969. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


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969. Nacht

Als er das gesagt hatte, näherte sich ihm die Frau und küsste ihm die Füße, desgleichen auch der Mann, und alle, die gegenwärtig waren, priesen ihn, und wünschten ihm Heil und Segen. Diese Tat verbreitete sich unter den Kaufleuten, und bald war von nichts anderem die Rede, als von Abbaas.

Was unterdessen den König anbetrifft, so sprach er, nachdem er den Inhalt der Kästchen angesehen hatte, zu seinem Wesir: “Wie müssen wir uns nunmehr gegen den jungen Mann aus Jemen benehmen? Wir wollten ihm eine Gunst beweisen, und nun sehen wir, dass er uns ein Geschenk gegeben hat, das im Wert mehr als zehn Mal das unsrige übertrifft. Auch wissen wir nicht, ob er in unserm Land sich aufhalten wird, oder nicht.”

Inzwischen hatte der Kaufmann Anstalten zu einem reichlichen Gastmahl gemacht, wobei das ausgesuchteste Backwerk und die köstlichsten Früchte nicht vergessen worden waren. Er lud nun den Abbaas ein, dieses Mahl bei ihm in seiner Wohnung einzunehmen. Abbaas willigte ein, und sie begaben sich zusammen in das Kaufmanns Haus. Jener fand es sehr zierlich und geschmackvoll eingerichtet, so wie auch den Speisesaal, woselbst die Gerichte in großer Menge aufgetragen waren. Sie wurden sehr wohlschmeckend gefunden, die meisten waren mit Muskus und Rosenwasser übergossen, und auf dem Tisch dufteten Wohlgerüche aller Art. Sogar die Wände waren mit Ambra überstrichen. Als nach dem Essen Abbaas zum Fenster hinaus sah, so bemerkte er im Garten ein sehr schönes Gebäude, welches viele Zimmer hatte, und zwei Stock hoch war, worin er aber auch nicht die mindeste Spur eines Bewohners erblickte. Sogleich sagte er zum Kaufmann: “Du hast uns sehr wohl aufgenommen. Aber wahrhaftig, ich esse keinen Bissen mehr von Dir, so lange Du mir nicht die Ursache sagst, warum jenes Haus unbewohnt ist.” – “Dieses Haus,” erwiderte der Kaufmann, “gehörte einem gewissen Ghatryf an, der gestorben ist, und von dem ich es geerbt habe. Ich beschwöre Dich also, wenn Du in Bagdad verweilen willst, dieses Haus zu bewohnen, damit Du unter meinem Schutz und in meiner Nähe bist, denn ich achte und liebe Dich zu sehr, und wünsche, dass Du Dich nicht von mir entfernst, um stets Deine angenehme Unterhaltung genießen zu können.” Da dankte ihm Abbaas, und sprach: “Ich muss allerdings in Bagdad einige Zeit bleiben. Was aber Deinen Vorschlag, das Haus zu bewohnen, anbetrifft, so nehme ich ihn nur mit der Bedingung an, dass Du den Preis desselben von mir annimmst.” Und mit diesen Worten übergab er ihm zugleich dreihundert Goldstücke. Der Kaufmann, aus Besorgnis, jener möchte, wenn er es nicht annehmen wollte, das Haus nicht bewohnen wollen, nahm das Geld an, und trat ihm den Besitz des Hauses ab. Sodann setzten sie sich wieder zu Tische. Der Nachtisch wurde nun aufgetragen, und nachdem sie gesättigt waren, wurden die Tische weggenommen, und sie wuschen sich die Hände mit Rosenwasser. Nachher wurde ihnen ein wohlriechendes Handtuch gereicht, worin sie sich die Hände abtrockneten. Da sprach der Kaufmann zu Abbaas: “Mein Herr, das Haus ist nunmehr Dein Eigentum. Befiel jetzt Deinem Knecht, dass er Deine Pferde, Waffen und Gerätschaften hineinbringe.” Dies geschah denn auch, und der Kaufmann freute sich, Abbaas in seiner Nähe zu haben, in dessen Gesellschaft er jetzt Tag und Nacht verweilte. Einst indessen sagte Abbaas zu ihm: “Ich halte Dich gewiss von Deinen Geschäften und von Deinem Gewerbe ab.” – “Ach,” erwiderte jener, “welch angenehmeres Geschäft kann man haben, als sich mit Dir zu unterhalten, und welch besseres Gewerbe, als bei Dir zu sein?” So entspann sich nach und nach unter ihnen ein innige, auf gegenseitige Achtung gegründete Freundschaft.

