönheit gar schmerzlich und fast wie eine Schmach empfunden, war

freilich vorbei. Jetzt, mit fünfunddreißig Jahren als ehrenfeste alte Jungfer, hatte sie

längst aufgehört, ihr Äußeres gehässig anzufeinden, aber so ganz erloschen war das letzte

Fünkchen Eitelkeit in ihrem Frauenherzen doch nicht, wenn es sich auch nur in dem Gedanken

aussprach: Es ist ein Glück, daß ich anderen anders vorkomme als mir selbst, sonst könnte mich

niemand leiden.

Nach beendeter Toilette begab sie sich aus dem Schlaf- in das Wohnzimmer. Es war ein

trauliches Gemach, dessen Fenster auf einen kleinen Platz sah – einen sehr kleinen, denn er

wurde von nur vier Häusern gebildet; doch war er luftig und hell und gewährte den Anblick

eines beträchtlichen Stückes Himmel, was gewiß kein geringer Vorzug war. Es will etwas heißen,

im Herzen der Zivilisation zu wohnen, im Mittelpunkt der Hauptstadt, tausend Schritte vom

Dome, den zu sehen viele Leute tausend Meilen weit hergezogen kommen, und dabei von seinem

Fenster aus Wetterbeobachtungen fast wie Knauer und das Studium des Sternenlaufes fast wie ein

Chaldäer betreiben zu können, Wolken und Vögel ziehen und der Sonne und dem Mond ins Gesicht

zu sehen.

Dieses Stück Himmel, obwohl – nur aus einem Fenster sichtbar, erhellte dem Fräulein die ganze

im


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