Archiv für Dezember, 2011

10. Nacht

admin am Dez 22nd 2011

10. Nacht

Dinarsade weckte in der folgenden Nacht, als es Zeit war, ihre Schwester, und bat sie, die Geschichte vom Fischer fortzusetzen.

Der Sultan bezeigte auch seine Ungeduld, zu vernehmen, welchen Zwist der Geist mit Salomon gehabt hatte; und Scheherasade fuhr also fort:

“Herr, der Fischer hatte nicht sobald die Worte des Geistes vernommen, als er sich wieder erholte, und zu ihm sagte: “Stolzer Geist, was sprichst du da? Es sind mehr als achtzehnhundert Jahre, dass Salomon, der Prophet Gottes, tot ist, und wir sind gegenwärtig am Ende der Tage. Erzähle mir deine Geschichte, und weshalb du in diesem Gefäße verschlossen warest.”

Auf diese Anrede blickte der Geist den Fischer mit stolzer Gebärde an, und antwortete ihm: “Rede höflicher mit mir; du bist sehr dreist, mich einen stolzen Geist zu nennen.” – “Wohlan,” erwiderte der Fischer, “ist es höflicher geredet, wenn ich dich den Uhu des Schicksals nenne?” – “Ich rate dir,” erwiderte der Geist, “höflicher zu mir zu reden, bevor ich dich töte.” – “He,” versetzte der Fischer, “warum willst du mich töten? Ich habe dich soeben in Freiheit gesetzt: Hast du es schon vergessen?” – “Nein, ich erinnere mich dessen wohl,” erwiderte der Geist, “aber das soll mich nicht abhalten, dich zu töten: und ich habe nur eine einzige Gnade dir zu gewähren.” – “Und welche Gnade ist das?” fragte der Fischer. – “Sie ist,” antwortete der Geist, “dass ich dir die Wahl lasse, auf welche Weise ich dich töten soll.” – “Und wodurch,” versetzte der Fischer, “habe ich dich beleidigt? Willst du mich also für die Wohltat belohnen, die ich dir erwiesen habe?” – “Ich kann dich nicht anders behandeln,” sagte der Geist; “und damit du selber dich davon überzeugest, so höre meine Geschichte:

Ich bin einer der abtrünnigen Geister, welche sich dem Willen Gottes widersetzten. Alle anderen Geister erkannten den großen Salomon, den Propheten Gottes, und unterwarfen sich ihm. Wir, Sakar und ich, waren die einzigen, welche sich nicht so erniedrigen wollten. Um sich dafür zu rächen, gebot dieser mächtige König seinem ersten Minister Assaf, Barachia’s Sohn, mich gefangen zu nehmen. Das geschah. Allaf kam, sich meiner zu bemächtigen, und führte mich mit Gewalt vor den Thron des Königs seines Herrn.

Salomon, Davids Sohn, befahl mir, mein bisheriges Leben aufzugeben, seine Macht anzuerkennen und mich seinen Befehlen zu unterwerfen. Ich versagte trotzig, ihm zu gehorchen; und ich wollte mich lieber seinem ganzen Zorne aussetzen, als ihm den Eid der Treue und Untertänigkeit leisten, welchen er von mir forderte. Zur Strafe schloss er mich in dieses kupferne Gefäß ein; um sich meiner zu versichern, und damit ich mein Gefängnis nicht sprengen könnte, so drückte er selber auf den bleiernen Deckel sein Siegel, in welches der hohe Name Gottes eingegraben war. Als das geschehen war, übergab er das Gefäß einem der Geister, welche ihm gehorchten, mit dem Befehle, mich ins Meer zu werfen; was auch zu meinem großen Verdruss geschah.

Während des ersten Jahrhunderts meiner Gefangenschaft schwur ich, wenn jemand mich vor Ablauf dieser hundert Jahre daraus befreie, ihn reich zu machen, selbst nach seinem Tode. Aber das Jahrhundert verlief, und niemand leistete mir diesen guten Dienst. Während des zweiten Jahrhunderts schwur ich, jedem, der mich in Freiheit setzte, alle Schätze der Erde zu eröffnen; aber ich war nicht glücklicher. In dem dritten gelobte ich, meinen Befreier zu einem mächtigen König zu machen, stets als Geist bei ihm zu sein, und ihm jeden Tag drei Bitten zu gewähren, von welcher Art dieselben auch immer sein möchten; aber auch dieses Jahrhundert verging, wie die beiden vorigen, und ich blieb stets in demselben Zustande. Endlich, verzweifelnd, oder vielmehr erbost, mich so lange gefangen zu sehen, schwur ich, wenn in der Folge jemand mich befreite, ihn erbarmungslos zu töten, und ihm keine andere Gnade zu gewähren, als die, dass ich ihm die Wahl ließe, auf welche Weise ich ihn töten sollte. Deshalb also, da du heute hierher gekommen bist, und mich befreit hast, wähle, wie du von mir getötet sein willst.”

Diese Rede betrübte den Fischer gar sehr. “Ich Unglückseliger,” rief er aus, “dass ich an diesen Ort gekommen bin, um einen Undankbaren einen so großen Dienst zu leisten! Ich bitte dich, bedenke deine große Ungerechtigkeit, und widerrufe deinen so unvernünftigen Eid. Verzeihe mir, damit Gott auch dir verzeihe. Wenn du mir großmütig das Leben schenkst, so wird er dich gegen Nachstellungen schützen, welche etwa dein Leben bedrohen.” – “Nein, dein Tod ist gewiss,” sagte der Geist; “wähle nur, auf welche Weise ich dich töten soll.”

Als der Fischer seinen beharrlichen Entschluss sah, ihn zu töten, war er in großer Angst, nicht sowohl aus Liebe zu sich selber, als wegen seiner drei Kinder, und beklagte ihr Elend, in welches sein Tod sie versetzen würde. Er versuchte nochmals, den Geist zu besänftigen: “Weh mir!” rief er aus, “hab’ Erbarmen mit mir, in Rücksicht dessen, was ich für dich getan habe.” – “Ich habe es dir schon gesagt,” erwiderte der Geist, “dass dieses gerade die Ursache ist, dass ich dich töten muss.” – “Das ist doch seltsam,” entgegnete der Fischer, “dass du durchaus Gutes mit Bösem vergelten willst. Zwar ist jener Spruch aller Welt bekannt:

“Gutes haben wir erwiesen, man hat uns mit Bösem belohnt: – so handelt, bei meinem Leben, nur der Gottlose!”

Doch es ist gewiss: Wer dem Unwürdigen Gutes erweist, hat kein anderes Schicksal zu erwarten, als der einer Hyäne Zuflucht gibt.”

Ich glaubte bisher immer, dass dieses falsch wäre; und in der Tat, verstößt nichts so sehr gegen die Vernunft und gegen dir Rechte der Gesellschaft: nichts desto minder erfahre ich nun grausamer Weise, dass es nur zu wahr ist.” – “Lass uns nicht die Zeit verlieren,” unterbrach ihn der Geist, “alle Deine Vernünfteleien können mich von meinem Vorhaben nicht abwendig machen. Mach’ fort, und sage, wie du wünschest, dass ich dich töte.”

Die Not macht erfinderisch. Der Fischer besann sich auf eine List. “Da ich den Tod nicht vermeiden kann, sagte er zu dem Geiste, “so unterwerfe ich mich denn dem Willen Gottes. Bevor ich aber eine Todesart wähle, so beschwöre ich dich bei dem hohen Namen Gottes, welcher auf dem Siegel des Propheten Salomon, des Sohnes David, eingegraben ist, mir die Wahrheit zu sagen, auf eine Frage, die ich dir tun will.”

Als der Geist auf eine Weise beschworen wurde, welche ihn zwang, bestimmt zu antworten, zitterte er innerlich, und sagte zu dem Fischer: “Frage mich, was du willst, und eile dich …”

Da brach der Tag an, und Scheherasade schwieg.

“Meine Schwester,” sagte Dinarsade, “man muss gestehen, je mehr du erzählest, je mehr Vergnügen gewährst du. Ich hoffe, dass der Sultan, unser Herr, dich nicht töten lässt, bevor das Ende des schönen Mährchens vom Fischer gehört hat.” – “Der Sultan hat zu gebieten,” erwiderte Scheherasade; “wir müssen uns gefallen lassen, was ihm beliebt.”

Der Sultan, welcher nicht weniger Lust hatte, als Dinarsade, das Ende dieser Erzählung zu hören, verschob abermals den Tod der Sultanin.

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14. Nacht

admin am Dez 22nd 2011

14. Nacht

“Meine Schwester,” rief Dinarsade am Ende der vierzehnten Nacht, “ich bitte dich, nimm die Geschichte des Fischers wieder auf; du bist da stehen geblieben, wo der Griechische König die Unschuld des Arztes Duban behauptet, und ihn so kräftig verteidigt.” – “Ich erinnere mich wohl daran,” antwortete Scheherasade; “du sollst sogleich den Verfolg davon hören.”

“Herr,” fuhr sie fort, stets an Schachriar das Wort richtend, “was der griechische König von dem König Sindbad sagte, reizte die Neugier des Wesirs, so dass er zu ihm sagte: “ich bitte Euer Majestät um Verzeihung, wenn ich die Dreistigkeit habe, zu fragen, was denn die Wesire des Königs Sindbad zu ihrem Herrn sagten, um ihn abzuhalten, den Prinzen, seinen Sohn, töten zu lassen.” Der griechische König hatte die Gefälligkeit, seine Neugier zu befriedigen, und begann also:

Die vierzig Wesire

“Es herrschte einst in Persien ein mächtiger König, Namens Sindbad. Ganz Asien gehorchte seinen Geboten. Er war der reichste König auf Erden; seine Tapferkeit glich seiner Macht; und wenn er ehrgeizig genug gewesen wäre, nach der Herrschaft der Welt zu trachten, so hätte er sie erobern können. Aber zufrieden, über weite und blühende Länder zu herrschen, dachte er nicht daran, sch derer seiner Nachbarn zu bemächtigen. Er hatte kein anderes Ziel im Auge, als die Wohlfahrt seiner Völker, welche sich auch so glücklich fühlten, dass sie jeden Tag seiner Regierung segneten. Alle andere Völker beneideten sie deshalb, und wünschten, so wie sie, zu seinen Untertanen zu gehören.

Dieser große Kaiser hatte einen Sohn, welcher die Bewunderung aller war, die ihn sahen. Er war Nurgehan genannt, das heißt, Licht der Welt. Dieser junge Prinz war von stattlichem Wuchse und himmlischer Schönheit, und verband mit diesen glänzenden Gaben alle empfehlenswerte Geschicklichkeiten. Er konnte bewundernswürdig in verschiedenen Sprachen schreiben; er war ein vortrefflicher Bogenschütze; kurz, es gibt fast keine Wissenschaft, die er nicht besaß, oder davon er mindestens nicht eine genügende Einsicht hatte.

Er war das lebendige Ebenbild der Sultanin, seiner Mutter, welche man den Schönheiten von Kaschemir verglich. Sindbad liebte seine Gemahlin zärtlich. Davon gab er eben so aufrichtige als schmerzliche Beweise, als durch einen verhängnisvollen Beschluss des Schicksals, sie nach einer langen Krankheit starb. Er empfand darüber einen so lebhaften Schmerz, dass es unmöglich ist, ihn auszudrücken. Gleichwohl tat die Zeit ihre gewöhnliche Wirkung; der Kaiser tröstete sich, und die Reize einer neuen Frau ließen ihn die vergessen, die er verloren hatte.

Er vermählte sich mit der Prinzessin Chansade1), der Tochter eines benachbarten Königs. Sie war schön, sie hatte Geist: aber sie vermochte ihren Leidenschaften nichts zu versagen. Sie konnte den jungen Prinzen nicht sehen, ohne die heftigste Liebe für ihn zu empfinden; und weit entfernt, ihre Kräfte aufzubieten, und sie zu besiegen, gab sie sich ihr hin, und beschloss, sie dem Prinzen zu erklären, sobald sie Gelegenheit dazu fände.

Unterdessen befliss Nurgehan sich der Wissenschaften, und machte große Fortschritte in der Sterndeutung, worin ihn sein Lehrer Abuschamar unterrichtete, ein Mann von tiefem Wissen, und der geschickteste Sterndeuter in Asien.

Dieser gelehrte Mann stellte eines Tages dem Prinzen, seinem Schüler, das Horoskop, und erkannte durch seine untrüglichen Beobachtungen, dass derselbe von einem furchtbaren Unglücke bedroht würde; er sprach zu ihm: “Prinz, ich habe die Sterne über eure Bestimmung befragt, und sie euch wenig günstig befunden. Ein trauriges Schicksal steht euch bevor, und Ihr sehet mich deshalb von Schmerz durchdrungen.”

Nurgehan erblasste bei diesen Worten; sein Lehrer aber beruhigte ihn, indem er ihm sagte: “Glaubet indessen nicht, dass meine Zärtlichkeit für euch und meine Kunst dem feindlichen Geschicke weichen, welches euch bedroht; euer Untergang steht freilich in den Sternen geschrieben, aber es ist nicht unmöglich, ihm zuvorzukommen. Mein Buch hat mir das Mittel dazu gezeigt. Ihr müsst nämlich vierzig Tage stumm sein. Was man auch zu euch spreche, antwortet nichts darauf; und was auch immer euch begegne, hütet euch wohl ein Stillschweigen zu brechen, von welchem euer Leben abhängt.”

Der Prinz versprach, vierzig Tage lang zu schweigen. Nach diesem Versprechen schrieb sein Lehrer einige Namen2) auf, und hängte sie ihm um den Hals; darauf begab er sich in ein unterirdisches Gemach, welches er nur allein wusste, und verbarg sich dort, um nicht genötigt zu werden, die Neugier des Kaisers zu befriedigen, und ihm Dinge zu entdecken, die er ihm nicht entdecken wollte.

Sindbad, welcher nicht lange sein konnte, ohne seinen Sohn zu sehen, ließ ihn zu sich kommen, und tat ihm verschiedene Fragen, auf welche der Prinz nicht antwortete. Der Kaiser war sehr verwundert darob, und rief aus: “O mein Sohn, warum redest du nicht? hast du die Sprache verloren? was hat man dir getan? Was ist dir begegnet? Zerstreue die Unruhe, welche mir dein Stillschweigen verursacht.” Diese Worte taten nicht mehr Wirkung, als die ersten. Der Prinz sah seinen Vater traurig an, und senkte dann die Augen, ohne ein einziges Wort zu sagen.

Darauf wandte der König sich an den Hofmeister seines Sohnes, und sagte zu ihm: “Der Prinz hat einen geheimen Kummer, der ihn verzehrt. Führ’ ihn in das Zimmer der Sultanin, seiner Stiefmutter, vielleicht eröffnet ihr sich sein Herz.”

Der Hofmeister gehorchte dem Befehle des Kaisers; er führte Nurgehan zu der Sultanin Chansade: “Herrin,” sagte er zu dieser Fürstin, “es scheint, dass der Prinz die Sprache verloren hat. Seine Seele ist der Raub einer unseligen Betrübnis, deren Ursache er hartnäckig verhehlt. Der Kaiser sendet ihn zu euch, weil er hofft, dass Eure Gegenwart seine Schwermut verbannen wird.”

Die Sultanin empfand bei diesen Worten eine angenehme Unruhe. “Ich muss,” sagte sie bei sich selber, “diesen glücklichen Augenblick benutzen, auf welchen ich so lange gewartet habe. Ich habe nichts zu befürchten, wenn ich mich erkläre. Hat Nurgehan die Sprache verloren, so kann er seinem Vater nicht wieder sagen, was ich ihm gesagt habe; und ist er unbescheiden genug, um meine Liebe zu offenbaren, so werde ich sagen, dass ich dergleichen zu ihm geredet habe, bloß um ihn zum Sprechen zu bewegen.” Kurz, Chansade ergriff diese Gelegenheit, als die günstigste, welche sie jemals finden konnte, ließ alle Gegenwärtigen aus ihrem Zimmer treten, und blieb allein mit dem Prinzen.

Sie begann damit, ihm um den Hals zu fallen, und ihn inbrünstig zu umarmen: “Geliebter Prinz,” sagte sie zu ihm, “was ist es, das dich so betrübt? Verbirg mir es nicht, mir, die ich dich zärtlicher liebe, als wenn du mein eigener Sohn wärest.”

Der Prinz, gerührt von den Zeichen der Freundschaft, welche seine Stiefmutter ihm gab, bemühte sich, durch seine Blicke und Gebärden ihr begreiflich zu machen, dass er innigst betrübt wäre, ihr nicht antworten zu können. Sie legte diese Gebärden und Blicke falsch aus, und bildete sich ein, dass er von demselben entbrenne, welches sie verzehrte, und dass er ohne Zweifel sich nicht hätte erwehren können, Liebe für sie zu empfinden, so wie sie sich nicht hatte enthalten können ihn zu lieben; und dass er aus Ehrfurcht vor seinem Vater nicht wagte, seine Empfindungen zu entdecken.

Bezaubert durch diesen Irrtum fuhr sie fort, mit aller Leidenschaft, deren nur eine Frau fähig ist, welche die Tugend und die Vernunft verlassen hat: “O mein König! O meine Seele! Brich dieses grausame Schweigen, welches uns beide quält. Du weißt, dass alles, was der Kaiser besitzt, in meiner Gewalt steht. Willst du dich mit mir verständigen, und einwilligen, was ich dir antrage, so sollst du in kurzer Zeit auf dem Gipfel deiner Wünsche sein. Du bist jung, Prinz; wie du, bin auch ich noch jung. Ich passe für dich besser, als für deinen Vater, dessen hohes Alter mein Leben traurig und langweilig macht. Du antwortest nicht? Verpflichte dich durch einen unverletzlichen Eid, mich zu deiner Gemahlin zu nehmen, und ich verspreche dir, dich bald zum Kaiser zu machen und den Tod deines Vaters zu beschleunigen. Ich schwöre bei dem großen Gott, Schöpfer Himmels und der Erden, dass meine Worte ohne Arglist sind. Verbinde dich also durch denselben Eid, und versichere mich, dass du die Hand empfangen willst, welche dich krönen wird.”

Nurgehan gab keine Antwort auf diese Rede; und da er darüber betroffen schien, fuhr die Sultanin fort: “Ich sehe wohl ein, Prinz, dass mein Vorschlag dich überrascht. Du zweifelst, ob ich ihn ausführen könne. Aber vernimm, auf welche Weise ich den Kaiser sterben lassen will. Es befinden sich in dem Schatze alle Arten von Gift. Da sind welche, die das Leben einen Monat, nachdem es genommen ist, enden. Andere sind, welche erst binnen zwei Monaten töten. Es sind selbst welche, die noch langsamer ihre Wirkung tun. Wir wollen uns dieser letzten bedienen. Der Kaiser wird krank, und geht allmählich seiner Bestimmung entgegen, ohne dass das Volk in uns die Urheber seines Todes argwöhnen kann. Darauf besteigst du den Thron. Das ganze Land erkennt dich für seinen Herrn, und das Heer gehorcht dir.”

Wenn der Sohn des Kaisers auch hätte reden wollen, so würde er nicht die Kraft dazu gehabt haben, so erstaunt war er, diesen schrecklichen Antrag zu hören.

Die Sultanin, als sie ihn so nachdenklich sah, fügte hinzu: “Prinz, wenn du etwa in Verlegenheit bist, wie du die Gemahlin deines Vaters zur Frau nehmen könntest, so will ich es dich lehren. Nach dem Tode des Kaisers darfst du mich nur in mein Vaterland heimsenden, und mir heimlich einen deiner Hauptleute mit etlichen Soldaten folgen lassen: sie fallen als Räuber über uns her, und entführen mich. Darnach bringe man das Gerücht in Umlauf, dass ich auf dem Wege getötet worden, und einige Tage darauf kaufst du mich von dem Hauptmanne, so wie man Sklavinnen kauft. Durch dieses Mittel kannst du mein Mann werden, und so werden wir beide in der süßesten Vereinigung leben.”

Hier hielt die Fürstin inne, um dem Prinzen Zeit zu lassen, ein schon zu langes Stillschweigen zu brechen; da er aber immer noch nicht antwortete, so verlor sie alle Zurückhaltung, sie drückte ihn fest in ihre Arme und küsste ihn mit Inbrunst. Aber Nurgehan, entrüstet über die Schamlosigkeit seiner Stiefmutter, riss sich ungestüm aus ihren Armen los, und schlug sie so unsanft ins Gesicht, dass ihr der Mund davon blutete.
Auf der Stelle wechselte der Zorn mit der Zärtlichkeit in dem Herzen der Sultanin. Ihre Augen, die einen Augenblick zuvor nur von dem Feuer der Liebe glänzten, funkelten jetzo vor Wut. “Ha, Niederträchtiger!” rief sie aus, “so behandelst du eine Fürstin, die dich anbetet? Barbar! Wenn ich, indem ich dir die Stelle deines Vaters anbiete, deine wilde Tugend empöre; wenn du mich, nach diesem Antrage, mit Abscheu betrachtest: solltest du nicht die Leidenschaft einer Frau entschuldigen, welche eine törige Liebe verblendet? Ich verdiente eher dein Mitleid, als die schändliche Behandlung, welche mir von dir widerfahren ist. Wohlan, folge nur deiner Rohheit. Verdoppele, wenn du kannst, deinen Hass gegen mich. Du kannst mich nie so sehr hassen, als ich in diesem Augenblick dich hasse. Fliehe meine Gegenwart, und fürchte die Rache einer Frau, deren Gunst zu verschmäht hast.”

Sie hatte nicht nötig, dem Prinzen zu befehlen, sich zu entfernen: er hatte dies schon getan, sobald er die Sultanin geschlagen hatte; so dass er nicht die Hälfte von ihren Vorwürfen und Drohungen hörte.

Chansade atmete nichts als Wut und Rache. Sie beschloss Nurgehans Verderben. In dieser Absicht zerriss sie ihre Kleider, zerraufte ihr Haar, rieb sich das ganze Gesicht mit dem Blute, welches ihr aus der Nase floss, und ließ ihr Zimmer von ihrem Geschrei und Wehklagen widerhallen.

Der Kaiser kam bald darauf, sich zu erkundigen, ob sein Sohn endlich sein Stillschweigen gebrochen hätte. Wie erstaunte er aber, als er die Sultanin auf dem Sofa sitzend fand mit zerstreuten Haaren und blutigem Gesichte! Da er sie liebte, so war er außer sich vor Zorn und Schmerz: “O geliebte Seele meiner Seele,” reif er aus, “wer hat dich in diesen kläglichen Zustand versetzt! Nenne mir ihn schleunigst. Du solltest jetzt schon gerächt sein.”

Die listige Königin verdoppelte bei dieser Anrede ihr Weinen, und antwortete also: “Herr, du bist Vater! warum kann ich dir nicht verbergen, was du zu wissen wünschest? Wenn du erstaunt bist über die Verwirrung, in welcher ich bin, wie groß wird erst dein Erstaunen sein, wenn du erfährst, dass es das Werk deines Sohnes ist?” – “Meines Sohnes? großer Gott!” unterbrach sie der Kaiser. “Ach, meine Frau, was sagst du mir da? Wie! sein Hass gegen eine Stiefmutter konnte ihn dahin bringen, dir solchen Schimpf anzutun! Die Ehrfurcht, welche er mir schuldig ist, hat ihn nicht zurückhalten können?” – “Herr,” erwiderte die Sultanin, “er ist noch viel schuldiger, als du denkst. Ach! welche Frau hätte seiner bescheidenen Miene, diesem Anscheine der Tugend, welcher so gut auf seinem Gesichte ausgedrückt ist, misstrauet? Ich saß auf diesem Sofa, als er herein trat; ich ließ alle Gegenwärtigen herausgehen, um Stillschweigens zu entdecken. Er hat sie mir leider nur zu deutlich erklärt! Sobald er sich allein sah mit mir, setzte er sich an meine Seite, und sprach zu mir; “Meine Königin, ich muss dieses Schweigen brechen, welches ich bisher beobachtet habe, und wovon du die einzige Ursache bist, Ich bete dich an, und die Verzweiflung, dich nicht allein sprechen zu können, stürzte mich in eine Schwermut, welche mich zu verzehren drohte. Wie glücklich bin ich, diese Gelegenheit gefunden zu haben, dich ohne Zeugen zu sprechen! Genehmigst du meine Liebe, so bin ich entschlossen, meinen Vater zu töten und dich zu heiraten. Seine Völker sowohl als ich, sind so schon seiner langen Regierung überdrüssig.” “Erlass mir, Herr,” fuhr die Sultanin fort, “dir Wort für Wort alles zu wiederholen, was er zu mir gesagt hat. Ich zittere noch vor Entsetzen darüber. Es genüge dir, zu erfahren, dass du dem schändlichen Prinzen das Leben gegeben hast. Als er bemerkte, dass, anstatt mich zu überreden, sein Antrag mich empörte, streckte er ungestüm die Hand nach mir aus, um mir Gewalt anzutun. Ich widerstand: er zerriss meine Kleider, schlug mich, und hätte mir ohne Zweifel das Leben genommen, um sich zu rechtfertigen und mir im Tode das Verbrechen aufzubürden, dessen ich ihn anklage: aber er fürchtete, dass meine Frauen, die ich entfernt hatte, wiederkommen und ihn dabei betreffen möchten. Er entfloh also, und ließ mich in dem Zustande zurück, in welchem du mich siehst.”

Sie sagte dieses mit allen Zeichen einer tief betrübten Frau. Der Kaiser hielt alles für wahr; und wie groß auch seien Zärtlichkeit für seinen Sohn war; doch ließ er sich von den Aufwallungen seines Zornes hinreißen. Er verließ das Zimmer der Fürstin, ließ den Scharfrichter kommen, und befahl ihm, alles zu der Hinrichtung des Prinzen Nurgehan vorzubereiten.

Aber bald vernahmen die Wesire den grausamen Befehl, welchen der Kaiser erteilt hatte; sie verwunderten sich, dass er, ohne sie zu Rate zu ziehen, den Entschluss gefasst hatte, seinen Sohn töten zu lassen. Sie versammelten sich alle, und begaben sich zu dem erzürnten Fürsten, zu welchem einer von ihnen also sprach:

“O Beherrscher der Welt, wir flehen dich an, uns nur heute noch das Leben des Prinzen zu bewilligen, und uns zu unterrichten, welches große Verbrechen er begangen haben kann, um gegen sein Leben den Arm eines Vaters zu bewaffnen, welcher doch langsam sein soll, seine Kinder zu strafen.”

Der Kaiser erzählte ihnen alles, was die Sultanin ihm gesagt hatte.

Darauf nahm der älteste Wesir das Wort und sprach: “O König, hüte dich wohl, den Aufwallungen der Wut zu folgen, welche eine Frau dir angibt, und eine Handlung zu begehen, welche den Geboten Gottes und der Gerechtigkeit, welche die Propheten lehren, widerstreitet. Die Königin klagt den jungen Prinzen an, ohne Zeugen gegen ihn vorzubringen; sie verlangt seinen Tod, weil er sie liebt, und weil er, wie sie sagt, mit Gewalt seine Leidenschaft hat befriedigen wollen! Aber seit wann halten die Frauen ihre Keuschheit so hoch in Ehren, dass sie den Tod der Männer verlangen, die es wagen, sie anzutasten? Ohne Zweifel gibt es tugendhafte genug, um einen verwegenen Angriff würdig abzuweisen; aber indem ihre Tugend ihn verdammt, entschuldigt ihn zugleich ihre Eitelkeit, und leicht verzeihen sie ein Verbrechen, welches ihre Schönheit veranlasste. Darum hüte dich wohl, Herr, deinen Sohn der Verleumdung, ja vielleicht der Wut einer Person aufzuopfern, welche ihn verderben will, weil sie ihn nicht verführen konnte. Euer Majestät möge bedenken, dass die Frauen arglistig sind. Die Geschichte des Scheichs3) Schahabeddin beweiset hinlänglich, wie sehr ihre Bosheit zu befürchten ist.”

Der Kaiser wünschte die Geschichte zu hören, und der Wesir erzählte sie folgendermaßen:

Geschichte des Scheichs Schahabeddin

Der Sultan von Ägypten versammelte eines Tages alle Gelehrten seines Reichs in seinem Palast; da erhub sich unter ihnen ein Streit. Man sagt, dass der Engel Gabriel den Mohammed aus seinem Bette entrückte und ihm alles zeigte, was in den sieben Himmeln, im Paradies und in der Hölle ist, und dass der große Prophet, nachdem er achtzigtausend Unterredungen mit Gott gehabt, von demselben Engel in sein Bett zurück gebracht wurde. Dabei behauptet man, dass alle diese Dinge in so kurzer Zeit vorgegangen wären, dass Mohammed bei seiner Rückkunft sein Bette noch ganz warm gefunden; ja sogar, dass er einen Topf wieder aufgehoben, dessen Wasser noch nicht ausgeflossen war, obwohl derselbe in eben dem Augenblick umgefallen war, als der Engel Gabriel den Propheten entrückt hatte.

Der Sultan, welcher in dieser Versammlung den Vorsitz hatte, behauptete, dass solches unmöglich wäre. “Ihr versichert,” sprach er, “dass es sieben Himmel gibt, je fünfhundert Jahrreisen von einander entfernt, und dass jeder Himmel eben so tief, als von dem andern entfernt ist. Wie ist es nun möglich, dass Mohammed, nachdem er alle diese Himmel durchfahren und mit Gott achtzigtausend Unterredungen gehabt, bei der Rückkehr sein Bette noch warm und seinen umgeworfenen Topf noch nicht vom Wasser ausgeleert gefunden habe? Wer könnte leichtgläubig genug sein, um einer so lächerlichen Fabel Glauben beizumessen? Wisset ihr denn nicht, dass wenn ihr einen Topf voll Wasser umwerfet, und ihn auf der Stelle aufhebt, ihr doch nichts mehr darin findet?”

Die Gelehrten antworteten, dass solches freilich nicht natürlich zuginge; dass aber der Allmacht Gottes alles möglich wäre. Der Sultan von Ägypten, welcher zu den Freigeistern gehörte, und sich zum Grundsatze gemacht hatte, nichts zu glauben, was die Vernunft beleidigte, wollte von diesem Wunder nichts wissen, und die Gelehrten gingen auseinander.

