91. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


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91. Nacht

“Wir begaben uns insgesamt nach der Stadt Serendyb1), denn auf dieser Insel befand ich mich. Die Schwarzen stellten mich ihrem König vor. Ich nahte mich dem Thron, auf welchem er saß, und grüßte ihn, wie man die indischen Könige zu grüßen pflegt, das heißt, ich warf mich zu seinen Füßen und küsste die Erde. Der Fürst gebot mir aufzustehen, und hieß mich auf sehr verbindliche Weise näher kommen und neben ihm Platz nehmen. Er fragte zuerst nach meinem Namen. Ich antwortete ihm, dass ich Sindbad hieße, wegen der vielen Seereisen, die ich gemacht hätte, den Beinamen der Seefahrer führte, und dass ich ein Einwohner der Stadt Bagdads wäre. “Aber,” versetzte er, “wie und auf welchem Weg seid ihr in meine Staaten gekommen?”

Ich verschwieg dem König nichts, sondern erzählte ihm Alles, was ich euch eben erzählt habe, und er war darüber so erstaunt und erfreut, dass er mein Abenteuer mit goldenen Buchstaben aufzuschreiben und die Schrift in den Archiven seines Königreichs aufzubewahren befahl. Hierauf wurde das Floß herbeigebracht und die Ballen wurden in seiner Gegenwart geöffnet. Er bewunderte die Menge des Aloeholzes und des grauen Ambras, aber vorzüglich die Rubinen und Smaragden, denn er hatte in seinem Schatz keine ähnlichen.

Da ich bemerkte, dass er meine Edelsteine mit Vergnügen beschaute, und die seltensten der Reihe nach genau betrachtete, so warf ich mich vor ihm nieder und war so frei ihm zu sagen: “Herr, nicht nur meine Person ist Euer Majestät zu Diensten, auch die Ladung des Floßes gehört euch, und ich bitte, darüber wie über ein Eigentum zu schalten.” Er antwortete mir lächelnd: “Sindbad, ich werde mich wohl hüten, Lust dazu zu hegen und euch das geringste von dem zu nehmen, was Gott euch gegeben hat. Weit entfernt, eure Reichtümer zu vermindern, gedenk’ ich sie noch zu vermehren, und ich will nicht, dass ihr meine Staaten verlasst, ohne Zeichen meiner Freigebigkeit mit euch zu nehmen.” Meine Antwort und diese Worte beschränkte sich darauf, Wünsche für das Wohl des Fürsten auszusprechen und seine Güte und Großmut zu preisen. Er gab einem seiner Beamten den Auftrag, Sorge für mich zu tragen, und ließ Leute anstellen, die mich auf seine Kosten bedienen mussten. Dieser Beamte erfüllte die Befehle seines Herrn sehr getreulich, und ließ in die Wohnung, in welche er mich führte, alle Ballen bringen, mit welchen das Floß belastet war.

Ich ging täglich zu gewissen Stunden zum König, um ihm meinen Hof zu machen, und wendete die übrige Zeit dazu an, die Stadt und was darin meiner Neugier am wertesten war, zu sehen.

Die Insel Serendyb liegt gerade unter dem Äquator2), weshalb auf ihr Tag und Nacht das ganze Jahr hindurch immer die gleiche Länge von zwölf Stunden haben. Sie ist achtzig Parasangen3) lang und eben so breit. Die Hauptstadt liegt am äußersten Ende eines schönen Tales, welches von einem Berg gebildet wird, der mitten auf der Insel gelegen, und wohl der höchste auf der Erde ist4). Man sieht ihn in der Tat auf dem Meer in einer Entfernung von drei Tagesreisen. Man findet dort Rubine, mehrere Gattungen von Mineralien, und alle Felsen bestehen größtenteils aus Schmergel, einem metallischen Stein, dessen man sich zum Schneiden der Edelsteine bedient. Auch gibt es dort alle Arten von seltenen Pflanzen und Bäumen, vorzüglich Zedern und Kokospalmen. Längs des Ufers der Insel und in den Mündungen ihrer Flüsse fischt man Perlen, und einige ihrer Täler liefern Diamanten. Ich machte auch eine Wallfahrt auf den Berg, nach dem Ort, wohin Adam nach seiner Vertreibung aus dem Paradies verbannt wurde, und ich war so neugierig den Gipfel zu ersteigen.

