Archiv für Dezember, 2011

74. Nacht

admin am Dez 23rd 2011

74. Nacht

“Herr, Euer Majestät kann sich leicht vorstellen, dass Hindbad nicht wenig über die Worte des Dieners erstaunte. Nach dem, was dieser gesprochen hatte, durfte er fürchten, dass Sindbad ihn holen ließ, um ihm irgend eine üble Behandlung widerfahren zu lassen, und er wollte sich damit entschuldigen, dass er seine Bürde nicht mitten auf der Straße liegen lassen könnte. Aber der Diener Sindbads gab ihm die Versicherung, dass man darauf Acht haben würde, und drang so in ihn, dass der Lastträger sich genötigt sah, seinen Bitten nachzugeben.

Der Diener führte ihn in einen großen Saal, in welchem eine große Anzahl von Personen um eine mit allen Arten von Speisen besetzte Tafel saß. Auf dem Ehrenplatz erblickte er eine ansehnliche, wohlgestaltete, und durch einen langen, weißen Bart ehrwürdige Person, hinter welcher eine Menge Hausbediente aller Art standen, die sehr eifrig waren, sie zu bedienen. Die Person war Sindbad. Der Lastträger, dessen Bestürzung sich bei dem Anblick so vieler Leute und eines so prächtigen Festes vermehrte, grüßte zitternd die Gesellschaft. Sindbad sagte ihm, er möge näher kommen, und nachdem er ihn zu seiner Rechten hatte nieder sitzen lassen, legte er ihm selbst Speise vor und ließ ihm einen trefflichen Wein reichen, mit welchem der Schenktisch im Überfluss besetzt war.

Als Sindbad gegen Ende der Mahlzeit bemerkte, dass seine Gäste nicht mehr aßen, nahm er das Wort, wendete sich zu Hindbad und sagte: “Wie ist dein Name, mein Bruder?” – “Herr,” erwiderte jener, “ich nenne mich Hindbad, der Lastträger.” – “Ich bin sehr erfreut, dich zu sehen,” versetzte Sindbad, “und ich stehe dir dafür, dass auch die Gesellschaft dich mit Vergnügen sieht, aber ich wünschte von dir selbst zu hören, was du vorhin auf der Straße gesagt hast.” Sindbad hatte nämlich, eh’ er sich zu Tische setzte, durch’s Fenster die ganze Rede des Lastträgers gehört, und war dadurch veranlasst worden, ihn rufen zu lassen.

Bei diesem Begehren senkte Hindbad voll Verwirrung sein Haupt und entgegnete: “Herr, ich gestehe euch, dass meine Müdigkeit mich übellaunig gemacht hatte, und da sind mir denn einige unbedachte Worte entwischt, die ich euch mir zu verzeihen bitte.” – “O glaube nicht,” versetzte Sindbad, “dass ich ungerecht genug sei, um deshalb Unwillen zu hegen. Ich versetze mich in deine Lage, und statt dir dein Murren vorzuwerfen, beklag’ ich dich, aber ich muss dir einen Irrtum benehmen, in welchem du dich, in Betreff meiner, zu befinden scheinst. Du bildest dir ohne Zweifel ein, dass ich ohne Mühe und Arbeit alle die Bequemlichkeiten und die Ruhe erlangt habe, deren du mich genießen siehst. Enttäusche dich, ich bin zu einem so glücklichen Zustand erst gekommen, nachdem ich jahrelang alle Mühseligkeiten des Leibes und der Seele erlitten habe, welche sich die Einbildungskraft nur vorstellen kann.

Ja, ihr Herren,” fügte er hinzu, indem er sich an die Gesellschaft wandte, “ich kann euch versichern, diese Mühseligkeiten sind so außerordentlich, dass sie fähig wären, den habsüchtigen Menschen die Luft zu nehmen, die Meere zu durchschiffen, um Reichtümer zu erwerben. Ihr habt vielleicht nur verworren von meinen seltsamen Abenteuern und von den Gefahren, die ich auf meine sieben Reisen erlitten habe, reden hören. Ich will euch darüber einen treuen Bericht abstatten, und ich glaube, dass es euch nicht unlieb sein wird, ihn zu vernehmen.”

Da Sindbad seine Geschichte hauptsächlich des Lastträgers wegen erzählen wollte, so befahl er, eh’ er anfing, man solle die Bürde, die jener auf der Straße hatte liegen lassen, an den Ort tragen, wohin Hindbad es verlangte. Hierauf begann er folgendermaßen:

Erste Reise Sindbads, des Seefahrers, nach Sumatra

“Ich hatte von meiner Familie ein beträchtliches Vermögen ererbt, dessen größten Teil ich in den Ausschweifungen meiner Jugend verschwendete. Aber in mich selbst zurückkehrend, kam ich von meiner Verblendung zurück und erkannte, dass die Reichtümer vergänglich wären und ihr Ende bald abzusehen sei, wenn man sie so schlecht als ich zu Rate hielte. Ich bedachte über dem, dass ich in einem regellosen Leben unglücklicherweise die Zeit verschwendete, die doch das köstlichste Ding auf der Welt ist. Auch erwog ich noch, dass Armut im Alter das bedauernswerteste Elend sei. Ich erinnerte mich jener Worte des großen Salomo, die ich einst von meinem Vater hatte anführen hören: “Es ist minder traurig, begraben, als arm zu sein.”

Durch alle diese Betrachtungen veranlasst, raffte ich die Trümmern meines Erbes zusammen. Ich versteigerte auf offenem Markt, was ich an beweglichem Eigentum besaß. Sodann verband ich mich mit einigen Kaufleuten, die über Meer handelten. Ich beriet mich mit denen, die mir geeignet schienen, mir guten Rat zu erteilen. Endlich beschloss ich, das wenige mir übrig gebliebene Geld zu benutzen, und sobald ich diesen Entschluss gefasst hatte, zögerte ich nicht, ihn auszuführen. Ich begab mich nach Balsora1), woselbst ich mich mit mehreren Kaufleuten auf einem Fahrzeug einschiffte, welches wir auf gemeinschaftliche Kosten ausgerüstet hatten.

Wir gingen unter Segel und nahmen unsern Weg nach Ostindien durch den persischen Meerbusen, welcher rechts durch die arabischen und links durch die persischen Küsten gebildet wird und dessen größte Breite, nach der gewöhnlichen Meinung, siebzig Meilen beträgt. Außerhalb dieses Meerbusens ist das Ostmeer, welches auch das indische heißt, sehr ausgedehnt. Es ist von der einen Seite durch die Küsten Abessiniens begrenzt und bis zu den Inseln Bakvak2) 4500 Meilen lang. Ich wurde anfangs von der sogenannten Seekrankheit befallen: Aber meine Gesundheit stellte sich bald wieder her, und seit der Zeit bin ich immer von dieser Krankheit verschont geblieben.

Im Verlauf unserer Seereise landeten wir an mehreren Inseln, wo selbst wir unsere Waren verkauften, oder vertauschten. Als wir eines Tages unter Segel waren, überfiel uns eine Windstille, ganz in der Nähe einer kleinen, mit dem Wasser fast horizontalen Insel, die wegen ihrer Grüne einer Wiese glich. Der Schiffshauptmann ließ die Segel einziehen und erlaubte denjenigen Personen der Mannschaft, welche Lust dazu hatten, an das Land zu steigen. Ich gehörte zu diesen. Aber während wir uns mit Essen und Trinken vergnügten und uns von den Beschwerlichkeiten des Meeres ausruhten, erzitterte plötzlich die Insel und gab uns einen heftigen Stoß.”

Bei diesen Worten hielt Scheherasade inne, weil der Tag anbrach. Doch nahm sie in der folgenden Nacht ihre Erzählung wieder auf.


1) Ober Bassra, eine große Stadt in Asien, unter dem Zusammenfluss des Tigris und des Euphrats im Irak Arabi, auf Befehl Omars, des dritten Kalifen, im Jahr 636 gegründet. Die Türken besitzen es seit 1668. Es wird daselbst bedeutender Handel getrieben.
2) Diese Inseln, welche, nach der Behauptung der Araber, jenseits China liegen, haben ihren Namen von einem Baum, der eine gleichnamige, einem weiblichen Körper gleichende Frucht trägt. Einige Orientalisten halten sie für die japanischen, andere für die sundischen Inseln.

Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.

Tags: ,

Filed in 1001 Nacht | Kommentare deaktiviert

4. Nacht

admin am Dez 22nd 2011

4. Nacht

Gegen das Ende der folgenden Nacht begann Scheherasade, mit Erlaubnis des Sultans, folgendermaßen:

“Herr, als der Greis mit der Hinde sah, dass der Geist den Kaufmann ergriff, und ihn unbarmherzig töten wollte, so warf er sich dem Ungeheuer zu Füßen, küsste sie, und sprach zu ihm: “Fürst der Geister, ich flehe Euch demütigst an, haltet ein mit Eurem Zorn, und habt die Gnade mich anzuhören. Ich will euch meine Geschichte mit dieser Hinde erzählen, welche Ihr hier sehet, und wenn Ihr sie wunderbarer und überraschender findet, als das Abenteuer dieses Kaufmanns, dem Ihr das Leben nehmen wollt, darf ich als dann wohl hoffen, dass Ihr diesem armen Unglücklichen ein Drittheil seines Verbrechens erlassen wollt?”

Der Geist besann sich einige Zeit, endlich antwortete er: “Wohlan, lass hören, ich willige drein.”

Geschichte des ersten Greises und der Hinde

“Ich will also,” fuhr der Greis fort, “meine Erzählung beginnen; höret mir, ich bitte euch, mit Aufmerksamkeit zu. Diese Hinde, die Ihr hier sehet, ist meine Nichte, noch mehr, sie ist meine Frau. Sie war nur zwölf Jahre alt, als ich sie heiratete; ich kann also wohl sagen, dass sie mich nicht weniger als ihren Vater, denn als ihren Oheim und Gatten, anzusehen hatte.