Dieser Streit machte Aufsehen in Ägypten. Die Nachricht davon kam auch zu dem gelehrten Scheich Schahabeddin, welcher aus gewissen Ursachen, auf welche es hier nicht ankömmt, bei der Versammlung nicht zugegen sein konnte. Er begab sich sogleich nach dem Palast des Sultans, in der größten Hitze des Tages.

Sobald der Sultan von der Ankunft des Scheichs an seinem Hofe benachrichtigt war, ging er ihm entgegen, führte ihn in ein prächtiges Zimmer, ließ ihn hier nieder sitzen, und sprach zu ihm: “Scheich, es war nicht nötig, dass du dir die Mühe gabst, hierher zu kommen: du durftest nur einen deiner Diener senden, und wir hätten ihm gern alles gewährt, was er von uns für dich verlangt hätte.” – “Herr,” antwortete der Gelehrte, “ich komme gerade deshalb, um die Ehre zu haben, mit Euer Majestät zu reden.” Der Sultan, welcher wusste, dass der Scheich in dem Rufe stand, vor Fürsten stolz zu sein4), erzeigte sich sehr freundlich und höflich gegen ihn.

Nun hatte das Zimmer, in welchem sie sich befanden, vier Fenster, nach den vier Weltgegenden. Der Scheich hat den König, sie verschließen zu lassen. Nachdem dies getan war, setzten sie noch einige Zeit ihre Unterredung fort; worauf der Scheich das eine Fenster wieder öffnen ließ, welches die Aussicht auf einen Berg, Namens Kiselbagi, das heißt der rote Berg, hatte, und bat den König, hinaus zu schauen. Der Sultan stellte sich ans Fenster, und sah auf dem Berge und in der Ebene bewaffnete Krieger mit Schilden und Panzerhemden. Sie saßen alle zu Pferde, mit bloßem Schwerte, und sprengten mit verhängten Zügeln, und zahllos, wie das Heer der Sterne gegen den Palast an.

Bei diesem Schauspiele verwandelte der Fürst seine Farbe, und rief ganz erschrocken aus: “O Himmel, was ist das für ein furchtbares Kriegsheer, welches sich meinem Palast nähert.” – “Seid ohne Furcht, Herr,” sagte der Scheich, “es ist nichts.” Indem er dies sagte, schloss er selber das Fenster, und öffnete es dann sogleich wieder: da sah der König niemand, weder auf dem Berge, noch in der Ebene.

Das andere Fenster war der Stadt zugekehrt. Der Scheich ließ es öffnen; und der Sultan sah die Stadt Kahiro5) ganz in Flammen, welche hoch in der Luft emporstiegen. “Welche Feuersbrunst!” rief der erstaunte König aus: “da liegt meine Stadt, meine schöne Stadt Kairo, in der Asche!” – “Sei ohne Furcht, Herr,” sagte der Scheich, “es ist nichts.” Zu gleicher Zeit schloss er das Fenster, und als er es wieder öffnete, sah der König nichts von den Flammen, welche ihn so sehr erschreckt hatten.

Der Scheich ließ nun das dritte Fenster öffnen, durch welches der Sultan den Nil erblickte, wie er seine Ufer überstieg und seine Wogen wütend gegen den Palast heran stürzten. Obschon der König, nachdem er das Kriegsherr und die Flammen wieder verschwinden gesehen, über dieses neue Wunder nicht erschrecken durfte, so konnte er sich jedoch der Furcht nicht erwehren. “Ah, es ist um uns geschehen,” rief er dennoch aus, “alles ist verloren; diese furchtbare Überschwemmung wird meinen Palast fortreißen und mich mit meinem ganzen Volke ersäufen!” “Fürchtet euch nicht, Herr,” sagte der Scheich, “es ist nichts.” In der Tat, als der Scheich das Fenster geschlossen und wieder geöffnet hatte, da floss der Nil wie gewöhnlich in seinen Ufern dahin.

Er ließ endlich das vierte Fenster öffnen, welches die Aussicht auf eine dürre Wüste hatte. So sehr der König über die vorigen Erscheinungen erschrocken war, so viel Vergnügen machte ihm dieser Anblick. Seine Augen, gewohnt, durch dieses Fenster nur eine unfruchtbare Gegend zu sehen, wurden angenehm überrascht, hier nun Weinberge zu schauen, und Gärten voll der schönsten Früchte von der Welt, und Bäche, welche mit süßem Gemurmel dahin rieselten, und deren Ufer mit Rosen, Basiliken, Balsam-Stauden und Narzissen geschmückt, dem Auge einen lachenden Anblick und dem Geruch eine Mischung von süßen Düften darboten. Zwischen diesen Blumen sah man eine zahllose Menge von Turteltauben und Nachtigallen, von welchen einige schon erschöpft waren von ihrem lauten Gezwitscher, während die andern noch mit ihren zärtlichen und klagenden Tönen die Luft erschütterten.

Der König, entzückt von allen den wunderbaren Gegenständen, welche seinem Blicke sich darboten, glaubte den Garten von Gram6) zu sehen. “Ah, welche Veränderung!”, rief er im Übermaße seiner Bewunderung aus: “der schöne Garten; welch ein reizender Aufenthalt! Welche Lust werde ich haben, täglich darin zu wandeln!” – “Freuet euch nicht so sehr, Herr,” sagte der Scheich, “was ihr da sehet, ist nichts.” Mit diesen Worten schloss der Scheich das Fenster, und öffnete es sogleich wieder: und der Sultan sah, anstatt jener reizenden Bilde, wieder nur die Wüste.

“Herr,” sagte hierauf der Scheich, “ich habe euch hier wohl Wunderdinge genug gezeigt: aber alles dieses ist nichts, in Vergleich mit dem großen Wunder, welches ich Euer Majestät noch sehen lassen will. Befehlet, dass man eine Kufe mit Wasser hierher bringe.”

Der König gab einem seiner Leute den Befehl; und als die Kufe im Zimmer stand, sprach der Scheich zum Sultan: “Habet die Güte und lasst euch ganz nackt ins Wasser heben, und ein Tuch um eure Hüften gürten.” Der König hatte die Gefälligkeit, sich ganz zu entkleiden und ein Tuch umgürten zu lassen. Da sprach der Scheich zu ihm: “Herr, tauchet den Kopf ins Wasser, und zieht ihn wieder zurück.”

Der König tauchte den Kopf in die Kufe, und im Augenblick befand er sich auf einem Berge am Ufer des Meeres. Dies unerhörte Wunder erstaunte ihn noch weit mehr, als die vorigen. “Ha, Scheich!” rief er aus, außer sich vor Zorn, “treuloser Scheich, der du mich so grausam betrogen hast! Du hast mir meinen Thron rauben wollen; wenn ich aber je wieder nach Ägypten komme, von wo deine verfluchte Schwarzkunst mich entzückt hat, so schwöre ich, mich an dir zu rächen!”

Er fuhr noch in seinen Verwünschungen gegen den Scheich fort; aber bedenkend, dass alle seine Drohungen und Klagen unnütz wären, fasste er einen herzhaften Entschluss, und ging zu einigen Leuten, welche im Walde Holz fällten, beschloss aber, ihnen nicht seinen Stand zu entdecken; “denn wenn ich auch,” sprach er bei sich selber, “ihnen sage, dass ich ein König bin, so werden sie mir doch nicht glauben, und mich für einen Narren oder Betrüger halten.”

Die Holzhauer fragten ihn, wer er wäre. “Gute Leute,” antwortete er, “ich bin ein Kaufmann, ich habe Schiffbruch gelitten und auf einem Brette mich gerettet: ich bemerkte euch, und komme zu euch. Die Lage, worin ihr mich sehet, muss euer Mitleid erregen.”

Sie waren gerührt von seinem Unglück; aber sie waren selber in zu tiefem Elende, um das seinige erleichtern zu können. Dennoch unterließen sie nicht, ihm, der eine einen alten Rock, der andere ein Paar alte Schuhe, zu geben; und als sie ihn so eben in den Stand gesetzt hatten, mit Anstand in ihrer Stadt zu erscheinen, welche hinter dem Berge lag, so führten sie ihn dahin.

Sobald sie dort angelangt waren, nahmen alle Abschied von ihm, gingen heim zu den Ihrigen, und überließen ihn der Vorsehung.

Der Sultan blieb also allein. Welches Vergnügen sonst auch neue Gegenstände gewähren, so war er jedoch zu sehr mit seinem Abenteuer beschäftigt, um auf die Dinge zu achten, welche sich seinem Blicke darboten. Er ging die Straßen auf und ab, ohne zu wissen, was aus ihm werden sollte. Schon war er müde, und suchte mit den Augen einen Ort, um sich auszuruhen.

Er stand still vor dem Hause eines alten Hufschmieds, welcher ihm ansah, dass er müde war, und ihn einzutreten bat. Der König ging hinein und setzte sich auf eine Bank an der Türe. “Junger Mann,” sagte der Greis zu ihm, “darf ich euch fragen, welches euer Gewerbe ist, und wie ihr hierher gekommen seid?” Der Sultan gab ihm dieselbe Antwort, welche er den Holzbauern gegeben hatte. “Ich begegnete,” fügte er hinzu, “guten Leuten, welche auf dem Berge Holz fällten, ich erzählte ihnen mein Unglück, und sie waren großmütig genug, mir diesen alten Rock und diese alten Schuhe zu schenken.” – “Es freut mich,” sagte darauf der Schmid, “dass ihr dem Schiffbruch entronnen seid. Tröstet euch über den Verlust eurer Güter; ihr seid noch jung, und werdet vielleicht nicht unglücklich sein in dieser Stadt, deren Gewohnheiten den Fremden sehr vorteilhaft sind, welche sich niederlassen wollen. Habt ihr nicht diese Absicht?” – “Gewiss,” antwortete der Sultan, “ich verlange nichts anderes, als hier zu bleiben, vorausgesetzt, dass mein Gewerbe hier gut geht.” – “Wohlan,” fuhr der Greis fort, “so befolget den Rath, welchen ich euch geben will: Gehet sogleich zu den öffentlichen Bädern der Frauen, setzet euch dort an die Türe, und fraget jede Frau, welche herauskömmt, ob sie einen Mann habe: diejenige, welche es verneint, wird eure Frau, nach dem Brauche des Landes.”

Der Sultan, entschlossen, diesem Rate zu folgen, stand auf, nahm von dem Greise Abschied, und begab sich an die Tür der Bäder.

Es währte nicht lange, so sah er eine Frau von bezaubernder Schönheit herauskommen. “Ah, wie glücklich wäre ich,” sprach er bei sich selber, “wenn diese liebenswürdige Frau noch unverheiratet wäre! Ich würde mich über all mein Unglück trösten, wenn ich sie besitzen könnte.” Er hielt sie an, und fragte: “Schöne Frau, habt ihr schon einen Mann?” – “Ja, ich habe einen,” antwortete sie. “Desto schlimmer,” versetzte darauf der König, “ihr wäret sonst wohl meine Sache.”

Die Frau ging ihres Weges, und bald darauf trat eine andere heraus, von einer schrecklichen Hässlichkeit. Der Sultan entsetzte sich bei ihrem Anblick: “Ha, welch ein scheußlicher Gegenstand,” sprach er bei sich selber, “ich will lieber Hungers sterben, als mit einem solchen Geschöpfe leben. Mag sie gehen, ohne dass ich sie frage, ob sie verheiratet ist; ich fürchte, sie möchte Nein sagen. Aber der Schmid hat mir gesagt, dass ich allen Frauen diese Frage tun soll; ohne Zweifel ist das die Regel: ich muss mich ihr also wohl unterwerfen. Was weiß ich, ob sie nicht einen Mann hat? Irgend ein unglücklicher Fremdling, welchen sein Missgeschick hierher geführt hat, wie mich, kann sie geheiratet haben.”

Kurz, der König entschloss sich, sie zu fragen, ob sie verheiratet wäre. Sie antwortete mit Ja; und diese Antwort machte ihm eben so viel Vergnügen, als die vorige ihm Verdruss gemacht hatte.

Es kam eine dritte Frau heraus, eben so hässlich als die letzte. “O Himmel!” sagte der König, sobald er sie erblickte, “da ist eine noch scheußlicher als die andere. Was hilft’s: da ich einmal begonnen habe, so will ich auch durch. Wenn diese hier einen Mann hat, so muss ich bekennen, dass es Männer gibt, die noch mehr zu beklagen sind als ich.”

Als sie an ihm vorüber ging, redete er sie an und sprach zitternd: “Schöne Frau, seid ihr schon verheiratet?” – “Ja, junger Mann,” antwortete sie, ohne sich aufzuhalten. “ich bin sehr froh darüber,” erwiderte der Sultan. “Welches Glück,” fuhr er fort, “diesen beiden Weibern entronnen zu sein! Aber es ist noch nicht Zeit mich zu freuen; alle Frauen sind noch nicht aus dem Bade gekommen. Ich habe sie noch nicht gesehen, die mir bestimmt ist: ich werde bei dem Tausche vielleicht nichts gewinnen.”

Er erwartete, noch eine so hässliche zu erblicken, als die beiden letzten: da erschien eine vierte, deren Schönheit noch die erste übertraf, die er schön gefunden hatte. “Welcher Abstand!” rief er aus, “Tag und Nacht sind nicht so entgegengesetzt, als diese schöne Frau und die beiden vorhergehenden Weiber. Kann man an demselben Orte Engel und Dämonen finden?”

Er nahte sich ihr mit großem Eifer, und fragte sie: “Liebenswürdige Frau, seid ihr schon verheiratet?” Sie antwortete Nein, indem sie ihn mit eben so viel Stolz als Aufmerksamkeit betrachtete. Darauf ging sie weiter, und ließ den König in äußerster Überraschung zurück.

“Was soll ich hievon denken?” sagte er. “Der alte Schmid muss mir was aufgeheftet haben. Wenn ich nach den Gesetzen des Landes diese Frau heiraten soll, warum ist sie so grob fort gegangen? und warum hat sie ein so stolzes und hochmütiges Wesen angenommen? Sie maß mich vom Haupte bis zu den Füßen, und ich sah in ihrem Blicken Zeichen der Verachtung. Es ist wahr, sie hat nicht groß Unrecht; ich muss mir selber Gerechtigkeit widerfahren lassen: dieser abgenutzte Rock voll Löcher erhebt eben nicht mein gutes Aussehen, und ist keineswegs geeignet, eine Frau für mich einzunehmen. Ich verzeihe ihr den Wunsch, dass sie es besser hätte treffen mögen.”

Während er diese Betrachtungen anstellte, nahte sich ihm ein Sklave und sprach zu ihm: “Herr, ich suche einen ganz zerlumpten Fremden; und nach eurem Aussehen zu urteilen, seid ihr es. Bemühet euch, wenn es euch gefällt, mir zu folgen. Ich werde euch an einen Ort führen, wo ihr mit großer Ungeduld erwartet werdet.”

Der König folgte dem Sklaven, welcher ihn zu einem großen Hause führte, und ihn in ein sehr sauberes Gemach eintreten, und dort einen Augenblick verziehen hieß. Der Sultan blieb hier zwei Stunden, ohne jemand zu sehen, ausgenommen den Sklaven, welcher von Zeit zu Zeit kam, ihm zu sagen, dass er nicht ungeduldig werden möchte.

Endlich erschienen vier reich gekleidete Frauen, und begleiteten eine andere, welche ganz von Edelsteinen strahlte, aber noch mehr durch ihre unvergleichliche Schönheit hervorglänzte. Der Sultan hatte nicht sobald die Augen auf sie geworfen, als er sie für die letzte Frau erkannte, welche er aus dem Bade gehen sah. Sie näherte sich ihm freundlich und sprach lächelnd zu ihm: “Verzeihet, wenn ich euch ein wenig habe warten lassen. Ich wollte mich vor meinem Herrn und Meister nicht im nachlässigen Anzuge zeigen. Ihr seid in eurem Hause. Alles, was ihr hier sehet, gehört euch. Ihr dürft nur befehlen, was ihr wünschet, ich bin bereit, euch zu gehorchen.” -

“Schöne Frau,” antwortete der Sultan, “vor einem Augenblick beklagte ich mein Schicksal, und jetzo bin ich der glücklichste der Menschen. Aber da ich euer Mann bin, warum habt ihr mich vorhin so stolz angesehen? Ich glaubte, dass mein Anblick euch stutzig machte, und aufrichtig zu gestehen, ich konnte es euch nicht übel nehmen.” – “Herr,” antwortete die Frau, “ich hütete mich wohl, anders zu tun. Die Frauen dieser Stadt sind genötigt, öffentlich stolz zu erscheinen. Das ist der Brauch. Zur Vergeltung dafür sind sie sehr freundlich daheim.” – “Desto besser,” erwiderte der König, “sie sind um so erfreulicher. Wenn ich denn Herr hier bin, so befehle ich, dass man mir einen Schneider und Schuster kommen lasse. Ich schäme mich hier vor euch in diesem schlechten Rock und diesen alten Schuhen, welche keineswegs dem Range entsprechen, welchen ich bisher in der Welt behauptet habe.” – “Ich bin diesem Befehle schon zuvorgekommen,” sagte die Frau, “und habe einen Sklaven zu einem jüdischen Handelsmann geschickt, welcher ganz fertige Kleider verkauft, und euch auf der Stelle alle Sachen verschaffen wird, deren ihr nötig habt. Unterdessen kommet, euch zu erfrischen.”

Indem sie dieses sagte, fasste sie ihn bei der Hand und führte ihn in einen Saal, wo eine Tafel, bedeckt mit allen Arten von Früchten und eingemachten Sachen stand. Sie setzten sich beide an die Tafel, und während sie aßen, sangen die vier Frauen, welche hinter ihnen standen, mehrere Lieder des Dichtes Bada Saudai7). Sie spielten zugleich auf verschiedenen Instrumenten, und zuletzt nahm noch ihre Herrin eine Laute, begleitete sie mit ihrer Stimme, und bezauberte den Sultan durch ihren Gesang und ihr Spiel.

Dieses Konzert wurde durch die Ankunft des jüdischen Kaufmanns unterbrochen, welcher mit einigen Bedienten in den Saal trat, die Pakete herein trugen und öffneten: drinnen waren Kleider von verschiedenen Farben. Man beschaute alle, eins nach dem andern, und wählte eine Weste von weißer Seide mit goldenen Blumen, und einen Rock von veilchenfarbigem Tuche. Der Jude besorgte das übrige der Kleidung, und ging mit seinen Leuten weg.

Jetzo bewunderte die Frau das gute Aussehen des Königs, und war sehr zufrieden, einen solchen Mann zu haben; so wie er sehr vergnügt war, eine so schöne Frau zu besitzen.

Er lebte hierauf sieben Jahre mit dieser Frau, von welcher er sieben Töchter und sieben Söhne hatte. Weil aber beide den Aufwand liebten, und nur daran dachten, sich gütlich zu tun und sich zu erfreuen, so kam es dahin, dass endlich alle Güter der Frau verschwendet waren. Man musste sich der dienenden Frauen und Sklaven entledigen, und das Hausgeräte verkaufen, um zu bestehen.

Als die Frau des Sultans sich so in das äußerste Elend versetzt sah, sprach sie zu ihrem Manne: “So lange ich etwas besaß, hast du es nicht gespart. Du hast im Müßiggange gelebt. Es ist gegenwärtig an dir, auf Mittel zu denken, deine Familie zu ernähren.”

Diese Worte betrübten den König. Er ging wieder zu dem alten Schmid, ihn um Rath zu fragen. “O mein Vater,” sprach er zu ihm, “du siehst mich unglücklicher wieder, als ich bei meiner Ankunft in diese Stadt war. Ich habe ein Frau mit vierzehn Kindern, und habe nichts, sie zu ernähren.” – “Junger Mann,” fragte ihn der Greis, “kannst du kein Handwerk?” Der Sultan antwortete mit Nein. Da zog der Schmid zwei Aktschas 8) aus der Tasche, gab sie dem Sultan in die Hand, und sagte zu ihm: “Geh sogleich hin, und kauf’ die Trage-Stricke und stelle dich auf den Platz, wo die Lastträger sich versammeln.”

Der König ging hin, kaufte sich die Stricke, und stellte sich unter die Lastträger. Kaum stand er dort eine Weile, da kam ein Mann, und fragte ihn: “Willst du eine Last tragen?” – “Ich bin nur deshalb hier,” antwortete der Sultan. Darauf belud ihn der Mann mit einem schweren Sacke. Der König konnte ihn nur mit Mühe tragen, und die Stricke am Sacke zerschnitten ihm die Schultern. Er empfing seinen Lohn, welcher in einer Aktscha bestand, den er nach Hause trug.

Als die Frau sah, dass er nur einen Aktscha brachte, sagte sie zu ihm, wenn er nicht alle Tage zehnmal so viel gewänne, so würde seine Familie bald Hunger sterben.

Am folgenden Morgen ging der König, von Traurigkeit überwältigt, anstatt auf den öffentlichen Platz, am Ufer des Meeres auf und nieder, und bedachte sein Elend. Er betrachtete mit Aufmerksamkeit den Ort, wohin er unversehens durch die Kunst des Scheichs Schahabeddin versetzt worden war. Er rief dieses seltsame und trübselige Abenteuer in sein Gedächtnis zurück, und konnte sich nicht enthalten darüber zu weinen.

Da er noch die Abwaschung vor dem Gebete tun musste, so tauchte er sich ins Wasser: aber als er den Kopf wieder herauszog, war er höchst erstaunt, sich in seinem Palast zu befinden, mitten in der Kufe und umgeben von seien Beamten.

“O grausamer Scheich!” rief er aus, indem er ihn in derselben Stellung erblickte, in welcher er ihn verlassen hatte; “fürchtest du nicht die Strafe Gottes, dass du deinen Sultan und Herrn also behandelt hast?” – “Herr,” antwortete der Scheich, “woher kömmt dieser Zorn Euer Majestät gegen mich? ihr habt so eben den Kopf in dieses Becken getaucht, und ihn sogleich wieder zurückgezogen: wollt ihr mir nicht glauben, so fragt eure Beamten, welche Zeugen davon sind.”

Der König beruhigte sich noch nicht bei ihrem Zeugnisse: “Ihr seid Betrüger,” sprach er zu ihnen: “es sind sieben Jahre, dass dieser verwünschte Scheich durch die Gewalt seiner Bezauberungen mich in einem fremden Lande zurückhielt. Ich habe mich verheiratet, und sieben Söhne und sieben Töchter erzeugt: darüber beklage ich mich jedoch nicht so sehr, als dass ich ein Lastträger gewesen bin. Ha, boshafter Scheich, wie hast du dich unterfangen können, mich Laststricke tragen zu lassen?” – “Wohlan, Herr,” antwortete der Scheich, “weil ihr meinen Worten nicht Glauben beimessen wollt, so will ich euch durch die Tat überzeugen.”

Bei diesen Worten zog er sich aus, umgürtete sich mit einem Tuche, stieg in die Kufe, und tauchte den Kopf ins Wasser.

Der Sultan, noch immer erzürnt gegen ihn, und eingedenk seines Eides, ihn zu strafen, wenn er je wieder nach Ägypten heim käme, ergriff einen Säbel, und wollte dem Scheich den Kopf abhauen, sobald er ihn wieder aus dem Wasser emporhöbe. Aber der Scheich kannte durch die Wissenschaft, welche man Mekaschefa9) nennt, die Absicht des Königs, und durch die Wissenschaft Algaïb an alas bar10), verschwand er plötzlich und wurde nach der Stadt Damaskus entrückt, von wo er an den Sultan von Ägypten einen Brief folgenden Inhalts schrieb:

“O König, wisse, dass wir, du und ich, nichts anderes sind, als arme Knechte Gottes. Während du den Kopf ins Wasser tauchtest, den du sogleich wieder zurück zogest, hast du eine Reise von sieben Jahren gemacht, eine Frau geheiratet, sieben Töchter und sieben Söhne erzeugt, und viel ausgestanden, und doch willst du nicht glauben, dass Mohammed, unser großer Prophet, sein Bette noch ganz warm und seinen Wassertopf noch nicht ausgeleert gefunden habe? Erkenne, dass nichts unmöglich ist für denjenigen, welcher aus nichts Himmel und Erde geschaffen hat, durch das bloße Wort Kun11)!”

Nachdem der Sultan von Ägypten diesen Brief gelesen hatte, fing er an gläubig zu werden. Gleichwohl konnte er seinen Zorn gegen den Scheich nicht besänftigen. Er schrieb an den König von Damaskus, und bat ihn, den Scheich gefangen zu nehmen, ihn hinrichten zu lassen, und ihm seinen Kopf zu senden.

Der König von Damaskus ging auf das Verlangen des Königs von Ägypten ein, und beeilte sich, ihm zu genügen. Er vernahm, dass der Scheich sich in einer Höhle, ziemlich fern von der Stadt aufhielt, und befahl seinen Kapidschi’s12), sich dahin zu begeben, den Scheich zu ergreifen, und ihm denselben zu bringen.

Die Kapidschi’s eilten dahin, und wähnten, diesen Befehl leicht auszuführen: aber sie waren nicht wenig überrascht, den Eingang der Höhle von einer zahllosen Schar von Kriegern verteidigt zu finden, welche alle wohl beritten, und mit Schwert und Panzerhemde bewaffnet waren. Sie kehrten zu ihrem König zurück, und berichteten ihm, was sie gesehen hatten. Der Sultan, erzürnt über diesen Widerstand, versammelte seine Truppen, und zog selber hin, den Scheich u belagern, welcher ihm aber ein so überlegenes Kriegsheer entgegenstellte, dass der Fürst erschrocken sich zurückzog.

Voll Verdruss über diesen übeln Erfolg, und entschlossen, sich nicht bloß zu geben, berief er seine Wesire, und befragte sie, was unter diesen Umständen zu tun wäre., so dürfte er doch nicht hoffen, einen Mann zu besiegen, welchem die göttliche macht beistände. “Jedoch, Herr,” sprach der älteste Wesir, “wenn du dich des Scheichs bemächtigen willst, so sende hin zu ihm, und lass ihm sagen, dass du Frieden mit ihm zu machen wünschest. Erwähle die schönsten Sklavinnen deines Harems, und mache ihm ein Geschenk damit. Befiehl aber zuvor diesen Mädchen, von dem Scheich zu erforschen, ob es eine Zeit gibt, in welcher er keine Macht hat, seine Wunder zu tun.”

Der König gab diesem Rate Beifall, verstellte sich und ließ dem Scheich seine Freundschaft anbieten, indem er ihm Sklavinnen von seltener Schönheit übersandte. Der Scheich glaubte wirklich, dass der König von Damaskus es bereute, ihn so ungerecht verfolgt zu haben. Er ging in die Schlinge, und nahm die Sklavinnen an, unter welchen eine war, in die er sterblich verliebt wurde.

Sobald dieses Mädchen den Scheich von einer so heftigen Leidenschaft ergriffen sah, sprach sie zu ihm: “Lieber Scheich, ich bin neugierig, zu wissen, ob es eine zeit gibt, in welcher du keine Wunder tun kannst?” – “Schönes Fräulein,” antwortete er ihr, “ich bitte dich, mir diese Frage nicht mehr zu tun: denken wir nur daran, ein fröhliches Leben zu führen, es kann dir sehr gleichgültig sein, zu wissen, was du fragest.” Die Sklavin stellte sich sehr gekränkt über diese Antwort; sei bezeigte eine tiefe Schwermut darüber, und als der Scheich ihr Liebkosungen machte, fing sie an zu weinen, und sprach zu ihm: “Alle Beweise der Liebe, welche du mir gibst, sind nicht wahrhaft; wenn du mich liebtest, so würdest du kein Geheimnis vor mir haben.” Kurz, sie setzte ihm so zu, dass er schwach genug war, ihr zu gestehen, dass er, nachdem er eine Frau erkannt, ohne Nacht wäre, bis er die Abwaschung getan hätte13).

Als die Sklavin diesen Umstand erfahren hatte, ließ sie es den König von Damaskus wissen, welcher seinen Kavidschis befahl, sich heimlich in der Nacht an die Türe des Scheichs zu stellen, und ihn zu ergreifen, sobald die Sklavin ihnen die Tür öffnen würde.

Der Scheich hatte die Gewohnheit, alle Nacht zu seinem Haupte einen großen Krug voll Wasser hinzustellen, um sich dessen zu bedienen, wenn er die Abwaschung nötig hatte. Die Sklavin hatte beim Niederlegen das Wasser ausgegossen, ohne dass er es bemerkt hatte. so dass, als er sich waschen wollte, er den Krug leer fand. Die Treulose machte die Geschäftige, sie nahm den Krug, und unter dem Vorwande, Wasser zu holen, öffnete sie die Türe den Kapidschis, welche ungestüm in die Höhle drangen.

Der Scheich erkannte nun die Verräterei der Sklavin, ergriff zwei Kerzen, welche auf den Leuchtern brannten, und drehte sich mit den Lichtern im Zimmer umher, seltsame Worte murmelnd, welche die Kapidschis nicht verstanden. Erschrocken über die Gebärden und Worte des Scheichs, und voll Furcht, dass er irgend ein Wunderwerk gegen sie hervorrufen wollte, flohen sie aus der Höhle.

Der Scheich verschloss sogleich die Türe hinter sich, und verrichtete die Abwaschung. Hierauf, um sich an der treulosen Sklavin zu rächen, nahm er ihre Gestalt an, und gab ihr die seine; so verließ er die Höhle, und lief den Kapidschis nach. “Ha, ihr Feigen!” rief er ihnen zu, “befolgt ihr so die Befehle des Königs, eures Herrn? Er wird euch alle hinrichten lassen, wenn ihr nach Damaskus zurückkommet ohne den Scheich, seinen Feind. Warum seid ihr entflohen? habt ihr Ungeheuer oder Soldaten zu seiner Verteidigung erscheinen gesehen? Kehret um, gehet in die Höhle zurück, und fürchtet nichts. Mutiger als ihr, werde ich mich ihm nahen, ihn ergreifen und selber ihn euch überliefern.”