Als ich in die Stadt zurückgekehrt war, bat ich den König um die Erlaubnis zur Heimkehr, die er mir auch auf eine sehr ehrenvolle und verbindliche Weise gab. Er zwang mich, ein reiches Geschenk aus seinem Schatz anzunehmen, und als ich mich bei ihm beurlaubte, gab er mir noch ein viel ansehnlicheres, und zugleich einen Brief an den Beherrscher der Gläubigen, unseren Kalifen Harun Arreschyd, unsern unumschränkten Gebieter, und sagte zu mir: “Ich bitte dich, dieses Geschenk und diesen Brief dem Kalifen Harun Arreschyd von meinetwegen zu übergeben und ihn meiner Freundschaft zu versichern.” Ehe ich mich einschiffte, ließ dieser Fürst den Schiffshauptmann und die Kaufleute, welche sich mit mir einschiffen sollten, zu sich holen und befahl ihnen, für mich alle erdenklichen Rücksichten zu haben.

Dieser Brief des Königs von Ceylon war auf die gelbliche Haut eines, wegen seiner Seltenheit sehr kostbaren Tieres geschrieben. Die Schriftzeichen dieses Briefes waren himmelblau, und er enthielt in indischer Sprache folgendes:

Der König von Indien, vor welchem Tausend Elefanten einhergehen, welcher in einem Palast wohnt, dessen Dach vor dem Glanze von hunderttausend Rubinen strahlt, und der in seinem Schatz zwanzigtausend diamantene Kronen besitzt, dem Kalifen Harun Arreschyd.

“Obgleich das Geschenk, welches wir Euch senden, von seinem großen Wert ist, so mögt ihr es doch als Bruder und Freund annehmen, in Erwägung der Freundschaft, welche wir für euch in unserm Herzen hegen und von welcher wir euch mit Vergnügen einen Beweis geben. Wir erbitten und dasselbe Gefühl in dem eurigen in maßen wir es zu verdienen glauben, da wir mit euch von gleichem Range sind. Wir beschwören euch darum als Bruder. Lebt wohl.”

Das Geschenk bestand, erstens: in einem Gefäß, aus einem einzigen Rubin verfertigt und zu einem Becher von der Höhe eines halben Fußes und von der Dicke eines Fingers verarbeitet, mit sehr runden, zusammen eine halbe Drachme schweren, Perlen besetzt; zweitens: in einer Schlangenhaut, welche Schuppen von der Größe eines gewöhnlichen Goldstückes hatte und die Eigenschaft besaß, die darauf Liegenden vor Krankheit zu bewahren; drittens: in fünfzigtausend Drachmen des auserlesensten Aloeholzes, mit dreißig Gran Kampfer von der Größe einer Pistazie; und dies alles war endlich von einer entzückend schönen Sklavin begleitet, deren Kleidungsstücke mit Edelsteinen bedeckt waren.

Das Schiff ging unter Segel, und nach einer langen und glücklichen Fahrt kamen wir in Balsora an, von wo ich mich nach Bagdad begab. Das erste, was ich nach meiner Ankunft tat, war, dass ich mich des erteilten Auftrages entledigte.


1) Serendyb ist der arabische Name der Insel Ceylon. Die Hauptstadt aber heißt eigentlich Kandy. Die Eingeborenen nennen die Insel Lanka.
2) Mehrere morgenländische Erdbeschreiber, Diodor und Ptolemäus, versetzen ebenfalls Ceylon unter die Linie, aber um so irriger, als ihre Linie nächste Spitze noch 5 Grad und 49 Minuten davon entfernt ist.
3) Die Parasange oder Farsang ist ein Wegemaß bei den alten Persern, ein wenig länger als eine französische Meile (22 1/2 gehen auf einen Grad). – Die Insel Ceylon hat in der Tat ungefähr 100 französische Meilen in der Länge, aber nur etliche 50 in der Breite.
4) Dieser Berg ist, wie auch das Folgende zeigt, der Adams-Berg (pic d’Aam), auf welchem man noch die Fußtapfen unseres gemeinsamen Vaters zeigt. Er ist von bedeutender Höhe, obwohl bekanntlich nicht der höchste der Erde.

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