993. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


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993. Nacht

Kaum hatte sie ausgeredet, als der weibliche Wesir mit dem Kadi und den Zeugen ankam, nebst einer großen Anzahl ehrwürdiger Frauen, deren Haare lang herunterhingen, die aber übrigens sehr anständig gekleidet waren. Sie befahl derselben, den Heiratskontrakt aufzusetzen und als dies geschehen war, begann ein großes, prächtiges Fest.

Von nun an lebte der junge Mann mit ihr als Gatte sehr glücklich. Sieben Jahre hatte er bereits als Herrscher dieser Inseln und als Gatte der liebenwürdigsten aller Frauen zugebracht, nicht ohne bisweilen den inneren Drang zu fühlen, sich von den Geheimnissen, die über diesem Haus schwebten, zu unterrichten, als er einst die Abwesenheit der Königin benutzte, und in der Hoffnung, es würde ihr verborgen bleiben, sich der verbotenen Türe näherte und sie öffnete. Aber in demselben Augenblick stürzte sich aus der soeben geöffneten Tür derselbe Vogel heraus, der ihn auf die Insel gebracht hatte, nahm ihn mit sich fort und setzte ihn auf dieselbe Insel, von der er ihn geraubt hatte, wieder nieder. Hier verließ er ihn, und der Unglückliche sah sich zu seinem Erstaunen am Eingang derjenigen Höhle, durch die er gekommen war. Durch diese begab er sich nun wieder zurück in sein voriges Haus, und dachte hier an seine verlorene Glückseligkeit und Ruhe mit Bedauern zurück. Noch immer konnte er die süße Hoffnung nicht aufgeben, einst mit seiner Gattin wieder vereinigt zu werden, allein diese Hoffnung wurde ihm nach einigen Monaten völlig geraubt, da er eine Stimme vernahm, die ihm deutlich zurief:

“Das verlorne und verscherzte Glück
kehrt im Leben nicht zurück.”

Hier begann zugleich ein Trauern und Wehklagen, welches ihm deutlich anzeigte, dass die Greise ein gleiches Schicksal mit ihm, und dieselbe Ursache zum Weinen und Wehklagen gehabt haben mussten. Nun zog er Trauerkleider an, bewohnte das Gemach des letzten Greises, widmete sich vierzig Jahre der Reue, enthielt sich aller guten Speisen und Getränke und nie lachte er mehr bis zum letzten Hauch seines Lebens.

“Du siehst also, o König!”, fuhr nun der Wesir fort, “dass eine übereilte Tat nie lobenswürdig ist, sondern stets Reue nach sich zieht. Daher hüte Dich, Deinen Sohn zu töten und nimm dieses gütig als eine Warnung auf.” Der König beschloss auch wirklich, die Hinrichtung seines Sohnes bis auf den anderen Tag zu verschieben.

Beim Anbruch der sechsten Nacht aber trat die Frau zum König herein, warf sich ihm zu Füßen und hatte einen Dolch in der Hand. “O Fürst!”, rief sie aus, “wenn Du mir nicht Gerechtigkeit verschaffst gegen die Beleidigungen Deines Sohnes, so schwöre ich bei Deinem Haupt, dass ich mich mit diesem Dolch umbringen werde. Deine Minister sprechen Dir immer von der List der Weiber vor, aber ich versichere Dir, die Männer sind listiger als die Frauen, und was unter anderen dem Sohn des Königs und der Kaufmannsfrau begegnet ist, soll Dir dies beweisen.” – “Was ist das für eine Geschichte?”, fragte sie der König hierauf, und sie hub nun folgendermaßen an.

Geschichte von dem Sohn des Königs und der Kaufmannsfrau

Ein Kaufmann hatte eine sehr schöne Frau, war aber dabei außerordentlich eifersüchtig. Aus Furcht, sie möchte irgend jemandem gefallen, ließ er sie nicht in der Stadt wohnen, sondern gab ihr ein einzeln liegendes Schloss ein, welches er außerhalb der Stadt besaß, und welches, da es ganz vom Weg abgelegen war, von niemandem besucht wurde. Er nahm übrigens noch andere Vorsichtsmaßregeln, indem er eine hohe Mauer um dasselbe ziehen und die Pforten mit festen Schlössern versehen ließ. So oft er sich nun in die Stadt begab, verschloss er alles genau und nahm die Schlüssel mit sich.

Eines Tages ging der Sohn des Königs aus, um sich außerhalb der Stadt zu zerstreuen. Die um das Schloss neu aufgeführte Mauer erregte seine Aufmerksamkeit und er begab sich nahe heran, um es zu betrachten. Da wurde er denn die Frau des Kaufmanns an einem Fenster gewahr und ihre Schönheit betäubte ihn ganz. Er versuchte mit ihr zu sprechen, allein die weite Entfernung machte es unmöglich. Er suchte ins Schloss zu kommen, allein auch dies gelang ihm nicht. Da rief er seinem Diener, der mit ihm war, und befahl ihm, ihm sein Schreibzeug zu geben. Dieser überreichte es ihm und er schrieb nun einen Brief, den er an einen Pfeil befestigte und so in das Schloss abschoss. Die Frau suchte sogleich den Pfeil auf und fand das daran befestigte Briefchen. Sie las es und sah darin, dass er von ihrer Schönheit gerührt war und die größte Sehnsucht fühlte, sie kennen zu lernen. Sie säumte nun nicht, diesen Brief zu beantworten. Sie schrieb ihm: Dass sie nicht minder wünsche, ihn kennen zu lernen, und dass sie seine Sehnsucht teile. Diesen Brief warf sie ihm sodann, mit einem Stein beschwert, über die Mauer. Als der Prinz diesen Brief gelesen und daraus ersehen hatte, dass er geliebt werde, befestigte er den Schlüssel eines Kastens an einen anderen Pfeil, schoss ihn in das Schloss ab und ging dann nach einem freundlichen Abschiedsgruß von dannen. Die Frau ging sofort wieder nach dem Pfeil hin, fand aber diesmal bloß einen Schlüssel daran befestigt, den sie gleichwohl aufhob, mit sich nahm und aufbewahrte.