Was unterdessen den König anbetrifft, so war er mit den zwei Kästchen in seinen Harem gegangen, und hatte sie seiner Gemahlin, der Königin Assyse übergeben. “Wie viel mögen die Edelsteine wohl wert sein?”, fragte diese. “Dergleichen,” erwiderte er, “findet man nur bei den größten Königen, und sie können nicht geschätzt werden.” – “Von wem hast Du sie?”, fragte sie ihn weiter. Da erzählte er ihr die ganze Begebenheit mit Abbaas von Anfang bis zu Ende. “Bei Gott,” erwiderte die Königin, “wir sind diesem Menschen vielen Dank schuldig, welchen ihm der König noch nicht erwiesen hat. Denn er ist weder zum König gefordert worden, noch auch hat er an seiner Seite gesessen.” Am andern Morgen befahl der König sogleich, ein köstliches Gastmahl anzurichten, so wie es nur für König geziemt. Das Schloss wurde ausgeschmückt, die Vornehmsten des Hofes eingeladen, und ein Großer des Reiches wurde zu Abbaas abgesandt. Dieser traf ihn, wie er eben aus dem Bad kam, und sagte zu ihm, dass ihn der König einladen lasse. Abbaas begab sich sogleich mit ihm zum König. Als sie dort anlangten, war die Königin und ihre Tochter Maria hinter einem Vorhang verborgen, um den Abbaas unbemerkt sehen zu können. Dieser bezeigte dem König seine Ehrfurcht in den angemessensten Ausdrücken, und alle, die zugegen waren, beeiferten sich, dem Abbaas ihre Achtung an den Tag zu legen. Jedermann bewunderte seine Schönheit und seinen Anstand. Der König ließ ihn neben sich setzen, und seine Gemahlin, als sie den Abbaas gehörig beobachtet und betrachtet hatte, konnte sich nicht enthalten, zu sagen, dass dieser durchaus der Sohn eines Königs sein müsse, und dass er nur in einer sehr wichtigen Angelegenheit zu ihnen gekommen sein könne. Zugleich betrachtete sie ihre Tochter Maria, und fand, dass ihr Gesicht sich verändert hatte, dass in ihren Augen Tränen glänzten, und dass sie den Blick gar nicht von Abbaas abwendete, denn die Liebe zu dem Fremden hatte sich bereits ihres Herzens bemächtigt. Die Königin besorgte nun, dass ihre Tochter sich Kummer bereiten möchte. Deshalb verhinderte sie dieselbe, ferner auf ihn hin zu sehen und begab sich sehr bald mit ihr hinweg. Die Fürstin Maria hatte ihre eigenen Gemächer, wovon mehrere Fenster auf den Platz und auf die Straße Aussicht hatten, auch hatte sie ein Kammermädchen, die sie bediente, wie dies bei Königstöchtern Brauch ist. Als das Fest geendet war, und die Leute sich entfernt hatten, sprach der König zu Abbaas: “Ich wünschte, dass Du bei mir bleibst. Deshalb will ich Dir ein Haus kaufen, um Dich für die großen Dienste zu belohnen, die Du mir erwiesen hast. Dies ist eine Pflicht, die mir obliegt, und die ich nicht länger unerfüllt lassen will, denn es ist mir unangenehm, Dich von mir entfernt zu wissen.” Bei diesen Worten neigte sich Abbaas vor dem König zur Erde, dankte ihm für seine großmütigen Gesinnungen, und sprach: “Ich bin ein Sklave des Königs, wo ich mich auch befinden möge. Seinen Blicken kann ich mich nicht entziehen, wie fern ich auch von ihm wohne.” Und nun erzählte er dem König seine ganzen Verhältnisse mit dem Kaufmann, und die Ursache seines Hauskaufs. “Ich hätte zwar sehr gewünscht,” sprach hierauf der König, “dass Du in meiner Nähe wohnst. Indessen Du hast, wie ich sehe, bereits andere Einrichtungen getroffen.” Abbaas bat hierauf um die Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen. Als er fort ging, führte ihn sein Weg bei dem Schloss der Maria vorbei. Sie lag eben im Fenster, und Abbaas blickte zu ihr hinauf. Ihr Blick begegnete dem seinigen, und machte einen so tiefen Eindruck auf ihn, das sein Innerstes ganz davon zerrüttet wurde. Jedoch verbarg er, was in ihm vorging, und suchte, so bald wie möglich, sein Haus zu erreichen. Als er dort angelangt war, sprach sein Diener Amer zu ihm: “Mein Herr, woher kommt die Veränderung, die ich an Dir wahrnehme? Hast du irgend eine Unannehmlichkeit gehabt? Bist Du im Zorn, oder ist Dir unwohl? Krankheit kann ja endlich wieder vergehen, und Zorn wird durch Geduld vermindert.” Abbaas aber antwortete nicht, sondern zog ein Schreibzeug und Papier hervor, und schrieb folgende Verse nieder:

“Der Schmerz der Liebe fängt an in meinem Herzen sich fühlen zu lassen, und Sehnsucht ist in mir kräftig rege.
Mein Auge, die Süßigkeit des Schlafs erreicht es nicht, und die Ursache meines Schmerzes kann ich mir nicht verbergen.
Ich fürchte mich vor den Wechseln der Zeit und vor der Trennung, damit es mir nicht ergehe, wie es so manchem unglücklich Liebenden ergangen ist,
Und ich nicht auch einst zum Gespräch der Leute werde, und meine Tage vorübergehen sehe, ohne meinen Wunsch zu erreichen.
Weiß denn meine Geliebte, als ich sie, gleich der Sonne, über mir herabblicken sah, dass ihre Augen schmerzlicher verwunden, als ein gezogenes Schwert, und das sie die Sinne rauben?
Ich sehe sie mich mit einem Pfeile, der mein Herz traf, und nun bin ich ein Raub der Sehnsucht und des Schmerzes.
Weißt Du auch, Du schöne Schlossbewohnerin, dass ich wegen Dir die Wüsten von fernen Gegenden her durchwandert habe?
Lies also meinen Brief, o Du meine Geliebte, und habe Mitleid mit mir, der ich ohne Rettung durch die Pfeile Deiner Augen verwundet bin.”

Als er geendigt hatte, bog er den Brief zu. Während dieser ganzen Zeit hatte die Frau des Kaufmanns ihm vom Fenster her zugesehen, ohne dass er es bemerkt hatte. Sie hatte wahrgenommen, dass mit Abbaas irgend etwas bedeutendes vorgefallen sein müsste. Sie war früher Amme der Königstochter gewesen. Nun trat sie zu Abbaas herein, grüßte ihn freundlichst, und redete ihn mit folgenden Worten an:

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