99. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
99. NachtHerr, der Großwesir fuhr folgendermaßen in der Geschichte fort, welche er dem Kalifen erzählte: “Zwei Jahre,” sagte er, “nachdem Bedreddin-Hassan in die Hände dieses Lehrers gegeben worden war, der ihn vollkommen gut lesen lehrte, lernte er den Koran auswendig. Nureddin-Ali, sein Vater, gab ihm andere Lehrer, welche seinen Geist auf solche Weise unterrichteten, dass er in dem Alter von zwölf Jahren ihrer Hilfe nicht mehr bedurfte. Da nun alle Züge seines Gesichts ausgebildet waren, erregte er die Bewunderung aller, die ihn sahen. Denn wie von ihm der Dichter sagt: “Kaum zeigt er sich, so ruft auch jedermann: Gepriesen sei Gott, der ihn so schön gebildet hat. Bis dahin hatte Nureddin-Ali nur daran gedacht, ihn studieren zu lassen, und hatte ihn noch nicht in der Welt gezeigt. Er führte ihn in den Palast, um ihm die Ehre zu verschaffen, dem Sultan seine Aufwartung zu machen, der ihn sehr günstig aufnahm. Die ihn zuerst auf der Straße sahen, waren von seiner Schönheit so entzückt, dass sie darüber laut aufschrieen und ihm tausend Segnungen nachriefen. Da sein Vater sich vorgenommen hatte, ihn zur einstigen Übernahme seines Amtes fähig zu machen, so sparte er nichts, was ihm zur Erreichung dieses Zweckes dienlich schien, und ließ ihn an den schwierigsten Geschäften Teil nehmen, um ihn bei guter Zeit daran zu gewöhnen. Kurz, er vernachlässigte nichts, was zur Beförderung eines ihm so teueren Sohnes dienen konnte, und er fing schon an, die Früchte seiner Bemühungen einzuernten, als er plötzlich von einer so heftigen Krankheit befallen wurde, dass sein letzter Lebenstag nahe zu sein schien. In diesem kostbaren Augenblick vergaß er nicht seines Sohnes Bedreddin. Er ließ ihn rufen und sagte zu ihm: “Mein Sohn, du siehst, dass diese Welt vergänglich ist; nur jene, in welche ich nun bald gelangen werde, ist wirklich dauerhaft. Du musst jetzt anfangen, dich in meine jetzige Stimmung zu versetzen; bereits dich, diesen Übergang ohne Reue zu machen, und ohne dass dein Gewissen dir irgend etwas in Beziehung auf die Pflichten eines Muselmannes und eins vollkommen rechtschaffenden Mannes vorwerfen könne. Was deine Religion betrifft, so bist du sowohl durch deine Lehrer als auch durch das, was du gelesen hast, vollkommen davon unterrichtet. Was die Pflichten des rechtschaffenen Mannes betrifft, so will ich dir einige Lehren zur Benutzung geben. Da es nötig ist, sich selbst zu kennen, und du diese Kenntnis nicht füglich haben kannst, ohne zu wissen, wer ich bin, so sollst du es erfahren. “Ich bin,” fuhr er fort, “in Ägypten geboren und mein Vater, dein Großvater, war erster Staatsbeamter des Sultans dieses Königsreichs. Ich selbst habe die Ehre gehabt, einer der Wesire dieses Sultans zu sein, so wie auch mein Bruder, dein Oheim, der vermutlich noch lebt und sich Schemseddin Mohammed nennt. Ich war genötigt, mich von ihm zu trennen, und ich kam in dieses Land, wo ich zu dem Rang gelangte, den ich bis zuletzt bekleidet habe. Doch du wirst das alles ausführlicher in einem Hefte finden, welches ich dir zu geben habe.” Zugleich zog nun Nureddin-Ali dieses, von seiner eigenen Hand geschriebene Heft, welches er immer bei sich trug, hervor, und sagte, indem er es dem Bedreddin übergab: “Nimm und lies es mit Muße. Du wirst unter anderem auch den Tag meiner Hochzeit und den deiner Geburt verzeichnet finden. Das sind Umstände, die die vielleicht in der Folge zu wissen nötig sind, und die dich das Heft sorgfältig müssen bewahren lassen.” Bedreddin-Hassan, sehr betrübt, seinen Vater in dem Zustand, in welchem er sich befand, zu sehen, und von diesen Worten gerührt, empfing das Heft mit Tränen in den Augen, indem er ihm versprach, es nie aus den Händen zu geben. In diesem Augenblick überfiel den Nureddin-Ali eine Schwäche, die seinen Tod erwarten ließ. Aber er kam bald wieder zu sich und sagte: “Mein Sohn, die erste Lebensregel, die ich dir zu geben habe, ist, nicht mit allen Gattungen von Menschen umzugehen. Um in Sicherheit zu leben, muss man sich ganz in sich selbst zurückziehen und sich nicht leicht mitteilen.” Er fügte, nachdem er dies gesagt hatte, noch folgende Verse hinzu: “Es gibt zu deiner Zeit keinen Freund, oder irgend jemand, dessen Liebe du begehrst, welcher, wenn dir Unglücksfälle begegnen, das Bündnis der Freundschaft treu bewährt.” “Lebe also zurückgezogen und baue auf niemand, ich warne dich davor, und ich habe hierüber genug gesagt. Die zweite Lebensregel ist, niemand, wer es auch sei, Gewalt anzutun; denn in diesem Falle würde sich die ganze Welt gegen dich auflehnen, und du musst die Welt wie einen Gläubiger betrachten, dem du Mäßigung, Mitleid und Duldung schuldig bist.” Er sagte hierauf noch die folgenden Verse: “Geh langsam zu Werke, übereile dich bei keinem Geschäfte, und sei langmütig gegen die Menschen, so wirst du als wohlwollend gepriesen werden. “Die dritte Lebensregel ist, nicht zu antworten, wenn man dich auch mit Schmähungen überhäuft. Man ist außer Gefahr, sagt das Sprichwort, sobald man stille schweigt. Das musst du vorzüglich bei solcher Gelegenheit befolgen. Du weißt auch, dass einer unserer Dichter sagt, das Stillschweigen sei die Zierde und Schirmwache unseres Lebens, und man müsse, wenn man spricht, nicht dem alles verheerenden Gewitterregen gleichen. Man hat niemals bereut geschwiegen, gar oft aber, gesprochen zu haben.” “Die vierte Regel ist, keinen Wein zu trinken, denn der Wein ist die Quelle aller Laster; weshalb auch der Dichter sagt: “Ich verzichte auf den Wein, und höre auf, ihn zu trinken; denn er hat mich zum Gegenstand des Tadels aller Leute gemacht. Die fünfte Regel ist, dein Vermögen zu Rate zu halten. Wenn du es nicht verschwendest, wird es dich vor der Not bewahren. Man muss jedoch nicht zu viel besitzen, noch geizig sein. Wenn du auch nur wenig hast und es mit Verstand ausgibst, so wirst du viele Freunde haben; wenn du aber im Gegenteil große Reichtümer besitzt und einen üblen Gebrauch davon machst, so wird sich alle Welt von dir entfernen und dich verlassen.” Hier fügte er wieder folgende Verse hinzu: “Habe ich wenig Vermögen, so wird kein Mensch nach meiner Freundschaft trachten, besitze ich aber Reichtümer, so möchten alle Leute gern meine Freunde sein. Kurz, Nureddin-Ali fuhr bis zum letzten Augenblick seines Lebens fort, seinem Sohne gute Lehren zu geben; und als er gestorben war, wurde er auf das prächtigste zur Erde bestattet. Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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