Die Kapidschis standen auf diese Anrede still, und ermutigten sich; sie kehrten sogleich um, und folgten dem Scheich unter der Gestalt der Sklavin, traten mit ihm in die Höhle und ergriffen die Sklavin, den Scheich zu fangen wähnend; sie banden ihr die Füße und die Hände, ohne dass sie ein einziges Wort sprach, weil der Scheich ihr die Sprache genommen hatte.

So führten sie sie vor den König von Damaskus, welcher ihr sogleich den Kopf abhauen ließ, Aber sobald der Kopf vom Rumpfe getrennt war, gab der Scheich dem Leichname seine vorige Gestalt wieder, und ließ den König und alle seine Beamten sehen, dass es die Sklavin wäre, welche eben enthauptet worden; und er selber, der unter der Gestalt der Sklavin gegenwärtig war, nahm seine eigene Gestalt wieder an, und sprach zum König von Damaskus:

“O König, der du, dem Sultan von Ägypten zu gefallen, alles angewendet hast, mich zu verderben, wisse, dass man nie ungerechten Verfolgungen die Hand bieten muss, und danke Gott, dass ich meine Rache auf die Bestrafung dieses elenden Weibes beschränke, welches mich verraten hat.”

Indem er dieses sagte, verschwand der Scheich, und ließ den König von Damaskus und alle Zeugen dieser wunderbaren Begebenheit, im größten Erstaunen zurück.

“Dieses ist, Herr, die Geschichte des Scheichs Schahabeddin,” fuhr der erste Wesir des Kaisers von Persien fort; “Euer Majestät ersieht daraus, dass die Männer nicht genug auf ihrer Hut sein können gegen die Frauen. Bevor du den Prinzen Nurgehan hinrichten lassest, erlaube uns, ihn zu befragen. Vielleicht wird er uns seine Unschuld zu erkennen geben.” – “Wohlan, es sei,” sagte der König, “ich willige ein, den Tod meines Sohnes bis morgen aufzuschieben.”

Während die Wesire den Prinzen besuchten, der im Gefängnisse war, stieg der Kaiser zu Pferde, und ritt aus der Stadt, um sich auf der Jagd zu zerstreuen.

Am Abend, bei seiner Heimkehr, speiste er mit der Sultanin Chansade zusammen. Nach der Mahlzeit sprach sie zu ihm: “Ich fürchte, Herr, dass es dich gereuen wird, die Bestrafung des Prinzen aufgeschoben zu haben. “Der Mensch,” sagt der Koran, “hat zwei Arten von Feinden, die er liebt, seine Kinder und seine Güter.” Ja, euer Sohn ist euer Feind, weil er den Gedanken des abscheulichen Verbrechens fassen konnte, welches er begehen wollte. Säumet nicht, ihn zu bestrafen. Höret nicht mehr auf die Zärtlichkeit und das Mitleid, welche bei euch für ihn sprechen. Sein Böser Hang muss die Stimme des Blutes in euch ersticken; seid nicht so schwach, euch an die Weisungen aller Leute zu kehren; denn es ist eine Torheit, auf jeden Rath zu hören, wie dies die Fabel von dem Gärtner und seinem Sohne so gut beweiset. Vielleicht ist sie euch unbekannt. Euer Majestät erlaubt mir, sie zu erzählen:

Der Gärtner, sein Sohn und der Esel
Fabel

Eines Tages ging ein alter Gärtner zu Fuße neben seinem Sohne, der auf einem Esel ritt, und begab sich nach seinem Garten; einige Leute, die ihm begegneten, riefen aus: “Sehet doch diesen alten narren, der so töricht ist, zu fuße zu gehen, während sein Sohn sich auf dem Esel spreizt.”

Der folgsame Greis ließ seinen Sohn absteigen, und nahm dessen Platz ein.

Kurze Zeit darnach gingen andere Leute vorüber, und sagten: “Dieser Mensch hat ohne Zweifel den Verstand verloren: welchen Grund kann er haben, allein auf seinem Esel zu sitzen?”

Der Gärtner nahm nun seinen Sohn hinter sich auf den Esel.

“Welche Ungeschicklichkeit,” riefen weiterhin einige Vorübergehende aus, “diesen jungen Menschen hinter dem Greise sitzen zu sehen!”

Der Vater und der Sohn hatten kaum die Plätze gewechselt, als sie wieder andern Leuten begegneten, welche ausriefen: “Dieser Mensch muss sehr unverschämt sein, diesen Jüngling so vor sich her zu führen.” So dass der arme Gärtner tun mochte, was er wollte, er konnte nimmer eine Stellung finden, welche aller Welt zu Danke gewesen wäre.

“Ihr seht also, Herr,” fuhr Chansade fort, “dass niemand dem Urteile andrer entgehen kann, und dass es eine Torheit ist, sich nach dem Rate richten zu wollen. folget eurem ersten Antriebe, und bestrafet einen undankbaren und frevelhaften Sohn.”

Am folgenden Morgen bestieg der Kaiser von Persien den Thron, ließ den Scharfrichter kommen, und befahl ihm, den Prinzen Nurgehan zu töten.

Da trat der zweite Wesir hervor, und sprach: “Großer König! hüte dich wohl, dich eines Verbrechens schuldig zu machen, indem du den Anklagen der Sultanin trauest. Du weißt wohl, wie vieler Täuschungen die Frauen sich schuldig gemacht haben; man erzählt mehr davon, als Sterne am Himmel stehen, oder Wassertropfen im Meere sind: Euer Majestät erlaube mir, unter andern nur die Geschichte von dem Papagei zu erzählen.”

Der Sultan willigte ein, seinen Wesir anzuhören, welcher also begann:

Geschichte des Ehemanns und des Papageis

Ein guter Mann hatte eine schöne Frau, welche er leidenschaftlich liebte, dass er sie so wenig als möglich aus den Augen ließ. Eines Tages, da dringende Geschäfte ihn nötigten, von ihr sich zu entfernen, ging er an einen Ort, wo man allerlei Vögel feil hatte: er kaufte hier einen Papagei, der nicht allein sehr gut sprach, sondern auch die Gabe hatte, alles wieder zu erzählen, was in seiner Gegenwart vorgegangen war. Er brachte ihn in einem Käfig nach Hause, und bat seine Frau, ihn in ihr Zimmer zu setzen, und für ihn zu sorgen, während der Reise, welche er machten musste. Darauf reiste er ab.

Bei seiner Heimkehr ermangelte er nicht, den Papagei über das zu befragen, was während seiner Abwesenheit vorgegangen war; und der Vogel machte ihm darüber Dinge kund, welche ihn veranlassten, seiner Frau große Vorwürfe zu machen. Sie wähnte, dass eine ihrer Sklavinnen sie verraten hätte; alle schwuren aber, dass sie treu gewesen wären; sie kamen also darin überein, dass es der Papagei gewesen, welcher diesen übeln Bericht gemacht hätte.

Erfüllt von diesem Gedanken, kann die Frau auf Mittel, den Verdacht ihres Manns zu vernichten, und zugleich sich an dem Papagei zu rächen. Sie fand es bald. Als ihr Mann abermals auf einen Tag verreist war, befahl sie einer Sklavin, während der Nacht unter dem Käfig des Papageis eine Handmühle zu drehen; einer andern befahl sie, Wasser, wie im Regen, auf den Käfig herab zu gießen; und einer dritten, einen Spiegel zu nehmen und ihn im Widerschein eines Lichtes vor den Augen des Papageis hin und her zu drehen. Die Sklavinnen verwandten einen großen Teil der Nacht, zu vollbringen, was ihre Herrin ihnen geboten hatte, und richteten es sehr geschickt aus.

Am folgenden Tag, als der Mann zurückkam, befragte er wieder den Papagei darüber, was sich unterdessen bei ihm zugetragen hatte. Der Vogel antwortete: “Mein guter Herr, die Blitze, der Donner und der Regen haben mich dermaßen diese Nacht beunruhigt, dass ich dir gar nicht sagen kann, was ich ausgestanden habe.”

Der Mann, welcher wohl wusste, dass es in dieser Nacht weder gedonnert noch geregnet hatte, war nun überzeugt, dass der Papagei, der hierin nicht die Wahrheit sagte, sie ihm auch nicht in Betreff seiner Frau gesagt hätte. aus Ärger darüber, riss er ihn aus seinem Käfig, und warf ihn so wütend gegen den Boden, dass er ihn tötete. Gleichwohl vernahm er in der Folge von seinen Nachbarn, dass der Papagei ihn nicht belogen, was er ihm von der Aufführung seiner Frau erzählt hatte; weshalb es ihn gereute, ihn getötet zu haben …

“Ihr ersehet hieraus, Herr,” fuhr der Wesir fort, “wie schlau die Frauen sind. lasset den Prinzen Nurgehan nicht eher umbringen, als bis sein Lehrer sich wieder gefunden hat; denn es ist gewiss etwas Außerordentliches in dieser Sache verborgen: und welches Verbrechen würdet ihr begehen, wenn ihr unschuldiges Blut vergösset!”

Der Kaiser von Persien war gerührt durch die Vorstellungen seines Wesirs, ließ seinen Sohn ins Gefängnis zurückführen, und verließ den Palast.

Am Abend bei seiner Heimkehr speiste er mit der Sultanin, welche nach der Mahlzeit zu ihm sprach: “Ihr habt den Prinzen Nurgehan noch nicht töten lassen, und hört auf die unvorsichtige Zärtlichkeit, welche ihr für ihn habt. Denket lieber an die Fabel, welche ich gestern Euer Majestät erzählte, und nehmt sie euch zu Herzen, wie der Sultan Mahmud tat, dessen Geschichte ich euch erzählen will:”

Der Sultan Mahmud und sein Wesir
Gleichnis

Ein Derwisch kam eines Tages zu Chas-Ayas, dem Wesir des Sultans Mahmud14), und bat denselben, ihm ein Gehalt bei diesem Fürsten auszuwirken.

“Ihr sollt es erhalten,” antwortete der Wesir, “aber unter der Bedingung, dass ihr dem König versprechet, mich die Sprache der Vögel zu lehren.” Der Derwisch verstand sich zu diesem Betruge, und der Sultan bewilligte ihm ein Gehalt von zehn Goldstücken täglich.

Einige Zeit darnach, als der Sultan mit seinem Wesir auf der Jagd war, sprach er zu ihm: “Chas-Ayas, hast du schon von dem Derwisch etwas gelernt? ich möchte wohl wissen, was diese beiden Eulen dort auf den beiden Bäumen einander zu sagen haben. Höre ihnen zu, und berichte mir ihre Unterhaltung.”

Der Wesir nahte sich den Bäumen, und stellte sich eine zeitlang, als wenn er den Eulen ein aufmerksames Ohr liehe; dann kam er wieder zu seinem Herrn und sagte zu ihm: “Herr, ich habe ein Teil ihres Gespräches vernommen, aber erlasset mir, es euch mitzuteilen.” – “Und warum scheuest du dich, es mir zu sagen?” rief der Sultan. “Herr,” antwortete Chas-Ayas, “weil diese beiden Vögel sich von Euer Majestät unterhielten.” – “Und welchen Teil kann ich an ihrem Gespräche haben?” erwiderte Mahmud; “ich will durchaus, dass du mir nichts verhehlest, und befehle dir, mir Wort für Wort alles zu sagen, was du vernommen hast.” -

“So will ich euch denn gehorchen, Herr,” antwortete der Wesir. “Eine der beiden Eulen hat einen Sohn, und die andere eine Tochter, die wollen sie mit einander verheiraten. Der Vater des Sohnes sagte zu dem Vater der Tochter: “Bruder, ich willige in diese Heirat, unter der Bedingung, dass du deiner Tochter fünfhundert verwüstete Dörfer mitgibst.” – “He,” antwortete sogleich der Vater der Tochter, “du forderst nicht mehr als das? ich will dir wohl tausend anstatt der fünfhundert geben, wenn du es verlangst. Gott gebe dem Sultan Mahmud glückliches und langes Leben! so lange er König von Persien ist, wird es uns daran nicht fehlen.”

Der Sultan verstand wohl das sinnreiche Gleichnis seines Wesirs, und er nahm es sich zu Herzen. Er beschäftigte sich sogleich damit, die zerstörten Städte wieder aufbauen zu lassen, und dachte fortan nur daran, seine Völker glücklich zu machen; und seitdem begann man den Namen und die Tugenden dieses großen Fürsten zu preisen, weil man noch heute ihn preiset.”

Als die Königin Chansade dieses Gleichnis erzählt hatte, drängte sie den Sultan von neuem, den Prinzen hinrichten zu lassen. Er versprach ihr, dass am nächsten Morgen ihre Rache befriedigt werden sollte.

Am folgenden Tage trat Sindbad mit wütiger Gebärde in den Thronsaal und sprach zu dem Scharfrichter: “Man führe sogleich meinen Sohn hierher, und schlage ihm ohne Aufschub den Kopf ab.” -

“O König der Welt!” rief da der dritte Wesir aus, indem er sich am fuße des Thrones niederwarf, “alle euere Wesire, euere treuen Sklaven, beschwören euch, die Bestrafung des Prinzen noch zu verschieben, bis dass ihr die Geschichte des Brahmanen Padmanaba gehört habt. Euer Majestät könnte sich wohl noch besinnen, wen sie dieselbe mit Aufmerksamkeit anhörte.” – “Ich bewillige, dass du sie mir erzählest,” antwortete der König, “aber darnach werde ich meinen Sohn doch hinrichten lassen.”

Geschichte des Brahmanen Padmanaba und des jungen Fikaï

“Herr,” fuhr der dritte Wesir fort, “es war einmal in der Stadt Damaskus ein Fikáa-Verkäufer15), der hatte einen Sohn von fünfzehn bis sechzehn Jahren, welcher sich Hassan nannte, und für ein wunder gelten konnte. Der Jüngling war von Angesicht wie der Mond, an Wuchs wie die Zypresse, von heiterem Gemüt und anmutigem Geiste. Wenn er sang, so entzückte er alle Welt durch die Süßigkeit der Stimme; und wenn er die Laute spielte, so war er im Stande, einen Toten zu wecken.

Diese Gaben waren nicht ohne Nutzen für den Vater, der sich gewissermaßen das Vergnügen, welches sein Sohn gewährte, mit bezahlen ließ, und seinen Fikáa sehr teuer verkaufte. Das Maß, welches anderswo nur einen Mangir16) galt, verkaufte er für einen Aktscha. Aber er durfte getrost sein Getränk verteuern: da man in seine Schenkstube mehr um seinen Sohn zu sehen ging, so war der Zulauf nicht minder groß. man nannte sogar sein Haus Tschesméy Aby Hhayat, das heißt, die Quelle der Jugend, wegen des Vergnügens, welches die Greise darin fanden.

Eines Tages, als der junge Fikaï sang und die Laute spielte, zum großen Behagen aller, die sich in der Schenke befanden, trat der berühmte Brahmane Padmanaba herein, um sich zu erfrischen. Er bewunderte nicht minder den Hassan; und als er sich mit ihm unterhielt, wurde er ganz bezaubert von seinem Gespräch. Er kam nicht allein den folgenden Tag wieder in die Schenke, sonder verließ sogar seine Geschäfte, um alle Tage dahin zu gehen; und anstatt dass die andern nur einen Aktscha bezahlten, gab er eine Zeckine.

Schon lange Zeit dauerte dies so fort, da sprach der junge Fikaï zu seinem Vater: “Es kömmt jeden Tag ein Mensch hierher, welcher das Ansehen eines vornehmen Mannes hat; es macht ihm so viel Vergnügen, mit mir zu sprechen, dass er mich alle Augenblicke ruft, um mir irgend eine Frage zu tun, und wenn er weggeht, gibt er mir eine Zeckine.” – “Ho, ho!” antwortete der Vater, “dahinter steckt ein Geheimnis: die Absichten dieses vornehmen Mannes sind vielleicht nicht die besten. Manchmal sind die Weltweisen, trotz ihrer ernsthaften Miene, sehr lasterhaft. Wenn du ihn morgen wieder siehst, so sage ihm, dass ich ihn kennen zu lernen wünsche, lass ihn heraufsteigen in mein Zimmer, ich will ihn ausforschen: ich habe Erfahrung, und werde mitten durch alle seine Reden erkennen, ob er eben so weise ist, als er scheinen will.”

Am folgenden Tage tat Hassan, was sein Vater verlangte: er nötigte den Padmanaba hinauf zu steigen in sein Zimmer, wo ein köstliches Frühstück bereitet war. Der Fikáa-Verkäufer erwies dem Brahmanen alle erdenkliche Ehre, welcher sie so höflich aufnahm und so viel Weisheit in seiner Unterhaltung zeigte, dass nicht mehr zu zweifeln war, dass er ein sehr tugendhafter Mann wäre. nach dem Mahle fragte ihn der Vater des jungen Hassan, aus welchem Lande er wäre und wo er wohnte; und sobald er vernahm, dass er ein Fremder war, sagte er zu ihm: “Wenn ihr bei uns wohnen wollt, so will ich euch eine Wohnung in meinem Hause geben.” – “Ich nehme das Erbieten an, welches ihr macht,” antwortete Padmanaba, “weil es ein Paradies auf dieser Welt ist, bei lieben Freunden zu wohnen.”

Der Brahmane nahm also seine Wohnung bei dem Fikáa-Verkäufer. Er machte ihm ansehnliche Geschenke, und empfand bald für Hassan eine so große Zuneigung, dass er eines Tages also zu ihm sprach: “O mein Sohn! ich muss dir mein Herz öffnen: ich finde, dass dein Geist der geheimen Wissenschaften fähig ist: es ist wahr, dass dein Gemüt ein wenig zu aufgeweckt ist; aber ich bin überzeugt, dass du dich noch ändern, und in der Folge all den Ernst, oder vielmehr all den Tiefsinn haben wirst, welcher dem Weisen und den Geheimnissen geziemt, in welche ich dich einweihen will. Ich habe die Absicht, dein Glück zu machen, und wenn du mich außerhalb der Stadt begleiten willst, so will ich dir heute noch Schätze zeigen, in deren Besitz ich dich zu setzen gedenke.” -

“Herr,” antwortete Hassan, “ihr wisset, dass ich von meinem Vater abhange; ich kann ohne seine Erlaubnis nicht mit euch gehen.” Der Brahmane sprach deshalb mit seinem Vater, welcher, überzeugt von der guten Gesinnung des Weisen, ihm erlaubte, seinen Sohn mit sich zu nehmen, wohin es ihm gefiele.

Padmanaba ging also mit Hassan aus der Stadt Damaskus; sie erreichten ein altes Gebäude, auf welches sie ihren Weg richteten, und fanden dort einen Brunnen, der bis an den Rand voll Wasser stand. “Bemerke wohl diesen Brunnen,” sprach da der Brahmane, “die Reichtümer, welche ich dir bestimme, sind da drinnen.” – “Desto schlimmer,” antwortete lächelnd der Jüngling. “Ei, wie könnte ich sie aus diesem Abgrunde heraufziehen?” – “O mein Sohn!” erwiderte Padmanaba, “es wundert mich nicht, dass solches dir so schwer scheint: nicht alle Menschen haben die besondere Gabe, die ich habe; nur diejenigen, welche Gott an den wundern seiner Allmacht will teilnehmen lassen, haben die Gewalt, die Elemente zu beherrschen und die Ordnung der Natur zu stören.”

Zu gleicher Zeit schrieb er auf ein Papier einige Buchstaben im Sanskrit, welches die Sprache der Magier in Indien, Siam und China ist. Hierauf tat er nichts weiter, als das Papier in den Brunnen werfen: und also gleich senkte sich das Wasser und versiegte, so dass nichts mehr davon zu sehen war. Nun stiegen sie beide in den Brunnen, in welchem sich eine Treppe zeigte, die sie bis auf den Grund führte.

Hier fanden sie eine Tür von Kupfer, verschlossen mit einem großem Vorlegeschlosse von Stahl. Der Brahmane schrieb ein Gebet auf, berührte damit das Schloss, welches auf der Stelle sich öffnete. Sie stießen die Tür auf, und traten in ein Gewölbe, in welchem sie einen der schwärzesten Mohren erblickten: er stand aufrecht, und hatte die eine Hand auf einen großen Stein von weißem Marmor gestützt. “Wenn wir uns ihm nähern,” sprach der junge Fikaï, “so wird er uns diesen Stein an den Kopf werfen.” In der Tat, sobald der Mohr sah, dass sie herankamen, hub er den ungeheuren Stein vom Boden auf, als wenn er sie damit werfen wollte; Padmanaba sprach aber schleunig ein kurzes Gebet, und blies ihn an: der Mohr konnte der Gewalt der Worte und des Hauches nicht widerstehen, und fiel rücklings nieder.

Sie gingen nun ohne Hindernis durch das Gewölbe, und kamen auf einen Hof von weitem Umfange; in der Mitte desselben stand ein Dom von Kristall, dessen Eingang durch zwei Drachen bewacht war, die einander gegenüber standen und deren offene Rachen Flammenwirbel ausspieen. Hassan erschrak davor, und rief aus: “Gehen wir nicht fürder; diese furchtbaren Drachen werden uns verbrennen.” – “Fürchte nichts, mein Sohn,” sagte der Brahmane; “habe mehr Zutrauen zu mir und sei dreister. Die hohe Weisheit, zu welcher ich dich will gelangen lassen, erfordert Festigkeit; diese Ungeheuer, die dich erschrecken, werden auf meinen Zuruf verschwinden. Ich habe die Macht, den Geistern zu gebieten und alle Bezauberungen zu vernichten.” Hierauf sprach er nur einige kabalistische Worte aus, und sogleich krochen die Drachen in ihre Löcher zurück.

Nun öffnete die Tür des Doms sich plötzlich von selber. Padmanaba und der junge Fikaï traten hinein, und die Augen des letzten wurden angenehm überrascht, als er in einem andern Hofe einen neuen Dom aus Rubin erblickte, auf dessen Gipfel ein Karfunkel von sechs Fuß im Durchmesser stand, welcher durch sein Licht das er überall verbreitete, diesem unterirdischen Orte als Sonne diente.

Dieser Dom war nicht, wie der erste, von schrecklichen Ungeheuern bewacht. Im Gegenteil sechs reizende Standbilder, jedes aus einem einzigen Diamant gemacht, erschienen am Eingange und stellten sechs schöne Frauen dar, welche das Tamburin spielten. Die Pforte, aus einem einzigen Smaragd gehauen, stand offen, und ließ in einen prächtigen Saal schauen. Hassan konnte nicht müde werden, alles zu betrachten, was sich seinen Blicken darbot.

Nachdem er die Standbilder und den Dom von außen wohl beschauet hatte, ließ Padmanaba ihn in den Saal treten, dessen Boden von gediegenem Golde war, und die Decke von Porphyr, überall mit Perlen besäet. Hier nun beschäftigten tausend mannigfaltige Gegenstände, einer immer auffallender als der andere, die gierigen Blicke des Jünglings.

Der Weise ließ ihn hierauf in ein großes viereckiges Zimmer treten: da lag in einem Winkel ein großer Haufe Goldes, in dem andern ein Haufe Rubinen von äußerster Schönheit; in dem dritten ein silberner Krug, und in dem vierten ein Haufe schwarzer Erde.

In der Mitte des Zimmers erhub sich ein prächtiger Thron, und auf demselben stand ein silberner Sarg, in welchem ein König lag, mit einer goldnen mit dicken Perlen geschmückten Krone auf dem Haupte. Vorn an dem Sarge sah man eine breite Goldplatte, auf welcher man folgende Inschrift las, in hieroglyphisch-kabalistischen Schriftzügen, deren sich die alten ägyptischen Priester bedienten:

“Die Menschen schlafen, so lange sie leben: sie erwachen nur in der Stunde des Todes. Was frommt es mir gegenwärtig, ein großes Reich und alle die Schätze, die hier sind, besessen zu haben? nichts während so kurz, als die Glückseligkeit, und alle menschliche Macht ist nur Schwäche. O törichter Sterblicher! so lange du in der schwankenden Wiege des Lebens bist, so rühme dich nicht deines Glückes: gedenke der Zeiten, in welchen die Pharaonen herrschten. Sie sind nicht mehr, und bald wirst auch du aufhören zu sein, wie sie.”

“Was für ein Fürst liegt in diesem Sarge?” fragte Hassan. – “Es ist einer eurer alten Könige von Ägypten,” antwortete der Brahmane, ” er ist es, der dieses unterirdische Gewölbe und diesen reichen Dom von Rubinen hat bauen lassen.” – “Mich verwundert, was du mir sagst,” fuhr der Jüngling fort. “Aus welchem Eigensinne hat dieser König unter der Erde ein Werk erbauen lassen, das alle Schätze der Welt erschöpft zu haben scheint? Alle andere Fürsten, welche der Nachwelt Denkmale ihrer Größe hinterlassen wollen, stellen sie ans Licht, anstatt sie den Augen der Menschen zu verbergen.” – “Du hast Recht,” erwiderte der Brahmane, “aber dieser König war ein großer Kabalist; er entzog sich oft seinem ganzen Hofe, und begab sich an diesen Ort, um Entdeckungen in der Natur zu machen. Er war im Besitze mehrerer Geheimnisse, unter andern auch in dem des Steins der Weisen, wie man an allen den Reichtümern sehen kann, die hier sind, und welche aus diesem Haufen schwarzer Erde hervorgebracht sind, die du in diesem Winkel siehst.” – “Ist es möglich,” rief der junge Fikaï aus, “dass diese schwarze Erde das alles hervorgebracht hat?” – “Zweifle keineswegs daran,” antwortete der Brahmane; “und um es dir zu beweisen, so will ich dir zwei türkische Verse vorsagen, welche das ganze Geheimnis des Steines der Weisen in sich schließen:

Wirgil Arus garby Schachsadey Chitaya
Bir Tifl ola bunlarban sulthan Chob ruyan.

Das heißt buchstäblich: “Vermähle der Braut des Occidents den Sohn des Königs vom Orient; ein Kind wird von ihnen geboren, welches der Sultan der schönen Angesichter ist.” Ich will dir den mystischen Sinn davon sagen: “Lass durch die Feuchtigkeit die trockene Abamische Erde, die aus dem Orient kömmt, auflösen: aus dieser Durchdringung erzeugt sich der philosophische Mercurius, welcher allmächtig ist in der Natur, und die Sonne und den Mond erzeugt; und wenn er den Thron besteigt, so verwandelt er Kiesel in Diamanten und andere Edelsteine.” Der silberne Krug, der in einem Winkel dieses Zimmers steht, enthält das Wasser, oder die Feuchtigkeit, deren man sich bedient, um die trocken Erde zu durchdringen und sie in den Zustand zu setzen, worin sie sich hier befindet. Wenn du von diesem Haufen nur eine Hand voll nimmst, so kannst du, wenn du willst, alle Erze Ägyptens in Silber oder Gold, und alle Steine der Häuser in Diamanten und Rubinen verwandeln.”

“Man muss gestehen,” sagte Hassan, “dass dies eine wunderbare Erde ist; jetzt verwundere ich mich nicht mehr, so viel Reichtümer hier zu sehen.” – “Sie ist noch viel wunderbarer, als ich dir sage,” fuhr der Brahmane fort; “sie heilet Krankheiten aller Art: wenn ein Kranker schon ausgestreckt daliegt, um den Geist aufzugeben, und nur ein Körnlein davon einnimmt, so fühlt er sogleich seine Kräfte wiederkehren, und erhebt sich auf der Stelle in voller Kraft und Gesundheit. Sie hat aber noch eine andere Eigenschaft, welche ich allen übrigen vorziehe: wer sich mit ihrem Safte die Augen reibt, sieht die Geister der Luft und die Dämonen, und hat die Macht, ihnen zu gebieten.

“Nach allem, was ich dir gesagt habe, mein Sohn,” fuhr der Weise fort, “kannst du ermessen, welche Schätze dir zugedacht sind.” – “Sie sind ohne Zweifel unschätzbar,” sagte der Jüngling; “aber bis du mich in den Besitz derselben setztest, darf ich nicht etwas davon mit mir nehmen, um meinem Vater zu zeigen, wie glücklich wir sind, einen solchen Freund zu haben, wie du bist?” – “Ja, du kannst es,” antwortete Padmanaba; “nimm alles, was du willst.” Hassan benutzte die Gelegenheit, belud sich mit Gold und Rubinen, und folgte dem Brahmanen, welcher das Zimmer mit dem Sarge des Königs von Ägypten verließ.

Sie gingen zurück durch den schönen Saal, die beiden Höfe, und das Gewölbe, wo sie den Mohren noch umgestürzt fanden, sie zogen die kupferne Tür hinter sich zu, und sogleich sprang das stählerne Schloss von selber zu. Dann stiegen sie die Treppe hinauf, und sobald sie aus dem Brunnen waren, füllte er sich wieder mit Wasser, und erschien wie zuvor.

Der Brahmane bemerkte, dass der Jüngling über die plötzliche Wiederkehr des Wassers erstaunt war, und fragte ihn: “Woher kommt dieses Erstaunen, dass du bezeigst? Hast du nie vom Talisman17) reden gehört?” – “Nein,” antwortete der junge Fikaï, “und ich möchte gern von euch vernehmen, was es ist.” – “Ich will es dir nicht bloß sagen,” fuhr Padmanaba fort, “sondern dich selbst eines Tages lehren, einen solchen zu machen. Es gibt zwei Arten von Talismanen, den kabalistischen und den astrologischen. Der erste, welcher die höchste Art ist, tut seine wunderbaren Wirkungen vermittelt der Buchstaben, Worte und Gebete; und der zweite wirkt durch die Beziehung, in welcher die Planeten zu den Metallen stehen. Es ist die erste Art der Talismane, deren ich mich bediene. sie ist mir im Traume durch den großen Gott Wischnu18) offenbart, dem Herrn aller Pagoden der Welt.”