Wir haben dreißig Jahre zusammen gelebt, ohne Kinder zu bekommen; aber ihre Unfruchtbarkeit hat mich nicht verhindert, große Gefälligkeit und Freundschaft für sie zu haben. Nur das Verlangen, Kinder zu haben, bestimmte mich, eine Sklavin zu kaufen, von welcher ich einen Sohn hatte1), der die glücklichsten Anlagen zeigte. Meine Frau ward darüber eifersüchtig, und verabscheute die Mutter und das Kind, verbarg aber ihre Gesinnung so gut, dass ich sie nur zu spät erfuhr.

Unterdessen wuchs mein Sohn auf, und er war schon zehn Jahre alt, als ich genötigt wurde, eine Reise zu machen. Vor meiner Abreise empfahl ich meiner Frau, der ich keineswegs misstraute, die Sklavin und das Kind und bat sie, während meiner Abwesenheit, Sorge für sie zu tragen. Ich blieb ein ganzes Jahr aus, und diese Zeit benutzte sie, ihren Hass zu befriedigen. Sie legte sich auf die Zauberei, und als sie genug von dieser teuflischen Kunst wusste, um ihr schreckliches Vorhaben ins Werk zu richten, führte die Verworfene meinen Sohn an einen abgelegenen Ort, dort verwandelte sie ihn durch ihre Beschwörungen in ein Kalb, und übergab es meinem Pächter, mit dem Befehl, ihn zu füttern wie ein Kalb, welches sie, wie sie sagte, gekauft hätte. Ihre Wut begnügte sich aber nicht mit dieser verabscheuungswürdigen Handlung: sie verwandelte auch die Sklavin in eine Kuh, und übergab sie meinem Pächter.

Bei meiner Heimkehr fragte ich sie nach der Mutter und dem Kinde. “Deine Sklavin ist tot,” antwortete sie, “und deinen Sohn habe ich seit zwei Monaten nicht gesehen, und weiß nicht, was aus ihm geworden ist. “Ich war betrübt über den Tod der Sklavin, aber da mein Sohn nur verschwunden war, so schmeichelte ich mir, ihn wohl noch wieder zu sehen. Dennoch vergingen acht Monate, ohne dass er zurückkam, und ich hatte noch keine Kunde von ihm, als das große Bairams-Fest herannahte2).

Um dieses zu feiern gebot ich meinem Pächter, mir eine der fettesten Kühe zu bringen, welche ich opfern wollte. Er gehorchte, und die Kuh, welche er mir brachte, war die verwandelte Sklavin, die unglückliche Mutter meines Sohnes. Ich band sie; als ich mich aber anschickte, sie zu opfern, stieß sie ein klägliches Gebrüll aus, und ich gewahrte, dass Tränenströme aus ihren Augen stürzten. Dieses schien mir sehr seltsam, und von einem unwillkürlichen Gefühle des Mitleids ergriffen, konnte ich mich nicht entschließen, sie zu schlachten. Ich befahl meinem Pächter, mir eine andere zu holen.

Meine Frau, welche gegenwärtig war, ergrimmte über mein Mitleid; sie widersetzte sich meinem Befehle, welcher ihre Bosheit zu Schanden machte, und rief aus: “Was machst du, mein Freund? Opfere doch diese Kuh. Dein Pächter hat keine schönere, noch eine, die mehr sich zu dem Feste eignet, das wir begehen wollen.”

Aus Gefälligkeit gegen meine Frau, näherte ich mich der Kuh, und das Mitleid bekämpfend, welches das Opfer verzögerte, war ich im Begriff, den tödlichen Streich zu tun, als das Opfertier sein Weinen und Gebrüll verdoppelte und mich zum zweiten Mal entwaffnete. Da gab ich dem Pächter den Schlägel in die Hand, und sagte zu ihm: “Nimm, und opfere sie selber; ihr Gebrüll und ihre Tränen zerreißen mir das Herz.”

Der Pächter, weniger mitleidig als ich, opferte sie; aber beim Abziehen der Haut fand sich, dass nichts als Knochen daran war, obgleich sie uns sehr fett geschienen hatte. Ich war recht verdrießlich darüber. “Nimm sie für dich,” sagte ich zu dem Pächter, “ich überlasse sie dir; gib Geschenke und Almosen davon, wem du willst; und wenn du ein recht fettes Kalb hast, so bringe es mir an ihrer Stelle.”

Ich bekümmerte mich nicht darum, was er mit der Kuh machte; aber bald darauf, nachdem er sie mir hatte aus den Augen tragen lassen, sah ich ihn mit einem sehr fetten Kalbe daher kommen. Obschon ich nicht wusste, dass dieses Kalb mein Sohn wäre, so fühlte ich nichtsdestoweniger bei seinem Anblick meines Inneres sich regen. Er seinerseits, sobald er mich erblickte, strengte sich so gewaltig an, zu mir zu kommen, dass er seinen Strick zerriss. Er warf sich zu meinen Füßen, und neigte den Kopf zur Erde, als wenn er mein Mitleid erregen und mich beschwören wollte, nicht so grausam zu sein und ihm das Leben zu rauben.

Ich war über diesen Vorgang noch mehr überrascht und gerührt, als ich es über die Tränen der Kuh gewesen war. Ich fühlte ein zärtliches Mitleid, welches mir Teilnahme für ihn einflößte; oder vielmehr, das Blut tat in mir seine Schuldigkeit. “Geh,” sagte ich zu dem Pächter, “und führte dieses Kalb zurück, pflege dasselbe wohl, und an seiner Stelle bringe mir ungesäumt ein anderes her.”

Sobald meine Frau mich so reden hörte, ermangelte sie nicht, noch einmal auszurufen: “Was tust du, lieber Mann? Folge mir, und opfere kein anders Kalb, als dieses da.” – “Frau,” antwortete ich ihr, “ich werde dieses hier nicht opfern, ich will ihm das Leben schenken, und ich bitte dich, dich dem nicht zu widersetzen.” Sie hütete sich wohl, das boshafte Weib, meiner Bitte nachzugeben; sie hasste meinen Sohn zu sehr, um einzuwilligen, dass ich ihn rettete. Sie verlangte seine Opferung mit solcher Hartnäckigkeit von mir, dass ich genötigt wurde, sie ihr zu gewähren. Ich band das Kalb an, und ergriff das unselige Messer …”

Scheherasade hielt hier inne, weil sie den Tag bemerkte.

“Liebe Schwester,” sagte darauf Dinarsade, “ich bin ganz bezaubert von diesem Märchen, welches so angenehm meine Aufmerksamkeit gespannt hält.” – “Wenn der Sultan mich heute noch leben lässt,” erwiderte Scheherasade, “so wirst du sehen, dass das, was ich dir morgen erzählen werde, dich noch weit mehr ergötzen wird.”

Schachriar, neugierig zu wissen, was aus dem Sohne des Greises mit der Hinde werden würde, sagte zu der Sultanin, dass er mit Vergnügen in der folgenden Nacht das Ende dieser Erzählung hören würde.


1) Der Sohn einer Sklavin wird als rechtmäßig angesehen, sofern der Vater der Eigentümer der Sklavin ist, und ihn förmlich anerkannt hat. E.G. – Das bürgerliche Gesetz der Mohammedaner erkennt die Kinder aus den drei Arten der nach ihrer Religion erlaubten Ehen, indem man eine Frau kaufen, mieten oder heiraten kann, für gleich rechtmäßig: so dass der früher geborne Sohn einer Sklavin, vor dem Sohn einer Gemahlin auch die Rechte der Erstgeburt hat. ­
2) Man feiert bei den Mohammedanern zwei Baïram- oder große Feste. Das erste wird am zehnten Tag der Monate der Wallfahrt begangen. Man opfert Lämmer, und davon hat dies Fest den Namen Aïd el Kurbàn (das Fest der Opfer).
Das kleine Baïram-Fest (Aïd Saghir) wird am ersten Tag des Monats Schawal begangen, bei Gelegenheit, dass die Fasten des Ramadan zu Ende gehen. Beide Feste sind bewegliche, und treffen binnen 33 Jahren in alle Monate des mohammedanischen Mondjahres. Das erste fällt auf den Anfang des Mondes, der dem Mond des Ramadans, oder der mohammedanischen Fasten, folgt. Es dauert drei Tage und entspricht zugleich dem Ostern der Juden und unserem Karneval und Neujahr. Der kleine Baïram wird siebzig Tage nach dem großen gefeiert.
­

Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.

 


Tags: ,

Filed in 1001 Nacht | Kein Kommentar bis jetzt

3. Nacht

admin am Dez 22nd 2011

3. Nacht

Die folgende Nacht tat Dinarsade an ihre Schwester dieselbe Bitte, wie in den beiden vorhergehenden: “Meine liebe Schwester,” sprach sie zu ihr, “wenn du nicht schläfst, so bitte ich dich, mir eins von den schönen Mährchen zu erzählen, die du weißt.”

Der Sultan aber sagte, dass er das Ende der Erzählung von dem Kaufmann und dem Geiste hören wollte; weshalb Scheherasade sie also wieder aufnahm:

“Herr, während der Kaufmann und der Greis, welcher die Hinde führte, sich unterhielten, kam noch ein Greis dorthin, dem zwei schwarze Hunde folgten. Er näherte sich ihnen, grüßte sie, und fragte sie, was sie an diesem Orte machten. Der Greis mit dem Hinde erzählte ihm das Abenteuer des Kaufmanns mit dem Geiste, was zwischen beiden vorgegangen, und den Schwur des Kaufmanns. Er fügte hinzu, dass dieses der Tag des gegebenen Versprechens wäre, und dass er gesonnen wäre, dort zu bleiben, um zu sehen, was daraus würde.
Der andere Greis fand die Sache ebenfalls seiner Neugier wert, und fasste denselben Entschluss. Er setzte sich zu ihnen, und kaum hatte er sich in ihr Gespräch gemischt, als noch ein dritter Greis mit einem Maultiere ankam, welcher die beiden andern anredete und sie fragte, warum der Kaufmann neben ihnen so traurig wäre. Man sagte ihm die Ursache davon, welche auch ihm so außerordentlich deuchte, dass er ebenfalls Zeuge zu sein wünschte von dem, was sich zwischen dem Geist und dem Kaufmanne zutragen würde. Er setzte sich deshalb zu den Andern.

