93. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
93. Nacht“Nachdem die Seeräuber uns geplündert und uns schlechte Kleider statt der unsrigen gegeben hatten, brachten sie uns nach einer großen, sehr fernen Insel, wo sie uns verkauften. Ich fiel in die Hände eines reichen Kaufmanns, der mich, gleich nachdem er mich gekauft hatte, in seine Wohnung führte, in welcher er mir gut zu essen und einen Sklavenanzug gab. Einige Tage nachher, da er sich noch nicht recht erkundigt hatte, wer ich wäre, fragte er mich, ob ich kein Handwerk verstände. Ich antwortete ihm, ohne mich näher erkennen zu geben, dass ich meinem Gewerbe nach kein Handwerker, sondern ein Kaufmann wäre, und dass die Seeräuber, von welchen ich an ihn verkauft worden, mir alles genommen hätten. “Aber,” sagte er zu mir, “verstehst du dich nicht darauf, mit dem Bogen zu schießen?” Ich erwiderte ihm, dass dies eine meiner Jugendübungen gewesen wäre, und dass ich es seitdem nicht vergessen hätte. Hierauf gab er mir einen Bogen und Pfeile, und nachdem er mich hinter sich auf einen Elefanten hatte steigen lassen, ritten wir in einem sehr großen, einige Meilen von der Stadt entfernten Wald. Wir ritten tief in denselben hinein, und als er es für angemessen hielt, anzuhalten, befahl er mir, abzusteigen. Hierauf zeigte er mir einen großen Baum. “Steig auf diesen Baum,” sagte er zu mir, “und schieß auf die vorüber ziehenden Elefanten, deren es eine erstaunliche Menge in diesem Wald gibt. Sobald einer fällt, so benachrichtige mich davon.” Als er mir diese gesagt hatte, ließ er mir Lebensmittel zurück, nahm seinen Weg nach der Stadt, und ich blieb die ganze Nacht hindurch auf dem Baum und auf der Lauer. Während dieser Zeit bemerkte ich keinen Elefanten. Sobald aber die Sonne aufgegangen war, sah ich eine ganze Herde kommen. Ich schoss mehrere Pfeile auf sie ab, und endlich fiel einer zur Erde. Die anderen entfernten sich sogleich, und ließen mir die Freiheit, zu meinem Herrn zu gehen, um ihn von meiner Jagd zu benachrichtigen. Zum Lohn für diese Nachricht bewirtete er mich mit einem guten Mahl, lobte meine Geschicklichkeit und liebkoste mich sehr. Hierauf gingen wir zusammen in den Wald, wo wir eine Grube machten, in welchem wir den von mir getöteten Elefanten begruben. Mein Herr nahm sich vor, wiederzukommen, wenn das Tier in Fäulnis übergegangenen sein würde, und die Zähne aus der Erde zu nehmen, um sie zu verhandeln. Ich setzte diese Jagd zwei Monate hindurch fort, und es verging kein Tag, an welchem ich nicht einen Elefanten tötete. Ich lauerte nicht immer auf demselben Baum, sondern setzte mich bald auf den einen, bald auf den anderen. Eines Morgens, als ich die Ankunft der Elefanten erwartete, war ich nicht wenig erstaunt, dass sie, statt wie gewöhnlich bei mir vorbei durch den Wald zu ziehen, anhielten und mit schrecklichem Geschrei und in so großer Zahl, dass die Erde von ihnen ganz bedeckt war und erzitterte, auf mich loskamen. Sie nahten sich dem Baum, welchen ich bestiegen hatte, und umringten ihn alle mit ausgestrecktem Rüssel und auf mich gerichteten Augen. Bei diesem erstaunlichen Schauspiel blieb ich unbeweglich und wurde von einem so tödlichem Schreck befallen, dass mir Bogen und Pfeile aus den Händen fielen. Meine Befürchtungen waren nur allzu gegründet. Nachdem die Elefanten mich eine Zeitlang aufmerksam betrachtet hatten, umfasste einer der größten den unteren Teil des Baumes mit seinem Rüssel, und zwar so kräftig, dass er ihn entwurzelte und niederwarf. Ich fiel mit dem Baum, aber das Tier fasste mich mit seinem Rüssel und hob mich auf seinen Rücken, auf welchem ich mich mit dem umgehängten Köcher mehr tot als lebendig niedersetzte. Hierauf trug er mich an der Spitze aller anderen, ihm zuhauf folgenden, an einen Ort, den er, nachdem er mich auf die Erde gesetzt hatte, nebst allen mitgekommenen verließ. Stellt euch, wenn’s möglich ist, meinen Zustand vor. Ich glaubte zu schlafen, nicht zu wachen. Endlich, nachdem ich einige Zeit auf der Erde gelegen hatte und nun keinen Elefanten mehr sah, stand ich auf und bemerkte, dass ich mich auf einem