“Wisse, mein Sohn,” fuhr der Weise fort, “dass die Buchstaben in Beziehung zu den Engeln stehen: dass es keinen Buchstaben gibt, der nicht durch einen Engel beherrscht wird. Und wenn du mich fragst, was ein Engel ist, so antworte ich dir: es ist eine Strahl oder ein Ausfluss der Allmacht und der Eigenschaften Gottes. die Engel, welche in der übersinnlichen Welt wohnen, beherrschen diejenigen der Himmelswelt, und diese wieder die unserer Erdenwelt. Die Buchstaben bilden Worte, die Worte fügen sich zu Gebeten, und es sind die durch die Buchstaben vorgestellten und in den geschriebenen oder ausgesprochen Gebeten versammelten Engel, die diese Wunder wirken, welche die gewöhnlichen Menschen in Erstaunen setzen.”

Während Padmanaba also zu dem Jünglinge sprach, kehrten beide in die Stadt zurück. Sie kamen heim zu dem Fikáa-Verkäufer, der ganz bezaubert wurde, als sein Sohn ihm das Gold und die Edelsteine zeigte, womit er beladen war. Sie gaben ihre Fikáa-Schenke auf, und fingen an in Überfluss und Vergnügen zu leben.

Nun hatte Hassan eine Stiefmutter von geiziger und ehrsüchtiger Gemütsart. Obgleich er Rubinen von unermesslichem Werte mitgebracht hatte, so fürchtete sie dennoch Geldmangel, und eines Tages sprach sie zu ihm; “O mein Sohn, wenn wir fortfahren so zu leben, wie jetzo, so werden wir bald zu Grunde gehen.” – “Seid unbesorgt deshalb, meine Mutter,” erwiderte er ihr, “die Quelle unseres Reichtums ist noch nicht versiegt. Hättet ihr alle die Schätze gesehen, welche der großmütige Padmanaba mir bestimmt, so würdet ihr nicht diese eitle Furcht haben. Das nächste Mal, das er mich wieder zu dem Brunnen führt, werde ich euch eine Handvoll schwarzer Erde mitbringen, welche euch auf lange Zeit beruhigen wird.” -

“Belade dich lieber mit Gold und Rubinen,” begann die Stiefmutter wieder, “das liebe ich mehr, als alle Erden der Welt. Aber Hassan,” fügte sie hinzu, “es fällt mir ein: da Padmanaba dir alle diese Schätze geben will, warum lehrt er dich nicht alle die erforderlichen Gebete, um nach dem Orte hinab zu steigen, wo sie sich befinden? Wenn er plötzlich stürbe, so wären alle unsere Hoffnungen vereitelt. Übrigens wissen wir auch nicht, ob er es nicht überdrüssig wird, bei uns zu wohnen. Vielleicht ist er schon im begriff, uns zu verlassen und jemand anders seine Reichtümer mitzuteilen. Was mich betrifft, mein Kind, so bin ich der Meinung, dass du den Padmanaba dringend bittest, dich die Gebete zu lehren; und wenn du sie weißt, so wollen wir ihn töten, damit er keinem andern das Geheimnis des Brunnens entdecke.”

Der junge Fikaï war entsetzt über diese Rede: “O meine Mutter,” rief er aus, “was waget ihr da anzutragen! Wie könnt ihr einen so schwarzen Anschlag fassen? Der Brahmane liebt uns; er überhäuft uns mit Wohltaten, er verspricht mir Schätze, welche im Stande sind, die Habgier des größten Herrschers der Erde zu stillen: und zum Lohne für all diese Güte wollt ihr ihm das Leben nehmen! Nein, und wenn ich in meinen vorigen zustand zurückkehren, und mein Lebelang Fikáa verkaufen sollte, so kann ich nicht die Hand bieten zu dem Tode eines Mannes, dem ich so viele Verpflichtungen habe.” – “Du hast sehr gute Gesinnungen, mein Sohn,” erwiderte die Stiefmutter; “aber man muss nur seinen eigenen Vorteil zu Rate ziehen. Das Glück bietet uns eine Gelegenheit, uns für immer zu bereichern, drum wollen wir sie nicht entschlüpfen lassen. Dein Vater, der mehr Erfahrung hat, als du, gibt meinem Vorschlage Beifall, und du musst ihn auch annehmen.”

Hassan fuhr fort, großen Widerwillen gegen die Teilnahme an diesem grausamen Vorsatze zu bezeigen: gleichwohl, da er jung und leichtsinnig war, und seine Stiefmutter ihm so viel vorredete, war er schwach genug, nachzugeben. “Wohlan,” sagte er, “ich will zu Padmanaba gehen, und ihn vermögen, mich die Gebete zu lehren.”

In der Tat ging er auf der Stelle zu ihm, und bat ihn so dringend, ihn alles zu lehren, was man tun müsste, um in das unterirdische Gewölbe zu gelangen, dass der Brahmane, welcher diesen Jüngling aufs zärtlichste liebte, es ihm nicht versagen konnte. Er schrieb jedes Gebet auf ein Papier, und bemerkte genau den Ort, wo es gesprochen werden musste, samt allen übrigen kabalistischen Umständen, und gab sie dann dem Jüngling.

Sobald dieser die Gebete hatte, benachrichtige er davon seinen Vater und seine Stiefmutter, die einen Tag bestimmten, an welchem sie alle drei zu den Schätzen gehen wollten. “Bei unserer Heimkehr,” sagte die Stiefmutter, “wollen wir den Padmanaba töten.”

Der Tag kam, und sie verließen das Haus, ohne dem Brahmanen zu sagen, wohin sie gingen. Sie nahmen ihren Weg nach dem verlassenen Gebäude. Sobald sie dort angelangt waren, zog Hassan das Papier aus seiner Tasche, auf welches das erste Gebet geschrieben war; er hatte es nicht sobald in den Brunnen geworfen, als das Wasser verschwand. Sie stiegen die Treppe hinab, bis zu der kupfernen Türe. Der Jüngling berührte mit einem anderen Gebete das stählerne Schloss, welches sich sogleich öffnete, und sie stießen die Türe auf. Der Mohr, welcher wieder aufrecht stand, im Begriff, seinen weißen Marmorstein zu schleudern, verursachte dem Fikáa-Verkäufer und seiner Frau einigen Schreck; aber Hassan sprach schleunig das dritte Gebet, blies ihn an, und der Mohr fiel zu Boden. Kurz, sie gehen durch das Gewölbe in den Hof mit dem Dome von Kristall; der Jüngling zwingt die Drachen, in ihre Löcher zurück zu kriechen. Dann traten sie in den zweiten Hof; sie gehen durch den Saal, und gelangen endlich in das Zimmer, wo die Rubinen, das Gold, der silberne Krug und die schwarze Erde sind.

Die Stiefmutter gab wenig Achtung auf den Sarg des Königs von Ägypten, und hielt sich nicht dabei auf, die lehrreiche Inschrift desselben auf der goldenen Tafel zu lesen. Noch weniger würdigte sie den Haufen schwarzer Erde, welche ihr Stiefsohn ihr so sehr angepriesen hatte, eines Blickes. Sie warf sich gierig über die Rubinen her, und nahm davon einige so große Menge, dass sie kaum gehen konnte. Ihr Mann belud sich mit Gold, und Hassan begnügte sich, zwei Hände voll schwarzer Erde in seine Tasche zu stecken, in der Absicht, bei seiner Heimkehr Versuche damit anzustellen.

Hierauf verließen alle drei das Zimmer des Königs von Ägypten. Beschwert von der Last der Reichtümer, welche sie fortschleppten, gingen sie fröhlich durch den ersten Hof, als plötzlich drei furchtbare Ungeheuer erschienen, welche gerade auf sie losgingen. Der Fikáa-Verkäufer und seine Frau, von tödlichem Schreck ergriffen, flüchteten sich zu Hassan, welcher nicht minder erschrocken war, als sie , da er kein Gebet hatte, diese Ungeheuer zu vertreiben. “Ha, undankbare und boshafte Stiefmutter!” rief er aus, “Ihr seid die Ursache unsers Verderbens. Padmanaba weiß ohne Zweifel, dass wir hierher gegangen sind; vielleicht hat er durch seine Wissenschaft sogar entdeckt, dass wir seinen Tod beschlossen haben: und um uns für unsere Undankbarkeit zu bestrafen, sendet er uns diese Ungeheuer, uns zu verschlingen.”

Kaum hatte er diese Worte geendigt, als sie in der Luft die Stimme des Brahmanen vernahmen, welcher ihnen zurief: “Ihr seid alle drei Elende, und meiner Freundschaft unwürdig; ihr hättet mir das Leben geraubt, wenn der große Gott Wischnu mich nicht von euerm bösen Anschlage unterrichtet hätte. Ihr sollt meine gerechte Rache erfahren: du Weib, weil du den Anschlag ersonnen hast, mich zu ermorden; und ihr andern beiden, weil ihr so schwach gewesen seid, dem Rate eines Weibes zu folgen, dessen Bosheit ihr verabscheuen musstet.”

Nach diesen Worten ließ sich die Stimme nicht mehr hören, und die drei Ungeheuer rissen den unglücklichen Hassan, seinen Vater und seine schuldige Stiefmutter in Stücken.

“Diese Geschichte lehrt euch, Herr,” fügte der Wesir hinzu, “dass ihr nicht auf die Königin hören sollt, welche euch verleitet, Nurgehan töten zu lassen: “denn, wenn er unschuldig ist, so wird der Himmel euch als Mitschuldigen der Sultanin strafen, eben so, wie Padmanaba den Hassan und seinen Vater bestrafte, obwohl sie nichts weiter getan hatten, als dem bösen Willen seiner Stiefmutter nachzugeben.”

Der Kaiser von Persien war gerührt durch die Erzählung dieser Geschichte, und sprach: “Mein Sohn soll nicht eher sterben, als bis ich augenscheinliche Beweise seines Verbrechens habe.”

Sindbad ging dann wieder auf die Jagd, sich zu erlustigen; und am Abend, als er heimkam, sagte die Sultanin zu ihm: “Ihr habet also Nurgehan noch Frist gegeben?” – Liebe Frau,” antwortete der König, “ehe ich ihn töten lasse, will ich versichert sein, dass er den Tod verdient.” – “Wohlan, Herr,” fuhr die Fürstin fort, “wenn mein Zeugnis euch verdächtig ist, so glaubt doch dem Stillschweigen eures Sohnes, und der Flucht seines Lehrers. Warum hat Abumaschar sich vom Hofe entfernt? Ohne Zweifel hat er die Leidenschaft und die böse Gemütsart des Prinzen entdeckt, und gefürchtet, dass man es ihm zum Vorwurfe machen werde, den Prinzen so schlecht erzogen zu haben? Wenn gegen einen Verbrecher keine Zeugen auftreten, soll er darum der Strenge der Gerechtigkeit entgehen? Nein, Herr! in Ermangelung der Zeugen, muss er auf Anzeigen, und selbst auf bloßen Verdacht, verurteilet werden. Die Anzeigen dienen alsdann anstatt der Beweise. Davon will ich euch überzeugen, wenn ihr mir erlaubet, euch die Geschichte des Sultans Akschid zu erzählen.” – “Ich bin bereit, euch anzuhören, Herrin,” sagte der König. Und sogleich erzählte sie folgendermaßen:

Geschichte des Sultans Akschid

Als Akschid, Sultan von Ägypten, das äußerste Ziel des Alters erreicht hatte, und den letzten Tag seines Lebens herannahen fühlte, versammelte er seine drei Söhne, und sprach zu ihnen: “Meine Kinder, ich werde bald mit meinen Werken vor dem Richterstuhle Gottes erscheinen; aber bevor der Engel des Todes mein Haupt auf mein Kissen hinstreckt, befehle ich euch, mein Leichenbegängnis zu halten. Ich will sehen, auf welche Weise ihr dasselbe anstellen werdet, wenn ich tot bin. Befriediget meine Neugier; gehet sogleich und befehlet in meinem Namen allen meinen Wesiren, dass sie eiligst alle Chane19) und die benachbarten oder mir zinspflichtigen Könige entbieten, sich zu dieser Feierlichkeit einzufinden. Kurz, lasset nichts daran fehlen, und begehet sie mit demselben Pomp, als wenn ich nicht mehr auf der Welt wäre.”

Die drei Prinzen fingen über diese Rede an zu weinen, schickten sich jedoch an, dem Befehle des Königs, ihres Vaters zu gehorchen.

Die Wesire säumten nicht, alle nötigen Befehle für dieses traurige Fest zu erteilen, dessen Tag angesetzt wurde. Die Beys20) machten auch alle Anstalten, die man von ihnen erwartete: so dass alles in Bereitschaft war, als dieser Tag erschien.

Der Palast war mit Trauerteppichen behangen. Auf dem Platze davor wurde die Leibwache, welche fünfzigtausend Mann zählte, in Schlachtordnung aufgestellt; und man verteilte unter sie den Gold in goldenen Beuteln. Hierauf traten alle Beys in das Zimmer des Sultans, der auf seinem Bette Lag; sie nahmen ihn, und trugen ihn auf den Thron, vor welchem vier Wesire einen Sarg unter einen prächtigen Thronhimmel stellten, den vier Königssöhne empor hielten. Sechs Beys begannen nun, überall aus dem Palast genommene Erde, vermischt mit unzähligen Stückchen Taft von allen Farben auszustreuen. Sodann kamen drei Söhne des Sultans, und schmückten den Sarg mit einer ungeheuren Menge von Edelsteinen, und setzten auf denselben die Krone Akschids, die von großen Diamanten blendend strahlte.

Nach diesem nahmen vier Groß-Khane, das heißt, vier unumschränkte Tataren-Fürsten, jeder einen Fuß des Sarges, und stützten ihn mit ihren Armen. Die Scheiche, oder Gelehrten, und die Derwische gingen vor dem Sarge her und sangen Psalmen. Die Sahiden21), oder Einsiedler, folgten ihnen, und einer von diesen, auf einer Kamel-Stute reitend, trug den Koran mit großer Ehrfurcht. Die Königssöhne, die Groß-Khane und ihre Söhne gingen an den Seiten des Sarges; und unmittelbar hinter demselben folgten zweihundert Tamburin-Spieler, welche, auf unbarmherzige Weise ihre Tamburine schlagend, Verse zum Ruhme des Königs sangen, dann plötzlich ihren Gesang unterbrachen, und alle zusammen aus vollem Halse schrieen: “O grausames Schicksal! O unglücklicher Tag! Der König, der gerechteste der Könige, der Eroberer der Reiche, der Vertilger der Feinde, und Ernährer der Freunde, ist tot!” Nach diesem Geschrei warfen sie schwarz gefärbte Mandeln mit vollen Händen auf den Sarg.

Nach diesen Tamburin-Spielern erschienen fünfzig Wesire in langen, schwarzen und blauen Trauerkleidern; und hinter ihnen kamen die Beys, welche sämtlich zerbrochene Bogen in der Hand trugen. Ihnen folgten zehntausend Pferde mit goldnen Sätteln und Zäumen und abgeschnittenen Schwänzen, geführt von zehntausend schwarzen, sämtlich in blaue Säcke gekleideten Sklaven. Endlich beschlossen alle Mädchen des Harems, mit blau und schwarz beschmierten Gesichtern und zerstreuten Haaren, den Trauerzug, und erhuben ein grausliches Geschrei und Geheul.

Bei diesem Schauspiele stieß Akschid einen tiefen Seufzer aus, und rief: “ich habe mein Leichenbegängnis vor meinem Tode gesehen!”

Er befahl darauf, dass man ihm herab helfe vom Thron, und als er unten war, raffte er eine Handvoll von der Erde auf, welche die Beys umhergestreut hatten, rieb sich dabei das Haupt und den Bart, und sprach: “Möge die Erde einen Menschen bedecken, wie ich bin, der während einer so langen Regierung nichts getan hat, das die Nachwelt im Andenken bewahren kann.”

Hierauf wandte er sich an seine Wesire, und sagte: “Ich will Stiftungen machen; schreibet.” Der Großwesir setzte sich in Bereitschaft, zu schreiben, und der Sultan sagte ihm folgende Worte in die Feder: “Erstens, ich bestimme eine Million zweihundert und zwanzigtausend Asper22), zur Erbauung eines Hospitals für Muselmänner, die von der großen Krätze befallen sind. zweitens, ich gebe dieselbe Summe zur Erbauung eines Hofes, wo das Bogenschießen und Kugelspiel gelehrt wird. Drittens, befehle ich die Errichtung einer neuen Karawanserei23), versehen mit schwarzen Sklavinnen, zum Dienste der weißen Reisenden; und zu diesem Zwecke soll man jeden Tag aus meinem Schatze fünfhundert Dinare24) erheben. Viertens und letztens, befehle ich die Erbauung von Bädern, wohin sich verstoßene Ehefrauen zurückziehen können, bis sie einen Hulla25), oder Mittelsmann gefunden haben: und dazu setze ich neunmal hunderttausend Asper aus.”

Als der König diese frommen und milden Stiftungen gemacht hatte, ließ er sich die Bücher des Korans bringen und vorlesen; er schenkte dem Vorleser tausend Dinare; und die Blinden und Lahmen empfingen jeder hundert.

Hierauf wurde auch das Leichenmahl gehalten. Die Speisen wurden in goldenen Gefäßen aufgetragen, und zu allen, denen sie gereicht wurden, sagte man: “Das Gefäß ist auch für euch, es ist euch erlaubt, es mitzunehmen.”

Nach dem Festmahle setzte Vorleser noch alle Sklavinnen seines Palastes in Freiheit.

So war die Feierlichkeit, welche der Sultan anstellen ließ, und die man am folgenden Tage wiederholen musste. Denn er erkrankte noch denselben Tag. Er legte sich, und da er seinen letzten Augenblick herannahen fühlte, berief er die drei Prinzen, seine Kinder, und sprach zu ihnen: “O meine Söhne, ich habe in einem Winkel meiner Kammer, vom Eingange links, ein Kästchen verborgen, welches die schönsten Edelsteine der Welt enthält: ich befehle euch, sie gleich unter euch zu teilen, wenn ich tot bin, und ihr meinem Begräbnisse die Ehre angetan habt, welche ihr ihm schuldig seid.”

Der König starb. Aber der jüngste seiner Söhne, ungeduldig, dies Kästchen zu sehen, wovon er gehört hatte, ging sogleich allein in die Kammer, fand es, und wurde von der Schönheit der Edelsteine dermaßen geblendet, dass er beschloss, sie für sich allein zu behalten, und zu leugnen, dass er sie gefunden hätte.

Nach dem Leichenbegräbnisse des Vaters liefen die beiden andern Prinzen, den derselben Neugier getrieben, wie ihr Bruder, ebenfalls nach der Kammer. Sie suchten nicht bloß in dem Winkel zur Linken vom Eingange, sondern überall, und waren sehr verwundert, dass all ihr Suchen vergeblich war, als der dritte Prinz dazu kam. “Nun meine Brüder,” fragte er sie, “sind die Edelsteine schön?” – “Du weißt es besser als wir,” antwortete der älteste; “ich müsste mich sehr täuschen, wenn du sie nicht entwendet hättest.” – “Ah, wahrhaftig,” fuhr der jüngste fort, “ihr erzählt mir da ein allerliebstes Mährchen; ihr habt sie selber genommen, und klagt mich nun dessen an.”

“Höret meine Brüder,” unterbrach sie der dritte Prinz, “einer von uns muss sie durchaus entwendet haben, weil niemand außer uns die Freiheit hat, diese Kammer zu betreten. Wen ihr mir folgen wollt, so lassen wir den Kadi holen, welcher für den feinsten und durchdringendsten Mann in Groß-Kairo gilt: er wird uns ausforschen und vielleicht den Dieb entdecken.”

Die beiden andern Prinzen stimmten bei, und ließen den Kadi holen. Dieser, nachdem er vernommen hatte, um was es ich handelte, sprach zu ihnen: “Meine Herren Prinzen, bevor ich ausspreche, wer von euch dreien die Edelsteine genommen hat, bitte ich euch, mit Aufmerksamkeit die Geschichte anzuhören, welche ich euch erzählen will …

Scheherasade bemerkte den Tag, und verschob die Fortsetzung ihrer Erzählung auf morgen.


1) Chan-sadè bedeutet (im persischen) Fürstentochter. ­
2) Diese Namen sind die 99 Beinamen, welche die Muselmänner dem Namen Gottes beifügen.
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3) Scheich bedeutet im arabischen, Gelehrter, Doktor. Der Name Schahabeddin, Stern der Religion, leitet sich ab von Schahab, Stern, Licht, und el din, Religion.
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4) Die Scheiche der beschaulichen, kabalistischen Wissenschaften im Morgenland, sind so stolz, dass sie selbst von den Königen Ehrfurcht verlangen, und in der Tat auch haben.
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5) Kairo ist die italienische Aussprache von Kahira, die Überwältigende.
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6) Gram, das irdische Paradies.
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7) Der Dichter Bada Saûdaï ist sonst nicht bekannt, und vielleicht waltet hier ein Missverständnis ob: bâdasch-schuara heißt, von irgend einem Dichter.
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8) Aktscha, gilt einen französischen Liard (ein Viertel Son, bei uns etwa ein Pfennig.)
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9) Mekâschefa heißt die Wissenschaft, durch welche die Gantone die geheimsten Gedanken der Menschen zu erforschen behaupten. Von kaschafa, aufdecken.
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10) Alghàïs an alabsar ist die Kunst sich unsichtbar zu machen. Von ghâba, abwesend, fern sein und basara, sehen.
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11) Kun ist der Imperativ von kâna, sein.
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12) Die Kapidschis oder Türhüter, dienen zur Bewachung des Einganges des Serails, und vollziehen die Befehle des Sultans. In Konstantinopel zählt man zwölf Kapidschi Baschi’s, die 45 Kompanien unter sich haben.
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13) Die Abwaschung nach dem Beischlaf schreibt der Koran vor.
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14) Mahmûd bedeutet, der Gelobte, so wie Muhamm’ed (die eigentliche Form für unser Mohammed), der stets zu Lobende: von hamada, loben. Davon auch der Name Achmet.
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15) Fikáa ist ein aus Gerste, Wasser und Rosinen bereitetes Getränk, dessen Verkäufer Fikaï heißt.
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16) Ein Mangir ist weniger als ein Pfennig.
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17) Talisman ist Entstellung des arabischen talsim: wie Muselman von Moslim.
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18) Wischnu ist die zweite Person in der indischen Dreieinigkeit, und das Sinnbild der erhaltenden Macht. Er wird gewöhnlich mit vier Armen und einem Lotus in der Hand vorgestellt. Er reitet oft auch auf einen fabelhaften Vogel, der einen Menschenleib und den Schnabel und die Flügel eines Sperbers hat. Seine Gattin ist Lackmi, die Göttin der Schönheit und der Reichtümer, und Mutter Dipuk’s, des Liebesgottes.
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19) Han (was im Mittelalter durch Hund missdeutet wurde), bedeutet im arabischen nur eine Herberge.
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20) Bèy ist eigentlich ein Statthalter.
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21) Sayde bedeutet, der Glückliche, von Saada.
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22) Asper, eine türkische Münze, drei Pfennige an Wert.
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23) Karawanserei, Herberge für Karawane, vom (pers). kairuan, und feraï, Schloss, französiert Serail. So viel als Han.
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24) Dinar, ein Goldstück, so viel als ein Dukaten, auf welches zwanzig, später fünfundzwanzig Dirhim (vom pers. Direm) gehen. Wohl ursprünglich eins mit denarius, Denar.
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25) Hulla heißt Zwischenmann, welcher erforderlich ist, um eine verstoßene Frau wieder nehmen zu dürfen.
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13. Nacht

admin am Dez 22nd 2011

13. Nacht

Gegen das Ende der dreizehnten Nacht setzte Scheherasade, um die Neugier ihrer Schwester Dinarsade zu befriedigen, mit Erlaubnis des Sultans, ihres Herrn, die Geschichte des griechischen Königs und des Arztes Duban fort.

“Der griechische König,” fuhr der Fischer fort, “begnügte sich nicht, den Arzt Duban an seine Tafel zu ziehen, sondern gegen Ende des Tages, als er die Versammlung entlassen wollte, ließ er ihn noch mit einem langen, sehr reichen Rocke bekleiden, gleich denen, welche seine Hofleute gewöhnlich in seiner Gegenwart trugen; den nächsten Morgen und die folgenden Tage hörte er nicht auf, ihm sein Wohlwollen zu bezeigen. Kurz, dieser Fürst glaubte die Verpflichtungen, welche er diesem geschickten Arzte hatte, nicht genugsam erkennen zu können, und überhäufte ihn täglich mit neuen Wohltaten.

Nun hatte dieser König einen Großwesir, der war geizig und neidisch und von Natur fähig zu Verbrechen aller Art. Nicht ohne Ärger hatte er die Geschenke ansehen können, welche dem Arzte gemacht wurden, dessen Verdienste ihn überdies in den Schatten zu stellen anfingen; er beschloss also, ihn in der Gunst des Königs zu stürzen.

In dieser Absicht ging er zu diesem Fürsten, und sagte ihm insgeheim, dass er ihm eine Entdeckung von der äußersten Wichtigkeit mitzuteilen hätte. Auf die Frage des Königs, worin dies bestände, antwortete er: “Herr, es ist sehr gefährlich für einen König, sein Vertrauen einem Manne zu schenken, dessen Treue er noch nicht geprüft hat. Euer Majestät überhäuft den Arzt Duban mit Wohltaten und verschwendet alle Liebkosungen an ihn, und weiß nicht, dass er ein Verräter ist, welcher sich an Euren Hof eingeschlichen hat, um Euch zu ermorden.”

“Von wem hast du, was du mir zu sagen wagst?” fragte der König. “Bedenke wohl, dass du zu deinem Herrn sprichst, und hier eine Sache vorbringst, welche ich nicht so leichthin glauben werde.” – “Herr,” erwiderte der Wesir, “Ich bin vollkommen unterrichtet von dem, was ich die Ehre habe euch vorzutragen. Überlasset euch nicht einem gefährlichen Zutrauen. Wenn Euer Majestät schläft, so möge sie erwachen; denn kurz, ich wiederhole es, der Arzt Duban ist tief aus Griechenland, seinem Vaterland, nur deshalb an euren Hof gekommen, um sein schreckliches Vorhaben zu vollbringen, wovon ich Euch gesagt habe.”

“Nein, nein, Wesir,” unterbrach ihn der König, “ich bin sicher, dass dieser Mann, den Du einen Treulosen und Verräter schiltst, der tugendhafteste und beste aller Menschen ist; es gibt keinen Menschen auf der Welt, den ich so sehr liebe, als ihn. Du weißt, durch welches Mittel, oder vielmehr durch welches Wunder, er mich von dem Aussatze geheilt hat: wenn er mir nach dem Leben trachtete, warum hat er es denn gerettet? Er durfte mich ja nur meinem Übel überlassen; ich konnte ihm nicht entgehen; mein Leben war schon halb verzehrt. Höre also auf, mir ungerechten Argwohn einflößen zu wollen; anstatt darauf zu achten, kündige ich dir an, dass ich von heut an diesem großen Manne für sein ganzes Leben ein Gehalt von tausend Zeckinen monatlich gebe. Wenn ich alle meine Reichtümer, ja selbst mein Reich, mit ihm teilte, so würde ich ihn noch nicht genug belohnen für das, was er an mir getan hat. Ich sehe wohl, dass seine Tugend deinen Neid erregt; aber glaube nicht, dass ich mich ungerechterweise wider ihn einnehmen lasse; ich erinnere mich zu wohl dessen, was die Wesire dem König Sindbad, ihrem Herrn, sagten, um ihn daran zu verhindern, den Prinzen, seinen Sohn, töten zu lassen …”

“Aber Herr,” fügte Scheherasade hinzu, “der anbrechende Tag verbietet mir fort zu fahren.” – “Es gefällt mir sehr an dem griechischen Könige,” sagte Dinarsade, “dass er die Festigkeit hat, die falsche Anklage seines Wesirs abzuweisen.” – “Wenn du heute die Festigkeit dieses Fürsten lobst,” unterbrach sie Scheherasade, “so wirst du morgen seine Schwachheit tadeln, wenn der Sultan vergönnt, dass ich diese Geschichte zu Ende erzähle.” -

Der Sultan, neugierig, worin der griechische König diese Schwäche zeigte, schob abermals den Tod der Sultanin auf.

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12. Nacht

admin am Dez 22nd 2011

12. Nacht

Die zwölfte Nacht war schon weit vorgerückt, als Scheherasade den Faden der Geschichte des Griechischen Königs und des Arztes Duban wieder aufnahm:

“Herr, der Fischer fuhr also fort, dem in dem Gefäße verschlossen gehaltenen Geiste zu erzählen: “Der Arzt Duban stand wieder auf, und nachdem er eine tiefe Verbeugung gemacht hatte, sagte er zu dem König, er fände es heilsam, dass seine Majestät zu Pferde stiege und sich nach dem Platze zum Kugelspiel begäbe.

Der König tat, was ihm gesagt wurde, und als er auf der Bahn des Kugelspiels zu Pferde war, kam der Arzt mit der von ihm zubereiteten Kolbe, überreichte sie ihm, und sprach: “Herr, spielt mit dieser Kolbe, und treibt damit die Kugel auf die Bahn, bis dass ihr Eure Hand und Euren Leib in Schweiße fühlt. Wenn das Heilmittel, welches ich in den Handgriff dieser Kolbe eingeschlossen habe, durch Eure Hand erwärmt wird, so durchdringt es Euren ganzen Leib; und sobald Ihr schwitzt, habt Ihr nichts zu tun, als mit Spielen aufzuhören, denn das Mittel hat alsdann seine Wirkung getan. Und wenn Ihr in den Palast zurückkommt, so gehet ins Bad, und lasst euch tüchtig waschen und reiben: darauf legt euch zu Bett, und wenn ihr morgen aufstehet, so werdet ihr geheilt sein.”

Der König nahm die Kolbe und trieb sein Pferd der Kugel nach, welche er ausgeworfen hatte, er schlug sie, und sie wurde ihm von den Hofleuten, die mit ihm spielten, zurückgeschlagen, er schlug sie abermals, und kurz, das Spiel dauerte so lange, bis seine Hand, wie sein ganzer Leib davon schwitzte: da tat das in den Handgriff eingeschlossene Mittel die Wirkung, welche der Arzt beabsichtigt hatte. Sogleich hörte der König auf zu spielen, kehrte in seinen Palast zurück und ging ins Bad, kurz, er beobachtete ganz genau alles, was ihm vorgeschrieben war.