Bald darnach erblickten sie auf dem Felde einen dicken Dunst, wie wenn der Wind Staubwirbel emportriebe. Dieser Dunst nahte sich ihnen, verschwand plötzlich, und der Geist erschien, welcher, ohne sie zu grüßen, mit dem Säbel in der Hand auf den Kaufmann losging, ihn beim Arm ergriff, und zu ihm sagte: “Steh auf, damit ich dich töte, wie Du meinen Sohn getötet hast.”

Der Kaufmann und die drei Greise erschraken, und fingen an zu weinen und die Luft mit ihrem Geschrei zu erfüllen…

Indem bemerkte Scheherasade, dass es Tag war, und brach ihre Erzählung ab, welche die Neugier des Sultans so sehr gereizt hatte, dass er durchaus das Ende davon wissen wollte, und daher den Tod der Sultanin nochmals bis morgen aufschob.

Es ist nicht auszudrücken, wie groß die Freude des Großwesirs war, als er sah, dass der Sultan ihm nicht befahl, Scheherasade töten zu lassen. Seine Familie, der Hof, und alle Leute waren allgemein verwundert darüber.

Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.

Tags: ,

Filed in 1001 Nacht | Kein Kommentar bis jetzt

2. Nacht

admin am Dez 22nd 2011

2. Nacht

“Herr, als der Kaufmann sah, dass der Geist ihm durchaus den Kopf abhauen wollte, tat er einen lauten Schrei, und rief aus: “Haltet ein, nur noch ein Wort, ich bitte euch; seid so gnädig und bewilligt mir eine Frist: lasst mir Zeit, hinzugehen, um meiner Frau und meinen Kindern Lebewohl zu sagen, und durch ein Testament, das ich noch nicht gemacht habe, mein Vermögen unter sie zu teilen, damit sie nach dem Tode in keinen Prozess verwickelt werden. Ist dieses geschehen, so werde ich alsbald wieder hierher kommen und mich allem unterwerfen, was Euch beliebt, über mich zu verhängen.” – “Ich fürchte aber,” sagte der Geist, “wenn ich Dir die erbetene Frist bewillige, dass Du nicht wiederkömmst.” – “Wenn ihr meinem Eide trauen wollt,” antwortete der Kaufmann, “so schwöre ich bei dem Gotte des Himmels und der Erden, dass ich unfehlbar hierher zu euch zurückkommen will.” – “Wie lang wünschest du, dass diese Frist sein soll?” fragte der Geist. “Ich bitte euch um ein Jahr,” antwortete der Kaufmann; “in kürzerer Zeit vermag ich nicht, meine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen und mich vorzubereiten, um ohne Kümmernis der Luft des Lebens zu entsagen. Ich verspreche euch also, dass ich morgen über ein Jahr mich unfehlbar unter diesen Bäumen einstellen und mich euren Händen überliefern will.” – “Rufst du Gott zum Zeugen des Versprechens, welches du mir tust?” fragte der Geist. “Ja,” antwortete der Kaufmann, “Ich rufe ihn nochmals zum Zeugen an, und ihr könnt auf meinen Schwur bauen.” Bei diesen Worten ließ der Geist ihn bei der Quelle, und verschwand.

Als der Kaufmann sich von seinem Schreck erholt hatte, bestieg er wieder sein Pferd, und setzte seinen Weg fort. Wenn er aber auf der einen Seite froh war, sich aus einer so großen Gefahr gezogen zu haben, so war er auf der andern in einer tödlichen Traurigkeit, wenn er an den verhängnisvollen Eid dachte, welchen er getan hatte.

Als er heim kam, empfingen seine Frau und seine Kinder ihn mit allen Äußerungen der vollkommensten Freude; er aber, anstatt sie auf dieselbe Weise zu umarmen, fing bitterlich an zu weinen, so dass sie wohl erkannten, dass ihm etwas Außerordentliches begegnet wäre. Seine Frau fragte ihn um die Ursache seiner Tränen und des heftigen Schmerzes, welchen er ausbrechen ließ. “Wir alle,” sagte sie, “freuen uns über deine Heimkehr, du hingegen beunruhigst uns durch den Zustand, in welchem wir dich sehen. Erkläre uns, ich bitte dich, die Ursache deiner Traurigkeit.” – “Ach!” antwortete der Mann, “wie könnte ich in einer anderen Stimmung sein? Ich habe nur noch ein Jahr zu leben.” Hierauf erzählte er ihnen, was sich zwischen ihm und dem Geiste zugetragen hatte, und sagte, dass er ihm sein Wort gegeben, nach Ablauf eines Jahres zurückzukehren und den Tod aus seinen Händen zu empfangen.

Als sie diese traurige Nachricht hörten, wurden alle trostlos. Die Frau brach in Jammergeschrei aus, zerschlug sich das Gesicht und zerriss sich die Haare; die Kinder zerflossen in Tränen, und ließen das Haus von ihren Wehklagen widerhallen; und der Vater, der Gewalt des Blutes weichend, vermischte seine Tränen mit den Klagen. Mit einem Worte, es war das rührendste Schauspiel von der Welt.

Gleich am folgenden Morgen war der Kaufmann bedacht, seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und besorgte vor allen Dingen, seine Schulden zu bezahlen. Er gab seinen Freunden Geschenke, und reichte Almosen den Armen, schenkte seinen Sklaven des einen wie des andern Geschlechts die Freiheit, teilte sein Vermögen unter seine Kinder, ernannte Vormünder für die noch nicht Volljährigen1), und nachdem er seiner Frau herausgegeben, was ihr nach dem Ehevertrage zukam, vermachte er ihr noch alles, was er ihr, den Gesetzen gemäß, geben konnte2).

Endlich lief das Jahr ab, und er musste scheiden. Er packte sein Felleisen, und legte das Tuch hinein, in welches seine Leiche verhüllt werden sollte; als er aber seiner Frau und seinen Kindern Lebewohl sagen wollte, da hatte man nimmer einen lebhafteren Schmerz gesehen. Sie konnten es nicht ertragen, ihn zu verlieren: alle wollten ihn begleiten und mit ihm sterben. Dennoch musste er sich Gewalt antun und so teure Gegenstände verlassen: “Meine lieben Kinder,” sagte er zu ihnen, “ich gehorche dem Befehle Gottes, indem ich von euch scheide. Folgt meinem Beispiel: unterwerft euch mutig dieser Notwendigkeit, und bedenkt, dass die Bestimmung des Menschen der Tod ist.”

Nachdem er diese Worte gesagt hatte, entriss er sich den Armen und dem Jammergeschrei seiner Familie. Er ritt hinweg, und kam an den Ort, wo ihm der Geist erschienen war, an demselben Tage, da er versprochen hatte, sich dort einzustellen. Er stieg sogleich ab, und setze sich an den Rand der Quelle, wo er den Geist in aller Betrübnis erwartete, die man sich vorstellen kann.

Während er in einer so qualvollen Erwartung hinstarrte, erschien ein freundlicher Greis, welcher eine Hinde am Bande führte, und näherte sich ihm. Sie begrüßten sich gegenseitig; worauf der Greis zu ihm sagte: “Mein Bruder, darf man wissen, weshalb Du an diesen wüsten Ort gekommen bist, wo sich nur böse Geister aufhalten, und wo man nicht sicher ist? Wenn man diese schönen Bäume ansieht, so sollte man ihn für bewohnt halten; aber es ist eine wahrhafte Einöde, wo es gefährlich ist, lange zu verweilen.”

Der Kaufmann befriedigte die Neugier des Greises, und erzählte ihm das Abenteuer, welches ihn verpflichtete, sich dort einzufinden.

Der Greis hörte ihm mit Erstaunen zu, und rief endlich aus: “Das ist in der Tat die seltsamste Begebenheit von der Welt; und du hast dich durch den unverletzlichsten Eid gebunden. Ich will,” fügte er hinzu, “Zeuge deiner Zusammenkunft mit dem Geiste sein.”

Indem er dies sagte, setzte er sich neben dem Kaufmann nieder; und während beide sich miteinander unterhielten …

“Aber ich sehe, dass es tagt,” sagte Scheherasade, indem sie innehielt; “was noch übrig, ist gerade der schönste Teil des Märchens.” Der Sultan, gesonnen das Ende davon zu hören, ließ Scheherasade noch einen Tag leben.


1) Der ältere, volljährige Sohn ist Vormund seiner jüngeren, minderjährigen Brüder. In Ermangelung eines volljährigen Sohnes gebührt die Vormundschaft von Rechts wegen dem Vater oder Großvater des Verstorbenen, oder dem ältesten Seitenverwandten in der männlichen Linie. ­
2) Der Erblasser kann, nach dem Gesetzbuch der Mohammedaner, nur über ein Drittel seines Vermögens verfügen. Die beiden anderen Drittel gehören seinen rechtmäßigen Erben. Bei der Erbteilung empfangen die Männer den doppelten Anteil der Frauen, und der Grundsatz der Vertretung (Repräsentation) findet nicht statt. ­

Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.

Tags: ,

Filed in 1001 Nacht | Kein Kommentar bis jetzt

7. Nacht

admin am Dez 22nd 2011

7. Nacht

Gegen das Ende der siebenten Nacht bat Dinarsade die Sultanin, die Geschichte weiter zu erzählen, welche sie gestern nicht hatte vollenden können.

“Ich will es gern tun,” antwortete Scheherasade; “und um den Faden derselben wieder aufzunehmen, sage ich euch, dass der Greis mit den beiden schwarzen Hunden fort fuhr, dem Geiste, so wie den beiden anderen Greisen und dem Kaufmanne, seine Geschichte zu erzählen.”

“Endlich,” sagte er zu ihnen, “nach einer Schifffahrt von zwei Monaten, gelangten wir glücklich in einen Seehafen, wo wir ausschifften, und einen starken Absatz unserer Waren machten. Vor allen ich, ich verkaufte die meinen so gut, dass ich Zehn für Eins gewann. Wir kauften dagegen Waren des Landes, um sie nach dem unsrigen zu verschiffen und dort zu verkaufen.

