98. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
98. NachtDie bei dem Großwesir von Balsora versammelten Herren hatten ihm kaum ihre Freude über die Heirat seiner Tochter mit Nureddin-Ali bezeigt, als man sich zur Tafel setzte. Gegen Ende der Mahlzeit gab man Zuckerwerk herum, wovon jeder, der Sitte gemäß, so viel nahm, als er mit sich nehmen konnte: Worauf dann die Kadis mit dem Heiratsvertrag in der Hand eintraten. Die vornehmsten Herren unterzeichneten ihn, und die ganze Gesellschaft ging auseinander. Als nun niemand mehr da war, als die Hausleute, befahl der Großwesir denen, die er mit der Zubereitung des Bades beauftragt hatte, den Nureddin-Ali in dasselbe zu führen, wo dieser ungebrauchte Wäsche von einer Feinheit und Sauberkeit, die man mit Vergnügen beschaute, und alles andere Nötige vorfand. Der Gatte, nachdem er gewaschen und gerieben worden war, wollte das Kleid, welches er ausgezogen hatte, wieder anziehen; aber man reichte ihm ein anderes, höchst prächtiges. In diesem Zustande und von den ausgesuchtesten Wohlgerüchen duftend, ging er wieder zu dem Großwesir, der über sein Wohlaussehen höchst erfreut war, und der, nachdem er ihn neben sich hatte niedersetzen lassen, zu ihm sagte: “Mein Sohn, du hast mir entdeckt, wer zu bist, und welchen Rang du an dem Hof des Königs von Ägypten bekleidest; du hast mir sogar gesagt, dass du einen Streit mit deinem älteren Bruder gehabt und dich deshalb aus deinem Vaterland entfernt hast: Ich bitte dich, mir dein ganzes Vertrauen zu schenken und mich von dem Gegenstand eures Streites zu unterrichten. Du musst mir jetzt gänzlich vertrauen und mir nichts verbergen; denn ich empfehle dir die Wahrheit, wie der Dichter sagt: “Ich empfehle dir die Wahrheit, sollte dich auch ihre Offenbarung brennen, wie das höllische Feuer. Denn dein höchster Zweck muss sein, Gott wohl zu gefallen; und wehe dem Menschen, der den Herrn erzürnt, um den Beifall des Dieners zu erhalten.” Nureddin-Ali erzählte ihm alle Umstände seiner Zwistigkeit mit seinem Bruder. Der Großwesir konnte diese Erzählung nicht ohne Lachen anhören. “Das ist,” sagte er, “die seltsamste Geschichte von der Welt! Ist es möglich, dass euer Streit über eine Heirat in der Einbildung so weit gegangen ist? Es tut mir sehr leid, dass du dich wegen einer solchen Kleinigkeit mit deinem älteren Bruder entzweit hast. Ich sehe freilich ein, dass er Unrecht hatte, über das, was du ihm im Scherze gesagt hast, beleidigt zu sein, und ich muss dem Himmel für einen Zwist danken, der mir einen Schwiegersohn, wie dich, verschafft hat. “Aber,” fügte der Greis hinzu, “die Nacht ist schon vorgerückt, und es ist Zeit, dich zu entfernen. Geh, meine Tochter, deine Gattin, erwartet dich. Morgen werde ich dich dem Sultan vorstellen. Ich hoffe, dass er dich auf eine Weise aufnehmen wird, womit wir beide zufrieden sein können.” Nureddin-Ali verließ seinen Schweigervater, um sich in das Zimmer seiner Gattin zu begeben. “Merkwürdig ist,” fuhr nun der Großwesir Giafar fort, “dass an eben dem Tage, an welchem diese Hochzeit in Balsora gefeiert wurde, auch Schemseddin Mohammed sich in Kairo verheiratete; mit welcher Heirat es sich folgendermaßen verhielt. Nachdem Nureddin-Ali sich aus Kairo in der Absicht entfernt hatte, nie wieder dorthin zurückzukehren, war Schemseddin Mohammed, sein älterer Bruder, nach Verlauf eines Monates, von der Jagd heimgekehrt, welche durch die Jagdlust des Sultans so verlängert worden. Er eilte in die