Der Prinz wandte sich daheim an einen der Wesire seines Vaters, erzählte ihm aufrichtig, was ihm begegnet war, dass er diese Frau sehr liebe und von ihr wieder geliebt werde, dass es ihm aber nicht möglich wäre, zu ihr ins Schloss zu gelangen. “Was kann ich da für Dich tun?”, fragte hierauf der Wesir. – “Ich bitte Dich,” erwiderte der Prinz, “Du mögest mich in einen großen Kasten tun, ihn mit diesem Schloss, (das er ihm zugleich überreichte) verschließen, und ihn dem Kaufmann auf sein Schloss in Verwahrung geben, unter dem Vorwand, er enthalte Schätze und Kostbarkeiten, die Du in Sicherheit bringen wolltest.” Der Wesir versprach es ihm und der Prinz schickte ihm nun den Kasten, stieg zugleich in denselben hinein und der Wesir verschloss ihn sodann mit dem Schloss, dessen Schlüssel der Prinz der Frau zugeschlossen hatte. Er wurde nunmehr auf ein Kamel geladen und in Begleitung des Wesirs nach dem Schloss des Kaufmanns gebracht. Dieser, über einen so hohen Besuch hoch erstaunt und erfreut, eilte dem Wesir entgegen, versicherte ihn, dass es ein Tag des Glücks für ihn sei, ihn bei sich zu sehen und erkundigte sich nach der Ursache seines Besuches. Der Wesir antwortete, dass er ihm hiermit einen Kasten in Verwahrung geben wolle, und er bäte ihn, diesen so lange bei sich zu behalten, bis er ihn selbst abholen würde. Der Kaufmann willigte gern ein und nahm den Kasten auf sein Schloss. Der Wesir entfernte sich hierauf und der Kaufmann, der ebenfalls in der Stadt Geschäfte hatte, verließ das Schloss, nachdem er es wohl verschlossen hatte. Nun ging die Frau zu dem Kasten, öffnete ihn mit dem Schlüssel, den sie bei sich hatte, und der Prinz stieg heraus. Sie legte nun sogleich ihre kostbarsten Kleider an und leistete ihm Gesellschaft. So oft sie indessen die Ankunft ihres Mannes wahrnahm, verbarg sie ihn jedes Mal wieder in den Kasten. Eines Tages verlangte der König seinen Sohn zu sehen. Da begab sich der Wesir eiligst zum Kaufmann, der sich in der Stadt befand, und verlangte von ihm seinen Kasten. Sie gingen beide sofort auf das Schloss. Da es aber zur ungewöhnlichen Zeit und der Kaufmann sehr eilig war, hatte die Frau kaum Zeit den Prinzen in den Kasten zu bringen. Nur zur Not konnte sie das Schloss vorlegen, als ihr Mann auch schon eintrat. Eben wollte er den Kasten fort schieben, als der Deckel aufsprang und er zu seinem größten Erstaunen den Sohn des Königs darin liegen erblickte. Er hieß diesen nun sogleich aufstehen, führte ihn zu dem Wesir und überzeugte sich zu seiner tiefen Betrübnis, das er überlistet worden war, und dass alle seine Vorsicht ihm nichts genutzt hatte. Darauf verstieß er sofort seine Frau und beschloss, sich nie wieder zu verheiraten.

“Hier siehst Du also, o König!”, setzte die Frau hinzu, “wie listig die Männer sind, wenn es darauf ankommt, etwas durchzusetzen. Derselbe Fall ist es auch mit Deinem Sohn, daher bitte ich Dich, verschaffe mir Gerechtigkeit gegen ihn.” Da der König die Frau nun sehr liebte, so befahl er auch sogleich, dass sein Sohn getötet werden solle.

Als indessen der sechste Tag angebrochen war und der sechste Wesir diesen Befehl vernommen hatte, begab er sich zum König, und warf sich ihm zu Füßen und sprach: “O Herr! Ich bitte um Aufschub für Deinen Sohn, denn der Trug gleicht dem Rauch, er kann wohl auf einen Augenblick die Wahrheit verdunkeln, diese indessen steht unveränderlich fest und ihr Licht dringt früh oder spät durch den Dunst der Lüge. Weißt Du nicht, dass sogar in dem heiligen Buch des erhabenen Gottes geschrieben steht, dass die List der Weiber groß ist? Ich kann es Dir beweisen, und zwar durch folgende

Geschichte des Mannes, der da wünschte die Nacht Al Kader 1) kennen zu lernen 2)

“Du siehst also,” fuhr der Wesir fort, “wie töricht man tut, sich nach den Wünschen der Weiber zu richten. Hüte Dich also, Deinen einzigen Sohn, der Dein Andenken nach Dir erhalten wird, hinrichten zu lassen.” Diese Betrachtung bewog den König, den Tod seines Sohnes abermals aufzuschieben.


1) Kader heißt soviel wie: Ehre und Würde, aber auch soviel wie: Vorherbestimmung. In dieser Nacht ist der Koran dem Propheten Mohammed vom Himmel herab gesendet worden. Auch glauben Mohammedaner, dass in dieser Nacht die Schicksale der Menschen festgestellt worden sind. ­
2) Da der Anstand nicht erlaubt, diese Geschichte mitzuteilen, so lassen wir sie in der Übersetzung aus.
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