Als wir schon bereit waren, uns zur Heimfahrt einzuschiffen, begegnete ich am Ufer des Meeres einer Frau, die recht wohl gebildet, aber sehr armselig gekleidet war. Sie kam auf mich zu, küsste mir die Hand, und bat mit den dringendsten Worten, sie zur Frau zu nehmen und mit mir einzuschiffen. Ich machte Schwierigkeiten, ihr diese Bitte zu gewähren; aber sie sagte mir so viel vor, um mich zu überreden, ich möchte nicht auf ihre Armut sehen, und ich würde Ursache haben, mit ihrer Aufführung zufrieden zu sein, dass ich endlich besiegt wurde. Ich ließ ihr anständige Kleider machen; und nachdem ich sie durch einen Ehevertrag in aller Form geheiratet hatte, schiffte sie mit mir ein, und wir gingen unter Segel1).

Während unserer Seefahrt entdeckte ich in meiner Neuvermählten so viele schöne Eigenschaften, dass ich sie täglich mehr und mehr liebte. Meine Brüder indessen, welche nicht so gute Geschäfte gemacht hatten, als ich, und neidisch über mein Glück waren, trugen mir Hass. Ihre Wut ging sogar so weit, einen Anschlag gegen mein Leben zu machen. In einer Nacht, während ich mit meiner Frau ruhig schief, nahmen sie uns, und warfen uns ins Meer.

Meine Frau war eine Fee, und folglich aus dem Geistergeschlecht; ihr könnt also wohl denken, dass sie nicht ertrank. Was mich betrifft, so wäre ich ohne ihre Hülfe gewiss umgekommen; ich war aber kaum ins Wasser gefallen, als sie mich aufhob und mich auf eine Insel brachte.

Als es Tag wurde, sagte die Fee zu mir: “Du siehst, mein lieber Mann, dass ich, indem ich dir das Leben gerettet, dir die Güte, welche du mir bewiesen hast, nicht übel vergolten habe. Du sollst wissen, dass ich Fee bin, und dass ich, als ich dich am Ufer des Meeres bei deiner Einschiffung sah, eine starke Neigung für dich fühlte. Ich wollte die Güte deines Herzens prüfen, und stellte mich dir so verkleidet dar, wie du mich gesehen hast. Du hast dich großmütig gegen mich betragen; und ich bin erfreut, eine Gelegenheit gefunden zu haben, dir meine Erkenntlichkeit dafür zu beweisen. Aber ich bin erzürnt auf deine Brüder, und ich werde nicht zufrieden sein, als bis ich sie am Leben gestraft habe.”

Mit Verwunderung hörte ich diese Rede der Fee an; ich dankte ihr von ganzem Herzen für die große Wohltat, welche sie mir erwiesen hatte: “Aber Herrin,” sagte ich zu ihr, “was meine Brüder betrifft, so bitte ich euch, ihnen zu verzeihen. Wie sehr ich auch Ursache habe, mich über sie zu beklagen, so bin ich doch nicht grausam genug, um ihr Verderben zu wollen.” Ich erzählte ihr darauf, was ich für den einen, wie für den andern getan hatte; und mein Bericht vermehrte noch ihren Unwillen gegen sie. “Ich muss,” rief sie aus, “auf der Stelle diesen undankbaren Verrätern nachfliegen, und schleunige Rache an ihnen nehmen. Ich will ihr Schiff versenken und sie in den Grund des Meeres stürzen.” – “Nein, Herrin,” erwiderte ich, “im Namen Gottes, tut das nicht, sondern mäßigt Euren Zorn; bedenkt, dass es meine Brüder sind, und dass man Böses mit Gutem vergelten soll.”

Ich besänftigte die Fee durch diese Worte; und nachdem ich also gesprochen hatte, versetzte sie mich, in einem Augenblick, von der Insel, wo wir waren, auf das flache Dach meines Hauses, und gleich darauf verschwand sie. Ich stieg hinunter, öffnete die Türen, und grub die drei tausend Zeckinen aus, welche ich vergraben hatte. Darauf ging ich nach dem Orte, wo mein Laden stand; ich öffnete ihn, und empfing von den Kaufleuten, meinen Nachbarn, die Glückwünsche über meine Heimkehr.

Als ich wieder nach Hause kam, fand ich diese beiden schwarzen Hunde, welche mir demütig entgegen kamen. Ich wusste nicht, was das zu bedeuten hätte, und war sehr verwundert darüber; aber die Fee, welche alsbald erschien, erklärte es mir. “Mein Gemahl,” sagte sie zu mir, “verwundere dich nicht, diese zwei Hunde bei dir zu sehen; es sind deine beiden Brüder.” Ich entsetzte mich bei diesen Worten, und fragte sie, durch wessen Macht sie sich in diesem Zustande befänden. “Ich bin es,” antwortete sie mir, “die sie darein versetzt hat; oder wenigstens ist eine von meinen Schwestern, der ich den Auftrag dazu gegeben habe, und welche zu gleicher Zeit ihr Schiff auf den Grund gestürzt hat. Du verlierst dabei die Waren, welche du darauf hattest, aber ich will dich hinlänglich dafür entschädigen. Was deine Brüder angeht, so habe ich sie verdammt, zehn Jahre lang in dieser Gestalt zu bleiben: Ihre Treulosigkeit macht sie dieser Strafe nur zu würdig.” Endlich, nachdem sie mich unterrichtet hatte, wo ich ferner von ihr vernehmen könnte, verschwand sie.

Gegenwärtig, da die zehn Jahre voll sind, bin ich auf dem Wege, sie zu suchen, und da ich im Vorbeigehen diesen Kaufmann und den guten Greis mit der Hinde hier antraf, verweilte ich bei ihnen. Da hast du nun meine Geschichte, o Fürst der Geister; scheint sie Dir nicht eine der außerordentlichsten?”

“Ich gebe es zu,” antwortete der Geist, “und ich erlasse deshalb auch das zweite Drittheil des Verbrechens, dessen der Kaufmann sich gegen mich schuldig gemacht hat.”

Sobald der zweite Greis seine Geschichte beendigt hatte, nahm der dritte das Wort, und tat dem Geiste dieselbe Bitte, wie die beiden vorigen, das heißt, dem Kaufmann auch das dritte Drittheil seiner Schuld zu erlassen, vorausgesetzt, dass die Geschichte, welche er ihm erzählen wollte, an seltsamen Begebenheiten die beiden noch überträfe, welche er so eben gehört hatte. Der Geist gab ihm dasselbe Versprechen, wie den beiden andern. “Höret also,” sprach darauf dieser Greis …

“Aber der Tag bricht an,” sagte Scheherasade, “und ich muss hier inne halten.” “Meine Schwester,” sprach darauf Dinarsade, “ich kann mich nicht genug verwundern über die Abenteuer, die du uns da erzählt hast.” – “Ich weiß noch unzählige andere,” antwortete die Sultanin, “welche noch viel schöner sind.”

Schachriar, neugierig, ob die Erzählung des dritten Greises auch so angenehm wäre, als die des zweiten, verschob den Tod der Scheherasade bis morgen.


1) Die Leichtigkeit, womit ein Mohammedaner die Ehe auflösen kann, macht dieses Abenteuer weniger unwahrscheinlich. Folgende sind die Vorschriften hierüber in den Satzungen des Islam:
Ein Mann kann vier Frauen heiraten, und sie nach Gefallen verstoßen.
Die Ehe ist verboten zwischen allen Verwandten in gerader Linie. Auch darf man keine Ehe eingehen mit den Verwandten einer Frau, deren Milch man gesogen, mit welcher man sich auch nur eine unanständige Handlung erlaubt hat.
Sie ist ferner verboten, mit einer Sklavin, einer fremden oder verstoßenen Frau, die schwanger ist, und nicht die bestimmte Zeit ihrer Absonderung erfüllt hat.
Der Ehemann soll alle seine Frauen mit gleicher Achtung behandeln. Wenn er ausreist, steht es ihm frei, diejenige mitzunehmen, die er vorzieht, doch wird er besser tun, das Los entscheiden zu lassen.
Wer sich mit einer Witwe verheiratet, soll drei Nächte hintereinander sein Bett mit ihr teilen, einer Jungfrau gebühren dagegen sieben Nächte.
Die Frau ist dem Mann vollkommen Gehorsam schuldig. Sie darf ohne seine Erlaubnis nicht ausgehen, und er hat das Recht, ihr ihren Aufenthalt anzuweisen, es sei denn, dass er ihr das Gegenteil vor der Heirat versprochen habe.
Er kann ihr verbieten, von ihren Verwandten, und selbst von ihren nächsten weiblichen Verwandten, Besuch anzunehmen.
Da der Zweck der Ehe die Fortpflanzung des Menschengeschlechts ist, so wird der Mann strafbar, der ihn zu vereiteln sucht.
Ein einziges Wort des Mannes reicht hin, die Verstoßung zu bewirken. Sobald dieses Wort ausgesprochen ist, dürfen die Ehegatten nicht mehr beieinander wohnen.
Die Frau muss drei Monate abgesondert leben, und während dieser Zeit steht es dem Mann frei, die Frau wieder zu nehmen, selbst ohne ihre Einwilligung. Er darf ihr indessen während dieser Zeit nicht beiwohnen, und wenn er es versucht, so hat die Frau das Recht, ihn zu töten oder zu vergiften.
Sobald die Zeit der Verstoßung erfüllt ist, kann der Mann seine Frau wiedernehmen. Es wird dann aber ein neuer Ehevertrag erfordert. Er kann sie ebenso nach einer zweiten Verstoßung wiedernehmen. Aber nach einer dritten Verstoßung ist es verboten, sie wieder zu heiraten, bevor sie nicht mit einem andern Mann verheiratet gewesen ist. Dieser Zwischenmann heißt Hulla, nämlich Auflöser des Verbotes, von halla, auflösen.
­

Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.