Wohnung des Nureddin-Ali, und war höchlich erstaunt, zu erfahren, dass dieser, unter dem Vorwand, eine Reise von zwei oder drei Tagen zu machen, an eben dem Tage, an welchem der Sultan auf die Jagd ging, auf einer Mauleselin abgereist und seitdem nicht wieder gekommen wäre. Er war darüber um so verdrießlicher, da er nicht zweifelte, dass die harten Dinge, welche er seinem Bruder gesagt hatte, die Ursache seiner Entfernung wären. Er sandte einen Eilboten ab, der durch Damaskus bis Aleppo ritt; aber Nureddin war damals in Balsora. Als der Eilbote bei seiner Heimkehr berichtet hatte, dass seine Nachforschungen vergebens gewesen wären, nahm sich Schemseddin Mohammed vor, ihn anderswo aufzusuchen, und fasste inzwischen den Entschluss, sich zu verheiraten. Er heiratete die Tochter eines der ersten und mächtigsten Herren von Kairo, an demselben Tag, an welchem sich sein Bruder mit der Tochter des Großwesirs von Balsora verheiratete. “Das ist nicht alles, Beherrscher der Gläubigen,” fuhr Giafar fort, “es begab sich noch Folgendes. Nach neun Monaten kam die Frau des Schemseddin Mohammed in Kairo mit einem Mädchen, und an demselben Tag die Frau des Nureddin-Ali zu Balsora mit einem Knaben nieder, der Bedreddin-Hassan genannt wurde. Der Großwesir von Balsora bezeigte seine Freude durch große Geschenke, die er austeilte und durch öffentliche Freudensbezeugungen, die er der Geburt seines Enkels zu Ehren anstellen ließ. Um hierauf seinem Schwiegersohn zu beweisen, wie sehr er ihm zufrieden war, ging er in den Palast und bat den Sultan sehr demütig, dem Nureddin-Ali die Anwartschaft auf sein Amt zu bewilligen, damit,” sagte er, “er vor seinem Tod den Trost hätte, seinen Schweigersohn an seiner Stelle als Großwesir zu sehen.” Der Sultan, welchem Nureddin-Ali sehr gefallen hatte, als er ihm nach seiner Verheiratung vorgestellt worden war, und welcher seitdem immer sehr vorteilhaft von ihm reden gehört hatte, bewilligte die verlangte Gnade mit der größten Freundlichkeit. Er ließ ihn in seiner Gegenwart mit der Amtskleidung des Großwesirs bekleiden. Die Freude des Schwiegervaters erreichte ihren Gipfel am folgenden Tage, als er seinen Schwiegersohn in der Ratsversammlung in seiner Stelle und alle Geschäfte eines Großwesirs verrichten sah. Nureddin-Ali entledigte sich ihrer so vollkommen, als hätte er sein ganzes Leben hindurch dies Amt bekleidet. Er fuhr in der Folge fort, der Ratsversammlung so oft beizuwohnen, als die Schwächen des Alters seinem Schwiegervater nicht erlaubten, dabei gegenwärtig zu sein. Dieser gute Greis starb vier Jahre nach der Verheiratung seiner Tochter, mit der Freude, einen Sprössling seiner Familie zu sehen, der sie lange Zeit mit Glanz zu erhalten versprach. Nureddin-Ali erwies ihm die letzte Pflicht und Ehre mit aller möglichen Freundschaft und Dankbarkeit, und sobald Bedreddin-Hassan, sein Sohn, das Alter von sieben Jahren erreicht hatte, übergab er ihn den Händen eines trefflichen Lehrers, der ihn auf eine seiner Geburt würdige Weise zu erziehen begann. Es ist wahr, dass er in diesem Kind einen lebhaften, durchdringenden und für den Eindruck aller seiner guten Lehren fähigen Geist fand …” Scheherasade wollte fortfahren, da sie aber sah, dass es Tag wurde, hörte sie auf, zu erzählen. In der folgenden Nacht nahm sie jedoch ihre Erzählung wieder auf und sagte zum Sultan von Indien: Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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