Er befand sich sehr wohl darnach, denn am folgenden Morgen beim Aufstehen bemerkte er mit so viel Erstaunen als Freuden, dass sein Aussatz geheilt und sein Leib so rein war, als wenn er niemals von dieser Krankheit befallen gewesen wäre.

Sobald er angekleidet war, trat er in den Reichssaal, bestieg seinen Thron, und ließ sich allen seinen Hofleuten sehen, welche die Begierde, den Erfolg des neuen Heilmittels zu erfahren, schon frühe dort versammelt hatten. Als sie den König völlig geheilt sahen, bezeigten alle die größte Freude darüber.

Der Arzt Duban trat in den Saal, warf sich vor dem Throne nieder und berührte mit dem Gesicht die Erde, und sprach hierauf folgende Verse aus:

“Die Tugenden gewinnen an Wert, weil du Vater derselben genannt wirst: und welcher Fürst verdient jemals diesen Namen so, wie du, der du sie besitzest?

Du, dessen Antlitz mit einem Glanze strahlet, fähig die dunkelste Nacht zu erleuchten!

Möge es nie aufhören zu glänzen, so ernst auch das Antlitz der Zeiten blicken möge!

Deine Freigebigkeit hat uns mit Wohltaten überhäuft: Du warst mir wie eine reiche Regenwolke ausgetrockneten Hügeln.

Du hast deine Reichtümer verschwendet, und dein Ziel, den höchsten Ruhm, erreicht!”

Hierauf rief ihm der König, ließ ihn an seiner Seite sitzen, zeigte ihn der Versammlung und gab ihm öffentlich alle die Lobeserhebungen, welche er verdiente. Damit ließ dieser Fürst es noch nicht bewenden, sondern da er an diesem Tag den ganzen Hof bewirtete, so ließ er den Arzt an seinem Tische mit ihm allein speisen …”

Bei diesen Worten bemerkte Scheherasade, dass es Tag war, und hörte auf in ihrer Erzählung.

Schachriar erhob sich, sehr zufrieden mit dem, was er gehört hatte, und erwartete den folgenden Tag.

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16. Nacht

admin am Dez 22nd 2011

16. Nacht

Geschichte des Prinzen von Karisme und der Prinzessin von Georgien

Ein König von Karisme, welcher keine Kinder hatte, brachte unaufhörlich dem Himmel Gelübde und Opfer dar, um einen Erben zu erhalten. Der erhabene Gott nahm sein Opfer an, und schenkte ihm einen Sohn, schöner als der Tag. Er feierte dessen Geburt durch prächtige Feste; er erteilte Einigen Statthaltereien, andern Jahrgehalte; kurz, all seine Völker genossen seiner Freude.

Er vergaß auch nicht, alle Sterndeuter seines Reichs zu versammeln, und befahl ihnen, dem Prinzen das Horoskop zu stellen. Aber ihre Beobachtungen waren dem Könige nicht sehr angenehm; denn sie verkündigten ihm, dass sein Sohn bis zum Alter von dreißig Jahren von zahllosen Unfällen bedroht wäre, und dass Gott allein die Unfälle wüsste, welche ihm zustoßen sollten.

Diese Verkündigung verminderte sehr die Freude des Königs; er empfand einen lebhaften Schmerz darüber: gleichwohl, als wenn er gegen die Sterne ankämpfen wollte, ließ er seinen Sohn unter seinen Augen erziehen, und nahm alle erdenklichen Vorsichtsmaßregeln, ihn vor jedem Unfall zu bewahren; und es gelang ihm mehrere Jahre hindurch.

Der Prinz war schon fünfzehn Jahre alt, ohne dass noch ein böses Abenteuer sein Horoskop bestätigt hatte: dennoch, da man vergebens seiner Bestimmung widerstrebt, geschah es eines Tages, indem er am Ufer des Meeres ritt, dass ihm die Lust ankam, auf dem Wasser zu fahren. Er ließ eine Barke bereiten, und bestieg sie mit vierzig Personen seines Gefolges. Kaum waren sie in offener See, als ein Europäischer Seeräuber heran kam und sie angriff; sie taten einigen Widerstand: aber der Korsar war der stärkere, er bemächtigte sich der Barke: und führte sie alle nach der Insel der Samsaren, wo er sie verkaufte.

Die Samsaren waren scheußliche Menschenfresser, und hatten Menschenleiber mit Hundsköpfen. Sie versperrten den Prinzen von Karisme und seine Leute in einem Hause, wo sie dieselben mit Rosinen und Mandeln fütterten. Täglich führten sie einen von ihnen in die Küche des Königs, wo sie ihn schlachteten, und Ragouts von ihm machten, welche Seine samsardische Majestät höchst vortrefflich fand.

Als die vierzig Mann des Gefolges gefressen waren, erwartete der Prinz von Karisme, welchen man, als den leckersten Bissen, bis zuletzt aufgespart hatte, dasselbe Schicksal. In dieser grausamen Erwartung sprach er bei sich selber: “Ich weiß wohl, dass ich dem Tode nicht entgehen kann; aber warum soll ich mich feige abschlachten lassen? Ist es nicht besser, mein Leben teuer zu verkaufen? Ja, ich will mich wehren, meine Verzweiflung soll wenigstens einigen dieser nach Menschenblut gierigen Ungeheuer verderblich werden.”

Er hatte diesen Entschluss gefasst, als er die Samsaren eintreten sah. Er ließ sich ohne Widerstand in die Küche des Königs führen; aber sobald er dort war, und auf dem Tische ein großes Messer erblickte, womit man ihm die Kehle abschneiden wollte, raffte er all seine Kraft zusammen, zerriss die Bande, welche seine Hände gefesselt hielten, ergriff ungestüm das Messer, und schlug damit die Samsaren, welche ihn hergebracht hatten; er tötete einen nach dem andern: dann warf er sie vor die Küchentür hinaus, und alle, die es wagten ihm zu nahen, fielen unter seinen Streichen. Der ganze Palast war alsbald in Aufruhr, und hallte wider von Geschrei und Geheule.

Als der König die Ursache davon vernahm, war er erstaunt, dass ein einziger Mensch so vielen Leuten widerstehen konnte; er ging selber zu ihm hin, und sprach zu ihm: “O Jüngling, ich bewundere deinen Muth, und schenke dir das Leben; kämpfe nicht mehr gegen meine Untertanen, deren Menge dich zuletzt überwältigen würde. Sage mir, wer ist dein Vater?” -

“Herr,” antwortete der Prinz, “ich bin der Sohn des Königs von Karisme.” – “Die tapfern Taten, welche du eben begangen hast,” antwortete der König, “beweisen hinlänglich deinen edlen Ursprung, fürchte nichts mehr, mein Hof soll fortan nur ein Aufenthalt des Vergnügens für dich sein; du sollst der glücklichste der Menschen werden, weil ich dich zu meinem Schwiegersohn erwähle: ich will, dass du auf der Stelle meine Tochter heiratest; es ist ein liebenswürdige Prinzessin. Alle Prinzen an meinem Hofe sind sterblich verliebt in sie; aber ich halte dich für den ihrer würdigsten.” – “Herr,” erwiderte der Prinz, wenig erbaut von diesem Antrage; “Euer Majestät tut mir zu viel Ehre an: mich dünkt, ein samsarischer Prinz würde der Prinzessin anständiger sein, als ich.” – “Nein, nein,” sagte der König mit Ungestüm, “ich verlange, dass du sie heiratest, ich wünsche es: widersetze dich nicht länger meinem Willen, sonst könnte es dich gereuen.”

Scheherasade bemerkte den Tag, und brach hier ihre Erzählung ab.

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15. Nacht

admin am Dez 22nd 2011

15. Nacht

Als in der folgenden Nacht Dinarsade ihre Schwester Scheherasade aufgeweckt hatte, fuhr diese, mit Erlaubnis des Sultans, folgendermaßen fort:

“Herr, der Kadi erzählte den drei Prinzen, bevor er sein Urteil aussprach, folgende Geschichte:

“Es war einmal ein junger Mann, der ein junges Mädchen leidenschaftlich liebte, und von ihr wieder geliebt wurde. Sie wünschten beide, dass eine glückliche Heirat sie vereinen möchte: aber die Eltern des Mädchens hatten andere Absichten mit ihr, sie versprachen sie mit einem andern Manne, und waren eben bereit, sie ihm zu überliefern, als sie ihrem Geliebten begegnete.

“Ihr wisst nicht, was vorgeht,” sagte sie weinend zu ihm; “meine Eltern geben mich einem Manne, den ich niemals gesehen haben; ich muss auf die süße Hoffnung verzichten, die Eurige zu werden: welche harte Notwendigkeit.” – “Ach! Meine Königin,” rief der verzweifelte Liebhaber aus, “meine Sultanin, was sagt ihr da? Ist es möglich, dass man euch meinen Wünschen entreißt? O Himmel! Was soll aus mir werden?” Indem er diese Worte aussprach, kamen ihm die Tränen in die Augen.

Sie begannen beide, sich über ihr Unglück zu beklagen, und erweichten einander. Aber während der Liebhaber nur mit seinem Kummer beschäftiget war, dachte die gute Geliebte zugleich daran, seinen Kummer zu lindern. “Mäßiget diesen lebhaften Schmerz,” sagte sie zu ihm; “ich verspreche euch, in meiner ersten Hochzeitnacht, bevor ich mich mit meinem Manne zu Bette lege, zu euch in eure Wohnung zu kommen.” Dieses Versprechen tröstete ein wenig den Liebhaber, welcher diese Nacht mit großer Ungeduld erwartete.

Unterdessen machten die Eltern der Braut alle Anstalten zu der Hochzeit; und kurz, sie vermählten sie mit dem ihr bestimmten Manne.

Es war Nacht, und schon hatten sich die Neuvermählten in die Brautkammer zurückgezogen, und schickten sich an, sich zu Bette zu legen, als der Mann gewahrte, dass seine Frau bitterlich weinte. “Was habt ihr, liebe Frau?” fragte er sie, “und was ist die Ursache eurer Tränen? Wenn ihr Widerwillen hattet, euch mir hinzugeben, warum habt ihr mir es nicht eher kund getan? Ich würde euch nie zur Heirat gezwungen haben.”

Die Frau antwortete, dass sie keinen Widerwillen gegen ihn hätte. “Wenn das ist, liebe Frau,” fuhr er fort, “warum denn betrübt ihr euch so? saget es mir, ich beschwöre euch darum.” Kurz, er drang so stark in sie, dass sie ihm gestand, sie hätte einen Geliebten; jedoch wäre weniger die Leibe zu ihm der Gegenstand ihres Kummers und ihrer Tränen, als die Unmöglichkeit, worin sie sich befände, ihr ihm gegebenes Wort zu halten.

Der Mann war ein gutmütiger Mensch, und dabei von heiterer Laune; er bewunderte die Einfalt seiner Frau, und sagte zu ihr: “Liebe Frau, ich weiß euch eurer Freimütigkeit so großen Dank, dass ich, anstatt euch Vorwürfe zu machen, dieses unzeitige Versprechen getan zu haben, euch vielmehr erlauben will, es zu erfüllen.” – “Wie, Herr,” unterbrach sie ihn, sehr überrascht, “ihr könnet einwilligen, dass ich meinen Geliebten zu besuchen ginge?” – “Ja, ich willige drein,” erwiderte der Mann, “unter der Bedingung, dass ihr vor Tage wieder hier seid, und dass ihr mir gelobet, niemand wieder dergleichen Versprechen zu tun. Da ihr eurer Zusage so getreu seid, so glaube ich darauf rechnen zu können.” Sie schwur ihm, wenn er so gefällig gegen sie wäre, ihr diesen Ausgang zu gestatten, sie ihm immerdar getreu sein würde, und es das letzte Mal sein sollte, dass sie mit ihrem Liebhaber spräche.

Im Vertrauen auf diesen Schwur ging der Mann selber hin und öffnete ihr leise die Türe nach der Straße, damit niemand vom Hausgesinde das Abenteuer erführe; und die Frau trat hinaus, noch in ihren Hochzeitkleidern, bedeckt mit einer großen Menge von Perlen und Diamanten.

Kaum hatte sie zwanzig Schritte getan, als sie einem Räuber begegnete, der, als er im Mondschein die Edelsteine erblickte, womit sie geschmückt war, ganz entzückt vor Freuden ausrief: “Ha, welch ein Glück! O Schicksal, welchen Dank bin ich dir schuldig, dass du mir die Gelegenheit darbietest, auf einmal reich zu werden.”

Mit diesen Worten nähert er sich der Frau, hält sie an, und schickt sich an, sie zu berauben. Aber indem er ihr ins Angesicht blickte, erschien sie ihm auf einmal so schön, dass er ganz verdutzt davon ward. “Was sehe ich?” sagte er, “es ist keine Täuschung, die mich blendet; o Himmel! kann man auf einmal so viel Reichtümer und so viel Schönheit sehen? Welche Schätze! welche Reize! Ich weiß nicht, womit ich anfangen soll. – Aber schöne Frau,” fügte er hinzu, darf ich meinen bezauberten Augen trauen? durch welchen Eigensinn des Schicksals wandelt eine so reizende und so reich gekleidete Frau um diese Stunde allein auf der Straße?”

Die Frau erzählte ihm unbefangen den Zusammenhang. Der Räuber hörte ihr mit Verwunderung zu. “Wie? schöne Frau,” sagte er zu ihr; euer Mann hat für euch diese Gefälligkeit, und um eure Tränen zu trocknen, hat er einem andern die köstlichste seiner Nächte abtreten wollen?” – “Ja, Herr,” antwortete sie. “In Wahrheit, schöne Frau,” erwiderte der Räuber, “dieser Zug ist einzig. Ich bin davon bezaubert; und da ich auch liebe, ungewöhnliche Dinge zu tun, so will ich weder eure Juwelen, noch eure Ehre antasten; ich lasse euch euren Weg fortsetzen; ich will ein eben so außerordentlicher Räuber sein, als euer Mann ein außerordentlicher Ehemann ist: gehet und besuchet euren glücklichen Geliebten. Aber ich will euch dahin führen und euer Begleiter sein: denn ihr könntet auf einen minder bedenklichen Räuber stoßen, als ich bin.”

Mit diesen Worten fasste er sie bei der Hand, und begleitete sie bis zum hause des Geliebten; darauf sagte er ihr Lebewohl, und entfernte sich.

sie klopft an die Türe, man öffnet. Sie steigt hinauf in das Zimmer ihres Geliebten; er ist sehr erstaunt, sie zu sehen. “O mein Geliebter,” sagte sie zu ihm, “ich komme mein euch gegebenes Wort zu halten: heute bin ich verheiratet worden.” – “Und wie,” ruft der junge Mann aus, ” wie habt ihr euch der glühenden Ungeduld eines Bräutigams entziehen können? Ihr müsstet, wie mich deucht, in diesem Augenblick in seinen Armen sein.” Die Frau machte ihm hierauf ebenfalls einen offenherzigen Bericht von dem, was zwischen ihr und ihrem Manne vorgegangen war.

Der Geliebte war darüber nicht minder verwundert, als es der Räuber gewesen war. “Ist es möglich, Herrin,” sagte er zu ihr, “dass euer Ehemann euch erlaubt hat, ein Versprechen zu erfüllen, welches ihn entehrt, und das ihm ein Kleinod raubt, von welchem seine Einbildungskraft sich die reizendste Vorstellung machen musste.” – Ja, mein teurer Geliebter,” fuhr die Frau fort, “er willigt ein, dass ich euer Verlangen erfülle, um mein Wort zu lösen; aber ihr seid nicht allein meinem Manne dieses Gut schuldig, das er euch überlässt, ihr verdankt es auch der Großmut eines Räubers, dem ich auf dem Wege hierher begegnet bin.” Zugleich erzählte sie ihm die Zwiesprache, welchen sie mit dem Räuber gehabt hatte. Die Verwunderung des Geliebten verdoppelte sich: “Darf ich glauben,” sagte er, “was ich höre? Ein Bräutigam hat die Güte, einen solchen Schritt gut zu heißen; ein Räuber ist großmütig genug, nicht die schönste Gelegenheit benutzen zu wollen, welche der Zufall ihm jemals darbieten kann. Dies Abenteuer ist ohne Zweifel neu, und verdient aufgeschrieben zu werden: alle kommende Jahrhunderte werden es bewundern, aber, um die Bewunderung der Nachwelt noch zu vermehren, will ich hinter dem Räuber und dem Bräutigam nicht zurückbleiben; ich folge ihrem Beispiele. Also, schöne Frau, ich gebe euch euer Wort zurück, und erlaubet, wenn es euch gefällt, dass ich euch nach eurem hause begleite.”

Indem er dieses sagte, gab er ihr die Hand, und führte sie bis an die Tür ihres Mannes, wo sie von einander schieden. Die Frau trat hinein, und der Geliebte kehrte heim.

“Saget mir nun, meine Prinzen,” fuhr der Kadi von Kairo fort, “wen von diesen dreien haltet ihr für den Großmütigsten, den Mann, den Räuber, oder den Geliebten?”

Der älteste Prinz sagte, derjenige, den er am meisten bewunderte, das wäre der Mann. Der zweite Prinz behauptete, der Liebhaber sei der bewundernswürdigste. “Und ihr, gnädiger Herr,” fragte der Kadi den jungen Prinzen, der noch schwieg, “welcher Meinung seid ihr?” – “Mir scheint,” antwortete dieser junge Prinz, “dass der Räuber der großmütigste ist: ich begreife nicht, wie er den Reizen der Braut widerstehen, und vor allen, wie er sich enthalten konnte, sie zu berauben. Die Diamanten, mit welchen sie geschmückt war, mussten seine Habgier mächtig reizen, und es ist zu bewundern, wie er es vermochte, einen so großen Sieg über sich davon zu tragen.” -

“Prinz,” erwiderte ihm der Kadi, indem er ihn scharf anblickte, “ihr bewundert zu sehr die Gewalt, welche der Räuber über sich hatte, als dass ich euch nicht im Verdacht haben sollte, die Edelsteine eures seligen Vaters genommen zu haben: ihr habt euch selber verraten. Bekennet es, gnädiger Herr, und lasst euch nicht von einer falschen Scham zurückhalten; seid ihr schwach genug gewesen, einem Antriebe der Habgier zu weichen, so könnt ihr jetzt eure Schwäche sühnen, indem ihr sie bekennet.”

Der Prinz errötete bei dieser Anrede, und bekannte die Wahrheit.

 

Die Sultanin von Persien erzählte diese Geschichte nicht ohne Wirkung: Die boshaften Folgerungen, welche sie daraus zog, machten Sindbad schwankend; und sie bestimmte ihn vollends durch folgende Rede: “Herr, ihr seid eurem letzten Tage viel näher, als ihr wähnet: euer Sohn, dieser boshafte Sohn, dessen Leben eure Wesire durch ihre gefährliche Beredsamkeit euch verlängern lassen, wird euch vielleicht morgen schon den Dolch ins Herz stoßen. Wehe mir!” fügte sie hinzu, “was soll aus mir werden, wenn ihr umkommet? Aber was frage ich, was aus mir werden soll? Mein Leben kümmert mich wenig: ich fürchte nur den Tod meines Königs, meines Gatten, den ich einzig liebe.”

Indem sie dieses sagte, fing sie an zu weinen; und ihre Verstellung machte auf den Kaiser einen solchen lebhaften Eindruck, dass er ganz erweicht ausrief: “Trocknet eure Tränen, schöne Sultanin; ich will meinem Sohne nicht länger verzeihen; er ist nur zu schuldig, weil er euch in Tränen versetzt. Wir wollen uns jetzo zur Ruhe legen; und seid versichert, gleich morgen, sobald der weiße Widder den schwarzen bis in den äußersten Westen der Erde vertrieben hat1), werde ich unserm gemeinsamen Feinde das Haupt abschlagen lassen.”

Der Kaiser stand am folgenden Morgen wirklich mit dem Vorsatze auf, der Königin Genugtuung zu gewähren; er setzte sich auf den Thron und befahl dem Scharfrichter, ihm den Prinzen vorzuführen.

Der neunte Wesir ermangelte aber auch nicht, hervor zu treten, und um Nurgehans Leben zu bitten; der König aber legte ihm Stillschweigen auf, und sprach zornig zu ihm: “Wesir, es ist vergeblich, dass du zu Gunsten meines Sohnes zu mir redest: sein Tod ist beschlossen.”

Darauf hub der Wesir ein zusammengefaltetes Papier empor, überreichte es dem Kaiser, und sprach zu ihm: “Euer Majestät geruhe, sich wenigstens dieses Papier vorlesen zu lassen, und zu vernehmen, was es enthält: darnach möge sie tun, was sie gut dünkt.”

Sindbad nahm selber das Blatt, entfaltete es, und las folgende Worte:

“O weiser und immerdar beglückter König! ich habe die Sterndeutung zum besonderen Gegenstande meiner Forschungen gemacht; ich habe dem Prinzen das Horoskop gestellt, und gefunden, dass er vierzig Tage lang in äußerster Gefahr schweben wird: hütet euch wohl, ihn töten zu lassen, bevor diese verflossen sind.”

Alle Wesire vereinigten ihre Bitten mit dieser Warnung: “O König,” sprachen sie, “um Gottes Willen, wartet, bis die vierzig Tage vorüber sind; es wird euch nicht gereuen, diese Geduld gehabt zu haben.”

“Ja, ohne Zweifel;” setzte der neunte Wesir hinzu, “und wenn der König es mir erlauben will, so will ich ihm eine Geschichte erzählen, welche einige Ähnlichkeit mit der Geschichte Nurgehans hat; und Seine Majestät wird eingestehen, dass die Geduld alle Unfälle besiegt.” – “Wohlan, Wesir,” sagte der König, “so erzähle uns denn diese Geschichte.”

Darauf begann der neunte Wesir folgendermaßen:


1) Der weiße und schwarze Widder bezieht sich wohl auf eine mythische Vorstellung von Tag und Nacht. ­

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19. Nacht

admin am Dez 22nd 2011

19. Nacht

“Herr,” sagte Scheherasade, “der griechische König, welcher seinem Wesir die Geschichte des Königs Sindbad erzählte, fuhr folgendermaßen fort:

“Als der Kaiser am Abend in den Palast zurückkam, hielt die Sultanin ihm eine Schale voll Gift vor, und sprach zu ihm: “Herr, wenn ihr mir nicht Gerechtigkeit verschafft, so erkläre ich euch, dass ich dieses Gift hier trinken will, und ihr werdet dieses Verbrechen vor Gott zu verantworten haben. Eure Wesire, ich weiß es, suchen euch einzuschüchtern, indem sie euch von der Arglist meines Geschlechts erzählen; aber das eurige ist nicht minder gefährlich; ich berufe mich zum Beweise davon nur auf die Geschichte des Malers von Ispahan.”

Auf Verlangen des Kaisers erzählte Chansade diese Geschichte folgendermaßen:

Geschichte Mahmuds

Ein Maler sah eines Tages bei einem seiner Freunde das Bildnis einer Frau, in welche er sich leidenschaftlich verliebt; er hatte keine Ruhe, als bis er vernahm, wo diejenige sich befände, welche als Urbild desselben gedient hatte. Man sagte ihm, es wäre das Bildnis einer berühmten Sängerin des Großwesirs am Hofe von Persien.

Sogleich machte Mahmud sich auf den Weg nach Ispahan. Nachdem er Tag und Nacht gereist war, kam er in dieser Stadt an, und nahm seine Wohnung bei einem Apotheker. Er säumte nicht, von seinem Wirt Erkundigungen einzuziehen, und vernahm von ihm, dass das Reich in großer Unruhe wäre, wegen der Verfolgungen, welche der Sultan gegen die Zauberer anstellte. In gleicher Zeit entdeckte Mahmud, dass der Gegenstand seiner Liebe eine der Sklavinnen des Wesirs war: und hierauf berechnete er seinen Anschlag.

Nachdem er sich mit allen, einem Räuber nötigen Werkzeugen versehen hatte, begab er sich in einer Nacht zu dem Palast des Wesirs, in welchen er vermittelst eines Seiles leicht Eingang fand. Über das flache Dach gelangte er mitten auf einen Hof, von wo er ein hell erleuchtetes Gemach erblickte.

Er wandte sich nach dieser Seite, und trat in das Zimmer: Hier sah er ein Frauenbild, schön wie die Sonne am heitern Sommertag, im Schlaf liegen, auf einem elfenbeinern mit Gold ausgelegten Ruhebett, umgeben von Lampen, welche nach allen Seiten das glänzendste Licht verbreiteten. Indem er sich ihr näherte, erkannte er sogleich, dass es die Schöne war, die er suchte.

Darauf zog er einen Dolch aus seinem Gürtel und machte ihr an der Hand eine leichte Wunde, so dass sie erwachte. Die Schöne wurde von Furcht ergriffen, als sie ihn mit dem Dolch in der Hand erblickte. Sie hielt ihn für einen Räuber, bat ihn, ihr das Leben zu lassen, und bot ihm einen prächtigen Schleier, der mit Perlen und köstlichen Steinen besät war.

Mahmud nahm den Schleier, und verließ den Palast des Wesirs.

Am folgenden Morgen verkleidete er sich, wie ein Sofi1), nahm den gestickten Schleier unter seinen Rock, und trat vor den Kaiser von Persien.

“Herr,” sprach er zu ihm, “ich bin ein Geistlicher aus Chorasan2). Der Ruhm von euren Tugenden ist zu mir gedrungen, und um unter einem so gerechten Fürsten zu leben, habe ich mich auf den Weg nach eurer Hauptstadt gemacht. Angelangt an den Toren derselben, fand ich sie verschlossen, und sah mich genötigt, die Nacht vor der Stadt zuzubringen. Ich legte mich nieder, aber bald erblickte ich vier Weiber: die eine ritt auf einer Hyäne, die zweite auf einem Widder, die dritte auf einer schwarzen Hündin, und die vierte auf einem Leopard.

Ich erkannte bald, dass es Zauberinnen waren; die eine nahte sich mir, und begann mich mit Füßen zu treten und mit einer Geißel zu peitschen, welche in ihren Händen mir wie Feuer erschien. Ich sprach sogleich mehrmals den Namen Gottes aus, und mit einem Messer verwundete ich sie an der Hand, worauf sie mich losließ: aber im Entfliehen ließ sie in meinen Händen diesen mit Edelsteinen übersäten Schleier, welcher keinen Wert für mich hat, weil ich mich von der Welt zurückgezogen habe.”

Nach dieser Rede übergab Mahmud den Schleier den Händen des Sultans, und ging hinweg.

Der Kaiser erkannte den Schleier: er hatte vor kurzem seinem Großwesir ein Geschenk damit gemacht. Er befragte diesen deshalb, und vernahm bald, dass er ihn seiner Lieblingssklavin gegeben hatte.

Diese wurde nach dem Palast geholt, und als man ihre Hand untersuchte, erkannte man die Wunde, von welcher Mahmud gesprochen hatte, und man zweifelte nicht mehr, dass er die Wahrheit gesagt hätte. Hierauf wurde sie als Zauberin verurteilt, in einer Grube zu verschmachten, deren steile Wände jede Flucht verhinderten.

Als Mahmud den glücklichen Erfolg seiner List vernommen hatte, eilte er nach der Grube, in welche man die schöne Sklavin hinab gelassen hatte; und durch Überredung der Wächter, denen er sein Abenteuer erzählte, gelang es ihm, sie zu befreien.

Zufolge des Versprechens, welches er den Wächtern getan hatte, entfloh er in sein Land, reiste Tag und Nacht, und gelangte so in den Besitz des Gegenstandes seiner Wünsche.

“Da habt ihr, Herr,” fügte die Königin hinzu, “eine von den zahlreichen Listen der Männer …”

Der Kaiser, aufgeregt dadurch, gab sogleich den Befehl zur Hinrichtung seines Sohnes.

Auf solche Weise bemächtigten sich vierzig Tage hindurch, die Königin und die Wesire wechselweise des Gemüts des Kaisers.

Am einundvierzigsten Tag, mit Sonnenaufgang, bestieg der Kaiser seinen Thron, gab dem Scharfrichter seine Befehle, und ließ seinen Sohn vorführen. Er ließ desgleichen die vierzig Wesire festnehmen und sie gebunden, je zehn und zehn, vor sich führen.

Der Scharfrichter verband dem Prinzen Nurgehan die Augen, zog sein Schwert, und fragte den Kaiser zweimal, ob er zuhauen sollte. Nachdem es ihm gestattet worden, sagte er: “Herr, ich fordere diesen Befehl noch zum dritten Mal von euch; bedenkt wohl, dass eine zu späte Reue nicht wieder gut machen kann, was ihr jetzt befehlt.”

Der Kaiser war im Begriff, seinen Befehl zu wiederholen, da erschien Abumaschar, der Lehrer Nurgehans. Sogleich ergriff ihn die Wache, und führte ihn vor den Thron, mit solcher Eilfertigkeit, dass seine Füße nicht die Erde berührten.

“Elender,” sprach Sindbad zu ihm, “dein Kopf soll deine Freveltat bezahlen. Sind es nicht deine treulosen Ratschläge, welche meinem Sohn dieses Stillschweigen auflegten?”

“Ja, Herr,” antwortete Abumaschar, “euer Sohn musste vierzig Tage lang dieses Stillschweigen beobachten, um die Unfälle zu vermeiden, welche die Gestirne ihm verkündigten: aber die verhängnisvolle Frist ist abgelaufen, und er kann jetzt wieder reden.”

Sogleich nahm man dem Prinzen die Binde von den Augen, und er erzählte unbefangen alles, was zwischen ihm und seiner Stiefmutter vorgegangen war. Er berief sich auf das Zeugnis der Frauen der Königin, welche bekannten, dass sie hinter einer dünnen Wand alles gehört hätten.