 


Tags: ,

Filed in 1001 Nacht | Kein Kommentar bis jetzt

6. Nacht

admin am Dez 22nd 2011

6. Nacht

Als die sechste Nacht gekommen war, legte der Sultan mit seiner Gemahlin sich nieder. Dinarsade erwachte zur gewöhnlichen Stunde, und redete die Sultanin an. Da nahm Schachriar das Wort, und sagte: “Ich wünschte wohl die Geschichte des zweiten Greises mit den beiden schwarzen Hunden zu hören.” – “Ich will sogleich eure Neugier befriedigen, Herr,” antwortete Scheherasade. “Der zweite Greis,” fuhr sie fort, “erzählte dem Geiste seine Geschichte, und begann also:”

Geschichte des zweiten Greises und der beiden schwarzen Hunde

“Mächtiger Fürst der Geister, du musst wissen, dass wir drei Brüder sind, diese beiden schwarzen Hunde, die du hier siehst, und ich bin der dritte. Unser Vater hatte bei seinem Ableben jedem tausend Zeckinen1) hinterlassen. Mit dieser Summe fingen wir alle drei dasselbe Gewerbe an: wir wurden Kaufleute. Kurze Zeit, nachdem wir unsere Laden eröffnet hatten, beschloss mein älterer Bruder, der eine dieser beiden Hunde, zu reisen und in fremden Ländern Geschäfte zu machen. In dieser Absicht verkaufte er all sein Gut, und kaufte dafür Waren, welche dem Handel, den er treiben wollte, angemessen waren.

Er reiste fort, und war ein ganzes Jahr lang abwesend. Nach Verlauf dieser Zeit trat ein Armer, der mich um Almosen anzusprechen schien, an meinen Laden. Ich sagte zu ihm: “Gott sei mit dir!” – “Gott sei auch mit dir!” antwortete er, “ist es möglich, dass du mich nicht erkennest?” Darauf betrachtete ich ihn aufmerksam, und erkannte ihn. “Ah! Mein Bruder,” rief ich aus, indem ich ihn umarmte, “wie hätte ich dich in diesem Zustande erkennen sollen?” Ich führte ihn in mein Haus und erkundigte mich nach seiner Gesundheit und nach dem Erfolg seiner Reise. “Frage mich nicht darnach:” antwortete er mir, “indem du mich ansiehst, siehst du alles. Es würde meinen Schmerz erneuern, wenn ich dir alle Unglücksfälle umständlich erzählen sollte, welche mir seit einem Jahre zugestoßen sind, die ich in den Zustand gebracht, in welchem ich mich befinde.”

Ich ließ sogleich meinen Laden zuschließen; und alles andere hintenansetzend, führte ich ihn ins Bad und gab ihm die schönsten Kleider aus meinem Vorrat. Ich untersuchte meine Rechnungsbücher, und da ich fand, dass sich mein Vermögen verdoppelt hatte, das heißt, dass ich zweitausend Zeckinen reich war, so gab ich ihm davon die Hälfte. “Damit, mein Bruder,” sagte ich zu ihm, “wirst du den Verlust, den du erlitten hast, verschmerzen können.” Er nahm die tausend Zeckinen mit Freuden an, richtete sein Geschäft wieder ein, und wir lebten miteinander, wie wir zuvor gelebt hatten.

Einige Zeit darauf wollte mein zweiter Bruder, welches der andere dieser beiden Hunde ist, auch sein Gut verkaufen. Wir anderen Brüder taten alles, was wir vermochten, um ihn davon abzubringen, aber es half nichts. Er kaufte Waren, welche dem auswärtigen Handel, welchen er unternehmen wollte, angemessen waren. Er schloss sich einer Karawane an, und reiste fort.

Nach Verlauf eines Jahres kam er in demselben Zustande heim, wie sein älterer Bruder. Ich ließ ihn kleiden! und da ich abermals tausend Zeckinen über mein Kapital gewonnen hatte, so gab ich sie ihm. Er öffnete wieder einen Laden, und trieb sein voriges Gewerbe.

Eines Tages kamen meine beiden Brüder zu mir, und schlugen mir vor, mit ihnen eine Reise zu machen und gemeinsam Handel zu treiben. Ich verwarf anfangs ihren Antrag. “Ihr habt nun gereist,” sagte ich zu ihnen, “und was habt ihr dabei gewonnen? Wer versichert mir, dass ich glücklicher sein werde, als ihr?” Vergebens stellten sie mir alles vor, was ihrer Meinung nach mich blenden und reizen müsste, mein Glück zu versuchen; ich schlug es ab, in ihr Unternehmen einzugehen. Sie kamen jedoch so oft auf denselben Gegenstand zurück, dass ich, nachdem ich fünf Jahre lang standhaft ihrem Andringen widerstanden hatte, mich endlich doch ergab. Aber als nun die Vorbereitungen zu der Reise getroffen werden sollten, und die Rede war von den Waren, deren wir dazu bedurften, da fand es sich, dass beide alles aufgezehrt hatten und gar nichts von den tausend Zeckinen übrig war, die ich jedem von ihnen gegeben hatte. Ich machte ihnen nicht den geringsten Vorwurf darüber: Im Gegenteil, da mein Vermögen sich auf sechs tausend Zeckinen belief, so teilte ich die Hälfte mit ihnen, indem ich sagte: “Meine Brüder, wir wollen diese tausend Zeckinen daran wagen, und die andere Hälfte an irgend einem sicheren Orte verbergen, damit, wenn unsere Reise nicht glücklicher ausfällt als die, welche ihr schon gemacht habt, wir noch etwas haben, uns darüber zu trösten, und unser altes Gewerbe wieder aufnehmen können.”

Ich gab also jedem tausend Zeckinen, behielt ebenso viel für mich, und begrub die andern dreitausend in einem Winkel meines Hauses. Wir kauften nun Waren, und nachdem wir uns zusammen ein Schiff gemietet und uns eingeschifft hatten, gingen wir mit einem günstigen Winde unter Segel.

Nach der Fahrt eines Monats …

“Aber ich sehe, es ist schon Tag,” unterbrach sich Scheherasade. Schachriar stand auf, wie den vorigen Tag, und gab dem Großwesir keinen Befehl, seine Tochter töten zu lassen.


1) Diese in Venedig und in der Levante nun sehr gebräuchliche Goldmünze gilt 12 Franken 4 Zentimen. Die venezische Zeckine gilt 11 Franken 82 Zentimen = 1 Dukaten. Das arabische tzikke, Münze, ist ohne Zweifel eins mit dem ital. zeccha, Münze, davon zecchino. ­

Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.

 


Tags: ,

Filed in 1001 Nacht | Kein Kommentar bis jetzt

5. Nacht

admin am Dez 22nd 2011

5. Nacht

“Herr,” fuhr Scheherasade fort, “der Greis mit der Hinde erzählte dem Geiste, so wie den beiden anderen Greisen und dem Kaufmanne, den Verlauf seiner Geschichte. “Ich nahm also,” sagte er zu ihnen, “das Messer, und war im Begriff, meinem Sohne die Kehle abzuschneiden, als er seine von Tränen gebadeten Augen flehend zu mir drehte und mich dermaßen erweichte, dass ich nicht die Kraft hatte, ihn zu opfern. Ich ließ das Messer fallen, und sagte zu meiner Frau, dass ich durchaus ein anderes Kalb, als dieses da, schlachten wollte. Sie bot alles auf, um mich in diesem Entschlusse wankend zu machen; aber was sie mir auch vorstellen mochte, ich blieb standhaft, und versprach ihr, bloß um sie zu beruhigen, dass ich dieses Kalb am Bairams-Feste des nächsten Jahres opfern wollte.

Am folgenden Morgen verlangte mein Pächter mich insgeheim zu sprechen. “Ich komme,” sagte er zu mir, “euch eine Neuigkeit zu melden, deren ihr, wie ich hoffe, mir guten Dank wissen werdet. Ich habe eine Tochter, welche sich etwas auf die Zauberei versteht. Gestern, als ich das Kalb zurückführte, welches ihr nicht opfern wolltet, bemerkte ich, dass sie lachte, als sie es sah, und einen Augenblick darauf fing sie an zu weinen. Ich fragte sie, warum sie zu gleicher Zeit zwei so entgegen gesetzte Dinge täte. “Mein Vater,” antwortete sie mir, “dieses Kalb, das Du zurückführst, ist der Sohn unsers Herrn. Ich lachte vor Freuden, ihn noch am Leben zu sehen, und ich weinte, indem ich an das Opfer gedachte, das man gestern von seiner Mutter brachte, welche in die Kuh verwandelt war. Diese beiden Verwandlungen sind durch die Beschwörungen der Frau unsers Herrn bewirkt worden, welche die Mutter und das Kind hasste. Das ist es, was meine Tochter mir sagte,” fuhr der Pächter fort, “und ich komme, Dir diese Neuigkeit zu bringen.”

“Ich überlasse es dir, o Geist,” fuhr der Greis fort, “zu ermessen, wie groß mein Erstaunen bei diesen Worten war. Ich ging auf der Stelle zu meinem Pächter, um selber mit seiner Tochter zu sprechen. Sobald ich hinkam, ging ich in den Stall, worin mein Sohn war. Er konnte meine Umarmungen nicht erwidern, er empfing sie aber auf eine Weise, welche mich völlig überzeugte, dass er mein Sohn wäre.