ziemlich langen und breiten Hügel befand, der ganz mit Elefantenknochen und Elefantenzähnen bedeckt war. Ich gestehe euch, dass mich dieser Anblick zu einer Menge von Betrachtungen veranlasste. Ich bewunderte den Instinkt dieser Tiere. Ich zweifelte nicht, dass dies ihre Begräbnisstätte wäre, und dass sie mich nur dorthin gebracht hätten, um sie mir zu zeigen, damit ich aufhören mochte, sie zu verfolgen, was doch nur ihrer Zähnen wegen geschähe. Ich verweilte nicht auf dem Hügel, sondern wendete meine Schritte zur Stadt, und nachdem ich einen Tag und eine Nacht hindurch gegangen war, langte ich bei meinem Herrn an. Da ich keinen Elefanten auf meinem Weg begegnete, so folgerte ich daraus, dass sie sich tiefer in den Wald hinein entfernt hätten, um mir den Weg zum Hügel frei zu lassen. Sobald mein Herr mich erblickte, rief er mir entgegen: “Ach armer Sindbad, ich war sehr bekümmert zu wissen, was aus dir geworden wäre. Ich bin im Walde gewesen, habe einen frisch entwurzelten Baum, und Bogen und Pfeile auf der Erde gefunden, und nachdem ich dich vergebens aufgesucht hatte, verzweifelte ich, dich wieder zu finden. Erzähle mir, ich bitte dich, was dir begegnet ist und durch welchen Glücksfall du noch am Leben bist.” Ich befriedigte seine Neubegier. Am folgenden Tag gingen wir alle beide nach dem Hügel, und er überzeugte sich nun mit großer Freude von der Wahrheit dessen, was ich ihm gesagt hatte. Wir beladeten den Elefanten, auf dem wir gekommen waren, mit so vielen Zähnen, als er nur zu tragen vermochte, und als wir heimgekehrt waren, sagte mein Herr zu mir: “Mein Bruder,” denn ich will dich nach der Freude, welche du mir durch eine Entdeckung gemacht hast, die mich bereichern wird, nicht mehr Sklave nennen, – Gott überhäufe dich mit allen Arten von Glück und Gütern! Ich erkläre dir vor ihm, dass ich dir die Freiheit gebe. Ich hatte dir verheimlicht, was du nun erfahren sollst, dass nämlich die Elefanten in unserem Wald jedes Jahr eine große Menge von uns nach Elfenbein ausgesandter Sklaven töten. Was wir ihnen auch für Ratschläge geben mögen, sie verlieren früher oder später ihr Leben durch die List dieser Tiere. Gott hat dich vor ihrer Wut gerettet und dir allein diese Gnade widerfahren lassen. Es ist dies ein Beweis, dass er dich beschützt, und dass er deiner noch auf Erden bedarf, um hier Gutes zu tun. Du verschaffst mir einen unglaublichen Vorteil. Wir haben bis jetzt auf keine andere Weise Elfenbein erhalten können, als wenn wir das Leben unserer Sklaven aussetzen, und nun wird durch dich unsere ganze Stadt bereichert. Glaube nicht, dass ich dich durch die dir erteilte Freiheit hinlänglich belohnt zu haben vermeine. Ich werde diesem Geschenke nach andere bedeutende Gaben hinzufügen. Ich könnte die ganze Stadt dahin bringen, dein Glück zu machen, aber das ist ein Ruhm, den ich mir allein vorbehalte.” Ich erwiderte ihm auf diese freundlichen Worte: “Herr, Gott erhalte euch! Die Freiheit, die ihr mir wiedergeschenkt habt, reicht hin, um euch quitt gegen mich zu machen, und ich verlange keine andere Belohnung für den Dienst, den ich so glücklich war, euch und eurer Stadt zu leisten, als die Erlaubnis, in mein Vaterland zurückzukehren.” – “Nun wohl,” sagte er, “der Musson1) wird uns bald Schiffe zuführen, welche Elfenbein laden. Ich werde dich dann mitsenden und dir Mittel verschaffen, heimzureisen.” Ich danke ihm aufs Neue für die mir soeben erteilte Freiheit und seine guten Gesinnungen gegen mich. Ich blieb bei ihm, den Musson erwartend, und während dieser Zeit machten wir so viele Reisen nach dem Hügel, dass wir seine Vorratshäuser mit Elfenbein anfüllten. Alle andere damit handelnden Kaufleute der Stadt taten dasselbe, denn die Sache blieb ihnen nicht lange verborgen. 1) Mussons sind periodische Winde, die im indischen Meer regelmäßig und abwechselnd mehrere Monate hindurch von Osten nach Westen und von Westen nach Osten wehen. Man nennt auch die Jahreszeiten, während welcher die Winde herrschen, Musson. Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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