Auf diese Bericht bereute Sindbad herzlich, was er bisher getan hatte, und alle Herren des Hofes stimmten der Rede ihres Fürsten bei. Der Kaiser ließ seinen Sohn an seiner Seite sitzen, küsste ihm die Augen, und erlaubte den vierzig Wesiren, seine Hände und seine Knie zu küssen. Sie legten die Trauerkleider ab, welche sie während der vierzig Tage getragen hatten, und zogen prächtige Kleider an, welche der Kaiser unter sie verteilen ließ.

Die Königin aber wurde ohne Gnade hingerichtet.

“Als der griechische König,” sagte der Fischer zu dem Geist, “die Geschichte des Königs Sindbad beendigt hatte, fügte er hinzu: “Und du, Wesir, voll Neid gegen den Arzt Duban, welcher dir kein Leid getan hat, willst, dass ich ihn töten lasse; aber ich werde mich wohl davor hüten, aus Furcht, ungerecht zu sein, wie es dieser König gegen seinen Sohn war.”

Dem verräterischen Wesir war der Tod des Arztes zu wichtig, um hierbei stehen zu bleiben. “Herr,” erwiderte er, “wie kann die Furcht, einen Unschuldigen zu bestrafen, euch hindern, den Arzt hinrichten zu lassen. Ist es nicht hinreichend, dass man ihn eines Anschlags auf euer Leben anklagt, um euch zu berechtigen, ihm das seine zu nehmen? Wenn es darauf ankommt, das Leben eines Königs zu sichern, so muss schon ein bloßer Verdacht für Gewissheit gelten; und es ist besser, einen Unschuldigen aufzuopfern, als einen Schuldigen unbestraft zu lassen … Aber, Herr, dieses ist keineswegs einen noch ungewisse Sache; der Arzt Duban will euch ermorden. Es ist nicht der Neid, welcher mich gegen ihn gewaffnet, es ist allein die Teilnahme für die Erhaltung Euer Majestät, es ist mein Eifer, welcher mich antreibt, euch eine anzeige von so großer Wichtigkeit zu machen. Ist sie falsch, so verdiene ich auf dieselbe Weise bestraft zu werden, wie einstmals ein Wesir bestraft wurde.”

“Was hatte dieser Wesir getan,” fragte der griechische König, “wodurch er eine solche Strafe verdiente?”

“Ich will es Euer Majestät erzählen,” antwortete der Wesir; “mögen sie die Güte haben, mich anzuhören.”

Geschichte des bestraften Wesirs

Es war einmal ein König, der hatte einen Sohn, der leidenschaftlich die Jagd liebte. Er erlaubte ihm oft dieses Vergnügen; aber er hatte seinem Großwesir den Befehl erteilt, ihn stets zu begleiten, und ihn nie aus den Augen zu verlieren.

Eines Tages hatten auf einer solchen Jagd die Jäger einen Hirsch angeschossen, und der Prinz, im Wahne, dass der Wesir ihm folgte, sprengte dem Tier nach. Er ritt so lange, und seine Hitze führte ihn so weit weg, dass er sich endlich allein sah. Er hielt an, und als er bemerkte, dass er den Weg verloren hatte, wollte er auf seiner Spur zurückkehren, um wieder zu dem Wesir zu kommen, der nicht schnell genug war, ihm so nahe zu folgen; aber er verirrte sich.

Indem er so, ohne eine bestimmte Richtung zu halten, hin- und herlief, traf er neben einem Wege eine ziemlich wohl gebildete Frau, die bitterlich weinte. Er hielt den Zügel seines Pferdes an, und fragte diese Frau, wer sie wäre, was sie so allein an diesem Orte täte, und ob sie seiner Hilfe bedürfte.

“Ich bin,” antwortete sie, “die Tochter eines Königs von Indien. Indem ich auf dem Feld spazieren ritt, bin ich eingeschlafen, und vom Pferd gefallen. Mein Pferd ist entlaufen, und ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist.” Der junge Prinz hatte Mitleid mit ihr, und bot ihr an, sich hinter ihm auf sein Pferd zu setzen; was sie auch annahm.

Als sie zu einer Hütte kamen, und die Prinzessin zu erkennen gab, dass sie eins gewissen Bedürfnisses wegen gern absteigen möchte, hielt der Prinz an, und ließ sie hinunter. Er stieg auch ab, und näherte sich der Hütte, sein Pferd am Zügel haltend. Denkt euch seine Überraschung, als er die Frau drinnen folgende Worte aussprechen hörte: “Freut euch, meine Kinder, ich bringe euch einen wohl gebildeten und recht fetten Knaben.” Und andere Stimmen antworteten ihr alsbald: “Mama, wo ist er? Damit wir ihn sogleich essen, denn wir haben großen Hunger.”

Der Prinz brauchte nicht mehr zu hören, um die Gefahr zu erkennen, in welcher er schwebte. Er sah wohl, dass die Frau, welche sich für die Tochter eines Königs von Indien ausgegeben hatte, eine Ogerin war, d.h. das Weib eines dieser wilden Geister, welche Oger genannt werden, und sich tausend Listen bedienen, um die Vorübergehenden zu fangen und zu fressen.

Er ward von Furcht ergriffen, und warf sich schleunigst auf sein Pferd. Die vorgebliche Prinzessin trat in diesem Augenblick wieder heraus, und als sie sah, dass ihr der Fang fehlgeschlagen war, rief sie dem Prinzen zu: “Fürchtet nichts. Wer seid ihr? Und was sucht ihr?” – “Ich habe mich verirrt,” antwortete er, “und ich suche meinen Weg.” – “Wenn ihr euch verirrt habt,” sagte sie, “so befehlt euch Gott, er wird euch aus der Verlegenheit ziehen, in welcher ihr euch befindet.”

Hierauf hub der Prinz die Augen gen Himmel …

“Aber, Herr,” sagte Scheherasade bei dieser Stelle, “der anbrechende Tag legt mir Stillschweigen auf …”

Schachriar, neugierig, die Entwicklung dieser Geschichte zu hören, verlängerte abermals das Leben der Scheherasade.


1) Szôfi, heißt eine Art von Geistlichen, die wollene Kleidung tragen. Von szâfâ, rein sein. ­
2) Chorsan ist eine persische Landschaft, im nördlichen Teil des heutigen Iraks.
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18. Nacht

admin am Dez 22nd 2011

18. Nacht

Aber am folgenden Morgen, als der Kaiser soeben den Tod seines Sohnes befehlen wollte, trat abermals ein Wesir hervor und flehte für ihn die Gnade des Fürsten an; und um den Einfluss der Sultanin zu schwächen, bestätigte er die Bosheit der Weiber und erzählte folgende Geschichte.

Der Holzhauer und der Geist

Ahmed, ein armer Holzhauer von Bagdad, hatte ein widerspenstiges, geiziges und zänkisches Weib, welche ihm nicht einen Augenblick Ruhe ließ. Wenn er etwas Geld erwarb, so strebte sie immer, sich desselben zu bemächtigen.

Eines Tages hatte dieser arme Mann einige Pfennige beiseite gelegt, um sich ein Seil zu kaufen: Die Frau gewahrte es, und sagte zu ihm: “Ha, Nichtswürdiger, es scheint, dass du ein sauberes Leben führst. Ohne Zweifel ist dieses Geld, das zu verheimlichst, irgend einer Buhlerin bestimmt: Aber Geduld, ich will dich schon besser in Ordnung halten, du sollst nimmer ohne mich ausgehen.”

Der arme Holzhauer hatte bisher wenigstens so lange Ruhe gehabt, als er allein im Walde war. Man denke sich nun seine Verzweiflung, als er beim Weggehen sein Weib einen Esel besteigen und ihm nach dem Berge folgen sah, wohin er zu arbeiten ging. “Mindestens werde ich nun doch wissen,” sagte sie zu ihm, “was du tust, wenn du das Haus verlässt.”

Ahmed wusste nicht, wie er sich davon befreien sollte, als ihm plötzlich ein glücklicher Gedanke einkam. Es war in der Nähe des Ortes, wo er arbeitete, ein sehr tiefer Brunnen: “Liebe Frau,” sagte er zu ihr, “da du doch einmal hier bist, so will ich dich bitten, mir einen Dienst zu leisten. Es ist schon lange her, dass man mir von einem Schatz in diesem Brunnen gesagt hat: Du musst mich an dieses Seil binden und mich daran hinunterlassen.” – “Mitnichten,” antwortete sie, “du sollst mich daran befestigen; ich kann eben so gut hinabsteigen, als du: Du wärst im Stande, den Schatz für dich allein zu behalten.”

Ahmed willigte in diesen Vorschlag. Er band seine Frau an das Seil und ließ sie in den Brunnen hinab gleiten. Als er spürte, dass sie auf dem Grunde war, ließ er den Strick los, und sagte zu ihr: “Teure Ehehälfte, ich werde nun doch einige Augenblicke Ruhe genießen. Ihr werdet die Gefälligkeit haben, dort unten zu bleiben, bis ich wiederkomme, euch heraus zu ziehen.” Und ohne auf ihre Bitten und Drohungen zu hören, ging er ruhig wieder an seine Arbeit.

Einige Zeit danach, als er durch diese Lehre seine Frau gebessert wähnte, warf er ihr wieder das Seil hinab: “Macht,” rief er ihr zu, “bindet euch fest, damit ich euch wieder herausziehe.” Danach zog er eine schwere Last empor. Aber wie groß war sein Erstaunen, als er am Ende des Seils einen Geist erblickte.

“Wie großen Dank habe ich dir zu sagen!”, redete dieser ihn an. “Ich gehöre unter die Zahl der Geister, welche sich nicht in die Luft emporschwingen können; ich hatte diesen Brunnen zu meiner Wohnung erwählt, als ohne Zweifel ein mir feindlicher Geist das allerboshafteste Weib von der Welt zu mir hinab ließ, welche nicht aufgehört hat, mich rasend zu machen, seitdem sie meine Gesellschafterin geworden ist. Wie sehr weiß ich es dir Dank, mich befreit zu haben! Ein so wichtiger Dienst soll nicht unbelohnt bleiben. Höre, was ich für dich tun kann. Ich weiß, dass der König von Indien eine reizende Tochter hat, ich gehe hin, von ihr Besitz zu nehmen, und sie wahnwitzig zu machen. Der König, ihr Vater, wird sich vergeblich bemühen, sie durch seine Ärzte heilen zu lassen: Hier habe ich aber einige Blätter, welche man nur ins Wasser zu tauchen und damit der Prinzessin das Gesicht zu reiben braucht, um mich zu zwingen, sie augenblicklich zu verlassen. Ich gebe sie dir, du kannst davon Gebrauch zu machen.”

Ahmed dankte dem Geist, und begab sich auf den Weg nach der Hauptstadt von Indien. Als er das Ziel seiner Reise erreicht hatte, vernahm er, dass die Tollheit der Prinzessin den ganzen Hof in die größte Bestürzung versetzt hatte, und dass der König, ihr Vater, nachdem er die Kunst der geschicktesten Ärzte vergeblich versucht, ihre Hand demjenigen versprochen hatte, der sie heilen würde.

Ahmed erbot sich mit Zuversicht dazu, er benetzte seine Blätter, rieb damit das Gesicht der Prinzessin: und die Bezauberung verschwand augenblicklich. Der König von Indien erkannte den von Ahmed geleisteten Dienst, bewilligte ihm seine Tochter, und die Hochzeit wurde mit dem größten Pompe gefeiert.

Als der Geist aber den Leib der Prinzessin verlassen, hatte er den Leib der Prinzessin von China, in welche er verliebt war, zur Wohnung eingenommen. Der Kaiser von China, welcher von der wunderbaren Heilung der Prinzessin von Indien gehört hatte, schickte einen Abgesandten hin, und ließ den Ahmed bitten, zu geruhen, an seinen Hof zu kommen, um seine Tochter der Gesundheit wieder zu geben. Ahmed säumte nicht, dahin zu reisen.

Aber wie groß war seine Verwunderung, als er bei seiner Ankunft erkannte, dass die Prinzessin von China von demselben Geist besessen war, welchen er aus dem Brunnen gezogen hatte. “He, wie,” sprach der Geist zu ihm, “du bist es, Ahmed, den ich mit Wohltaten überhäuft habe, und der mir jetzt eine Prinzessin entreißen will, die ich liebe? Hüte dich wohl davor: Wenn du mich zwingst, von hinnen zu weichen, so gehe ich geradewegs nach Indien und töte deine Gemahlin.”

Ahmed war nicht wenig erschrocken über diese Drohung, und er stand schon in Begriff, dem Kaiser von China die Unzulänglichkeit seiner Kunst zu erklären, als ihm eine List in den Sinn kam. “Bei Gott! Mein guter Geist,” antwortete er ihm, “nicht um die Prinzessin zu heilen, bin ich her gekommen: Im Gegenteil komme ich, dich zu bitten, mir deinen Beistand zu leisten. Du erinnerst dich noch wohl jenes Weibes, mit welchem du in dem Brunnen einige verdrießliche Augenblicke zubrachtest; nun wohl, es war meine Frau. Ich weiß nicht, wer sie mag herausgezogen haben, aber, kurz, sie ist in Freiheit, und sie tritt ein, wo ich austrete, und verfolgt mich überall: in einem Augenblick wird sie hier sein, und ich komme, deinen Beistand anzuflehen.”

“Meinen Beistand?”, erwiderte lebhaft der Geist. “Gott behüte mich, dass ich je wieder mit einem solchen Weibe zusammen komme. Ahmed, mein Freund, ziehe dich daraus, so gut du kannst: was mich betrifft, ich weiß nicht zu helfen, ich flüchte mich augenblicklich.”

Bei diesen Worten machte sich der Geist fort; die Prinzessin von China ward wieder gesund, und Ahmed, von den Gunstbezeugungen des Königs überhäuft, kehrte in die Staaten seines Schweigervaters zurück.

“Ihr seht, Herr,” fuhr der Wesir fort, “dass die Bosheit der Weiber gar groß ist, weil sie den Teufeln selber furchtbar ist. Wie könnten wohl die Männer sich davor sichern? Seit mehreren Tagen schon sind die Ränke einer einzigen Frau im Stande, die Wesire, das Volk und die Großen in Unruhe zu setzen. Seid auf eurer Hut gegen diese Umtriebe, und verschiebt noch den Tod eures Sohnes.”

Der Kaiser, gerührt von der Rede des Wesirs, ließ seinen Sohn ins Gefängnis zurückführen, und ritt auf die Jagd.

Am Abend, als Sindbad heimkam, erneute die Königin Chansade ihr Andringen, dass er seinen Sohn umbringen ließ; und um das Vertrauen zu erschüttern, welches der Kaiser in seine Wesire setzte, erzählte sie ihm folgende Geschichte:

Der König Papagei

Ein König von Indien hatte von einem Derwisch eine Zauberformel erlernt, vermöge welcher er in den Leib eines Tieres übergehen konnte; und manchmal hatte er diese Verzauberung versucht.

Eines Tages, als er mit einem seiner Wesire auf der Jagd war, erlegte er einen Rehbock; und um dem Wesir seine Zaubermacht zu zeigen, sprach er seine Formel aus, und nahm den Leib dieses Tieres an; und der Minister sah zu seinem großem Erstaunen den Leib des Königs leblos hinsinken, während der Leichnam des Rehbocks sich belebte und anfing zu springen.

Als der König wieder in seine natürliche Gestalt zurückgekehrt war, beschwur der Wesir seinen Herrn, ihn diese köstliche Formel zu lehren; und der König hatte die Unklugheit, den Bitten seines Ministers nachzugeben.

Einige Zeit darauf bemerkte der Wesir einen toten Papagei am Fuße eines der Bäume in der Nähe des Palastes, und sprach zu dem König: “Herr, gestattet euch eure Formel auch, in den Leib eines Vogels überzugehen?” – “Sicherlich,” antwortete der König, und sogleich belebte er den Leichnam des Papageis, und setzte sich auf den Baum.

Sobald der Wesir sah, dass der König seinen Leib verlassen hatte, so las er auch die Zauberformel, und bemächtigte sich desselben, und ließ die Seele eines Sklaven seinen eigenen Leib einnehmen.

Man kann sich den Verdruss und den Schmerz des Königs denken, als er die Treulosigkeit seines Wesirs sah; er flog hinweg, ganz verwirrt, von ihm so angeführt zu sein.

Unterdessen bemächtigte sich der Wesir der Herrschaft des Reichs. Er hatte sogar die Frechheit, in das Innere des Harems zu gehen, und auf alle Weise die Stelle seines Herrn einzunehmen.

Der arme Papagei, nachdem er eine Zeitlang umhergeirrt war, entschloss sich endlich, in das Haus eines Gärtners zu fliegen. Er ließ sich fangen, in einen Käfig setzen, und auf den Markt bringen. Da er sehr geläufig sprach, so überbot man sich, um ihn zu besitzen. Er erstaunte alle Welt durch seine treffenden und lebhaften Antworten. Sein Preis wurde so hoch gesteigert, dass allein die Königin einen so kostbaren Vogel kaufen konnte.

Er wurde also in den Harem gebracht und in die Schlafkammer der Königin gesetzt. Und hier hatte der arme Papagei das Herzleid, zur Nacht seinen schandbaren Wesir kommen und ungescheut das Bett der Königin teilen zu sehen, während er, auf einer Stange seines Käfigs sitzend, seinen Verdruss hinabwürgen musste.

Am folgenden Morgen unterhielten sich der Wesir und die Königin miteinander; und der Papagei, in einem Winkel versteckt, hörte ihr Gespräch an. “Wisst ihr,” sagte der Wesir, “dass ich die Macht habe, in den Leib eines jeden Tieres überzugehen, sobald er tot ist?” – “Es würde mich sehr ergötzen, eine solche Verwandlung zu sehen,” antwortete die Königin, “ich bitte euch, versagt mir nicht das Vergnügen.”

Da ließ der Wesir eine tote Gans bringen, und ging in ihre Leiche über. Sogleich sprach der König Papagei auch seine Zauberformel aus, und nahm seinen Leib wieder ein; dann ergriff er die Gans beim Hals und zerschmetterte sie gegen die Wand. “In welcher Wut seit ihr, Herr!” rief die Königin aus, “und warum erzürnt ihr euch so heftig?” -

Man kann sich denken, wie groß ihr Erstaunen und ihre Beschämung war, als ihr Gemahl ihr sein grausames Missgeschick erzählte.

“Ihr seht, Herr,” fuhr Chansade fort, “welches Vertrauen man auf einen Wesir haben kann.” Und sie suchte ihrem Gemahl die Notwendigkeit zu beweisen, seinen Sohn töten zu lassen. Der König versprach ihr auch diese Genugtuung.

“Aber der Tag bricht an,” sagte Scheherasade, “wenn Euere Majestät es erlaubt, so wollen wir morgen fortfahren.”

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17. Nacht

admin am Dez 22nd 2011

17. Nacht

In der folgenden Nacht verlangte der Sultan den Verfolg der Abenteuer des Prinzen von Karisme zu hören, und die Sultanin fuhr folgendermaßen fort:

“Der Prinz von Karisme sah wohl ein, wenn er diese Verbindung nicht annähme, so würde der König der Samsaren, durch seine Weigerung gereizt, nicht ermangeln, ihn töten zu lassen, und willigte endlich in diese Heirat. Er vermählte sich also mit der Prinzessin. Sie hatte den schönsten Hundskopf auf der ganzen Insel: gleichwohl konnte er sich nicht daran gewöhnen, und er hatte einen vollkommenen Abscheu vor ihr; je mehr Liebkosungen sie ihm machte, je abschreckender fand er sie.

Dieser Widerwille hätte für den Prinzen verdrießliche Folgen haben können; aber der Engel des Todes kam ihnen zuvor, und nahte sich dem Bette der Prinzessin, welche wenige Tage nach ihrer Verheiratung starb.

Der Prinz freute sich in sich selber, sich von einer so abscheulichen Frau befreit zu sehen, als er vernahm, dass es Brauch war auf dieser Insel, so wie auf der von Serendib1), den Wittwer mit seiner verstorbenen Frau lebendig zu begraben, wie die Witwe mit dem verstorbenen Manne. Man sagte ihm, dass die Könige ebenfalls diesem schrecklichen Gesetz unterworfen wären; dass die Samsaren so daran gewöhnt wären, dass sie ohne Kummer den Tag ihres Begräbnisses herannahen sähen; dass dieser Tag sogar ihnen vielmehr ein Tag der Freude denn ein Tag der Traurigkeit schiene, indem die einer solchen Beerdigung beiwohnenden Männer und Frauen dabei tanzten und Lieder sängen, die mehr geeignet wären Freude als Trauer zu erregen.

Diese Nachricht verursachte dem Prinzen von Karisme einen unaussprechlichen Schmerz: gleichwohl musste er der Notwendigkeit weichen. Man setzte ihn, wie seine Frau, auf eine offene Bahre, mit einem Brot und einem Kruge Wasser, und trug sie an den Ort des Begräbnisses.

Dieses war eine tiefe und weite unterirdische Höhle, welche man eigens dafür auf dem Felde ausgegraben hatte. Zuvorderst ließ man die Prinzessin mit einem Seile hinab. Hierauf teilten alle Personen des Leichengefolges sich in zwei Reihen, zu tanzen und zu singen. Die Jünglinge mit ihren Geliebten stellten sich auf die eine Seite, und auf die andere die Neuvermählten. Die ersten fassten sich bei der Hand, tanzten im Reigen, während in ihrer Mitte einer der Jünglinge folgende Persische Verse sang:

“Hier sind die Fesseln der Liebe ewige Fesseln: wenn der Engel der Ehe uns mit unsern Geliebten verbindet, so schwören wir ihnen Treue bis in den Tod; und aus Furcht, unser Gelübde zu brechen, begraben wir uns mit ihnen.”

Die Neuvermählten tanzten paarweise, das heißt, jeder Mann mit seiner Gattin, und jede Frau sang abwechselnd diese Verse:

“Wollen wir nicht, geliebter Gatte, einer des andern Tod fürchten, so lass uns einander beständig lieben; aber so zärtlich muss unsere Liebe sein, dass wir einander nicht überleben können.”

Nach allen diesen Tänzen und Gesängen, welche den Prinzen von Karisme kein sonderliches Vergnügen machten, ließ man ihn eben so, wie seine Frau, in die Höhle hinab, deren Öffnung man sogleich mit einem schweren Steine verschloss.

Als er sich in diesem entsetzlichen Abgrunde sah, rief er aus: “O mein Gott! In welchen Zustand lassest du mich versinken? Ist dies das Los, das du für einen Prinzen aufbehalten hast, der immerdar getreulich die Vorschriften des Korans befolgt hat? Hast du mich nur den Bitten meines Vaters gewährt, um mich dem grausamsten Tode zu weihen?” Indem er also sprach, fing er bitterlich an zu weinen.

Obwohl ohne Hoffnung, aus diesem verhängnisvollen Orte zu entkommen, unterließ er jedoch nicht, sobald er sich auf dem Boden fühlte, aus dem Sarge aufzustehen, und tappend längs einer Mauer hin zu gehen, die ihm aufstieß.

Er hatte noch nicht hundert Schritte gemacht, als seine Augen plötzlich durch den Glanz eines Lichtes getroffen wurden, welches er vor sich erblickte; er beschleunigte sogleich seine Schritte, und kam bald dem Lichte so nahe, dass er bemerkte, dass es eine Frau war, die eine Wachskerze in der Hand hielt.

Er näherte sich ihr noch mehr; aber die Frau, sobald sie den Schall seiner Tritte hörte, blies das Licht aus. “O Himmel!” sagte darauf der Prinz, “sollte ich mich getäuscht haben? Habe ich nicht wirklich ein Licht gesehen? Sollte es nur ein Gespenst meines verwirrten Geistes gewesen sein? Ohne Zweifel, es ist eine Täuschung. Ach, unglückseliger Prinz! Gib für immer die Hoffnung auf, die Sonne wieder zu sehen. Da bist du nun in die ewige Nacht hinab gestiegen, noch vor dem von der Natur gesetzten Ziele. O König von Karisme! Unglücklicher Urheber meines Daseins, gib die Hoffnung meiner Heimkehr auf. Ach! dein Sohn wird nicht die Stütze und der Trost deines Alters sein: er muss hier auf die qualvollste Weise umkommen!”

als er diese letzten Worte aussprach, hörte er eine Stimme, welche zu ihm sagte: “Tröstet euch, Prinz; da ihr der Sohn des Königs von Karisme seid, so sollt ihr hier nicht eure Tage beschließen: ich will euch retten, unter der Bedingung, dass ihr mir zuvor versprechet, mich zu heiraten.” – “Herrin,” antwortete der Prinz, “es ist ohne Zweifel eine harte Bestimmung, mit fünfzehn Jahren lebendig begraben zu sein: aber ich will lieber alle Härte derselben erdulden, als euch dieses Versprechen tun, wenn ihr meiner verstorbenen Frau ähnlich seid. Habt ihr, wie sie, einen Hundskopf, so ist es mir unmöglich, euch zu lieben.” – “Ich bin keine Samsarin,” erwiderte die Frau; “übrigens bin ich nur vierzehn Jahre alt, und ich glaube nicht, dass mein Gesicht euch Furcht machen wird.”

Indem sie dieses sagte, zündete sie die Wachskerze wieder an, und ließ den Augen des Prinzen ein Gesicht entgegen leuchten, dessen Schönheit ihn erstaunte.

“Welche Reize!” rief er mit Entzücken aus, “nichts ist mit dem zu vergleichen, was ich erblicke. Aber um Himmels willen, schönes Fräulein, saget mir, wer seid ihr; ihr müsst eine Fe sein, weil ihr mir gesagt habt, dass ihr mich aus diesem Abgrunde ziehen könnet.” -

“Nein, Herr,” sagte das Fräulein, “ich bin keine Fee, ich bin die Tochter des Königs von Georgien, und man nennt mich Dilaram2). Ich will euch meine Geschichte ein andermal erzählen; gegenwärtig begnüge ich mich, euch zu sagen, dass ich, durch einen Sturm an diese unselige Insel verschlagen, und genötigt wurde, um dem Tode zu entgehen: einen samsarischen Herren zu heiraten: er starb gestern, nach einer langen Krankheit; man begrub auch mich, nach dem Landesgebrauche, mit einem Brot, und einem Kruge Wasser; aber vor meiner Beerdigung verbarg ich unter meinem Rock einen Tschakmak3), samt Zunder und Wachskerze. Sobald ich in diese Gruft hinab gekommen war, und bemerkte, dass man die Öffnung derselben verschlossen hatte, stieg ich aus meinem Sarge, und zündete die Kerze an: ich empfand nicht ganz das Grauen, welches mich an diesem schreckensvollen orte hätte ergreifen müssen; der Himmel, welcher meine Erhaltung wollte, flößte mir ein Vertrauen ein, dem sich mein Herz, ohne zu wissen warum, hingab. Ich verfolgte einen ziemlich schmalen Weg, der sich vor mir zeigte, sowohl um mich von den tausend entsetzlichen Gegenständen, die mein Auge beleidigten, zu entfernen, als um zu sehen, ob ich nicht irgend einen Ausgang finden könnte. Kaum hatte ich hundert Schritte gemacht, als ich etwas Weißes erblickte: es war ein großer Marmorstein, der sich meinen Augen darstellte. Ich näherte mich ihm, und geriet in das äußerste Erstaunen, als ich eine Inschrift bemerkte, in welcher auch mein Name vorkam. Kommet, Prinz,” fuhr Dilaram fort, “kommet und liest diese Inschrift; sie wird euch nicht weniger Überraschung verursachen, als mir.”

Indem sie dieses sprach, gab sie die Kerze dem Prinzen, welcher sich dem Steine näherte, und auf demselben folgende Worte las:

“Wenn der Prinz von Karisme und die Prinzessin von Georgien hier zusammenkommen, mögen sie diesen Stein aufheben und die Treppe darunter hinabsteigen.”

“Aber wie,” sagte der Prinz, “können wir diesen schweren Stein emporheben? es würden mehr denn hundert Mann erfordert, um das zu bewerkstelligen.” – “Herr,” sagte die Prinzessin, “wir wollen doch immer unsere Kräfte versuchen; irgend ein Weiser ist bei unsern Angelegenheiten im Spiele, und ich habe eine Vorahnung, dass wir uns von hier aus befreien werden.”

Der Prinz gab die Kerze wieder an Dilaram, und schickte sich an, den Stein zu lüften, aber er hatte nichts nötig, all seine Kräfte anzustrengen, denn sobald er ihn nur berührte, schob er sich von selber weg, und darunter erschien eine Treppe.

Beide stiegen sogleich hinab in eine andere Gruft, von wo sie in einen langen Gang traten, der sie bis in eine am Fuß eines Berges ausgehauene Höhle führte; durch diese traten sie wieder ans Licht, und befanden sich am Ufer eines Flusses.

Als gute Moslemin4), wie sie waren, warfen sie sich nieder und beteten; und nachdem sie Gott den schuldigen Dank gesagt, erblickten sie am Ufer des Flusses eine kleine Barke, welche sie zuvor nicht bemerkt hatten. Sie zweifelten nicht, dass es ein neues Wunder wäre, welches die göttliche Güte für sie gewirkt hatte. Das verdoppelte ihre Freude über das Wiedersehen des Tage; und obschon die Barke ohne Ruder und Matrosen war, so traten sie dennoch mit Vertrauen hinein. “Diese Barke,” sagte der Prinz, “wird ohne Zweifel von unserm Schutzengel gesteuert, welcher dafür sorgen wird, uns an irgend einen bewohnten Ort zu führen. Folgen wir dem Laufe des Stromes, und fürchten wir nichts.”

Sie überließen sich der Strömung, deren Schnelligkeit im Fortgange immer zunahm; denn der Fluss verengte sich allmählich immer mehr, um zwischen zwei Bergen durchzudringen, deren Gipfel sich vereinigten, und ein unermessliches Gewölbe bildeten, worin es sehr dunkel war, dass man weder Himmel noch Erde sah. Die Barke wurde in dieses Gewölbe so gewaltig hineingezogen, dass der Prinz und die Prinzessin sich schon verloren glaubten. Sie fingen an zu fürchten, dass der Himmel nicht so viel Sorge für ihr leben trüge, als sie sich eingebildet hatten. In der Tat, bald wurden sie hoch bis an das Gewölbe empor gehoben, und bald schienen sie in den Abgrund hinab zu fahren. sie sparten bei dieser Gelegenheit keine Gebete, und sie wurden erhört. die Barke trat endlich aus dem Gewölbe hervor, und der Strom schob sie ans Ufer.