Die Tochter des Pächters kam nun. “Mein gutes Mädchen,” fragte ich sie, “kannst Du meinem Sohne seine erste Gestalt wiedergeben?” – “Ja, ich kann es,” antwortete sie. “Ach, wenn du das zu Stande bringst,” fuhr ich fort, “so mache ich dich zur Herrin all meiner Güter.” Darauf erwiderte sie mir lächelnd: “Ihr seid unser Herr, und ich weiß wohl, was ich euch schuldig bin; aber ich sage euch im voraus, dass ich eurem Sohne nur unter zwei Bedingungen seine erste Gestalt wiedergeben kann: die erste ist, dass Ihr ihn mir zum Manne gebet; und die zweite, dass mir erlaubt sei, diejenige zu bestrafen, welche ihn in ein Kalb verwandelt hat.” – “Was die erste Bedingung betrifft,” antwortete ich ihr, “so nehme ich sie von ganzem Herzen an; ich sage mehr, ich verspreche dir noch ein ansehnliches Vermögen für dich allein, unabhängig von dem, was ich meinem Sohne bestimmte. Kurz, du sollst sehen, wie ich den großen Dienst erkennen werde, welchen ich von dir erwarte. Auch die andere Bedingung, welche meine Frau betrifft, will ich gern annehmen. Ein Weib, welches fähig gewesen ist, eine solche Freveltat zu begehen, verdient wohl, dafür gestraft zu werden; ich gebe sie dir hin, tue mit ihr, was dir beliebt: Ich bitte dich nur, ihr nicht das Leben zu nehmen.” – “Ich will also,” fuhr sie fort, “sie auf dieselbe Weise behandeln, wie sie deinen Sohn behandelt hat.” – “Ich willige drein,” antwortete ich ihr; “aber zuvor gib mir meinen Sohn wieder.”

Hierauf nahm das Mädchen ein Gefäß voll Wasser, murmelte darüber einige Worte, welche ich nicht verstand, wandte sich dann zu dem Kalbe, und sprach: “O Kalb, wenn du von dem allmächtigen und unumschränkten Beherrscher der Welt so geschaffen bist, wie du gegenwärtig erscheinst, so bleibe in dieser Gestalt: Wenn du aber ein Mensch, und nur durch Verzauberung in ein Kalb verwandelt bist, so nimm mit Erlaubnis des allmächtigen Schöpfers deine ursprüngliche Gestalt wieder an!” Indem sie diese Worte sprach, besprengte sie ihn mit Wasser, und im Augenblick stand er in seiner vorigen Gestalt da.

“Mein Sohn, mein lieber Sohn!” rief ich sogleich aus, ihn mit einem Entzücken umarmend, das sich meiner völlig bemeisterte. “Es ist Gott selber, der uns dieses junge Mädchen gesandt hat, um die schreckliche Verzauberung, die dich umgab, zu vernichten, und das Böse zu rächen, welches dir und deiner Mutter angetan ist. Ich zweifle nicht, dass du sie aus Erkenntlichkeit gern zu deiner Gattin annehmen wirst, wie ich es hier gelobt habe.”

Er willigte mit Freuden ein; aber bevor sie sich verheirateten, verwandelte das junge Mädchen meine Frau in eine Hinde, und sie ist es, welche ihr hier sehet. Ich wünschte, dass sie lieber diese Gestalt erhielte, als eine weniger angenehme, damit wir sie ohne Widerwillen in unserem Hause sehen möchten.

Nach dieser Zeit ist mein Sohn Witwer geworden und auf Reisen gegangen. Da nun mehrere Jahre verflossen sind, dass ich keine Nachricht von ihm erhalten habe, so habe ich mich auf den Weg gemacht, um etwas von ihm zu vernehmen; und weil ich die Sorge für meine Frau niemand anvertrauen wollte, während ich diese Nachforschungen anstellte, so hielt ich es fürs beste, die überall mit mir zu führen. Da habt ihr meine Geschichte und die dieser Hinde. Ist sie nicht eine der seltsamsten und wunderlichsten?”

“Ich gebe es zu;” sagte der Geist, “und deswegen gewähre ich dir ein Drittheil der Begnadigung dieses Kaufmanns.”

“Als nun der erste Greis, Herr,” fuhr die Sultanin fort, “seine Geschichte beendigt hatte, redete der zweite mit den beiden schwarzen Hunden den Geist an, und sprach zu ihm: “Ich will euch auch erzählen, was mir begegnet ist und diesen schwarzen Hunden, die Ihr hier seht; und ich bin sicher, dass Ihr meine Geschichte noch erstaunlicher finden werdet, als die, welche ihr so eben gehört habt. Wenn ich sie euch aber erzählt habe, wollt Ihr mir dann auch das zweite Drittel der Begnadigung des Kaufmanns bewilligen?” – “Ja!” antwortete der Geist, “vorausgesetzt, dass deine Geschichte die von der Hinde noch übertrifft.”

Nach dieser Bewilligung begann der zweite Greis folgendermaßen: …

Aber indem sie diese letzten Worte aussprach, erblickte Scheherasade den Tag, und hörte auf zu erzählen.

“Guter Gott, meine Schwester,” sagte Dinarsade, “was das für seltsame Abenteuer sind!” – “Meine Schwester,” antwortete die Sultanin, “sie sind noch gar nicht zu vergleichen mit denen, welche ich dir in der folgenden Nacht erzählen würde, wenn der Sultan, mein Gebieter und Herr, die Güte hätte, mich leben zu lassen.”

Schachriar antwortete nichts; aber er stand auf, verrichtete sein Gebet, und ging in den Rath, ohne einen Befehl gegen das Leben der reizenden Scheherasade zu erteilen.

Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.

 


Tags: ,

Filed in 1001 Nacht | Kein Kommentar bis jetzt

9. Nacht

admin am Dez 22nd 2011

9. Nacht

“Meine liebe Schwester,” rief Dinarsade in der folgenden Nacht zur gewöhnlichen Stunde, “ich bitte dich die Geschichte des Fischers zu vollenden; ich sterbe vor Begierde sie zu hören.” – “Ich will deine Neugier befriedigen,” antwortete die Sultanin. Zu gleicher Zeit bat sie den Sultan um Erlaubnis; und nachdem sie dieselbe erhalten hatte, nahm sie die Geschichte vom Fischer folgendermaßen wieder auf:

“Herr, als der Fischer, verdrießlich über einen so schnöden Fang, sein Netz wieder ausgebessert, welches das Eselsgerippe an mehreren Stellen zerrissen hatte, so warf er es zum zweiten Mal aus. Indem er es herauszog, spürte er abermals starken Widerstand, weshalb er glaubte, dass es voll Fische wäre; aber er fand darin nichts als einen großen Korb voll Sand und Schlamm.

Er geriet darüber in große Betrübnis. “O Schicksal,” rief er mit kläglicher Stimme aus, “höre auf, gegen mich zu zürnen, und verfolge nicht einen Unglücklichen, welcher dich bittet, sein Leben zu schonen! Ich bin von Hause gegangen, um hier meinen Unterhalt zu suchen, und du drohest mir den Tod. Ich habe kein anderes Gewerbe, als dieses, um mich zu ernähren, und trotz aller Sorgfalt, welche ich darauf verwende, kann ich meiner Familie kaum die dringendsten Bedürfnisse verschaffen. Aber ich habe Unrecht, mich über dich zu beklagen: Du findest Vergnügen daran, die ehrlichen Leute zu misshandeln und die großen Männer in der Dunkelheit zu lassen, während du die Bösen begünstigst und diejenigen erhebst, die sich durch keine Tugend empfehlen.”

Indem er in diese Klagen ausbrach, schleuderte er ungestüm den Korb weg; und nachdem er sein Netz wieder rein gewaschen von dem Kot, welcher es verunreinigt hatte, warf er es zum dritten Mal aus. Aber er zog nichts als Steine, Muscheln und Unrat heraus.

Es ist nicht auszusprechen, wie groß seine Verzweiflung war: Es fehlte nicht viel, dass er im Übermaß seines Unglücks den Verstand verlor. Hierauf, seiner Frau und seiner Kinder gedenkend, sprach er folgende Verse aus:

“Dein Unterhalt hängt weder von deiner Nachlässigkeit, noch von deinem Eifer ab; und es ist weder deine Geschicklichkeit, noch sind es deine schönen Schriftzüge, welche dich glücklich machen.

Das glückliche Loos und der Unterhalt sind nur Gaben des Schicksals, und du musst damit zufrieden sein, es sei dir günstig oder widrig.

Es erniedrigt die Höchsten und Trefflichsten, und erhöht oft die Niedrigsten und Bösesten, welche das schlechteste Los verdient hätten.

Komm also, o Tod! Denn das Leben ist mir verächtlich geworden, weil in demselben Menschen mit Adler-Tugenden erniedrigt, und Leute mit Enten-Fähigkeiten erhöht werden.

Denn es ist kein Wunder mehr, zu sehen, dass die Tugend mit Armut kämpft, und das Laster mit dem ihm zugefallenen Glücke sich brüstet.

Unser Loos ist vorherbestimmt, und mit unsern dort oben vorgezeichneten Schicksalen gleichen wir Vögeln, welche hie und da etwas aufzupicken finden: Der eine fliegt von Osten nach Westen, und findet nichts; während der andere die beste Nahrung findet, ohne sich zu entfernen.”

Unterdessen brach der Tag an, und der Fischer vergaß nicht, als guter Muselmann, sein Gebet zu verrichten; darauf fügte er Folgendes hinzu: “Herr, du weißt, dass ich nur viermal jeden Tag mein Netz auswerfe. Ich habe es nun schon dreimal ausgeworfen, ohne die geringste Frucht meiner Arbeit gewonnen zu haben. Es ist mir nur noch ein Zug übrig: und ich flehe dich an, mir das Meer günstig zu machen, wie du es dem Moses1) getan hast!”

Nachdem er dieses Gebet geendigt hatte, warf er sein Netz zum vierten Mal aus. Als er glaubte, dass Fische darin sein müssten, zog er es abermals mit großer Mühe heraus. Es waren gleichwohl keine darin; aber er fand darin ein Gefäß aus Messing, welches seiner Schwere nach ihm etwas zu enthalten schien. Er bemerkte, dass es mit Blei verschlossen und versiegelt war, und sah den Abdruck eines Petschafts darauf. Dies erfreute ihn. “Ich will es an den Gelbgießer verkaufen,” sagte er, “und für das Geld, das ich daraus löse, ein Maß Getreide kaufen.”

