959. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
959. NachtDie Schöne sagte hierauf zu ihm: “Komm näher.” Als er sich ihr nun näherte, stieß sie ihn mit den Füßen von sich, so dass er auf die Erde fiel, und sagte: “Diesen garstigen Mann mag ich nicht zum Herrn.” Annahas stand wieder auf, schüttelte sich den Staub ab, und sprach: “Wer will mehr bieten?” Da nahte sich ein anderer Kaufmann, und der Verkäufer fragte sie, ob sie von diesem gekauft werden wollte. Als sie ihm aber wiederum sagte: “Komm näher,” so antwortete er: “Erkläre Dich nur, ich werde Dich schon von meinem Ort aus hören.” Sie sagte ihm nun, dass sie auch diesen nicht wolle. Zugleich aber stand sie auf, und näherte sich dem jungen Mann aus Damaskus. Denn dieser hatte einen tiefen Eindruck auf sie gemacht, so wie anderseits auch er durch ihre Schönheit ganz bezaubert war. Sowie Annahas dies bemerkte, trat er zu ihm und tat an ihn die Frage: “Bist Du hier bloß Zuschauer oder Käufer?” – “Ich bin beides,” war die Antwort: “Willst Du mir aber wohl das Mädchen für 1600 Goldstücke verkaufen?” Mit diesen Worten zog er zugleich seinen Beutel heraus, und Annahas kehrte voll Freude sich um, und sprach zu sich selbst: “So muss es kommen, so, sonst wird nie etwas daraus.” Zugleich wendete er sich zu dem Mädchen und fragte sie: “Soll ich Dich diesem jungen Mann aus Damaskus um 1600 Goldstücke verkaufen?” – “Nein,” sagte sie aus Scham vor ihrem Herrn und vor der versammelten Menge, welche nach und nach auseinander ging. Auch Abunnawas und Nureddin entfernten sich. Das Mädchen aber, deren Herz ganz von Liebe für Nureddin entbrannt war, dachte die ganze Nacht hindurch an ihn, und konnte nicht schlafen, und da dieser Zustand mehrere Tage so fortdauerte, verfiel sie in Schwermut, erkrankte, und wollte nichts mehr essen. Da trat einst ihr Herr zu ihr herein, und fragte sie nach ihrem Befinden. “Ach,” erwiderte sie, “ich muss sterben, daran ist kein Zweifel. Nur eine einzige Bitte habe ich noch an Dich, nämlich die, dass Du mir mein Leichentuch kaufst, damit ich es ansehe, und mich an den Gedanken des Todes gewöhne.” Da ging ihr Herr ganz betrübt hinaus, begab sich auf den Markt, wo er einen seiner Freunde, einen Seidenhändler antraf, der an jenem Tag, wo auf das Mädchen geboten wurde, gegenwärtig gewesen war. “Warum bist Du so betrübt?”, fragte ihn dieser. – “Ach,” antwortete er, “Sittulmulach ist todkrank. Seit drei Tagen schon isst und trinkt sie nicht mehr, und als ich heute zu ihr kam, da bat sie mich, ich möchte ihr ein Leichentuch kaufen.” Da sagte der Seidenhändler: “Ich glaube, sie ist in den jungen Mann aus Damaskus verliebt. Ich rate Dir, wenn Du jetzt nach Hause kommst, so sprich mit ihr von ihm, und stelle Dich, als wenn er Dir gesagt hätte, er wolle zu Dir kommen, um sie singen zu hören. Wenn sie Dir dann sagt: Überhebe mich dessen, denn mich beschäftigt jetzt etwas ganz anderes, als der junge Mann aus Damaskus, so kannst Du überzeugt sein, dass sie Dir die Wahrheit gesagt hat. Wenn sie Dir aber etwas anderes antwortet, so zeige mir es nur an.” Annahas begab sich demnach sogleich nach Hause zurück, und sagte zu der Sklavin: “O Sittulmulach, ich bin wegen Dir ausgegangen, und da ist mir der junge Mann aus Damaskus begegnet. Er lässt Dich grüßen, und wünschte sehr, Dich näher kennen zu lernen, auch hat er mich gebeten, ihm zu erlauben, dass er zu mir kommen dürfe, um etwas von Dir singen zu hören.” Als sie das Wort Damaskus hörte, stieß sie einen Seufzer aus, und sprach: “Ach, er weiß wohl nicht den traurigen Zustand, in dem ich mich befinde. Ich bitte Dich, gehe hin und entschuldige mich bei ihm.” Als Annahas dieses hörte, war er vor Freuden außer sich, ging zu seinem Freund, dem Seidenhändler, und sprach zu ihm: “Du hast ganz recht, sie liebt den jungen Mann. Was ist nun zu tun?” – “Gehe nur jetzt auf den Markt,” erwiderte der andere, “und wenn Du ihn siehst, so sage ihm: Es hat mir neulich sehr leid getan, Dich so unverrichteter Sache weggehen zu lassen. Wenn Du sie aber noch kaufen willst, so will ich Dir aus Achtung, und um Dir gefällig zu sein, hundert Goldstücke vom gebotenen Preis nachlassen, besonders darum, weil Du bei uns hier fremd bist. Wenn er Dir nun antwortet: Ich will sie nicht mehr kaufen, so zeige mir es an, damit ich etwas anderes aussinne. Wenn er Dir aber etwas anderes sagt, so verbirg mir es ebenfalls nicht.” Er ging also auf den Markt, und traf dort den bewussten Mann, der da eben große Handlungsgeschäfte machte. Sie grüßten sich sehr freundschaftlich, und Annahas redete mit ihm von der Sklavin, bot sie ihm um hundert Goldstücke weniger an, und fügte dann hinzu: “Ja um Dir, als Fremden eine Gefälligkeit zu erweisen, will ich sie Dir noch billiger lassen.” – “Bei Gott,” erwiderte jener, “ich nehme sie nicht an, außer Du empfängst von mir mehr noch, als ich Dir geboten habe. Darum musst Du sie mir schon für 1700 Goldstücke verkaufen.” – “Das tue ich sehr gern,” antwortete jener, “Gott segne Dir diesen Kauf.” Nureddin ging nun sogleich in sein Haus, nahm einen Beutel, und begab sich zu Annahas, dem er den eben gebotenen Preis in Gegenwart des ebenen angekommenen Seidenhändlers auszahlte, und verlangte, dass sie herausgeführt würde. “Ach,” sagte Annahas, “das ist jetzt in diesem Augenblick nicht möglich, aber habe die Güte, und sei heute Tag und Nacht mein Gast. Morgen kannst Du dann Dein Mädchen mitnehmen, und in Gottes Namen fortgehen.” Nureddin willigte ein, und nach einer Stunde wurden die Speisen aufgetragen. Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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