Sie stiegen sogleich ans Land; und wieder Muth fassend, schauten sie nach allen Seiten in den Gefilden umher, ob sie nicht irgend ein Haus entdeckten, wo sie um Erfrischungen bitten könnten. sie erblickten auf dem Abhange eines Berges einen hohen Dom, welcher dem ähnlich war, den man Kubbay Chiramant5) nennt. Sie richteten ihre Schritte nach demselben, und als sie sich ihm genähert hatten, sahen sie, dass er sich in der Mitte eines prächtigen Palastes befand, auf dessen Türe mehrere hieroglyphisch-kabalistische Figuren standen, mit dieser Arabischen Inschrift:

“O du, der du in diesen reichen Palast einzutreten wünschest, vernimm, dass du nicht hineinkommst, wenn du nicht von der Tür ein achtfüßiges Tier opferst.”

“Da bin ich in meiner Erwartung betrogen,” sagte die Prinzessin Dilaram: “ich glaube schon, dass ich das Vergnügen haben würde, das Innere dieses Palastes zu schauen.” – “Prinzessin,” sagte der Prinz, “ich war von derselben Neugier getrieben; aber es ist unmöglich, sie zu befriedigen, wir würden vergebliche Anstrengungen machen, um die Türe zu öffnen. Diese Figuren, welche wir darauf sehen, bilden einen Talisman, der es verhindert.” – “Wohlan denn,” sagte die Prinzessin von Georgien; “setzen wir uns auf diesen Rasen nieder, um uns einen Augenblick auszuruhen, und zu überlegen, was wir nun tun sollen.” – “Meine Prinzessin,” erwiderte der Prinz von Karisme, “erzählet mir lieber eure Geschichte, ich bin höchst ungeduldig, sie zu vernehmen.”

“Ich will sie euch mit wenigen Worten erzählen, Herr,” antwortete Dilaram. “Der König von Georgien, mein Vater, ließ mich in seinem Palast mit aller Sorgfalt erziehen, deren nur ein Vater fähig ist, der seine Kinder zärtlich liebt. Ein junger Prinz unsers Hauses, welcher die Freiheit hatte, mich manchmal zu sehen, hegte für mich Empfindungen, die seiner Ruhe gefährlich waren. Er leibte mich, und ich fing an, seine Liebe zu erwidern, als der Großwesir eines benachbarten Königs an dem Hof von Georgien ankam, und für seinen Herren um meine Hand warb. Mein Vater, dem diese Verbindung vorteilhaft schien, willigte ohne Bedenken ein, und ich musste mich zur Abreise mit dem Wesir anschickten. Der junge Prinz, der mich liebte, war so betrübt über meine Abreise, dass er vor Schmerz starb, indem er mir Lebewohl sagte. Ich beweinte seinen Tod auf eine Weise, die alle Welt überzeugen musste, dass ich ihn bei seinem Leben nicht gehasst hatte; gleichwohl, da man wusste, dass ich meinen Vater zärtlich liebte, täuschte man sich über die Quelle meiner Tränen, und wähnte mich zärtlicher, als ich war. Indessen reiste ich mit dem Wesir ab. Wir schifften uns in ein kleines Fahrzeug ein, um über einen Arm des Meeres zu setzen, das wir durchschiffen mussten; da erhob sich plötzlich ein so wütender Sturm, dass unsere Matrosen nicht mehr wussten, was sie tun sollten, und das Schiff den Winden und Wellen preisgaben, welche uns an die Insel der Samsaren warfen.

Diese Ungeheuer liefen, auf das Gericht von unserer Ankunft, sogleich an den Strand, und bemächtigen sich der ganzen Schiffsmannschaft.

Das Folgende kann ich nicht ohne Grauen erzählen: sie fraßen den Wesir samt allen Personen unsers Gefolges. Was mich betrifft, so gefiel ich einem alten samsarischen Herrn, welcher mir sagte, wenn ich ihn heiraten wollte, so würde ich dasselbe Schicksal vermeiden, dem ich sonst nicht entgehen könnte. Ich bekenne euch aufrichtig, ich hatte eine solche Furcht, gefressen zu werden, obgleich sein Hundskopf mich jedes Mal grauen machte, wenn ich ihn ansah. Zwei Tage nach unserer Hochzeit ward er krank. Lange hatte seine Krankheit gedauert, bis endlich gestern ihn der Tod …”

Der Prinz von Karisme unterbrach bei dieser Stelle ungestüm die Prinzessin, weil er eine Tarantel auf sie zulaufen sah. “Nehmt euch in Acht, Herrin,” rief er aus, “ich sehe eine Tarantel auf euerm Kleide.” Auf diese Warnung stieß Dilaram, welche wusste, wie gefährlich die Taranteln sind, einen durchdringenden Schrei aus. Sie sprang schleunig auf, und schüttelte ihr Kleid: die Tarantel fiel herab, und der Prinz trat mit dem Fuße darauf, und zerquetschte sie.

Kaum hatte er sie getötet, als sie ein starkes Geräusch vom Palast her hörten, dessen Pforte sich plötzlich von selber öffnete. Betroffen über diese Erscheinung, sahen sie einander mit äußerster Verwunderung an. Sie schlossen aber daraus, dass die Tarantel acht Füße haben müsste, und dass sie das Tier wäre, dessen Opferung die Inschrift verlangte.

Erfreut über dieses Abenteuer, standen sie auf und gingen nach dem Schlosse. Sie traten zuvorderst in einen großen Garten, wo Bäume von allen Arten aus allen Weltteilen versammelt schienen. Die Zweige dieser Bäume schienen mit reifen Früchten beladen; aber als der Prinz, von Hunger getrieben, sich nahte, um welche abzubrechen, bemerkte er, dass sie von Gold waren. Mitten im Garten rieselte ein Bächlein, dessen reines und klares Wasser auf dem Grunde zahllose Edelsteine sehen ließ.

Nachdem sie den Garten mit aller ihm gebührenden Aufmerksamkeit betrachtet hatten, gingen sie auf den Dom zu, welcher schon beim Aussteigen aus der Barke ihre Blicke auf sich gezogen hatte. Er bestand ganz aus Bergkristall; sie gingen durch denselben, und fürder durch mehrere überall von Gold, diamanten und Rubinen strahlende Zimmer, ohne jemand zu begegnen. Endlich kamen sie an eine silberne Türe, welche sie öffneten. Sie traten in ein prachtvolles Gemach, und fanden darin auf einem Sofa einen Greis mit einer Krone von Smaragden auf dem Haupte. Sein weißer Bart hing bis auf die Erde hinab, bestand aber nur aus sechs langen, von einander abstehenden Haaren; ebenso bestand sein Schnauzbart aus drei haaren auf jeder Seite, welche unter dem Kinne sich mit dem übrigen Barte vereinigten; überdies waren die Nägel seiner Finger wenigstens eine Elle lang.

Diese ehrwürdige Gestalt wandte die Augen auf den Prinzen und die Prinzessin, und sagte zu ihnen; “Ihr jungen Leute, wer seid ihr?” – “Herr,” antwortete der Prinz, “ich bin der Sohn des Königs von Karisme, und diese schöne Prinzessin ist die Tochter des Königs von Georgien. Wir wollen euch mit eurer Erlaubnis, unsere Abenteuer erzählen. Ich bin überzeugt, ihr werdet Mitleid mit uns haben, und ich schmeichle mir, ihr werdet großmütig genug sein, uns eine Zuflucht zu gewähren.”

“Ja, Prinz,” erwiderte der Greis, “ich gebe sie euch; seid mir eins wie das andere willkommen. Da ihr Königskinder seid, und glücklich genug gewesen, den Eingang in diesen Palast zu finden, so kömmt es nur auf euch an, meine Annehmlichkeiten zu teilen. bleibt hier bei mir, ihr werdet einer ewigen Glückseligkeit genießen. Der Tod, welcher alle andere Menschen seine Macht fühlen lässt, wird euch meiden.”

“Ich war einst König von China. die Länge meiner Nägel verkündigt euch mein hohes Alter. Eine Umwälzung, die in meinen Staaten vorging, nötigte mich, sie zu verlassen. Ich begab mich in diese Wüste, ich ließ hier einen Palast erbauen, durch mehrere Geister, denen ich als Kabalist zu gebieten habe. Es sind schon tausend Jahre, dass ich hier bin, und ich habe den Vorsatz, ewig zu leben; denn ich besitze das Geheimnis des Steins der Weisen, und folglich bin ich unsterblich. Ich will euch dieses wunderbare Geheimnis mitteilen, wenn ihr einige Jahrzehnte bei mir zugebracht habt. – Meine Rede erstaunt euch,” fügte er hinzu; “aber was ich euch sage, ist allerdings wahr. Ein Mensch, der den Stein der Weisen zu bereiten versteht, kann nicht des natürlichen Todes sterben. Er kann, ich gestehe es, ermordet werden; sein Geheimnis vermag ihn nicht vor einem gewaltsamen Tode zu schützen: aber um die Gelegenheit dazu zu vermeiden, darf er sich nur in eine unterirdische Wohnung zurückziehen, oder sich in einer Wüste einen solchen Palast bauen lassen, wie dieser ist. Hier bin ich in Sicherheit; Tollkühnheit und Nachstellung vermögen nichts gegen mich auszurichten. Der Talisman, welchen ihr auf der Türe bemerkt habt, ist auf eine solche weise zusammengesetzt, dass weder Räuber noch Bösewichte herein treten können, und wenn sie auch tausend achtfüßige Tiere opferten. Wer ein solches Tier tötet, muss ein tugendhafter Mensch sein, sonst öffnet sich die Tür ihm nicht.”

Nachdem der alte König von China seine Rede geendigt hatte, erbot er dem Prinzen und der Prinzessin seine Freundschaft, und beide entschlossen sich, bei ihm in dem Palast zu bleiben.

Er fragte sie darauf, ob sie nicht Erfrischungen bedürften, und als sie ihm dies bejahten, zeigte er ihnen mit dem Finger zwei Springbrunnen, welche sich in goldene Becken ergossen. Der eine bestand aus köstlichem Wein, und der andere aus unvergleichlicher Milch, welche, im Niederfallen gerinnend, zu einer Art von köstlichem Wein, und der andere aus unvergleichlicher Milch, welche, im Niederfallen gerinnend, zu einer Art von köstlichem Gallert ward. Der alte König rief drei Geister, und befahl ihnen aufzutragen. Sie deckten sogleich einen Tisch für drei Personen, und besetzten ihn mit drei Schüsseln der geronnenen Milch6). Der Prinz von Karisme und die Prinzessin von Georgien aßen davon mit großer Lust; und von Zeit zu Zeit reichten ihnen die Geister auch von dem Weine in Schalen von Kristall. Der alte König aber, der Tisch, wegen der übergroßen Länge seiner Nägel, seiner Hände nicht bedienen konnte, tat nichts weiter, als den Mund zu öffnen, und einer der Geister gab ihm zu essen und zu trinken, wie einem Kinde.

Gegen das Ende der Mahlzeit bat dieser gute alte König seine Gäste, ihm ihre Geschichte zu erzählen; was sie auch, sowohl aus Zuneigung, als dem Rechte der Gastfreundschaft zu Ehren, gern taten.

Nachdem sie die Erzählung ihrer Abenteuer vollendet hatten, nahm er das Wort, und sagte zu ihnen: “Tröstet euch beide über eure vergangenen Unglücksfälle. Ihr seid jung und liebenwürdig, und könnt euch hier, durch das Gelübde gegenseitiger Treue, das angenehmste Leben bereiten.”

Der Prinz und die Prinzessin, welche sich schon ewige Liebe geschworen hatten, erneuerten ihren Eid, und vermählten sich vor Seiner Chinesischen Majestät, welche sie zum Zeugen ihres Bundes nahmen.

Gern hätten diese zärtlichen Gatten jeden Augenblick der Liebe geweiht; aber aus Gefälligkeit für den alten König, opferten sie einen Teil des Tages, ihn zu unterhalten, oder vielmehr, alle die Geschichten seiner Zeit anzuhören, welche er nicht müde ward, ihnen zu erzählen.

Unterdessen ward die Prinzessin schwanger, und gebar gleich zwei kleine Prinzen, schön von Angesicht wie der Mond. Sie nährte sie selber mit ihrer Milch, und als sie fähig waren, Unterricht anzunehmen, lehrte sie einer der Geister tausend wundersame Sache.

Schon waren sie zehn Jahre alt, als die Prinzessin, ihre Mutter, zu dem Prinzen, ihrem Gemahle, sprach: “Mein teurer Herr, ich muss dir bekennen, dass ich anfange in diesem Palast mich zu langweilen. Umsonst bietet er meinen Augen tausend wunderbare Gegenstände dar. Der Zwang, für immer darin zu bleiben, beraubt ihn für mich aller Reize. Mag der König von China uns immerhin versichern, dass wir niemals sterben werden, diese Versicherung rührt mich wenig. Sein Geheimnis schützt nicht vor dem Alter, und es ist vielmehr ein Unglück, denn ein Glück, vom Alter beschwert zu leben. Übrigens möchte ich auch gern meinen Vater wieder sehen, wenn der Schmerz über meinen Verlust ihm nicht das Leben geraubt.”

“Meine Königin,” antwortete der Prinz, “bei dieser Unsterblichkeit, welche man uns verheißen hat, habe ich kein anderes Vergnügen im Sinne, als das, dich ewig lieben zu können. Der Himmel ist mein Zeuge, dass auch ich das größte Verlangen trage, den König, meinen Vater, wieder zu sehen, dessen Andenken mir oft Tränen entlockt: aber welchen Weg sollen wir einschlagen, um nach Georgien zu gelangen.” – “Herr,” erwiderte die Prinzessin, “unsere Barke steht noch auf dem Strande, an welchen die Fluten sie geworfen haben: lass uns ihr zum zweiten Mal unser Schicksal anvertrauen, und folgen wir dem Strome; er bringt uns vielleicht an irgend einen Ort, wo wir eine Gelegenheit finden, an den Hof meines Vaters oder in die Staaten des deinen zu gelangen.”

“Ich willige ein, meine Herrin,” erwiderte der Prinz, “nur dir zu gefallen ist all mein Bestreben. Wir wollen diesen Palast verlassen, weil du dich darin langweilest, und mit den Prinzen, unsern Söhnen, die Barke besteigen. Aber, ach! welche Betrübnis wird unsere Abreise dem Könige von China verursachen! Er leibt uns, wie seine Kinder; er glaubt, dass wir ihn nie verlassen werden: er wird untröstlich sein, wenn wir von ihm scheiden.”
“Lass uns hingehen und mit ihm reden,” sagte die Prinzessin; “wir wollen uns verstellen, und um seine Verzweiflung abzuwenden, ihn glauben machen, dass wir nicht für immer von ihm scheiden wollen.”

Nach dieser Unterhaltung begaben sie sich zu dem alten Könige; sie stellten ihm vor, dass sie eine so heftige Sehnsucht hätten, ihre Eltern wieder zu sehen, dass sie ihr nicht wieder stehen könnten; sie baten ihn, in ihre Heimkehr in ihr Vaterland zu willigen, und versicherten ihn, dass sie binnen einiger Jahre wieder zu ihm kommen würden.

Auf diese Rede fing der König an zu weinen: “O meine Kinder!” rief er aus, “so soll ich euch denn verlieren! Ach! ich werde euch nimmer wieder sehen,” – “Herr,” sagte der Prinz, “lasst uns den antrieben des Blutes folgen: wenn wir ihnen genug getan haben, so werden wir in diese Einsamkeit zurückkehren, um mit euch die Süßigkeit der Unsterblichkeit zu genießen.”

Die Prinzessin wiederholte ihm dasselbe; aber sie mochten ihn immerhin ihrer Wiederkehr versichern, da er die Wissenschaft Mekaschefa besaß, so las er im Grunde ihres Herzens, und wusste wohl, dass sie nicht gesonnen waren, ihm ihr Wort zu halten. Der Schmerz, diese von ihm so überaus zärtlich geliebten Personen zu verlieren, machte im das Leben unerträglich. Er rief den Engel des Todes, welchen er seit so vielen Menschenaltern durch die Geheimnisse seiner Kunst von sich entfernt hielt; er gab die Sorgfalt auf, an welche er sich gewöhnt hatte, um seine Tage zu verlängern, und ließ sich sterben.

Kaum hatte er den letzten Seufzer ausgehaucht, als seine Geister ihn entrückten. Der Palast verschwand darauf auch plötzlich, und der Prinz mit seiner Gattin und seinen Kindern, befanden sich mitten auf dem Felde. Sie konnten sich nicht enthalten, zu weinen, wenn sie bedachten, dass sie die Ursache des Todes des alten Königs wären; aber ihr Schmerz wich bald den lockenden Vorstellungen, welche die Hoffnung, ihre Eltern wieder zu sehen, ihnen eingab, und sie beschäftigten sich jetzt nur mit ihrer Abreise.

Sie brachen einige Früchte, welche, trotz der Unfruchtbarkeit des Bodens, die gütige natur eigens für sie in dieser Wüste hervorgebracht zu haben schien. Sie trugen dieselben in ihre Barke, welche an einen Pfahl gebunden, und noch in demselben Stande war, in welchem sie sie verlassen hatten. Sie banden sie los, stiegen alle viere hinein, und überließen sich dem Laufe des Stromes, welcher eine Viertelmeile von dort sich in das Meer ergoss.

Ein Seeräuber, welcher vor der Mündung dieses Stromes kreuzte, entdeckte die Barke, nahte sich ihr, und rief dem Prinzen zu, sich zu ergeben, wenn er dem Tode entgehen wollte. Der Prinz war ohne Waffen, was konnte er da gegen eine so große Zahl Bewaffneter ausrichten? Anstatt sich unnütz zu verteidigen, übergab er sich den Händen des Seeräubers, indem er ihn bei allem, was heilig ist, beschwur, seiner Gattin nicht die Ehre und seinen Kindern nicht das Leben zu rauben.

Der Räuber, nachdem er sie an Bord genommen hatte, segelte nach einer Insel, wo er den Prinzen von Karisme aussetzen ließ. Darauf suchte er wieder das Weite, und nahm die Prinzessin und ihre beiden Söhne mit sich.

Es ist unmöglich, den Jammer des Prinzen und seiner Dilaram zu schildern, als sie sich also getrennt sahen. So lange der Prinz das Schiff noch sehen konnte, hörte er nicht auf, dem Räuber nachzurufen. “Ha, Bösewicht!” schrie er ihm zu, “wähne nicht, daß Gott deine Schandtat unbestraft lassen wird. In welchen Winkel der Erde du dich auch verbergen magst, du wirst nicht der Strafe entgehen, welche seine Gerechtigkeit dir bereitet.” Darauf sich gen Himmel richtend, fuhr er fort: “O du gerechter Himmel! Der du mich bisher immer beschützt, hast du mich jetzo verlassen? Hast du es zulassen können, dass man mir meine Gattin und meine Kinder entriss? Wehe mir! Wenn du nicht ein neues Wunder tust, um mir diese so teuren Gegenstände wiederzugeben, so habe ich mich über deine bisherige Gnade mehr zu beklagen, als glücklich zu preisen. Warum hast du mich aus so viel Gefahren gerettet? Schobest du mein Verderben nur auf, bis ich alle Bekümmernisse eines Vaters und Gatten empfände?”

Während er solche Reden ausstieß, sah er mehrere Leute auf sich zukommen, welche ihm sehr seltsam schienen. Sie hatten einen Leib wie andere Menschen, waren aber ohne Kopf: sie hatten ein weites Maul in der Brust und ein Auge an jeder Schulter. Diese Ungeheuer bemächtigten sich seiner, und führten ihn zu ihrem Könige.

“Herr,” sagten sie zu ihm, “hier ist ein Fremdling von sehr üblem Aussehen, welchen wir auf dem Strande gefunden haben. Er könnte wohl ein Kundschafter unserer Feinde sein.” – “Wohlan,” antwortete der König, “man bereite einen Holzstoß und verbrenne ihn darauf, nachdem ich ihn befragt habe. Junger Mensch,” fuhr er fort, indem er sich zu dem Prinzen wandte, “wer bist du? Woher kömmst du? Und was führte dich her auf diese Insel?”

Der Prinz verschwieg ihm nicht seine Abkunft, und machte ihm eine lange und umständliche Erzählung seiner Abenteuer.

Der König verwunderte sich darüber, und sagte zu ihm: “Prinz, ich sehe wohl, dass der Himmel euer Leben in besondere Obhut genommen hat. Wenn die seltsamen Abenteuer, welche ihr mir erzählt habt, es mir nicht bewiesen, so würden die Regungen des Mitleids, welche sie mir einflößen, mich nicht länger daran zweifeln lassen. Ich folge diesem Antriebe: ja, ihr sollt leben, ich gebe euch eine Zuflucht an meinem Hofe, und ich schmeichle mir, dass ihr mir in dem Kriege, welchen ich mit einem benachbarten König führe, nicht unnütz sein werdet. Ich will euch die Ursache dieses Krieges sagen. Er und seine Untertanen sind nicht solche Menschen ohne Kopf, wie wir, sondern sie haben große Vogelköpfe, und wenn sie sprechen, so gleicht ihre Stimme dermaßen der Vogelstimme, dass wir, sobald einer von ihnen auf unserer Insel ankömmt, ihn für einen Strandvogel nehmen, und ihn verzehren. Das missfällt nun ihrem Könige, welcher, um sich zu rächen, von Zeit zu Zeit eine Flotte ausrüstet, und hier Landungen versucht. Er hat deren schon mehrere gemacht, die ihm misslungen sind. Indessen gibt er die Hoffnung nicht auf, uns alle zu vertilgen; und wir unsererseits hoffen nicht minder, ihn samt seinen Untertanen zu fressen.”

“Das ist der Stand meiner Angelegenheiten,” fuhr der König der kopflosen Menschen fort. “Wir sind auf unserer Hut vor Überfällen, und bisher haben wir noch immer die Oberhand über unsere Feinde behalten.”

Der Prinz von Karisme bot dem Könige seinen Arm an, und dieser machte ihn zum Befehlshaber seines Heeres. Der junge Feldheer säumte nicht, sein Amt auszuüben, und zu zeigen, dass er dessen nicht unwürdig wäre.

Es erschien bald darauf an der Küste eine große Anzahl von Schiffen. Es war der König von der Insel der vogelköpfigen Menschen, welcher mit dem erlesensten Teile seines Volkes eine neue Landung versuchte. Der Prinz von Karisme ließ ihm Zeit, die hälfte der Truppen auszuschiffen; dann aber griff er sie mit den Seinen ungestüm an, brachte sie in Unordnung, und zwang sie, wieder auf ihre Schiffe zu fliehen. Viele von ihnen wurden getötet, eine große Menge ertrank, und der vogelköpfige König ward gezwungen, mit den übrigen sich zurückzuziehen.

Niemals hatte der König der kopflosen Menschen einen so glänzenden Sieg davongetragen. Der Prinz hatte alle Ehre davon; die Soldaten gestanden, dass sie noch niemals waren so gut geführt worden, und dass keiner ihrer Feldherren, selbst der berühmteste nicht, so viel Geschicklichkeit gezeigt hatte.

Diese Lobeserhebungen schmeichelten dem jungen Helden, welcher, um sie noch besser zu verdienen, dem Könige vorschlug, auch seinerseits eine Flotte auszurüsten und seinen Feinden daheim Schrecken einzujagen. Der König genehmigte diesen Vorschlag; und eine furchtbare Flotte segelte nach der Insel der vogelköpfigen Menschen, unter dem Befehle des Prinzen von Karisme.

Er bewerkstelligte seine Landung in der Nacht, und stellte ohne Lärmen seine Leute in Schlachtordnung, und mit Anbruch des Tages rückte er gegen die Stadt vor, und überfiel die Einwohner, welche sich eines solchen Angriffs nicht versahen. Er tötete alles, was ihm widerstand tat. Er nahm den König mit seinem ganzen Hofe gefangen, und kehrte siegreich nach der Insel der kopflosen Menschen zurück.

Hier wurde er unter dem Zujauchzen des daheim gebliebenen Volkes empfangen, und es wurden Freudenfeste angestellt, welche einen Monat lang dauerten. Man verteilte die Gefangenen unter den Einwohnern, welche sie mit allen den Brühen verspeisten, womit man Strandvögel zu speisen pflegt. Der besiegte König selber entging nicht eben dieser Todesart: bei einem Feste wurde er der ganzen königlichen Familie der kopflosen Menschen aufgetischt.

Nach diesem Feldzuge, welcher den Krieg vollständig beendigte, begann der Prinz von Karisme ein müßiges Leben zu führen. Er blieb neun Jahre am Hof des kopflosen Königs, welcher ihn so lieb gewann, dass er eines Tages zu ihm sagte:

“Prinz, ich bin alt, und habe keinen männlichen Erben: ich will euch meine Krone hinterlassen, unter der Bedingung, dass ihr sie mit meiner Tochter teilt. Obwohl ihr eine sehr seltsame und gar lächerliche Gestalt habt, so will ich euch doch gern zu meinem Schwiegersohn annehmen.”

Der Prinz wich diesem Antrage sehr geschickt aus, aber der König kam immer wieder darauf zurück, und als er bemerkte, dass der Prinz diese Heirat verabscheute, begann er wieder, mit verändertem Tone: “Prinz,” sprach er zu ihm, “es steht euch fein an, die Ehre auszuschlagen, welche ich euch antun will! Wisset, dass alle Dienste, welche ihr mir geleistet habt, euch nicht schützen werden, meinen Zorn zu empfinden, wenn ihr noch länger zögert, mir zu gehorchen! Ihr möget es wohl bedenken: ihr müsst morgen meine Tochter heiraten, oder ich lasse euch diese Kugel abschlagen, welche sich unaufhörlich auf euren Schultern dreht und ein sehr schnödes Ansehen macht.”

Diese Worte wurden mit einer Miene ausgesprochen, welche dem Prinzen zu erkennen gab, dass er sich entschließen musste, die Prinzessin zu heiraten oder zu sterben. In dieser peinlichen Verlegenheit rief er traurig aus: “Unglückseliges Gestirn, unter welchem ich geboren bin, kann ich denn nimmer deinen bösen Einfluss erschöpfen? Es ist noch nicht genug, eine Frau mit einem Hundskopf gehabt zu haben, ich muss mich jetzt auch noch mit einem andern Ungeheuer verbinden. O Dilaram! Reizende Dilaram, deren Andenken mir einen Schmerz erregt, welchen die Zeit nie abstumpfen wird, wie kann ein Prinz, der euer bild so heilig in seinem Herzen bewahrt, mit einem Weibe leben, dessen Augen sich an die Schultern verirrt haben, und die in der Brust einen Mund hat, der mehr gemacht ist, einen Mann zu verschlingen, als seine Küsse zu empfangen.”

Ungeachtet dieses Widerwillens unterließ er jedoch nicht, sich zu dieser Heirat zu entschließen, welche mit allem Pompe gefeiert wurde, welcher der Geburt der beiden sich vermählenden Personen angemessen war.

In der ersten Hochzeitnacht führte man den Prinzen in ein Gemach, wohin die Braut schon zuvor geführt war, und ließ hier beide allein. Sie näherte sich ihm zuerst, und er bebte vor Entsetzen: Er wähnte, dass sie hingerissen von ihrer Begierde und berechtigt durch den Namen der Gattin, seine ersterbende Glut anfachen wollte; aber sie hielt ihm eine Rede, welche ihm seine Ruhe wiedergab, indem sie ihn aus dem Irrtum zog.

“Ich weiß wohl, Herr,” sprach sie zu ihm, “dass ein Mensch, wie ihr, eine Frau hassen muss, die mir gleicht. Ich urteile von euren Empfindungen nach den meinigen, ich habe eben so viel Abscheu vor euch, als ihr nur immer vor mir haben könnt. Wir betrachten uns beide als Ungeheuer, und wir finden uns beklagenswert, dass wir gezwungen sind, uns miteinander zu verbinden, ihr, um dem Tode zu entgehen, und ich, um dem König, meinem Vater, zu gehorchen. Ich muss euch bei alledem sagen, dass, wenn ihr als zartfühlender Mann auf die Rechte des Ehegatten verzichten wollt, ich euer Glück machen kann.”

“Ach, gnädige Frau,” antwortete der Prinz, “ich verzichte darauf von ganzem Herzen, weil ihr von mir dies Opfer verlangt: aber ich bitte euch, sagt mir, auf welche Weise könnt ihr mich glücklich machen?” – “Wisset,” fuhr sie fort, “dass ich einen Geist liebe, welchem ich eine heftige Leidenschaft eingeflößt habe. Sobald er vernimmt, dass mein Vater mich verheiratet hat, wird er nicht säumen zu kommen, um mich zu entführen. Ich werde ihn bitten, euch in euer Land zu bringen; und ich bezweifle nicht, dass er, hoch erfreut über eure Ehrerbietung gegen mich, alles tun werde, was ihr wünscht.” – “Wohlan, schöne Prinzessin,” erwiderte der Prinz von Karisme, entzückt von der Hoffnung, welche ihm gegeben wurde, “ich willige ein, und trete eurem beglückten Geist alle die Schätze ab, welche diese Hochzeit mir bestimmte; willig überlasse ich ihm den Besitz davon.”

Nachdem er dies gesagt hatte, legte er sich auf ein Sofa und schlief ein; und die Prinzessin tat das Gleiche.

Während sie beide so schliefen, erschien der Geist, welcher die junge Frau liebte, nahm sie beide unter die Arme, und führte sie durch die Luft davon. Er hielt auf einer Insel, die nicht weit von der Insel der kopflosen Menschen entfernt war, legte hier den Prinzen auf den Rasen nieder, und entführte dann die Prinzessin in eine unterirdische Wohnung, welche er eigens für sie erbaut hatte.

