919. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
919. NachtHier war er denn über den Anblick, der sich ihm darbot sehr verwundert. Doch besann er sich nicht lange, denn er war ein tapferer, verständiger, und sehr weiser Mann. Er holte einen Strick, und zog uns alle heraus, und fragte uns, wie denn das alles gekommen sei. Wir erzählten ihm alles ganz genau, und er versank darüber in ein tiefes Nachdenken. Als ihre Brüder zurückkamen, teilte ihnen der Greis die Begebenheiten mit, und fügte dann hinzu: “Meine Söhne, wisst, dass Eure Schwester damit bloß etwas Gutes bezweckt hat. Wollt ihr den Mann deshalb umbringen, so werdet ihr immerwährende Schande auf Euch laden, ihm selbst Unrecht tun, Eure Seelen mit einem Verbrechen belasten, und selbst Eure Schwester Schande zuziehen, denn Grund zur Ermordung dieses Mannes ist nicht vorhanden. Auch kann ein solches Ereignis niemandem als unmöglich erscheinen.” Hierauf näherte er sich mir, fragte mich nach meiner Herkunft, die er sehr rühmlich fand, und trug mir sodann die Hand seiner Tochter an. Mit Dank nahm ich dieses edle Anerbieten an. Ich heiratete sie und blieb bei ihm. Gott der Erhabene hat mir seitdem die Pforten des Himmels eröffnet, so dass ich nun einer der Reichsten im Stamm bin.” Über diese Geschichte verwunderte sich der Mann, und brachte die Nacht bei ihm zu. Am anderen Morgen fand er sein verirrtes Kamel, kehrte damit zu den Seinigen zurück, und erzählte ihnen den ganzen Vorfall. Doch, o König, diese Geschichte ist nichts im Vergleich mit derjenigen von dem König, dem Alles verloren ging, und dem Gott Alles wieder gab. Geschichte von dem König, dem Alles verloren ging und dem Gott alles wieder gab 1)In Indien lebte ein sehr rechtschaffener, gottesfürchtiger und weiser König, der sich alles Verbotenen enthielt. Er hatte eine seiner Nichten geheiratet, die von königlichem Geschlecht und mit allen Tugenden, so wie auch mit vorzüglicher Schönheit ausgestattet war. Sie wurde Mutter von zwei Knaben, die an Liebenswürdigkeit ganz ihr Ebenbild waren. Das Schicksal, welches niemand abzuwenden vermag, fügte es, dass ein anderer König gegen ihn auszog, und diejenigen seiner Untertanen, die sich nach Plünderung sehnten, gegen ihn aufstanden, und sich mit jenem König verbanden, der nun sein Land überfiel, seine Truppen in die Flucht schlug, und seine treuesten Soldaten tötete. Der König sah sich genötigt, mit seiner Frau und seinen Kindern die Flucht zu ergreifen, und nur das Notwendigste mitzunehmen. Als sie schon ziemlich weit entfernt waren, überfiel sie ein Haufen Räuber, die ihnen nichts ließen, als die Kleider die sie anhatten. Sie setzten ihren Weg fort, bis sie an einen großen Wald kamen, der durch einen Strom von ihnen getrennt war. Da dieser indessen eben nicht viel Wasser enthielt, so entschloss sich der König, seine Kinder, eins nach dem anderen, hinüber zu tragen. Als er nun auch ihre Mutter abholte, um sie hinüber zu tragen, und sie glücklich an den Ort brachte, wo er seine Kinder verlassen hatte, fand er sie beide nicht mehr. Er begab sich sofort in die Mitte der waldigen Insel, und fand dort einen Greis und eine alte Frau, die sich da eine Hütte gebaut hatten. Diesen übergab er seine Frau, und ging sodann weiter fort, um seine Kinder aufzusuchen. Indessen er vermochte nicht die mindeste Spur von ihnen anzutreffen. Diese waren nämlich tiefer in den Wald gegangen, hatten sich getrennt und so verirrt, dass keiner von dem anderen etwas wusste. Schon seit mehreren Tagen hatten sie die Stelle, wo sie ihr Vater hingebracht hatte, wieder zu finden gesucht, waren aber an einer ganz entgegen gesetzten Stelle des Waldes wieder herausgekommen. Ihr Vater kehrte nun betrübt zu seiner Gattin zurück, und sie lebten von nun an mit den beiden alten Leuten von den Früchten der Insel. Eines Tages ankerte ein Schiff an dieser Insel, um sich mit frischem Wasser zu versorgen. Dieses Schiff nebst der ganzen Ladung gehörte einem Magier, der ein Kaufmann war. Der Greis, der sehr geldgierig war, benachrichtigte den Magier von der Schönheit der Frau des Königs, und erweckte in ihm die Begierde, sich ihrer mit List zu bemächtigen. Er schickte nun in dieser Absicht einen Boten an sie ab, mit der Meldung, dass auf dem Schiffe sich eine schwangere Frau befände, die ihrer Entbindung so nahe zu sein schiene, dass sie vermuteten, sie würde schon in dieser Nacht entbunden werden. “Wolltest Du nun nicht die Güte haben,” fügte der Bote hinzu, “ihr behilflich zu sein?” Sie willigte gern ein, und wurde demzufolge in das Schiff hinüber geholt, welches sie ohne alle Besorgnis betrat. Kaum aber war sie da angelangt, als die Anker gelichtet und die Segel aufgezogen wurden, und das Schiff eiligst davon segelte. Da erhub der König, welcher es sah, ein großes Klagegeschrei, und die Königin im Schiff weinte, und wollte sich ins Meer stürzen, worauf der Magier seinen Schiffsleuten befahl, sie fest zu halten. Die Nacht begann schon dunkel zu werden, und das Schiff verschwand endlich ganz aus den Augen des Königs, welcher darüber ohnmächtig zu Boden sank. Als der Morgen anbrach, beweinte er das Schicksal seiner Frau und seiner Kinder, und sang folgende Verse: “O Geschick, wie lange wirst Du noch feindlich gegen die Menschen verfahren? Sage, bleibt wohl noch jemand übrig, den Du verschont hättest? 1) Sechsundzwanzigste Nacht des Wesirs. Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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