910. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


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910. Nacht

Geschichte von dem Weber, der auf Anstiften seiner Frau ein Arzt wurde 1)

In Persien hatte sich ein Mann mit einer Frau verheiratet, welche von edlerem Geschlecht war als er, und obwohl diese immer es verabscheut hatte, sich mit einem Mann zu verheiraten, der unter ihrer Würde war, so hatte sie sich doch zu dieser Heirat entschlossen, weil sie niemanden hatte, der sich ihrer annahm, oder für sie sorgte. Sie hatte ihm indessen einige Bedingungen vorgeschrieben, zu denen er sich schriftlich verpflichten musste. Unter anderen hatte er sich anheischig machen müssen, ganz unter ihrem Befehl zu stehen, und sich ebenso nach ihren Verboten zu richten, so dass es ihm nicht möglich war, weder in Worten noch in Taten gegen ihren Willen zu handeln. Er war übrigens seinem Gewerbe nach ein Weber, und hatte ihr zehntausend Drachmen verschrieben.

Sie hatten bereits einige Jahre zusammen gelebt, als einst die Frau bei einem ihrer Ausgänge einen Arzt sah, der einen großen Teppich auf der Straße ausgebreitet, und Kräuter, Wurzeln und chirurgische Instrumente vor sich liegen hatte, und mit den Leuten sprach, welche ihn von allen Seiten umringten. Die Frau wunderte sich über den bedeutenden Gewinn, den er haben musste, und sprach bei sich selbst: “Ach, wenn doch mein Mann ebenso wäre! Da könnten wir ein herrliches Leben führen, und dürften uns nicht so einschränken.”

So kam sie denn ganz betrübt nach Hause, und ihr Mann, der sie so bekümmert sah, fragte sie um die Ursache. “Ich bin Deinetwegen bekümmert,” antwortete sie, “denn ich will nicht länger in Entbehrung leben, und bei Deinem Handwerkgewinn hast Du ohnehin nichts. Entweder suche Dir einen anderen Erwerb, oder ich trenne mich von Dir, und Du musst mir meinen Pflichtteil geben.” Der Mann machte ihr darüber Vorwürfe, und warnte sie, allein vergebens. Im Gegenteil befahl sie ihm, sogleich hinaus zu gehen, und dem Arzt genau zuzusehen, um ihm seine Kunst abzulernen. “Wenn es bloß darauf ankommt,” erwiderte er, “so sei nur ganz unbesorgt. Ich will alle Tage zu ihm gehen, und seine Kunst lernen.”

Er begab sich auch wirklich sofort zu ihm, und merkte sich, was der Arzt verschrieb, und die Regeln der Diät, die er zu befolgen gebot. Als er sich nun genau mit Kenntnissen bereichert zu haben glaubte, kehrte er zu seiner Frau zurück, und sagte: “Ich habe mir die Reden des Arztes gemerkt. Ich kenne den Weg, den er in der Diät befolgt wissen will, ich kenne die Merkmale der Krankheiten, ich verstehe die Wund-Arzneikunst, ich kenne die Namen der Mittel. Mit einem Wort, ich habe Deinen Befehl ausgeführt. Was ist nun ferner Dein Wunsch?” Da sprach sie: “Verlass die Weberei, und öffne einen Laden als Arzt.” – “Aber,” erwiderte der Mann, “meine Landsleute kennen mich ja. Das kann nicht anders, als in einem fremden Land mit Erfolg ausgeführt werden. Komm daher, wir wollen unser Land verlassen, und als Fremde in ein anderes Land ziehen. Auf diese Art werden wir reichliches Einkommen haben.” – “Tue, was Dir gefällt,” erwiderte die Frau.

Der Mann nahm nun seine Weber-Werkzeuge, verkaufte sie, und handelte dafür Arzneimittel und Wurzeln ein. Auch nahm er einen Teppich, und reiste so in ein anderes Dorf, worin sie sich wohnhaft niederließen. Von hier aus bereiste er die Umgegenden, und zwar in der Kleidung eines Arztes, wodurch er sich ein reichliches Einkommen verschaffte, und seine Umstände bedeutend verbesserte. So gelangten sie endlich bis nach Griechenland, und kamen in eine Stadt, wo sich Galenus2) befand, welchen der Weber aber nicht kannte, und von dem er auch nie hatte reden hören. Der Weber ging nach seiner Gewohnheit aus, um einen Ort aufzusuchen, der sehr von den Leuten besucht wäre, um ihn dann zur Ausübung seiner Kunst zu benutzen. Er fand auch einen, ganz so, wie er ihn wünschte, von Menschen häufig besucht, und mietete ihn sogleich. Der Zufall wollte aber, dass es der Platz war, auf dem Galenus die Kunst ausübte. Der Weber beschäftigte sich nun sogleich mit Ausbreitung seines Teppichs und Ausstellung seiner medizinischen Wurzeln und Kräuter, und als er auch seine chirurgischen Instrumente geordnet hatte, fing er an, sich außerordentlich zu loben, seine Geschicklichkeit zu preisen, und sich für den verständigsten Arzt, der nur je existiert habe, auszugeben. Als Galenus, der sich auch unter der Menge befand, diese Lobpreisungen hörte, so glaubte er einen der geschicktesten Ärzte Persiens vor sich zu haben, und dachte: “Dieser Mann würde gewiss nicht den Platz gewählt haben, dessen ich mich selber bediene, wenn er in seiner Kunst nicht fest und zuverlässig wäre, oder sich vor meinen Einwendungen fürchtete.” Dies machte ihm nun großen Kummer. Endlich aber nahte er sich doch dem Weber, um zu sehen, was für einen Mann er hier vor sich habe. Er sah hier, dass die Leute zu ihm hinströmten, ihm ihre Krankheiten schilderten, und dass er ihnen dagegen Mittel verschrieb, wobei er manchmal fehlte, doch auch ebenso oft die richtigen angab, so dass Galenus bis jetzt noch kein sicheres Urteil über ihn fällen konnte. Bis endlich eine Frau kam, ein gläsernes Gefäß in der Hand haltend, worin sich Urin befand. Als der Weber dieses Glas in der Ferne erblickte, rief er ihr schon in der Ferne zu: “Du trägst mir ja den Urin eines Fremden hierher.” – “Ja wohl,” erwiderte sie. “O,” sagte er hierauf, “das ist ja ein Jude, und er leidet an Unverdaulichkeit.” – “Ja wohl,” erwiderte sie, “Du hast ganz Recht.”

Als das die Leute hörten, waren sie ganz verwundert, und selbst Galenus staunte, weil er hier etwas hörte, was er noch nie von einem Arzt mit solcher Sicherheit hatte aussprechen hören, denn die damaligen Ärzte konnten nur durch Schütteln des Wassers und durch Besichtigung desselben in der Nähe auf die Krankheit schließen, auch konnten sie nicht unterscheiden, ob das Wasser von einem Mann oder einer Frau wäre, noch ob es von einem Fremden oder einem Juden wäre.

Da sprach die Frau zu ihm: “Was rätst Du mir für ein Mittel an?” – “Gib mir zuerst,” versetzte er, “die Bezahlung.”


1) Zwanzigste Nacht des Wesirs. ­
2) Galenus, der bekannte griechische, durch seine arznei- und naturwissenschaftlichen Schriften im Abend- und Morgenland berühmte Arzt. Er war aus Pergamus in Kleinasien gebürtig, und lebte gegen das Ende des 2-ten Jahrhunderts nach Christi Geburt.
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