Der Prinz war bei seinem Erwachen verwundert, sich auf einer unbekannten Insel zu finden. Er dachte wohl, dass während seines Schlafes der in die kopflose Prinzessin verliebte Geist ihn hierher versetzt hatte, aber es deuchte ihn, dass dieser Geist nicht so erkenntlich wäre, als sie ihn gerühmt hatte, weil er ihn, anstatt ihn in die Heimat zu bringen, auf einer Insel aussetzte, welche vielleicht von eben so abscheulichen Leuten bewohnt war, als die Samsaren.

Er war beunruhigt von allem, was dieser Gedanke Schreckliches mit sich führte, als er am Ufer des Meeres einen alten Mann erblickte, welcher die Abwaschung zu verrichten schien. Er stand schleunigst auf und lief zu ihm hin, und fragte ihn, ob er ein Muselmann wäre. “Ja, ich bin es,” antwortete der Greis; “und ihr, junger Mann, wer seid ihr? Nach eurem edlen Anstand zu urteilen, seid ihr nicht von gemeinem Herkommen.” – “Ihr täuscht euch nicht in eurer Vermutung,” erwiderte der Prinz, “denn ich bin ein Königssohn.” – “Und welcher König ist euer Vater?” fragte der Greis. “Öffnet mir euer Herz: ich schwöre bei unserm großen Propheten, dass keine Arglist hinter meinen Worten steckt; ich bin geeigneter, euch zu dienen, als euch zu schaden: redet ohne Rückhalt.”

“Weil ihr denn meinen Namen zu wissen wünscht,” erwiderte der Prinz, “so sage ich euch, dass ich der Prinz von Karisme bin.” – “O Gott!” unterbrach ihn der Greis, “ist es möglich, dass ihr dieser unglückliche Prinz seid, der durch einen europäischen Seeräuber fortgeführt wurde?” – “Wer hat euch von diesem Ereignis unterrichten können?” fragte der Prinz. – “Ich muss es wohl wissen, Herr,” antwortete der Greis; “ich bin in den Staaten des Königs, eures Vaters geboren. Ihr seht in mir einen der Sterndeuter, welche euer Horoskop stellten; und um euch von dem zu benachrichtigen, was euch angeht, sage ich euch, dass euer Vater sich eure Entführung so zu Herzen nahm, dass er wenige Tage danach starb. Sein Volk, dessen Wonne er war, beweinte ihn lange Zeit, und die Hoffnung aufgebend, euch je wieder zu sehen, setzte es einen Prinzen eures Geblüts auf den Thron. Dieser neue König versammelte die Sterndeuter, und befahl uns, die Sterne über seine Regierung zu befragen. Wir verkündigten ihm Dinge, welche ihm missfielen. Er hielt sich an uns wegen der Unfälle, womit der Himmel ihn drohte, und beschloss, uns alle töten zu lassen. Wir aber entdeckten vermittelst der Geheimnisse unserer Kunst diesen Anschlag, wir verließen unser Vaterland, und jeder begab sich nach dem Winkel der Erde, den er sich zum Aufenthalt wählte. Ich habe mehrere Länder der Erde durchwandelt, und habe mich endlich auf dieser Insel niedergelassen, welche von einer so guten Königin beherrscht wird, dass es kein so glückliches Volk mehr gibt, als ihre Untertanen sind.”

Während der Astrologe also sprach, weinte der Prinz von Karisme bitterlich. Die Nachricht von dem Tode seines Vaters verursachte ihm eine so tiefe Betrübnis, dass der Greis genötigt war, seine Rede zu unterbrechen, um ihn zu trösten. “Herr,” sprach er zu ihm, “wenn ich euch so traurige Nachrichten hinterbringe, so habe ich auch sehr erfreuliche euch anzukündigen. Ich erinnere mich noch wohl aller unserer Beobachtungen; der Himmel verheißt euch ein glückliches Los nach dem dreißigsten Jahre. Ihr zählt jetzo einunddreißig, und folglich ist all euer Unglück vorüber. Folget mir, wenn’s euch beleibt, ich will euch zu dem Großwesir führen, welcher ein tugendhafter Mann ist. Er wird euch der Königin vorstellen, welche euch den gebührenden Empfang bereiten wird, sobald sie von eurem Stande unterrichtet ist.”

Der Prinz und der Sterndeuter begaben sich beide zu dem Wesir, welcher nicht sobald den Namen des Prinzen vernommen hatte, als er mit allen Zeichen des höchsten Erstaunens ausrief: “O mein Gott, es ist dir allein vorbehalten, solche Wunder zu tun! – Kommt, Herr,” fuhr er fort, indem er sich zu dem Prinzen von Karisme wandte, “und geht mit mir zu der Königin; ihr werdet die Ursache meines Erstaunens erfahren.”

Indem er dieses sagte, führte er ihn zu dem Palast, und als sie in die Gemächer der Königin kamen, bat er ihn, einen Augenblick zu verziehen, weil es gut wäre, die Fürstin zuvor zu benachrichtigen, damit sie sich auf den Empfang eines solchen Prinzen vorbereitete.

Der Wesir blieb ziemlich lange bei der Königin, welche endlich in das Zimmer trat, worin der Prinz war. Sie sah ihm ins Gesicht, und erkannte ihn: “O mein Gemahl,” sagte sie, indem sie ihm die Arme entgegenstreckte, “gibt es noch eine solche Freude auf der Welt, als die meine ist, dich wieder zu sehen?”

Der Prinz betrachtete sie ebenfalls und erkannte in ihren Zügen seine geliebte Dilaram wieder, und ganz entzückt vor Erstaunen, Liebe und Freude rief er aus: “O meine Königin, ist es möglich, dass ich dich wieder finde! Wie groß auch die Unglücksfälle sind, welche der Himmel mich hat bestehen lassen, so bekenne ich doch, dass seine Güte seine Strenge übertrifft, weil er dich meiner Zärtlichkeit wiederschenkt.”

Sie umarmten sich beide zu wiederholten malen, mit einem Entzücken, das sich leichter empfinden als ausdrücken lässt. Hierauf fragte der Prinz nach seinen Kindern. “Die wirst du bald sehen, Herr,” antwortete die Fürstin; “sie sind auf die Jagd gegangen und werden bald zurückkommen.” – “Aber, wie bist du Königin der Insel geworden, Herrin?”, fragte der Prinz. “Ich will deine Neugier sogleich befriedigen,” antwortete Dilaram; “höre, wie ich auf diesen Thron gelangt bin, welchen ich gleich morgen verlasse, um dir zu folgen, wenn mein Volk nicht einwilligt, dass ich ihn mit dir teile.

Sobald der Seeräuber, welcher uns gefangen nahm, dich auf der Insel ausgesetzt hatte, stach er er wieder in See, wie du weißt; aber wir hatten noch nicht sechs Meilen gemacht, als ein furchtbarer Sturm sich erhob, und trotz der Geschicklichkeit und den Anstrengungen der Matrosen wurde das Schiff mit solchem Ungestüm gegen die Felsen dieser Küste geworfen, dass es in tausend Stücke brach. Einige Matrosen erreichten durch Schwimmen das Ufer; die übrigen, samt dem Hauptmann, wollten sich ebenso retten, gingen aber zu Grunde. Was mich betrifft, ohne den Himmel um die Erhaltung meines so unglücklichen Lebens zu bitten, umarmte ich meine Söhne, um mit ihnen zu sterben, und schon wollten die fluten uns verschlingen, als mehrere Leute von der Insel, welche von weitem unsern Schiffbruch angesehen, und sich in Boote geworfen hatten, um uns zu Hilfe zu eilen, noch zur rechten Zeit herankamen. Sie zogen uns halb tot aus dem Wasser, und als sie bemerkten, dass wir noch atmeten, trugen sie uns in ihre Häuser, und brachten uns vollends ins Leben zurück.

Als der König der Insel von unserm Schiffbruche hörte, war er neugierig, uns zu sehen. Er war ein Mann von neunzig Jahren, und so geliebt von seinen Untertanen, als er es verdiente. Ich verschwieg ihm nichts, sondern sagte ihm meinen Stand und erzählte ihm meine Geschichte. Er war gerührt von meinen Unglücksfällen, und begleitete mit seinen Tränen die meinen, welche ich bei einigen Stellen meiner Geschichte nicht zurückhalten konnte. Endlich, nachdem er mir mit großer Aufmerksamkeit zugehört hatte, nahm er das Wort, und sagte zu mir: “Meine Tochter, man muss die Unfälle mit Standhaftigkeit ertragen; es sind die Proben, auf welche der Himmel unsere Tugend setzt: wenn wir ungeduldig leiden, so lässt er fast immer Freuden auf unsere Leiden folgen. Bleibt bei mir, ich will für die Prinzen, eure Kinder, sorgen.”

In der Tat, und wenn sie seine eigenen Söhne gewesen wären, so hätte er nicht mehr Liebe für sie haben können; und seine Hochachtung und Ehrerbietung für mich konnte nicht größer sein. Er begnügte sich nicht, mich mit Ehrenbezeugungen zu überhäufen, er zog mich auch über Staatsangelegenheiten zu Rate; er ließ mich an seinem Staatsrate Teil nehmen, und um mich zu überzeugen, in welchem Maße er für mich eingenommen war, erhob er mit großen Lobe alles, was ich sagte, wenn es nur irgend passend war.

Ich verlebte fünf Jahre auf diese Weise, nach deren Verlauf er eines Tages zu mir sagte: “Prinzessin, es ist Zeit, euch einen Vorsatz zu entdecken, welchen ich gefasst habe: ich will, dass ihr nach meinem Tode meinen Thron einnehmt, und um ihn euch zu versichern, muss ich euch heiraten. Alle meine Völker, von euren Tugenden eingenommen, werden meiner Wahl Beifall geben und es mir guten Dank wissen, euch zu meiner Erbin gemacht zu haben.”

Der Vorteil meiner Söhne bestimmte mich, in diese Verbindung zu willigen, welche unter großem Beifall meiner Völker vollzogen wurde. sie bezeigten nicht minder Freude und Zufriedenheit, als sie nach seinem Hintritt, welcher sehr nah auf unsere Hochzeit folgte, vernahmen, dass er in seinem letzten Willen ihnen befahl, mich als ihre Gebieterin anzuerkennen. Seit dieser Zeit herrschte ich über sie; und ich darf wohl sagen, dass es mein einziges Bestreben ist, sie glücklich zu machen.”

Als die Königin diese letzten Worte gesprochen hatte, sah sie die beiden Prinzen von der Jagd zurückkommen. “Eilt Prinzen,” rief sie ihnen entgegen, “eilt, euren Vater zu umarmen, welchen der Himmel euch erhalten hat!” Die Stimme des Blutes, welche sich in ihnen vernehmen ließ, ließ sie nicht länger an diesem Wunder zweifeln. Sie liefen zu dem Prinzen von Karisme hin, welcher ihnen die Arme entgegenstreckte, und sie einen nach dem andern auf die Augen küsste.

Nachdem diese vier von den zärtlichsten Regungen der Natur bewegten Personen sich tausend Zeichen ihrer Zärtlichkeit gegeben hatten, versammelte der Großwesir das ganze Volk, erzählte ihnen die Geschichte des Prinzen von Karisme, und ermahnte sie darauf, diesen Prinzen für ihren König anzuerkennen. Das Volk willigte einstimmig ein, und rief den Prinzen von Karisme zum König aus.

Dieser regierte mit seiner geliebten Prinzessin von Georgien auf eine solche Weise, dass ihre Regierung die glücklichste Regierung genannt wurde.

“Ich habe diese Geschichte erzählt, Herr,” fuhr der neunte Wesir des Kaisers von Persien fort, “um Euer Majestät zu zeigen, dass die Kinder der Könige ihrem Unstern ebenso unterworfen sind, wie die andern. Während ein feindseliges Gestirn seine Einflüsse auf uns ausübt, würde das Gold in unserer Hand sich in schwarze Erde und der Theriak in unserm Munde sich in Gift verwandeln. Der Prinz Nurgehan befindet sich in diesem unglücklichen Fall, alles muss er fürchten, alles wird ihm feindselig, sein eigener Vater ist sein Feind geworden.”

Die Erzählung dieser Geschichte, und vor allem die Anwendung, welche der Wesir davon machte, machten den Kaiser betroffen, und trotz dem Versprechen, welches er der Sultanin gegeben hatte, schob er die Hinrichtung des Prinzen auf.

Als am Abend der Sultan zurückkam in seinen Palast, beklagte die Königin sich abermals über den neuen Aufschub der Bestrafung seines Sohnes; und um dem König zu zeigen, wie weit ein junger Mensch seine Bosheit treiben kann, erzählte sie ihm die folgende Geschichte.

Der Schuster und die Königstochter

Es war einmal zu Kasbin ein junger Schuster, Namens Hassan, welcher mit Not von dem Ertrag seiner Arbeit lebte. Eines Tages, als er in seinem Laden war, sah er einen Derwisch vorübergehen, dessen Pantoffeln zerrissen waren. “Guter Derwisch,” sagte er zu ihm, “euer Schuhzeug ist in schlechtem Zustand; tretet bei mir ein, und ich will es euch ausbessern.” Der Derwisch folgte dieser Einladung, setzte sich, und aß von einigen Speisen, welche der Schuhflicker ihm vorsetzte.

Als die Pantoffeln fertig waren, sagte Hassan: “zum Lohne für meine Arbeit bitte ich euch um Rat. Ich habe Lust zu reisen, und ihr könnt besser als jeder andere mir einen guten Rat dazu geben.” – “Mein Sohn,” antwortete der Derwisch, “ich will dir drei Lehren geben, deren ganze Wichtigkeit ich aus Erfahrung kenne:

Erstens, begib dich nie auf den Weg, ohne einen guten Reisegefährten; denn der Prophet (mit dem alles Heil sei!) sagt: “Suche dir erst einen Gefährten, und dann begib dich auf den Weg7).” Zweitens, verweile nie an einem Orte wo Wasser mangelt. Endlich, drittens, geh nie in eine Stadt nach Sonnenuntergang.”

Kurze Zeit darauf, nachdem Hassan gute Reisegefährten gefunden hatte, begab er sich auf den Weg. nach Verlauf einiger Tage kommen sie zusammen an die Tore einer großen Stadt. Seine Gefährten gingen hinein: Er aber, eingedenk der Lehren des Derwisches, blieb draußen am Ufer eines Stromes; und da er in der Nähe einen Totenacker fand, so hielt er fürs ratsamste, die Nacht darin zuzubringen.

Es war drei Stunden nach Mitternacht, als er zwei Männer bemerkte, welche über die Stadtmauer etwas hinab ließen, das er nicht erkennen konnte, und das sie in eins der nächsten Gräber trugen.

Kaum hatten diese Leute sich entfernt, so eilte Hassan nach dem Orte, wo sie ihre bürde abgelegt hatten. Er trat hinein, nahm sein Feuerzeug, und bei dem Lichte, das er sich anschlug, erblickte er einen Sarg, aus welchen von allen Seiten das Blut hervorrieselte.

Sogleich bemüht er sich, den Deckel aufzuheben, und findet darin eine Frau von außerordentlicher Schönheit, ganz in ihrem Blut gebadet, in ein Leichentuch gewickelt. Er hielt sie für tot, und hob die Leinwand auf, welche sie umhüllte, als er folgende Worte mit schwacher Stimme aussprechen hörte: “Um Gottes willen, beraubt mich nicht meiner Kleider.” Da erkannte er, dass noch einiges Leben in ihr war, zerriss seinen Kaftan, und verband ihre Wunden.

Am folgenden Morgen ließ er sie in die Karawanserei der Stadt tragen, und gab sie für seine Schwester aus, welche er in einem lebhaften Augenblick selber so verwundet hätte. Hier widmete er ihr zwei Monate hindurch die allerzärtlichste Sorgfalt.

Nach Verlauf dieser Zeit war die junge Unbekannte gänzlich hergestellt, und ging aus der Karawanserei ins Bad. Als sie zurückkam, forderte sie Feder, Tinte und Papier, schrieb ein paar Worte und sagte zu Hassen: “Nehmt diesen Brief, und tragt ihn nach dem Basar 8) zum Wechsler Dakub; und nehmt in Empfang, was er euch geben wird.”

Hassan begab sich in aller Eile zu dem Wechsler. sobald dieser den Brief geöffnet hatte, küsste er ihn, legte ihn auf sein Haupt, und händigte dem Überbringer eine Börse mit fünfhundert Zeckinen ein. Unser Reisender war ganz erstaunt, in seinem Leben hatte er keine so große Summe gesehen; und er erkannte aus der Ehrfurcht, welche der Wechsler dem Brief bezeigte, dass diejenige, die ihn geschrieben hatte, nicht von gemeiner Herkunft wäre.

Bei der Rückkehr in die Karawanserei legte er die Börse furchtsam vor seiner Gefährtin hin, welch ein seinen Augen alle die Neugier las, welche ihn quälte. sie hielt es noch nicht für ratsam, sie zu befriedigen, und begnügte sich, ihm zu sagen, er möchte das Geld nehmen, um sich anständige Kleider und eine schickliche Wohnung zu verschaffen.

Hassan befolgte ihre Befehle; und vermittelst ansehnlicher summen, welche der Wechsler niemals versagte, ihr zu senden, kauften sie Sklaven, und lebten beide einige Zeit im Schoße des Überflusses.

Eines Tages gab die Unbekannte dem Hassan eine Börse in die Hand, und sagte zu ihm: “Es kommt darauf an, mir einen Dienst zu leisten, auf welchen ich hohe Wichtigkeit lege. Geht auf den Basar, dort werdet ihr leicht den Laden Abdallahs, des Seidenhändlers, auffinden. Lasst euch ein Stück Atlas vorzeigen, und wie hoch auch der Preis desselben sei, kauft es, ohne zu handeln.”

Hassan erkannte sehr bald das Warenlager des jungen Kaufmanns, er trat ein, ließ sich ein Stück Atlas vorlegen, und kaufte es für den Preis, der ihm abgefordert wurde. Den ihm erteilten Aufträgen zufolge, kehrte er mehrmals zu demselben Kaufmann zurück, und machte seine Sache so gut, dass zwischen ihnen eine Verbindung entstand, die vertraulich genug war, um ihn zu einem Mittagsmahl einzuladen, welche Einladung er auch annahm.

Nach der Vorschrift der Unbekannten, wurde gegenseitig Abdallah eingeladen, welcher auch sehr verbindlich die Ehre annahm, welche ihm ein so reicher Herr erwies, als Hassan zu sein schien.

“Wie seltsam auch die Dinge sein mögen, deren ihr Zeuge sein werdet,” sagte die Unbekannte zu Hassen, “verwundert euch nicht darüber.” Und zu gleicher Zeit ließ sie ein glänzendes Mittagsmahl bereiten.

Zur bestimmten Stunde stellte sich Abdallah ein, mit der größten Pracht gekleidet. Hassan empfing ihn sehr höflich; man trank bis tief in die Nacht; aber als von der Trennung die Rede war, und Abdallah von seinem Wirt Abschied nehmen wollte, gab dieser es nicht zu: “Wie?”, sagte er, “ich sollte euch zu dieser Stunde gehen lassen! Nein, ich kann es nicht: Ihr müsst hier schlafen; ich werde euch ein Lager bereiten lassen.”

Als der Kaufmann sah, dass es vergeblich wäre, länger zu widerstehen, ließ er es sich gefallen, und legte sich nieder.

Um Mitternacht, als er im tiefen Schlafe lag, näherte die Unbekannte, welche während des ganzen Mahles nicht zum Vorschein gekommen war, sich ihm, und stieß ihm einen Dolch ins Herz.

Hassan, von dem Geräusch aufgeweckt, lief herbei: “Großer Gott!”, rief er aus, indem er den Abdallah den letzten Seufzer aushauchen sah, “von welcher Gräueltat habt ihr mich zum Mitschuldigen gemacht! Ich verlasse euch auf der Stelle; ich will nicht länger in diesem abscheulichen Hause bleiben: Ich will euch selbst alles zurückgeben, was ihr mir geschenkt habt.”

“Beruhige dich, Hassan,” antwortete die Prinzessin, “ich habe nur einen Verräter gerechterweise bestraft: Ich bin die Tochter des Königs. Der, den du gegenwärtig tot hingestreckt siehst, hatte mir eine heftige Leidenschaft eingeflösst; durch Vermittlung meiner Amme, und durch Bestechung der zu meiner Bewachung bestellten Personen, brachte ich es dahin, ihn in den Harem9) einzuführen; mehr als einmal ging ich sogar, unter dem Schutz der Verkleidung, zu ihm, und überhäufte ihn mit Wohltaten.”

“Eines Tages besuchte ich ihn zu einer Stunde, wo er mich nicht erwartet hatte: Denke dir mein Erstaunen und meine Wut, als ich ihn bei einer Nebenbuhlerin sitzen fand. Ich machte ihm die lebhaftesten Vorwürfe, ich ließ mich sogar so weit hinreißen, die zu schlagen, die bei ihm war.”

“Da ging das Ungeheuer hin, und holte zwei junge Wüstlinge, und sei es nun, dass er die folgen meines Zornes fürchtete, oder dass er seine Geliebte rächen wollte, – mit ihrer Hilfe versetzte er mir mehrere Messerstiche, und mich tot wähnend trug er mich auf den Gottesacker, wo du mich gefunden hast. Jetzt, da ich gerächt bin, eile hin, dem König, meinem Vater zu verkündigen, dass seine Tochter noch lebt, und zeige ihm meinen Aufenthalt an.”

Der ganze Hof war voll Freuden, als man vernahm, dass die Prinzessin wieder gefunden war. Der König umarmte sie mit weinenden Augen; und als er hörte, dass Hassan ihr Retter war, gab er sie ihm zur Frau.

“Ihr erseht aus dieser Geschichte,” fügte die Königin Chansade hinzu, “welcher Gräueltaten die jungen Leute fähig sind,” und sie forderte von neuem den Tod Nurgehans. Der König versprach auch, ihr Verlangen zu erfüllen.


1) Serendib ist die Insel Ceylon. ­
2) Dilaram bedeutet Ruhe des Herzens.
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3) Tschakmak ist ein Feuerzeug mit einem Flintenschloss.
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4) Moslim (in der Mehrzahl Moslemin) ist das Partizip von salama, sich Gott widmen, nach der auch die Religion Islam benannt ist. Entstellung des ersten ist unser Muselman.
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5) Kubbay Chiramant: worin, nach dem Glauben der Türken, Adam begraben ist.
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6) Man vergleiche das türkische Kochbuch in persischen Versen von buisch hak Halladsche.
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7) Diese Lehren Mohameds finden sich nicht im Koran, also wohl in den Überlieferungen der Sunna. Noch ist Sprichwort:
Utlub al gâr qabl abdar
warrasyq qabl attaryq.
d.i. bekümmere dich um den Nachbar, bevor du ein Haus kaufst, und um den Gefährten, bevor du dich auf den Weg begibst.
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8) Basar (nicht arabisch) ist eine Markthalle mit Kaufläden, wo meist die von einer Art in Reihen beisammen stehen.
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9) Harem, so viel als Seraï, Serail, leitet sich von harema, abgesondert sein, her.
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22. Nacht

admin am Dez 22nd 2011

22. Nacht

Dinarsade hielt sich diese Nacht schadlos für die vorhergehende. Sie erwachte lange vor Tagesanbruch, und bat Scheherasade, den Verlauf der Geschichte des Fischers mit dem Geist zu erzählen, welche der Sultan ebenso sehr als Dinarsade zu hören wünschte.

“Ich will,” antwortete die Sultanin, “seine und deine Neugier befriedigen.”

Hierauf wandte sie sich zu Schachriar, und fuhr fort:

“Herr, sobald der Fischer die Geschichte des griechischen Königs und des Arztes Duban vollendet hatte, machte er dem Geist die Anwendung davon, welchen er noch immer in dem Gefäße eingesperrt hielt.”

“Hätte der griechische König,” sagte er zu ihm, “den Arzt Duban leben lassen, so würde Gott ihn selber am Leben gelassen haben, aber er stieß die demütigsten Bitten zurück, und Gott strafte ihn dafür. Ebenso verhält es sich mit dir, o Geist: Hätte ich dich erweichen und die Gnade von dir erlangen können, um welche ich dich bat, so würde ich jetzt Mitleid haben mit dem Zustand, in welchem du dich befindest. Weil du aber, trotz deiner so großen Verpflichtung gegen mich, dich befreit zu haben, auf deinem Willen bestandest, mich zu töten, so muss ich meinerseits auch unerbittlich sein. Ich will dich in diesem Gefäß lassen und ins Meer zurückwerfen, und dir so den Gebrauch des Lebens nehmen, bis zum Ende der Tage: Das ist die Rache, welche ich an dir nehmen will.”

“Fischer, mein Freund,” antwortete der Geist, “ich beschwöre dich noch einmal, nicht eine so grausame Handlung zu begehen. Bedenke, dass es nicht wohlgetan ist, sich zu rächen, dass es im Gegenteil löblich ist, Böses mit Gutem zu vergelten. Behandle mich nicht, wie Imma einst Ateka69) behandelte.” -

“Und was tat Imma an Ateka?”, fragte der Fischer.

“Oh, wenn du es zu wissen wünschst,” antwortete der Geist, “so öffne mir dieses Gefäß. Meinst du, dass ich aufgelegt sei, in einem so engen Raume Märchen zu erzählen? Ich will dir ihrer so viel erzählen, als du willst, wenn du mich heraus befreit hast.” – “Nein,” sagte der Fischer, “ich werde dich nicht frei lassen, es ist schon des Redens zu viel. Ich werde dich in den Grund des Meeres schleudern.” – “Noch ein Wort, Fischer,” rief der Geist aus, “ich verspreche dir, dir kein Böses zu tun: Im Gegenteil, ich will dich ein Mittel lehren, mächtig reich zu werden.”

Die Hoffnung, sich aus der Armut zu ziehen, entwaffnete den Fischer. “Ich könnte dich wohl anhören,” sagte er, “wenn irgend auf dein Wort zu bauen wäre. Schwöre mir bei dem hohen Namen Gottes, dass du aufrichtig tun willst, was du verheißest, und ich will dein Gefäß öffnen. Ich halte dich nicht für so gottlos, einen solchen Eid zu brechen.”

Der Geist schwor, und der Fischer öffnete nun den Deckel des Gefäßes. Sogleich stieg der Rauch wieder daraus empor, und nachdem der Geist seine Gestalt, auf dieselbe Weise wie zuvor, wieder angenommen hatte, war das erste, was er tat, dass er das Gefäß mit einem Fußtritt in das Meer schleuderte.

Diese Handlung erschreckte den Fischer: “Geist,” sagte er, “was soll das bedeuten? Willst du den Eid brechen, den du mir soeben geschworen hast? Und soll ich zu dir sagen, was der Arzt Duban zu dem griechischen König sagte: “Lass mich leben, und Gott wird deine Tage verlängern?”

Die Furcht des Fischers machte den Geist zu lachen, welcher ihm antwortete: “Nein, Fischer, sei ruhig. Ich habe das Gefäß ins Meer geworfen, nur um mich zu ergötzen, und zu sehen, ob du dadurch beunruhigt sein würdest, und um dich zu überzeugen, dass ich dir mein Wort halten will, so nimm dein Netz, und folge mir.”

Indem er diese Worte sprach, setzte er sich in Bewegung und ging vor dem Fischer her, welcher, mit seinem Netz beladen, ihm noch mit einem gewissen Misstrauen folgte. Sie gingen an der Stadt vorbei, stiegen hoch auf einen Berg, und über denselben hinab in eine weite Ebene, auf welcher sie zu einem Teich gelangten, der von vier Hügeln umgeben war.

Als sie am Ufer des Teiches standen, sagte der Geist zu dem Fischer: “Wirf dein Netz aus, und fange Fische.” Der Fischer zweifelte nicht, dass er welche fangen würde, den er sah deren eine große Menge in dem Teich: Er war aber äußerst verwundert, als er bemerkte, dass sie von vier verschiedenen Farben waren, nämlich, weiße, rote, blaue und gelbe. Er warf sein Netz aus, und fing vier Fische, von jeder dieser Farben einen. Da er zuvor nie dergleichen gesehen hatte, so konnte er nicht müde werden, sie zu bewundern, und da er eine ansehnliche Summe daraus zu lösen gedachte, so hatte er große Freude darüber.

“Trage diese Fische hin,” sagte der Geist zu ihm, “und bringe sie deinem Sultan. Er wird dir mehr Geld dafür geben, als du in deinem ganzen Leben in Händen gehabt hast. Du kannst alle Tage in diesem Teich zu fischen kommen, aber ich warne dich, dein Netz öfter als einmal auszuwerfen, sonst würde dir ein Unglück begegnen. Nimm dich also in Acht. Dies ist die Weisung, welche ich dir gebe: Wenn du sie genau befolgst, wo wirst du dich wohl dabei befinden.”

Indem er dieses sprach, stampfte er mit dem Fuß auf die Erde, welche sich auf tat, und sich wieder zuschloss, nachdem sie ihn verschlungen hatte.

Der Fischer, gesonnen, Stück für Stück die Weisung des Geistes zu befolgen, hütete sich wohl, sein Netz zum zweiten Mal auszuwerfen. Er begab sich auf den Weg nach der Stadt zurück, sehr zufrieden mit seinem Fischzuge, und stellte tausend Betrachtungen über sein Abenteuer an. Er ging gerade nach dem Palast des Sultans …

“Aber, Herr,” sagte Scheherasade, “ich erblicke den Tag, ich muss bei dieser Stelle innehalten.”

“Liebe Schwester,” sagte darauf Dinarsade, “wie erstaunlich sind die letzten Abenteuer, welche du eben erzählt hast!” – “Wenn der Sultan, mein Herr, mich noch bis morgen leben lässt,” antwortete Scheherasade, “so bin ich überzeugt, dass du den Verlauf der Geschichte des Fischers noch viel wunderbarer finden wirst, als den Anfang, und ohne Vergleich viel anmutiger.”

Schachriar, neugierig zu hören, ob das Übrige der Geschichte des Fischers wirklich so wäre, wie die Sultanin es verhieß, verschob nochmals die Vollziehung des grausamen Gesetzes, welches er sich auferlegt hatte.

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