94. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


94. Nacht als PDF downloaden


94. Nacht

“Die Schiffe langten endlich an, und nachdem mein Herr selbst dasjenige ausgewählt hatte, auf welchem ich heimkehren sollte, so belud er es mit Elfenbein, zur Hälfte für meine Rechnung. Auch vergaß er nicht, mich mit dem nötigen Mundvorrat zu versorgen, und nötigte mich über dem, Geschenke von großem Wert und merkwürdige Landesprodukte mitzunehmen. Nachdem ich ihm für alle mir erwiesene Wohltaten best möglichst gedankt hatte, schiffte ich mich ein. Wir gingen unter Segel, und da das Abenteuer, welches mir die Freiheit verschafft hatte, ein sehr seltsames war, so blieb mein Geist immer davon erfüllt.

Wir landeten auf einigen Inseln, um Erfrischungen einzunehmen. Da unser Schiff aus einem Hafen des indischen Festlandes gekommen war, so stiegen wir auch daselbst ans Land, und um die Gefahren einer Seereise nach Balsora zu vermeiden, ließ ich das mir gehörige Elfenbein ausladen, entschlossen, meine Reise zu Lande fortzusetzen. Ich löste aus meinem Elfenbein eine beträchtliche Summe Geldes, kaufte viele seltene Sachen, um damit Geschenke zu machen, und als mein Gepäck zur Abreise bereit war, gesellte ich mich zu einer Karawane von Kaufleuten. Ich blieb einige Zeit unterwegs und hatte viel zu leiden. Aber ich litt mit Geduld, weil ich die Betrachtung anstellte, dass ich weder Stürme noch Seeräuber, noch Schlangen, noch alle andere erlittenen Gefahren zu befürchten hätte.

Endlich endeten alle diese Beschwerlichkeiten, denn ich kam glücklich in Bagdad an. Ich machte alsbald dem Kalifen meine Aufwartung und stattete ihm von meiner Gesandtschaft Bericht ab. Dieser Fürst sagte mir, dass ihn zwar die lange Dauer meiner Reise beunruhigt hätte, dass ihm dabei aber doch immer die Hoffnung geblieben wäre, Gott würde mich nicht verlassen. Als ich nun das Abenteuer mit den Elefanten erzählt hatte, war er höchlich erstaunt, und würde demselben keinen Glauben beigemessen haben, wenn ihm meine Wahrheitsliebe nicht bekannt gewesen wäre. Er fand diese Geschichte und die anderen, die ich ihm erzählte, so merkwürdig, dass er einem seiner Schreiber den Auftrag gab, sie mit goldenen Buchstaben niederzuschreiben, um in seinem Schatz aufbewahrt zu werden. Ich begab mich, sehr zufrieden mit der Ehre, die er mir erweisen, und mit den Geschenken, die er mir gemacht hatte, nach Hause, und lebte von nun an nur für meine Familie, meine Verwandten und meine Freunde.”

So endete Sindbad die Erzählung seiner siebenten und letzten Reise, und fügte, indem er sich an Hindbad wandte, hinzu: “Nun, mein Freund, hast du jemals von irgend einem Sterblichen gehört, der so viel gelitten hätte, oder so bedrängenden Gefahren ausgesetzt gewesen wäre, als ich? Ist es nicht recht und billig, dass ich, nach so vielen Mühseligkeiten, ein angenehmes und ruhiges Leben genieße?” Als er diese Worte gesprochen hatte, näherte sich ihm Hindbad und sagte, indem er ihm die Hand küsste, zu ihm: “Es ist wahr, Herr, dass ihr schreckliche Gefahren überstanden habt und dass meine Beschwerden den eurigen nicht zu vergleichen sind. Wenn sie mich betrüben, so lange ich sie erleide, so tröste ich mich darüber durch den kleine Vorteil, den ich daraus ziehe, Ihr verdient nicht nur ein ruhiges Leben, ihr seid auch der Güter wert, die ihr besitzt, weil ihr einen so guten und großmütigen Gebrauch davon macht. Möchtet ihr bis zu eurer Todesstunde ein Freuden leben!”

Sindbad ließ ihm wieder hundert Zeckinen geben, nahm ihn in die Zahl seiner Freunde auf, sagte ihm, er sollte sein Gewerbe als Lastträger aufgeben und ferner zu ihm zum Essen kommen, und er würde Grund haben, sich sein ganzes leben hindurch Sindbads des Seefahrers, zu erinnern.”