Er untersuchte das Gefäß von allen Seiten, schüttelte es, um zu hören, ob das, was darinnen wäre, kein Geräusch machte. Er hörte nichts; und dieser Umstand, samt dem Siegel auf dem Deckel von Blei, brachten ihn auf den Gedanken, dass es mit etwas Kostbarem angefüllt sein müsste. Um sich darüber aufzuklären, nahm er sein Messer, und mit einiger Mühe öffnete er es. Er kehrte sogleich die Öffnung gegen den Boden, aber es kam nichts heraus; was ihn äußerst verwunderte.

Er setzte das Gefäß vor sich hin; und während er es aufmerksam betrachtete, stieg ein dichter Rauch daraus empor, welcher ihn nötigte, zwei oder drei Schritte zurückzutreten. Dieser Rauch erhob sich bis in die Wolken, breitete sich über das Meer und Gestade aus, und bildete einen dicken Nebel: welches Schauspiel, wie man sich vorstellen kann, dem Fischer ein außerordentliches Erstaunen erregte. Als aller Rauch aus dem Gefäße war, vereinigte er sich wieder und verdichtete sich zu einem festen Körper, und daraus bildete sich ein Geist, der noch einmal so groß war als der größte aller Riesen. Bei dem Anblick eines Ungetüms von so ungeheuerer Größte wollte der Fischer die Flucht ergreifen; aber er war so erschüttert und erschrocken, dass er keinen Fuß rühren konnte.

“Salomon2),” rief alsbald der Geist aus, “Salomon, großer Prophet Gottes, Gnade, Gnade! Nimmer will ich mich deinem Willen widersetzten. Ich will allen deinen Befehlen gehorchen …”

Scheherasade bemerkte hier den Tag, und brach ihre Erzählung ab.

Dinarsade nahm darauf das Wort: “Meine Schwester,” sagte sie, “man kann nicht besser sein Versprechen halten, als du es getan hast: Dieses Märchen ist ohne Zweifel viel wunderbarer, als die vorigen.” – “Meine Schwester,” antwortete die Sultanin, “du wirst Dinge hören, die dich noch weit mehr in Verwunderung setzen werden, wenn der Sultan, mein Herr, mir erlaubt, sie dir zu erzählen.”

Schachriar hatte zu große Begierde, das Übrige der Geschichte vom Fischer zu hören, um sich dieses Vergnügens zu berauben. Er verschob also den Tod der Sultanin abermals auf morgen.


1) Die Mohammedaner nehmen 184.000 Propheten an. Die vornehmsten sind: Moses, David, Jesus Christus und Mohammed. Diese sind die vier großen Propheten und Gesetzgeber. ­
2) Salomon ist bei den Orientalen noch berühmter als bei den Christen, und man kann in den zu seinem Lobe verfassten Werken (den Suleiman-Nameh von Ferdusi, Uskobi und Sâad-eddin ben Hassan), eine Menge wunderbarer Taten lesen, die ihm angedichtet sind. Nach diesen Dichtungen war Salomon Herr der Erde, und man könnte auch sagen, der Luft, weil ihm der Wind zu Gebote stand, um ihn überall hin zu tragen, wo er hin wollte, und weil seine Herrschaft sich bis auf die Vögel erstreckte, deren Sprache er verstand, und die unaufhörlich seinen Thron umkreisten. Der Koran spricht oft von diesem Fürsten; Sure 27: “Wir haben (so spricht Gott) dem David und Salomon die Wissenschaft verliehen. Salomon ist der Erbe Davids, und er hat zu den Menschen gesagt: “Ich habe die Sprache der Vögel gelernt, und alle Dinge sind mir gegeben; und Heerscharen von Geistern, Menschen und Vögeln, haben sich um den Propheten versammelt, der sie hinwegführt.” ff. Koran, die Sure von den Geistern, Vers 72.
Die Orientalen haben den Namen Salomon auch mehreren Geisterfürsten gegeben. Salomon herrschte die Engel und Dämonen. Er sprach mit den Tieren, Pflanzen und Steinen, und gebot ihnen. Er vernahm von diesen ihre Eigenschaften, und sprach mit den Vögeln, deren er sich bediente, die Königin von Saba zu Besuch bei ihm zu bewegen. Alle diese Fabeln des Korans stammen aus den Kommentarien der Juden.
­

Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.

 


Tags: ,

Filed in 1001 Nacht | Kein Kommentar bis jetzt

8. Nacht

admin am Dez 22nd 2011

8. Nacht

Sobald Dinarsade gewahrte, dass es Zeit wäre, die Sultanin anzureden, bat sie ihre Schwester, ihr, bis es Tag würde, irgend eine Geschichte zu erzählen.

“Erzähle uns die des dritten Greises,” sagte der Sultan zu Scheherasade, “ich kann kaum glauben, dass sie noch wunderbarer sei, als die des Greises mit den beiden schwarzen Hunden.”

“Herr,” antwortete die Sultanin, “der dritte Greis erzählte seine Geschichte folgendermaßen.”

Geschichte des dritten Greises mit dem Maultier

“Wisse, o Geist, dass dieses Maultier meine Gattin war. Eines Tages verreiste ich, und blieb ein ganzes Jahr von ihr abwesend. Bei meiner Heimkehr kam ich bei Nacht in meiner Wohnung an, und fand meine Frau mit einem schwarzen Sklaven in den zärtlichsten Umarmungen liegen.

Sobald sie mich erblickte, sprang sie schnell auf, trat mir mit einem Becher voll Wasser entgegen, über welchen sie einige Worte murmelte, bespritzte mich damit, und sprach: “Verlass deine Gestalt, und verwandle dich in die eines Hundes!” Ich ward auf der Stelle zu einem Hunde, und sie jagte mich aus dem Hause.

Als ich vor die Türe kam, lief ich fort, bis an den Laden eines Fleischers, wo ich verweilte und an den Knochen nagte. Der Fleischer aber, dem ich gefiel, nahm mich auf in sein Haus.

Als mich aber hier seine Tochter erblickte, verschleierte sie sich sogleich vor mir, und sprach zu ihrem Vater: “Wie kannst du denn einen fremden Mann bei uns einführen, und ihn sogar in unser Zimmer bringen?” – “Und wo ist denn der Mann?” fragte der Vater. – “Dieser Hund hier ist es, den seine Frau soeben verzaubert hat. Indessen vermag ich ihn zu befreien.” Als der Vater diese Worte hörte, sprach er zu seiner Tochter: “Bei Gott, ich beschwöre dich, befreie ihn, aus Dankbarkeit für deine Genesung.”

Hierauf stand die Tochter des Fleischers auf, nahm einen Becher voll Wasser, sprach darüber einige Formeln aus, und spritzte davon ein wenig auf mich, indem sie sagte: “Gehe aus dieser Gestalt in deine erste Gestalt zurück, mit der Erlaubnis des erhabenen Gottes!” Und auf der Stelle war ich wieder in meine vorige Gestalt umgewandelt.

Ich nahte mich nunmehr der Jungfrau, küsste ihr die Hände und sprach: “Bei Gott, ich bitte dich, verzaubere mein Weib, wie sie mich verzaubert hat.” Da gab sie mir von dem Wasser und sagte. “Wenn du sie schlafen findest, so sprenge dieses Wasser über sie, und sage dabei, worin du wünschest, dass sie verwandelt werde, so wird es auf der Stelle geschehen.”

Ich nahm das Wasser, und begab mich zu meiner Frau; und da ich sie im tiefem Schlafe fand, besprengte ich sie damit, indem ich ausrief: “Verlass diese Gestalt und verwandle dich in die eines Maultiers!” Sogleich ward sie das, was ich gewünscht hatte, und sie ist es, die du hier mit deinen eigenen Augen siehst, o du Beherrscher und Oberhaupt der Könige und Geister!”

Zugleich wandte der Greis sich zu dem Maultiere, und fragte: “Ist dieses nicht die Wahrheit?” Worauf das Maultier mit dem Kopfe nickte, und durch dieses Zeichen es bejahte.

“Dieses ist also meine Geschichte,” beschloss der dritte Greis. Der Geist war ganz erstaunt darüber, und sprach: “Ich schenke dir das letzte Drittheil der Begnadigung für den Kaufmann; er hat wohl Ursache euch zu danken, dass Ihr ihn durch eure Geschichtchen aus dieser Verlegenheit gezogen habt: ohne euch wäre er nicht mehr auf der Welt.” Indem er also sprach, verschwand er, zur großen Zufriedenheit der ganzen Gesellschaft.

Der Kaufmann ermangelte nicht, seinen drei Befreiern allen Dank zu sagen, den er ihnen schuldig war. Sie freuten sich mit ihm, ihn außer Gefahr zu sehen; worauf sie Abschied voneinander nahmen, und jeder seinen Weg verfolgte. Der Kaufmann kehrte Heim zu seiner Frau und seinen Kindern, und verlebte ruhig mit ihnen seine übrigen Tage.

“Aber Herr,” fügte Scheherasade hinzu, “wie schön auch die Geschichten sein mögen, welche ich euer Majestät bisher erzählt habe, so kommen sie doch der von dem Fischer nicht gleich.”

Als Dinarsade sah, dass die Sultanin hier inne hielt, sprach sie zu ihr: “Liebe Schwester, weil uns noch Zeit übrig ist, so sei so gut, und erzähle uns die Geschichte dieses Fischers; der Sultan wird es gern erlauben.” Schachriar willigte ein, und Scheherasade nahm die Rede wieder auf, und begann folgendermaßen:

Geschichte des Fischers mit dem Geist

“Herr, es war einmal ein alter und so armer Fischer, dass er kaum so viel erwerben konnte, um seine Frau und drei Kinder zu ernähren, welche seine Familie ausmachten. Er ging alle Tage sehr früh auf den Fischfang, hatte es sich aber zum Gesetze gemacht, nur viermal jeden Tag seine Netze auszuwerfen.