Da Scheherasade sah, dass es noch nicht Tag war, so fuhr sie fort zu erzählen, und begann eine andere Geschichte.

Die drei Äpfel

Herr, ich habe schon die Ehre gehabt, Euer Majestät von einem nächtlichen Ausgang des Kalifen Harun Arreschyd aus seinem Palast zu unterhalten, ich muss noch einen anderen erzählen.

Eines Tages befahl dieser Fürst dem Großwesir Giafar, sich in der folgenden Nacht im Palast einzufinden. “Wesir,” sagte er zu ihm, “ich will einen Gang durch die Stadt machen, um zu erfahren, was man spricht, und besonders, ob man mit meinen richterlichen Beamten zufrieden ist. Gibt es deren, über welche man sich mit Recht beklagt, so wollen wir sie absetzen und anderen, die ihre Pflicht besser erfüllen, ihre Stellen geben. Lobt man im Gegenteil welche, so werden wir auf diese alle Rücksichten nehmen, die sie verdienen.” Als nun der Großwesir sich zur bestimmten Stunde im Palast eingefunden hatte, verkleideten sich der Kalif, er und Mesrur, das Oberhaupt der Verschnittenen, um nicht erkannt zu sein, und gingen alle drei zusammen aus.

Sie gingen über mehrere Plätze und Märkte, und als sie in eine kleine Gasse kamen, sahen sie beim Mondschein einen Mann von hohem Wuchs und mit einem weißen Bart, der Netze auf seinem Kopfe trug. Er hatte einen aus Palmblättern verfertigten Korb zum Zusammenlegen am Arm und einen Stock in der Hand. “Dieser Greis,” sagte der Kalif, “scheint nicht reich zu sein; wir wollen ihn anreden und über den Zustand seines Vermögens befragen.” – “Guter Freund,” sagte der Kalif, “wer bist du?” – “Herr,” antwortete ihm der Greis, “ich bin ein Fischer, aber der ärmste und elendste meines Gewerbes. Ich bin schon am Mittag fischen gegangen, habe aber von dieser Zeit an bis jetzt, auch nicht den kleinsten Fisch gefangen. Dabei habe ich nun eine Frau und kleine Kinder und nichts, um sie zu ernähren.”

Der Kalif sagte, von Mitleid gerührt, zu dem Fischer: “Würdest du den Mut haben, auf der Stelle umzukehren und deine Netze nur noch ein einziges mal auszuwerfen? Wir wollen dir für das, was du fängst, hundert Zeckinen geben.” Der Fischer, der bei diesem Vorschlag die ganze Beschwerde des Tages vergaß, nahm den Kalifen beim Wort, und ging mit ihm, Giafar und Mesrur an den Tiger zurück, indem er zu sich selbst sagte: “Diese Herren scheinen zu rechtlich und zu vernünftig, um mich nicht für meine Mühe zu belohnen; und wenn sie mir auch nur den hundertsten Teil von dem Versprochenen geben, so wird das für mich schon viel sein.”

Sie kamen an das Ufer des Tigers, der Fischer warf seine Netze aus, und als er sie heraufzog, fand sich darin ein sehr schwerer, verschlossener Kasten. Mesrur lud den Kasten auf seinen Rücken, auf Befehl seines Herrn, der, begierig zu wissen, was darin wäre, schnell in den Palast zurückkehrte. Als der Kasten dort geöffnet wurde, fand sich darin ein großer Korb aus Palmen, zum Zusammenlegen, dessen Öffnung mit einem Faden roter Wolle zugenäht war. Um die Ungeduld des Kalifen zu befriedigen, gab man sich nicht die Mühe, ihn ordentlich aufzutrennen, man schnitt eilig den Faden mit einem Messer entzwei, und zog aus dem Korb ein mit Stricken zugebundenes und in einen schlechten Teppich gehülltes Pack. Als man das Pack öffnete, sah man mit Schrecken den Leichnam einer jungen Frau, weißer als Schnee, und in Stücke zerschnitten …

Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.

Tags: ,

Geschrieben in 1001 Nacht | Kein Kommentar bis jetzt

Trackback URI |