Er ging eines Morgens beim Mondschein hinaus an das Ufer des Meeres. Er entkleidete sich, und warf sein Netz aus. Als er es ans Ufer zog, fühlte er bald Widerstand; er glaubte einen guten Fang getan zu haben, und freute sich schon innerlich darüber. Als er aber bald darauf bemerkte, dass anstatt der Fische in seinem Netz nur das Gerippe eines Esels war, welches sogar sein Netz zerrissen hatte, so war er sehr verdrießlich darüber, und sprach folgende Verse aus:

“O du, der du dich während der Dunkelheit der Nacht in Gefahren begibst, lass nach in deinen Bemühungen; denn der Lebensunterhalt wird dir trotz deinen Anstrengungen doch nicht zu Teil!

Betrachte den Fischer im Meere, wie er in der sternlosen Nacht, seines Erwerbes wegen, sich aussetzt!

Bis an die Brust watet er im Wasser, die Wellen peitschen ihn von allen Seiten; doch hört sein Auge nicht auf, jede Bewegungen des Netzes zu beobachten.

Endlich beschließt er noch freudig seine Nacht, wenn er nur ein Fisch an seiner Angel sich verwundet hat.

Derjenige kauft ihm denselben ab, welcher seine Nacht in Ruhe, und ohne sich der Kälte auszusetzen, in den Segnungen des Glücks zugebracht hat.

Gepriesen sei der Herr, der diesem gibt, und jenem vorenthält! Jener verzehrt die Fische mit Ruhe, die dieser mit Mühe gefangen hat.”

Scheherasade hörte hiermit auf zu reden, weil sie den Tag anbrechen sah.

“Meine Schwester,” sagte Dinarsade zu ihr, “ich gestehe dir, dass dieser Anfang mich reizt, und ich sehe voraus, dass die Folge sehr anmutig sein wird.” – “Nichts ist überraschender, als die Geschichte vom Fischer,” antwortete die Sultanin; “und du wirst in der Nacht mir darin beistimmen, wenn der Sultan die Gnade hat und mich leben lässt.”

Schachriar, neugierig, den Erfolg des Fischzuges zu vernehmen, wollte diesen Tag Scheherasade noch nicht töten lassen. Er stand also auf, ohne diesen furchtbaren Befehl zu erteilen.

Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.

 


Tags: ,

Filed in 1001 Nacht | Kein Kommentar bis jetzt

11. Nacht

admin am Dez 22nd 2011

11. Nacht

Schachriar und seine Gemahlin brachten diese Nacht ebenso zu, wie die vorhergehenden, und ehe der Tag anbrach, weckte Dinarsade durch folgende Worte, welche sie an die Sultanin richtete: “Meine Schwester, ich bitte dich, die Erzählung vom Fischer wieder aufzunehmen.” – “Sehr gern,” antwortete Scheherasade, “ich will dir genugtun, mit Erlaubnis des Sultans.”

“Als der Geist,” fuhr sie fort, “versprochen hatte, die Wahrheit zu sagen, sprach der Fischer zu ihm: “Ich möchte wohl wissen, ob du wirklich in diesem Gefäße warst: Getrauest du dir wohl, es bei dem hohen Namen Gottes zu beschwören?” – “Ja,” antwortete der Geist, “ich schwöre bei diesem hohen Namen, dass ich darin war; und das ist gewisslich wahr.” – “bei meiner Treue,” erwiderte der Fischer, “ich kann’s nicht glauben. Dieses Gefäß vermöchte ja nicht einmal einen deiner Füße in sich zu fassen: wie wäre es möglich, dass du ganz und gar darin eingeschlossen gewesen wärst?” – “Ich schwöre es dir gleichwohl,” sagte der Geist, “dass ich darin war, so wie du mich hier siehst. Glaubst du mir noch nicht, nach dem großen Eide, den ich dir geschworen habe?” – “Wahrhaftig, nein,” antwortete der Fischer; “und ich werde dir nicht glauben, wenn du mich nicht durch den Augenschein überzeugest.”

Hierauf verflüchtigte sich der Leib des Geistes wieder und verwandelte sich in Rauch, welcher sich, wie zuvor, über das Meer und Gestade ausbreitete, dann sich wieder sammelte und in das Gefäß hineinzog, und in gleichmäßiger und langsamer Bewegung so fort fuhr, bis gar nichts mehr davon draußen war. Alsbald kam eine eine Stimme daraus hervor, welche zu dem Fischer sagte: “Wohlan, ungläubiger Fischer, da bin ich wieder in dem Gefäße; glaubst du mir nun?”

Der Fischer aber, anstatt dem Geiste zu antworten, nahm den bleiernen Deckel, verschloss eilig das Gefäß damit, und rief ihm zu: “Geist, jetzt ist die Reihe an dir, um Gnade zu bitten, und wähle nun, welchen Tod ich dich soll sterben lassen! Aber nein, es ist besser, dass ich dich wieder ins Meer werfe, an derselben Stelle, wo ich dich herausgezogen habe. Dann will ich mir auf diesem Gestade ein Haus bauen, und hier wohnen, um alle Fischer, welche hierher kommen und ihre Netze auswerfen, zu warnen, dass sie sich wohl hüten, einen so boshaften Geist wieder herauszufischen, welcher geschworen hat, jeden zu töten, der ihn etwa in Freiheit setzt.”

Bei diesen spöttischen Worten strengte der erzürnte Geist alle seine Kräfte an, um wieder aus dem Gefäße zu kommen; aber es war ihm unmöglich, denn das aufgedrückte Siegel des Propheten Salomon, des Sohnes Davids, verhinderte ihn daran. Als er nun sah, dass der Fischer ihn in seiner Gewalt hatte, unterdrückte er seinen Zorn, und sagte zu ihm, mit besänftigter Stimme: “Fischer, hüte dich wohl, das zu tun, was du sagst. Was ich hier getan habe, ist nur aus Scherz geschehen, und du musst die Sache nicht ernsthaft nehmen.” – “O Geist,” antwortete der Fischer, “du, der vor einem Augenblick der größte aller Geister war, und gegenwärtig der kleinste bist, wisse, dass alle deine listigen Reden dir nichts helfen. Du musst wieder ins Meer zurück. Wenn du so lange Zeit darin gewesen bist, wie du mir gesagt hast, so kannst du auch wohl bis zum Tage des jüngsten Gerichts dort bleiben. Ich habe dich im Namen Gottes gebeten, mir nicht das Leben zu rauben, und hast meine Bitten verworfen; jetzt will ich dir Gleiches mit Gleichem vergelten.”

Der Geist sparte nichts, den Fischer zu rühren: “Öffne das Gefäß,” sagte er zu ihm, “und gibt mir die Freiheit, ich flehe dich drum, und verspreche dir, dass du zufrieden mit mir sein sollst.” – “Du bist und bleibst ein Verräter,” erwiderte der Fischer. “Ich verdiente das Leben zu verlieren, wenn ich die Unklugheit hätte, dir zu trauen. Du würdest nicht ermangeln, mich auf dieselbe Weise zu behandeln, wie ein gewisser Griechischer König seinen Arzt Duban behandelte. Das ist eine Geschichte, die ich dir erzählen will; höre zu:

Geschichte des griechischen Königs und des Arztes Duban

In dem Lande Suman, in Persien, herrschte einst ein König, dessen Untertanen ursprünglich Griechen waren. Dieser König war vom Aussatze befallen, und seine Ärzte, nachdem sie vergeblich alle ihre Mittel angewandt hatten, ihn zu heilen, wussten nicht mehr, was sie ihm verordnen sollten; als ein sehr geschickter Arzt, genannt Duban, an seinem Hofe ankam.

Dieser Arzt hatte seine Wissenschaft aus griechischen, persischen, türkischen, arabischen, lateinischen, syrischen und hebräischen Büchern geschöpft; überdies war er vollendet in der Weltweisheit, und kannte vollkommen die guten und bösen Eigenschaften aller Arten von Kräutern und Säften.

Sobald er von der Krankheit des Königs unterrichtet war, und vernommen hatte, dass seine Ärzte ihn schon aufgegeben hatten, kleidete er sich so zierlich als er nur konnte, und fand Mittel und Wege, sich dem Könige vorstellen zu lassen. “Herr,” sprach er zu ihm, “ich weiß, dass alle Ärzte, welche Euer Majestät bedienen, euch nicht von dem Aussatze heilen konnten: wenn ihr mir aber die Ehre erweisen und meine Dienste annehmen wollt, so verpflichte ich mich, euch zu heilen, ohne Tränke und ohne Umschläge.”

Der König hörte auf diesen Antrag, und antwortete ihm: “Wenn du ein so geschickter Mann bist, das zu tun, was du sagst, so verspreche ich, dich reich zu machen, dich und deine Nachkommenschaft; und außer den reichen Geschenken, welche ich dir machen will, sollst du mein liebster Günstling sein. Du verheißest mir also, mich vom Aussatz zu befreien, ohne mich einen Trank einnehmen zu lassen und ohne mir ein äußeres Mittel aufzulegen?” – “Ja, Herr,” antwortete der Arzt, “ich schmeichle mir, es wird mir gelingen, mit Gottes Hülfe, und gleich morgen will ich den Anfang machen.”

Hierauf begab sich der Arzt Duban wieder in seine Wohnung, und machte eine Kolbe zum Kugelspiel, deren Handgriff er aushöhlte und den Saft darein tat, dessen er sich bedienen wollte. Als dies getan war, machte er auch eine Kugel, auf die Weise, wie er wollte, und damit ging er am folgenden Morgen hin und stellte sich dem Könige vor; er warf sich zu seinen Füßen, küsste die Erde …”

Bei dieser Stelle bemerkte Scheherasade, dass es Tag war, erinnerte Schachriar daran, und schwieg.

“In Wahrheit, meine Schwester,” sagte darauf Dinarsade, “ich weiß nicht, wo du alle die schönen Sachen hernimmst.” – “Du wirst morgen noch ganz andere hören,” antwortete Scheherasade, “wenn der Sultan, mein Herr, die Güte hat, mir das Leben noch zu verlängern.”

Schachriar, der nicht minder als Dinarsade vor Begierde brannte, den Fortgang der Geschichte des Arztes Duban zu hören, dachte nicht daran, diesen Tag die Sultanin töten zu lassen.

Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.

Tags: ,

Filed in 1001 Nacht | Kein Kommentar bis jetzt